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Der Kunst ausgesetzt

Beiträge des 5. Internationalen Kongresses für Kirchenmusik, 21.–25. Oktober 2015 in Bern

von Thomas Gartmann (Band-Herausgeber:in) Andreas Marti (Band-Herausgeber:in)
©2017 Sammelband 344 Seiten

Zusammenfassung

Ein reiches Programm mit Konzerten und Gottesdiensten, Referaten und Diskussionen prägte den 5. Internationalen Kirchenmusikkongress, der Ende Oktober 2015 in Bern stattfand. Dabei wurde das Verhältnis von Religion, Kirche und Liturgie zur Musik aus musikwissenschaftlicher, historischer und theologischer Sicht betrachtet. Der Kongressband enthält die Hauptreferate, aber auch Beiträge zu einigen der Workshops, die zwischen Reflexion und Praxis vermittelten – von Perspektiven des zukünftigen Orgelbaus bis zu Möglichkeiten des Zusammenwirkens von Musik und Liturgie.
Aufgenommen wurde auch eine Auswahl von Einblicken in die Arbeitsgebiete von Doktorandinnen und Doktoranden, die diese im Rahmen eines Forschungskolloquiums präsentiert hatten; zudem wird der Schlussgottesdienst des Kongresses im Berner Münster dokumentiert – mit der Predigt, Beiträgen zur Zusammenarbeit und zum Entstehungsprozess der Neukomposition von Lukas Langlotz und Gedanken von Teilnehmenden.
Ergänzt wird der Band durch eine Übersicht über alle Veranstaltungen und einen Bericht zu den vorhergehenden Kongressen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Eröffnung
  • Der Kunst ausgesetzt. Vorwort (Thomas Gartmann)
  • Zwischentöne. Festvortrag (Thomas Hürlimann)
  • Referate
  • Funktionsäquivalenz von Religion und Musik – oder: Das Werk ist der Ritus (David Plüss)
  • Das Werk ist der Ritus (Lennart Dohms)
  • Verschwendung aus Freude. Anmerkungen zu Stockhausens Vertonung des Pfingsthymnus (Roman Brotbeck)
  • Tradition, Reform, Innovation – Kirchenmusik im Spannungsfeld von Geschichtlichkeit und Gegenwärtigkeit (Klaus Pietschmann)
  • PunktKlangKugel (Daniel Glaus)
  • Zur Aufgabe einer Theologie der Musik (Matthias Zeindler)
  • Nil impurum aut lascivum. Fragen zur musikalischen Theologie der katholischen Kirche (Alois Koch)
  • Klingende Asche, tönender Staub. Musiktheologische Überlegungen in evangelischer Perspektive (Stefan Berg)
  • Workshops
  • Welche Orgel braucht die Zukunft? Tendenzen im zeitgenössischen Orgelbau (Emanuele Jannibelli)
  • Wie klingt katholisch? (Martin Hobi)
  • Musik und Liturgie (Andreas Marti)
  • Weltmusik Kirchenmusik. Zwischen Globalisierung und Kontextualisierung (Katrin Kusmierz / Benedict Schubert)
  • Bach und Händel in den deutschen Diktaturen (Thomas Gartmann)
  • Komponistin und Komponisten im Gespräch (Alois Koch)
  • Forschungskolloquium
  • Hans Werner Henzes Requiem als stummer Pate von Jörg Widmanns orchestraler Messe (Florian Henri Besthorn)
  • Letting the Entire Body of Christ Speak. Moving Beyond the Female / Male Binary in Liturgy (Stephanie A. Budwey)
  • Liturgische Musik mit Gemeindebeteiligung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Manfred Novak)
  • Kirchenmusikalische Gruppen als Praktiken der Selbsttranszendenz (Julia Koll)
  • Liturgical Bodies in Motion – Klangliche Gestik und visueller Gesang in der mittelalterlichen Visitatio Sepulchri (Irene Holzer)
  • Händels Judas Maccabaeus in der Textbearbeitung von Hermann Burte und der Umgang mit geistlichen Stoffen unter dem Nationalsozialismus (Simeon Thompson)
  • Lesung
  • Elazar Benyoetz – Meister der Aphoristik. Einleitung zur Lesung in der Synagoge Bern (Hans-jürg Stefan)
  • Wüste und Sinai. Lesung in der Berner Synagoge, 22. Oktober 2015 (Elazar Benyoetz)
  • Gottesdienste
  • Laudes I und II in der Christkatholischen Kirche St. Peter und Paul (Helene Ringgenberg)
  • Schlussgottesdienst im Berner Münster, Liturgieblatt
  • «Gebet». Kurzpredigt (Beat Allemand)
  • Herausforderungen liturgischen Komponierens. Gespräch zum Schlussgottesdient (Lukas Langlotz / Esther Schläpfer)
  • Fragen an den Schlussgottesdienst (Konrad Klek)
  • Der ökumenische Abschlussgottesdienst (Alois Koch)
  • Dokumentation
  • Fünf Internationale Kongresse für Kirchenmusik 1952–2015 (Hans-Jürg Stefan)
  • Die Veranstaltungen des 5. Internationalen Kirchenmusikkongresses, Bern, 21.-25. Oktober 2015
  • Fazit
  • 5. Internationaler Kongress für Kirchenmusik (Manfred Novak / Yookyung Nho-Von Blumröder)
  • Schlusswort des Kongresses (David Plüss)
  • Kurzbiographien
  • Reihenübersicht

