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Literarische Störungen in Texten über die Shoah

Imre Kertész, Liana Millu, Ruth Klüger

von Dennis Bock (Autor:in)
©2017 Dissertation 500 Seiten

Zusammenfassung

Der Begriff der Störung erfährt eine zunehmende Konjunktur in den Geisteswissenschaften und etabliert sich dort als epistemologische Analysekategorie. Diese Studie untersucht die Texte der Shoah-Überlebenden Imre Kertész, Liana Millu und Ruth Klüger systematisch auf ihr Störpotenzial und erweitert das Forschungsfeld um die sprechhandlungstheoretischen Konzepte «Wissen» und «Erwarten». Ein grundlegend störendes Potenzial entfalten die Erzählungen, weil sie von konkreten historischen Ereignissen zeugen und damit deren Vergessen entgegenarbeiten. Die Untersuchung stellt unter anderem am Beispiel des Muselmanns, der Repräsentation von sexuellem Tauschhandel oder der Kritik an KZ-Gedenkstätten heraus, wie die Texte narrativ verfestigte Kategorien in Bewegung bringen, Wissen infrage stellen und gegen gesellschaftliche Diskurse ihrer Zeit polemisieren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • I Einleitung
  • 1 Historische Wirklichkeit und literarisches Handeln
  • 2 Präliminarien
  • 2.1 Ausgangspunkt und Erkenntnisinteresse
  • 2.2 Zur Auswahl der Texte
  • 2.2.1 Primärliteratur
  • 2.2.2 Sekundärliteratur
  • 2.3 Zur Verwendung der Begriffe Holocaust und Shoah
  • II Literarische Störungen – Historische Entwicklung und Neuansatz
  • 1 Historische Entwicklung – Zur Konjunktur eines Begriffs
  • 1.1 Irritation und Störung bei Niklas Luhmann
  • 1.1.1 Autopoiesis, strukturelle Kopplung, Irritation
  • 1.1.2 Irritation und Störung im Kontext des Kunst- und Literatursystems
  • 1.2 Zeichentheorie und Störung
  • 1.3 Medien- und Kulturtheorie der Störung
  • 1.4 Aspekte einer Literaturtheorie der Störung
  • 2 Ein Neuansatz – Störungen aus sprechhandlungstheoretischer Perspektive
  • 2.1 Erwarten
  • 2.1.1 Präsuppositionen
  • 2.1.2 Phänomene der Enttäuschung
  • 2.1.3 Zur Suspendierung der Rückfrage
  • 2.2 Wissen
  • 2.2.1 Wissensstrukturen
  • 2.2.2 Wissensbearbeitung – Strittigsein und Strittigmachen
  • 2.3 Zusammenfassung
  • III Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen
  • 1 Präliminarien
  • 1.1 Allgemeine Vorbemerkungen
  • 1.2 Vorbemerkungen zur deutschen Übersetzung
  • 1.3 Erzähltheoretische Vorbemerkungen
  • 1.4 Zur Entstehung eines Typus – Auffassungen und Lebensführung von György Köves
  • 1.4.1 György Köves im Kontext der Familie
  • 1.4.2 György Köves im Kontext erweiterter gesellschaftlicher Konstellationen
  • 1.4.3 György Köves im Kontext der Ordnungsmacht
  • 2 Strukturiertes Wissen: Erzählung und Rezeption
  • 2.1 Motive und Bilder: Strukturiertes Wissen über Auschwitz und die Shoah-Literatur
  • 2.2 Juden und SS-Soldaten: Figuren im Roman – Figuren in der Literatur über die Shoah
  • 2.3 Wahrnehmen und Einschätzen: der Wissensbereich der Figur György Köves
  • 2.4 Vorstellen und Einschätzen: der Wissensbereich des Lesers
  • 2.5 Der Protagonist im Roman – Die Störung von Gattungs- und Figuren-Wissen in der Literatur über die Shoah
  • 2.6 Der Erzähler im Roman – Die Störung von Gattungs- und Erzähler-Wissen in der Literatur über die Shoah
  • 2.6.1 Interne Fokalisierung
  • 2.6.2 Ästhetik und Poesie nach Auschwitz
  • 2.6.3 Vom ‚Glück der Konzentrationslager‘
  • 2.7 Zusammenfassung
  • 3 Die Muselmann-Perspektive
  • 3.1 Muselmänner in der Überlebenden- und Forschungsliteratur
  • 3.1.1 Der Muselmann in Jorge Semprúns Der Tote mit meinem Namen
