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«Neuschöpfer des deutschen Volkes»

Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande»

von Franco Ruault (Autor:in)
©2006 Dissertation 566 Seiten
Reihe: Beiträge zur Dissidenz, Band 18

Zusammenfassung

Wie ist das abstrakte Feindbild des «jüdischen Rassenschänders» zustande gekommen? Welche politischen Strategien, welche Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung verbergen sich dahinter? Wie war es möglich, dass die antisemitischen Sexualphantasien von Rassenschändung die deutsche Gesellschaft in nur wenigen Jahren durchdringen und durch das Wirken von Julius Streicher zur «Kampfgemeinschaft» formen konnten? Diese Arbeit versucht erstmals die Textur jenes Verbrechens zu entschlüsseln, auf welcher der Vorwurf von «Rassenschande» beruht, und zugleich die Ordnung der Wunden, die Matrix des nationalsozialistischen Rassendenkens aufzuzeigen. Der «jüdische Rassenschänder», wie ihn Streicher popularisiert hatte, tritt inmitten Europas in einem seiner modernsten Staaten auf: am Umbruch einer Modernisierungsschwelle, an welcher die deutsche Gesellschaft nicht nur durch soziale, politische und religiöse Erosionsbewegungen zu zerbersten drohte, sondern an der auch gesellschaftliche Alteritäten in den Blick genommen wurden. Aus dem Gegensatz dieser Politikvorstellungen soll erstmals die wohl populärste Variante nationalsozialistischer Judenfeindschaft, die obszöne, sadistische Judenhetze gegen so genannte «jüdische Rassenschändung» deutscher Frauen und Mädchen, wie sie maßgeblich durch Streicher betrieben und forciert worden war, inhaltlich analysiert und in einen historisch-politischen Kontext gestellt werden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Zitierfägkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Die Ordnung der Geschlechter
  • 1.1 Fors chungsfeld
  • 1.2 Die Ordnungen der Wunden
  • 1.3 Textur eines Verbrechens
  • 1.3.1 Der „legitime“ Raub
  • 1.4 Die Alchemie der „Neuschöpfung“
  • 1.4.1 „Heilige Hochzeit“ — „Totenhochzeit“
  • 1.4.2 „Neu-Schöpfung“
  • 1.4.3 Neuordnung der Genealogie
  • 2. Der Kampfbegriff „Rassenschande“
  • 2.1 Die Entstehung der Rassenkampflegende
  • 2.2 Die Alchemie der Herrschaft
  • 2.3 Rassismus
  • 2.3.1 Nationalismus und Globalisierung
  • 2.4 Die „deutsche Frau“ als „Rassengarantin“
  • 2.5 Überleben und „Unsterblichkeit“
  • 2.5.1 Strategische Allianzen
  • 2.5.2 Utopien von „Volksgemeinschaft“
  • 2.5.3 Kolonien des „neuen Lebens“
  • 3. Anatomie eines „Berufsantisemiten“
  • 3.1 Judenhass als Berufung?
  • 3.2 Die Verwundung der Ordnungen
  • 3.2.1 Eine „Totenfeier“
  • 3.2.2 Die „Schande des Vaters“
  • 3.2.3 Eine „Leichenzug“ mit Verpflichtungen
  • 3.3 Im Schatten des Vaters: Pädagoge und Politiker
  • 3.4 Der Krieg als Lehrmeister
  • 3.4.1 An der Heimatfront
  • 3.5 Radikalisierung in der „Judenfrage“
  • 4. Einkreisung und Entgrenzung
  • 4.1 Vom „Rassenkrieg“ zur „Gegenrasse“
  • 4.2 Die Neu-Ordnung des verschwiegenen Restes
  • 4.2.1 Inszenierungen
  • 4.2.2 Mythisierungen
  • 4.2.3 Dramatisierungen
  • 5. Paradigma und Strategie in der „Kampfzeit“
  • 5.1 Der „deutsche Arbeiter“ und die „Judenfrage“
  • 5.2 Entscheidungsjahr 1923
  • 5.3 Die Neuordnung der NSDAP
  • 5.4 „Golgatha“: Der Göttinnenmord als sexuelle Passionsgeschichte
  • 5.5 Sadismus und Souveränität: Der „Fall Schloss“
  • 5.6 Die „deutsche Göttin“ am Kreuz
  • 5.7 Die „Judenfrage“ als „Frauenfrage“: Franz Ludwig Gengler
  • 6. Mutterleibsphantasien
  • 6.1 NS-Frauen und die „Judenfrage“
  • 6.2 Aufrüstung in der „Frauenfrage“
  • 6.3 Kampfgemeinschaft: „Matriarchat“ und „Männerstaat“
  • 6.3.1 Restitution des weiblichen Schweigegebots
  • 6.3.2 Der Jude als Schöpfer des Patriarchats
  • 6.3.3 Utopie und Ideal: Der Mutter-Zucht-Staat
  • 7. Ritualisierte Tötung: „Prangeraktionen“ gegen „Rassenschänder“
  • 7.1 Die Ausgangslage
  • 7.2 Die Krise
  • 7.3 „Selbstbehauptung“
  • 7.4 Der Terror
  • 7.4.1 Exkurs: Die Prangerstrafe
  • 7.5 Das Modell : „Nürnbergerisch“
  • 7.5.1 Auf Leben und Tod: Streichers Vollstrecker
  • 7.6 Der Ausgang: „Rassenschande“ in Breslau
  • 7.7 Die Durchsetzung
  • 7.7.1 Ein „Totentanz“
  • 7.8 Eine „reinliche Scheidung“: Die „Blutschutzgesetze“
  • 8. Ausblick: Die Lebenden und die Toten
  • 9. Anmerkungen
  • 10. Quellen- und Literaturhinweise
  • Reihenübersicht

