Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhalt
- I. Kindheit und Schulzeit in Magdeburg (1796–1813)
- II. Studium und Frankreichfeldzug (1813–1817)
- III. Oschersleben und Magdeburg – Berufliche Anfänge (1818–1819)
- IV. Münster – Krisenjahre (1820/1821)
- V. Das Jahr 1822
- VI. Elisa von Lützow, geb. von Ahlefeldt
- VII. Das letzte Jahr in Münster (1823)
- VIII. Magdeburg (1824–1827)
- IX. „Düsseldorfer Anfänge“ (1827)
- X. Immermanns schwierige Integration in die Düsseldorfer Sozietät (1828)
- XI. Kunstenthusiasmus, Literaturkontroverse und Satire (1829)
- XII. Immermann und die Julirevolution von 1830
- XIII. Trennung von Michael Beer – Neue Perspektiven: Tieck und Mendelssohn (1831)
- XIV. Das ‚Goethe-Jahr 1832‘
- XV. Immermanns Reform des Düsseldorfer Theaters 1832/33
- XVI. „Ich wollte Ihnen rathen, das alte Buch nicht wieder zu lesen“ – Literarische Arbeiten 1833
- XVII. Das Jahr 1834
- XVIII. „Einer nimmt Abschied und der Andre kommt …“ – Das Düsseldorfer Stadttheater 1835
- XIX. „ich erblicke ein verjüngtes Geschlecht“ – „Die Epigonen“
- XX. „Bühnenschiffbruch“ – Das Ende des Düsseldorfer Stadttheaters unter Immermanns Leitung
- XXI. „ich fürchte, daß sich sobald kein recht durchgreifendes geistiges Intereße wieder bei mir einstellen wird …“
- XXII. „das Werk entfaltet seine Idee im Ganzen“ – „Münchhausen“
- XXIII. Marianne Niemeyer
- XXIV. Schmerz, Glück und Ende – Das letzte Jahr
- XXV. Wirkung und Rezeption Immermanns im 19. Jahrhundert
- Literaturverzeichnis
- Verzeichnis der Abbildungen
- Personenregister
- Nachwort
Peter Hasubek
Carl Leberecht Immermann
Eine Biographie
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-631-71941-1 (Print)
E-ISBN 978-3-631-71947-3 (E-Book)
E-ISBN 978-3-631-71952-7 (EPUB)
E-ISBN 978-3-631-71953-4 (MOBI)
DOI 10.3726/b10923
© Peter Lang GmbH
Internationaler Verlag der Wissenschaften
Frankfurt am Main 2017
Alle Rechte vorbehalten.
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Diese Publikation wurde begutachtet.
Über das Buch
Seit Benno von Wieses Werkmonographie und Harry Mayncs Biographie Immermanns sind fast 50 beziehungsweise 100 Jahre vergangen, so daß eine neue Biographie, deren Fehlen Friedrich Sengle schon 1971 monierte, dringend notwendig erscheint. Durch die Veröffentlichung der Briefe, Tagebücher und Werke sowie die literaturwissenschaftliche Forschung sind neue Materialien und Perspektiven zu Leben und Werk Immermanns erarbeitet worden, die diese Biographie erstmals auswertet. Im Fokus stehen dabei das Verhältnis von Autor, Werk und Öffentlichkeit, das soziale Umfeld der Familie Immermann, Freundeskreise sowie Beziehungen zu namhaften Zeitgenossen, zu Institutionen wie Verlagen und Zeitschriften. Durch Längsschnitte mit den Schwerpunkten Theater und Maskierung, Satire, Werk und Beruf kann diese Biographie Leben und Schaffen des Dichters sowie deren Darstellung strukturieren.
Zitierfähigkeit des eBooks
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II. Studium und Frankreichfeldzug (1813–1817)
Am 24. Mai 1813 immatrikulierte sich Immermann an der Universität Halle-Wittenberg als Student der Rechtswissenschaft, nachdem er bereits im April die Universität bezogen hatte. Die Universität, die während der Kriegsereignisse seit 1806 geschlossen war, wurde am 16. Mai 1808 als Universität des Königreichs Westphalen unter Napoleons Bruder Jérôme wiedereröffnet. Das bedeutete gleichzeitig, daß an ihr die rechtlichen Verhältnisse mit den entsprechenden Bestimmungen der französischen Verfassung eingeführt wurden, also etwa die Gleichberechtigung aller Untertanen, die Abschaffung der Vorrechte des Adels. Die Folge davon war, daß an der juristischen Fakultät nun französisches Recht gelehrt und studiert werden mußte.1 Immermann wurde also während seines Studiums mit zwei Rechtsystemen konfrontiert: anfangs mit dem französischen und in der späteren Phase nach dem Sieg über Napoleon mit dem deutschen Rechtssystem. 1808 wurde von der westphälischen Regierung August Hermann Niemeyer, den Immermann sehr schätzte und dessen Enkelin Marianne er 1839 heiraten wird, als Kanzler der Universität eingesetzt. Anfangs gestalteten sich die „Honigmonate meiner jungen Freiheit“2 in Halle sehr abwechslungsreich und ganz nach Immermanns Wünschen. Literatur und Theater waren die prägenden Kräfte in diesem ersten Studiensommer, wie er in seiner Autobiographie berichtet. Er genoß das Studentenleben in vollen Zügen auf Ausflügen in die nähere Umgebung von Halle, nach dem Giebichenstein und nach Krellwitz, wo sich „die junge Horde, seelenvergnügt“3 aufhielt und die jüngste Literatur mehr emotional freilich als kritisch rezipierte. Sehr anschaulich, einschließlich der Nennung der einzelnen Ausgaben bei den Ausflügen, beschreibt Friedrich Michael Schiele diese Exkursionen.4 Der sagen- und märchenumwobene Giebichenstein mit der Burgruine bei Halle war schon der Treffpunkt der Romantiker gewesen, etwa Ludwig Tiecks, Achim von Arnims, Clemens Brentanos und Joseph von Eichendorffs, die diesen besonderen Ort häufig rühmten. Diese Romantiker, und vor allem Ludwig Tieck, waren es, die den jungen Immermann in ihren Bann schlugen, so die märchenhaften Erzählungen Tiecks „mit ihrer „mondbeglänzten←27 | 28→ Zaubernacht“5 und die dramatisierten Texte des „Phantasus. Eine Sammlung von Mährchen, Erzählungen, Schauspielen und Novellen“ (1812–1816). Die Berührung mit Tiecks Werken sollte für Immermann von großer Bedeutung werden: 1820 besuchte er höchstwahrscheinlich den berühmten Autor in Dresden, und seit 1831 bildete sich zwischen den beiden Dichtern ein sehr persönliches Verhältnis aus, wie noch zu berichten sein wird.
