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Spielarten der Populärkultur

Kinder- und Jugendliteratur und -medien im Feld des Populären

von Ute Dettmar (Band-Herausgeber) Ingrid Tomkowiak (Band-Herausgeber)
Konferenzband 500 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführung
  • Populäre Netzwerke: Dimensionen und Dynamiken
  • Kinder- und Jugendliteratur und Populärkultur: Eine Beziehungsgeschichte
  • Popularisierungsphänomene in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts: Wissen, Bildung, Formen, Produzenten
  • „There must be something about that boy“: Richmal Cromptons Just William-Serie (1919–1970)
  • (Re-)Präsentationen
  • „Lehmriese lebt!“: Golem-Narrationen in der modernen Populärkultur
  • „Vergesst die Schule, und stellt euch stattdessen einen Wald vor“: Wie Felicitas Hoppe Hartmann von Aues Iwein als kinderliterarischen Gegenwartstext gestaltet
  • Märchenfilm und Populärkultur: Zur kinematographischen Inszenierung des Chronotopos ‚Märchenzeit‘
  • ‚Mediale Wahlverwandtschaften‘?: Aktuelle audio-visuelle (Re-)Präsentationen von Johanna Spyris Heidi
  • Kinder- und Jugendliteratur als Hörbuch: Kommerzialisierung auf Kosten des Anspruchs?
  • „Welcome to Monster High“: Entwicklungsgeschichte und Bedeutungswandel von Monster High
  • Aushandlungen
  • „It’s Shakespeare for the kids“: Benedict Cumberbatchs Hamlet an der Schnittstelle von Theaterkultur, Fandom und Medienhysterie
  • Wunderland der Selbsterklärung: Zur Wechselwirkung von Jugendliteratur und Popkultur
  • Bibi Blocksberg: Hexen und Macht: Eine Analyse der Erzählformen aus Gender- und postkolonialer Perspektive
  • Wird mein lesbischer Headcanon jemals Canon werden?
  • Schnittstellen und Interferenzen
  • Auerhaus verstehen: Pop und Populäres in Bov Bjergs Roman
  • „It’s really you, but no one ever discovers“: Miley Cyrus, Miley Stewart, Hannah Montana oder Erwachsenwerden als Popstar
  • Die Bilderbücher von Neil Gaiman und Dave McKean im Kontext der Radical Change Theory: Anforderungen und Chancen der Rezeptionsprozesse im Deutschunterricht
  • Ästhetische Strategien
  • „It’s all made by hand“1Henry Selick in: Coraline 2009, Making Of.: Ästhetik und Inszenierung des Handgemachten in Animationsfilmen
  • Kommunikationsformen des Populären im zeitgenössischen Bilderbuch: Materialität und Multimodalität in Torben Kuhlmanns Lindbergh
  • „Dann googelst du einfach“: Mehrfachadressierung, Intermedialität und Popularität von Wolfgang Herrndorfs Tschick
  • Erzählte Nerdkultur: Selbstreferenzielles Spiel mit dem (populär)kulturellen Archiv

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Ute Dettmar und Ingrid Tomkowiak

Einführung

Populärkultur war und ist ein zentraler Teil der Jugendkultur, zunehmend auch der Kinderkultur. Die enge Verknüpfung manifestiert sich inzwischen unübersehbar auch in Kinder- und Jugendliteratur und -medien selbst: In Produktionslogiken, Distributionsformen und Aneignungspraxen sowie in ihren ästhetischen Formen und Semantiken partizipieren sie in einem wachsenden Teil ihres Spektrums an der global agierenden, in multimedialen Bezugssystemen verfassten Populärkultur. Internationale Bestseller- und Blockbuster-Phänomene sind nur die auffälligsten Anzeichen dieser Entwicklung. Produktive Zusammenhänge sind darüber hinaus erkennbar in den vielfältigen kinder- und jugendliterarischen Reihen mit ihren Imaginations- und Identitätsangeboten, die – teils nach dem Vorbild populärer TV-Serien – als Comedy-, Mystery-, Horror-, Thriller- oder Teen-Drama-Formate angelegt sind und im Medienwechsel bzw. in Medienverbünden erfolgreich weiterlaufen. Ein für Fortsetzungsschriften offener Werkbegriff sowie spezifische Funktionen und Inszenierungen von Autorschaft zeigen Schnittmengen auf.

Die Dynamiken, die mit den die Populärkultur konstituierenden kommerziellen und ästhetischen Verflechtungen insbesondere auch im Kontext globaler, vernetzter Verbreitungs- und Aneignungsprozesse einhergehen, betreffen das Feld der Kinder- und Jugendliteratur und -medien grundsätzlich: Sie verändern Popularisierungswege und Zugänglichkeit, Adressatenbezogenheit, Unterhaltungsfunktionen, Verbreitungs-, Rezeptions- und Partizipationspraxen und nicht zuletzt die Formen und Figuren des Erzählens: vom Transmedia Storytelling über den popmodernen Adoleszenzroman bis hin zur postmodernen Ästhetik im Bilderbuch mit ihren vielfältigen Anspielungen auf den populärkulturellen Kosmos.

Diese Prozesse in ihrem ästhetischen Potential, aber auch mit ihren Vereinheitlichungs- und Steuerungsprozessen wahrzunehmen, ist für die Kinder- und Jugendliteraturforschung von großer Relevanz, und zwar nicht nur in gegenwartsbezogener Perspektive. Die Faszinationsgeschichte reicht weit zurück bis ins 19. Jahrhundert, und sie manifestiert sich nicht zuletzt auch in den Abwehrkämpfen, die die Populärkultur insbesondere im Zusammenhang ihrer Rezeption durch Kinder und Jugendliche immer wieder mobilisiert hat.