1.Die Ordnung der Geschlechter

1.1Forschungsfeld

Die Gestalt des „jüdischen Rassenschänders“ zählt zu den populärsten antisemitischen Feindbildern im Rassendenken der Nationalsozialisten. Diesem Feindbild war, was die Popularisierung der Rassenpolitik durch die Nationalsozialisten betrifft, entscheidender Einfluss zugekommen. Dieser wurde in der Forschung bislang weder gebührend eingeschätzt noch analysiert. Dabei wissen wir heute über dessen wichtige strategische Bedeutung bescheid, um die Menschen klassen- und religions- übergreifend zu Hass und Gewalt gegen Juden anzustacheln. Wie dies geschehen war, bleibt rätselhaft. Dem Kampfbegriff „Rassenschande“ wurde erst in jüngster Zeit vermehrt Aufmerksamkeit zuteil, wenn auch nicht unter der hier angewandten Perspektive, und wirft bis heute zahlreiche unbeantwortete Fragen auf. Eine Analyse der Figur des „Rassenschänders“ verspricht uns jedoch wichtige Einblicke in die Wirkweise der nationalsozialistischen Rassenpolitik und vermag dadurch die Täterforschung auf eine bislang wenig beachtete Abkunft und Dynamik der Gewaltanwendung gegen Juden aufmerksam zu machen.

Die nationalsozialistische Rassenpolitik, wie sie auf Basis des Kampfes gegen „Rassenschande“ nicht nur gegenüber Juden konzipiert worden war, stützt sich in ihrer Wirkweise auf drei wichtige Elemente: auf die Inszenierung von „Rassenschande“ in Gestalt eines sexuellen Bedrohungsszenarios, darauf aufbauend, auf der sozialen Ritualisierung dieses Kampfes in Gestalt so genannter „Prangeraktionen“ gegen „rassenschänderische“ Juden und „artvergessene“ Frauen und schliesslich zahlreiche juristische Kodifikationen, die weit über die Verkündung der „Nürnberger Blutschutzgesetze“ hinausreichen. Die Herkunft und die Wirkweise dieser Elemente soll hinterfragt werden, um Aufschluss darüber zu erhalten, worauf sich die Absicht einer Neuschaffung der Lebensrealität von Juden und anderen Deutschen, die angeblich in einer „Ausscheidung“ der einen und in einer „Erlösung“ der anderen bestehen sollte, stützt. Eine wichtige Wegmarke auf dem Weg zur Realisierung der rassenpolitischen Vorstellungen der Nationalsozialisten waren die berüchtigten „Nürnberger Blutschutzgesetze“ vom 15. September 1935. Die nationalsozialistische Rassenpolitik gegen Juden und „ungehorsame“ Frauen, wie sie sich im Kampf gegen „Rassenschande“ reflektiert, und mit den „Nürnberger Rassengesetzen“ institutionalisiert wurde, soll im Rahmen dieser Studie neu interpretiert werden.