Das erste Semester in Halle war für Immermann auch entscheidend hinsichtlich seiner weiteren literarischen Entwicklung. Hatte er zwar schon privatim Theater gespielt, so hatte er nun das Glück, Gastspiele der Weimarer Bühne in Halle zu besuchen und seine Leidenschaft für das „Dramatische“ weiter zu pflegen. „Formgebend für meine ganze spätere Zeit sind diese Eindrücke gewesen […].“6 „Die Weimarische Gesellschaft“, äußerte er in seiner Autobiographie, „damals in der höchsten Blüte, spielte in Halle und so erlebte ich etwas, was unschätzbar in eines Menschen Geschick ist; nämlich, der völlig offene und unentweihte Sinn wurde gleich von einem Höchsten in seiner Art entzündet“7. Und er fährt fort: nun wurde mir „diese Offenbarung des Feinen, Würdigen, diese Musik des Vortrags, dieser Reigentanz des Gangs und der Gebärden, dieser Äther der Poesie, wodurch der große Dichter seine Anstalt zum Abdruck der eigenen harmonischen Brust gemacht […]. Von Vergnügen war da nicht die Rede, sondern entzückt war ich und verzückt […]“8. Das Weimarer Theater gastierte im Sommer 1813 vom 23. Juni bis 23. August in Halle. Immermann konnte in dieser Zeit zum Beispiel Aufführungen von Lessings „Minna von Barnhelm“ (15. Juli), Calderons „Das Leben ein Traum“ (29. Juli), „Phädra“ von Racine in der Bearbeitung von Schiller (5. August), „Don Carlos“ von Schiller (8. August), und ebenfalls von Schiller „Kabale und Liebe“ (21. August) und „Die Braut von Messina“ (22. August) besuchen, sofern sich die unerlaubte Heimreise nach Magdeburg mit diesen Aufführungsdaten nicht überschnitt. Vorwiegend indes bot das Weimarer Repertoire Unterhaltungsstücke von Adolph Müllner, August v. Kotzebue, August Wilhelm Iffland, Friedrich Ludwig Schröder.9 Der Hang zum Dramatischen, sei es in Form seiner Verwirklichung auf dem Theater, sei es als Gestaltung dramatischer Texte, sollte Immermanns literarisches Schaffen bis in die dreißiger Jahre hinein bestimmen, und wie man im Nachhinein sicher richtig festhalten kann, nicht zu seinem besten als Dichter. Erst spät, fast zu spät, erkannte er seine Begabung als Erzähler und Prosaschriftsteller.←28 | 29→
Aus neueren Studien wissen wir, welche Schwerpunkte Immermann tatsächlich studierte und welchen juristischen Sparten und Richtungen seine Professoren zuzuordnen waren.10 Am Ende seines Studiums im Sommer 1817 wird Immermann vermutlich ein „Testimonium“ über seine absolvierten Studien seit dem Sommersemester 1813 von der Universität Halle erbeten haben. In seiner Akte im Universitätsarchiv ist vermerkt, „der studiosus juris Immermann erbittet sich Zeugnisse über folgende von ihm gehörte Vorlesungen […]“11. Am 4. August 1817 beantwortete die Universitätsleitung Immermanns Anfrage und übersandte eine Übersicht, welche die Semester vom Sommersemester 1813 bis Sommersemester 1817 umfaßte, mit Ausnahme des Sommersemesters 1815, während welchem sich Immermann auf dem Feldzug in Frankreich befand. Obwohl für das Wintersemester 1815/16 eine Veranstaltung belegt ist („Ästhetik bei Prof. Maaß“) wird er diese wohl kaum besucht haben, da er erst Ende 1815 nach Magdeburg zurückkehrte und gegenüber dem Freund Schiele äußerte: „Aus dem Studiren [während des Wintersemester 1815/16] wird daher wahrscheinlich nichts, denn einige Wochen wünsche ich doch zu Hause zu seyn.“12 Vermutlich waren den Auskünften der Professoren auch Beurteilungen des Studiosus Immermann beigefügt, aber lediglich ein Urteil ist überliefert: „den fleißigen Besuch bezeuge ich mit Vergnügen. Salchow“.13 Demnach hat Immermann, zumindest auf dem Papier, sechs Semester Jura in Halle studiert. Seine akademischen Lehrer waren die Professoren Bucher, Dabelow, Hufeland, Maaß, Meckel, Pfotenhauer, Salchow und Schmelzer. Er besuchte im Bereich Jura die üblichen Standardveranstaltungen: Institutionen (wiederholt), Enzyklopädie der Rechtswissenschaft (wiederholt), Peinliches Recht (wiederholt), Deutsches Privatrecht (wiederholt), Pandekten, Rechtsgeschichte, Zivilprozeß, Staatswirtschaft und Finanzkunst, Kirchenrecht, Wechselrecht, Geschichte des Römischen Rechts. Die Liste weist aus, daß Immermann nach diesem Studium für seinen künftigen Beruf gut gerüstet sein konnte. Es fällt auf, daß er sich wiederholt der Rechtsgeschichte widmete. Darüber hinaus fand Immermann Zeit, Studien zu betreiben, die seinen persönlichen Neigungen entsprachen. Der offenbar für ihn interessanteste Lehrende war Johann Gebhard Ehrenreich Maaß. Er unterrichtete zunächst Hebräisch und Mathematik am Waisenhaus der Franckeschen Stiftung, 1798 wurde er ordentlicher Professor für Rhetorik und Mathematik an der Philosophischen Fakultät in Halle, war musikinteressiert, gründete 1814 die Hallesche Singakademie und war←29 | 30→ außerdem Freimaurer.14 Neben juristischen Vorlesungen besuchte Immermann bei Maaß auch Kollegien über Empirische Psychologie, Logik und Ästhetik. In seiner Autobiographie erwähnt Immermann, daß er „regelmäßig“ bei Johann Gotttfried Schütz Veranstaltungen über „Horazens ‚Episteln‘“ und die „Frösche“ des Aristophanes besuchte, während er an anderen (juristischen) Kollegien „nach Gelegenheit“ teilnahm.15
Abbildung 1: Immermann als Student 1817
Immermanns Studium stand durch die Ereignisse der Jahre 1813 bis 1815 unter sehr ungünstigen Vorzeichen. Schon am 15. Juli 1813 wurde die Universität von König Jérôme unter dem Druck Napoleons geschlossen, nach dessen Niederlage in der Völkerschlacht von Leipzig als preußische Institution im November 1813 wiedereröffnet. Die Schließung kommentierte Immermann nicht ohne←30 | 31→ Ironie mit den Worten: „Die Professoren hingen die Köpfe, die Logik kam nicht bis zu den Schlüssen, die Metaphysik blieb in der Ontologie stehen, Professor Hoffbauer konnte sich, ungestört vom Naturrechte, der alleinigen Beobachtung seiner Hunde widmen, die Scherze des alten Schütz gerieten unter Schloß und Riegel. […] die Fridericiana wurde wüst und leer.“16 In dieser Ausnahmesituation glaubte Immermann, entgegen den Vorstellungen seines Vaters, nach Magdeburg zurückkehren zu können. Als er zuhause ankam, zwang ihn der Vater jedoch, wie wir gesehen haben, nach kurzem Aufenthalt in Magdeburg zur Rückkehr nach Halle.
Als Folge des Aufrufs des Königs vom 17. März 1813, dem preußischen Heer im Krieg gegen Napoleon beizutreten, hatten fast alle Studenten im Sommersemester 1813 Halle verlassen, und Immermann fühlte sich hier völlig vereinsamt. „Bis Michaelis werde ich demnach,“ schreibt er an den Vater am 5. August, „Deinem Entschluß zu folge in Halle bleiben, und für mich studiren. Dabey werde ich jedoch nur auf mich alleyn beschränkt seyn, da ich fast der Einzige bin, der noch hier bleibt, Kollegia aber durchaus nicht, selbst nicht privatim fortgelesen werden dürfen. Leider ist fast kein Cursus nur zur Hälfte beendigt, und ich habe daher, durchaus nichts vollständiges.“17 Seine Verzweiflung spricht noch deutlicher aus einem Brief an den Cousin Ferdinand Göring: „Ich schreibe ein gründliches Buch: Ueber die beste Art sich zu ennüyiren, in 150 Kapiteln, und ich bin nur immer froh wenns 10 schlägt, denn dann ist doch wieder ein Tag vorbey, und ich kann wieder einen wegstreichen […] kurz Freund es ist ein Hundeleben […].“18 Sein Zustand war so trostlos, daß er sich „bei hellem Tageslicht vor Gespenstern“ fürchtete, und glaubte, daß „spukhafte Gestalten“ durch sein „weites ödes Zimmer“ huschten.19 Sein einziger Trost blieb in diesen Wochen ein Treffen in Holzzelle zu Michaelis mit Familienmitgliedern und Freunden.
