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Neuere Entwicklungen in der angewandten Grammatikforschung

Korpora – Erwerb – Schnittstellen

von Saskia Kersten (Band-Herausgeber:in) Monika Reif (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 376 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band vereint Beiträge aus der GAL-Sektion «Grammatik und Grammatikographie», die seit 2008 regelmäßig tagt. Die Kapitel geben einen Überblick über aktuelle Themen in der angewandten Grammatikforschung. Sie zeigen den Einsatz und die Rolle von Korpora in der Erforschung grammatischer Konstruktionen auf, sammeln Erkenntnisse über den Erwerb von grammatischem Wissen in Erst-, Zweit- und Fremdsprache (inklusive sprachdidaktischer Ausblicke) und eröffnen eine Diskussion zu möglichen Schnittstellen von Lexik und Grammatik. In diesem Kontext erörtert ein Teil der Beiträge, welche Konsequenzen die in konstruktionsgrammatischen Ansätzen postulierte Aufhebung einer klaren Dichotomie zwischen Lexikon und Grammatik für die Wörterbuch- und Grammatikschreibung hat, beziehungsweise wie und in welchem Umfang grammatische Informationen in Referenzwerken repräsentiert werden sollten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Neuere Entwicklungen in der angewandten Grammatikforschung: Einleitung (Saskia Kersten / Monika Reif)
  • A. Korpusbasierte Studien grammatischer Konstruktionen
  • Hinterfragt: Überlegungen zu Grammatikalität, Akzeptabilität und Norm am Beispiel von Entscheidungsfragen im Englischen (Ursula Kania)
  • „Darum gehet hin und lehret alle Völker.“ Hingehen und V und go and V in deutscher und englischer Sprache – über Grammatikalisierung und Formelhaftigkeit (Torsten Müller)
  • Seltsame Tempora? Eigentümliche Aspekte? Gelegentliche Gedanken zum have-Perfekt und zur be-going-to-Form aus kognitiv-funktionaler Sicht (Frank Polzenhagen)
  • B. Grammatikerwerb und Grammatikunterricht in Erst-, Zweit- und Fremdsprache
  • Sprachliche Perspektivierungsmuster des Englischen: Struktur, Erwerb, kognitive und interaktionale Grundlagen (Michael Pleyer)
  • To + verb or not to + verb? Infinite Komplementkonstruktionen im Englischen und Deutschen aus fremdsprachendidaktischer Perspektive (Monika Reif / Katharina Turgay)
  • Wie viel SVO-Input brauchen VO-MuttersprachlerInnen für den Erwerb deutscher SVO-Strukturen? Eine angewandte linguistische Studie im DaF-Anfangsunterricht (Steffi Winkler)
  • C. Schnittstellen von Lexik und Grammatik
  • Konstruktionen in DaF-Lernwörterbüchern (Tamás Kispál)
  • Zur Integration von Komposita in deutschsprachige Kollokationenwörterbücher (Tobias Roth)
  • Traditionen der Darstellung grammatischer Varianz in Sprachschwierigkeitenwörterbüchern vom 19. bis zum 21. Jahrhundert (Line-Marie Hohenstein)
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
  • Reihenübersicht

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Saskia Kersten / Monika Reif

Neuere Entwicklungen in der angewandten Grammatikforschung: Einleitung

Dieser Band ist aus der Arbeit der Sektion Grammatik und Grammatikographie der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL) entstanden, die seit 2008 regelmäßig tagt und gemeinsam mit der Sektion Lexik und Lexikographie aus der ehemaligen Sektion Lexik und Grammatik hervorgegangen ist, um eine größere Plattform für beide Bereiche zu bieten – wobei es natürlicherweise auch Überlappungen gibt, da mit der Verbreitung gebrauchsbasierter Ansätze wie beispielsweise der Kognitiven Grammatik oder der Konstruktionsgrammatik eine Trennung zwischen lexikalischen und grammatischen Studien immer weniger aufrecht zu erhalten ist, wenn auch aus praktischen Gründen in den beiden Sektionen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Zudem finden in der Grammatikforschung und -schreibung vermehrt Methoden Anwendung, die traditionellerweise auch von Lexikographen genutzt werden (wie z.B. korpuslinguistische Analysen); gleichzeitig wird in der Lexikographie der Ruf danach lauter, Kollokationen und weitere Typen von Mehrwortverbindungen stärker zu berücksichtigen und somit die syntagmatische Ebene mit einzubeziehen.

