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Facetten der Mehrsprachigkeit / Reflets du plurilinguisme

Die Wahl der Sprachen: Luxemburg in Europa / Le choix des langues : le Luxembourg à l'heure européenne

von Michael Langner (Band-Herausgeber:in) Vic Jovanovic (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 370 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover / Couverture
  • Titel / Titre
  • Copyright
  • Autorenangaben / À propos des directeurs de la publication
  • Über das Buch / À propos du livre
  • Zitierfähigkeit des eBooks / Pour référencer cet eBook
  • Inhaltsangabe / Table des matières
  • Einführung: Facetten der Mehrsprachigkeit
  • I Wissenschaftliche Beiträge – Contributions scientifiques
  • European approaches to plurilingualism and multilingualism
  • Plurilinguale Bildung: Gegen den monolingualen Habitus im Mehrheitssprachenunterricht
  • Integrierender Mehrsprachigkeitsansatz (IMA) als Basis für eine Neugestaltung des Sprachenunterrichts in spanischen Schulen
  • Code-switching et socialisation plurilingue au sein de trois familles italophones en France
  • Grenzen überschreiten in der Arbeitswelt: das Beispiel SMART in der Großregion
  • Additive university multilingualism in English-dominant empire: the language policy challenges
  • Etudier dans un Master trilingue à l’Université du Luxembourg – Défis de la troisième langue
  • Activity types and language choice in the multilingual university
  • L’évaluation de l’enseignement bilingue et immersif en Suisse: entre légitimation et contrôle de qualité
  • Behauptete Mehrsprachigkeit
  • II Regard des institutions luxembourgeoises – Standpunkte Luxemburger Institutionen
  • Die Eliten und ihr Volk – das Sprachendilemma: Was das Abstimmungsergebnis zum Ausländerwahlrecht uns lehrt
  • Plurilinguisme, un atout majeur du développement économique au Luxembourg
  • Une vision du plurilinguisme
  • Luxembourg and Multilingualism: When Does A Lot Become Too Much?
  • III Kulturaspekte – Aspects culturels
  • Zadig ou la Destinée (1748) de Voltaire : un conte polyphonique composite ?
  • Bluebeard stories in many languages: Reading old and new tales as instances of a dynamic cultural diversity
  • D’Seeche vum Zinniklos – Eine Ansicht aus der Oberstadt
  • Die Autoren / Les Auteurs
  • Reihenübersicht / Titres de la collection

MICHAEL LANGNER / VIC JOVANOVIC

Einführung: Facetten der Mehrsprachigkeit

Im Rahmen einer Vortragsreihe Mehrsprachigkeit am Montag (später aus organisatorischen Gründen – Mehrsprachigkeit am Dienstag), die im Auftrag der früheren Ausbildung der Luxemburger Sekundarlehrpersonen (Formation pédagogique des enseignants du secondaire – Foped) organisiert wurde, haben wir in den vergangenen Jahren verschiedenste Aspekte der Mehrsprachigkeit unter europäischer, internationaler, aber auch Luxemburger Optik behandelt. Aus dem ersten Teil dieser mehrjährig durchgeführten Veranstaltungsreihe entstand der erste Band Europäische Mehrsprachigkeit in Bewegung: Treffpunkt Luxemburg (Hg. von Sabine EHRHART), der 2014 erschienen ist.

Für den hier vorliegenden zweiten Band haben wir uns ein anderes Konzept überlegt:

Neben wissenschaftlichen Artikeln, die auf Vorträgen aus der genannten Konferenzreihe basieren haben wir einige weitere Artikel in diesen ersten Teil „Wissenschaftliche Beiträge“ hinzugenommen, die zu unserer Idee der Vortragsreihe passten. Damit folgten wir einer Grundidee von Sprachwissenschaft und Fremdsprachendidaktik, die den ersten Band bestimmt hatte.

