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Literarische Katastrophendiskurse im 20. und 21. Jahrhundert

von Ewa Wojno-Owczarska (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 326 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Ewa Wojno-Owczarska: Einleitung: Literarische Katastrophendiskurse im 20. und 21. Jahrhundert
  • Annika Wienert: Künstlerische Zugänge zu Trümmerbergen des Zweiten Weltkrieges
  • Igor Narskij: „Revolution ist immer ein Unglück“: Möglichkeiten eines Katastrophenansatzes für die historische Interpretation der Russischen Revolution
  • Robert M. Solis: Apokalyptische Motive in „Glühende Landschaft“ Camill Hoffmanns im Kontext zeitgenössischer Lyrik zum Ersten Weltkrieg
  • Susanne Pocai: System-Wahn. Oskar Panizza und Oswald Spengler als Meister der inneren Katastrophe
  • Katharina Meiser: Katastrophe und Identität in Joseph Roths Novelle „Stationschef Fallmerayer“ (1933)
  • László V. Szabó: Katastrophendiskurse bei Peter Weiss
  • Maja Razbojnikova-Frateva: Die imaginäre Katastrophe in Marlen Haushofers Roman Die Wand (1963) als Möglichkeit der literarischen Zeitgenossenschaft
  • Peter Utz: Der steckengebliebene Gotthardexpress. Ein unbekanntes frühes Filmtreatment von Friedrich Dürrenmatt
  • Jens Herlth: Am Ende der Geschichte? Theorie und Praxis der Katastrophe bei Czesław Miłosz und Zbigniew Herbert
  • Ewa Wojno-Owczarska: Die „Katastrophe ohne Ereignis“ in den Ländern der Dritten Welt anhand ausgewählter Werke von Kathrin Röggla
  • Jennifer Clare: Berührungen und Nicht-Berührungen. Terrorismus und globales Zusammenleben in September. Fata Morgana von Thomas Lehr
  • Petra Buchta-Bartodziej: Untergang einer natur-orientierten Lebensform in Walther Kauers Roman Spätholz
  • Ewelina Michta: We Feed the World. Essen global. Über die katastrophalen Folgen der Globalisierung der Nahrungsmittelproduktion, anhand des Dokumentarfilms von Erwin Wagenhofer
  • Kathrin Röggla: Reden in Zeiten der Verrohung
  • Über die Autoren

Ewa Wojno-Owczarska (Warszawa)

Einleitung: Literarische Katastrophendiskurse im 20. und 21. Jahrhundert

Katastrophen und deren künstlerische Imaginationen sind von jeher Gegenstand literarischer Diskurse, wobei die biblischen Bilder von Sintflut und Apokalypse als Symbole eines nahenden Untergangs gelten.1 Naturdesaster werden zumindest seit der Mitte des 18. Jahrhunderts von Künstlern als Bedrohung durch eine höhere Macht verstanden.2 Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen, Tsunamis und Seuchen, auch AIDS, werden häufig als Strafe Gottes für menschliche Vergehen ausgelegt. Zu den bekanntesten Fällen, die auch in die Literatur Eingang fanden, gehören u. a. die Zerstörung Pompejis nach dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. und das Erdbeben von Lissabon 1755.3 Religiöse Deutungsmuster von Katastrophen, die für das christliche Mittelalter charakteristisch sind, halten sich, einigen Forschern zufolge, bis in die heutige Zeit hinein ←7 | 8→und bestimmen die Themen von literarischen Werken und Filmproduktionen, in denen beängstigende Szenarien eines Weltuntergangs als Warnung für die in Luxus schwelgende Gesellschaft geschaffen werden.4 Parallel dazu entwickelt sich seit etwa dem 18. Jahrhundert ein neues, wissenschaftliches Weltbild, das die Auswirkungen von Naturgewalten anders denn als Strafe Gottes zu erklären sucht.5 Diese neuen Interpretationsansätze beeinflussen wesentlich die literarische Produktion. Der Zugang zum Phänomen einer Katastrophe lässt den Rückschluss auf das entsprechende Weltbild zu, daher scheint es geboten, auch die damit verbundenen Diskurse im 20. und 21. Jahrhundert anhand literarischer Beispiele zu vergleichen.