  • 3.1.2 Der Muselmann in Roman eines Schicksallosen
  • 3.2 Muselmann-Repräsentation: Gegenerzählung und Störpotenziale
  • 4 Nachverhandlung: Totalitarismus und Individuum
  • 4.1 Wendepunkte und Brüche im Roman: Die Atomisierung des Individuums
  • 4.2 Schicksalsutopien: De-Atomisierung und Eigensinn
  • 4.3 Die Totalität der Erzählstruktur
  • IV Liana Millu: Der Rauch über Birkenau
  • 1 Präliminarien
  • 1.1 Allgemeine Vorbemerkungen
  • 1.2 Vorbemerkungen zur Rezeptionsgeschichte
  • 1.3 Vorbemerkungen zur deutschen Übersetzung
  • 2 Macht und Gewalt als Aspekte literarischer Wissensvermittlung – Lageralltag im Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau
  • 2.1 Lili Marleen
  • 2.1.1 Kontext und Figuren
  • 2.1.2 Aushandlungen von Macht – Äußeres Erscheinungsbild, Haare und Lagerhierarchien
  • 2.1.3 Formen destruktiver Gewalt – Kapo Mia
  • 2.1.4 Schilderungen multipler Abhängigkeitsverhältnisse und die polyphone Struktur der Erzählung
  • 3 Überlegungen zu ‚produktiven‘ Dimensionen von Gewalt
  • 3.1 Brot und Musik
  • 3.1.1 Kontext und Figuren
  • 3.1.2 ‚Produktive‘ Dimensionen von Gewalt – Sexueller Tauschhandel am Beispiel der Figuren Lise und Sergej
  • 3.1.3 Sexueller Tauschhandel als Motiv in der Literatur über die Shoah
  • 3.1.3.1 „The finest style of love-making in Auschwitz“
  • 3.1.3.2 Weitere Repräsentationsformen von sexuellem Tauschhandel
  • 3.1.3.3 Bewertungen durch die Erzählerinnen
  • 3.2 Scheissegal
  • 3.2.1 Kontext und Figuren
  • 3.2.2 ‚Produktive‘ Dimensionen von Gewalt – Sex-Zwangsarbeit als Überlebensstrategie
  • 3.2.3 ‚Other‘-Konstruktionen und Formen des ‚Otherings‘ im Zusammenhang mit sexuellem Tauschhandel und Sex-Zwangsarbeit in der Literatur über die Shoah
  • 3.2.4 Multiple Voices: Lotti und Gustine – Geschwisterliebe und Schwesternnarrativ
  • 3.2.5 Sex-Zwangsarbeit und Formen der (Ent-)Solidarisierung
  • 4 Der Rauch über Birkenau im Kontext literarischer Störungen: Zusammenfassung und Ausblick
  • 4.1 Weibliche Perzeption der Shoah – Störungen eines männlich geprägten Erinnerungsnarrativs?
  • 4.1.1 Zur ‚Meistererzählung des Holocaust‘
  • 4.1.2 Gegenerzählung und störende Elemente
  • 4.2 Zusammenfassung und Ausblick
  • V Ruth Klüger: weiter leben – Eine Jugend
  • 1 Präliminarien
  • 1.1 Allgemeine Vorbemerkungen
  • 1.2 Vorbemerkungen zur Rezeptions- und Forschungsgeschichte
  • 2 Dissens und Dekonstruktion von strukturiertem Wissen
  • 2.1 Dekonstruktion etablierter Motive und Positionen in der Literatur über die Shoah
  • 2.1.1 Zur Ikonografie und Motivik des ‚Viehwaggons‘
  • 2.1.2 Zur „Aussprech- und Vorstellbarkeit“ des Unsag- und Undarstellbaren
  • 2.1.3 Im Zwiegespräch – Ruth Klüger und Primo Levi
  • 2.2 „Wer rechnet schon mit männlichen Lesern?“
  • 2.3 Dialogizität revisited: Suspendierter Dialog und Störung
  • 2.4 „Ich fühle mich dann kritisiert in meiner Kritik der Gedenkstätten“
  • 2.4.1 Text und Kontext einer Beanstandung
  • 2.4.2 Zur Inkommensurabilität am historischen Ort
  • 3 Literarische Inszenierungen von strukturiertem Wissen
  • 3.1 Figuren, Wissen und ihre (erinnerungs)politische Funktionalisierung
  • 3.1.1 Zum Widersacher-Ensemble und seinen Funktionen für die leserseitige Wissensbearbeitung
  • 3.1.2 Ruth Klügers ‚Unversöhnlichkeiten‘ zwischen Aufklärung und Verallgemeinerung
  • 3.2 Zusammenfassung
  • VI Schluss
  • Ergebnisse und Ausblick
  • Dank
  • Bibliografie
  • Abbildungsverzeichnis
  • Internetquellen
  • Quellenverzeichnis
  • Reihenübersicht