Um dieser Misere zu entkommen, unternahm Immermann in der Zeit vom 23. bis 30. Juli 1813 eine Reise nach Weimar und Jena. Ein Kontakt mit Goethe, der sich zu diesem Zeitpunkt in Teplitz aufhielt, ergab sich nicht. Anschließend blieben nur noch zwei Tage, um die Studienverhältnisse in Jena kennenzulernen. Doch hatte Immermann während dieses kurzen Aufenthaltes bereits einen sehr negativen Eindruck von der Universität. Die zwölf verschiedenen Abteilungen waren mit Lehrenden schlecht besetzt, so daß das Lehrprogramm sehr schmal←31 | 32→ ausfiel, insbesondere galt das für die juristische Fakultät, deren „Gelehrte“, meist Hofräte als Lektoren, keinen großen Ruf genossen.20
Über den Herbst 1813 sowie den Winter 1813/14 berichtet Immermann in seiner Autobiographie nur mit wenigen Worten. Die „Leipziger Schlacht“ bereitete dem Eremitendasein in Halle ein jähes Ende. „Die allgemeine Bewegung, welche nun unsere Gegenden ergriff, riß mich auch fort und trieb mich in die Wege, welche so viele andere gingen.“ Den Vater sollte er nach dem gesetzten „Probejahr“ nicht wiedersehen. „Er starb in der durch Tauentzien belagerten Festung [am 8. April 1814], während ich im Felde war.“21 Die eigentlichen Aktivitäten Immermanns, seine Teilnahme am Kriegsgeschehen etwa, sind aufgrund der Quellenlage vom Herbst 1813 bis Spätsommer 1814 nur sehr allgemein zu rekonstruieren. In einer biographischen Notiz am Ende seiner Schrift „Letztes Wort über die Streitigkeiten der Studirenden zu Halle“ (1817) führt er aus: „Im Dezember 1813 meldete ich mich als Freiwilliger bei der zu Neuhaldensleben im Magdeburgischen niedergesetzten Rekrutierungskommission und bat, mich irgend einem Detachement freiwilliger Jäger zuzuteilen, weil ich keines kannte und keine besonderen Rücksichten mich für eines bestimmten. Vierzehn Tage nach meiner Meldung verfiel ich in ein bösartiges Nervenfieber, welches mich dem Rand des Grabes nahebrachte. Sobald ich hergestellt war, ging ich dem 1sten Magdeburgischen Fußjägerdetachement, welches in Frankreich stand, nach, erreichte dasselbe aber erst nach dem Ende der Feinseligkeiten.“22 Sicher ist auch, daß er im Wintersemester 1813/14 und im Sommersemester 1814 an der Universität Halle keine Veranstaltungen belegt hatte. Ein zusammenfassendes Exzerpt eines Briefes an Marianne Niemeyer aus dem Sommer 1839 hat folgenden Wortlaut: „Sommer 1813 in Halle. Winter 1813 u. Sommer 1814 im Felde. Winter 1814–15 in Halle. Sommer 1815 in den Niederlanden [Frankreichfeldzug] Sommer 1816 – Herbst 1817 in Halle.“23
Als Napoleon im Frühjahr 1815 aus der Verbannung auf der Insel Elba entwich und nach Frankreich zurückkehrte, war dies für Immermann ein Signal, das ihn mit Freude erfüllte. Denn nun würde er voraussichtlich Gelegenheit haben, in den Krieg zu ziehen und für die Freiheit des Vaterlandes zu kämpfen. Über das tatsächliche Geschehen von Immermanns Kriegsteilnahme sind wir nur lückenhaft und indirekt informiert. Nach Putlitz hat Immermann anfänglich ein Tagebuch geführt, das aber bald abbricht. Immerhin konnte Putlitz aus diesem Dokument,←32 | 33→ das nicht mehr überliefert ist, noch zitieren. Briefe Immermanns an Familienmitglieder und Freunde während dieser Zeit sind nur in geringer Zahl überliefert und ergänzen unser Wissen nur punktuell. Möglicherweise haben einige Briefe auch, durch die Kriegsereignisse bedingt, ihr Ziel nicht erreicht. Außerdem existiert die Darstellung des Feldzuges nach Aufzeichnungen Ferdinand Görings in der „Vorarbeit zu einer Geschichte unserer Sippe“ von P. Göring.
Anfang April 1815 rief er die Freunde Ferdinand Göring, Wilhelm Herzbruch und Ludwig Schiele zusammen, um einen Plan für ihre Kriegsteilnahme zu entwerfen. In der Zusammenkunft am 5. April sprachen sich Immermann und Göring begeistert für die Teilnahme an dem bevorstehenden Krieg aus, während Herzbruch und Schiele dagegen waren. Immermann konnte jedoch alle von der Notwendigkeit der Teilnahme am Krieg überzeugen. Ferdinand Göring war Immermanns Cousin, Sohn der Schwester Charlotte Juliane Johanna (verheiratete Göring) der Mutter Immermanns. Er besuchte wie Immermann das Gymnasium des „Klosters Unserer Lieben Frauen“ in Magdeburg bis November 1813 und studierte anschließend Jura in Halle. Das Verhältnis zwischen Immermann und dem späteren Obertribunalrat und Mitglied des Staatsrates Ferdinand Göring war ein besonders enges, freundschaftliches und herzliches. Oft besuchten sie gemeinsam den Oheim in Holzzelle, und Göring war der erste, der 1817 Immermanns Aufruf im Streit mit der „Teutonia“ unterzeichnete. Schon während der Schulzeit und später wechselten sie häufig Briefe, die aber nach 1820 durch die sich trennenden Lebensläufe der Freunde seltener wurden.24 – Wilhelm Herzbruch, obwohl etwas älter (geb. 1793) als Immermann, besuchte ebenfalls das Klostergymnasium in Magdeburg seit 1807, ging aber bereits 1812 mit Unterprimareife ab, um zunächst in Leipzig Theologie, anschließend in Halle und Berlin Jura zu studieren. Herzbruch war es, der im Winter 1814 Immermann während seiner schweren Krankheit liebevoll und aufopfernd pflegte. Das Verhältnis beider wurde 1818/19 durch die vorübergehende Beziehung Immermanns zu Herzbruchs Schwester Amalie getrübt.25 – Auch Ludwig Schiele besuchte das Klostergymnasium 1806–1812, um anschließend Theologie in Halle zu studieren. 1827 wurde er an der Schule in Neuhaldensleben Rektor. Mit Immermann verband ihn eine enge Freundschaft, die sich aber im wesentlichen auf die Schul- und Studienzeit in Halle bezog. Zwischen 1813 und 1829 richtete Immermann 22 (überlieferte) Briefe an Schiele, die Nachrichten über gemeinsame Bekannte, Immermanns seelischen Zustand sowie sein literarisches Schaffen beinhalten,←33 | 34→ und Schiele schrieb über den Frankreichfeldzug und den Streit mit der „Teutonia“ ein aufschlußreiches Tagebuch.26
Am 29. April 1815 brachen die vier Freunde endlich, vermehrt um zwei weitere Teilnehmer, auf.27 Über die Abreise vermerkte Göring in seinem Tagebuch: „Der Vorspannwagen stand vor der Thür und der Abschied wurde durch den Aufenthalt, der von Heike verursacht wurde, von Minute zu Minute drückender. Gottlob, daß er vorüber ist! Möchte der Augenblick der Zurückkunft ebenso freudig sein und durch Keines Außenbleiben getrübt werden. So fuhren wir denn 6 Mann hoch […] nach Bornstedt […]“28. Der Marsch wurde in der Zeit vom 30. April bis 12. Mai über Helmstedt, Braunschweig, Hildesheim, Hameln, Detmold, Paderborn, Soest, Elberfeld, Düsseldorf bis nach Aachen fortgesetzt, wo die Freiwilligen Truppeneinheiten zugeteilt wurden.29 Am 14. Mai ging es weiter über Herve, Malmedy und Tervagne nach Ciney (17. Mai), wo man sich während eines Monats mit Übungen im Schießen und Exerzieren beschäftigte. Dieser Monat muß nicht ganz ohne angenehme Abwechslungen und Vergnügen verlaufen sein, wie Putlitz an Hand von Immermanns Tagebuch erwähnt. Über die Nacht vom 15. zum 16. Juni besitzen wir zwei ähnlich lautende Berichte von Immermann und Göring. Immermanns Text soll hier wegen seines dokumentarischen Wertes, der Anschaulichkeit und der emotionalen Beteiligung zitiert werden. Über die „Nacht, wo der Teufel der Unordnung alle seine bösen Geister zu unserm Verderben gesandt hatte“30, schrieb Immermann in seinem Tagebuch:
