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Raumformen in der Gegenwartsdramatik

von Paul Martin Langner (Band-Herausgeber) Agata Mirecka (Band-Herausgeber)
Sammelband 158 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Die Verengung des Raumes im Theater des sozialistischen Realismus und die danach erfolgte Erweiterung in den 1960er Jahren (Karol Sauerland)
  • Zur Rauminszenierung in Volker Brauns „Iphigenie in Freiheit“ (Hans-Christian Stillmark)
  • Geschichte des Dokumentarischen Theaters und des teatr.doc/Moskau (Oliver Pfau)
  • Eine Busfahrt in die Abgründe der Religiosität. Raum und Bewegung in Lukas Bärfuss’ Drama Der Bus (Das Zeug einer Heiligen) (Marta Famula)
  • Die Stimmen sind das Theater: der theatrale Hör-Raum in den Stücken von Elfriede Jelinek (Natalia Fuhry)
  • „The Drama in the head“ die Charakteristik des Raumes in Martin Crimps Fewer Emergencies (Joanna Gospodarzyk)
  • „Die Macht verkörpert sich in einer Person, aber die Macht ist keine Person!“ – Politischer Spielraum in Robert Menasses Das Paradies der Ungeliebten (Agata Mirecka)
  • „… die Basreliefs von der Wand ablösen …“ Die Dramatisierung des Epischen am Beispiel von Friedrich Hebbels und Moritz Rinkes Nibelungen-Dramen (Hargen Thomsen)
  • Raumkonzeptionen im heutigen Figurentheater (Jonas Klinkenberg)
  • Äußere und innere Räume. Überlegungen zur Heterotopie. (Paul Martin Langner)
  • Bibliographie
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Dem Begriff des Raumes speziell mit Blick auf das Theater zu diskutieren, ist ein vielfach bedachtes und bearbeitetes Thema. Er erscheint genuin als Bühnenraum in seiner Gegenübersetzung von Zuschauerraum, es wurden Texträume und Erinnerungsräume1, Wahrnehmungsräume und akustische Räume verhandelt. Der vorliegende Band geht auf diese Themen vor allem durch Fallstudien und Analysen von einzelner Werke oder Inszenierungen der Gegenwart ein. Dabei wird aber in nahezu allen Beiträgen ersichtlich, dass das Konstatieren von Raumstrukturen in der einen oder anderen Weise der Komplexität „des Raumes“ gerecht wird. Vielmehr wird immer wieder das Umschlagen von einer Raumspezifik in eine andere benannt und das Ineinandergreifen resp. Überlagern verschiedener Räume problematisiert. Vielleicht ist grade dieses Phänomen das besondere, Theater über Raumbegriffe zu diskutieren, weil deutlich wird, dass nicht eine einzelne Kategorie komplexe Strukturen fassbar machen, sondern eben das Zusammenwirken und „Ineinanderübergehen“ die mehrdimensionalen Raumstrukturen greifbar und diskutierbar machen.

Ausgehend von der historischen Betrachtung im Umgang mit dem Bühnenraum zu Zeiten der Doktrin des sozialistischen Realismus zeichnet Karol Sauerland nach, wie politisch der „leere“ Bühnenraum2, den Brecht als Ausdrucksmittel nutzte, war und wie sehr ideologische Räume und die Interpretation des leeren Bühnenraums miteinander verzahnt waren (und sind) und zu politischen und kulturpolitischen Diskussionen in Polen nach einem Gastspiel des Berliner Ensembles Anlass gab. Damit wird klar, welche Wahrnehmungstraditionen die Vorstellung von Raum auf der Bühne prägen und wie diese Traditionen unter politischen Kontexten bewertet wurden und werden.