Dennis Bock

Literarische Störungen in
Texten über die Shoah

Imre Kertész, Liana Millu, Ruth Klüger

Autorenangaben

Dennis Bock studierte Germanistik und Soziologie in Hamburg, wo er am Institut für Germanistik promoviert wurde. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle Interkulturelle Literatur- und Medienwissenschaft der Universität Hamburg mit einem Forschungsschwerpunkt zu intermedialer Repräsentation von Gewalt und Verfolgung.

Über das Buch

Der Begriff der Störung erfährt eine zunehmende Konjunktur in den Geisteswissenschaften und etabliert sich dort als epistemologische Analysekategorie. Diese Studie untersucht die Texte der Shoah-Überlebenden Imre Kertész, Liana Millu und Ruth Klüger systematisch auf ihr Störpotenzial und erweitert das Forschungsfeld um die sprechhandlungstheoretischen Konzepte ‚Wissen‘ und ‚Erwarten‘. Ein grundlegend störendes Potenzial entfalten die Erzählungen, weil sie von konkreten historischen Ereignissen zeugen und damit deren Vergessen entgegenarbeiten. Die Untersuchung stellt unter anderem am Beispiel des Muselmanns, der Repräsentation von sexuellem Tauschhandel oder der Kritik an KZ-Gedenkstätten heraus, wie die Texte narrativ verfestigte Kategorien in Bewegung bringen, Wissen infrage stellen und gegen gesellschaftliche Diskurse ihrer Zeit polemisieren.

Zitierfähigkeit des eBooks

Diese Ausgabe des eBooks ist zitierfähig. Dazu wurden der Beginn und das Ende einer Seite gekennzeichnet. Sollte eine neue Seite genau in einem Wort beginnen, erfolgt diese Kennzeichnung auch exakt an dieser Stelle, so dass ein Wort durch diese Darstellung getrennt sein kann.

