Lade Inhalt...

Wir sind Faust

Teufelspakt und Erlösung bei Goethe, Thomas Mann und Klaus Mann

von Dieter Strauss (Autor:in)
©2018 Monographie 134 Seiten

Zusammenfassung

Im Zentrum des Buches stehen der Teufelspakt und die Erlösungsfrage. Der Autor fragt nach den Parallelen bei Goethes Faust, Thomas Manns Komponisten Adrian Leverkühn und Klaus Manns Theaterintendanten Hendrik Höfgen. Im Gegensatz zu Goethes Faust können Adrian Leverkühn und Hendrik Höfgen nicht erlöst werden. Der Band zeigt auf, dass die Rettung von Faust an seiner «Selbsterlösung von unten» liegt, die er mit seiner Kolonisierung erreicht, und an der «Liebe von oben», an die Goethe als Anhänger der Allversöhnung glaubt.
Teufelspakt und Erlösungsproblematik stehen am Anfang des Buches. Anschließend folgen die Wege, die die Protagonisten der drei Werke bis zur Rettungsfrage zurücklegen. Äußerer Anstoß und innerer Antrieb der drei Autoren zu diesem Thema bilden den Abschluss.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Impressum
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Ouvertüre zum Thema „Faust“
  • Der Teufelspakt
  • Die Erlösungsproblematik
  • Wird Goethes Faust gerettet?
  • Wird Thomas Manns Adrian Leverkühn gerettet?
  • Wird Klaus Manns Hendrik Höfgen gerettet?
  • Klaus Mann
  • Der Weg Hendrik Höfgens in den Teufelspakt und die Erlösungsproblematik
  • Teufelspakt und Erlösungsproblematik: äußerer Anstoß und innerer Antrieb bei Klaus Mann
  • Thomas Mann
  • Der Weg Adrian Leverkühns in den Teufelspakt und die Erlösungsproblematik
  • Teufelspakt und Erlösungsproblematik: äußerer Anstoß und innerer Antrieb bei Thomas Mann
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Der Weg von Goethes Faust in den Teufelspakt und die Erlösungsproblematik
  • Faust I und seine Szenen
  • Faust II und seine fünf Akte
  • Teufelspakt und Erlösungsproblematik – Äußerer Anstoß und innerer Antrieb bei Johann Wolfgang von Goethe
  • Statt eines Abspanns
  • Abbildungsverzeichnis
  • Abkürzungen und Literaturangaben

←6 | 7→

Ouvertüre zum Thema „Faust“

Endlich ist der erwartete Moment gekommen, 1995 im Goethe-Institut Sao Paulo: das betörende und legendäre Elfenprinzchen „Echo“ aus dem „Doktor Faustus“ von Thomas Mann steht vor mir. Nein, natürlich nicht das Original, das stirbt ja im „Doktor Faustus“ einen grausamen Tod an Meningitis. Sein Modell Frido Mann ist gekommen, um sein gerade ins Portugiesische übersetzte Buch „Teresin – oder der Führer schenkt den Juden eine Stadt, eine Parabel“ (1994) dem brasilianischen Publikum vorzustellen. Frido Mann, außerordentlich wie sein literarisches Alter Ego: diplomierter Pianist und Dirigent, promovierter katholischer Theologe und habilitierter Psychologe, über Jahre an der Universität Münster Professor für Ethik in der Medizinerausbildung. Und natürlich Schriftsteller: Noblesse oblige! Klar, dass damit mein Interesse für den „Doktor Faustus“ wieder geweckt wird, ganz abgesehen von dem Leben der brasilianischen Urgroßmutter Julia von Frido Mann, die Leben und Werk ihrer literarischen Familie nachhaltig beeinflusst hat. Allein Frido Mann hat eine Trilogie über seine brasilianischen Wurzeln geschrieben, die Romane „Brasa“ (1999), „Hexenkinder“ (2000) und „Nachthorn“ (2002).

„Sie müssen ihm Pralinen mitbringen, er ist ein ganz ‚Süßer‘, dann erzählt er ihnen noch viel lieber über die Manns“, raunt mir nach meiner Versetzung an das Goethe-Institut Paris im Jahr 2000 die einige Jahrzehnte jüngere Frau von Igor Pahlen schalkhaft zu, dem damals rund fünfundachtzigjährigen Schauspieler aus der „Pfeffermühle“ Erika und Klaus Manns. Schnell entwickelt sich bei mir die Idee, eine Ausstellung und ein Buch über das Exil von Klaus Mann in Frankreich zu erarbeiten. Natürlich spielt darin sein „Mephisto“ eine Rolle.

Und seine Tagebücher stoßen mich dann erneut auf den Fauststoff, dieses Mal von Goethe, der mich sowieso schon vor dem Hintergrund des „Doktor Faustus“ von Thomas Mann und seinen beiden Goethe-Reden 1949 zum zweihundertsten Geburtstag des Dichters in der Frankfurter Paulskirche und in Weimar zunehmend beschäftigt: Goethe habe, so Thomas Mann, einen geöffneten Blick für die Widersprüche, für das Böse im Guten, die Verderbnis der Idee durch ihre Verwirklichung, die fundamentale Tragik des Menschenlebens.1 Wer muss da nicht an Faust und besonders an seine von Verbrechen begleitete Kolonisierung denken?