In letzter Zeit wurden unterschiedliche Zugänge zur Politik der Nationalsozialisten gesucht, wie sie auf der Grundlage des Kampfes gegen „Rassenschande“ betrieben worden war.1 Zudem ist das institutionelle Ringen um das Zustandekommen der „Nürnberger Blutschutzgesetze“ mittlerweile ausführlich dokumentiert und analysiert worden.2 Das dabei leitende Erkenntnisinteresse bleibt allerdings auf einen theoretischen Zugang beschränkt, welcher eine mehr oder weniger scharf ← 15 | 16 → akzentuierte „Neutralität der Geschlechter“ zur Voraussetzung trägt. Dies bedeutet jedoch nichts weniger, als dass die dabei ins Spiel tretenden Konzeptionen von „männlich“ und „weiblich“, und darauf aufbauend die Art der Begegnung der Geschlechter, wie sie im Kampf gegen „Rassenschande“ angeblich beseitigt und neu formiert werden sollte, fast vollständig ausgeblendet werden. Diese Vorgehensweise und damit die Art und Weise, wie „Geschlechtlichkeit“ begriffen wird, entspricht zwar der gegenwärtig wirksam werdenden Auflösung der Geschlechtergrenzen, die die einstigen kulturell definierten Kategorien von „männlich“ und „weiblich“ zu beliebig austauschbaren und simulierbaren Merkmalen eines vermeintlich „geschlechtslosen Selbst“3 transzendiert. Der Begriff „Rassenschande“ soll jedoch, so unsere These, als politische Antwort auf eben jene Umstände begriffen werden, die zu der Auflösung der traditionellen Geschlechtsgrenzen geführt hatten und dadurch jene imaginären Vorstellungswelten ermöglichen sollten, wie sie durch das sexuelle Bedrohungsszenario der „Rassenschande“ inszeniert wurden.

Selbst eine oberflächliche Betrachtung der Inszenierungsformen von „Rassenschande“ lässt erkennen, welche grundlegende Bedeutung die darin wirkenden Vorstellungen von „Weiblichkeit“, „Männlichkeit“ und damit von „Mutterschaft“ und „Vaterschaft“ besessen hatten. Die Vorstellungen von „Rassenschande“ waren keineswegs „geschlechtsneutral“, ebenso wenig wie die Gewaltformen, die von diesen Vorstellungen getragen, gegen Juden und andere Deutsche eingesetzt wurden. Die Struktur, aber auch die Popularisierungsstrategien im Kampf gegen „Rassenschande“ zeigen, dass die Art und Weise, wie die darauf aufbauenden rassenpolitischen Kernvorstellungen realisiert wurden, der politischen Strategie einer zahlenmässig eng begrenzten Gruppe von Männern und Frauen entsprochen hatte, die mit der Proklamation eines bestimmten Konzeptes von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ die Gesamtheit aller deutschen Frauen und Männer dazu bringen wollte, sich von jüdischen Männern und jüdischen Frauen fernzuhalten. Dadurch wurde versucht, eine spezifische „Fortpflanzungsgemeinschaft“ herzustellen, die als „Kampfgemeinschaft“ eine „Neuschöpfung des deutschen Volkes“ betreiben sollte. Die Art und Weise, wie die neu anzustrebende „Fortpflanzungsgemeinschaft“ und darauf aufbauend, die Begegnung der Geschlechter inszeniert wurde, bildet den Schlüssel zum Verständnis der nationalsozialistischen Rassenpolitik gegen Juden.

Um diese Reorganisation der Geschlechterbegegnung betreiben und institutionell organisieren zu können, wurden miteinander konkurrierende „Paar-Modelle“ ins Spiel gebracht, Geschlechterbegegnungen, wie sie sich angeblich verhängnisvoll auf den Weiterbestand des deutschen Volkes auswirken würden, und verhindert werden sollten. Darauf aufbauend wurden jedoch spezifische Vorstellungen von Geschlechterbegegnungen formuliert, wie sie angeblich die „Wiederbelebung“, ja „Unsterblichkeit“ des deutschen Volkes garantieren könnten. Hieraus zeichnet sich bereits ab, dass die Inszenierungsformen der so genannten „Judenfrage“ nicht unabhängig von den Einflussnahmen auf die Begegnungsform der Geschlechter, ← 16 | 17 → wie sie im Nationalsozialismus realisiert werden sollten, verstehen lässt. Die Grundlage für die Inszenierung der „Judenfrage“, aber auch für die Reorganisation der Geschlechterbegegnung, bildete ein hegemoniales Männlichkeitskonzept, dessen Auflösung sich bereits in jener Zeit abzuzeichnen begonnen hatte.4 Die Installation eines hegemonialen, gegen die Juden gerichteten Männlichkeitskonzeptes, erwies sich gesellschaftlich als ausserordentlich schwierig, da sich gegen dieses Denken massive Widerstände von Frauen und Männern formierten. Es war jedoch letztlich gelungen, einen grossen Teil der Menschen in Deutschland dazu zu bringen, einerseits Juden als ihre Feinde zu betrachten, oder wenn schon nicht als Feinde, so doch als Menschen, denen man getrost alles wegnehmen konnte – selbst ihr Leben. Dies, so unsere These, wäre nie möglich gewesen, ohne eine ganz bestimmte Art der Feindbildung, nämlich jene des „jüdischen Rassenschänders“. Um den integrativen Faktor für diesen „Erfolg“ der Nationalsozialisten aufzuspüren, ist es notwendig, sich der Analyse der historischen Entstehungsbedingungen jenes hegemonialen Männlichkeitsmodells zu widmen, wie es dem Begriff der „Rassenschande“ zugrunde gelegen hatte.