Bereits in der Romantik entsteht die pessimistische Überzeugung einer „Gottverlassenheit des Menschen“, der nun als Naturwesen gesehen wird.6 Während die christliche Apokalypse das ewige Leben für die Gerechten und damit auch die Erlösung von der Last des Alltags (labor) verspricht, die als Strafe für die Erbsünde gilt, setzt das rationale Verständnis des Endzeitbegriffs eine Katastrophe voraus, „die nicht Gericht, sondern nur Ende ist“.7 Es ersetzt jedoch auch die alttestamentarische Vorstellung eines strafenden Gottes, der nur den Gerechten das ewige Leben zuteilwerden lässt. Bald entwickelt sich in der Kunst die Vorstellung eines unabwendbaren Weltuntergangs anthropogenen Ursprungs. Nicht nur Darstellungen von realen Katastrophen, auch deren Imaginationen dienen in der Literatur als Warnung vor der destruktiven Kraft des Menschen, wenn auch ohne Hinweis auf ein Letztes Gericht.

Der aus der Theatersprache übernommene Katastrophen-Begriff, der ursprünglich „Wendung“ bedeutete, erhält laut François Walter ←8 | 9→erst Mitte des 19. Jahrhunderts seine negative Konnotation.8 Die Geschichtsschreibung der Zeit berichtet von zahlreichen sozialen und politischen Problemen. Im Europa des 19. Jahrhunderts werden nationale Bestrebungen wach; in der Folge müssen viele ihr Freiheitsstreben mit ihrem Leben bezahlen.

Der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 im heutigen Indonesien löste das sogenannte „Jahr ohne Sommer“ aus.9 Aschewolken und Schwefel verdunkelten das Sonnenlicht und verursachten Missernten weltweit. Das Klimadesaster der Jahre 1816‒1819 führte zu kritischen sozialen Spannungen. Armut, Hunger, Typhus- und Choleraepidemien vertieften die Krise und lösten eine starke Migrationswelle nach Amerika aus.10 Diese Reihe von sich zufällig ereignenden singulären Ereignissen führt bei vielen Künstlern zu der Überzeugung, die Welt steuere auf ihren Untergang zu. Viele literarische Katastrophendiskurse nehmen hier ihren Anfang.

In seinem Werk Katastrophen. Eine Kulturgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert stellt François Walter fest: „Die Literatur bleibt selbstverständlich nach wie vor einer der bevorzugten Träger der Übermittlung großer archetypischer Katastrophenvisionen.“11 Das 20. Jahrhundert wurde von Desastern bisher unbekannten Ausmaßes heimgesucht. Ausgelöst durch den Ersten Weltkrieg, der als die „Urkatastrophe“ (George F. Kennan12) bezeichnet wird, sinkt das Vertrauen in eine positive ←9 | 10→Entwicklung der Zivilisation. Manon Delisle betont ein Aufleben apokalyptischer Motive in der Literatur, die in der Grausamkeit des Krieges gründen.13 Philosophen wie Oswald Spengler14 prophezeiten und prophezeien den Untergang der westlichen Industrienationen und verweisen auf Irrwege in der gesellschaftlichen Entwicklung.

Das unendliche Leid der Zivilbevölkerung während der beiden Weltkriege, der bolschewistischen Herrschaft und anderer Massengräuel erschütterte den Glauben an das Gute im Menschen. Nie zuvor wurden Massenvernichtungsmittel gegen Millionen Unschuldiger vorsätzlich eingesetzt; die Kunst konnte dem nichts mehr entgegensetzen. Der Glaube an die Gottverlassenheit des Menschen verfestigt sich insbesondere angesichts der Gräuel des Holocausts. Die Literatur sieht sich nach 1945 vor die schwierige Aufgabe gestellt, die traumatischen Ereignisse als Beweise für den moralischen Verfall der Menschheit aufzuarbeiten.

Die atomaren Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 machen den Menschen bewusst, dass das Leben auf unserem Planeten ein schnelles Ende haben kann.15 Der Super-GAU in Tschernobyl, reflektiert u. a. von Swetlana Alexijewitsch, Alexander Kluge, Arno Schmidt und Christa ←10 | 11→Wolf, beseitigt jeden Zweifel an den Gefahren der Kernenergie.16 Die technisierte Zivilisation wendet sich gegen den Menschen, eine Erkenntnis, die durch die Katastrophe von Fukushima 2011 bestätigt wird. Wie Günther Anders17 unterstreicht, ist die Zukunft nur noch als ein Weltende ohne darauf folgenden Neubeginn denkbar.