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Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen den vielfältigen Beziehungen zwischen Populärkultur und Kinder- und Jugendliteratur und -medien in historischen und gegenwärtigen Dimensionen nach. Die Populärkulturforschung, die literatur- und kulturwissenschaftliche Ansätze der Cultural Studies, des Poststrukturalismus, der Postcolonial Studies, der Gender Studies und der Materialitätstheorie aufgegriffen hat, wird so in ihrer Anschlussfähigkeit für die Kinder- und Jugendliteraturforschung diskutiert. Umgekehrt zeigt sich, welche Impulse von der Kinder- und Jugendliteraturforschung für die Populärkulturforschung ausgehen können.

Der Band ist in fünf Abteilungen gegliedert: Zunächst stehen Dimensionen und Dynamiken populärer Netzwerke im Fokus. Ute Dettmar zeigt anhand der spannungsreichen Beziehungsgeschichte zwischen Kinder- und Jugendliteratur und Populärkultur die Entwicklung von gegenseitigen Abgrenzungen hin zu dynamischen Austauschprozessen seriellen und transmedialen Erzählens auf, mit seinen vielfältigen intertextuellen und intermedialen Verflechtungen. Sebastian Schmideler verdeutlicht, wie Kinderliteratur des 19. Jahrhunderts durch Popularisierung gekennzeichnet ist und wie Phänomene wie Serialität und innovative Formen des Wissenstransfers im Zeitalter der Industrialisierung und der Massenbildung neue populäre Verleger und Produzenten von Kinderliteratur hervorgebracht haben. Als Beispiel für eine lange laufende Erzählung, die politische Veränderungen und wirtschaftliche Interdependenzen in der Populärkultur widerspiegelt, stellt Oxane Leingang Richmal Cromptons Just William (1919–1970) vor. Ihr Beitrag verfolgt die Genese, Rezeption und Adaptionsgeschichte dieser Serie und diskutiert die Bedeutung soziokultureller Phänomene wie literarische Sozialisation und Konsumismus.

Die zweite Abteilung, (Re-)Präsentationen betitelt, ist dem Phänomen der wiederholten Aufnahme bestimmter Stoffe und Figuren gewidmet. So arbeitet Gabriele von Glasenapp die reichhaltige Geschichte der Golem-Narrationen auf und diskutiert diese in diachroner wie auch in synchroner Perspektive. Während sie Variationen der Golemfigur in unterschiedlichen Medien sowie Kinder- und Jugend- wie allgemeiner Literatur vorstellt und Grenzüberschreitungen auf literarischer, kultureller und sprachlicher Ebene diskutiert, zeigt sie für die Populärkultur charakteristische Kategorien wie Expansion, Modifikation und Transposition auf. Wie Felicitas Hoppe Hartmann von Aues Iwein als kinderliterarischen Gegenwartstext gestaltet, indem sie Hartmanns Text als mittelalterliches Imaginarium arrangiert, verdeutlicht Mareile Oetken und legt dabei die Erzählstrategien der Autorin frei. Ludger Scherer untersucht die Inszenierung von Drehorten, Kostümen und Musik in aktuellen Märchenfilmen des deutschen Fernsehens. Als Ergebnis der eklektischen Kombination von Elementen ←10 | 11→verschiedener historischer Epochen, die einer historistischen Herangehensweise an das Mittelalter entspricht, wird dort über die Rekonstruktion einer vagen ‚mittelalterlichen‘ Vergangenheit eine Art vorindustrieller Folklore des 19. Jahrhunderts hergestellt und somit – als Chronotopos im Sinne Bachtins – eine Märchenzeit evoziert. Felix Giesa und Andre Kagelmann werfen am Beispiel aktueller audio-visueller (Re-)Präsentationen von Johanna Spyris Heidi die Frage nach ‚medialen Wahlverwandtschaften‘ auf. Unter besonderer Berücksichtigung von Re-Figurationen bzw. des Ausblendens der psychologischen und religiösen Dimensionen diskutieren sie Prozesse der audiovisuellen Aktualisierung eines kinderliterarischen Klassikers, der bereits ein rhizomartiges Geflecht von Adaptionen ausgebildet hat. Jan M. Boelmann untersucht verschiedene Strategien zur Verkürzung des Originaltextes bei Hörbuch-Produktionen von Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel des Hörbuchs von Percy Jackson und beleuchtet die didaktischen Implikationen für die Anwendung in der Schule, insbesondere für den inklusiven Unterricht. Mit Monster High, einer von Mattels hauseigenen Spielzeugreihen, bestehend aus einer Vielzahl von Mode-Puppen, Unterhaltungsmedien und anderen Merchandise-Produkten, setzt sich Tamara Werner auseinander. Ihre Analyse von Puppen-, Film- und Webserien vor und nach dem Franchise-Neustart im Sommer 2016 interessiert sich für visuelle und narrative Verschiebungen, aber auch für wiederkehrende Themen und sich wandelnde Werte und Bedeutungszuschreibungen der Reihe.