Die Grammatikschreibung ist, zumindest in der westlichen Welt, eine der ältesten Formen der Beschäftigung mit Sprache; der Begriff Grammatik wird allerdings mit verschiedenen Bedeutungen und in vielerlei Kontexten verwendet, obwohl – oder vielleicht gerade weil – Grammatiken, genau wie Wörterbücher, zu den Standardwerken der Sprachbeschreibung gehören (Linn 2006). Ebenso gibt es eine verwirrende Vielfalt („a bewildering variety“, Swan 2011: 558) an grammatischen Modellen und Theorien und die Grenze zwischen Grammatik (d.h. Morphologie und Syntax) und Lexik wird in diesen unterschiedlich verortet oder ganz aufgehoben. Hier sind im Lichte der Beiträge des vorliegenden Bands vor allem die generative Grammatik, die Korpuslinguistik1 und die kognitive Linguistik und innerhalb ← 7 | 8 → dieser die Konstruktionsgrammatik zu nennen. Die Bedeutung der unterschiedlichen Theorien für die Grammatikographie, die Sicht auf den Erst- und Zweitspracherwerb sowie die Rolle der Grammatik im mutter- und fremdsprachlichen Unterricht werden nachfolgend diskutiert. Ebenso wird die Frage angeschnitten, wieviel Grammatik und vor allem welche Art von grammatischen Informationen in Wörterbüchern zu finden sind bzw. sein sollten und welche Implikationen daraus für den Fremdsprachenunterricht resultieren hinsichtlich des Einsatzes (und der Arbeitsteilung) von Lernerwörterbüchern und pädagogischen Grammatiken.

Eine der einflussreichsten Theorien des 20. Jahrhunderts, die generative Grammatik2 (z.B. Chomsky 1965), geht von einer strikten Trennung von Lexik und Grammatik aus und beschreibt sie folglich separat voneinander. Während es Hauptziel der generativen Grammatik ist, das abstrakte linguistische Wissen (die Kompetenz) von MuttersprachlerInnen zu beschreiben, so sind tatsächliche Sprachdaten (Performanz) von nur geringem oder sogar gar keinem Interesse.

In der Korpuslinguistik hingegen werden authentische Sprachdaten herangezogen – zu Beginn vor allem für die Erstellung von Wörterbüchern, aber auch in vielen anderen (angewandt)linguistischen Bereichen, gerade in Verbindung mit gebrauchsbasierten Ansätzen. John Sinclair war ein prominenter Verfechter davon, dass sich in Folge des „corpus linguistic turn“ (Steyer 2015: 280; siehe auch Fontenelle 2011) die strikte Trennung von Lexik und Syntax nicht aufrechterhalten lässt. Korpuslinguistische Methoden führten in der Lexikographie zu einer radikal anderen Art von Wörterbuchschreibung (siehe z.B. Beiträge in Moon 2009a und Granger / Meunier 2008), vor allem durch den ‚corpus-driven‘, also korpusgeleiteten, Ansatz (siehe z.B. Krishnamurthy 2008, die weiteren Aufsätze in der Special Issue des International Journal of Lexicography 2008 sowie die Ausführungen unten), da erkannt wurde, dass die Beziehungen zwischen Lexik und grammatischen Mustern weit komplexer und verbreiteter sind als z.B. in generativen Theorien angenommen. Diese Komplexität schließt ← 8 | 9 → z.B. auch „the association of word sense with favoured or dispreferred syntactic patterns“ (Hoey / O’Donnell 2008: 293) ein.

In den vergangenen Jahrzehnten rückte folglich die komplexe Beziehung von Lexik und Grammatik mehr und mehr in den Mittelpunkt des (u.a. lexikographischen) Interesses, was dazu führte, dass die strikte Trennung in ‚zwei autonome Makrokomponenten‘ (Dobrovol’skij 2015: 275), wie in der generativen Grammatik postuliert, in Frage gestellt wurde. Somit wird auch in vielen Bereichen der angewandten Linguistik nicht mehr unbedingt auf die generative Grammatik im Chomskyschen Sinne referiert, sondern es werden Grammatiktheorien und -modelle herangezogen, die dieser Komplexität Rechnung tragen können. Hier sind allen voran gebrauchsbasierte Theorien, insbesondere in Form der kognitiven Grammatik bzw. der Konstruktionsgrammatik, zu nennen.

Die Konstruktionsgrammatik (Goldberg 1995, 2006) geht davon aus, dass sich Form-Bedeutungspaare auf allen Ebenen der linguistischen Beschreibung finden lassen. Während in nicht-konstruktionsbasierten Grammatiktheorien der Verlauf der Grenze zwischen Lexik und Grammatik, nicht aber die Existenz einer solchen Grenze diskutiert wird (Engelberg / Holler / Proost 2011), gehen kognitiv-linguistische Theorien, zu denen auch die Konstruktionsgrammatik zählt, von einem Kontinuum von Lexik und Grammatik aus, da der Begriff der Konstruktion „lexikalische Einheiten ebenso einschließt wie syntaktische komplexe Größen (wie Satzbaumuster)“ (Ziem / Lasch 2013: 10).

Obwohl die kognitive Linguistik keinen „vollständigen oder gar allgemein akzeptierten Formalismus bereitstellt, auf dessen Grundlage sich ein erschöpfendes formales Modell der Grammatik einer natürlichen Sprache erstellen ließe“ (Stefanowitsch 2011a: 11), ist

Der Terminus Konstruktion selbst ist, obwohl seit Langem in der Linguistik verwendet, nicht unbedingt klar definiert (siehe z.B. Schönefeld 2006 für eine ausführliche Diskussion der Bedeutung und des Stellenwertes der Konstruktion in verschiedenen Grammatiktheorien). Engelberg / Holler / Proost ← 9 | 10 → (2011: 6) sehen hierin eine Stärke und erläutern die Attraktivität „einer auf Konstruktionen beruhenden Analyse für die Beschreibung der Übergangszonen“ damit, dass „das Konzept der Konstruktion gewissermaßen unscharf genug [ist], um es sprachtheoretisch mit verschiedenartigen Phänomenen, die ein grammatisches Kontinuum adressieren, zu verknüpfen“.