In unseren Tagen fühlt sich der Einzelne permanent bedroht. Die visuellen Medien leben davon, unsere Furcht vor drohenden Katastrophen zu verwerten. Katastrophenfilme und entsprechende literarische Werke schockieren den Zuschauer u. a. mit den voraussichtlichen Folgen des Klimawandels als neue Gefahr für die Gattung Mensch.18 Sie sehen die Welt in einer neuen Eiszeit erstarren oder in der plötzlichen globalen Erwärmung überhitzen.19 Gewaltige Wetterumstürze wie unerträgliche Dürren, gefolgt von heftigen Regenfällen, sind in der Literatur weltweit zum Thema geworden, u. a. in Paul Austers In the Country of Last Things (1987), Doris Lessings Mara and Dann (1999) und Cormac McCarthys The Road (2006). In ihrem Aufsatz „»Not a political problem«. Die Bevölkerung ←11 | 12→im Diskurs um Kritische Infrastrukturen“ stellen Daniel F. Lorenz und Martin Voss jedoch fest: „Mit dem Übergang zum 21. Jahrhundert drängt sich eine neue Erscheinungsform der Katastrophe in den Vordergrund. Zumindest für westliche Industriegesellschaften erscheinen Katastrophen immer weniger als »Natur«-Katastrophen und immer häufiger im Gewand des Infrastrukturausfalls aufzutreten“.20

Die vielfältigen Bedrohungen für die menschliche Existenz finden sich auch in der Literatur der deutschsprachigen Länder widergespiegelt, wobei nicht nur die realen Folgen von zahlreichen Krisen, sondern auch düstere Weltuntergangsvisionen imaginiert werden, wie u. a. in Kathrin Rögglas Erzählband die alarmbereiten (2010).21 Thomas Macho stellt fest, unter der Bevölkerung wachse „die Angst vor Krankheit und Operation, die Angst vor einer Klimakatastrophe und der drohenden Ausbreitung von Wüstengebieten, die Angst vor Vulkanausbrüchen und Energiekrisen, vor Identitätslosigkeit und gentechnischer Manipulation, die Angst vor Heimatverlust und erzwungener Mobilität, vor einer steigenden Verelendung der Metropolen, vor Hungersnöten und vor dem Verschleiß der letzten Ressourcen.“22 Der Einzelne fühlt sich hilflos den medialen Katastrophendiskursen ausgeliefert. Als großes Leidenspotential erweisen sich auch im neuen Jahrtausend die alten Geißeln der Menschheit wie Krieg und Hungersnot: „Die Apokalypse ist im Diesseits angekommen und zur Naturkatastrophe geworden“.23

Wie die in diesem Band versammelten Beiträge bezeugen, ist der Katastrophen-Begriff stets im Wandel: Ein Weltuntergang, der einen anthropogenen Ursprung hat, lässt sich mit den herkömmlichen Termini kaum charakterisieren. Ulrich Beck stellt z. B. die These von der Ersetzung der Industriegesellschaft durch eine Weltrisikogesellschaft24 auf. Angesichts ←12 | 13→der Anzahl und der Vielfalt der globalen Probleme schlagen Leggewie und Welzer vor, in Bezug auf die gegenwärtige Lage auf unserem Planeten den Begriff der „Metakrise“ zu benutzen.25 Auf die neuen Herausforderungen stellen sich auch die Sparten der Kunst ein. Der Dichter fragt, welche Erzählmittel der beängstigenden Realität gerecht werden könnten. Der heutige Schriftsteller knüpft an die Katastrophendiskurse vergangener Epochen an, zum Teil an die alttestamentarische Deutung von Desastern, was durch die Beiträge dieses Bandes belegt wird, aber auch an philosophische Schriften, die den Untergang unserer Zivilisation vorhersagen, wie z. B. Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes26. Literaturwissenschaftler und Dichter unserer Zeit erwägen, ob die Zukunft nur noch im Rahmen der Katastrophe denkbar ist.