Wie sich hier bereits andeutet, verhandelt Populärkultur in ihren verschiedenen Spielarten auch kulturelle, gesellschaftliche und individuelle Problemfelder; die dritte Abteilung ist daher mit Aushandlungen überschrieben. So interpretiert Anika Ullmann die Hamlet-Produktion im Barbican im Jahr 2015 mit Benedict Cumberbatch als Hamlet als ein Schlüsselereignis in den Verhandlungen um die Konzeptualisierung von Hochkultur und Populärkultur. Sie verfolgt die diskursiven Strategien, Fans in der Berichterstattung über die Produktion als wild und irrational darzustellen, und diskutiert die Gründe und Auswirkungen dieser Stereotypen. Heidi Lexe widmet sich dem Spannungsverhältnis von Literatur und Realität am Beispiel von Adoleszenzromanen. Sie legt dar, wie die transmediale Erzählung an der Schnittstelle von Jugendliteratur und Popkultur oft dazu dient, die Realität als nur in Fragmenten begreifbar darzustellen, und zeigt, wie Literatur jugendliche Realitäten konstruiert, rekonstruiert und dekonstruiert. Eine aus Gender- und postkolonialer Perspektive vorgenommene Analyse der Erzählformen in den Kindergeschichten um Bibi Blocksberg – seit 1980 Teil der deutschsprachigen Populärkultur – legt Ina Schenker vor. Indem sie sich dabei auf die Wechselbeziehung zwischen Macht, Geschlecht und postkolonialem Othering konzentriert, weist sie nach, dass Bibi Blocksberg zwar Werte des ←11 | 12→Feminismus transportiert, dies aber gepaart mit Charakteristika rassistischer Unterdrückung. Gesa Woltjen untersucht die Darstellung lesbischer Charaktere in drei TV-Serien und beleuchtet die Fan-Reaktionen darauf. Auf der Suche nach Spuren von Repräsentanz der eigenen Identität in TV-Serien sind lesbische Fans häufig mit zwei Problemfeldern konfrontiert – der Unsichtbarkeit oder der ambivalenten Darstellung lesbischer Figuren.

Die dritte Abteilung trägt den vielfältigen Schnittstellen und Interferenzen Rechnung, die in der Begegnung von Kinder- und Jugendliteratur und -medien und Populärkultur eine Rolle spielen. So erklärt sich für Heinz Drügh der überraschende Erfolg von Bov Bjergs Roman Auerhaus aus dem Jahr 2015 durch die spezifische Kombination von moderner Popästhetik mit der populären Ästhetik von all-age-Büchern und die Überlagerung zeitgenössischer Anliegen der Jugend mit der politischen Stimmung der Bundesrepublik Deutschland während der Wirtschaftswunderzeit und unmittelbar vor dem Fall der Berliner Mauer. Mit dem Fokus auf die Verbindungen zwischen Hannah Montana, Miley Stewart und Miley Cyrus zeigt Julia Benner, wie Identität vor dem Hintergrund von Kindheit und Popmusik inszeniert wird. Indem sie wichtige Aspekte von Hannah Montana wiederholen und variieren, setzen die Performances von Miley Cyrus die Erzählung der Fernsehserie fort. Karin Vach diskutiert die Bilderbücher von Neil Gaiman und Dave McKean, die verschiedene Elemente und Erzählformen visueller Medien kombinieren, im Zusammenhang mit der Radical Change Theory. Dabei geht sie davon aus, dass die für die digitale Medienkultur bestimmende komplexe Beziehung von Interaktivität, Vernetzung und Zugänglichkeit auch die gedruckte Kinderliteratur beeinflusst, und betont die sich in diesem Zusammenhang für den Unterricht bietenden neuen Möglichkeiten zur Vermittlung von Medienkompetenz.

Der Tatsache, dass es an der Schnittstelle von Populärkultur und Kinder- und Jugendliteratur und -medien zur Ausbildung charakteristischer visueller und narrativer Strukturen kommt, trägt die Abteilung Ästhetische Strategien Rechnung. An der jüngst wieder vermehrt zu beobachtenden Inszenierung des Handgemachten in Animationsfilmen reflektiert Ingrid Tomkowiak deren ästhetische Strategien im Hinblick auf damit verbundene kulturelle Diskurse. In Zeiten von Simulation oder Hyperrealität drückt sich in sichtbar oder vermeintlich Handgemachtem in digitaler Umgebung eine romantische Suche nach dem Wahren, Echten und Authentischen aus – Zeichen reflexiver Nostalgie, die in der Sehnsucht nach dem Verlorenen schwelgt, ohne jedoch die Zeit umkehren zu wollen. Mit dem Fokus auf der Kooperation von Bild und Text arbeiten Carolin Führer und Alexander Wagner am Beispiel von Torben Kuhlmanns Lindbergh Materialität und Multimodalität als Kommunikationsformen ←12 | 13→im zeitgenössischen Bilderbuch heraus und bestimmen mögliche Prozesse der Produktion, Repräsentation und Diskursivierung von Historizität und Wissen innerhalb des sogenannten Populären. Die Popularität von Wolfgang Herrndorfs Romanbestseller Tschick erklärt Lena Hoffmann zum einen durch Techniken der Multiadressierung in diesem Crossover-Text, der sowohl auf ein erwachsenes als auch auf ein jugendliches Publikum abzielt, und zum anderen in interaktiven Strategien, welche Rezeptionsgewohnheiten im digitalen Zeitalter widerspiegeln. Den Abschluss des Bandes bildet der Beitrag von Anna Stemmann, die an der in Kinder- und Jugendmedien der jüngsten Zeit zentral vertretenen Figur des Nerds deren selbstreferenzielles Spiel mit dem (populär)kulturellen Archiv beschreibt, wobei sie sich auf entsprechende Referenzen in Scott Pilgrim gegen die Welt, Wreck-It Ralph und The Lego-Movie konzentriert.

Der Band geht auf die 29. Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (GKJF) zurück, die vom 26. bis 28. Mai 2016 in Königswinter abgehalten wurde, sowie teilweise auf die Ringvorlesung Spielarten der Populärkultur, die im Sommersemester 2016 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main in Kooperation des Instituts für Jugendbuchforschung mit dem Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik durchgeführt wurde (gefördert von der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität sowie der Friedrich Stiftung). Wir danken allen AutorInnen für ihre Beiträge und die gute Zusammenarbeit. Für die Endkorrektur danken wir Gisela Hidde und für finanzielle Unterstützung der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie der Universität Zürich.

