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Christian Wagner. Beiträge zu Leben und Werk

von Burckhard Dücker (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 198 Seiten

Zusammenfassung

Im Fokus der Beiträge steht der Lyriker Christian Wagner (1835–1918), Vertreter der literarischen Moderne um 1900. Sein oft provokatives Engagement in Literatur und Essays für Pazifismus, Minderheiten, ökologische Landwirtschaft, Tierschutz und Vegetarismus trug ihm öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung ein. Vertreter der Lebensreformbewegung, des Friedrichshagener Kreises, Intellektuelle und Schriftsteller nahmen Kontakt mit ihm auf. Er prägte nachhaltig den Begriff Freitod und verteidigte das Recht darauf. Die Beiträge einschlägiger Spezialisten stellen unveröffentlichte Texte vor und ermöglichen überraschende Begegnungen mit einem der Vordenker der Gegenwart.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung (Burckhard Dücker)
  • Christian Wagners Erstling Schloß Glemseck. Eine romantische Sage und der deutsche historische Roman im 19. Jahrhundert (Joachim Bark)
  • Christian Wagners literarische Anfänge (Axel Kuhn)
  • Lebensreform, Schönheitskult und literarischer Klassizismus. Christian Wagners Hadrian-Epos (1893) (Wilhelm Kühlmann)
  • Dichten und Bekennen. Über das Verhältnis von neuem Glauben und altem Katechismus bei Christian Wagner (Wolfgang Vögele)
  • Christian Wagners Haushaltsbücher. Zeugnisse der sozialen Transformation vom Kleinlandwirt zum Dichter (Burckhard Dücker)
  • Beobachtungen zur Sprache Christian Wagners (Jörg Riecke)
  • Nane Wagner, Bäuerin, Hebamme und Frau des Dichters (Karin Zeidler)
  • Der Wandel des Umweltbewusstseins in der Zeit um 1900 (Hansjörg Küster)
  • Personenregister
  • Beiträger

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Burckhard Dücker

Einleitung

1. Zur Institution der Wagner-Tagungen

Alle Beiträge dieses Bandes gehen auf Vorträge zurück, die bei der 5. wissenschaftlichen Tagung der Christian-Wagner-Gesellschaft Leben und Werk Christian Wagners am 21. und 22. November 2015 im Wagner-Haus in Warmbronn gehalten wurden. Mit dieser Tagung, die ausschließlich Themen der Biographie und Werkgeschichte Wagners gewidmet war, wird die erfolgreiche Tradition der Erschließung wissenschaftlicher Erkenntnisse zum ,Phänomen‘ Wagner und deren Vermittlung an die interessierte Öffentlichkeit fortgesetzt. Als Spezifikum der seit 2007 alle zwei Jahre im Wagner-Haus veranstalteten Tagungen darf deren besondere Atmosphäre gelten, die durch die freie Zugänglichkeit für jedermann und die Möglichkeit geschaffen wird, nach jedem Vortrag und in den Pausen im zwanglosen Gespräch mit allen Referenten das Gehörte zu vertiefen.

Die erste Tagung (2007) hatte als Thema Wiederentdeckung eines Autors. Christian Wagner in der literarischen Moderne um 1900. Die Beiträger legten Schneisen von Wagners Texten zu deren Kontexten, zugleich machten sie umgekehrt Wagner als Schnitt- bzw. Bezugspunkt zentraler Tendenzen der Moderne und deren Repräsentanten sichtbar. Überdies wurde die Singularität der Dichtung und Programmatik Wagners auch duch Vergleiche mit Autoren anderer Länder bestätigt. Die zweite Tagung (2009) mit dem Titel Lernort Literaturmuseum. Beiträge zur kulturellen Bildung beschäftigte sich mit Möglichkeiten, Dichterhäuser und Literaturmuseen als Orte kultureller, literarischer, alltagsgeschichtlicher Bildung praktisch einzusetzen und speziell für junge Menschen attraktiv zu machen. Sowohl forschungstheoretische Ansätze zur Förderung kultureller Teilhabe als auch Ergebnisse konkreter Versuche zur pädagogischen Inanspruchnahme von Literaturmuseen wurden vorgestellt. Gemeinsam mit der Internationalen Schelling-Gesellschaft ging es 2011 um Naturphilosophie – Naturdichtung, wobei entsprechende Grenz- und Spezialthemen behandelt wurden. Schließlich war die vierte Tagung 2013 mit dem Titel Machen – Erhalten – Verwalten. Aspekte einer performativen Literaturgeschichte Praktiken des Kulturbetriebs gewidmet, wie der Verlags-, Theater-, Museums-, Archivarbeit, dem Restaurieren von Handschriften und der Basisfrage ,Wie wird man Autor(in)‘. Die Beiträge sind jeweils in Tagungsbänden dokumentiert. ← 7 | 8 →