Dieser Kampfbegriff verdankt seine spezifische Bedeutungsentwicklung konkreten politischen Akteuren, und wurde in einer ganz spezifischen Konstellation von Kämpfen und Konflikten mit Bedeutungen beladen. Wir finden diesen Kampfbegriff am Vorabend des Ersten Weltkrieges bereits auf Seiten der kolonialen Frauenbewegung in den Randdiskursen gegen so genannte „Mischehen“.5 Die Grundlage für die Entstehung der Auffassung von „Rassenschändung“, so unsere These, bildete eine fundamentale Krise des herrschaftlichen Verständnisses von „Männlichkeit“, die damit scheinbar in ihrer Identität bedroht schien. Die äusseren Grundlagen für diese Auflösung lassen sich im kolonialen Experiment des Deutschen Kaiserreichs lokalisieren. Der Kontakt der männlichen Kolonisten mit der einheimischen weiblichen Bevölkerung beginnt das Selbstverständnis des männlichen Eroberers als Verkörperung der herrschenden „weissen Rasse“ mit seiner Auflösung zu bedrohen. Die aus diesem Grund eingesetzten rassenhygienischen Interventionsstrategien des Staates, die der drohenden „Verkafferung“ des deutschen Mannes entgegensteuern sollten, werden dabei von kolonialen Frauen als politisches Emanzipationsvehikel für mehr Macht und Einfluss in den deutschen Kolonien benutzt. Sie sind es, die dem angeblich „schwach“ gewordenen männlichen Kolonisten zur Seite stehen wollen, um dessen Herrschaftsanspruch in den Kolonien weiterhin garantieren zu können. Der politische Kampfbegriff „Rassenschande“ wird von ihnen eingesetzt werden, um diesen politischen Herrschaftsanspruch durchsetzen zu können. Jene Art der politischen „Emanzipation“ zahlreicher deutscher Frauen war damit vor dem Hintergrund der Auflösung traditioneller hegemonialer Männlichkeitskonzeptionen, der Erosion der herkömmlichen Geschlechtszuschreibungen, und damit der Struktur der patriarchalen Kleinfamilie entstanden. Die Basis dieser Entwicklungen bildete eine epochale Entwicklung, die sich in der Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung ankündigte: die Auflösung der traditionellen ← 17 | 18 →

Zeugungstheorien, die bis zu jenem Zeitpunkt – und auf bestimmte Weise darüber hinaus - die Basis der abendländischen Geistes- und Gesellschaftsgeschichte bildete und weiterhin bildet. Dieser Vorwurf wurde unbestritten von Julius Streicher in Nürnberg auf jene Weise effektiv in Szene gesetzt, wie er später als Grundlage für die Verfolgung und Ausgrenzung von Juden und anderen Deutschen dienen sollte. Um Aufschluss über die Entstehungsbedingungen des politischen Kampfes gegen „Rassenschande“ gewinnen zu können, ist es unumgänglich, sich mit dem Leben Streichers auseinander zu setzen. Mögliche Hintergründe, Motive und Antriebe dazu von Streicher sollen jedoch nicht in erster Linie auf der Basis biographischer Details hergeleitet, sondern aus der für Streicher doch in vielfacher Weise entscheidenden Begegnung mit Adolf Hitler gedeutet werden. Die Art und Weise, wie Streicher seine Inszenierung der „Judenfrage“ unbekümmert über alle akademischen Anstrengungen zur „Rassenfrage“ hinweg vorgenommen hatte, wurde von Adolf Hitler bewundert.6 Die sadistischen Vergewaltigungsphantasien Streichers amüsierten Hitler ganz offensichtlich, sodass sie zur Basis für deren gemeinsames Verständnis in der „Rassenfrage“ werden konnten.