Eröffnung

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Der Kunst ausgesetzt

Vorwort

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«Sie haben nicht das Recht, uns ungeschützt der Kunst auszusetzen!» So entrüstete sich eine Hörerin nach einem Orgelkonzert mit zeitgenössischer Musik anlässlich des letzten Kirchenmusikkongresses vor 18 Jahren. In diesen 18 Jahren kam es zu einer zunehmenden Entfremdung der Gemeinde von der Kirche, des Publikums von der Neuen Musik. Die allgemeine Verunsicherung führte oft zu einer kirchenmusikalischen Beliebigkeit. Dazu verhärtete sich mancherorts das Verhältnis zwischen Pfarrleuten und Kirchenmusikern. Unverkennbar ist auch eine Entfremdung neuerer geistlicher Musik vom rituellen Tun der Kirche: Vermittlung tut also not.

Verstärkt hat sich dazu aber auch die Grundspannung der Musik in der Kirche: Wie geht eine Volkskirche mit Grabenkämpfen zwischen populärer und anspruchsvoller Musik um? Wie sind diese zu überwinden? Und müssen sie überhaupt Kontrahenten sein? Wie sehr soll und darf Musik in Gottesdiensten und Kirchenkonzerten Hörerwartungen befriedigen? Oder gar Unterhaltungsbedürfnisse? Hieße dies dann auch, sich mit dem Einfachen, Lauen zufriedenzugeben? Oder kann man auch beides miteinander verknüpfen?

Dabei steht auch die Kirche als Ganzes in dieser Spannung: Soll sie mit ihrer Arbeit eine aktuelle religiöse Nachfrage bedienen, die nach Wohlfühl-Spiritualität lechzt? Doch führt dann eine solche Haltung nicht gerade zu einem weiteren Exodus, wie wir es in verschiedenen Schweizer Kantonen erleben? Oder sollen und können die Kirche und ihre Musik nicht vielmehr auch eine kritische, widerständige, zum Denken anregende Stimme in der Gesellschaft sein? Diesen Fragen müssen sich Kirche und Kirchenmusik immer wieder neu stellen. Und weil sich diese Diskussion in den letzten Jahren weiter verschärfte, war es wieder Zeit für einen neuen Kirchenmusikkongress.

Dieser jüngste, nunmehr fünfte internationale Kirchenmusikkongress in der Schweiz erprobte im unmittelbaren zwischenkirchlichen Kontakt den Aufbruch: Wie klingt Kirchenmusik für eine heutige Zeit? Und was hat sie mit uns zu tun? Wie schafft man Relevantes und zugleich Verständliches? ← 11 | 12 →

Wir offerierten für fünf Tage eine Begegnungsplattform, einen vielfältigen Erfahrungsaustausch und das Gespräch, einen interkonfessionellen und ökumenischen Dialog zwischen Christkatholiken und Reformierten, zwischen Römisch-katholischen und Juden, bauten Brücken, auch zwischen Kirchenmusik und Theologie, zwischen Theorie und liturgischem Alltag.