Bei der Vorbereitung der Monographie und der Zusammenstellung der Texte galt es, sich dem von Katastrophen determinierten Zeitalter mithilfe einer Auswahl von Analysen literarischer Texte deutschsprachiger und polnischer Autoren zu nähern, die zudem ein möglichst breites Spektrum an Diskursen aufweisen. In den Beiträgen von Igor Narskij und Annika Wienert wird einleitend auf die größten Katastrophen im Bewusstsein des heutigen Menschen hingewiesen, die die kulturelle Entwicklung weltweit wesentlich beeinflusst haben: auf die Russische Revolution und den Zweiten Weltkrieg.

Annika Wienert greift in ihrem Aufsatz den Aspekt der Zerstörungen von architektonisch wertvoller Bausubstanz während des Zweiten Weltkriegs auf. Das besonders Verwerfliche an dieser Kriegsführung sei, dass ganze Stadtteile nicht nur im Verlauf der Kampfhandlungen, sondern auch gezielt und systematisch in Trümmer gelegt worden seien. Der Beitrag strebt einen Vergleich von zwei Projekten an, auf deutscher und auf polnischer Seite, die versuchen, Trümmerberge aus der Kriegszeit in die städtebauliche Planung der Nachkriegszeit einzubeziehen, um als Mahnmal gegen Gewalt ←13 | 14→zu dienen. Beide Projekte entstanden 1970/71 und wurden nicht realisiert, jedoch präsentierte man die Entwürfe als Installationen im Rahmen von Ausstellungen. Es handelt sich um das Muzeum Archeologiczne Festung Breslau von Zbigniew Makarewicz und Ernest Niemczyk (geplant im Inneren eines südlich des Stadtzentrums gelegenen Trümmerberges) sowie Walter De Marias Olympic Mountain Project auf dem Münchner Oberwiesenfeld. In ihrem Vergleich der beiden Entwürfe nimmt Wienert Bezug sowohl auf die Etymologie des Wortes „Katastrophe“ als auch auf Walter Benjamins Deutung, der den Krieg als „eine einzige Katastrophe“ sieht, die „unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“.27

Igor Narskij dagegen beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit den Ereignissen der Russischen Revolution von 1917 und sieht in ihr einen großen zivilisatorischen Zusammenbruch. Die Deutung dieses zeitgeschichtlichen Abschnitts als Katastrophe sei Jahrzehnte lang durch die sowjetische Propaganda verboten gewesen. Narskij interessiert jedoch insbesondere der negative Einfluss dieser Ereignisse auf das Leben der Bevölkerung: Er sieht nach 1917 das Diktat von Chaos, Gewalt und Barbarei. Der Erste Weltkrieg ging jedoch nahtlos in einen Bürgerkrieg über, der manche asiatischen Regionen bis in die Mitte der 1920er Jahre belastete. Begleitet wurde er von mehrmaligen Machtwechseln in den Führungsrängen und der Plünderung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Narskij charakterisiert die Folgen der Russischen Revolution, zu denen der Zusammenbruch der Industrie und der Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion zählten. Darüber hinaus reflektiert er die Rolle der „kleinen“ Leute während „großer“ historischer Ereignisse.

In den einzelnen Literaturanalysen wird die Frage aufgeworfen, wie man sprachlich auf Katastrophen eingehen kann, deren Ausmaß unsere Vorstellungskraft übersteigt und den Glauben an die Zukunft der Menschheit erschüttert. Zudem wird auf Wandlungen des Katastrophen-Begriffs Bezug genommen, wobei zwischen einem singulären Unglücksfall bis hin zu einer überwältigenden „Katastrophe ohne Ereignis“28 (Eva Horn) als Dauerzustand unterschieden wird.