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

1 Historische Wirklichkeit und literarisches Handeln

2 Präliminarien

2.1 Ausgangspunkt und Erkenntnisinteresse

2.2 Zur Auswahl der Texte

2.2.1 Primärliteratur

2.2.2 Sekundärliteratur

2.3 Zur Verwendung der Begriffe Holocaust und Shoah

II Literarische Störungen – Historische Entwicklung und Neuansatz

1 Historische Entwicklung – Zur Konjunktur eines Begriffs

1.1 Irritation und Störung bei Niklas Luhmann

1.1.1 Autopoiesis, strukturelle Kopplung, Irritation

1.1.2 Irritation und Störung im Kontext des Kunst- und Literatursystems

1.2 Zeichentheorie und Störung

1.3 Medien- und Kulturtheorie der Störung

1.4 Aspekte einer Literaturtheorie der Störung

2 Ein Neuansatz – Störungen aus sprechhandlungstheoretischer Perspektive

2.1 Erwarten

2.1.1 Präsuppositionen

2.1.2 Phänomene der Enttäuschung

2.1.3 Zur Suspendierung der Rückfrage

2.2 Wissen

2.2.1 Wissensstrukturen←v | vi→

2.2.2 Wissensbearbeitung – Strittigsein und Strittigmachen

2.3 Zusammenfassung

III Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen

1 Präliminarien

1.1 Allgemeine Vorbemerkungen

1.2 Vorbemerkungen zur deutschen Übersetzung

1.3 Erzähltheoretische Vorbemerkungen

1.4 Zur Entstehung eines Typus – Auffassungen und Lebensführung von György Köves

1.4.1 György Köves im Kontext der Familie

1.4.2 György Köves im Kontext erweiterter gesellschaftlicher Konstellationen

1.4.3 György Köves im Kontext der Ordnungsmacht

2 Strukturiertes Wissen: Erzählung und Rezeption

2.1 Motive und Bilder: Strukturiertes Wissen über Auschwitz und die Shoah-Literatur

2.2 Juden und SS-Soldaten: Figuren im Roman – Figuren in der Literatur über die Shoah

2.3 Wahrnehmen und Einschätzen: der Wissensbereich der Figur György Köves

2.4 Vorstellen und Einschätzen: der Wissensbereich des Lesers

2.5 Der Protagonist im Roman – Die Störung von Gattungs- und Figuren-Wissen in der Literatur über die Shoah

2.6 Der Erzähler im Roman – Die Störung von Gattungs- und Erzähler-Wissen in der Literatur über die Shoah

2.6.1 Interne Fokalisierung

2.6.2 Ästhetik und Poesie nach Auschwitz

2.6.3 Vom ‚Glück der Konzentrationslager‘

2.7 Zusammenfassung←vi | vii→

3 Die Muselmann-Perspektive

3.1 Muselmänner in der Überlebenden- und Forschungsliteratur

3.1.1 Der Muselmann in Jorge Semprúns Der Tote mit meinem Namen

3.1.2 Der Muselmann in Roman eines Schicksallosen

3.2 Muselmann-Repräsentation: Gegenerzählung und Störpotenziale

4 Nachverhandlung: Totalitarismus und Individuum

4.1 Wendepunkte und Brüche im Roman: Die Atomisierung des Individuums

4.2 Schicksalsutopien: De-Atomisierung und Eigensinn

4.3 Die Totalität der Erzählstruktur

IV Liana Millu: Der Rauch über Birkenau

1 Präliminarien

1.1 Allgemeine Vorbemerkungen

1.2 Vorbemerkungen zur Rezeptionsgeschichte

1.3 Vorbemerkungen zur deutschen Übersetzung

2 Macht und Gewalt als Aspekte literarischer Wissensvermittlung – Lageralltag im Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau

2.1 Lili Marleen

2.1.1 Kontext und Figuren

2.1.2 Aushandlungen von Macht – Äußeres Erscheinungsbild, Haare und Lagerhierarchien

2.1.3 Formen destruktiver Gewalt – Kapo Mia

2.1.4 Schilderungen multipler Abhängigkeitsverhältnisse und die polyphone Struktur der Erzählung

3 Überlegungen zu ‚produktiven‘ Dimensionen von Gewalt

3.1 Brot und Musik

3.1.1 Kontext und Figuren←vii | viii→

3.1.2 ‚Produktive‘ Dimensionen von Gewalt – Sexueller Tauschhandel am Beispiel der Figuren Lise und Sergej

3.1.3 Sexueller Tauschhandel als Motiv in der Literatur über die Shoah

3.1.3.1 „The finest style of love-making in Auschwitz“

3.1.3.2 Weitere Repräsentationsformen von sexuellem Tauschhandel

3.1.3.3 Bewertungen durch die Erzählerinnen

3.2 Scheissegal

3.2.1 Kontext und Figuren

3.2.2 ‚Produktive‘ Dimensionen von Gewalt – Sex-Zwangsarbeit als Überlebensstrategie

3.2.3 ‚Other‘-Konstruktionen und Formen des ‚Otherings‘ im Zusammenhang mit sexuellem Tauschhandel und Sex-Zwangsarbeit in der Literatur über die Shoah