Aus gegebenem Anlass wollten wir aber zusätzliche Aspekte der Mehrsprachigkeit hineinnehmen. Einerseits „Stellungnahmen Luxemburger Institutionen“ zur Fiktion und Realität der Mehrsprachigkeit im Grossherzogtum sowie „kulturelle Aspekte zu Luxemburg“, die völlig anders fokussieren. Eine Eingrenzung der Diskussion um Mehrsprachigkeit allein auf Sprachwissenschaft und Sprachendidaktik – wir verwenden hier absichtlich diesen Begriff, da es sich gerade im Falle des mehrsprachigen Luxemburg nicht einfach um Fremdsprachendidaktik handeln kann – eine solche Fokussierung scheint uns zu eng. ← 7 | 8 →

Wissenschaftliche Beiträge

Die 10 Beiträge dieses Teils lassen sich zwei verschiedenen Schwerpunkten zuordnen:

Vier Artikel beschäftigen sich mit Fragestellungen der individuellen Mehrsprachigkeit.

Weitere vier Artikel greifen Themen auf um den Bereich mehrsprachige Universitäten – Mehrsprachigkeit an Universitäten bzw. zweisprachiger Unterricht.

Sowohl zu Beginn dieses Teils als auch an seinem Ende findet sich jeweils ein Beitrag, der nicht in die spezifischen Schwerpunkte hineinpasst, aber jeweils eine strategische Bedeutung einnimmt: European approaches to plurilingualism and multilingualism von Michael KELLY gibt in seiner Optik auf die europäische Mehrsprachigkeit sozusagen eine Folie ab, vor der die Beiträge dieses Teils jeweils zu sehen sind. Und Behauptete Mehrsprachigkeit: Bedürfnis, Forschung und Visionen fokussiert ganz spezifisch auf das Sprachenlaboratorium Luxemburg und zeigt auf, dass hier noch ganze Bereiche brach liegen. Er leitet damit auch über zum zweiten Teil, in dem Luxemburger Perspektiven von ausgewählten Luxemburger Institutionen sichtbar werden.

Die vier Beiträge BOECKMANN, ESTEVE, GHIMENTON-COSTA und EHRHART thematisieren also Aspekte der individuellen Mehrsprachigkeit, BOECKMANN und ESTEVE haben jedoch auch Verbindungen zu Mehrsprachunterricht bzw. integrierter Sprachendidaktik. Individuelle Mehrsprachigkeit ist inzwischen (nicht nur) in Europa eine Alltagsrealität, die mehr und mehr auch anerkannt wird, wenn auch diese Anerkennung politisch oft ein mühsamer Prozess ist. Zu stark wirken bis heute die Setzungen des 18. Jahrhunderts als Ideologie der einsprachigen Nation! Hier wird unter Umständen die aktuelle Flüchtlingsproblematik vielleicht für eine Beschleunigung sorgen. Aber in den verschiedenen europäischen Ländern, hier beispielhaft Österreich und Griechenland, Spanien und Frankreich, gibt es schon lange Migranten, die sich häufig auch über Generationen hinweg eine familiäre Mehrsprachigkeit bewahrt haben. So wird im Beitrag von BOECKMANN schon durch die Begrifflichkeit deutlich, wie schwierig der Prozess der Anerkennung von individueller Mehrsprachigkeit ist, wenn sie Sprachen meint, die nicht im Bildungskanon der öffentlichen ← 8 | 9 → Schule vorkommen – Mehrheitssprachunterricht, Unterrichtssprache, Schulsprache – laut Europarat „Sprachen, die in der Schule dazu dienen, Inhalte zu vermitteln“. Diese Expertise – und nun wird die Verwirrung noch grösser – wird häufig auch als Muttersprachunterricht bezeichnet und dafür sind die meisten Lehrkräfte auch ausgebildet. Aber vor dem Hintergrund von Klassen mit hohen Anteilen von Schülern anderer Herkunftssprachen greift diese Ausbildung zunehmend zu kurz, was BOECKMANN auch andeutet. Der monolinguale Habitus aus dem Titel des Beitrags ist aber häufig auch das Haupthindernis für eine integrierte Sprachendidaktik – eigentlich lernen wir jede Zweit- bzw. Fremdsprache im Zusammenhang mit anderen Sprachen einschliesslich der Erstsprache!