Wenn also davon ausgegangen wird, dass Lexik und Grammatik nicht eindeutig voneinander zu trennen sind, sondern ein fließender Übergang besteht, ergeben sich Überlappungen und Schnittstellen oder, wie Engelberg / Holler / Proost (2011) es nennen, „Zwischenräume“. Sie diskutieren zwei mögliche Lesarten der Zwischenräume von Lexik und Grammatik: zum einen die der Implikation einer Grenze, die von „nicht konstruktionsbasierten Grammatiktheorien kaum in Frage gestellt“ wird, zum anderen die Lesart, dass ein Zwischenraum zwischen Lexik und Grammatik existiert, also ein „Bereich von Phänomenen und theoretischer Modellierung, der weder vom Lexikon noch von der Grammatik zufriedenstellend zu behandeln ist“. Daher werfen sie die Frage auf, ob diese Zwischenräume eine „eigenständige Modellierung“ verlangen, es also einen „theoretisch zu erfassenden Bereich [gibt], der zwischen Grammatik und Lexikon liegt“ (Engelberg / Holler / Proost 2011: 2).

Dieser Zwischenraum, oder die in diesem Band favorisierte Metapher der ‚Schnittstelle‘, wird von verschiedenen Theorien unterschiedlich beschrieben und ausgeleuchtet, was sich auch in den vorliegenden Beiträgen widerspiegelt. Die Beschäftigung mit diesen Schnittstellen ist in vielerlei Hinsicht lohnenswert, sowohl für die linguistische Theoriebildung und die Spracherwerbsforschung als auch für die Wörterbuch- und Grammatikschreibung, denn wie Quirk schon Anfang der 1980er Jahre bemerkte: „Some of the most fertile thinking by linguists in recent years has been based on the interpenetration of lexicon and grammar“ (Quirk 1982: 72).

Korpora

Eine Entwicklung, die sich sowohl in der Grammatikforschung als auch in der Grammatikschreibung über die letzten Jahrzehnte hinweg abzeichnet, ist die zunehmende Verwendung authentischer Sprachdaten in Form von Korpora zur Analyse und Veranschaulichung grammatischer Phänomene. Diese liefern empirische Beweise, dass das, was oft als voneinander ← 10 | 11 → trennbare Komponenten betrachtet wird, nämlich Lexik und Grammatik, tatsächlich ‚ein organisches Ganzes‘ bildet (Schulze / Römer 2009: 1), wie bereits oben ausgeführt. Obwohl diese explizite Hinwendung zur Empirie durch die Verwendung von Korpora und korpuslinguistischen Methoden von vielen, nicht nur konstruktionsgrammatisch ausgerichteten Linguisten vertreten wird (Stefanowitsch / Flach 2017), gibt es auch eine gegenläufige Ansicht, vor allem von Vertretern generativer Ansätze: „They [corpora and corpus-linguistic methods] are sometimes still explicitly advised against (most notably by Chomsky, 1957, pp. 15–17; see also Andor, 2004, for Chomsky’s recent view on the value of corpus data) or ignored completely“ (Stefanowitsch / Flach 2007: 102).

Mukherjee (2009: 28) spricht in diesem Zusammenhang von einer „Korpusrevolution“ in der Linguistik, „weil man sich [weitgehend] durch die Observation von tatsächlichem Sprachgebrauch in Korpora von den Intuitionen einzelner Sprecher (bzw. von Linguisten), wie sie in der generativen Grammatik eine ganz zentrale Rolle spielen, emanzipiert hat“. In ihrem Kapitel „Die Quellen linguistischer Erkenntnis“ stellen Lemnitzer / Zinsmeister (2010: 15–39) die erkenntnistheoretischen Grundlagen und Methoden theoretisch ausgerichteter ‚Denker‘ und empirisch arbeitender ‚Beobachter‘ gegenüber: Während die ‚Denker‘ an der grammatischen Kompetenz, i.e. dem erworbenen mentalen sprachlichen Wissen, interessiert sind und ihre Theorien vornehmlich auf introspektive Grammatikalitätsurteile von MuttersprachlerInnen stützen, nehmen die ‚Beobachter‘ die Position ein, dass linguistische Erkenntnis vom kontextualisierten Sprachgebrauch ausgeht und man nur mithilfe von Abstraktionen über konkrete Sprechhandlungen hinweg zu Aussagen über das Sprachsystem gelangen kann. Hierfür sind – je nach korpuslinguistischem Ansatz – unterschiedliche Typen und Mengen an Korpusdaten vonnöten, um repräsentative Aussagen über grammatische Kategorien und Muster treffen zu können.