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Robert M. Solis weist in seinem Beitrag apokalyptische Motive in Camill Hoffmanns „Glühende Landschaft“ (1917) nach und stellt sie in den Rahmen der zeitgenössischen Lyrik des Ersten Weltkriegs. Der Autor kann die anfängliche Euphorie in Künstlerkreisen über den Kriegsausbruch nicht entschuldigen. Die Realität der Schlachten, insbesondere das Massensterben an der Front, bewirkte bei vielen Dichtern jedoch ein Umdenken, das sich in der literarischen Darstellung des Todes in expressionistischen Bildern von blutroten Flüssen und geschundener Erde widerspiegelt. Im Zentrum des Artikels steht die Übereinstimmung der düsteren Kriegslyrik mit der Botschaft der biblischen Apokalypse. Auch die Auswirkung der russischen Oktoberrevolution 1917 auf die Werke deutscher Schriftsteller greift Solis’ Beitrag auf: Die Texte zeigten eine Welt ohne Glauben an einen göttlichen Heilsplan und Visionen ihres Untergangs.

Susanne Pocai zufolge verstehen sich Oswald Spengler und Oskar Panizza als atheistische Propheten und „Eingeweihte künftiger welthistorischer Entwicklungen“. Die Literaturwissenschaftlerin weist anhand literarischer Auszüge nach, dass sich Panizza als Mitglied einer gegen Wilhelm II. gerichteten politischen Verschwörung gesehen habe. Dieses Ziel habe er mit einer an Paranoia grenzenden Gründlichkeit verfolgt: Zusammenhanglose Zeitungsmeldungen habe er dazu benutzt, dem Kaiser unterschiedliche reale „Katastrophen“ anzulasten. Als entschiedener Gegner Bismarcks habe Panizza zudem die bevorstehende Neuordnung Mitteleuropas als „herannahende Katastrofe“ bezeichnet. Darauf folgend widmet sich Pocais Beitrag Oswald Spenglers Konzept der organologischen Weltgeschichte, das dieser in Der Untergang des Abendlandes (1918/1922) präsentiert. Die in diesem epochalen Werk vorgestellten scharfen Thesen kontrastieren laut Pocai mit dem Charakter von Spenglers autobiographischen Notizen, die auf ein eher scheues, zurückhaltendes Wesen schließen lassen. Panizzas und Spenglers Werke verbinde jedoch die Überzeugung, „dass die Gesellschaft, in der man lebt, es nicht wert ist, dass man mit ihr verkehrt“.

Katharina Meiser konzentriert sich in der Analyse von Joseph Roths Novelle „Stationschef Fallmerayer“ (1933) auf ein singuläres Ereignis. Ein Zugunglück wird für die Titelfigur zum „Initiativerlebnis“ des Ausbruchs aus der Enge des bürgerlichen Lebens und der Flucht aus der Monotonie der Entfremdungserfahrung im Berufsalltag. Eine ←15 | 16→russische Gräfin fungiert als Chiffre für Neues und Unbekanntes. Das Desaster löst Fallmerayers Suche nach seiner Identität aus. Meiser stellt die symbolische Bedeutung des Zugunglücks für den Protagonisten vor: Die Titelfigur empfinde bereits auf dem Bahnsteig das „romantische“ Gefühl eines neuen Lebensabschnittes. Die Atmosphäre dieser hoffnungsvollen Erwartung kontrastiert mit dem nüchternen Erzählstil des Unfallberichts. Der Krieg wird jedoch zur großen Katastrophe im Leben der Titelfigur, wenn er auch als Befreiungsschlag aus seiner eintönigen, als krisenhaft empfundenen Existenz gesehen werden kann.

László V. Szabó bezieht sich auf Werke von Peter Weiss, die auf den Originaldokumenten des Frankfurter Ausschwitz-Prozesses von 1963-1965 und anderer Ereignisse basieren. Insbesondere seine Theatertexte Die Ermittlung (1965), Viet Nam Diskurs (1968) und Trotzki im Exil (1970) seien als Beispiele einer „schonungslosen Entlarvungsdramaturgie“ anzusehen. Sie forderten vom Zuschauer und Leser nicht nur die Reflexion über den Zweiten Weltkrieg und Stalins Verbrechen als Katastrophen in der Menschheitsgeschichte, sondern auch über die Grenzen der dokumentarischen Vermittlung, die identitätsstiftende Rolle historischer Fakten und eine „schmerzhafte, aber heilende Vergangenheitsbewältigung“. Szabó präsentiert die Reflexionen von Weiss über die Gründe für den Kriegsausbruch, die dieser u. a. in Machtwillen, Herrschsucht und Gnadenlosigkeit des modernen Menschen sehe.