Genau dies wird allerdings im Beitrag von ESTEVE deutlich, die Integration der Lerner- und Schulsprachen – Erst-, Zweit- und Fremdsprachen. Die Autorin spricht von Gesamtsprachenlernen und grenzt ihren Integrierenden Mehrsprachigkeitsansatz (IMA) gegen das in Spanien inzwischen weit verbreitete CLIL-Modell ab. Beim Erlernen jeder weiteren Sprache spielen alle Sprachen im Sprachenrepertoire des Einzelnen eine Rolle und dies muss im Sprachenunterricht mit berücksichtigt werden. Hierbei sind die sogenannten L-concepts interessant, sprachen-übergreifende Begriffe, die gleichzeitig in mehreren und für mehrere Sprachen behandelt werden können. Besonders interessant ist die Tatsache, dass dieser Ansatz für unterschiedliche Zielgruppen eingesetzt wird, also von der Primarschule bis zur Erwachsenenbildung.

Einen spezifischen Aspekt von individueller Mehrsprachigkeit greifen GHIMENTON-COSTA auf: das Code-Switching in Kind-Eltern-Interaktionen italophoner Einwanderer in Frankreich. Besonders ist dabei die Tatsache, dass es sich bei allen drei untersuchten Familien um nicht-gemischtsprachige Eltern handelt. Die Familiensprache ist also in allen Fällen Italienisch, welches dann an spezifischen Punkten der Interaktion französischsprachige Einschübe aufweist.

Während die ersten Beiträge individuelle Mehrsprachigkeit im Kontext von Schule behandeln, beschäftigt sich der Artikel von EHRHART mit dem mehrsprachigen Individuum im Bereich der Arbeitswelt. Die Ansiedlung internationaler Firmen im Grenzbereich zweier oder manchmal auch mehrerer Länder bringt besondere Herausforderungen mit sich, auch sprachlicher Art. Gerade am Arbeitsplatz müssen die Abläufe funktionieren, auch wenn die Sprachenrepertoires der ← 9 | 10 → Beteiligten sich nur teilweise überlappen. Kommunikativer Misserfolg kann zu unangenehmen Konsequenzen führen. Anhand von Auszügen aus Interviews wird deutlich, wie geschäftliche Kommunikation in mehrsprachigem Umfeld gelingen kann.

Einen anderen Aspekt von Mehrsprachigkeit streifen die folgenden vier Beiträge – Mehrsprachigkeit an Universitäten – mehrsprachige Universitäten bzw. zweisprachigen Unterricht. Mehrsprachige Institutionen sind gekennzeichnet durch die parallele Verwendung verschiedener offizieller Sprachen, an Universitäten sind dies dann die sogenannten Studien- und Verwaltungssprachen. (Zur Definition mehrsprachiger Universitäten siehe LANGNER 2014, 268 – 269.)1 PHILLIPSON behandelt in seinem kritischen Beitrag die Funktion von Englisch im Rahmen der allgemeinen Diskussion um Mehrsprachigkeit an Universitäten, hier also besonders die individuelle Mehrsprachigkeit, die Studierende als ihr jeweiliges Sprachenrepertoire an die klassischen Universitäten mitbringen.2 (Klassisch heisst: einsprachig und zunehmend noch Lehrveranstaltungen auf Englisch) Es geht dem Verfasser ganz spezifisch um die Gefährdung der europäischen Mehrsprachigkeit durch eine falsch verstandene Internationalisierung der Hochschulen in Richtung auf only English im Sinne einer schwachen Zweisprachigkeit mit üblicherweise einer Landessprache plus Englisch mit um sich greifender Tendenz (dies ist eben genau noch keine Mehrsprachigkeit, denn mehr bedeutet klar mehr als zwei). Er führt die Geschwindigkeitszunahme von Englisch als Wissenschaftssprache auch auf den Bolognaprozess zurück, der die Internationalisierung fördern will, dabei aber zumeist Internationalisierung mit Anglifizierung verwechselt. Dies zeigt sich auch zunehmend darin, dass sehr häufig Diskussionen über die Mehrsprachigkeit in Europa allein auf Englisch geführt werden, als Resultat des kleinsten gemeinsamen Nenners und weil gelebte und praktizierte Mehrsprachigkeit mühevoll ist! Damit ← 10 | 11 → verläuft diese Entwicklung völlig konträr zu den Überlegungen des Europarates und der Europäischen Union, wie sie im Beitrag von KELLY in diesem Band deutlich aufgezeigt werden. (Übrigens interessant, wie sich eher historische Ausblicke im Beitrag von JOVANOVIC am Ende dieses Teils mit den Ausführungen PHILLIPSONs decken!)