Innerhalb des korpusgeleiteten (‚corpus-driven‘) Paradigmas wird eine strikt induktive Vorgehensweise gefordert, bei der Hypothesen und statistische Sprachmodelle ausschließlich aus dem nicht-annotierten Rohmaterial des Korpus heraus generiert werden sollen. Ein wichtiger Unterschied zu korpusbasierten oder korpusgestützten (‚corpus-based‘) Ansätzen ist dabei, ← 11 | 12 → dass die Daten uninterpretiert bleiben sollen.3 Für die Interpretation von Korpusdaten werden in der Regel grammatische Kategorien (und Termini) verwendet, die nicht aus dem Rohmaterial selbst ableitbar sind, sondern einem gewissen theoretischen Rahmen entspringen. Das Theoriegebäude kann bereits bei der linguistischen Annotation4 zum Tragen kommen, spätestens jedoch bei der Überprüfung von vorher aufgestellten Hypothesen und Sprachmodellen bzw. bei der Beschreibung sprachlicher Regelhaftigkeit und Variabilität mithilfe bereits etablierter grammatischer Kategorien und Unterscheidungen. Lehmann (2007: 12) bringt den Unterschied zwischen der korpusgeleiteten und korpusbasierten/-gestützten Vorgehensweise folgendermaßen auf den Punkt: „In induktiver Methodik dient das Datum als Indiz und empirische Evidenz, in deduktiver Richtung als Prüfstein im Test einer Theorie“ (Lehmann 2007: 12). Hierzu merkt Bubenhofer (2009: 101) kritisch an: „Korpora mit ganz bestimmten Theorien als Prämissen zu befragen, birgt die Gefahr, in den Daten nur die Strukturen zu finden, die mit der Theorie kompatibel sind und blind gegenüber Evidenzen zu sein, die quer zu einer Theorie stehen.“

Diese durchaus berechtigte Warnung legt auf den ersten Blick nahe, dass mithilfe einer korpusgeleiteten Analyse maximale Objektivität und Wissenschaftlichkeit erzielt werden könne. Korpuslinguisten wie McEnery / Xiao / Tono (2006: 10) zweifeln jedoch an, ob es einen wahrhaft korpusgeleiteten Ansatz überhaupt geben kann:

A truly corpus-driven approach […] would require something such as someone who has never received any education related to language use and therefore is free from preconceived theory, for […] schooling also plays an important role in forming one’s intuitions. Given that it is difficult to totally reject and dismiss preconceived theory, and intuitions are indeed called upon in corpus-driven linguistics, it is safe to conclude that there is no real difference between the corpus-driven demand to re-examine pre-corpus theories in the new framework and corpus-based linguists’ practice of testing and revising such theories. ← 12 | 13 →

Schaut man sich die Vielzahl an Korpusstudien an, die über die letzten Jahrzehnte vor dem Hintergrund gebrauchsbasierter (‚usage-based‘) Grammatik- und Grammatikerwerbstheorien5 wie z.B. der Kognitiven Linguistik oder der Konstruktionsgrammatik entstanden sind, so lässt sich eindeutig eine Tendenz hin zu korpusbasiertem bzw. korpusgestütztem Arbeiten erkennen. Typischerweise wird eine Forschungsfrage oder Hypothese formuliert, die mithilfe von Daten aus z.B. MuttersprachlerInnen- oder Lernerkorpora untersucht oder überprüft wird. Die Datenanalyse erfolgt in der Regel sowohl quantitativ (Frequenzangaben zur Auftretenshäufigkeit und Häufigkeitsverteilung bestimmter grammatischer Konstruktionen oder Normabweichungen; ggf. statistische Signifikanztests) als auch qualitativ (Interpretation der Daten unter Einbeziehung von Kontextfaktoren).

Die Tatsache, dass Korpora und korpuslinguistische Auswertungsverfahren in diversen sprachwissenschaftlichen Disziplinen wie der Gesprächsforschung, der forensischen Linguistik, der historischen und vergleichenden Sprachwissenschaft, der Lexikographie und Grammatikographie, der Spracherwerbsforschung, aber auch im Rahmen bestimmter Grammatiktheorien Anwendung finden, deutet darauf hin, dass es sich bei der Korpuslinguistik eher um eine (computergestützte) Methode der Sprachanalyse und -deskription handelt denn um eine eigenständige sprachwissenschaftliche Unterdisziplin. Im Hinblick auf die Frage „Methode oder Wissenschaftsdisziplin?“ scheiden sich jedoch die Geister. Während Meyer z.B. ganz klar für Methode plädiert („a way of doing linguistics, a methodological basis for pursuing linguistic research“; Meyer 2002: xi), positioniert sich Mukherjee in der Mitte und lässt beide Optionen zu: „Korpuslinguistik ist sinnvollerweise sowohl als eine Methode als auch als eine Disziplin zu betrachten“ (Mukherjee 2009: 30). Letztere Sichtweise lässt sich damit begründen, dass die Korpuslinguistik durchaus ein bestimmtes Sprachverständnis voraussetzt und dezidiert die Sprachperformanz als ihren Erkenntnisgegenstand deklariert, wodurch die korpuslinguistische Vorgehensweise nicht mit allen Sprachtheorien vereinbar ist.