Abb.1:Der Jude als Vergewaltiger deutscher Frauen

Abb.2:Der Jude als Frauenmörder

Ein Verständnis der Art und Weise, wie es zu der Streicher – Hetze gegen „Rassenschande“ gekommen war, soll aus Streichers besonderem Nahverhältnis zu Hitler gewonnen werden. Umgekehrt soll Streichers Wirken bei der Realisation der rassenpolitischen Vorstellungen durch Hitler aus deren Nahverhältnis zueinander erklärt werden. Die Inszenierungen Streichers von „Rassenschändung“ in „Der Stürmer“ nach der Neugründung der NSDAP ab dem Jahr 1925 sprechen für diese These. ← 18 | 19 →

Nach dem gescheiterten Putschversuch waren aus den vormals erbitterten Konkurrenten immer stärker Gefährten im gemeinsamen und auf Arbeitsteilung basierenden Kampfes gegen Juden geworden. Wenn die Entstehung der rätselhaften „Rassenschande“ – Propaganda aus dem nicht minder rätselhaften Naheverhältnis Streichers zu Hitler gedeutet und analysiert wird, erhalten wir Aufschluss über die Motivation, die strategische Zielsetzung und die Wirkungsweise dieser spezifischen Propaganda. Dem strategischen Einsatz dieses Kampfbegriffes verdankte sich die Institutionalisierung des Kampfes gegen „Rassenschande“ in den berüchtigten „Nürnberger Blutschutzgesetzen“, die den sexuellen Verkehr zwischen Juden und anderen Deutschen gesetzlich verboten hatten. Zu den Grundfragen dieser Studie zählt nicht nur die Frage nach der Interpretation des Zustandekommens und dem Fortwirken dieser Gesetze, sondern nach der spezifischen Politik, auf deren Basis dies realisiert werden konnte.

Grundsätzlich wird in der Forschung die wichtige Einflussnahme Streichers dabei zur Kenntnis genommen. Die starke Resonanz seiner pornographischen Agitationsweise in diesem antijüdischen Feldzug allerdings bleibt bis heute, was eine eingehende Betrachtung betrifft, unterschlagen.7 Als Folge davon gilt die Hetze Streichers gegen „Rassenschänder“ bis heute als perverser Hang eines einzelnen Sexualpsychopathen, womit er als pathologischer Perverser die Menschen zu Gewalt gegen Juden angestifitet hätte. Erst in jüngster Zeit ist die enorme Popularität des „Rassenschande“ – Vorwurfs bereits lange vor der „Machtergreifung“ thematisiert und auf dessen besondere Verführungskraft auf die Massen aufmerksam gemacht worden.8 Die nationalsozialistischen Herrschaftspraktiken, wie sie in Gestalt der Rassenpolitik gegenüber Juden sichtbaren Ausdruck gefunden hatten, zählen so zu den grössten Herausforderungen der zeitgeschichtlichen, sozial-, aber auch der politikwissenschaftlichen Forschung. Der Massenmord an den Juden als Finalität dieser Praxis bleibt dabei Dreh- und Angelpunkt der Betrachtungen, wenngleich er nicht zum Masstab antisemitischer Verhetzung vorausgesetzt werden soll.9 Mit dieser Prämisse sind bereits die beiden Bezugspunkte fixiert, zwischen denen die Forschung Erkenntnisse zu erzielen versucht: Wir wissen einerseits über den Prozess der Entscheidungsfindung zum industriell durchgeführten Massenmord an Juden durch die nationalsozialistischen Staatseliten Bescheid. Wir wissen jedoch auch um die beängstigende Bereitschaft weiter Teile in der deutschen Gesellschaft, unter bestimmten Umständen Juden Gewalt anzutun.10

Die nationalsozialistische Rassenpropaganda, innerhalb welcher der Kampf gegen „Rassenschande“ eine ebenso polarisierende wie mobilisierende Wirkung erzielte, soll dabei als wichtiges Element zur Erklärung herangezogen werden, wie es dazu gekommen war. Der Vorwurf von „Rassenschande“ und dazu das daraus hervorgehende Feindbild des „jüdischen Rassenschänders“ hatten sich in der Popularisierung der antijüdischen Rassenpropaganda als ein besonders effektiver Katalysator erwiesen, selbst bei Menschen, welche gar nichts gegen „die Juden“ gehabt hatten. ← 19 | 20 →

