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Urbane Widerstände – Urban Resistance

von Aline Schoch (Band-Herausgeber:in) Reto Bürgin (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 206 Seiten
Reihe: Social Strategies, Band 52

Zusammenfassung

Seit der Jahrtausendwende ist eine Vielzahl von Widerstandsbewegungen in Städten weltweit zu beobachten. Die bekanntesten unter ihnen sind der Arabische Frühling, Occupy Wallstreet, die Bewegung des 15M/Indignados oder die zahlreichen Recht auf Stadt-Bewegungen. Die Widerstandsbewegungen unterscheiden sich in ihren Zielsetzungen, Vorgehensweisen und Manifestationen. Der Sammelband vereint Beiträge, die sich anhand unterschiedlicher empirischer und theoretischer Forschungszugänge mit der Analyse von städtischen Protest- und Widerstandsbewegungen auseinandersetzen. Es interessieren die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser sozialen Bewegungen sowie die übergeordneten gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen sie sich manifestieren. Die vorliegende Sammlung von hauptsächlich empirischen Forschungsarbeiten ermöglicht einen aufschlussreichen Blick auf das aktuelle Feld der Bewegungs- und Widerstandsforschung im städtischen Kontext.
Since the turn of the millennium, an increasing number of resistance movements in urban spaces have been observed worldwide. The best known among them are the Arab spring, the Occupy Wallstreet movement, the movement of the 15M/Indignados as well as numerous right to the city initiatives. These resistance practices differ in their goals, approaches and manifestations. The anthology presents articles about urban protest and resistance movements with a variety of different empirical and theoretical research approaches. A special focus lies on the differences and the similarities of these social movements as well as on their larger societal context. The collection of mainly empirical studies assembled in this anthology provides an insightful overview of the current field of research on social and resistance movements in an urban context.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung (Aline Schoch / Reto Bürgin)
  • Introduction
  • Zum militanten Umherschweifen in städtischen Räumen (Jonas Aebi)
  • The mobilisation of Gezi Park protests – analysing a social movement (Deha Kerem Dursun)
  • Social Movements as Drivers of Urban Policy: The Case of the Arab Uprisings in North Africa (Raffael Beier)
  • The Israeli J14 tent protests of 2011. Challenging post-democratic constellations through the production of place (Sebastian Schipper)
  • Occupy: Städtische Besetzung als utopisches Experimentierfeld? (Antje Daniel)
  • Widerstände Jugendlicher an den Rändern der Stadt gegen städtische Ausgrenzungsprozesse in Deutschland und Frankreich (Sonja Preissing)
  • Postautonome und postidentitäre Mieter_innenproteste in Berlin und New York City (Lisa Vollmer / David Scheller)
  • Retiree Rebels: Urban Resistance at 80 (Carolin Genz)
  • Angst vor der Angst? (Peter Bescherer / Alexander Krahmer)
  • Autor_innenverzeichnis
  • Reihenübersicht