Zu den größten Fehlentscheidungen der Menschheit im 20. Jahrhundert gehört der Bau der Atombombe, die Günther Anders als Inbegriff für die fatale Aggressivität des Menschen sieht, die sich gegen ihn selbst wendet. Die Gefahr der vollständigen Vernichtung der Gattung Mensch wird auch von Marlen Haushofer in Die Wand (1963) thematisiert. Der Text entstand als Reaktion auf die verheerenden Folgen des Reaktorbrands von Tschernobyl 1986. Maja Razbojnikova-Frateva sieht in ihrem Beitrag das Thema von Haushofers Roman als imaginäre Katastrophe. Haushofer stellt eine phantastische Vision der Folgen eines fiktiven Super-GAUs aus dem Blickwinkel einer Überlebenden dar. Eine plötzlich entstandene durchsichtige Wand isoliert sie von der übrigen Welt und schützt vor den Auswirkungen der tödlichen Strahlung. Durch die Glaswand beobachtet die Protagonistin den allmählichen Verfall der Umwelt nach der atomaren Katastrophe, den sie in der Form eines Berichts aufzeichnet. Razbojnikova-Frateva greift ←16 | 17→in ihrem Beitrag die Frage auf, ob das Thema Katastrophe ein geeignetes Instrument zur Herstellung der vielschichtigen, nicht immer durchschaubaren Zeitgenossenschaft ist, die Giorgio Agamben in seinem Essay „Was ist Zeitgenossenschaft?“29 charakterisiert.

Vor dem Hintergrund des Kampfes des Schweizer Volkes gegen die Naturgewalten, der als Kampf gegen die Kräfte von außen insgesamt verstanden werden kann, bespricht Peter Utz einen bisher unbeachteten Aspekt von Friedrich Dürrenmatts Schaffen, nämlich seine Mitwirkung am Entwurf des Szenarios für den Film Der steckengebliebene Gotthardexpress. Das gesellschaftliche Zusammenstehen an der inneren Front gegen die harte Natur der Alpen ist laut Utz seit dem 19. Jahrhundert auch ein Bild der schweizerischen Selbstbehauptung nach außen hin. Der erfolgreiche Roman von Emilio Geiler Gotthard-Express 41 verschüttet (1942) sollte umgehend verfilmt werden. Der Text zeigt Reisende, die infolge einer Katastrophe im Gotthard-Tunnel eingeschlossen sind, eine Laborsituation, die dem Autor die Möglichkeit bietet, in nuce die Protagonisten als typische Vertreter des Schweizer Volkes zu präsentieren. Wenig später erscheint Dürrenmatts Novelle Der Tunnel (1952). Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt sich der Autor vor, in Kooperation mit dem Regisseur Max Haufler die Pläne für ein Drehbuch über die dramatische Situation im Gotthardtunnel in Angriff zu nehmen. Die Zusammenarbeit bricht jedoch plötzlich ab. Utz bezieht sich in seinem Beitrag daher auf die Vorarbeiten zum Filmszenario, die im Dürrenmatt-Nachlass aufgefunden wurden. Der Literaturwissenschaftler verweist u. a. auf die Unterschiede zwischen Dürrenmatts Arbeiten und der literarischen Vorlage des Filmszenarios. Selbstverständlich stützt sich Dürrenmatts Konzept auch auf Assoziationen zwischen den im Zug Eingeschlossenen und der im Krieg isolierten neutralen Schweiz. Am Ende wird zudem auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bezug auf Dürrenmatts späteren Text Die Katastrophe (1966) verwiesen.