Für den vorliegenden Band spielen Korpora in dreierlei Hinsicht eine wichtige Rolle: Da die überwiegende Mehrheit der Beiträge eine ← 13 | 14 → gebrauchsbasierte (konstruktionsgrammatische oder kognitiv-grammatische) Orientierung aufweist, ist es naheliegend, dass bei den Studien auch korpuslinguistische Methoden zum Einsatz kommen. Wie Ziem / Lasch (2013: 68–73) bemerken, dominieren derzeit zweifelsohne quantitative und qualitative Untersuchungen von Korpusdaten die Analyse von Konstruktionen. Die Konstruktionsgrammatik erfordert eine detaillierte Charakterisierung grammatischer Konstruktionen nicht nur hinsichtlich ihrer formalen Struktur, sondern auch in Bezug auf ihre konzeptuell-semantischen Eigenschaften und ihre pragmatischen (sprechakt- und situationsbezogenen) Merkmale (vgl. Stefanowitsch 2008: 152–153). Korpora, insbesondere repräsentative, balancierte Muttersprachlerkorpora, eignen sich in hohem Maße für die Analyse von Konstruktionen auf mehreren Sprachebenen, da Informationen zum Auftretenskontext der Konstruktionen vorhanden sind und zudem sprachinterne Bedingungen und Vergleiche herangezogen werden können (z.B. die Häufigkeit der Kookkurrenz eines lexikalischen Elements und einer grammatischen Struktur oder einer grammatischen Struktur und einer bestimmten Position in einem Textgefüge; Stefanowitsch 2008: 153–154).

Da sowohl die Konstruktionsgrammatik als auch die Kognitive Grammatik ein Lexik-Grammatik Kontinuum postulieren und somit u.a. die Schnittstelle zwischen Lexikon und Grammatik zu ihrem Untersuchungsgebiet machen, bieten sich Verfahren wie Frequenz- und Kookurrenzanalysen, Untersuchungen zur Assoziationsstärke (wie z.B. die Kollostruktionsanalyse; Stefanowitsch / Gries 2003, Gries / Stefanowitsch 2004a,b) oder die Berechnung bedingter Wahrscheinlichkeiten an, um die Interaktion der lexikalischen und grammatischen Ebene zu untersuchen und der Komplexität und Vielschichtigkeit von Korpusdaten Rechnung zu tragen (vgl. Ziem / Lasch 2013: 68–71).

Für die Deskription grammatischer Konstruktionen oder auch für die Erfassung lexiko-grammatischer Einheiten wie Kollokationen, colligation, Idiome und Phraseoschablonen eignen sich Referenzkorpora/Megakorpora, deren Umfang deutlich über die Größe von Standardkorpora der ersten Generation hinausgeht (> 1 Million Wörter) und die versuchen, eine Sprache ← 14 | 15 → in ihrer Gesamtheit zu repräsentieren.6 Solche Megakorpora unterscheiden sich jedoch maßgeblich im Hinblick auf die Persistenz ihrer Daten; während statische Referenzkorpora wie das British National Corpus (BNC) auf einer einmaligen, abgeschlossenen Erhebung basieren und demnach eine festen Datensatz beinhalten, sind Monitorkorpora wie das Corpus of Contemporary American English (COCA) auf eine kontinuierliche Erweiterung angelegt. Möchte man also den aktuellen Sprachgebrauch oder auch neuere Sprachwandelphänomene untersuchen, so können diese mithilfe eines Monitorkorpus besonders gut dokumentiert werden. Seit einiger Zeit wird ebenfalls das World Wide Web (WWW) als zunehmend wichtige Ressource angesehen, die entweder unter Nutzung gängiger Suchmaschinen nach bestimmten Phänomenen durchsucht, oder aber als Grundlage für den Aufbau eines eigenen Sub-Korpus verwendet werden kann (vgl. Bubenhofer / Ptashnyk 2010). Eine kritische Diskussion der Nutzung des Internets zu korpuslinguistischen Zwecken findet sich in Mukherjee (2009: 59–64), der Defizite anspricht wie beispielsweise das Repräsentativitäts- und das Replikabilitätsproblem.

Mit dem Aufkommen spezialisierter Korpora wie z.B. Erstspracherwerbskorpora, Lernerkorpora oder Muttersprachlerkorpora mit Fokus auf bi-/multilingualen Sprachbenutzern wurde die Korpuslinguistik auch für die Grammatikerwerbsforschung interessant. Selbstverständlich handelt es sich bei der Analyse von authentischem (mündlichem wie schriftlichem) Lerneroutput nicht um ein neues Phänomen: In der Erstspracherwerbsforschung wurden schon sehr früh Fallstudien – in der Regel Längsschnittstudien – vorgestellt, in denen die sprachliche Entwicklung einzelner (zum Teil mehrsprachig aufwachsender) Kinder dokumentiert und interpretiert wurde; in der Sprachlehr- und -lernforschung wurden häufig Texte von Lernenden – für gewöhnlich Essays aus institutionellen Kontexten – gesammelt und untersucht, die Quantifizierungen über den Einzelfall hinaus erlaubten, ← 15 | 16 → ohne jedoch einen Stichprobenumfang zu erreichen, der mit dem großer bildungswissenschaftlicher Studien vergleichbar wäre.