Eine Antwort auf die Frage, was den spezifischen Vorwurf der „Rassenschändung“ für die Menschen so verführerisch gemacht, und worauf sich dieser gegründet hatte, ist bislang nicht ausreichend versucht worden. Die vorliegende Arbeit versucht ausgehend von der Frage nach der Struktur der Vorwürfe, wie sie darin wirksam geworden waren, den historischen Ursprüngen und damit der Herkunft dieses Vorwurfes eine solide Basis für dessen Analyse und die Interpretation seiner Wirkweise zu erarbeiten. Das daraus gewonnene Analyseraster ermöglicht eine konkrete Einordnung der rassenpolitischen Forderungen Streichers als historische Herrschaftspraxis, wobei sich hieraus die Forderungen nach einer „Endlösung“ der „Judenfrage“ in ihrer historischen Einzigartigkeit gegen so genannte „Genozide“ eindeutig abgrenzen lassen. Die Hetze gegen „Rassenschändung“ lässt sich dabei als eines der wichtigsten Antriebsmomente nicht nur für die Entstehung des sozialen Klimas einordnen, in welchem die „Endlösung“ der „Judenfrage“ anvisiert, konzipiert und schliesslich realisiert worden war, sondern auch für die Bereitschaft zahlreicher Menschen, Juden persönlich Gewalt anzutun.11

Was ist jedoch unter „Rassenschande“ zu verstehen und welcher Art waren die Vorwürfe Streichers an „die Juden“ in seinen Vorstellungen von „jüdischen Rassenschändern“? Was machte das Feindbild des „Rassenschänders“ für die Menschen so annehmbar, dass es klassen- und religionsübergreifend in allen Teilen der Bevölkerung Verbreitung finden konnte? Um dies beantworten zu können, soll das Auftauchen dieses Begriffes, die ihm zugrunde liegende Struktur, sowie seine Einbettung in das allgemein verbreitete Rassendenken jener Zeit, untersucht werden. Es steht damit fest, dass neben der biographischen Darstellung von Streichers Affinität zur „Judenfrage“, wie sie in seinem Kampf gegen „Rassenschande“ Ausdruck gefunden hatte, eine Analyse der Begriffsgeschichte dieses politischen Kampfbegriffes zugezogen werden soll, um seine strategische Funktion nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und damit Streichers spezifisches Wirken in der „Judenfrage“ verstehen zu können.

1.2Die Ordnungen der Wunden

Ist es möglich, einen wissenschaftlichen, das heisst nicht wertenden Zugang zu einem Menschen zu finden, der, wie wir wissen, unverstellbares Leid über so viele Menschen gebracht hat? Dieses Ansinnen wird zudem durch die Erkenntnis erschwert, im Rahmen welch unvermuteter Normalität sich das Leben zahlreicher Judenhetzer und späterer Nationalsozialisten, darunter auch Streicher, bis zum Ersten Weltkrieg bewegt hatte. Streichers Biographie ist zum Verständnis seiner späteren Haltung den Juden gegenüber zwar unerlässlich, sie zeigt sich jedoch nur in einigen wenigen Punkten in dieser Beziehung aufschlussreich. Allerdings in ganz anderer Hinsicht wie gemeinhin vermutet werden könnte. Diese von uns gewählte ← 20 | 21 → Vorgehensweise bietet keine anachronistische biographisch eingeengte Perspektive. Sie vermag vielmehr die Tatsache zu beleuchten, durch welche Faktoren begünstigt, ein bis zu einem gewissen Punkt „normaler Mann“, unter bestimmten Einflüssen zu einem berüchtigten Judenhasser werden, und dafür die Massen begeistern konnte.