2. Zur Wagner-Forschung

So lenken die Tagungen forschungstheoretisches und -praktisches Erkenntnisinteresse zahlreicher Vertreter unterschiedlicher Disziplinen auf den von Jahr zu Jahr umfassender entdeckten und genauer erforschten literarischen Kosmos Christian Wagners, wozu auch die Programmatik des Dichters von der Schonung alles Lebendigen als sein verbindliches Lebenskonzept gehört. Vor allem zwei große Arbeitsbereiche hat die Wagner-Forschung zu bedienen: So sind umfangreiche Bestände bisher unveröffentlichter oder nur in Auszügen bekannter Handschriften (Lyrik, autobiographische Texte, Korrespondenzen) – häufig – in ihrer Materialität zu sichern und nach wissenschaftlichen Editionsprinzipien zugänglich zu machen, neben Textsicherung und -edition geht es um die Erschließung der literarischen Weltauslegungsangebote und programmatischen Perspektiven Wagners hinsichtlich deren Gattungs- bzw. Textsortenzugehörigkeit, ideen- und motivgeschichtlicher Zuordnung, sprachlicher Gestaltung und Bezüglichkeit zum je historischen und zeitgenössisch literarisch-kulturellen Kontext. Auch eine umfassende und gesicherte Biographie ist noch Desiderat, obwohl seit mehreren Jahren an einem solchen Projekt gearbeitet wird.

Immer deutlicher wird Wagner als Vordenker der Gegenwart sichtbar, dessen Plädoyers für Natur- und Tierschutz in umfassendem Sinne, für Vegetarismus und ökologische Landwirtschaft avant la lettre, für den Schutz und die Integration von Minderheiten, für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod, markiert durch den von ihm geprägten Begriff ,Freitod‘, belastbare Argumentationshilfen in den entsprechenden aktuellen Diskursen bieten können. So ist 2002 der Tierschutz ins Grundgesetz als Artikel 20a aufgenommen worden. Niemals vertritt Wagner seine Positionen fundamentalistisch, sondern mit dem jeweils gebotenen Realitätssinn. Er entwirft Perspektiven und praktiziert diese im Rahmen seiner Möglichkeiten. Dass einzelne Segmente seiner Programmatik immer noch konfliktfähig und unentschieden sind, bestätigt nur den fundamentalen Ansatz seiner Weltsicht. Dass aber auch Wagners programmatisch unterfütterte Naturlyrik Anregungen für die Naturlyrik der Gegenwart und Anlass zu Anschlussdichtungen zeitgenössischer Autoren gibt, bestätigen die Preisträger des Wagner-Preises in ihren Dankreden.

Sichtbar werden die ungebrochene Aktualität Wagners und die Produktivität der Wagner-Forschung an einer Reihe wichtiger neuer Veröffentlichungen, die hier kurz erwähnt werden sollen. Dazu gehört die 2014 von Axel Kuhn herausgegebene Warmbronner Schrift1 27 Schonung alles Lebendigen. Schriften aus dem Alltag 1901–1915, die sozial- und umweltpolitische Essays versammelt, aber auch der ← 8 | 9 → 2015 erschienene Auswahlband Ein Stück Ewigkeitsleben mit der erstmals vollständig veröffentlichten Autobiographie, auch von Axel Kuhn herausgegeben und mit einer umfassenden literatur- und zeitgeschichtlichen Einführung von Burckhard Dücker. Ebenfalls ins Jahr 2015 fällt die Edition des biographisch wichtigen Bandes Christian Wagner und Tony Schumacher. Briefwechsel 1893–1915 herausgegeben von Günther Kurz und Eva Dambacher mit einem Vorwort von Friedrich Pfäfflin. In einem umfangreichen Beitrag mit dem Titel Zwischen Freitod und Nothtod für die Zeitschrift Iablis (www.iablis.de2015) hat Burckhard Dücker unter Berücksichtigung des philosophischen Kontexts gegen Ende des 19. Jahrhunderts gezeigt, dass Wagner den Begriff ,Freitod‘ geprägt und 1885 erstmals verwendet hat. 2016 ist der von Burckhard Dücker herausgegebene Tagungsband Machen – Erhalten – Verwalten erschienen. Ebenfalls 2016 ist eine Neuausgabe von Wagners Erstling Märchenerzähler, Bramine und Seher erschienen, herausgegeben von Harald Hepfer und Andrea Wieck mit einem Nachwort von Axel Kuhn. Dessen Studien zum Verhältnis Wagners zu Freiligrath sind 2016 als WS 29 mit dem Titel Blumenrache. Eine Hommage Christian Wagners an Ferdinand Freiligrath erschienen.