←7 | 8→
Abbildung 1: Das bezaubernde Modell des Elfenprinzchens Echo aus dem „Doktor Faustus“ zeigt Frido Mann zusammen mit seinem Onkel Klaus Mann (Privatarchiv Frido Mann). Frido Mann, Lieblingsenkel von Thomas Mann, besucht mich 1995 im Goethe-Institut Sao Paulo und regt mich zu dem Festival um Julia Mann, die brasilianische Mutter von Heinrich und Thomas Mann, an. Ein Anstoß, der letzten Endes auch zu diesem Buch führt.

Wo sind in den drei Werken von Goethe, Thomas Mann und Klaus Mann die Parallelen vor allem beim Teufelspakt und in der Frage der Erlösung? Wer wird am Ende erlöst, Goethes Faust oder Thomas Manns Komponist Adrian Leverkühn? Oder beide? Oder keiner? Und wie steht es mit dem Generalintendanten Klaus Manns am Ende seines Mephisto-Romans? Und wie mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, das ja im „Doktor Faustus“ gespiegelt wird? Kann sich dieses geschlagene Land nach den NS-Verbrechen wieder in die Staatengemeinschaft eingliedern? Sir Hartley ←8 | 9→Showcross äußert jedenfalls in seinem Schlussplädoyer des Nürnberger Prozesses am 27. Juli 1946 mit einem angeblichen Goethe-Zitat seine erheblichen Zweifel: das Schicksal wird sie schlagen (das deutsche Volk), weil sie sich selbst verrieten … sich jedem verrückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt…2. Dass es sich um ein Zitat aus „Lotte in Weimar“ von Thomas Mann handelt, ist dem Nürnberger Ankläger dabei nicht bewusst.

Spannende Fragen, die mich nicht mehr loslassen und endlich in diesem Buch beantwortet werden sollen.

Ich werde sorgen, dass die Teile anmutig und unterhaltend sind, und etwas denken lassen …. Im Übrigen werde „Faust II“ Fragment bleiben3, meint Goethe zu Schiller, als der ihn zur Eile drängt. Das gilt auch für dieses Buch: Es soll unterhalten und informieren. Das wird nicht ganz einfach, besonders nicht bei Goethes „Faust“, dessen Hauptidee selbst er nicht aussprechen kann, wie er seinem Eckermann versichert4. Oder vielleicht doch? Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, das wäre zur Not etwas; fährt er in dem Gespräch mit Eckermann fort und verlangt dann, dass ein immerfort zum Besseren aufstrebender Mensch zu erlösen sei5. Wie das? Wieso geht Faust dann zur Hölle? Liegt hier nicht ein Widerspruch vor? Hat Goethe seine Szenen doch „auf das Geratewohl“ und „in das Blaue hinein gedichtet“, wie der Jenaer Historiker Heinrich Luden Goethe gegenüber und nicht zu dessen Freude um 1806 vermutet6, und dann seine einzelnen Perlen auf eine Schnur aufgezogen?

Es bleibt also spannend, mehr als das. Wer geht zur Hölle, wer bleibt dort und wer kann in den Himmel aufsteigen? Goethes Faust? Thomas Manns Adrian Leverkühn? Oder Klaus Manns Generalintendant?

Drängende Fragen, die den folgenden Aufbau dieses Buches mehr als nahelegen: auf die Beschreibung des Teufelspakts bei Klaus Mann und Thomas Mann sowie bei Goethe folgt die Erlösungsfrage in der Reihenfolge Goethe, Thomas und Klaus Mann.

Anschließend werden Weg und Entwicklung gezeigt, die die drei Protagonisten, Klaus Manns Theaterintendant Hendrik Höfgen, Thomas Manns Komponist Adrian Leverkühn und Goethes Faust, über den Teufelspakt bis zu der letzten entscheidenden Etappe ihrer Erlösung oder verweigerten Errettung zurücklegen.

←9 | 10→

Nach der jeweiligen Wegbeschreibung werden die äußeren Anstöße beschrieben, die die drei Autoren zu dieser faustischen Thematik bewegt haben, und wird deutlich gemacht, welche innere Bereitschaft dafür bei ihnen vorliegt. Ein Literaturverzeichnis mit Leseempfehlungen schließt das Buch ab.

Details

Seiten
134
Jahr
2018
ISBN (PDF)
9783631760499
ISBN (ePUB)
9783631760505
ISBN (MOBI)
9783631760512
ISBN (Hardcover)
9783631747544
DOI
10.3726/b14330
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
Teufelspakt Erlösung Flow Zwölftonmusik Faschismus Holocaust
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 134 S., 1 farb. Abb., 13 s/w Abb.

Biographische Angaben

Dieter Strauss (Autor:in)

Dieter Strauss ist promovierter Germanist und Historiker. Er unterrichtete an den Universitäten Bonn und Nimwegen, bevor er zum Goethe-Institut wechselte: Er war Leiter der Institute in Santiago de Chile, São Paulo, Paris und Rabat/Casablanca sowie stellvertretender Generalsekretär. Heute arbeitet er als freier Referent und Sachbuchautor.

Zurück

Titel: Wir sind Faust