Endlich brach der verhängnißvolle 15. Juni an. Um 10 Uhr wurde in allen benachbarten Cantonnirungen Lärm geschlagen und geblasen, worauf sogleich auch für uns der Befehl zum Aufbruch folgte, der nach unendlichem Umherlaufen, Lärm, Geschrei und Verwirrung um 12 Uhr geschah. Bei Anville trafen wir die Batallonswagen, an die wir uns anschlossen und ihnen bis zur Chaussee nach Namür folgten, wo wir das ganze 3. Armee-Corps aufmarschirt fanden. Sobald wir ankamen mußten wir mit den Fourieren des Regiments fort von Namür, um dort Fourage zu empfangen. In Namür war großer Spectakel. Die Nachricht bestätigte sich, daß die Franzosen im Anrücken und General Ziethen gedrängt sei. Während wir mit dem Empfangen beschäftigt waren, rückten das 2. und 3. Armee-Corps durch. Daß beim Anblick dieser unendlichen Massen meine Stimmung ernst und feierlich ward, war natürlich, wie überhaupt die Augenblicke, die einer großen Entscheidung vorangehen, etwas beengend sind. Endlich war der Empfang beendigt und wir setzten uns mit der übrigen Wagencolonne in←34 | 35→ Bewegung. Nicht weit von der Stadt leuchteten uns schon unsre zahlreichen Feuer entgegen, und wir erreichten bald das Lager, welches auf einer waldigen Höhe bezogen war. Eine furchtbare Nacht brach an. Unsere von Ciney mitgebrachten Lebensmittel sollten vertheilt, Stiefel, Pulver und Blei ausgegeben und Kugeln gegossen werden. Nie ist wohl vor der Schlacht ein Detachement so wenig gerüstet und in solcher Verwirrung gewesen als das unsrige. Der Lieutenant lief in Verzweiflung umher, der Feldwebel rieb sich den Kopf, aus dem kein vernünftiger Gedanke kommen wollte. Wir Fouriere steckten in Mehl, Fleisch und Branntwein bis über die Ohren, riefen uns die Kehle ab, um unsere Vorräthe an Mann zu bringen, aber ein Jeder ging taub vorüber. Um 2 Uhr legte ich mich endlich ein wenig auf die Erde, nachdem in mir erhebliche Zweifel über die geträumte Bequemlichkeit des Fourierlebens während des Feldzuges aufgestiegen waren.31
Zur Verstärkung des rechten Flügels unter Wellington bestimmt und am 16. und 17. Juni mehrfach verschoben, stießen die Freunde erst am 18. Juni zu den kämpfenden Truppen, als die Schlacht von Waterloo/Belle Alliance bereits entschieden war.32 Immermann war dabei, als die Truppen der Alliierten am 8. Juli in Paris einmarschierten, wo er sich zehn Tage aufhielt. Der Rückmarsch nach Deutschland gestaltete sich umständlich und sehr zeitaufwendig. Umwege und längere Aufenthalte, wobei freilich manchmal auch angenehme Erlebnisse für Zerstreuung sorgten, verlängerten den Rückweg. Der spätere Humorist Immermann ist schon zu erkennen, wenn er von Cuon bei Baugé in einem Brief an die Schwester Charlotte erzählt, wie er in der Zeit vom 4. bis 23. September bei einer „recht hübschen u. lebhaften Gastwirthin“ in einer großen Herberge im Quartier lag und allen, die es wissen wollen, wie Immermann-Münchhausen vorlügt, daß er Prediger gewesen sei und acht Kinder habe, die alle im Waisenhaus lebten und seine Frau sich „vermiethet“ habe. Er wird daher gewaltig bedauert und aufgefordert, von der Heimat aus über sein weiteres Schicksal zu berichten. „[…] liebe Lotte, solche Thorheiten treibt selbst der vernünftigste Mensch in fremden Ländern, ich hätte, wenn ich an mein sonstiges gesetztes Wesen zurückdenke, mir nie träumen lassen, daß ich je so leichtsinnig werden könnte.“33 Anschließend marschierte Immermanns Truppeneinheit erneut nach Paris, wo er vom 3. bis 15. Oktober verweilte und die „Herrlichkeiten“ und „Sehenswürdigkeiten“ der Stadt genoß.34 Auf dem Rückmarsch nach Deutschland gab es in Meaux wieder einen längeren Aufenthalt vom 16. bis 26. Oktober und am 2. November traf man in Châlons ein. Über die zahlreichen weiteren Stationen gibt der Brief an Ludwig Schiele, der sich←35 | 36→ auf einer anderen Route bewegte, vom 31. Oktober Auskunft. Am 18. Dezember erreichte man Holzzelle,35 und von hieraus wird sich Immermann direkt nach Magdeburg begeben und nicht den Umweg über Köthen, Wittenberg, Aken und Calbe mitgemacht haben. Als Offizier der Reserve endete für Immermann der Frankreichfeldzug.
Im Sommersemester 1816 wird Immermann vermutlich sein reguläres Studium in Halle wiederaufgenommen haben, nachdem er sich nach dem Frankreichfeldzug eine Erholungspause im Kreis der Familie in Magdeburg gegönnt hatte. Ende des Wintersemesters 1816/17 traten Ereignisse ein, durch welche Immermann als Autor in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Anlaß war ein aktueller Skandal an der Universität Halle. Am Abend des 28. Februar 1817 verprügelte eine Gruppe von Mitgliedern der studentischen Verbindung „Teutonia“ in Halle den Kommilitonen Knaust vor dem Hörsaal des D. Knapp mit „Hetzpeitschen“, weil er zur Aufbesserung seiner Studienkasse Werbung für die „Etuibibliothek deutscher Klassiker“ betrieben habe, was einem lehrenden Mitglied der Universität angeblich mißfallen habe. Knaust hatte sich zunächst geweigert, das Sammeln von Subskribenten für das Buchprojekt einzustellen und, um ihre Herrschaft zu demonstrieren, übersandte ein Vertreter der „Teutonia“ Knaust eine Forderung, die dieser jedoch nicht annahm, da er in seinem Verhalten keinerlei Beleidigung eines Mitgliedes der „Teutonia“ erkennen konnte. Diese Weigerung hatte die erwähnten Gewalttätigkeiten der „Teutonia“ gegenüber Knaust zur Folge. Der Vorfall empörte die Studentenschaft in Halle und ließ die Wogen hochschlagen. Eine Spaltung in Pro- und Contra-Teutonianer trat ein, und Immermann war es, der den Gegnern der „Teutonia“ lautstark seine Stimme gab und sich auch ausdrücklich zu seinem Standpunkt bekannte. In zwei Streitschriften – „Ein Wort zur Beherzigung“, erschienen im Juli 1817, und „Letztes Wort über die Streitigkeiten der Studirenden zu Halle seit dem 4ten März 1817“, erschienen Ende November 1817 – setzte er sich mit den Gegnern auseinander. Zunächst jedoch verfaßte Immermann zusammen mit einigen Studienfreunden die „Erklärung“ vom 4. März 1817, mit welcher das Vorgehen der „Teutonia“ verurteilt wurde. Der junge, patriotisch gesinnte Immermann stellte sich auf die Seite des Staates als Hüter der Ordnung in dem Gemeinwesen und plädierte für das Ansehen der Universitäten, die durch solche Vorfälle in der Öffentlichkeit Schaden nähmen. „Die Unterschriebenen erklären daher bestimmt und feierlich ihre höchste Mißbilligung des Geschehenen, ihre Bereitwilligkeit, jedem Befehle der Vorgesetzten nachzukommen, und erkennen←36 | 37→ kein Gesetz über sich an, als das, welches der Staat gab. Denn es wird Zeit, daß die Universitäten sich von lange genährten Vorurteilen losreißen und einsehn lernen, wie sie zum Staate, wie sie zum Vaterlande stehen.“36 Darüber hinaus sah er die Freiheit und den Schutz des Einzelnen bedroht. Er erklärt, „daß sie jede Gewalttätigkeit, jede Herausforderung, und jede Beschimpfung, die ihnen von denen, welche sich durch diese Erklärung beleidigt halten möchten, angetan werden sollte, unfehlbar und ohne Schonung der Person der kompetenten Behörde anzeigen werden […]“37. Gegen den Vorwurf, Immermann und seine Freunde hätten eine verbotene geheime Gesellschaft gegründet, wendete er sich entschieden. Die Universitätsbehörde genehmigte zunächst den Aushang, widerrief jedoch am nächsten Tag die Genehmigung und untersagte das Sammeln von Unterschriften. Die Zustände zwischen der „Teutonia“ und den übrigen Studierenden eskalierten in den folgenden Monaten, zumal da sich die Behörde nicht eindeutig verhielt und nicht entschieden durchgriff. Immermann richtete am 8. März 1817 ein Schreiben an das Ministerium des Inneren, in dem er die Vorfälle schilderte und um schnellste Abhilfe bat. Er schlug vor, daß eine Kommission gebildet werde, die die Vorgänge untersuchen und die Schuldigen feststellen solle, und behielt sich eine Anzeige direkt beim König vor. Da von den Behörden weder seitens der Universität noch des Ministeriums entsprechende Schritte unternommen wurden, fühlten sich die Mitglieder der „Teutonia“ in ihrem Verhalten bestätigt und neigten in der Folge zu weiteren Übergriffen und Gewalttätigkeiten. Deshalb sah sich Immermann als letzten Schritt veranlaßt, mit seinem Anliegen bis zum preußischen