STOIKE beschäftigt sich mit dreisprachigen Studiengängen an der dreisprachigen Universität Luxemburg, also einer Hochschule, in der individuelle und institutionelle Mehrsprachigkeit aufeinandertreffen. Wenn schon eine offiziell zweisprachige Hochschule eine Reihe von Schwierigkeiten mit sich bringt, so ist dies noch wesentlich stärker der Fall bei einer offiziell dreisprachigen Einrichtung, in der dann auch dreisprachige Studiengänge angeboten werden. Es treffen in einer Institution mit drei offiziell definierten Studiensprachen mehrsprachige Menschen zusammen, deren Sprachenrepertoire sich häufig nicht mit den Studiensprachen deckt. (LANGNER hat dies einmal 2011 in einem Vortrag in Luxemburg mit einem Bingo verglichen). Die Frage der Sprache, die sich für jeden ausländischen Studienbewerber stellt, der sich an einer anderssprachigen Hochschule bewirbt, erhält bei zwei- und mehrsprachigen Hochschulen eine besondere Brisanz: Wie viele Sprachen auf welchem Niveau dürfen/müssen vorausgesetzt werden? Zentraler Begriff der Studie von STOIKE ist die sogenannte „dritte Sprache“, also die schwächste Sprache in diesem Trivium. Häufig setzen dreisprachige Universitäten ein abgestuftes Profil der Studiensprachen voraus, z.B. erste Studiensprache C2, zweite Studiensprache B2 und dritte Studiensprache B1. Wenn man eine fremdsprachliche Studierfähigkeit definiert, so müsste man auch für die dritte Sprache B2 fordern. Dies kollidiert dann aber häufig mit dem Wunsch, möglichst viele ausländische Studierende anzuziehen. Der Kompromiss dieser Forderungen bringt dann das Problem der dritten Sprache mit sich. Welche Strategien setzen dann Studierende ein, um die Probleme mit dieser dritten Sprache zu lösen oder zu umgehen? Und wie wird überhaupt die institutionelle Mehrsprachigkeit gelebt? Der Artikel zeigt, dass in diesem Bereich an mehrsprachigen Universitäten noch einige Probleme angegangen werden müssen.

CHRISTOPHER behandelt ähnlich wie PHILLIPSON Mehrsprachigkeit an einer Universität – der Universitá della Svizzera Italiana in Lugano. An dieser an sich nicht offiziell mehrsprachigen Hochschule spielt aber Mehrsprachigkeit schon wegen ihrer Lage in ← 11 | 12 → der mehrsprachigen Schweiz eine grosse Rolle. Und CHRISTOPHER geht es darum, den Sprachgebrauch zu analysieren, der von den vielen mehrsprachigen Studierenden und Dozierenden gepflegt wird. Zentrale Begriffe sind hierbei Sprachenpolitik, Kommunikationsfluss und Sprachenrepertoire. Eine Sprachenpolitik, ob offiziell oder inoffiziell, definiert die Regeln, wobei eine explizite Sprachenpolitik für Transparenz sorgt. Die Sprachenrepertoires der Mitglieder der Universitätsgemeinschaft ermöglichen oder verhindern die Praxis der Sprachenpolitik und beide zusammen beeinflussen den Kommunikationsfluss.

BROHY beschäftigt sich mit Fragen der Evaluation mehrsprachiger Kompetenzen in zweisprachigen Schulmodellen der Schweiz. Dabei wird u.a. deutlich, dass selbst in der mehrsprachigen Schweiz zweisprachige Schulmodelle immer noch als Ausnahmen empfunden werden. Die Evaluation im Bereich Zwei-/Mehrsprachigkeit zeigt geschichtlich eine Veränderung: Wurden zu Beginn hauptsächlich Sprach- und Sachfachkompetenzen im Vergleich zwischen Experimental- und Kontrollklassen betrachtet, so beschäftigen sich neuere Arbeiten auch mit Fragen der spezifischen Klassenführung, der Integration von Sprache und Inhalt und mit den kognitiven und psychologischen Variablen von Zweisprachigkeit. Von speziellem Interesse sind dabei die unterschiedlichen Modelle, die in den verschiedenen Regionen der Schweiz angewandt werden. Hier zeigen sich die Verschiedenheiten zwischen einem mehrsprachigen Land mit Sprachregionen (Schweiz) und einem mehrsprachigen Land qua politischer Definition (Luxemburg).