Und siehe da: es funktionierte. Über religiöse Grenzen hinweg konnten wir in der Gemeinschaft etwas von diesen Werten vermitteln. Wir erlebten die soziale Kraft gemeinsamen Singens und Lauschens. Wir konnten neue Impulse auslösen für das kreative Schaffen; wir durften die sinnstiftende Wirkung von Kirchenmusik neu erfahren: Kirchenmusik und Musik in der Kirche, die uns alle aufrüttelt und beglückt. Und wir durften einen gemeinsamen Geist erleben in Konzerten, Referaten, Diskussionen und liturgischen Feiern. Aus dieser Nähe entstand Reibung und dadurch auch Wärme: Tage intensiver Begegnungen sind geglückt.

Weshalb hat dies so schön funktioniert? Die Rahmenbedingungen waren günstig. Vier Säulen trugen das ganze Projekt: Die Hochschule der Künste Bern basiert auf den drei Pfeilern Zeitgenössische Musik, Forschung und Vermittlung – eine geradezu ideale Kombination für dieses große Experiment. Das geistliche Äquivalent hierzu bildete die Theologische Fakultät der Universität Bern mit dem Kompetenzzentrum Liturgik. Nach einigem Zögern zeigten sich auch die drei Landeskirchen und die Jüdische Gemeinde ebenso offen wie interessiert, und tatkräftig beteiligten sich die lokalen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker. So wurden zahlreiche Querbezüge möglich zwischen allen Formaten, zwischen Konzerten, Workshops, Gottesdiensten und Referaten. In fünf Tagen fanden so eng aufeinander abgestimmt und miteinander verknüpft 12 Konzerte und 16 Gottesdienste mit 8 Uraufführungen und Werken von 50 Komponistinnen und Komponisten, 23 Referate und 15 Workshops statt.

Die Ziele des Kongresses waren ebenso ehrgeizig wie vielfältig: Erstmals wollten dessen Träger (eben: Kirche, Musik- und Liturgieausbildung und Forschung) gemeinsam die angesprochenen Probleme angehen und auf die verschiedenen Fragen Antworten für die Zukunft finden. Es galt, zwischen den Fronten zu vermitteln und Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Akteuren, aber auch zwischen ihnen und dem Publikum, der Gemeinde. Bewusst wählten wir das Motto Der Kunst ausgesetzt: Darf gottesdienstliche Musik eine Zumutung sein? Wie weit darf man Interpreten fordern, was darf man dem Publikum zumuten? Welche liturgischen Formen sind möglich, um die Gemeinde stärker einzubinden?

Mit Neukompositionen wurden modellhafte Wege ausprobiert, in enger Zusammenarbeit von Theorie und Praxis, Komposition und Litur ← 12 | 13 → gik. Zur Standortbestimmung gehört die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wie mit der Zukunft. Wir wollten herausfinden, wie man sich stilistisch öffnen kann, ohne sich anzubiedern. Insbesondere galt es auch, die junge Generation wieder zu interessieren, die Träger des künftigen Kirchenmusiklebens.

Anders als früher konnte der ökumenische Gedanke stärker ausgeprägt werden: Die Christkatholische Kirche beherbergte das Kongresszentrum, das Eröffnungskonzert fand in der römisch-katholischen Dreifaltigkeitskirche statt, auch die jüdische Gemeinde beteiligte sich am Kongress. Den Mittelpunkt bildete wiederum die Berner Münstergemeinde mit ihrem Organisten, Forscher, Komponisten, Lehrer und Spiritus Rector Daniel Glaus. Er war es auch, der in der Synagoge auf der Orgel improvisierte, im Dialog mit dem rabbinisch gebildeten deutschsprachigen Wortkünstler und Aphoristiker Elazar Benyoëtz.

Dem Kongress war mit insgesamt rund 4000 Besuchen ein voller Erfolg beschieden. Es gab zahlreiche aufrührende und beglückende musikalische Erlebnisse, neue Impulse, intensive Begegnungen sowie anregende Diskussionen. Dazu erwies sich bereits im Vorbereitungsprozess mit kontroversen, aber fruchtbaren Auseinandersetzungen: «Der Weg ist das Ziel».

… ausgesetzt

Unsere Devise lautete: Der Kunst ausgesetzt. Wenn Kirche und Theologie die kritische, erneuernde Kraft des Evangeliums zur Geltung bringen wollen, können sie auf eine Musik nicht verzichten, die ihrerseits aussetzt, der man nicht bloß zuhören kann, sondern die zum Hinhören zwingt und die Auseinandersetzung nicht scheut. «Die Kirche kann als Institution nur überleben, wenn sie mit allen Konsequenzen auch im Künstlerischen die Liturgie pflegt» (Alois Koch). Weil man das Motto ernst nahm und auch konsequent weiterdachte, bedeutete dies zugleich aber auch: Dem Evangelium ausgesetzt, dem Wort Gottes, dessen Verkündigung und Reflexion.