Raumvorstellungen sind demnach sowohl historisch wie gesellschaftlich bedingt. Dieser historische Einstieg öffnete die Vielschichtigkeit des Themas und forderte zu eingehender Berücksichtigung bei den nachfolgenden Beiträgen. Denn wie stark historische Bedingungen das Verständnis von ineinander greifende Texträume vorstrukturieren und ihre Bedeutungsebenen virulent werden ← 7 | 8 → lassen, demonstrierte Hans-Christian Stillmark in seinem Beitrag über Volker Brauns Iphigenie in Freiheit, in dem er nachzeichnet, welche Bedeutungsebenen und „isotopische Ketten“ den Text von Braun bestimmen. Keine der Bedeutungen steht für sich, keine entwirft isoliert den Verständnishorizont, sondern auch hier wird das Changieren der hybriden Bedeutungssplitter zur Dynamik des Textverständnisses. Keine der angesprochenen Raumebenen – geographische, politische, historische, sprachliche, existiert demnach für sich, sondern nur in der Vorstellung pluraler Räume kann man sich der Komplexität von Raum und Theater annähern. Ganz aktuell wird das noch einmal in dem Bericht von Oliver Pfau greifbar, der das Aufgreifen des verbatim-Verfahrens in der jungen Theaterszene Moskaus nach 1999 und bis in die unmittelbare Gegenwart dokumentiert.

Ein zweiter Themenschwerpunkt ergab sich in der Auseinandersetzung von den sinnlichen Bereich des Raumes auf dem Theater. Natalie Fuhry beschreibt den Umschlag von optischen Räumen in akustische Räume anhand zweier Texte von Elfriede Jelinek. Die „Hör-Räumen“, die Jelinek entstehen lässt, entwerfen den Raum mit Hilfe von Wörterflut, Sprachspielen, metaphorischen Klanggebilden und Sprachmelodien akustisch. Das Gesehene wird zum Gehörten.

In einer Analyse der Anlage des Dramas „Der Bus“ von Lukas Bärfuss beschreibt Marta Famula das Durchkreuzen von horizontalen, realistischen und vertikalen, religiösen Wegen im Raum. Sie zeigt an dem Stück des schweizerischen Dramatikers, wie sich der Raumbegriff selbst durch verschiedene Bedeutungsebenen auffaltet und an Komplexität gewinnt, und deutet die sich daraus ergebenden Konsequenzen auf der Handlungsebene nach. Die aus geistigen Entschlüssen erwachsende Handlungsebene wiederum tritt als geometrischer Raum in Erscheinung, während das, was als Realität räumlich verortet sein müsste, durch die Dynamik im Stück erst durch das Licht in Erscheinung zu treten scheint.

Agata Mirecka sucht den theatralen Raum, der in dem Stück Das Paradies der Ungeliebten von Robert Menasse vor allem der politischen Auseinandersetzung gewidmet ist, eine weitere Dimension hinzuzufügen, den atmosphärischen Raum. Das Spannungsverhältnis zwischen einem Raum, der durch Stimmen erzeugt wird, und dem dramatischen Raum diskutiert Joanna Gospodarczyk in ihrem Beitrag über Martin Crimp. Nicht das szenische Geschehen schafft die Dramatik, sondern die dialektische Durchdringung von Räumen unterschiedlicher Art, die Crimp in seinen Texten anlegt und den Regisseuren zur Ausführung überlässt, bildet neue Formen von Dramatik. Fragile Räume bilden sich durch die Stimmen demnach in stabilen Raumdimensionen auf der Bühne aus.

Nur scheinbar historisch ist der Zugang von Hargen Thomsen zu den Raumdimensionen im Werk von Friedrich Hebbel. Auf der Grundlage der Dramatisierung ← 8 | 9 → des mittelalterlichen Nibelungenstoffes durch Hebbel beschreibt der Autor eine Reihe von immateriellen Raumkomponenten, wie psychologische, historische, ethnische und mythische Räume und deutet die Veränderungen in zeitgenössischen Adaptationen der letzten zehn Jahre an.

An der Begrifflichkeit von Gerda Baumbach orientiert sich der Beitrag zum Figurentheater von Jonas Klinkenberg, der damit den Bühnenraum als einen doppelten Raum erfasst, an dem eine Überlagerung von Realitäts- und Fiktionsebenen stattfindet.