Der Beitrag von JOVANOVIC schliesst sozusagen die Klammer, die der Beitrag von KELLY geöffnet hatte und bildet das Scharnier zum zweiten Teil dieses Buches, den Blicken Luxemburger Institutionen auf die Mehrsprachigkeit im Land. Das Sprachenlaboratorium, welches Luxemburg von seinen Anfängen her war, bietet schillernde Facetten auf die Mehrsprachigkeit, da liegen innovative und gute Ansätze direkt neben eher idealistischen Praktiken. So verweist JOVANOVIC z.B. auf die Integrierte Sprachendidaktik, die bisher immer noch nicht eigentlich und wahrnehmbar im Grossherzogtum angekommen ist (siehe Beitrag von ESTEVE in diesem Band). Und so wird auch die Diskussion von mehrsprachigen Kompetenzen, die die Mehrzahl der Luxemburger/-innen wohlweislich hat, nicht geführt. Das Individuum hat in den allgemeinen Vorstellungen drei oder auch vier Einzelsprachen säuberlich getrennt ← 12 | 13 → im Kopf – also sozusagen drei oder vier Schubladen, die bei Bedarf gezogen werden. Die allgemeine Kommunikationspraxis ist dagegen völlig anders: fröhlich werden alle Register der Mehrsprachigkeit gezogen – Sprachenwechsel als code switching, mehrsprachige Alltagstexte (Mails) etc. Aber auch hier wird in der Schulpolitik eine Hinwendung zum Englischen deutlich, die häufig – wie überall in Europa – nicht besonders reflektiert wird. (siehe hier den Beitrag von PHILLIPSON in diesem Band) Und genau hier liegt die Schnittstelle zum zweiten Teil dieses Buches, den Blicken Luxemburger Institutionen auf die real gelebte Mehrsprachigkeit!

Stellungnahmen Luxemburger Institutionen

Den Anfang macht CAMES mit einem Artikel, der vor nicht allzu langer Zeit in forum für Politik, Gesellschaft und Kultur (eine Luxemburger Monatszeitschrift) erschienen ist. Der aktuelle Anlass für diesen Artikel war das Luxemburger Referendum vom 7.6.2015 mit der massiven Ablehnung, so will es bei oberflächlicher Betrachtung scheinen, des parlamentarischen Ausländerwahlrechts. Und genau hier greift die Sprachenfrage: Die Stellung zweier Amtssprachen (Deutsch und Französisch) gerät ins Ungleichgewicht, da der allergrösste Anteil der bisherigen Migranten romanophon ist, bevorzugen sie das Französische und hinzu kommt die grosse Anzahl von frankophonen Grenzgängern, die in Luxemburg arbeiten und zumeist kein Sprachenrepertoire mitbringen. Andererseits wird genau diese Sprache Französisch als Selektionskriterium eingesetzt, was die Ressentiments auch nicht gerade herabsetzt. Zusammen mit den komplementären zumindest zurückhaltenden Einstellungen gegenüber dem Deutschen (geschichtliche Ereignisse des Ersten und Zweiten Weltkrieges wirken latent zuweilen noch lange nach) kommt es einerseits zur Stärkung des Luxemburgischen, andererseits aber auch zu einer Stärkung des Englischen. Sehr interessant in diesem Beitrag die Anmerkungen zu einem Luxemburger Deutsch, welches sich problemlos in das Konzert der Plurizentrik einfügen könnte – wir sprechen heute von Österreichischem, Schweizer Standarddeutsch (in der Schweiz häufig nicht sehr nett als ← 13 | 14 → Schriftdeutsch bezeichnet) und den verschiedenen Standards, die in Deutschland selbst gesprochen werden. Und der Ausblick verweist auf ein Mehrsprachigkeitsmodell, in dem die verschiedenen Sprachen entsprechend ihren Funktionen unterschiedliche Korrektheitsstufen aufweisen können und sollen.