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Jens Herlth analysiert ausgewählte Werke der polnischen Dichter Czesław Miłosz und Zbigniew Herbert, zweier durch gravierende weltanschauliche Differenzen getrennten Antipoden. Nach einer kurzen Darstellung des polnischen Katastrophismus als einer für die Zwischenkriegszeit charakteristischen Strömung stellt er zunächst Miłosz als deren Vertreter vor. Als markantes Beispiel nennt er den Gedichtband Trzy zimy (‚Drei Winter‘, 1936). Miłosz kritisiere die billige Massenkultur als wahre Katastrophe unserer Zeit, die zum „seelischen Tod“ des Menschen führe.30 Darüber hinaus verweist Herlth auf die Nachwirkungen des Katastrophismus in Herberts erstem Gedichtband Struna światła (‚Lichtsaite‘, 1956), in dem dieser der Auflösung der Werte nachtrauert. Beispiele hierfür liefere auch der Band Epilog burzy (‚Epilog des Sturms‘, 1998). Werte wie Treue und deren Verteidigung gegenüber dem „drohenden Angriff eines Feindes“ bildeten, so Herlth, das Hauptmotiv in Herberts Prosa und Lyrik. Der Essayband Barbarzyńca w ogrodzie (‚Ein Barbar im Garten‘, 1962) sei Ausdruck der Reflexion des Dichters über verdrängte dunkle Strömungen in der europäischen Kulturgeschichte.

In ihrem Beitrag zu Kathrin Rögglas Auseinandersetzung mit Katastrophendiskursen greift Ewa Wojno-Owczarska eine Frage auf, der Literaturwissenschaftler bisher relativ wenig Aufmerksamkeit schenkten. Neben dem häufig diskutierten Aspekt der Kritik Rögglas an den medialen Diskursen über den 11. September 2001 als einer Katastrophe, deren spektakuläre, aber mittlerweile als symbolisch geltende Bilder das Aufsehen der voyeuristischen Gesellschaft erregten, sieht die Schriftstellerin auch andere ernste Probleme unserer Zeit, die wegen der Profitgier der Konsumgesellschaft wenig Beachtung finden. Dieser Aspekt steht im Zentrum des Beitrags, in dem die Texte NICHT HIER oder die kunst zurückzukehren (2011) und Normalverdiener (2016) als Beispiele für Rögglas Kritik an der Gleichgültigkeit der westlichen Regierungen und der Durchschnittsbürger gegenüber den Problemen der Länder der Dritten Welt analysiert werden. Die Künstlerin prangert deren Ausbeutung durch globale Konzerne an, die Verelendung der Bevölkerung, die Krankheiten und fehlende Gesundheitsvorsorge, den Hunger ←18 | 19→und die Unterernährung von Kindern, den rücksichtslosen Kampf um die natürlichen Ressourcen und die illegitime Gewaltanwendung, die zu Massakern an der Zivilbevölkerung und zu Bürgerkriegen mit gewaltigen Migrationswellen führt. Alle Leiden verbinden sich zu einer „Katastrophe ohne Ereignis“ (Eva Horn), der niemand die erforderliche Aufmerksamkeit schenkt. Daher engagiert sich Röggla u. a. für Milo Raus Performance-Projekt Kongo-Tribunal II (2015). Angesichts der Komplexität und auch des globalen Ausmaßes der Probleme unserer Zeit erweisen sich laut Ewa Wojno-Owczarska die herkömmlichen Termini als nicht ausreichend, insbesondere scheint in Bezug auf die Lage in der Dritten Welt der von Leggewie und Welzer geprägte Begriff der „Metakrise“ adäquat.31 Als politisch engagierte Künstlerin fordert Röggla ihre Zeitgenossen dazu auf, das Tabu, das diese Entwicklungen begleitet, nicht länger zu respektieren. In Anlehnung an Susan Sontags Ästhetik des Leidens vermeidet sie jedoch, auch in ihren Texten NICHT HIER oder die kunst zurückzukehren und Normalverdiener, die realitätsnahe Darstellung schockierender Bilder: In beiden Werken werden reale Katastrophen, wie der Tod der Bootsflüchtlinge oder der eines verletzten Jungen, in den Gesprächen der Figuren retrospektiv geschildert.

Die von Röggla thematisierte globale Gefahr, die Entwicklung des internationalen Terrorismus, ist auch Gegenstand von Thomas Lehrs Roman September. Fata Morgana (2010). Auf der Grundlage des Modells des ZusammenLebensWissens von Ottmar Ette stellt Jennifer Clare fest, dass in der Literatur die „Vision des globalen Zusammenlebens“ entwickelt werden kann. Sie verweist auf Gemeinsamkeiten der Protagonisten: Sie agierten kulturübergreifend und hätten „stark international geprägte Hintergründe“. In seinem Roman thematisiere Lehr nicht nur die Katastrophe des 11. September 2001 in New York, sondern auch den Irakkrieg und die Bombardierung von Bagdad 2004 und deren Vorgeschichte. Der Versuch der räumlichen und zeitlichen Einordnung der tragischen Ereignisse des „9/11“ in New York sei eine Antwort des Autors auf die überwältigenden medialen Narrative; die Konfrontation ←19 | 20→mit den beängstigenden Medienbildern sei für die Rezipienten weltweit unausweichlich.