König Friedrich Wilhelm III. vorzudringen und Unterstützung zu erbitten. Außerdem wandte er sich mit seiner Darstellung der Vorgänge auch an die Studierenden der Berliner Universität, da die „Teutonia“ inzwischen auch an anderen Universitäten für sich geworben und Unruhe gestiftet hatte. In einem auf den 20. Mai 1817 datierten ausführlichen „Circular an die Berliner Studenten, welche den von der Teutonia ausgesprochenen Verruf anerkannt hatten“, unterzeichnet „Immermann–Grabow. Lorenz“, analysierte Immermann kritisch das Verhalten der „Teutonia“ und legt deren Ungerechtigkeit und Unangemessenheit offen. Die „Teutonia“ wolle ein Exempel statuieren, so Immermann, und ihre Macht auf der Universität demonstrieren. „Erschrecken sollten Alle u sich dem eisernen Joche fügen, unterwerfen jeder sich der schändlichsten Knechtschaft, der Geißel und der Vereinung. Eine Ansicht sollte es geben in allen Dingen, – die von der Verbindung ge[bi]lligte←37 | 38→ Ansicht. […] Dies sind Aeußerungen von Häuptern der Teutonia selbst […]“38. Wenn sich Immermann auch auf die Seite des Gesetzes und des Staates stellte, so bestimmte seine Argumentation eine demokratische Grundhaltung derart, daß man solche Meinungsverschiedenheiten nicht mit der „Tyrannei der Klinge“39, sondern durch die Gegenüberstellung und Abwägung von Meinungen, Ansichten und Gründen lösen müsse. Hier zeigt sich übrigens bereits Immermanns später artikulierte Ablehnung des Duells. Immermanns Kritik betrifft Mißverständnisse hinsichtlich der Wiederaufnahme und des Kultes von Vergangenheit und Tradition, wenn er sich vehement gegen überkommene und ideologisch falsch verstandene Meinungen und Verhaltensweisen stellt und angebliche „Rittertugenden“ und „Rittersitte“ in der Gegenwart als unzeitgemäß verurteilt und eine Unterscheidung zwischen „Deutschthum“ und „Deutschthun“ anmahnt. Folgende Passage vermittelt eine eindrucksvolle Unterscheidung zwischen dem Verhalten der Teutonianer und der Partei Immermanns:
Von der einen Seite Wuth, Rache, Reizungen, von der andern Ruhe, Kälte, Festigkeit; von der einen heimliche Schritte, von der andern offener Kampf; von der einen Verläumdungen, von der andern Wahrheit. Hätte sich die Teutonia nicht auf eine so sehr niedrige u entwürdigende Art benommen, so würde wahrscheinlich eine edle u schöne Vereinigung möglich gewesen sein, die jetzt freilich mit Leuten, die zum schimpfen hinter’m Rücken u massenweise gegen Einzelne nur Muth haben, nicht stattfinden kann. Auch an Farçen fehlte es nicht, wollten die, welche als Studenten ihre Ehre verloren hatten, als Offiziere auftreten u verlangten ein Gleiches von den gewesenen Offizieren des andern Theils. Ein solches ginge an, wenn der Mensch sich wie ein Handtuch umdrehen ließe […] wer als Student prügelte, darf nicht als Offizier Satisfaktion fordern, wenn Andere seine That so nannten, als sie genannt zu werden verdient.40
Immermann will „Freiheit“ und kämpft gegen die „Frechheit“ der Verbindung. Die geschickt vorgetragene Argumentation tat offenbar ihre Wirkung, was die „Teutonia“ sehr traf. Teile dieses „Circulars“ sind fast wortgetreu in Immermanns erste Streitschrift übernommen worden.
Mit der Eingabe vom 19. Mai 1817 wandte er sich direkt an den König und reiste mit einigen Freunden am 17. Mai nach Berlin, um dem König seine Bitte persönlich vorzutragen. Eine Audienz erhielt Immermann zwar nicht, seine Beschwerde wurde aber dem König nach Potsdam übermittelt, der am 21. Mai in einer Kabinettsorder verfügte, daß alles unternommen werden solle, um Ruhe und Ordnung unter den Hallenser Studenten wiederherzustellen. Er schrieb: „Auf Ihre←38 | 39→ gemeinschaftliche Vorstellung vom 19. d. M. ist der Minister des Innern beauftragt worden, die nachdrücklichsten Maßregeln gegen den auf der Universität zu Halle obwaltenden Unfug zu ergreifen; es wird demgemäß alles Erforderliche verfügt werden, und Sie können daher ruhig zur Fortsetzung Ihrer Studien zurückkehren. Ihr guter Sinn für Ordnung und Gesetzmäßigkeit hat meinen ganzen Beifall.“41 Eine Abschrift der Kabinettsorder des Königs an den Minister des Innern übersandte Immermann am 1. Juni 1817 als ein „Königswort“ an den Freund Ludwig Schiele. Darin heißt es u. a.: „Die Häupter müssen relegirt, Excesse und Duelle aber nach der ganzen Strenge des Gesetzes und ohne Ansehn der Person gestraft werden. Ich mache den academischen Senat und die Professoren zu Halle für die gewissenhafte Erfüllung ihrer Amtspflichten verantwortlich, um den Unterdrückten und Verfolgten Ruhe zu verschaffen und will, daß diese meine Ordre unverzüglich zur Publication gelange. Sie haben dieserhalb das Erforderliche ungesäumt zu verfügen. Potsdam den 21. May 1817.“42 Die Publikation dieses Erlasses in Halle traf die „Teutonia“ ins Mark. Bald wurden erste Relegationen gegen die Führer der „Teutonia“ ausgesprochen, und diese löste sich vorübergehend selbst auf, was aber nicht viel zu bedeuten hatte. Wichtiger war indes, daß am 24. Juni der für seine Strenge bekannte Professor der Staatswissenschaften in Halle, Ludwig Heinrich v. Jacob, mit der Untersuchung der Vorfälle beauftragt wurde. Ihm gelang es, die Ruhe an der Universität in Kürze wiederherzustellen. In einem ausführlichen Bericht an das Ministerium des Innern in Berlin43 faßte er sein Handeln und seine Ergebnisse zusammen, charakterisierte das Wesen der „Teutonia“, benannte die Schuldigen und forderte eine harte Bestrafung; er stellte darüber hinaus auch allgemeine Überlegungen über das Zusammenleben von Studenten an deutschen Universitäten an. In einem späteren Brief an Schiele erklärt sich Immermann zufrieden mit dem Wirken und den Erfolgen v. Jacobs. Die „Teutonia“ sei geschwächt und weitgehend zerschlagen. Der Rest der Mitglieder gebe sich ruhig, zum Teil sogar freundlich.44 Nicht nur in den „Epigonen“ rechnete Immermann später auf satirische Weise mit den Auswüchsen der Burschenschaft ab; auch 1840 hatte sich seine Einstellung in seiner autobiographischen Schrift „Die Jugend vor fünfundzwanzig Jahren“ nicht geändert: „Das Burschenleben war ein ausgebildetes Nichtstun, eine Tabulatur phantastischer Gesetze von Müßiggängern für Müßiggänger gegeben, ein problematischer Staat, in welchem kindische Tätigkeit, kindische Ehre, kindische Tapferkeit regierten,←39 | 40→ nebst einiger wahren Freundschaft, Hingebung und Brüderlichkeit. Es war die deutsche Komödie, der nationale Schwank.“45
Das Nachspiel der Affäre waren Immermanns Streitschriften und die Antworten der Gegner darauf. Auf seine erste Streitschrift vom Juni 1817, „Ein Wort zur Beherzigung“, erschienen mehrere Gegenschriften von Carl Sigismund Schultze, Friedrich Eduard Beneke und Gottlieb Grabow. In „Ein Wort zur Beherzigung“ verfolgte Immermann zwei Ziele: Zum einen ging es ihm um den Fall ‚Knaust‘, zum anderen um die Zustände an der Universität allgemein. Hinsichtlich Knausts wollte die „Teutonia“ aus Herrschsucht, Eitelkeit und Hochmut offensichtlich ein Exempel statuieren. Sie wollte demonstrieren, daß sie über die Macht verfüge, das, was aus der Sicht ihrer Ideologie richtig erscheint, auf der Universität durchzusetzen. Immermann verurteilte scharf das gewalttätige Vorgehen, das er unverblümt ein „Verbrechen“ nannte, die Herrschaft des Duells, die „Tyrannei der Klinge“, mit dem damit verbundenen Druck auf andere Studenten, sowie vor allem die Mißachtung der freien Meinungsäußerung an der Universität. Nicht mit der Faust, sondern mit Gründen sei der Streit auszutragen. Besonders infam sei es, wenn ein als guter Fechter bekannter Student einen anderen, der des Fechtens nicht besonders kundig sei, zum Duell herausfordere. Recht und Wahrheit könnten nicht durch Gewalt gefunden und hergestellt werden.