Der Beitrag der LUXEMBURGER HANDELSKAMMER zeigt hingegen ganz andere Aspekte der Mehrsprachigkeit auf. Die Struktur der Luxemburger Gesellschaft: fast 46% der Bevölkerung sind Nicht-Luxemburger und fast 72% der Lohnempfänger sind ausländische Staatsangehörige. Entsprechend der sprachlichen Zusammensetzung der arbeitenden Bevölkerung ist das Französische bestimmend auf dem Arbeitsmarkt. Dies steht in Kontrast zur Bedeutung des Luxemburgischen im Alltag und dem Deutschen als mehrheitlich traditionelle Sprache der Presse. Hochinteressant die Aussage, dass Mehrsprachigkeit im Individuum selten ausgeglichen ist – eine Tatsache, die im wissenschaftlichen Diskurs schon seit längerer Zeit belegt wurde, ist wohl inzwischen in der wirtschaftlichen Praxis gleichfalls eine akzeptierte Evidenz! Und ebenso interessant die Aussage, dass das Englische zwar die Sprache der internationalen Wirtschaft ist, dennoch aber andere Sprachen für einen wirtschaftlichen Erfolg notwendig sind: Deutsch, Französisch, Spanisch, aber zunehmend auch Mandarin und Russisch.

Aus der Sicht der Berufswelt macht der Beitrag auch deutlich, dass das Luxemburger Schulsystem sich stärker an den Ausgangsbedingungen der zugewanderten Bevölkerung und den Erfordernissen des Arbeitsmarktes orientieren sollte, was z.B. heute noch nicht in gewünschtem Umfang der Fall ist: ein Grossteil der Einwanderer hat (bisher noch) romanische Sprachen als Erstsprachen, geht in die Lycées techniques, die aber schwerpunktmässig auf Deutsch funktionieren! Dadurch werden die Misserfolge quasi vorherbestimmt.

Die reale Mehrsprachigkeit in Luxemburger Unternehmen wird aber erhalten bzw. ausgebaut durch den zusätzlichen Einbezug von privaten Sprachschulen, eine deutlich andere Politik, wie im Beitrag von EHRHART ausgeführt.

Eine deutlich andere Optik muss die Commission Nationale pour les Programmes de l’Anglaisde l’Enseignement Secondaire Technique einnehmen. Ihr geht es in erster Linie um die Stärkung des Englischen, aber ganz klar nicht zu Lasten der anderen Sprachen. Und ganz klar wird, obwohl der Fachbegriff nicht fällt, dass Englisch in Gemeinsamkeit mit ← 14 | 15 → allen anderen Sprachen gelernt wird – also Integrierte Sprachendidaktik (siehe hierzu ESTEVE und JOVANOVIC in diesem Band). Und das Luxemburgische hat hier ebenfalls eine gewichtige Rolle zu spielen, als Sprache des sozialen Zusammenhalts. Aber interessanterweise zeigt der Artikel am Schluss auf, dass Englisch auch in Luxemburg eine andere Funktion haben muss, als die anderen Sprachen: Da diese Sprache als Fremdsprache unterrichtet wird, ist das ausserschulische Sprachenlernen durch vielfältige Formen des Sprachkontakts durch Medien, Tourismus etc. existenziell. Und Englisch wird mehr und mehr als Fertigkeit angesehen, also mit wenig Kontakt zu kulturellen Kontexten, primär dazu da, Kommunikation über unterschiedliche Sprachenrepertoires hinaus zu ermöglichen.