Frankfurt am Main und Zürich, im Frühjahr 2018

Ute Dettmar und Ingrid Tomkowiak

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Ute Dettmar

Kinder- und Jugendliteratur und Populärkultur

Eine Beziehungsgeschichte

Abstract: Initially following the footsteps of Sherlock Holmes, this article explores the dynamic relationship between children’s and young adult literature and popular culture, and also systematically shows how dynamic exchange processes with diverse intertextual and intermedial connections develop in current serial and transmedial narratives.

Kinder und Jugendliche zählen bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert zu den begeisterten RezipientInnen der expandierenden, sich entgrenzenden und ausdifferenzierenden Populärkultur; sie nutzen ihre Verbreitungsmedien, von den Zeitschriften über die Heftliteratur bis hin zum Kino. Die Kinder- und Jugendliteratur als literarisches Handlungs- und Symbolsystem ist darüber hinaus grundsätzlich eng mit der Populärkultur, ihren Formen und Funktionen verbunden – das ästhetische Repertoire populärer Erzählformen, wie Anschaulichkeit und Zugänglichkeit, Unterhaltung, Spannung und Emotionalisierung, bezieht Texte in der Tradition des prodesse et delectare zudem bereits seit der Entstehung der spezifischen Kinder- und Jugendliteratur im 18. Jahrhundert in ihre Wirkungsstrategien ein.1 An der Populärkultur, die im Anschluss an die neuere Forschung als ein vielschichtiges, aufeinander bezogenes und sich dynamisch entwickelndes Zusammenspiel von kommerziellen Produktionskontexten, kulturellen Aneignungspraktiken, Wahrnehmungs- und Bewertungsroutinen sowie der Ästhetik des populären Erzählens mit ihren spezifischen Imaginationsräumen und Identitätsangeboten zu verstehen ist (vgl. Kelleter 2012; Jacke/Kleiner 2012, S. 52 ff.), partizipieren kinder- und jugendliterarische Medien seit dem „Aufstieg der Massenkultur“ (Maase 1997) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Beziehungsgeschichte ist seither geprägt von vielerlei Attraktionen und Verwerfungen. Mit den diskurs- und mentalitätsgeschichtlich wirkmächtigen symbolischen Kämpfen um legitime und illegitime Kultur, die insbesondere auf dem Feld der Kinder- und Jugendliteratur und -lektüre mit einiger Heftigkeit ausgefochten worden sind, haben sich inzwischen zahlreiche Studien beschäftigt. Sie haben die Voraussetzungen, Funktionen, Folgen, Rituale und ←17 | 18→Routinen der diversen Kämpfe gegen den sogenannten Schmutz und Schund in kultur- und mediengeschichtlicher Perspektive erarbeitet (vgl. Maase 1994, 1997 und 2012; Dettmar 2012). Ich möchte mich mit diesen Debatten im folgenden Beitrag daher nur am Rande beschäftigen, um vor dieser Folie den Fokus insbesondere auf aktuelle Relationen und Entwicklungsdynamiken zu richten, die sich derzeit im Feld der populären Kinder- und Jugendliteratur bzw. im intertextuellen und -medialen Spiel mit populären Stoffen, Themen, Figuren und Motiven abzeichnen. Verortet und diskutiert werden sollen sie abschließend im Kontext der gesellschaftlichen „Metaprozesse“ (Krotz 2007) von Globalisierung, Kommerzialisierung, Individualisierung und Mediatisierung. Insbesondere der letztgenannte Prozess, der sich mit der Dynamik der Digitalisierung zunehmend beschleunigt, ist dabei ein relevanter Bezugspunkt: Weit über die medientechnischen Entwicklungen hinaus verändert sich derzeit die Bedeutung der Medien für das kommunikative Handeln und im weiteren Sinne damit auch für die kommunikative Konstruktion von Wirklichkeiten, von Kultur und Gesellschaft, Identität, Alltag und Beziehungen (vgl. ebd., S. 12). Angesichts der medialen Allgegenwart heute lässt sich, so Krotz, von einem Leben in mediatisierten Gesellschaften und Medienkulturen sprechen.

Die hier nur stichwortartig umrissenen umfassenden soziokulturellen, medialen, insbesondere digitalen Umbrüche, deren Veränderungen für das Lesen, für die Kinder- und Jugendliteratur, und grundsätzlicher: für das Erzählen und Kommunizieren in Texten und Bildern, die sich erst abzuzeichnen beginnen, geben auch der global agierenden, in multimedialen Bezugssystemen verfassten Populärkultur weitere Impulse. Mediale Konkurrenzen und veränderte Wahrnehmungsprozesse bringen Traditionsmedien, wie die Mediengeschichte zeigt, nicht zum Verschwinden. Buch und Literatur organisieren und positionieren sich allerdings (in Teilen) neu, sie prägen andere Formen, Verwendungs- und Kommunikationsweisen aus. Mit den dynamischen Verflechtungen und Austauschprozessen entstehen nicht nur expandierende kommerzielle Verwertungssysteme, sondern auch weiterführende ästhetische Verarbeitungs- und Aneignungsprozesse. Erzählformen, Werk- und Literaturbegriffe sowie Rezeptionspraxen verändern sich und führen über Medien und über Adressatenkreise hinweg. Auf diese Entwicklungen möchte ich im Folgenden zunächst einige Schlaglichter werfen und sie dann in ihren medialen und kulturellen Rahmungen diskutieren.2

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Populäre Figuren als Grenzgänger zwischen Kinder- und Jugendliteratur und Populärkultur: Der Fall Sherlock Holmes