Die Antwort C. A. S. Schultzes, „der Arzneiwissenschaft Candidat […]“, auf „Ein Wort zur Beherzigung“ von Immermann erschien im August 1817. Schultze griff Immermann wegen seines Mangels an Beweisen bei seiner Anklage der „Teutonia“ an und nannte selbst Beispiele für das Wohlverhalten der Verbindung. Nach einer geschichtlichen Darstellung der „Teutonia“ auf der Basis der Schrift des Kommilitonen Wenzel folgt eine Erzählung der Halleschen Vorfälle bis Herbst 1817 aus der Sicht der „Teutonia“. In den Teilen, in denen er sich zu Immermann und seiner Schrift direkt äußert, begegnen dem Leser überwiegend an Formulierungen Immermanns orientierte polemische Rechthabereien mit scheinbaren terminologischen Richtigstellungen bis hin zu Angriffen und persönlichen Beleidigungen des Autors einerseits, und Schönfärbereien des Verhaltens und der Leistungen der „Teutonia“ mit der Wiedergabe von Zeugnissen der Universitäts- und städtischen Ordnungsbehörden über das Wohlverhalten der „Teutonia“ in der Vergangenheit andererseits.
Die am 14. August 1817 erschienene Schrift des Teutonen und späteren Professors für Philosophie in Berlin, Friedrich Eduard Beneke, „Ueber das Wesen deutscher Universitäten in Bezug auf die neuesten Vorfälle in Halle. Allen wahr←40 | 41→haft der Wissenschaft lebenden Studenten in Liebe und Freundschaft gewidmet“ (Berlin 1817), geht im ersten Teil auf Immermanns Schrift „Ein Wort zur Beherzigung“ ein und widmet sich im Hauptteil der geistesgeschichtlichen Einordnung studentischer Verbindungen. Interessant sind dabei seine Äußerungen über das Duell46, die Immermanns eigner Einstellung sehr nahekommen. Im letzten Teil, „Nachwort“ genannt, äußert er sich zu Immermann und Schultze, bewegt sich ansonsten aber überwiegend im Rahmen der Thematik des Hauptteils. Während die Tat an Knaust kleingeredet wird, geht es Beneke hauptsächlich darum, die „Teutonia“ als eine Verbindung darzustellen, die das Gute will, deren einzelne Mitglieder gelegentlich aber das Böse schaffen. Es sei auch plausibel, so Beneke, daß nicht alle positiven Aspekte des Codex einer Verbindung stets eingehalten werden können. Indes müsse man stets den Geist der Verbindung im Auge haben und nicht die einzelne Tat. Natürlich sei man gegen Meinungsterror und Gewalt und für die Freiheit. Auch die Bedenken gegen das Duell als nicht geeignete Maßnahme zur Findung der Wahrheit und zur Wiederherstellung der Ehre werden von Beneke geteilt.47 Die Ausführungen Benekes gipfeln in der Behauptung, daß die „Teutonia“ erfreut über die Kritik an der Gewalttat an Knaust war48; nur sei der Weg, den Immermann mit seiner Erklärung einschlug, nicht der richtige gewesen. Im ganzen verfolgt die Schrift von Beneke das Ziel der Reinwaschung der „Teutonia“. Ob Immermann diese Schrift gekannt hat, ist nicht sicher.
Die Schrift des Theologiestudenten Gottlieb Grabow, den wir als Parteigänger Immermanns identifizieren können, „Freundschafts-Denkmal dem Candidaten der Arzeney-Gelahrtheit Herrn C. A. S. Schultze aus Hochachtung und Dankbarkeit gesetzt. In Bezug auf Hallesches Burschenwesen. Jena 1817“ ist keine kritische Auseinandersetzung mit Schultzes Schrift, sondern eine ironisch-satirische Erwiderung – Immermann nennt sie ein „humoristisches Werk“49 –, in der durch Umkehrung des Sinns die Mängel und Widersprüche der Schrift von Schultze aufgedeckt werden. Grabow fingiert dabei mit Geschick und Ironie die Rolle eines Verteidigers der Schrift gegen die Angriffe des Publikums. Einzelne Aspekte der Arbeit von Schultze werden satirisch bloßgestellt, und die „Teutonia“ wird ironisch als „metaphysische Musengesellschaft“ und „hohes Musterchor der Tugend“ apostrophiert.50←41 | 42→
Teilweise noch in Halle, ab September aber in Holzzelle arbeitete Immermann an seiner zweiten Streitschrift „Letztes Wort über die Streitigkeiten der Studirenden zu Halle seit dem 4ten März 1817 […]“. Sie erschien Ende November 1817. In ihr setzte er sich mit der Verteidigungsschrift des Medizinstudenten Carl Sigismund Schultze auseinander. „Schultzens Schrift“, urteilt er am 9. November in einem Brief an den Freund Ludwig Schiele, „hätte schwerlich wohl besser ausfallen können. Daß er mit Wohlgefallen in Anekdoten Scandalosis und Wortklaubereien umherwühlt und auch nicht ein-einzigesmal sich zu einem höhern Standpunkt und zu einer philosophischen Ansicht von dem Streite erhebt, zeigt, wie sehr die Teutonia an dem Mangel des Einen laborire was Noth thut – des Geistes, da ihre Repräsentanten doch auch nur Calumnien und Injurien zu geben vermögen.“51 Es ist für Immermann ein leichtes, die häufig ans Lächerliche grenzenden Behauptungen und Vorwürfe sowie die persönlichen Invektiven Schultzes gegen ihn mit sachlichen Argumenten und das Gegenteil klar beweisenden Beispielen zu entkräften und überzeugend ad absurdum zu führen. Ihm geht es um die Herstellung der Wahrheit der Vorgänge, die Schultze verfälschte oder zugunsten der „Teutonia“ schönte, so etwa bei der Richtigstellung der verzerrten Darstellung des Vorfalls vom 28. Februar.52 Zu diesem Zweck werden Personen aus dem Umfeld der Ereignisse, selbst aus den Reihen der „Teutonia“, zitiert, deren Äußerungen Immermanns Sicht beweisen. Die Vielzahl der Fakten, auf welche sich Immermann in Schultzes Schrift und im Zusammenhang des tatsächlichen Geschehens bezieht, macht es schwierig, die Argumente und Ergebnisse der Schrift kurz gefaßt auf einen Nenner zu bringen. Zwei Beispiele mögen deshalb Immermanns Strategie, die Aussagen Schultzes zu widerlegen und die Wahrheit ans Licht zu bringen, belegen. Wenn Schultze behauptet, daß im Winter 1816/17 keine Duelle, an denen Mitglieder der „Teutonia“ beteiligt gewesen seien, stattgefunden hätten, so sei dies nach Immermann nur dadurch zu erklären, daß die „Teutonia“ der Auflage der Behörden, ihre Papiere und Aufzeichnungen vollständig auszuliefern, nicht nachgekommen sei, denn jedes Duell sowie die Beteiligung als Sekundant bei Duellen würde bei Verbindungen stets aufgezeichnet. Und daß im Winter 1816/17 entsprechende Duelle stattgefunden hätten, sei allgemein bekannt. – Daß die „Teutonia“ Zeugnisse von der Universitätsbehörde und dem Polizeipräsidenten Streiber über ihr Wohlverhalten in der Öffentlichkeit erhalten habe, sei völlig einleuchtend, da entsprechende Vorfälle nur dann gerügt oder bestraft werden konnten, wenn sie aktenkundig waren, was bisher durch die Strategien der ge←42 | 43→heimen Verbindung „Teutonia“ und die Lauheit der Behörden nicht erfolgt sei. Jeder Studierende erhielte solche lobende Zeugnisse von der Behörde, solange er nicht aufgefallen sei.