Streichers Art des Hasses gegen „Juden“, sein Kampf gegen „Rassenschande“, lässt sich als eine individuelle politische Antwort auf kollektive Konfliktfelder deuten, die durch den Ausgang des Ersten Weltkrieges den Höhepunkt ihrer politischen Virulenz erreicht hatten. Was die affektive Grundlage seines Judenhasses betrifft, so scheint es für die Analyse angebracht, drei Ordnungen zu unterscheiden, die auf einzigartige Weise imstande waren, individuelle und kollektive „Wunden“ miteinander zu verbinden. Unter „Wunden“ sollen dabei massive traumatische Kränkungen verstanden werden. Die Struktur der „Ordnung der Wunden“, wie sie für Streichers Wirken bestimmend werden sollte, lässt sich jedoch nicht individualgeschichtlich reduzieren. Sie war durch Mechanismen zustande gekommen, deren Einflüsse auf mehreren individuellen wie kollektiven Ebenen angesiedelt waren. Das Ergebnis war eine spezifische „Ordnung der Wunden“, die auf einzigartige Weise individuelle wie kollektive historische Elemente zu einem affektiv wirkenden Konglomerat des Hasses zu verschmelzen imstande war. Dazu soll erstens, die individuelle Ordnung der „Wunden“ im Leben Streichers, zweitens, die kollektive Ordnung der nationalen „Verwundungen“ nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, und schliesslich drittens, die kulturelle Ordnung der Wunden im Geschlechterverhältnis unterschieden werden, die ihre Virulenz der Erosion der hierarchisch strukturierten Geschlechterbeziehungen zu seiner Zeit verdankte. Erst aus einem bestimmten Zusammenspiel dieser drei Ordnungen konnte die spezifische Art des Judenhasses entstehen und wirksam werden, wie sie durch Streicher popularisiert wurde und schliesslich die deutsche Gesellschaft durchsetzte. Die individuellen Grundlagen für die starke Affinität zu einer hasserfüllten Judenfeindschaft bildeten „Verwundungen“, wie sie Streicher in seiner Kindheit erleben sollte. Daraus sollte sich, so unsere These, eine bestimmte Konstellation einer „Ordnung der Wunden“ ergeben, innerhalb der Streicher wichtige Antriebe zu Judenverfolgung erhalten sollte, und welche als Basis eines imaginierten Feindes wie des „jüdischen Rassenschänders“ dienten, dem die Schuld für zahlreiche individuellen wie kollektiven Verwundungen aufgeladen werden konnte.

Die Grundlagen für die starke, obsessive Affinität Streichers zur „Judenfrage“, wie er sie auf Leben und Tod auszuspielen verstanden hatte, wurde in der ersten „Ordnung der Wunden“ durch drei Einflussgrössen bestimmt, die nicht unabhängig voneinander betrachtet werden sollen. Es sind dies die Art und Weise, wie Streicher ins Leben getreten war, dazu die erniedrigenden Behandlungen seines Vaters als Dorfschullehrer durch die katholische Geistlichkeit, und schliesslich seine Begegnung mit Adolf Hitler. Alle diese drei einflussnehmenden Ereignisse im Leben ← 21 | 22 → Streichers zentrieren sich um die Präsenz des Todes im Leben. Streicher war bei seiner Geburt „tot“, noch bevor er am Leben war. Sein Leben als tot geborener blieb somit zeitlebens intensiv an seine Mutterimago gebunden. In seiner Kindheit musste er mit ansehen, dass sein Vater stumm bleiben musste, also nicht „leben“ konnte, wie er wollte. Aus Scham über die Kränkung seines Vaters, die er zugleich als seine eigene Kränkung erlebt hatte, erwuchs in ihm sein Streben nach unumschränkter Macht, als „Führer“. Nach dem Ersten Weltkrieg war zur „Schande seines Vater“ die nationale Schande von „Mutter Deutschland“ hinzugetreten. Die Begegnung mit Hitler war für Streicher zu seinem wichtigsten und entscheidenden Impuls geworden, seine Politik gegen „Rassenschändung“ auf die Weise zu betreiben, wie sie ihn berüchtigt werden liess. Streicher erkannte in Hitler den „Führer“. Umgekehrt war Streicher der einzige, der sich ebenfalls als „Führer“ bezeichnen durfte: als „Frankenführer“ von Hitlers Gnaden. Aus der Wechselbeziehung zwischen „Führer“ und „Frankenführer“ soll die Konstruktion von „Rassenschande“, wie Streicher sie inszeniert und ritualisiert hatte, gedeutet werden. Als traumatisierte „Söhne“ versuchten der „Führer“ und der „Frankenführer“ ihrer „Mutter Deutschland“ aus der vermeintlich „jüdischen“ Knechtschaft herauszuhelfen, um sie dabei wieder unter ihre Gewalt zu bekommen.12 Durch seinen „Führer“ sah der „Frankenführer“ die Gelegenheit zu einer kollektiven Wiederbelebung des deutschen Volkes, die zugleich dessen Neuschöpfung werden sollte. Auf dem Weg dazu erwies sich der politische Kampfbegriff „Rassenschande“ als ebenso probates wie effektives Mittel. Die Biographie Streichers vermag ansonsten jedenfalls, wie übrigens auch bei Hitler, bis zu einem bestimmten Punkt keinen besonderen Hinweis darüber zu geben, warum aus ihm einer der gefürchtetsten Judenhasser geworden war. Dies änderte sich erst mit dem Kriegsdienst während des Ersten Weltkrieges.