Als Leitfigur meiner Überlegungen soll zunächst Sherlock Holmes fungieren. Literaturgeschichtlich gesehen ist dieser Prototyp des Detektivs zugleich ein frühes Beispiel für die Popularität und Langlebigkeit serieller Helden. Arthur Conan Doyle hat nach einigen Anlaufschwierigkeiten außerordentlich erfolgreich und Genre prägend in episodischen Fortsetzungsgeschichten von den Fällen des Meisterdetektivs erzählt.3 Inzwischen kann Sherlock Holmes auf eine eindrucksvolle Medienkarriere zurückblicken, er ist eine der zentralen und wohl am meisten zitierten, verbreiteten und ausgedeuteten Figuren der populärkulturellen Geschichte (vgl. Hügel 2003). Zu dieser Erfolgsgeschichte gehört auch seine Präsenz im Feld der Kinder- und Jugendliteratur, genauer gesagt zunächst der Kinder- und Jugendlektüre. Diese führt im frühen 20. Jahrhundert allerdings nicht zum Originalgenie, sondern häufig zu einem unautorisierten Nachfolger, der Heftserie Detectiv Sherlock Holmes und seine weltberühmten Abenteuer, die seit 1907 im Berliner Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst erschien.4

Die in hohen Auflagen wöchentlich erscheinende Heftserie gehört zu jenem spannenden Teil der im frühen 20. Jahrhundert entstehenden, kommerziell organisierten, massenmedial verbreiteten urbanen Unterhaltungskultur, die nicht an Kinder und Jugendliche adressiert war, sie aber zunehmend erreicht hat. Sherlock Holmes ist in diesem neuen Format weniger Plagiat als Kopie und dies in mehrfach vermittelter Weise: Er gleicht in seinem aktionistischen Erscheinungsbild nicht so sehr dem britischen Denker, sondern ist offensichtlich angelegt als Nachfolger des zeitgenössisch noch erfolgreicheren amerikanischen Meisterdetektivs der Serie Nick Carter. Amerika’s größter Detektiv, der in der Großstadt New York auf Verbrecherjagd geht. Alwin Eichler hatte die Rechte für die seit 1891 in den USA als dime novels erschienene Serie für den deutschen Markt erworben und publizierte sie seit 1906 in seinem gleichnamigen Dresdner Verlag.5 Europäische Übersetzungen folgten bald, der Verlag Eichler vertrieb sie über eigene Zweigstellen in den jeweiligen Ländern. Sie fanden reißenden Absatz und generierten schnell wiederum Nachfolger, wie Nat Pinkerton (1907 ff.) oder, und dies wurde mit Blick auf die Genderordnung als Provokation wahrgenommen, ←19 | 20→die Serienheldin Ethel King6, die sich als sogenannter weiblicher Sherlock Holmes in die großstädtische Welt des Verbrechens stürzt. Die Heft-Serie erschien in Frankreich und Deutschland, Übersetzungen u. a. ins Dänische folgten.

Populärkultur, das zeigt sich bereits an diesen frühen historischen Beispielen, ist nicht nur als ein Register von Erzählweisen zu verstehen, sondern als ein globales und dynamisches „Netzwerk von Akteuren, Dingen und Aktivitäten“ (Maase 2014, S. 83), das ein eigenes Feld der Kultur und der Kommunikation eröffnet. Dazu gehören anonyme AutorInnen als TextproduzentInnen, Medienökonomien und -techniken, die Massenproduktion forcieren, Publikationsformate, die spezifische Materialitäten und serielle Ästhetiken ausbilden, standardisieren und kultur- und genderbezogen ausdifferenzieren, sowie Texte und Paratexte, die mit Strategien der Aufmerksamkeitserregung arbeiten, etwa durch die plakative Gestaltung der Cover, die eine dramatische Szene in farbiger Illustration auf den Titel setzen. Auch in dieser Frühphase manifestiert sich die Selbstreferenz von Serien in der Ausdifferenzierung erfolgreich etablierter Formate; die seriellen Formen sind in ihrem nur wenig modifizierten Schema allerdings von überschaubarer Komplexität. In ihrer ästhetischen und alltagspraktischen Zugänglichkeit sind sie anschlussfähig für eigensinnige Rezeptionsformen. Die zwischen 10 und 20 Pf. kostenden Hefte, die am offiziellen Buchhandel vorbei in alternativen niedrigschwelligen Verkaufsstätten – in Papier-, Zigaretten- und Zeitschriften-, Friseurläden oder beim Gemüsehändler – erworben werden konnten, gehörten zur Lieblingslektüre von Kindern und Jugendlichen, die Hefte wurden gesammelt und getauscht, Detektivclubs wurden gegründet, die den Namen der Serienhelden trugen, auch selbst verfasste Geschichten entstanden nach den populären Vorbildern (vgl. Jäger 1988).

Ebendiese Verbindung von serieller, auf Spannung setzender Literatur, von (unkontrollierter) Lektüre und Rezeption, die das Miträtseln und Mitfiebern in die Alltagspraxen des Detektiv- und Abenteuerspiels übersetzt, zog allerdings schnell massive Kritik auf sich: Nicht nur der als literarisch und moralisch verderblich geltende sogenannte Schund wurde mit allen Mitteln radikal verfolgt, Hefte wurden eingesammelt und verbrannt (vgl. Maase 1996; 2008; 2012, S. 95–122). Auch das Performative, die Konsum-, Kommunikations- und Spielpraxen, die die Grenzen zwischen Fiktion und Realität überschreiten und dabei Kinder-, Jugend- und Populärkultur verbinden, galten als Wirklichkeitsverlust, ←20 | 21→sie wurden als Spielarten der Kriminalisierung wahrgenommen (vgl. Richter 1988). So zeigt sich an diesem Beispiel auch, dass, insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher und medialer Umbruchprozesse in der Auseinandersetzung um Literatur und Lektüre mehr verhandelt wird: Es ging und es geht darum, wie viel und welche Form der Unterhaltung sein soll, integrierbar oder ausgeschlossen ist, es geht um Diskursordnungen und Deutungshoheit, um Grenzziehungen und Distinktionen, um das kulturelle und literarische Selbstverständnis und – nicht zuletzt – auch um Vorstellungen von Kindheit und Jugend, die sich mit der Aneignung von Populärkultur verbinden. Was im jeweiligen historischen und kulturellen Kontext in dieser Beziehung an Bedeutungen mitverhandelt und -produziert wird, führt über Literatur hinaus und ist so selbst als kultureller Text lesbar, als Zeichen, mitunter auch als Symptom gesellschaftlicher und ästhetischer Modernisierungsprozesse.