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ALINE SCHOCH & RETO BÜRGIN

Einleitung

Ausgangspunkt dieses Sammelbandes ist eine Studie des Seminars für Soziologie der Universität Basel, welche sich mit lokalen Widerständen gegen ein Raumentwicklungsprojekt im Basler Hafengebiet auseinandersetzt (Bürgin/Schoch/Sutter/Schmassmann/Mäder 2015). Die widerständischen Gruppierungen wehren sich mit unterschiedlichen Protestformen gegen die von der Stadtplanung angedachte Raumentwicklung. Letztere hat 2011 durch einen Planungswettbewerb die Vision einer Halbinsel mit Hochhäusern und einer Mischnutzung von Arbeit und Wohnen lanciert (MVRDV/Cabane/Josephy 2011), die fortan von der Presse als „Klein-Manhattan im Rhein“ (Gerny 2011) oder „Rheinhattan“ (Rockenbach/Rutschmann 2011) bezeichnet wird. Die Aktivist_innen organisieren sich in vielfältiger Form und mit heterogenen Zielsetzungen. So hat der ‚Wagenplatz‘, eine Ansammlung von zu Wohnwagen umgebauten Bau- und Zirkuswagen, ganz proaktiv einen Teil der leerstehenden Brache des zukünftigen Entwicklungsareals besetzt. Der Gruppierung ‚Vogelinsel‘ schwebt ein überwuchertes Naturschutzgebiet vor und die Gruppierung ‚Rheinhatten versenken!‘ will nicht in einen von der Stadt definierten Rahmen einer – aus ihrer Perspektive – Scheinpartizipation eintreten, sondern fordert eine tatsächliche Öffnung der Beteiligungsmöglichkeiten und des Gestaltungshorizontes. Aus einer soziologischen und humangeographischen Betrachtungsweise rekonstruierten wir die hinter dem Protest liegenden Anliegen und Kritikpunkte der widerständigen Gruppierungen.

Die Grundlage dieses Sammelbandes bildet die Neugierde zu erfahren, welche Beobachtungen, die wir mit genannter Studie gemacht haben, auch in anderen Protest- und Widerstandssituationen, Grössenordnungen und Kontexten erkennbar sind. Erstaunlicherweise ist das Feld der urbanen Widerstände bislang nur fragmentarisch erforscht und theoretisiert worden. Angetrieben von der Frage, was die gemeinsamen Nenner und die Unterschiede verschiedener Protestartikulationen sind, ← 7 | 8 → versammeln wir in diesem Sammelband unterschiedliche Forschungsarbeiten, die widerständige Praktiken im städtischen Raum in ihren jeweiligen Kontexten erforschen. Dabei interessiert, mit welchen grösseren gesellschaftlichen Zusammenhängen sie verbunden sind und welches gesellschaftstransformatorische Potenzial die städtischen Protest- und Widerstandsbewegungen mit sich bringen. Die Sammlung der Texte erlaubt einen Blick auf das aktuelle Forschungsfeld der Bewegungs- und Widerstandsforschung im urbanen Kontext und soll aufzeigen, wie mit verschiedenen theoretischen und empirischen Zugängen urbane Widerstände erfasst und verstanden werden können.

Städtische Protestbewegungen sind keineswegs neue Phänomene. Die 68er-Bewegung und die Jugendbewegung der 80er-Unruhen sind zwei der prominentesten Europäischen Beispiele von städtischen Mobilisierungen und länger andauernden Protestartikulationen (vgl. Andresen/Van der Stehen 2016; Nigg 2011). Irritierten Proteste noch in den 70er Jahren Politikerinnen und Politiker, sind sie heute weit verbreitet und alltäglich geworden (Gestring/Ruhne/Wehrheim 2014). Seit der Jahrtausendwende artikulieren sich weltweit vermehrt Protest- und Widerstandsbewegungen. Und das vorwiegend im urbanen Raum. Städte agieren dabei als „Mobilisierungsraum und Bühne für soziale Bewegungen“ (Gestring/Ruhne/Wehrheim 2014: 8). Die wohl bekanntesten Beispiele sind die Occupy-Bewegungen in New York und diversen weiteren Städten weltweit, der Arabische Frühling, brennende Stadtteile in den französischen Banlieues und während der London Riots, sowie zahlreiche Recht auf Stadt-Initiativen. Diese Protestbewegungen unterscheiden sich in ihren Forderungen, Manifestationen, Akteur_innen und Auswirkungen. Trotz ihrer Diversität in Organisation, Grösse, Beständigkeit und Zielsetzung scheint ihnen jedoch einiges gemeinsam zu sein: Sie stellen das gesellschaftliche und städtische Leben in den Mittelpunkt, haben einen kritisch-oppositionellen Charakter und artikulieren sich vorwiegend im urbanen Raum. Sie fordern Teilhabe und Mitbestimmung am städtischen und gesellschaftlichen Zusammenleben. Als gemeinsames Ziel von sozialen Bewegungen kann die aktive Einflussnahme auf den sozialen Wandel ausgemacht werden (vgl. Gestring/Ruhne/Wehrheim 2014; Calhoun 2013).