3.2.4 Multiple Voices: Lotti und Gustine – Geschwisterliebe und Schwesternnarrativ

3.2.5 Sex-Zwangsarbeit und Formen der (Ent-)Solidarisierung

4 Der Rauch über Birkenau im Kontext literarischer Störungen: Zusammenfassung und Ausblick

4.1 Weibliche Perzeption der Shoah – Störungen eines männlich geprägten Erinnerungsnarrativs?

4.1.1 Zur ‚Meistererzählung des Holocaust‘

4.1.2 Gegenerzählung und störende Elemente

4.2 Zusammenfassung und Ausblick

V Ruth Klüger: weiter leben – Eine Jugend

1 Präliminarien

1.1 Allgemeine Vorbemerkungen

1.2 Vorbemerkungen zur Rezeptions- und Forschungsgeschichte

2 Dissens und Dekonstruktion von strukturiertem Wissen

2.1 Dekonstruktion etablierter Motive und Positionen in der Literatur über die Shoah←viii | ix→

2.1.1 Zur Ikonografie und Motivik des ‚Viehwaggons‘

2.1.2 Zur „Aussprech- und Vorstellbarkeit“ des Unsag- und Undarstellbaren

2.1.3 Im Zwiegespräch – Ruth Klüger und Primo Levi

2.2 „Wer rechnet schon mit männlichen Lesern?“

2.3 Dialogizität revisited: Suspendierter Dialog und Störung

2.4 „Ich fühle mich dann kritisiert in meiner Kritik der Gedenkstätten“

2.4.1 Text und Kontext einer Beanstandung

2.4.2 Zur Inkommensurabilität am historischen Ort

3 Literarische Inszenierungen von strukturiertem Wissen

3.1 Figuren, Wissen und ihre (erinnerungs)politische Funktionalisierung

3.1.1 Zum Widersacher-Ensemble und seinen Funktionen für die leserseitige Wissensbearbeitung

3.1.2 Ruth Klügers ‚Unversöhnlichkeiten‘ zwischen Aufklärung und Verallgemeinerung

3.2 Zusammenfassung

VI Schluss

Ergebnisse und Ausblick

Dank

Bibliografie

Abbildungsverzeichnis

Internetquellen

Quellenverzeichnis←ix | x→ ←x | 1→

I Einleitung

Abstract: The writings by Holocaust survivors Imre Kertész, Liana Millu and Ruth Klüger are diffused with the potential to create disturbances by bearing witness to concrete historical events and thereby preventing them from being forgotten. By the same token, they were explicitly intended to disturb by their authors: They question long-established knowledge, upset narratively solidified categories and work as polemics against social developments of their time.←3 | 4→ ←4 | 5→

1 Historische Wirklichkeit und literarisches Handeln

Die Texte der Holocaust-Überlebenden Imre Kertész, Liana Millu und Ruth Klüger stören. Das ist keine despektierliche Behauptung, sondern die untersuchungsleitende These der vorliegenden Studie. Ein grundlegend störendes Potenzial entfalten die Texte, weil sie von konkreten historischen Ereignissen zeugen und damit deren Vergessen entgegenarbeiten. Darüber hinaus sind insbesondere die in Rede stehenden literarischen Erinnerungen explizit auf ein Stören hin konzipiert: Sie stellen Wissen infrage, bringen narrativ verfestigte Kategorien in Bewegung und polemisieren bisweilen gegen gesellschaftliche Entwicklungen ihrer Zeit.

Die historische Wirklichkeit ist dabei stets die Folie für das literarische Handeln der Überlebenden, die – wie am Beispiel von Ruth Klügers Autobiografie weiter leben. Eine Jugend1 – bis in die Schreibgegenwart reicht. Ihre Kritik an der europäischen KZ-Gedenkstättenlandschaft Anfang der 1990er-Jahre ist ein veranschaulichendes Beispiel, weil Klügers Auslassungen nach wir vor als Ausgangspunkt für kontroverse Diskussionen oder gegenstimmige Argumentationen genutzt werden. Grundsätzlich irritiert Klügers Haltung vor dem Hintergrund, dass die durch sie kritisch in den Blick genommenen, vielfach in den 1970er- und 1980er-Jahren aus einem zivilgesellschaftlichen Milieu entstandenen KZ-Gedenkstätten als Orte „kritischer historischer Selbstreflexion der Gesellschaft“2 selbst aus einem subversiven, störenden Selbstverständnis heraus agierten.3 Unabhängig von der Anschlussfähigkeit ihrer Argumente an die jüngste Entwicklung der KZ-Gedenkstätten ist ein stetiger Veränderungsprozess der historischen Orte zu konstatieren: Der vornehmlich aktivistisch-störende Charakter der damaligen Einrichtungen, so scheint es, ist den Interessen einer durch Bund und Länder←5 | 6→ geförderten Institutionalisierung gewichen.4 Folglich wird von den heutigen Einrichtungen ein politischer Spagat aus gesellschaftlich-konsensuellem Handeln und einer zugleich widerborstigen Haltung verlangt, der die KZ-Gedenkstätten als „politisches Forum für diskriminierte oder ausgegrenzte Minderheiten, marginalisierte Sozialschichten und politisch unbequeme Gruppen“5 erhalten soll.