Inzwischen ist auf allen, hier zunächst am historischen Beispiel angesprochenen Ebenen der Produktion, der Ästhetik, Bewertung und Rezeption Bewegung entstanden, und auch dies lässt sich schlaglichtartig an der Karriere der populären Figur Sherlock Holmes und des mit ihm verknüpften Genres der Detektiverzählung zeigen. Mit Blick auf das (nicht nur kinderliterarisch) lange inkriminierte Genre ist seit Kästners Emil und die Detektive (1929) und in Gestalt des mustergültigen kindlichen Aufklärers und seiner Freunde die großstädtische Verbrecherjagd (und auch das Detektivspiel) ein kinderkulturell und kinderliterarisch eingeführtes Thema. Die Detektiverzählung hat sich in Erzählkonventionen und Figurenkonstellationen dem neuen Umfeld, den Rahmenbedingungen des kinderliterarischen Feldes, an- und eingepasst und hier – sehr erfolgreich – eigene literarische Formen und fortlaufende Variationen herausgebildet. Auch Sherlock Holmes, um zur Leitfigur zurückzukehren, ist in diesem Kontext früh ein intertextueller Bezugspunkt: Erinnert sei zum Beispiel an den Lindgren’schen Meisterdetektiv Kalle Blomquist (Lindgren 1996), ein leidenschaftlicher Krimileser und Sherlock-Holmes-Fan, der auf den Spuren des großen Vorbildes dann in Eigenregie und im Bund mit seinen Freunden abenteuerliche Fälle in der schwedischen Provinz zu lösen hat. Die Abenteuer des Ahnherrn Sherlock Holmes liefern den Prätext und mit ihm das klassische Grundmuster von Fall, Detektion und Aufklärung (vgl. Nusser 1980), das bis heute implizit oder explizit kinderliterarisch aufgegriffen, variiert, inzwischen auch parodistisch durchbrochen wird. Im intertextuellen Bezug entstehen zunächst spezifisch kinderliterarische Transformationen, die dann in rekursiver Folge eigene Fortsetzungen generieren. Auch die unverkennbare Figur Sherlock Holmes ist in ihrer Zeichenhaftigkeit, mit der sie metonymisch den Detektiv und das Detektivspiel repräsentiert, ein Bezugspunkt für kinderliterarische Reenactments, und dies ←21 | 22→kulturübergreifend, von der Sesamstraße, wo Sherlock Holmes in unverkennbarer Gestalt als Sherlock Humbug erfolgreiche Auftritte hatte, über Donald Duck und die Abrafaxe, die Helden des aus der DDR stammenden Comics Mosaik, bis hin zu Detektiv Conan (seit 2001), der in Japan entstandenen, international erfolgreichen Manga- und Animationsserie (Abb. 1).

Abb. 1:Gosho Aoyama: 名探偵コナン, Meitantei Konan, dt. „Meisterdetektiv Conan“. © Tokyo: Shōgakukan 1994

Diese kindermedialen Formen entstehen als Palimpseste bzw. Pastiche (Genette 1993), die mit dem populären Vorbild und mit der kinderliterarischen Tradition des Detektivspiels spielen. Die Serienfigur reflektiert also mit dem Übergang ins kinder- und jugendliterarische Feld und im Medienwechsel vom Buch hin zu Comics und TV-Serien ihre „medialen Rahmungen und Transformationen“ (Denson/Mayer 2012, S. 185), und sie weist damit jenes „narrativ bedeutsame und formengeschichtlich folgenreiche Moment medialer Selbstreflexivität auf“ (ebd.), das, so haben es Denson und Mayer beschrieben, eine der Überlebensstrategien serieller Figuren darstellt. Für die Präsenz der Figur Sherlock ←22 | 23→Holmes im kindermedialen Zitat sorgt vor allem das mit spezifischen Attributen (Deerstalker-Mütze, Tweed-Mantel, Lupe – auf die Pfeife wird kinderliterarisch/ -medial zumeist verzichtet) versehene emblematische Bild, das von Holmes zirkuliert. Zurückgegriffen wird in Bildzitaten auf die „ikonische serielle Figur“ (ebd., S. 190), die eine zentrale Rolle als Horizont und Referenzrahmen spielt, als Versatzstück flexibel einsetzbar und umcodierbar ist. Hier werden, und das gilt für zahlreiche andere Fälle ikonischer Gestalten, von Superhelden bis hin zu Vampiren und anderen Untoten, populärkulturelle HeldInnen in ihrer topischen Qualität genutzt und im kinderliterarisch-medialen Archiv als selbstreferentielle Figuren bewahrt. Sie treten hier, im Sinne der Definition von Denson/Mayer (S. 187–191), als „serielle Figuren“ auf, die im Gegensatz zu auserzählten „Seriencharakteren“ (ebd.), flache, in der Wiederholung gleichbleibende Figuren darstellen, die sich daher aus den Geschichten lösen, umcodieren und kombinieren lassen und in vielfältigen Formaten als Spielmaterial und Zitat in den jeweiligen medialen und kulturellen Umwelten einsetzbar sind.