Die Diskussion über das Primat von Wort oder Ton wurde als roter Faden vom Festvortrag bis zu den Podiumsgesprächen geführt, ebenso die Frage, ob sich das Eine dem Anderen überhaupt unterordnen müsse oder ob sich Musik und Liturgie nicht vielmehr auch auf gleicher Ebene verbinden könnten?

Nicht gescheut wurde die praktisch-pragmatische Diskussion: Den Kirchenmusikern ausgesetzt. Abgehoben. Elitär. Für die tägliche Praxis ← 13 | 14 → untauglich. Im Vorfeld des Kongresses hörte man öfter solche Äußerungen, manchmal auch noch während des Kongresses. Die Kirchenmusiker einzubinden, ist aber essentiell.

Und schließlich, vielleicht am wichtigsten: Den Jungen ausgesetzt. Die Konfrontation des Nachwuchses mit einer zukunftsträchtigen neuen (Kirchen-)Musik war vielleicht das nachhaltigste Ergebnis und beglückendste Erlebnis dieser Tage, und der Gesang wurde schon während der Probenzeit teils bis ins Elternhaus getragen.

Darf denn gottesdienstliche Musik eine Zu-Mutung sein? Der Kongress gab hierzu eine deutliche Antwort: Sie darf es, ja, sie muss es. Wenn man den Mut hat, Gemeinde, Publikum, Musikerinnen und Theologen ernst zu nehmen, sie zu fordern, Ansprüche zu stellen, dann kann dies gelingen.

Ein reichhaltiges Konzertprogramm und Gottesdienste im kleinen und großen Rahmen bildeten die Basis für die direkte Auseinandersetzung auch mit Ungewohntem. Ganz starke Momente stellten sich ein, intellektuell, emotional, spirituell, in Veranstaltungen wie in der Vorbereitung. Die Beteiligten erlebten die intensive Zeit teils fast rauschhaft, sehr dicht; manchmal war es fast nicht auszuhalten. Kraft holen durfte dabei körperlich wie geistig erfahren werden. Neue Musik ist kein Massenphänomen. Trotzdem fühlte sich eine große Menge angesprochen. Breite, Vielfalt, Toleranz, Offenheit, Guter Geist führten zu einem Markstein: «Eine Vision hat Realität gefunden» (Daniel Glaus).

Kirchenmusik?

Was ist überhaupt Kirchenmusik? Geht es um Musik für die Liturgie? Um Musik für die Kirche? Oder für den Kirchenraum und dessen Akustik und Szenographie? Geistliche Musik im weiteren Sinne überwog deutlich gegenüber liturgischer Musik im engeren Sinne. Dem entsprach die feststellbare Tendenz, der Musik große Selbständigkeit dem Ritus gegenüber, sogar bis hin zu einer den Ritus bestimmenden Autonomie, zuzugestehen: «Meine Musik will selbst Gottesdienst sein» (Lukas Langlotz).

Christian Henking verwies auf einen erweiterten Sakralitätsbegriff: mit zeitgenössischer Musik frei behandelte inhaltliche Aspekte geistlicher Provenienz. Karlheinz Stockhausen hat einen starken geistlichen Bezug, schuf aber mit einer Ausnahme keine liturgische Musik; Roman Brotbeck bezeichnete ihn des ungeachtet als bedeutendsten Kirchenmusikkomponisten des 20. Jahrhunderts. Und Jörg Herchet zeigte sich sehr ← 14 | 15 → glücklich, dass seine Vesper für einmal im Gottesdienst und nicht nur konzertant aufgeführt wurde.

Eine Theologie der Musik ist so nicht auf Kirchenmusik zu beschränken. Die Spannung zwischen den beiden Polen, die Musik von Gott her oder aber vom Menschen her zu begründen, hielt der Kongress bewusst offen. Eine treffende Metapher für die gegenseitige Bedingtheit, die dann den ganzen Kongress begleitete, fand Lennart Dohms: Man bekommt zwar den Tiger aus dem Urwald, nicht aber den Urwald aus dem Tiger. Man kann die Neue Musik aus der Kirche verbannen, aber nicht das Spirituelle aus der Neuen Musik.