Große computerisierte Lernerkorpora ermöglichen jedoch neue Beschreibungs- und Analyseperspektiven, die von Granger (2004: 124–129) folgendermaßen zusammengefasst werden: Hinsichtlich der Quantität der Sprachdaten bemerkt Granger, dass Lernerkorpora aufgrund ihrer beachtlichen Größe dazu beitragen, dass besser verallgemeinerbare Aussagen getroffen werden können. „Whether collected electronically over a very short period of time or after years of painstaking work, current learner corpora tend to be rather large, which is a major asset in terms of representativeness of the data and generalizability of the results“ (Granger 2004: 125). Weiterhin geht sie auf die Vielzahl an Faktoren ein, die Lernersprache beeinflussen können und zum Teil auch miteinander interagieren (z.B. lernerspezifische Faktoren, sozial-situative Faktoren, psycholinguistische Faktoren). „[F]ailure to control these factors greatly limits the reliability of findings in learner language research. The strict design criteria which should govern all corpus building make corpora a potentially very attractive type of resource for SLA research“ (Granger 2004: 125). Neben generellen Variablen, die beim Design jeglicher Korpora berücksichtigt werden sollten (für eine umfangreiche Liste s. Kap. 7 in Atkins / Clear / Ostler 1992), stellen Lernerkorpora idealerweise weitere Metadaten zur Verfügung; Lernerkorpora wie das Fehlerannotierte Lernerkorpus des Deutschen als Fremdsprache (FALKO) oder das International Corpus of Learner English (ICLE) enthalten z.B. Informationen zu zusätzlichen Faktoren wie Lernerprofilen (Alter, Geschlecht, Muttersprache(n), Auslandserfahrung, L2 Sprachniveau) und aufgabenbezogenen Variablen (Medium, Genre, Essaythema, Textlänge, physische Umgebung während der Textproduktion, Zeitrahmen der Aufgabe, Verwendung von Referenzwerken). Mithilfe moderner Software für Korpusmanagement, -annotation und -analyse lassen sich große Datenmengen einfach durchsuchen, Vergleiche zwischen Lerneroutput und Muttersprachleroutput anstellen, sowie komplexere Korrelationen berechnen. Dieser hohe Grad an Automatisierung bei der Auswertung spart Zeit und ermöglicht die Erfassung von Kookkurrenzen und Korrelationen in einem Maße, an das manuell nicht zu denken wäre.

Trotz all dieser neuen Möglichkeiten ist die Frage noch nicht endgültig geklärt, „welcher Größenordnung [bezüglich Probanden und Sprachdaten] ← 16 | 17 → es in Hinblick auf das Verständnis von Spracherwerbsprozessen bedarf, für die es große individuelle und gruppenspezifische Variation gibt“ (Ahrenholz 2012: 6). Der einzige Punkt, in dem weitestgehend Konsens zu herrschen scheint, ist, dass eine Verbindung qualitativer und quantitativer Verfahren in Form von hybriden Designs dem Gegenstand am besten gerecht wird (vgl. Ahrenholz 2012: 6).

In dem vorliegenden Band kommen diverse Korpora und Analyseverfahren zum Einsatz: Ursula Kania untersucht die Sprachdaten aus dem Child Language Data Exchange System (CHILDES) und einem mündlichen Sub-Set des British National Corpus (BNC) dahingehend, mit welcher Häufigkeit und Funktion nicht-kanonische Entscheidungsfragen im Englischen auftreten. Fragen mit deklarativer Satzstruktur (wie z.B. You still need this?) werden innerhalb des generativen Paradigmas und auch in vielen Grammatiken als Abweichung von der Norm klassifiziert. Kanias korpuslinguistische Analyse von Kindersprache (CHILDES) sowie Erwachsenensprache (BNC) zeigt auf, dass nicht-kanonische Entscheidungsfragen sowohl in der Erwachsenensprache (inkl. der kindgerichteten Sprache) als auch in der Kindersprache mit großer absoluter und relativer Häufigkeit auftreten. Daraus folgt die Diskussion, wie mit Strukturen der gesprochenen Sprache sowie varietätsbedingten Abweichungen von der Norm in Referenzwerken (Grammatiken) und vor allem im FS-Unterricht umgegangen werden sollte. Michael Pleyer greift ebenfalls auf CHILDES-Daten zurück, um anhand von authentischen Beispielen der Mutter-Kind Interaktion zu illustrieren, welche Konstruierungsmechanismen von Kindern eingesetzt werden. Hier wird demnach auf der Basis von konkretem Sprachmaterial auf (mögliche) kognitive Prozesse bei der Sprachproduktion geschlossen, das Korpusmaterial also vor dem Hintergrund eines kognitiv-grammatischen Sprachgebrauchmodells interpretiert.