Zudem sind KZ-Gedenkstätten sowie die Mahnmale für die ermordeten Juden Europas mit einer ganz anderen Herausforderung konfrontiert: Die jüngsten Kontroversen um das Berliner Holocaust-Mahnmal oder die Empörung über im Internet veröffentlichte Selfies aus der Gedenkstätte Auschwitz zeigen, dass sich die Diskussionen um die bildungspolitische Notwendigkeit und den Erhalt der historischen Orte in Richtung auf eine Debatte um ihr Besucherpublikum verschoben hat. Es entsteht bisweilen der Eindruck, als ob medial verbreitete Selfies an den ehemaligen Orten systematischer Verfolgung und Ermordung für weitaus größere Aufmerksamkeit sorgen, als pädagogische Konzepte es an den Gedenkstätten je vermögen können. Eng verbunden mit der Empörung und Kritik an dem Besucherverhalten ist die Befürchtung, dass das Gedenken an die Opfer in den Hintergrund rücken und Platz für eine ausschließlich selbstbezogene „feel-good Kur“6 machen könnte. Sie erlaube es den Besuchenden, sich ihrer Teilhabe an einer aufgeklärten und zeitgemäßen Erinnerungskultur zu vergewissern, ohne einen selbstkritischen Rückbezug des eigenen Handelns auf die Geschichte des Ortes zu vollziehen. Deutschland sei, so das kritische Fazit, anerkannter „Gedenkweltmeister der Herzen“7 – und in dieser Selbstvergewisserungsparty, die sich in einem zufriedenen „Aufarbeitungsstolz“8 und in einem „neue[n] deutsche[n] Patriotismus“9 niederschlage, wolle man sich bitte auch nicht weiter stören lassen.←6 | 7→

Zwei wichtige Aspekte gehen bei der oftmals produktiven, weil streitbaren Polemik jedoch verloren. Zum einen sollte der „Aufarbeitungsstolz“ durchaus von beiden Seiten der Medaille betrachtet werden. Ohne Zweifel liegt in der vordergründigen Selbstvergewisserung die Gefahr einer ausbleibenden, aber notwendigerweise erforderlichen Auseinandersetzung mit der Shoah. Die Errungenschaften in der Gedenkstättenarbeit sollten jedoch nicht aus Angst vor einem falschen Stolz unter den Tisch fallen, sondern selbstbewusst vertreten werden. Zum anderen ist weder der ‚neue deutsche Patriotismus‘ noch die damit in Zusammenhang stehende Schlussstrichdebatte um die Erinnerung an die Shoah so neu, wie die öffentliche Diskussion bisweilen nahelegt. Bereits Mitte der 1990er-Jahre geht aus einer Umfrage im Auftrag des Amerikanischen Jüdischen Komitees hervor, dass 37 Prozent der befragten Deutschen die These befürworteten, dass der Holocaust keine Bedeutung mehr habe, weil er sich in der Vergangenheit abspielte, 52 Prozent ferner der Behauptung zustimmten, dass man nach der deutschen Wiedervereinigung nicht so viel über den Holocaust reden, sondern einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen sollte.10

Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (PDF)
9783631735251
ISBN (ePUB)
9783631735268
ISBN (MOBI)
9783631735275
ISBN (Hardcover)
9783631729335
DOI
10.3726/b11835
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
Holocaust Konzentrationslager Muselmann Sexuelle Gewalt Handlungstheorie
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 510 S., 2 farb. Abb., 2 s/w Abb.

Biographische Angaben

Dennis Bock (Autor:in)

Dennis Bock studierte Germanistik und Soziologie in Hamburg, wo er am Institut für Germanistik promoviert wurde. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle Interkulturelle Literatur- und Medienwissenschaft der Universität Hamburg mit einem Forschungsschwerpunkt zu intermedialer Repräsentation von Gewalt und Verfolgung.

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Titel: Literarische Störungen in Texten über die Shoah