Als sich die Niederlage Deutschlands im Jahr 1916 abzuzeichnen begonnen hatte, traten auf Basis der zweiten Ordnung der ‒ nun kollektiven ‒ Wunden die ersten antisemitischen Wirkmechanismen ins Spiel. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg entwickelte Julius Streicher wie viele seiner Landsleute in seiner Wahrnehmung die Ansicht, Deutschland sei eine Stätte, in welcher der Tod allgegenwärtig wäre. Wie viele seiner Zeitgenossen beschwor Streicher die verhängnisvollen Folgen einer rührigen Kriegsindustrie, die angeblich selbst den Abfall des verlorenen Krieges in klingende Münze umzuwandeln verstand. Daneben wurde der Vertrag von Versailles, welcher Deutschland zum alleinigen Verursacher des Krieges und dadurch zu hohen Reparationszahlungen verpflichtet hatte, zum Inbegriff des monetären Würgegriffs an der deutschen Nation, durch welchen diese zu verenden drohte. Die Folgen des verlorenen Krieges schienen eine grosse Verwesung hinterlassen zu haben, welche die deutsche Luft durchmoderte, und die durch eine „Teufelsalchemie“ sogar noch zu Geld verwandelt werden wollte. Deutschland schien verkauft und verloren ‒ für alle Zeiten. Verantwortlich waren für den bevorstehenden Tod Deutschlands nicht nur nach Streichers Ansicht „die Juden“ gewesen. Sie waren ← 22 | 23 → angeblich die Nutzniesser, die Deutschland erst den Tod gebracht, und selbst davon noch profitieren würden. Zum Verständnis der Ursachen dieser verhängnisvollen Entwicklung „erkannte“ Streicher in der „Rassenfrage“ den Schlüssel zum Verständnis der Weltgeschichte.

1.3Textur eines Verbrechens

In der Vermischung der „deutschen Rasse“ mit „den Juden“ sah Streicher den Grund für alle Übel der Menschheit. An einem entfernt zu denkenden Punkt der Geschichte wäre die „reine“, „arische Rasse“ von der „jüdischen Rasse“ vergewaltigt worden, was Streicher als „Erbsünde“13 der Menschheit bezeichnete. „Rassenschande“ würde, so Streichers feste Überzeugung, von „den Juden“ seit langem „planmässig“ und „geheim“ betrieben, indem sie sich die deutsche Frauenwelt unterwerfen würden. Die Art und Weise, wie Streicher diese „Schande“ „mythisch“ als „Tötung“, und damit die Forderung nach dem weiblichen Opfer historisch aktualisiert zur Inszenierung brachte, um es zur politisch zur Feindbildung nutzen zu können, liess eine dritte Ordnung ‒ nun der kulturellen ‒ Wunden im Verhältnis der Geschlechter ins Spiel treten. Wie aber wurde jene kulturelle „Ordnung der Wunden“ zum Einsatz gebracht? Um darauf antworten zu können, sollen die Vorwürfe analysiert werden, die das vermeintliche „Verbrechen“ der „Rassenschändung“ charakterisierten.

„Der Jude treibt die Rassenschande schon seit Anbeginn. Schon seit Anbeginn treibt ihn sein Blut dazu, die Nichtjüdin zu schänden. Sie zu unterjochen, ihren reinen Leib zu besudeln, ihr Blut zu vergiften und ihre Seele zu zertreten, das ist ihm teuflischer Triumph … Der Trieb zu Rassenschande ist ein Grundzug des jüdischen Wesens … Es folgt der Jude durch die Jahrtausende hindurch dem ,uralten Zug seiner Rasse‘. Kein Gesetz, kein Verbot, keine Strafe kann ihn ändern. Der Jude ist verdammt dazu, die Rassen zu schänden.“14

Details

Seiten
566
Jahr
2006
ISBN (PDF)
9783653060638
ISBN (ePUB)
9783653949971
ISBN (MOBI)
9783653949964
ISBN (Paperback)
9783631544990
DOI
10.3726/978-3-653-06063-8
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juni)
Schlagworte
Streicher, Julius Rassenpolitik Nationalsozialismus Judenfeindschaft Antisemitismus
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2006. 565 S., 55 Abb.

Biographische Angaben

Franco Ruault (Autor:in)

Der Autor: Franco Ruault wurde 1969 in Hohenems (Österreich) geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Zeitgeschichte und Medienforschung an der Universität Innsbruck. Derzeit lebt und arbeitet der Autor in St. Gallen (Schweiz).

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