Wie viel Ausstrahlung Serienformate und -figuren im Kontext derzeitiger medialer Entwicklungen haben, zeigt sich nun im Falle von Sherlock Holmes in besonderem Maße. Sherlock Holmes gehört bekanntlich zu den Figuren, die schon zu Lebzeiten ein Eigenleben entfaltet haben und dem Autor über den Kopf gewachsen sind: Nach dem spektakulär inszenierten Serientod im Kampf mit dem Erzfeind Moriarty in den Schweizer Reichenbachfällen musste Doyle seinen Helden aufgrund von Fanprotesten wieder auferstehen lassen (vgl. Hügel 2003). Seine Überlebens- und Wandlungsfähigkeit beweist Sherlock Holmes auch derzeit wieder aufs Neue: Er ist inzwischen in der Gegenwart angekommen, vor allem mit der vielgerühmten BBC-Serie Sherlock, die seit 2010 in bislang drei Staffeln (und einem Special) in freier Fortschrift Doyles Erzählungen adaptiert und ins London des 21. Jahrhunderts verlegt; hier feiert er ein wahrhaft spektakuläres Comeback. Sherlock Holmes wird in diesem aktuellen Medientext von einer seriellen Figur zu einem Seriencharakter, dessen Geschichte in Handlungssträngen mehrsträngig und vielschichtig erzählt wird, die über die einzelnen Episoden und ihre jeweiligen Fallgeschichten hinweg, also horizontal laufen, zudem transmedial expandieren, durch Fortschriften etwa in den digitalen Medien, wo exklusive Webisodes online anzusehen sind. Dieses aktuelle Erzählen in Serie bietet dramaturgisch neue Möglichkeiten, zur Vertiefung der Figur und zur Ausgestaltung der Beziehungen, in die er sich verwickelt – Sherlock ist zwar weiterhin eine exzentrische Figur, eine Ausnahmeerscheinung dank seiner intellektuellen Brillanz, aber kein einsames Genie.

Wie vielschichtig, anspielungsreich und medienästhetisch innovativ die Serie ist, ist in der Kritik und inzwischen auch in medienwissenschaftlichen Analysen ←23 | 24→vielfach herausgestellt worden (vgl. Opp 2015). Sherlock ist selbst zum Indiz geworden für die Komplexität der gegenwärtigen Fernsehserien, des sogenannten Quality-TV und seines Erzählpotentials, das die Grenzen von High and Low überschreitet. Mit dem Erfolg der Kultserie und in Gestalt des Schauspielers Benedict Cumberbatch, der in der Rolle brilliert7, ist der zwischenzeitlich etwas in die Jahre gekommene Holmes im Imagetransfer zu einer außerordentlich attraktiven Figur geworden – Sherlock ist zurück als popkulturelle Ikone. Konstitutiven Anteil daran hat die Fankultur, die sich um die Serie entspannt hat und die vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen getragen wird. Ihr Medium sind nun nicht mehr subkulturelle Fanzines. Die Fans nutzen vor allem soziale Netzwerke und digitale Plattformen wie Tumblr, wo sie als Deutungsgemeinschaft außerordentlich aktiv sind, den Spuren und Fährten des Medientextes detektivisch nachgehen, eigene Erzählungen, Fan-Fiction und Fan-Art zur Serie produzieren, dabei parodistische Wendungen, mögliche Fortsetzungen und denkbare Beziehungen (vor allem zwischen Sherlock und Watson, dem sogenannten ‚Johnlock-Pairing‘) ausmalen, die dann wiederum in Anspielungen in der Serie aufgegriffen und von den Expertenkulturen decodiert werden (vgl. Opp 2015).

Die Karriere der Figur Sherlock Holmes steht, und daher ist sie in diesem Beitrag prominent behandelt worden, für Entwicklungen, die in mehrfacher Hinsicht das komplexe Verhältnis von Kinder- und Jugendliteratur bzw. -lektüre und Populärkultur erhellen können. In historischer Perspektive lässt sich zeigen, wie populäre Figuren und Formen aufgegriffen, umcodiert und in das kinder- und jugendliterarische Feld eingepasst werden, wo sie dann eigene Erzähltraditionen ausbilden. Als aktueller Fall ist Sherlock darüber hinaus ein Beispiel für die Dynamik des seriellen, transmedialen Erzählens, das inzwischen auch die Kinder- und Jugendliteratur erfasst hat. Und nicht zuletzt zeigt sich, dass und wie im Rückkopplungsprozess Populärkultur und Kinder-/Jugendmedienkulturen enger zusammenrücken und durchlässig werden. Denn der Erfolg der BBC-Serie hat auch kinder- und jugendliterarisch interessante Folgen: Sherlock ist nun keine Ikone kinderliterarischer und -kultureller Fantasien mehr, er kommt vielmehr als Figur über die medial vermittelte Popularität wieder im jugendliterarischen Feld an, wo ihm weitere Geschichten zugeschrieben werden. So ist die Manga-Serie Sherlock auf Basis der Drehbücher zur TV-Serie entstanden (Abb. 2).

Abb. 2:Jay; Mark Gatiss; Steven Moffat: Sherlock. Bd 1: Ein Fall von Pink. © Hamburg: Carlsen, 2017

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Unter dem Titel Young Sherlock Holmes (Lane 2012) wird zudem, wiederum in Serie, die Geschichte seiner Jugend ausgemalt, d.h. also in den Kategorien serieller Entwicklung, dass ein Prequel zur Serie geboten wird, das die bewegte Biographie der populären Figur weiter auserzählt und mit diesen Episoden an den offenen seriellen Text anschließt. Der Band My Dear Sherlock (Petty 2015) setzt bereits paratextuell auf die neue Attraktivität der Figur bzw. des Schauspielers, der sie verkörpert: Das Cover arbeitet mit deutlichen Bezügen zur Serie und zum Serienhelden in seiner aktuellen Gestalt (Abb. 3).