SCHMIT als (betroffener) Englischlehrer sieht diverse Ausrichtungen und Überbleibsel des Luxemburger Schulsystems ebenfalls kritisch. Er verweist, wie einige andere auch schon, darauf, dass die bisherige Mehrsprachigkeitsideologie mit 3 quasi „muttersprachlich“ beherrschten Sprachen – additive Mehrsprachigkeit – plus vorausgesetztem Luxemburgisch auf die Dauer nicht mehr die Norm sein darf. Also einmal mehr die Forderung nach der Wertschätzung mehrsprachiger Kompetenzen, also die Anerkennung von unterschiedlichen Profilen in den einzelnen Sprachen im individuellen Sprachenrepertoire. Und ganz klar auch sein Bekenntnis zur Integrierten Sprachendidaktik. Alles dies hat aber dann auch Konsequenzen in Bezug auf die Evaluation (zu dieser Problematik siehe den Beitrag von BROHY). So ist der Beitrag mit seinen inneren Bezügen zur europäischen Perspektive von KELLY, mit Bezügen zur aktuellen politischen Situation wie auch bei CAMES vor allem eines: das vehemente Bekenntnis eines Luxemburger Englischlehrers zur Mehrsprachigkeit heute und auch morgen!

Kulturelle Aspekte zu Luxemburg

Eine andere Welt betreten wir dann mit dem dritten Teil dieses Bandes. Aber es ist nur scheinbar eine fremde Welt, denn Kultur spielt in der Sprachenvermittlung eine gewichtige Rolle – denn was wären Kompetenzen ohne Inhalte? ← 15 | 16 →

Zusammenfassung

Worin besteht die europäische Mehrsprachigkeit? Was sind die Spezifika individueller Mehrsprachigkeit in Europa? Welche Beispiele für institutionelle Mehrsprachigkeit gibt es an europäischen Universitäten und Schulen? Und wie mehrsprachig ist das Sprachenlaboratorium Luxemburg? Wie sehen verschiedene Luxemburger Institutionen die Sprachensituation? Und wie schlägt sich Mehrsprachigkeit in literarischen Texten nieder? Mehrsprachigkeit und Interkulturalität bilden eine wesentliche Referenz der Erziehungslandschaft in Luxemburg und durchwirken alle Fachbereiche. Die Beiträge dieses Sammelbandes stellen grundlegende und zum Teil konkurrierende Aspekte dieser Entwicklung vor, die sich europäisch verstehen.
Le sujet de la publication évoque les divers aspects du plurilinguisme que ce recueil rassemble en mettant l’Europe et le Luxembourg au centre de ses réflexions. Quelles sont les réalités et les spécificités d’un plurilinguisme individuel européen ? Comment est-il vécu de façon institutionnalisé et exemplaire au sein d’universités et d’écoles en Europe ? Comment faut-il imaginer le plurilinguisme du Luxembourg en tant que laboratoire langagier ? De quelle façon cette situation est-elle vécue par les institutions luxembourgeoises ? De quelle manière impacte-t-elle les fictions littéraires ? Le plurilinguisme et l’interculturalité constituent d’évidentes prémisses du profil de l’éducation luxembourgeoise dont ils conditionnent toutes les expertises. Les communications de cette publication font le tour d’horizon de cette évolution à travers ses fondements parfois concurrentiels qui se veulent européens.

Details

Seiten
370
ISBN (PDF)
9783034322799
ISBN (ePUB)
9783034322805
ISBN (MOBI)
9783034322812
ISBN (Buch)
9783034316880
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (April)
Erschienen
Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien, 2016. 370 S.

Biographische Angaben

Michael Langner (Band-Herausgeber:in) Vic Jovanovic (Band-Herausgeber:in)

Michael Langner arbeitet als Lehr- und Forschungsrat im Studienbereich Mehrsprachigkeit und Fremdsprachendidaktik an der zweisprachigen Universität Freiburg/Schweiz. Von 2008 bis 2011 war er Gastprofessor und bis Ende 2015 Lehrbeauftragter und Professor an der Universität Luxemburg. Michael Langner est Maître d’enseignement et de recherche auprès du domaine plurilinguisme et didactique des langues étrangères à l’Université bilingue de Fribourg (Suisse). De 2008 à 2011 il était professeur invité et jusqu’au 2015 chargé de cours et professeur à l’Université du Luxembourg. Vic Jovanovic Jahrgang 1949, war bis 2015 Studiendirektor der Sekundarlehrerausbildung an der Universität Luxembourg. Vic Jovanovic Né en 1949, était directeur des études de la formation pédagogique des enseignants du secondaire à l’université du Luxembourg jusqu’au 2015.

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