Naturdesaster gehören zu den von der Literatur seit jeher aufgegriffenen Themen. Die Beschäftigung mit dieser Problematik mündet bei vielen Schriftstellern in erschreckenden Zukunftsvisionen und Imaginationen der Zerstörung, wie das von Petra Buchta-Bartodziej analysierte Beispiel des Romans Spätholz (1976) von Walther Kauer bezeugt. Nach großen Hochwasserkatastrophen in Europa, u. a. der Elbflut im Jahr 2002, werden zahlreiche Aufzeichnungen der Flutopfer publiziert. In Kauers Werk gibt eine fiktive Katastrophe den Anlass für die Reflexion der Bedeutung des Elements Wasser, einerseits als Grundlage des Lebens und nützliche Energiequelle für die Dorfbewohner, andererseits als Zerstörungskraft mit deutlichen Bezügen zur Sintflut. Der Roman stellt ein Schweizer Dorf voller sozialer Konflikte dar, in das die Flut gewaltsam einbricht. Das Naturdesaster setzt als bereinigende Kraft den Streitereien ein Ende.

Zu den Quellen der heutigen Metakrise gehört die zunehmende Industrialisierung, insbesondere die der globalisierten Nahrungsmittelproduktion. Dieser Industriezweig bringt zwar den Lebensmittelproduzenten Profite, hat aber weltweit katastrophale Folgen. Diese Problematik wird in Ewelina Michtas Beitrag zum Dokumentarfilm We Feed the World (2005) von Erwin Wagenhofer reflektiert. Sie schließt sich dem französischen Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss an, der eine Mahlzeit als sozial übergreifendes Phänomen definiert. Jede Kultur zeichne sich durch Eigenarten bei den Ernährungsgewohnheiten aus. Durch die zunehmende Industrialisierung und die immer größere Rolle der internationalen Lebensmittelproduzenten bestehe in einer durch die Uhr getakteten Gesellschaft die Gefahr der Verdrängung ihrer existenziellen Grundlagen, auch in Bezug auf Ernährungswissen. Die Industrialisierung habe zwar eine Fülle von neuartigen Lebensmitteln entwickelt. In ihrer Analyse des Films zeigt Michta jedoch die negativen Folgen dieser Globalisierungswelle als Katastrophe unserer Zeit, die den Alltag und damit auch unsere Vorlieben bei der Ernährung betrifft.

Zusammenfassung

Literarische Werke im 20. und 21. Jahrhundert setzen häufig auf das Grundthema „Katastrophe", um durch verstörende apokalyptische Szenarien die im Überfluss schwelgenden westlichen Gesellschaften zu warnen. Viele Künstler verweisen auf die großen Desaster unserer Zeit und die immanente Bedrohung der menschlichen Existenz. Sie betonen auch die Unzulänglichkeiten im medialen Interdiskurs. In den hier publizierten Beiträgen werden die Veränderungen des Katastrophen-Begriffs vor dem Hintergrund historischer Ereignisse, biblischer Prophezeiungen, literarischer Traditionen und in Anlehnung an die Arbeiten großer Philosophen unserer Zeit analysiert. Der Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung der Stilmittel, um tragische, oft symbolische und traumatisierende Ereignisse zu vermitteln.

Biographische Angaben

Ewa Wojno-Owczarska (Band-Herausgeber:in)

Dr. Ewa Wojno-Owczarska (Universität Warschau): Stipendiatin des DAAD, Literaturwissenschaftlerin. Herausgeberschaften: 2018 Global Crises and Twenty-First-Century World Literature (mit Hansong Dan, Penn State University Press), 2018 Globalisierungsdiskurse in Literatur und Film des 20. und 21. Jahrhunderts (mit Ulrike Stamm, Peter Lang Verlag).

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Titel: Literarische Katastrophendiskurse im 20. und 21. Jahrhundert