3. Zu den Beiträgen

In den Beiträgen dieses Bandes, die sich z.T. auf unveröffentlichte Bestände des Christian-Wagner-Archivs2 stützen, werden durchgehend Bezüge zu den Deutungsfolien ,Wagner als Autor der Moderne um 1900‘ und ,Wagner als Vordenker der Gegenwart‘ sichtbar. Joachim Bark stellt Wagners historischen Roman Schloss Glemseck (1877) vor, der als Fortsetzungsroman erschienen ist und geht auch auf die Erzählweise ein. Wagner nutzt seine regionalen und – durch Studien unterschiedlicher Quellen erlangten – historischen Kenntnisse, um die Ruine Glemseck als vormaliges Schloss zum Bezugsort einer historisierenden Handlung (Niederlage und Tod des letzten Staufers Konradin 1268) in mittelalterlicher Staffage (Lehenstreue, Intrigen, Verrat, Liebesgeschichten, Minnesänger) zu machen. Indem Wagner sich an Wilhelm Hauffs Lichtenstein (1826) als Vorlage orientiert, wird deutlich, dass er vom anhaltenden Erfolg der Gattung historischer Roman profitieren will. Schon hier zeigt sich Wagners Verfahren: Zu einem sichtbaren Phänomen – hier die Ruine – entwirft er gestützt auf Quellenstudien dessen an Leseerwartungen der Gegenwart ausgerichtete Geschichte. Axel Kuhn untersucht am Beispiel der Lyrik Wagners literarische Anfänge. Er informiert über dessen Handschriften im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA), deren Bezüglichkeiten und Chronologie, ← 9 | 10 → über Wagners Schreibanlässe (Todesfälle in der Familie, Schreiben als Leidverarbeitung) und seine Vorbilder (vor allem Lord Byron, Nikolaus Lenau). Zu Wagners Strategie, sich als Dichter durchzusetzen, gehört offenbar die systematische Lektüre klassischer und zeitgenössischer Autoren. Wilhelm Kühlmann beschäftigt sich mit Wagners Hadrian-Epos und zeigt – literatur- und bildungsgeschichtlich weit ausgreifend – mögliche Einflüsse auf Wagner im Überblick über literarische und bildnerische Gestaltungen Hadrians und seines ,Lieblings‘ Antinous im 19. Jahrhundert. Als um 1900 aktuelle Parallele zu Antinous gibt Kühlmann den Maximin-Kult des George-Kreises zu bedenken. Auch für dieses Thema profitiert Wagner von seinen regionalen Kenntnissen und zeigt sich mit aktuellen Hypnosetheorien vertraut. Im Vergleich mit der Hadrian-Version Adolf Hausraths legt Kühlmann die gestalterische und sprachliche Perfektion Wagners offen und zeigt eine interessante Perspektive, indem er Wagners bisher unterschätzte literarische Position aufgrund des Hadrian gegenüber Felix Dahns Erfolgsroman Ein Kampf um Rom (1876) aufwertet.