Im Beitrag von Torsten Müller werden mithilfe der Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD2) Sprachdaten aus dem Forschungs- und Lehrkorpus für gesprochenes Deutsch (FOLK) sowie dem Freiburger Korpus untersucht, welche die Konstruktion hingehen und V beinhalten, und mit Angaben bzw. Rechercheergebnissen zu dem englischen go and V verglichen (u.a. unter Berufung auf das BNC). Müller geht der Fragestellung nach, ob und inwiefern sich die beiden Konstruktionen hinsichtlich ihrer Formelhaftigkeit unterscheiden und versucht, in den Korpora Hinweise auf sich im ← 17 | 18 → Ablauf befindende Grammatikalisierungsprozesse zu finden. Hier kommen sowohl Auftretensfrequenzen zum Tragen als auch eine qualitative Analyse der Token, zum Beispiel hinsichtlich morphologischer Einschränkungen (Tempus, Aspekt), syntaktischer Präferenzen und semantischer Verschiebungen (Verblassung der Bewegungsbedeutung des Verbs go).

Obwohl im Beitrag von Line-Marie Hohenstein der Schwerpunkt auf der Untersuchung von Wörterbuchmaterial liegt, werden dennoch in einem Exkurs (Kap. 6) Daten aus dem COSMAS II Korpus und dem Google Ngram-Viewer herangezogen, um Vergleiche mit dem tatsächlichen schriftlichen Sprachgebrauch anstellen zu können. Der Beitrag möchte anhand des Beispiels der Anschlussvarianz von nördlich, südlich und unweit die Frage klären, ob sich in Sprachschwierigkeitenwörterbüchern wiederkehrende Muster in der Darstellung von grammatischen Zweifelsfällen feststellen lassen. Ob die Zusammenstellung der Zweifelsfälle – zumindest in den neueren Wörterbüchern – am tatsächlichen Sprachgebrauch orientiert ist, soll mithilfe der Korpusdaten und darin auftretender Variationen und Präferenzen überprüft werden. Auch Tamás Kispál vergleicht lexikographische Daten aus DaF-Wörterbüchern (hier zu der Phraseoschablone [N Präp N], wie in Tür an Tür) mit Daten aus dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo), der weltweit größten Sammlung deutschsprachiger Korpora der geschriebenen Gegenwartssprache.

Während in den bisher genannten Aufsätzen Korpora eine zentrale Rolle spielen, so werden sie in den Beiträgen von Frank Polzenhagen und Monika Reif / Katharina Turgay vornehmlich zu illustrativen Zwecken eingesetzt. Polzenhagen zieht an einer Stelle das British National Corpus (BNC) und das Corpus of Contemporary American English (COCA) zu Rate, um den Raritätsstatus der Kombinationen von have-Perfekt und going to sowie von will und going to empirisch zu belegen und verweist auf andere korpuslingusitische Studien des have-Perfekts. Reif / Turgay verwenden Beispielsätze aus dem COCA sowie dem COSMAS II Korpus zur Veranschaulichung der unterschiedlichen infiniten Verbkomplemente und führen vereinzelt Frequenzanalysen durch, wenn es um Annahmen wie complement shifts oder horror aequi Phänomene geht. Der vorliegende Band spiegelt daher wider, zu welch unterschiedlichen Graden Korpora in der angewandten Grammatikforschung zum Tragen kommen und wie vielfältig sich die Daten und Analysemöglichkeiten gestalten können. ← 18 | 19 →

Erwerb

Das Ziel der Spracherwerbsforschung ist, „zu erklären, wie Kinder Sprache in ihrer Totalität erwerben“ und sollte folglich folgende Aspekte beinhalten: Eine „(Arbeits)definition dessen, was Sprache ist“, „Hypothesen zu den Lernprozessen“ und „ein methodisches Instrumentarium, mit dem sich die Hypothesen, die sich aus den Grundannahmen ableiten können, testen lassen“ (Behrens 2011b: 376). In den nativistischen Theorien, die die Spracherwerbsforschung seit den 1970er Jahren geprägt haben und zu denen auch die generative Grammatik zählt (Diessel 2006), „steht die Arbeitsteilung zwischen Wörtern und Grammatik im Vordergrund“ (Behrens 2011b: 376) und es wird angenommen, dass zumindest ein Teil des sprachlichen Wissens angeboren ist und dass der kindliche Spracherwerb einem „idealtypischen, angeborenen Bauplan“ folgt, der sich „bereits in den frühsten Phasen des Spracherwerbs nachweisen lässt“ (Tracy 2011: 398). Dahingegen wird in gebrauchsbasierten Ansätzen nicht davon ausgegangen, dass semantisches und/oder syntaktisches Wissen angeboren ist, sondern dass alles sprachliche Wissen aus dem Sprachgebrauch abstrahiert wird (Behrens 2011b: 380–381). Sprachliche Kategorien in gebrauchsbasierten Ansätzen sind folglich emergent; die Assoziation von Form und Funktion, der Prozess des ‚Einschleifens‘, der kognitiven Verfestigung (entrenchment), die „Abstraktion von Gemeinsamkeiten über Einzelfälle hinweg“, die Schematisierung als Spezialfall der Abstraktion, sowie die Kategorisierung (d.h. die Zuordnung von neuen sprachlichen Tokens zu bestehenden Schemata) und der Prozess der Komposition (d.h. die Erzeugung von komplexen Strukturen durch die Kombination von einfachen Strukturen) spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle (Behrens 2011a: 173). In diesem Forschungskontext gewinnt die Konstruktionsgrammatik immer mehr an Bedeutung, da sie einen Rahmen bietet, der z.B. „die Kontinuität der Entwicklung von den ersten Einwortsätzen bis hin zu komplexen Satzkonstruktionen deutlich werden lässt“ (Diessel 2006: 53).