Abb. 3:Heather Petty: My Dear Sherlock – Wie alles begann. © München: cbt, 2015

Erzählt wird hier nun aus der Perspektive des bzw. der – weiblichen – Jamie Moriarty. Mit diesem Perspektivenwechsel und mit der Verschiebung zur Liebesgeschichte werden Erzählweisen aufgenommen, die in der Fan Fiction weit verbreitet sind (die queeren Anspielungen der Serie und anderer Fan-Fiction fallen dem allerdings zum Opfer). Der Text und seine Fortsetzungen beziehen sich rekursiv nicht mehr nur auf die literarischen und filmischen Prätexte, sondern auf die außerdiegetischen Rezeptions- und Produktionspraxen, die mit ihm ←25 | 26→verbunden sind. In die Reihe Figuren und Genre mixender Fortsetzungen fügt sich auch ein kinderliterarischer Text: Der Blog des geheimnisvollen Sherwood Holmes (Neumayer 2016), ein Hybrid aus Robin Hood und Sherlock Holmes, der die transmedialen Formen ins Printmedium überführt. Sherwood wird hier zum Blogger aus gekränkter Eitelkeit, der sich im metafiktionalen Kommentar über die mediale Aufmerksamkeit des Kollegen beklagt: „Kampieren meine Fans etwa Tag und Nacht vor meiner Haustür, nur um einen Blick auf mich zu erhaschen? Werde ich in einem fort für das Fernsehen interviewt, mit Auszeichnungen überschüttet und von der Queen geadelt?“ (Ebd., S. 7) Eine Klage, die sogleich aufgegriffen und in stilisierten Blogeinträgen weiter kommentiert wird. Hier werden die Kommunikationsweisen der Fan-Communities im intermedialen Zitat, als medienästhetische und -kommunikative Parodie, aufgenommen. Sie ziehen im weiteren Text, wenn Sherwood wiederum auf diese Beiträge Bezug nimmt, eine zweite Kommunikationsebene ein, repräsentieren also den Second Screen im Text.

Populäre Netzwerke: Konnektivität, Serialität und Evolution

Man sieht an diesen Beispielen, dass die Verknüpfung der Felder Kinder- und Jugendliteratur und medial geprägter Populärkultur enger wird, die Texte und Felder im Austausch von Figuren, Erzähl- und Kommunikationsweisen in einem Geflecht intertextueller und intermedialer Bezüge zusammenwachsen. Serien und Genres verweisen damit nicht nur auf die kinder- und jugendliterarische Geschichte, sondern positionieren sich im weit darüber hinaus führenden Resonanzraum populären Erzählens, den sie damit zugleich fortschreiben und kontinuierlich präsent halten. Ein weiteres anschauliches Beispiel hierfür ist die computerspielbasierte Erzählwelt von World of Warcraft: Der Band Traveler (Weisman 2016) ist kürzlich als jugendliterarisches Prequel zur Serie erschienen. Auch die unzähligen Wiedergänger, die inzwischen Kinder- und Jugendliteratur und -medien bevölkern, die Vampire, Zombies, Mumien und Monster, wären weitere anschauliche Beispiele, an denen das zwischen Umcodierungen, parodistischen Brüchen und fiktionaler Selbstreferenz, im Spiel mit Erwartungshorizonten und Assoziationsketten unterschiedlich genutzten ästhetischen Formen und Funktionen zu diskutieren wäre. Vom postmodernen Bilderbuch über den popmodernen Adoleszenzroman bis hin zur kinder- und jugendliterarischen Erfolgsserie lassen sich im Einspielen populärkultureller Zitate, die nicht nur im kollektiven Bildgedächtnis verankert sind, sondern ihre eigenen Geschichten als Kontrastfolie und Anspielungsraum mitbringen, die Bedeutungsdimensionen erweitern, Spannungs- und Überraschungseffekte erzielen. Sie öffnen den Anspielungsraum und den Bezugsrahmen für weitere Bedeutungsebenen – und mit Blick auf die Adressierungen damit auch für ein heterogenes Publikum, das sich im kulturellen bzw. im popularisierten und populärkulturellen Wissen keineswegs notwendigerweise im Alter ausdifferenzieren muss. Diese Durchlässigkeit zeigt sich nicht zuletzt daran, dass umgekehrt bekannte kinder- und jugendliterarische Figuren ins populärkulturelle Archiv einziehen, wie etwa die Gastauftritte von Edward Cullen und Harry Potter in der für ihren Anspielungsreichtum be- und gerühmten Animationsserie Die Simpsons (2001 und 2010) belegen.

Urs Stäheli (2005) sieht in der von ihm aus systemtheoretischer Perspektive sogenannten „Hyper-Konnektivität“, d.h. der Logik des fortlaufenden Verbindens durch Verweise auf kulturelle Texte und Diskurse, die aufgegriffen und anschlussfähig gemacht werden und so immer wieder neue und vielfältige Zugänge ermöglichen, das entscheidende Kennzeichen des Populären:

Biographische Angaben

Ute Dettmar (Band-Herausgeber) Ingrid Tomkowiak (Band-Herausgeber)

Ute Dettmar ist Professorin für Kinder- und Jugendliteratur und Direktorin des Instituts für Jugendbuchforschung, Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ingrid Tomkowiak ist Professorin für Populäre Literaturen und Medien mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien an der Universität Zürich.

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Titel: Spielarten der Populärkultur