Der Begriff ‚soziale Bewegung‘ hatte seinen Ursprung in der Französischen Revolution. Unter sozialen Bewegungen wurde eine gesellschaftliche ← 8 | 9 → Kraft verstanden, welche die sozialen Verhältnisse zu beeinflussen versuchte. Lange Zeit wurden darunter insbesondere die Arbeiterbewegungen verstanden (Lahusen 2013: 717f). Die Protestwellen gegen Ende der 1960er Jahre weckten das Interesse aus den Disziplinen der Soziologie, Sozialpsychologie oder Politikwissenschaft. Die zunehmende Zahl an Frauen-, Studenten-, Anti-Atomkraft, Ökologie- und Friedensbewegungen führte zum Begriff der ‚neuen sozialen Bewegungen‘. ‚Neu‘ auch um sich vom Nationalsozialismus, der eigentlich auch als eine soziale Bewegung verstanden wurde, zu distanzieren. Die neuen sozialen Bewegungen wurden zu einem neuen und eigenen Untersuchungsgegenstand (Lahusen 2013; Calhoun 2013; Gestring/Ruhne/Wehrheim 2014). Der französische Soziologe und Bewegungsforscher Alain Touraine (1972) verstand diese neuen Phänomene als gesellschaftliche Reaktion auf Probleme und Konflikte, ausgehend von der postindustriellen Gesellschaft. Der wohl wichtigste Einfluss auf die städtische Bewegungsforschung lieferte der Stadtsoziologe Manuel Castells. In seinem Werk The City and the Grassroots: A Cross-Cultural Theory of Urban Social Movements (1980) führte er den Begriff der ‚urbanen sozialen Bewegungen‘ ein. Darunter sind Bewegungen zu verstehen, welche sich in ihrer Kritik direkt auf den städtischen Raum beziehen. Castells (1980: XVI) beschreibt sie als: „Collective actions consciously aimed at the transformation of the social interests and values embedded in the forms and functions of a historically given city.“ In dieser Hinsicht sind soziale Bewegungen eng mit ihrem räumlichen, städtischen Kontext verbunden und fokussieren auch auf diesen.

Bis heute haben sich die urbanen sozialen Bewegungen zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Das Thema ist viel diskutiert und en vogue. Der sozial konstruierte Raum ist, angelehnt an Mouffes (2005) Verständnis, von Machtungleichheiten und daher von sozialen Spannungen und Konflikten geprägt. Damit sind soziale Bewegungen als zutiefst politisch zu verstehen. Urbane soziale Bewegungen werden aktuell hauptsächlich im Schlaglicht von neoliberalen Stadtentwicklungstendenzen (z.B. Mayer 2014; Brenner/Marcuse/Mayer 2012), neomarxistischen Ansätzen wie Lefebvre’s Recht auf Stadt (z.B. Harvey 2012; Holm 2010; Purcell 2002; Marcuse 2009) oder postdemokratischen resp. postpolitischen Theorien (z.B. Swyngedouw 2013, 2014; Rosemann 2013) diskutiert. Bemerkenswert ist die Absenz von Anlalysen ← 9 | 10 → fremdenfeindlicher und (rechts-)populistischer Bewegungen im Kontext von urbanen sozialen Bewegungen. Begrifflichkeiten wie städtische Widerstände, Proteste, kollektive Aktionen oder städtische Aufstände sind dabei nicht abschliessend definiert und werden stets aufs Neue ausgehandelt (Thörn/Mayer/Thörn 2016: 23f). Als urbane Widerstände betrachten wir somit soziale Zusammenschlüsse in der Stadt, die sich ausserhalb eines parteipolitischen Rahmens manifestieren und eine gewisse öffentliche Resonanz erlangen. Wir verstehen urbane Widerstände als Reaktionen auf einen als ungerecht empfundenen Zustand oder eine zu verhindernde Absicht anderer sozialer Gruppen oder privater bzw. staatlicher Akteur_innen. Die zu beeinflussenden gesellschaftlichen Entwicklungen sind aufs Engste mit dem städtischen Raum verbunden und kristallisieren bzw. widerspiegeln sich dementsprechend oft im Räumlichen. Dennoch scheinen die sozialen Bewegungen bis heute noch unzureichend im städtischen Kontext erforscht zu sein (Nicholls/Miller/Beaumont 2013; Nicholls 2008).