Ist Klang der Sinn?

«Ist Klang der Sinn?» Der Schriftsteller und frühere Pfarrer Kurt Marti hat Heinz Holliger mit dieser Frage zu dessen Motette hölle himmel inspiriert. Wir spürten dieser Frage in Veranstaltungen zu jeder Tageszeit nach: In Berner Kirchen, in der Synagoge und an der Universität diskutierten wir geistliche Heimat, schufen gemeinsame Erlebnisse, setzten uns der Kunst aus, setzten uns aber auch dem Wort aus, nahmen Impulse auf, Denkanstöße, auch Provokationen. Und wir vertieften Fragen, Irritationen, Verunsicherungen und spirituelle Erfahrungen in Workshops und Diskussionen. Öffnung und Erneuerung, ohne die Tradition zu verleugnen, das bedeutete für uns aber auch: Wir probierten neue Formate aus. Experimente können scheitern oder gelingen. Nur durch Versuche finden wir zu neuen Modellen.

«Ist Klang der Sinn?» Diese Frage, ein heimliches Motto des Kongresses, spricht auch den Wettkampf um das Primat an: Die Reformatoren gaben da dem Wort klar den Vorzug. Nicht das Gehörte sei entscheidend, sondern die Hörenden, meinte Stefan Berg, während Thomas Hürlimann in seinem Eröffnungsvortrag die Zuhörer dazu aufrief, Kunstgläubige zu sein und wenn schon nicht der Religion die Treue zu halten, so doch der Kunst. Denn eine Kirche ohne Musik wäre wie eine Kirche ohne Seele, könnte man ergänzen. Oder mit Jürg Herchet: Musik ist nichts anderes als die Klanggestalt des Ritus. ← 15 | 16 →

Partizipation

An Anlässen wie diesem hat die hochklassige Kirchenmusik eine geballte Präsenz und zeigt sich von ihrer besten Seite. Der Alltag sieht oft prosaischer aus. Wenn man mit den Teilnehmenden gesprochen hat, war bisweilen eine gewisse Resignation auszumachen in dem Sinne: «Was kann ich tun, um die Kirchgänger dazu zu bringen, meine Musik zu hören? Egal, was ich spiele, die Kirche bleibt leer.» Andererseits war über diese fünf Tage ein richtiger Flow zu spüren. Wir durften erleben, dass die Besucherinnen und Besucher wie die Mitwirkenden gerne gefordert sind, manchmal sogar beinahe überfordert; andernfalls geht die Motivation verloren. Zudem hat sich gezeigt, welch großartige Leistungen mit Laien und Halbprofessionellen möglich sind. Bemerkenswert schließlich, wie es gelang, das Publikum, die Gemeinde, partizipieren zu lassen. Dabei war der Toleranzgedanke sehr wichtig. Einmal wurde bei einem Gottesdienst die Gemeinde aufgefordert, das Vaterunser zu sprechen, «jeder in seiner Sprache, nicht zu laut, um die anderen Sprachen zu hören.»

Details

Seiten
344
Jahr
2017
ISBN (PDF)
9783034325622
ISBN (ePUB)
9783034325639
ISBN (MOBI)
9783034325646
ISBN (Paperback)
9783034323871
DOI
10.3726/978-3-0343-2562-2
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Erschienen
Bern, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 339 S., 4 s/w Abb., 2 farb. Abb., 1 s/w Tab., 19 Notenbeispiele

Biographische Angaben

Thomas Gartmann (Band-Herausgeber:in) Andreas Marti (Band-Herausgeber:in)

Andreas Marti, Kirchenmusiker, geb. 1949, studierte in Bern Theologie, Orgel und Cembalo und ist Organist und Kirchenchorleiter in Köniz sowie musikalischer Direktor der «Berner Singstudenten». Er ist Titularprofessor für Kirchenmusik an der Universität Bern sowie Ausbildungsleiter Kirchenmusik an der HKB (bis 2015 bzw. 2016). Redaktor der Zeitschrift Musik und Gottesdienst. Thomas Gartmann studierte an der Universität Zürich Musikwissenschaft, Germanistik und Geschichte und promovierte zum Instrumentalwerk Luciano Berios. Heute ist er Leiter der Berner Graduate School of the Arts, der HKB-Forschung und von SNF-Projekten zur NS-Librettistik, zum Schweizer Jazz, zu Klaviermusik-Interpretationen und zur Ontologie von Musik.

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