Michael Pleyers Beitrag zu sprachlichen Perspektivierungsmustern des Englischen schlägt eine Brücke zwischen dem ersten und zweiten Schwerpunkt dieses Bandes und verbindet die Diskussion theoretischer Grundlagen der kognitiven Linguistik mit angewandt-linguistischen Fragestellungen, da sowohl Erwerb als auch Gebrauch sprachlicher Strukturen in der kognitiven Linguistik in Anlehnung an Modelle von z.B. Tomasello (2003) und ← 19 | 20 → Langacker (1987, 2008) unter Bezugnahme auf allgemeine kognitive Prozesse erklärt werden. Pleyer argumentiert hier, dass der Begriff der Perspektive als inte gratives Konzept die Kognitive Linguistik, die Entwicklungspsychologie sowie die Spracherwerbsforschung zusammenbringen kann. Unter Rückgriff auf den Thomas-Corpus aus der CHILDES-Datenbank zeigt dieser Beitrag auf, wie kognitive Konstruierungsmechanismen mit Methoden der Korpuslinguistik untersucht werden können und betrachtet in diesem Zusammenhang ‚So-tun-als-ob‘ Situationen, die erste Formen geteilter Intentionalität und komplexer Perspektiventeilung ermöglichen, sowie Verben, die den ‚Commercial Event‘-Frame perspektivieren. Basierend auf diesen Beispielen formuliert Pleyer das Forschungsdesiderat, kognitive Konstruierungsmechanismen mit Methoden der Korpuslinguistik zu untersuchen, um so einen Beitrag für „eine entwicklungspsychologisch informierte, kognitionswis senschaftlich und linguistisch fundierte Theorie des Erwerbs, der Struktur und der Grundlagen von Perspektivität und Konstruierungsmechanismen“ zu leisten (Pleyer, dieser Band).

Der Beitrag von Ursula Kania in diesem Band untersucht den Erwerb von nicht-kanonischen Entscheidungsfragen aus gebrauchsbasierter Perspektive, da korpuslinguistische Untersuchungen zeigen konnten, dass diese – aus universalgrammatischer Sicht ungrammatischen – Strukturen „sowohl in der kindgerichteten Sprache bzw. der Kindersprache als auch der Erwachsenensprache mit großer absoluter und relativer Häufigkeit auftreten und daher (innerhalb des gebrauchsbasierten Paradigmas) als grammatisch anzusehen sind“ (Kania, dieser Band), wodurch sich Implikationen nicht nur für die Spracherwerbsforschung, sondern auch für die Grammatikschreibung und den Fremdsprachenunterricht Englisch ergeben. Da im ESL/EFL Unterricht häufig eine bestimmte Varietät, meist die britische Standardschriftsprache, als Maßstab angelegt wird, spricht sich Kania dafür aus, im Unterricht zu thematisieren, dass für (informelle) Mündlichkeit eine andere Gebrauchsnorm gilt als für (formelle) Schriftlichkeit – insbesondere vor dem Hintergrund, dass in den Lehrplänen die Förderung der kommunikativen Kompetenz der SchülerInnen eine zunehmend wichtige Rolle einzunehmen scheint. Dieser Beitrag schlägt gleichzeitig auch die Brücke zwischen korpuslinguistischer Untersuchung von Grammatikerwerb zum Grammatikunterricht, welcher ebenfalls im zweiten Teil in den Beiträgen von Reif / Turgay, Winkler und Polzenhagen (alle in diesem Band) näher beleuchtet wird. ← 20 | 21 →

Biographische Angaben

Saskia Kersten (Band-Herausgeber:in) Monika Reif (Band-Herausgeber:in)

Saskia Kersten ist Senior Lecturer in English Language & Communication an der University of Hertfordshire, GB. Ihre Forschungsschwerpunkte sind der Fremdspracherwerb von jungen Lernenden, die computervermittelte Kommunikation und deren Einsatz im Fremdsprachenunterricht sowie der Einsatz von korpuslinguistischen Methoden in der interdisziplinären Forschung. Monika Reif ist Akademische Oberrätin an der Universität Koblenz-Landau und im Bereich Anglistik/Englische Sprachwissenschaft tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Kognitiven Grammatik, der Zweitspracherwerbsforschung und der linguistischen Analyse von Humor und multimodalen Texten.

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Titel: Neuere Entwicklungen in der angewandten Grammatikforschung