In dieser Hinsicht interessiert, dass gesellschaftlicher Wandel auf einer anderen Ebene als der gängigen politischen angestrebt wird. Dies birgt neue Möglichkeitsräume, aber zugleich auch Unsicherheiten und Probleme, da der Rahmen nicht oder nur wenig institutionalisiert ist. Die Suche nach der angemessenen Organisationsform und von Funktionsmöglichkeiten urbaner Widerstände gibt Aufschluss über die Gesellschaftsdiagnose und die unerfüllten Bedürfnisse der Protestierenden. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit städtischen Protest- und Widerstandsbewegungen ist gerade deswegen von zentraler Bedeutung, weil die Gesellschaft den Stadtraum prägt und gestaltet. Zugleich schafft der urbane Raum Nutzungs- und somit Möglichkeitsräume für seine Bewohner_innen (Lefebvre 1991). Verstehen wir die Beweggründe und Bedürfnisse von diesen Bewegungen auf einer übergeordneten gesellschaftlichen Ebene, erhalten wir Zugang zu Wissen, wie Stadt und Gesellschaft neu gedacht und anders gestaltet werden könnten.

Der Sammelband steigt mit einem Beitrag von Jonas Aebi Zum militanten Umherschweifen in städtischen Räumen ein, der als selbstkritische, theoretisch-methodische Suchbewegung verstanden werden will. Er setzt sich mit dem Spannungsverhältnis von widerständischer Praxis und deren wissenschaftlichen Bearbeitung auseinander. Dabei bezieht ← 10 | 11 → er sich auf den Operaismus, die militante Forschung und orientiert sich für seine Reflektionen an Henri Lefebvres Konzept der Residuen.

Deha Dursun untersucht in seinem Beitrag The mobilisation of Gezi Park protests – analysing a social movement die Occupy-Bewegung in Istanbul von 2013. Anhand einer Event-Analyse beleuchtet er die Vorkommnisse mit unterschiedlichen Bewegungstheorien und setzt seine Erkenntnisse in Bezug zur türkisch Politik.

Biographische Angaben

Aline Schoch (Band-Herausgeber:in) Reto Bürgin (Band-Herausgeber:in)

Aline Schoch ist lic. phil., Soziologin mit den Forschungsschwerpunkten Urbansoziologie mit Fokus auf widerständische Praktiken, Urban Gardening und der Spaziergangswissenschaft sowie Bildungssoziologie im Lichte von Genderaspekten. Sie ist aktuell wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Basel und verantwortet ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt zu gendergerechtem Naturwissenschaftsunterricht. Reto Bürgin ist Sozialgeograph und Doktorand am Geographischen Institut der Universität Bern sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am ETH Wohnforum-ETH CASE der ETH Zürich. Er studierte Geographie, Soziologie und Hispanistik an der Universität Basel. Seine Forschungsschwerpunkte sind (kritische) Stadtsoziologie/-geographie, Wirtschaftsgeographie, affordable housing, urbane soziale Bewegungen und die Schriften von Lucius Burckhardt.

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Titel: Urbane Widerstände – Urban Resistance