Trotz der changierenden und vieldeutigen Bedeutungsfelder von Raum, ihre oszillierende Wahrnehmungsebenen muss Raum dennoch als spezifische, ja als verbindliche Konstante gesehen werden. Lässt man ihn als offenes Bezugssystem, in dem sich Heterotopien (Foucault neu gelesen) bilden, bestehen, läuft man Gefahr, Sinnkonstruktionen zu unterlaufen. Die Vervielfachung von Räumen in doppelten Heterotopien löst jede Verbindlichkeit auf, sie ermutigt zu entfesselten, amoralischen Handlungen. Kunst wird immer Sinn setzen wollen, wenn auch nicht eindeutig, aber eine Diffusität von Bedeutungen lenkt künstlerische Äußerungen in ihr Gegenteil, sie zerfällt in Beliebigkeit, und lässt sie somit zu Räumen der Zerstörung und Gewalt werden. Dann nämlich wird das Spiel im Raum zur Realität, das in seiner Bedrohlichkeit und Sinnlosigkeit destruktiv wirkt, zur Zerstörung der Möglichkeiten aufruft. Diese Überlegung von Martin Langner schließt den Band als Gedankenspiel ab und provoziert weitere Diskussionen über Grenzen, Funktionen und Bedeutungen des Raumes auf dem Theater.

Die vielfältigen Beobachtungen und Ergebnisse ließen sich unschwer ergänzen. Dennoch werden paradigmatische Beobachtungen möglich, die den Raum als Kategorien des zeitgenössischen Theater operabel machen. Die vorgelegten Beiträge lassen erkennen, dass die unterschiedlichen Raumkategorien, die in dem Band verhandelt werden, in keinem Falle solitär auftreten. Niemals ist eine dieser Raumkategorien derart bestimmend, dass sie unabhängig von anderen wirksam werden könnte. Der Umschlag von einer Raumkategorie in die andere, das Ineinandergreifen oder das Parallelführen verschiedener Raumkategorien (sei es als Hörraum, als Geschichtsraum, als Wahrnehmungsraum, als topographischer Raum) deuten an, dass die diskutierten Raumkategorien sich offensichtlich gegenseitig bedingen. Deshalb scheint es durchaus bei der Beschreibung unterschiedlicher Aspekte des Theaters – sowohl auf der textuellen Ebene, wie auf der Inszenierungsebene – sinnvoll zu sein, sich der Begriff „Raum-“/„-raum“ zu bedienen. Vergleichbar dem geometrischen Raum, der sich für unsere rationale Beschreibung in drei Dimensionen erstreckt, sind die genannten (und anderen hier nicht untersuchten) Raumkategorien des Theaters im Zusammenspiel bedingt. ← 9 | 10 → Erst die aus dem Zusammenspiel resultierenden Wechselwirkungen formen die verschiedenen Dimensionen des Theaters, den „Spielraum“ des Dramatischen in der Gegenwart. Demnach sind die Raumkategorien des zeitgenössischen Theaters mehrdimensional und der Raum erscheint damit multiakzentuierbar,3 um einen Ausdruck des Schülers von Michał Bachtin aufzugreifen, Valentin Vološinov. Darüber hinaus verstärken die Ergebnisse den Eindruck, als wenn diese Raumkategorien frei miteinander kombinierbar sein könnten. Hier wären weitere Untersuchungen notwendig, aber die gingen über den gesteckten Rahmen hinaus.

Für die Herausgeber


1 Diestelhorst, Julia: Reaktionen auf Geschichte: Geschichtsraum im Theater von Lothar Trolle – gezeigt am Beispiel von Das Dreivierteljahr des David Rubinowicz. In: Tendenzen der zeitgenössischen Dramatik. Hrsg.: Paul Martin Langner und Agata Mirecka. Frankfurt/M.: u.a.: 2015, S. 31–42.

Details

Seiten
158
ISBN (PDF)
9783631734599
ISBN (ePUB)
9783631734605
ISBN (MOBI)
9783631734612
ISBN (Buch)
9783631734582
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
Heterotopie Figurentheater Sozialistischer Realismus Friedrich Hebbel Virtuelle Theaterräume Theatrale Hörräume
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 158 S.

Biographische Angaben

Paul Martin Langner (Band-Herausgeber) Agata Mirecka (Band-Herausgeber)

Paul Martin Langner leitet den Lehrstuhl für Literaturwissenschaft an der Pädagogischen Universität Kraków. Er befasst sich mit Regionalforschungen, untersucht theologische und dramatische Texte des Mittelalters, befasst sich mit Entwicklungen der zeitgenössischen Dramatik sowie Fragen der Performativität und Perzeption. Agata Mirecka arbeitet an der Pädagogischen Universität Kraków. Ihre Forschungsfelder sind die Werke der Prager deutschsprachigen Autoren und das deutsche Drama des 20. und 21. Jahrhunderts.

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Titel: Raumformen in der Gegenwartsdramatik