In den Akten des Archivs der Universität Halle ist auch ein Urteil von v. Jacob über den Studenten Immermann überliefert:
„Der Studiosus Immermann hat von jeher still u. eingezogen gelebt, und nie an großen geräuschvollen Studentengesellschaften Theil genommen. Er ist einer der allerfleißigsten u. gebildetsten jungen Leute. Dieses Zeugnis geben ihm alle seine Lehrer u. selbst die erbittertsten Gegner seiner Erklärung finden an ihm nichts auszusetzen, als daß er wie sich ein Teutone gegen ihn ausdrückte, so altklug seyn will, vernünftiger zu seyn, als Studenten seyn sollen. Auch hat diesen Immermann seine angesehene Gestalt, sein Ruf körperlicher Gewandtheit, sein steter Ernst, die ganze Zeit über gegen persönliche Insulte von seiten seiner Gegner geschützt. Er scheint die Erklärung aus einiger Überzeugung von der Pflicht den schädlichen Grundsätzen der „Teutonia“ mit Entschlossenheit entgegenzutreten aufgesetzt zu haben. Bey allen Verhandlungen mit ihm, habe ich ihn jederzeit besonnen, kalt, ohne allen persönl. Haß gegen seine Gegner gefunden. So zeigt er sich auch in seiner Druckschrift über diesen Vorfall, welche wie ich annehme in des Ministerii des Innern Händen ist.“53
Der Streit mit der „Teutonia“ im Jahre 1817 hatte für Immermann noch weitere Folgen. Auf dem Wartburgfest im Herbst 1817 wurde seine Schrift „Ein Wort zur Beherzigung“ von den Burschenschaftlern offiziell verbrannt. 1820 wurde sein sich entwickelndes Verhältnis zu dem Dichter Friedrich de la Motte Fouqué abrupt unterbrochen, als dieser von Immermanns Aktivitäten gegen die „Teutonia“ erfuhr.54
Die Auseinandersetzung mit der „Teutonia“ war nicht der einzige Konflikt im Sommer 1817. Gleichzeitig wurde Immermann von einem privaten Schicksalsschlag hart getroffen. Der 21jährige Immermann verliebte sich im Frühjahr 1817 in Luise v. Strasser, die als Waise in dem benachbarten Haus der Familie Voigtel in Magdeburg lebte. Luise wird als von Natur aus liebenswürdig, heiter, liebevoll und anmutig, an geistigen Gegenständen interessiert geschildert, ein Wesen, dem es jedoch an „rechter Tiefe“ gefehlt haben soll.55 Der Eindruck des geistig aufgeweckten Mädchens muß auf Immermann so stark gewirkt haben, daß er ihr vermutlich Ostern 1817 anläßlich einer Theateraufführung im Hause Voigtel, an welcher beide mitwirkten, einen Heiratsantrag machte. Durch seine Schwester Charlotte, die mit Luise befreundet war, ließ diese den Bewerber wissen, daß←43 | 44→ sie seinen Antrag ablehne mit der Begründung, daß Immermann zu jung und zu unbemittelt sei. Diese Ablehnung erschütterte Immermann zutiefst und bewirkte eine starke seelisch-geistige Krise bei ihm. Immermanns Zustand nach der Ablehnung schildert Hermann Immermann in seinen späteren Aufzeichnungen über den Bruder wie folgt:
[…] u. brach Karl im leidenschaftlichsten Unglücke zusammen. Er entschloß sich sofort, nach Halle abzureisen. Ich entsinne mich lebendig folgender Scene: wir waren Alle gegen Abend in der Stube der Mutter zusammen, ich, ein Kind, dem natürlich nichts gesagt war, das aber mit dem kindlichen Scharfsinne doch das ganze Verhältniß längst erkannt hatte. Die Mutter und die ältern Geschwister drangen unter Thränen in ihn, zu bleiben, er brach unter Aufhebung der Hände in die von der heftigsten Leidenschaft zeugenden Worte aus: „Es ist mir, als ob die Wände über mir zusammenbrechen wollten!“ Nach diesen Worten stürzte er zur Thür hinaus u. ist noch an demselben Abend zu Fuß auf der Chaussee nach Halle gegangen […] Er verlebte in diesem Gemüthszustande sein letztes Semester in Halle, wohl immer noch an der Hoffnung sich haltend u. von ihr zehrend, daß wohl doch eine Verbindung möglich sei.56
Diese Beobachtungen des zehnjährigen Knaben Hermann mögen nicht in allen Punkten verläßlich sein, in der Grundhaltung aber gewiß zutreffen. Von den noch bestehenden Hoffnungen Immermanns hinsichtlich eines Wandels zum Guten zeugen seine Briefe an die Schwester. In dem Brief vom 2. Juni 1817 schreibt er u. a.: „Gott weiß es, ich könnte unaussprechlich glücklich seyn. Lächelte Sie mir freundlich zu, so hätte ich wahrlich den Muth, Sie dem Leben, dem Geschick abzudringen, u. ich würde über alle Schwierigkeiten siegen […]“57. Einige Wochen später bittet er Charlotte, die „gütige Vermittlerin“, einen (nicht überlieferten) Brief an die immer noch Geliebte weiterzuleiten. Aus den beschwörenden Worten an die Schwester ist zu entnehmen, daß er Luise, wohl nach einem schwachen Hoffnungsschimmer, seine Absichten darlegt und schildert, was er für ihre gemeinsame Zukunft zu tun beabsichtige. Sein beruflicher Ehrgeiz fließt in folgende Worte: „Ich kann ohne Ruhmredigkeit sagen, daß ich erwarte im Geschäftsleben nicht unter den letzten zu bleiben, um so weniger, wenn ich weiß daß Thätigkeit u. Fleiß mich zu Luisens Besitz führen können. Nach diesem einzigen Gute will ich mit allen Kräften meiner Seele ringen, u. glaube mir, ich werde es erlangen, wenn Ihre Neigung mir zur Seite steht. […] es steht klar ausgesprochen vor meiner Seele, daß der Augenblick, wo ich erführe, daß Luise eines Andern sei, der Letzte meines Lebens seyn müßte.“58 Luise heiratete nach etwa einem Jahr, beeinflußt←44 | 45→ vermutlich durch Verwandte und bestimmt durch eigene Überlegungen hinsichtlich Immermanns unsicherer Lebensgestaltung, einen (trockenen) Kaufmann. Immermann hat Luise nie wiedergesehen, die aber weiterhin mit der Schwester befreundet blieb. Nach dem Abschluß seines Studiums in Halle ging Immermann nicht nach Magdeburg, da er Luise nicht wiedersehen wollte, sondern begab sich nach Oschersleben, wo er die erste berufliche Tätigkeit aufnahm. Das war Immermanns erste große Enttäuschung in der Liebe; in seinem Herzen bewahrte er die Erinnerung an diese erste Liebe bis in sein Alter.