Wolfgang Vögele geht in seinem Beitrag Dichten und Bekennen auf Wagners Verwendung der alten Form des Katechismus (Ausführungen zur Katechismusgeschichte) für die Lehre seines neuen Glaubens ein. Wagner wähle aus verschiedenen Religionen Segmente und Begriffe, um sie anthropologisch zu wenden und so für seine eigene singuläre Position zu verwenden. Diese Authentizität sei im Zusammenhang zu sehen mit Wagners Prägung durch die pietistisch fundierte württembergische Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts. Deren Forderung individueller Frömmigkeit führe bei Wagner letztlich zur Überwindung des vorgegebenen Rahmens durch die Bestimmung einer eigenen Position außerhalb der vorgegebenen Richtung.

Burckhard Dücker wertet die unveröffentlichten Haushaltsbücher Christian Wagners als Zeugnisse seiner sozialen Transformation zum Dichter. Vom Ende der 1880er Jahre an verlieren die landwirtschaftlichen Einträge gegenüber den literaturbezogenen (Honorare, Buchsendungen, Pensionen usw.) und jenen, die der Lebensform Dichter (Kleidung, Ansichtskarten als Zeichen des zunehmenden Korrespondenznetzes, Reisen, Genussmittel usw.) gelten, immer mehr an Bedeutung. Nach den Haushaltsbüchern scheint Dichter eine Funktion ökonomischen Handelns zu sein, denn Reflexionen aufs Schreiben, narrative Passagen, Entwürfe, Ideen, Zeitkommentare gibt es nicht. Wagner teilt die Existenz der Haushaltsbücher der dorfexternen literarischen Szene nicht mit, um seine ökonomische Basis als Kleinlandwirt womöglich zu kaschieren. Er verwendet den Begriff Landmann, wohl um die Beziehung zwischen Bauer und Dichter sozial zu neutralisieren und kulturell aufzuwerten. Jörg Riecke analysiert in seinem Beitrag zur Sprache Wagners am Beispiel der Programmschrift Neuer Glaube dessen Wortgebrauch. ← 10 | 11 → Eine große Zahl gefühlsbezogener Ausdrücke weist auf Wagners stark pietistische Orientierung hin. Hinzu kommen zahlreiche Neologismen und Bewegungsbegriffe (Suffix -ung), die Wagners Intention belegen, etwas Neues zu stiften. Rieckes Nachweise der Erstbelege von Wagners Vokabular führen zum Pietismus als Quellenbereich.

Karin Zeidler zeichnet den weiblichen Alltag im Dorf um 1900 am Beispiel von Wagners zweiter Ehefrau Nane Wagner nach. Dass sie als kommunale Hebamme verpflichtet wird, zeigt nicht nur ihre Anerkennung im Dorf, sondern belegt auch eine Form finanzieller Unabhängigkeit vom Ehemann. Der Parallelität und Doppelbelastung von Schreiben und Landwirtschaft bei Wagner entspricht die von Berufs- und Haushaltstätigkeit bei seiner Ehefrau. Mit Wagners zentraler Programmatik, Natur- und Tierschutz, beschäftigt sich Hansjörg Küster im Beitrag Der Wandel des Umweltbewusstseins in der Zeit um 1900. Er zeigt, dass sich gegen den Landschaftsverbrauch der expansiven Industrie um 1900 zumeist privat organisierte Gegenströmungen bilden, die durch den Ankauf geeigneter Flächen Rückzugsorte für gefährdete Tierarten schaffen. Indem diese Flächen mit Beobachtungsstationen für die interessierte Öffentlichkeit versehen werden, soll ein entsprechendes Bewusstsein für Tier- und Landschaftsschutz geschaffen werden. Am Beispiel des ,Bund[es] für Vogelschutz‘, der Vorläuferorganisation des NABU, zeigt Küster diese Entwicklungen, deren Beeinflussung durch Wagners Positionen nicht unwahrscheinlich ist.

So öffnen die Beiträge Perspektiven für Anschlussforschungen, die womöglich komparatistisch einzelnen Motiven des dichterischen Werks Wagners und Segmenten seiner Programmatik nachgehen.

Biographische Angaben

Burckhard Dücker (Band-Herausgeber:in)

Burckhard Dücker lehrt als außerplanmäßiger Professor Neuere Deutsche Literaturwissenschaft am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg. Er ist Vorsitzender der Christian-Wagner-Gesellschaft. Seine Schwerpunkte umfassen unter anderem die Ritualwissenschaft sowie die literarische Situation um 1900.

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Titel: Christian Wagner. Beiträge zu Leben und Werk