Diese Liebesbeziehung fand ihre Niederschläge auch in seiner Lyrik. In dem „Spruch des Dichters“ (I) von 1830 kehrt die Erinnerung an die Jugendliebe wieder:
Was Andre von dir haben, weiß ich nicht,
Ich habe dich behalten, wie du warst,
Und dich versagend, schenktest du dich mir
Für alle Zeit, jungfräulich, rosenfrisch;
So dank ich deiner holden Trüglichkeit!–
Auch Jugendschmerzen sind ein schönes Gut,
Das Herz genießt sich selber in der Thräne.59
Zwanzig Jahre später erwähnt er diese „Jugendliebe“ mehrfach in den Briefen an Marianne Niemeyer, die 1839 seine Frau wurde. Er stellt dabei die Ähnlichkeit seiner gegenwärtigen Liebe zu seiner ersten Liebe heraus. „Meine Jugendliebe ging mir verloren […] und nun in voller Reife […] sehe ich die früheste Liebe wieder mir nahen. Denn zu Dir habe ich gerade dasselbe reine, andächtige und keusche Gefühl, wie damals zu Louisen […].“60 Von Erfahrung in der Liebe und Distanz zeugt dieser Satz: „Nachmals habe ich wohl einsehen müßen, daß Louise nur ein schöner Schein war.“61
Wiederholt erwähnte Immermann während des Studiums und schon vorher Aufenthalte in Holzzelle bei dem „Oheim“, dem Stiefbruder des Vaters, als erstrebenswerte Unterbrechungen und Ruhepunkte, auf die er sich schon lange vorher freute. Holzzelle liegt im Kreis Querfurt, etwa sieben Kilometer von Eisleben entfernt. Ursprünglich handelte es sich um ein der Jungfrau Maria gewidmetes Benediktinerinnen-Kloster, das vermutlich schon 877 als Kloster Hornburg gegründet, aber erst 1147 urkundlich erwähnt wurde. Nach einer Blütezeit im 13. Jahrhundert wurde das Kloster während der Bauernkriege 1525 völlig zerstört←45 | 46→ und anschließend in ein gräfliches Amt umgewandelt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es eine staatliche landwirtschaftliche Domäne, die der Oheim pachtete und mit Erfolg bewirtschaftete. Von der etwa 40 Meter langen romanischen Basilika mit Querschiff waren zu Immermanns Zeiten nur noch wenige Reste vorhanden.62 Gottfried Reinhard Immermann verwaltete die Domäne bis 1820. Die Aufenthalte Immermanns in Holzzelle waren oft Anlässe zu Familienfeiern und Theateraufführungen.
In der „Jugend vor fünfundzwanzig Jahren“ entwirft Immermann ein ausführliches Bild des Oheims und der Begebenheiten in Holzzelle. Der Oheim, der eine schwere und harte Jugend hatte – der „arme Schelm im schwarzen Waisenhäuserrock“ entbehrte jeglicher Munterkeit, Vergnügens und sinnlicher Lust –, versuchte, nachdem er auf der Domäne seßhaft geworden war, seine Jugend nachzuholen, indem er, wie Immermann sagt, seine „Steckenpferde“ tummeln wollte.63 Auf humoristische Weise erzählt der Dichter, zum Teil in dialogisierter Form, was nicht des Onkels Steckenpferde waren, bis er schließlich verrät, worin dessen Neigungen bestanden. Der mit Phantasie und Einbildungskraft übermäßig ausgestattete Oheim errichtete nach und nach, soweit es seine Mittel erlaubten, eine idealisierte, gehobene Scheinwelt um sich herum. Diese künstliche Welt bestand aus verschiedenen „Anlagen und Bauwerken“, „eine Festung, eine Eremitage, ein Tempel der Diana, ein Theater im Freien, ein Rittersaal, eine Rennbahn, und ein Belvedere“.64 Seine vielfältigen Interessen reichten demnach von der Antike über das Mittelalter bis zur Gegenwart. Die „Festung“ war sein Schlafgemach, das durch verschiedene wirkungsvolle Maßnahmen vor dem Überfall durch Angreifer geschützt war. Tatsächlich war der Oheim eine Natur, die bis ins Alter für alle Narrheiten und Possen ein offenes Herz hatte. Sein Leben bestimmten Freiheit, Großzügigkeit, Verständnis für Unsinn und Vorliebe für Ausgefallenes. Für die Kinder war der kinderlose Oheim „der Puck, der Prospero, der Graf Hoditz unserer Jugend“65. Es wurden Bälle in Holzzelle veranstaltet, aber ebenso auch musikalische Aufführungen geboten. Die „Kunstliebe“ des Oheims galt jedoch in erster Linie dem Schauspiel. Er besuchte nicht nur alle erreichbaren Aufführungen, er veranstaltete auf Familienfesten auch Theateraufführungen, die er selbst inszenierte und bei denen er auch mitwirkte. Eine besondere Vorliebe hatte er für Schäferspiele. Diese Neigung des Oheims hatte für Immermanns Leben prägende Bedeutung. Zum großen Teil wurde hier schon in frühem Alter←46 | 47→ der Grundstein gelegt für seine Neigung, ja Begeisterung für das Theatralische, sei es für das Dichten dramatischer Texte, sei es für das Inszenieren von Stücken und das eigene Spielen.
Beispielhaft schildert Immermann einen Aufenthalt in Holzzelle, der für viele andere stehen kann. 1815 beschlossen er und seine Verwandten und Freunde aus Anlaß des Geburtstages des Oheims am 25. Februar diesem ein besonderes Geburtstagsgeschenk in Form einer dramatischen Aufführung zu machen. Der Rittersaal, das Prunkstück des Anwesens, sollte der Aufführungsort sein, und Immermann wählte zum Gegenstand der Darbietung ein Schäferspiel „Rinaldo und Armida“ von Julius v. Voß mit einem Prolog von ihm selbst. Die Vorbereitungen bis hin zur Verpflegung einer größeren Gruppe von Besuchern der Vorstellung wurden in Halle getroffen. Die vierzehn Mitwirkenden samt einem Wagen mit den selbstgefertigten Kulissen, begaben sich nach Holzzelle zum Geburtstag des völlig überraschten Oheims. Die Aufführung am Abend, zu der auch eine große Zahl von Bewohnern der Umgebung eingeladen waren, endete aber beinahe mit einem Fiasko. Immermann hatte den Spielern zu viel Raum für eigene Improvisationen gewährt, die diese Möglichkeit auch in ausschweifender Weise nutzten. Dem Oheim, der auch ein Kenner der Kunst und Literatur war, mißfiel deshalb diese von einem Schäferspiel sich entfernende Darstellung, und er konnte seine Enttäuschung kaum verbergen. Nur mit Mühe gelang es, ihn wieder wohl zu stimmen. Dieser Mißerfolg war indes die Ausnahme, die Mehrzahl der Ereignisse in Holzzelle waren Erfolge, bei denen sich Ausführende und Publikum vorzüglich amüsierten. Dennoch wird dieses Debakel für Immermann eine fundamentale Lehre für seine spätere Tätigkeit als Theaterleiter gewesen sein. Denn während der Leitung der Düsseldorfer Bühne legte er größten Wert darauf, die Schauspieler zu zwingen, genau das Wort des Dichters zu rezitieren und von jedem Extemporieren und Improvisieren Abstand zu nehmen.
Über Immermanns literarisches Schaffen in diesen Jahren wissen wir nur wenig. Außer den Streitschriften gegen die „Teutonia“ sind keine weiteren Publikationen in diesen Jahren bekannt. Vermutlich wird er Gelegenheitsgedichte, wie das schon erwähnte Geburtstagsgedicht an den Vater von 1813, verfaßt haben, sowie einige Gelegenheitsdichtungen im Rahmen von Familien- und Freundesereignissen. So ist zum Beispiel ein „Familiengemälde“66 mit dem Titel „Der Weihnachtsmann. Ein rührendes Familiengemälde“ handschriftlich im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar überliefert. Die vier Blatt umfassende Handschrift ist auf den 19. Dezember 1816, als Immermann in Halle studierte, datiert. Als←47 | 48→ handelnde Personen treten die Mutter und die Geschwister Lotte, Ferdinand und Hermann auf. Der „Schirrmeister Rosin“ – ein Martin Rosin war tatsächlich bei der Königlichen Post in Magdeburg beschäftigt – überbringt die Weihnachtsgeschenke des Sohnes Carl. Mit humoristischen, aber zugleich zeitbezogenen Versen kommentiert er seine Geschenke: „S’ist wenig, doch er meint es gut / Bedenkt die schlechten Zeiten. / Wißt, daß des Burschen Beutel thut / An ewger Schwindsucht leiden.“ – Im Immermann-Nachlaß des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar werden weitere Entwürfe dramatischer Texte Immermanns aufbewahrt, die vermutlich aus seiner frühen Zeit stammen.←48 | 49→
1 Lück, Immermanns Professoren, S. 16.
2 Werke IV, S. 448.
3 Ibid., S. 449.
Details
- Seiten
- 690
- Erscheinungsjahr
- 2017
- ISBN (Hardcover)
- 9783631719411
- ISBN (PDF)
- 9783631719473
- ISBN (ePUB)
- 9783631719527
- ISBN (MOBI)
- 9783631719534
- DOI
- 10.3726/b10923
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2019 (April)
- Schlagworte
- Düsseldorfer Theater Theatergeschichte Theaterreform Romantik Immermanns Romanschaffen Heinrich Heine Junges Deutschland
- Erschienen
- Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 690 S., 16 s/w Abb.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG