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Die Plurizentrizität der deutschen Sprache(n) im Lichte der anthropozentrischen Linguistik und deren Konsequenzen für die Translatorik und die Fremdsprachendidaktik

Aspekte der nationalen Varietäten am Beispiel des Österreichischen Deutsch

von Reinhold Utri (Autor:in)
Monographie 318 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch gibt einen Überblick über die Rolle des Deutschen als plurizentrische Sprache am Beispiel der österreichischen Varietät des Deutschen. Dabei werden Aspekte wie Diminutive, der historisch-kulturelle Hintergrund oder die Zensur der österreichischen Literatur (Austriazismenwegfall) angeführt sowie weitere Funktionen der österreichischen Varietät herausgearbeitet. Nach einer Analyse von Wörterbüchern wird auf die nötigen Konsequenzen für die Sprachdidaktik (plurizentrische Lehrbücher) und Translatorik (plurizentrisch geschulte Übersetzer) eingegangen. Eventuelle Kontroversen in der Auffassung, ob und inwieweit das Deutsche eine plurizentrische Sprache sei, werden schlussendlich durch die Theorie der anthropozentrischen Linguistik ausgeräumt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Einführung in das Thema
  • 2. Die Anthropozentrische Theorie der menschlichen Sprachen
  • 2.1 Allgemeines zur Sprache
  • 2.2 Evolution der Sprache
  • 2.3 Idiolekt oder der ontologische Status der Sprache
  • 2.4 Wissens- und Erkenntnisgewinn
  • 2.5 Humanistische Ziele des Fremdsprachenlernens/-lehrens
  • 2.6 Polylekt als ein theoretisches Konstrukt
  • 2.7 Polylekt und Sprachvarietäten
  • 3. Varietätenlinguistik
  • 3.1 Allgemeines
  • 3.2 Varietät, Variable und Variante – Begriffsprobleme
  • 4. Plurizentrizität – Stand der Dinge
  • 4.1 Vom monozentrischen zum plurizentrischen Ansatz
  • 4.2 Plurizentrik (weltweit)
  • 4.3 Plurizentrische Sprachen in Europa
  • 4.4 Das Phänomen der plurizentrischen Nationalsprachen des Deutschen
  • 4.5 Ist das Österreichische Deutsch vom Aussterben bedroht?
  • 4.6 Das Schweizer Deutsch
  • 4.7 Unterschiede Österreichisches und Bundesdeutsch
  • 4.7.1 Alltags- und fachsprachlicher Wortschatz
  • 4.7.2 Das Phänomen Diminutiv
  • 4.8 Plurizentrik in der (fiktionalen) Literatur
  • 4.9 Bon usage und Standardsprache
  • 4.10 Österreichisches Deutsch und Wörterbücher
  • 4.11 Österreichische Sub-Varietäten
  • 5. Österreichisches Deutsch
  • 5.1 Allgemeines zum Österreichischen Deutsch
  • 5.1.1 Geschichte und Kulturrealität des Österreichischen Deutsch
  • 5.1.2 Der Einfluss des Österreichischen Deutsch auf die Nachbarländer Österreichs
  • 5.2 Das Österreichische Deutsch als plurizentrische Sprache
  • 5.3 Symmetrie und Asymmetrie von plurizentrischen Sprachen
  • 5.4 Standardsprache und Plurizentrik
  • 5.4.1 Standardsprache und Monozentrik
  • 5.4.2 Mündlicher Gebrauchsstandard
  • 5.4.3 Standardsprache vs. Umgangssprache/Alltagssprache
  • 5.4.4 Literatursprache als Norm?
  • 5.4.5 Verengungen bei den Einstellungen und Konsequenzen
  • 5.4.6 Standardsprache(n) als theoretisches Konstrukt
  • 5.4.7 Bemühung um Anerkennung
  • 5.5 Dialekte und Mundarten
  • 5.6 Dialekt in der österreichischen Presse? Analyse des „Heiteren Bezirksgerichts“
  • 5.7 Österreichisches Deutsch versus Bairisch
  • 5.8 Mehrsprachigkeit, Diglossie und innere Mehrsprachigkeit
  • 6. DaF-Didaktik und Plurizentrizität
  • 6.1 Allgemeines
  • 6.2 Das Österreichische Deutsch in der DaF- und Deutsch-Didaktik
  • 6.3 DaF-Lehrwerke und Plurizentrizität
  • 6.4 Best practice: Untersuchung von Lehrwerken und -materialien
  • 6.5 Didaktik von Dialekten
  • 6.5.1 Überlegungen zum Dialekt im DaF-Unterricht
  • 6.5.2 Die Bibel im Wiener Dialekt als Unterrichtsmaterial
  • 7. Das Österreichische Deutsch: terminologische, historische und pragmatische Aspekte
  • 7.1 Allgemeines
  • 7.2 Das Österreichische Wörterbuch
  • 7.2.1 Allgemeines zur Entstehung des Wörterbuches
  • 7.2.2 ÖWB – Vergleich verschiedener Ausgaben
  • 7.3 Die Entlehnungsfreudigkeit der Österreicher
  • 7.3.1 Allgemeines
  • 7.3.2 Anglizismenhäufigkeit
  • 7.3.3 Fremdwortaufnahme
  • 7.3.4 Gründe der Entlehnungsfreudigkeit der ÖsterreicherInnen
  • 8. Das Österreichische Deutsch in der Translatorik/Translationsdidaktik
  • 8.1 Fachsprachen/Lexikologie des Österreichischen Deutsch
  • 8.2 Wörterbücher und Kodifizierung
  • 8.2.1 Definition des Begriffs Kodifizierung
  • 8.2.2 Das Österreichische Deutsch in Wörterbüchern
  • 8.2.3 Andere Wörterbücher des Österreichischen Deutsch
  • 8.2.4 Anerkennung der Austriazismen in Wörterbüchern und in der Europäischen Union
  • 8.3 Translatorik/Translationsdidaktik und Österreichisches Deutsch
  • 8.4 Resümee zur Plurizentrik-Didaktik im Übersetzer/Dolmetscher-Studium sowie im DaF-Unterricht
  • 8.4.1 Das glottodidaktische Plurizentrik-Postulat
  • 8.4.2 Das translatorische Plurizentrik-Postulat
  • 8.4.3 Desiderata
  • 8.4.4 Akademische Plurizentrik-Lehrbücher
  • 8.4.5 Österreichische Lieder im DaF-Unterricht
  • 9. Das Österreichische Deutsch und die Anthropozentrische Linguistik
  • 10. Abbildungs-, Grafiken- und Tabellenverzeichnis
  • 11. Anlagen
  • 11.1 Anlage 1: Austriazismen und Deutschlandismen bei Christine Nöstlinger – Teil 1
  • 11.2 Anlage 2: Austriazismen im Werk von Christine Nöstlinger – Teil 2
  • 11.3 Anlage 3: Austriazismen bei Wolf Haas:
  • 11.4 Anlage 4: Austriazismen im Werk von Claudia Rossbacher: „Steirernacht“
  • 11.5 Anlage 5: Austriazismen im Werk „Die Piefke-Saga“ von Felix Mitterer
  • 11.6 Anlage 6: Austriazismen im Werk „Verschwörungsmelange“ von Hermann Bauer
  • 11.7 Anlage 7: Austriazismen im Werk „Der Engel von Graz“ von Robert Preis
  • 12. Literatur
  • 13. Verwendete Wörterbücher
  • 13.1 Traditionelle Wörterbücher
  • 13.2 Online-Wörterbücher und Internetseiten
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Mit dem Phänomen Varietäten der deutschen Sprache wurde ich schon sehr früh konfrontiert. Schon als Kind erlebte ich, dass meine Großeltern und andere ältere Familienmitglieder ganz anders sprachen als meine Eltern oder die sonstige Umgebung (in Graz). Meine Vorfahren stammten aus der Gemeinschaft der donauschwäbischen Siedler in Mittelslawonien (heutige Kroatien nahe der Stadt Osijek/Esseg)1. So sprachen meine Großeltern, Großtanten, Großonkeln und auch Tanten, Onkeln und meine Eltern, wenn sie sich mit der älteren Generation unterhielten, einen donauschwäbischen Dialekt. Da meine Eltern später in Graz noch im donauschwäbischen Kulturverein aktiv waren, war es für mich auch „normal“, teilweise auch interessant und belustigend, die Sprache meiner Großelterngeneration zu imitieren.

Dazu hatte ich auch Gelegenheit, denn ich wurde von den Eltern, die mich zu unterschiedlichen Veranstaltungen der Steirischen Donauschwaben mitnahmen, auch aufgefordert, zu gewissen Anlässen donauschwäbische Gedichte auswendig zu lernen und aufzusagen2. So begann für mich die Erfahrung damit, dass es im Deutschen unterschiedliche Varietäten und Variationen gibt – später war eine andere Erfahrung der Kontakt zu Menschen, die vom Lande stammten und eine dialektale Aussprache hatten und auch dialektalen Wortschatz nicht verheimlichen konnten und wollten. Ich hatte auch Spaß daran, den Lieblingsschriftsteller meiner Mutter – Peter Rosegger – zu lesen. Er schrieb auch einiges in seiner steirischen Mundart und hin und wieder musste ich meine Mutter, die als Kind noch auf dem Land (Weststeiermark) aufgewachsen war und Dialektales besser versteht als ich, nach gewissen Ausdrücken fragen.

Als Jugendlicher war ich auch in einer Jugendgruppe aktiv, in der Jugendliche aus verschiedenen Regionen der Steiermark mitwirkten. Ein lustiges Spiel für uns war z.B. einen Satz sagen und die Leute aus unterschiedlichen Regionen ← 9 | 10 → sollten diesen Satz kreativ in die regionale Sprache ihrer Region „übersetzen“. Eine ähnliche Belustigung erfuhr ich, als ich von der „Dialektbibel“ erfuhr, die ich auch dann im Buchladen kaufte. Hier schätzte ich nicht nur die Tatsache, dass der Bibeltext im Wiener Dialekt geschrieben war, sondern auch, dass dieser begnadete Autor (dieses Werk wird in der vorliegenden Arbeit auch kurz besprochen werden) dies mit einer außerordentlichen Kreativität zustande brachte.

Im schulischen Englischunterricht lernte ich nur einige Wörter, die in den USA eine andere Variante haben als in Großbritannien (cab – taxi, fall – autumn etc.); erst als wir ein Jahr lang ein Beiwagerl (eine Praktikantin aus Schottland) hatten, bemerkten wir die ganz andere, für uns anfangs ungewöhnliche und fast unverständliche Aussprache. Ein paar Jahre später, schon als Student, fiel mir ein englischsprachiges Buch in die Hände, in dem von den verschiedenen Regionen Großbritanniens und den damit einhergehenden Variationen (z.B. das Verb in der dritten Person Sg. ohne -s) die Rede war.

Seit meiner Jugendzeit schreibe ich auch selbst Gedichte3. Während des Prozesses des Schreibens an den Gedichten (gereimt oder ungereimt) ist auch das Experimentieren, das „Sätze-Basteln“, das kreative Denken und Schreiben, das Neue-Ideen-Kreieren von immenser Bedeutung. Nachdem ich als Muttersprachler in Polen auch eine ansehnliche Übersetzer-Erfahrung habe, habe ich einige Male auch den Versuch unternommen, polnische (gereimte) Gedichte ins Deutsch zu übertragen (z.B. einige von Jan Brzechwa). Alles dies lehrte mich, dass die Sprache „lebt“, wenn wir sie kreativ benützen und weiterentwickeln. Und die Entstehung von Varietäten ist auch ein Prozess, bei dem sich eine (regionale, nationale) Sprache von einer anderen immer mehr absondert (wie z.B. das Österreichische Deutsch nach dem Zweiten Weltkrieg) und sich so zu einer Varietät (die auch ihre Normen setzt) entwickelt.

Als Muttersprachler in Polen hatte ich auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich den Studenten ein Wort erklärte, aber gleich darauf meinte, in Österreich würde ich das anders sagen – ich würde eben einen österreichischen Ausdruck (einen Austriazismus; manchmal ist das auch ein unspezifischer, der auch z.B. in der Schweiz in Gebrauch ist) verwenden. Beim Nachschlagen desselben im Duden machte ich dann unterschiedliche Erfahrungen, was die Anerkennung dieser Begriffe betrifft. ← 10 | 11 →

Bei einer günstigen Gelegenheit erstand ich auch drei unterschiedliche Ausgaben des Österreichischen Wörterbuchs – die Analyse dieser und auch des Dudens flossen in diese Arbeit mit ein.

Beim Anschauen von Filmen wurde mir auch bewusst, wie schnell ÖsterreicherInnen von ihrer Umgangssprache ins Hochdeutsche wechseln können bzw. müssen – sowohl in Film-Klassikern (z.B. im Weißen Rössl am Wolfgangsee – die bekannte Fassung stammt aus dem Jahre 1960, es gab jedoch schon frühere) als auch in neueren (Die Piefke-Saga von Felix Mitterer; oder die Serie SOKO Wien, wo ein Deutscher mitspielt, der mit der österreichischen Umgangssprache so seine Schwierigkeiten hat).

Ich sehe die unterschiedlichen Varietäten als eine Bereicherung – so wie in der Ökologie die Artenvielfalt ein wichtiges Kriterium für den ökologischen Wert eines Areals/einer Region/eines Bezirks darstellt, so steigert die sprachliche Vielfalt den linguistischen wie auch den Erlebniswert. So soll das vorliegende Werk über die „Linguistik der nationalen Varietäten am Beispiel des Österreichischen Deutsch“ einen Beitrag dazu leisten, dass der Wert von (nationalen) Varietäten erkannt und diese auch (z.T. als Standard) anerkannt sowie auch gepflegt und nicht vernachlässigt werden, nur weil es vielleicht ein schlechteres Image hat als eine andere Varietät.

Da ich seit über 20 Jahren im DaF-Bereich und seit über zehn Jahren in der Translatorik (Ausbildung von ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen) tätig bin, bin ich mir bewusst, wie wichtig das Thema Plurizentrik für die zukünftige Entwicklung der obigen zwei Bereiche sein wird.

Allen Lesern/Leserinnen wünsche ich eine erbauliche Lektüre. Bei anfallenden Fragen bzw. Zweifeln bin ich gerne bereit, Auskunft zu erteilen. Auch wenn jemand Ungenauigkeiten/Fehler/Irrtümer entdecken sollte, wäre ich für eine Rückmeldung dankbar, da ich die Korrekturen derselben bzw. entsprechenden Aktualisierungen dann in einer weiteren Ausgabe dieses Buches berücksichtigen könnte. Als Österreicher habe ich natürlich vor allem die österreichische Perspektive – vielleicht sehen manche Aspekte dieses Themas aus bundesdeutscher Perspektive doch anders aus.

Hiermit möchte ich auch allen denjenigen danken, die diese Thematik schon „beackert“ haben und damit die Basis für mein Werk geschaffen haben.


1 Die Geschichte der Donauschwaben beschreibt V. Senz, 1987; in wunderbarer literarischer Form gelang dies A. Müller-Guttenbrunn, 1913; ein bekanntes donauschwäbisches Dichterbuch, das donauschwäbische Themen in poetischer und Prosa-Form enthält, ist das von M. Petri, 1939.

2 Einmal machte ich mir sogar die Mühe, ein donauschwäbisches Gedicht selbst zu verfassen – eben über meine allerliebste Großmutter, mit der ich als Jugendlicher stundenlang über die alte Heimat „g’redt han“ und von der ich auch die ersten Worte Serbokroatisch lernen durfte. Der/die interessierte Leser/in möge mich kontaktieren, dann lasse ich ihm/ihr dieses Gedicht gerne zukommen.

3 Manche wurden im Rahmen des polenweiten literarischen Wettbewerbs „In der Sprache des Herzens“ (poln. W języku serca) (Deutschsprachige Lyrik und Prosa von den Gewinnern des 15. Polenweiten literarischen Wettbewerbs), der jedes zweite Jahr in Opole ausgeschrieben wird, veröffentlicht.

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1. Einführung in das Thema

Das Österreichische Deutsch wird schon seit den 1980er Jahren in vielen Publikationen nicht nur dialektal, sondern auch aus linguistischer und aus sprachpolitischer bzw. kultureller Sicht behandelt.4 Hier muss sofort hinzugefügt werden, dass man „Österreichisch“ inzwischen nicht mehr als ein – kleingeschriebenes – Adjektiv, sondern analog zum „American English“ bzw. „British English“ als einen großgeschriebenen Eigennamen betrachtet. Hinter dem Österreichischen Deutsch stehen eben nicht nur sprachliche Eigenheiten der Sprecher in Österreich, sondern auch die kulturellen (Kulturnormen, Gepflogenheiten, Mentalitäten, Sozialbeziehungen, Kommunikationsverhalten), historisch gewachsenen und später staatlich zum Teil gefestigten Elemente und Eigenmerkmale, die in (fast) ganz Österreich vorkommen und daher als „typisch“ zu bezeichnen sind.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich, ausgehend von anthropozentrischen und soziolinguistischen Aspekten zur Beschäftigung mit der deutschen Sprache in Österreich, im Weiteren auf die Entwicklung des plurizentrischen Ansatzes übergehen. Ferner gehe ich auf Zusammenhänge der Sprache mit der Identität ein und beantworte die Frage, warum gerade das Österreichische Deutsch einen Sonderfall darstellt. Dann wird es auch Zeit werden, auf Begriffe wie „Nationalsprache“, „Dialekt“, „Umgangssprache“, „Standardsprache“, „Mehrsprachigkeit“ und „innere Mehrsprachigkeit“ einzugehen. Denn erst durch die Entwirrung der sowohl in wissenschaftlichen Publikationen als auch in politischen Reden auftretenden Begriffsverwirrung wird die eigentliche Idee des Konzepts „Plurizentrische Sprachen“ deutlich werden. Die Plurizentrizität, also die Tatsache, dass eine Sprache mehrere Zentren, die man als gleichwertig ansehen sollte, besitzt, werde ich mithilfe von diesen weiter differenzierenden Begriffen wie „dominante/nicht dominante Sprachvariante“, „nationale Varietäten der deutschen Sprache“ oder „Symmetrie/Asymmetrie“ genauer erläutern. Auch ist dazuzusagen, dass Deutsch nicht die einzige plurizentrische Sprache ist und dass für andere Sprachen auch schon etliche Untersuchungen stattgefunden haben oder im Gange sind.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Bearbeitung des Themas „Österreichisches Deutsch“ in den letzten 30 Jahren, wobei neben der Beschäftigung in ← 13 | 14 → der Wissenschaft, die hier Vorrang genießen soll, auch die in anderen Bereichen (z.B. bei österreichischen Liedermachern usw.) berührt werden soll.

Die Akzeptanz der Plurizentrizität des Deutschen unter WissenschaftlerInnen und das steigende Bewusstsein hinsichtlich der plurizentrischen Sprachen in der allgemeinen Bevölkerung sollte in zwei Bereichen weitreichende Auswirkungen zeitigen: einerseits in der Translatorik, die im Kapitel 8.3 behandelt wird, wobei hier nicht nur die Terminologie/Terminographie gemeint ist. Diese bilden zwar die Basis, sind jedoch zu wenig, da dieses Konzept auch auf praktische Anwendungsbereiche übergehen muss und auch innerhalb dieser in einer ihnen entsprechenden Form weiterentwickelt bzw. expandiert werden müsste: auch und gerade die Translationsdidaktik ist die Basis für den Wissenserwerb der zukünftigen ÜbersetzerInnen/DolmetscherInnen5. Dabei sollten wir auch daran denken, dass die schon tätigen ÜbersetzerInnen/DolmetscherInnen ebenfalls Schulungen und weiterführende Workshops erhalten könnten/müssten, die sie mit dem Konzept der Plurizentrizität sowohl theoretisch als auch praktisch vertraut machen würde. Hier sollte gleich die Frage angeschlossen werden, wie ÜbersetzerInnen in den Institutionen der Europäischen Union mit dem Phänomen der Plurizentrizität umgehen bzw. inwieweit sie darauf überhaupt vorbereitet sind bzw. diesbezüglich nachgeschult werden.

Somit ist die Einbindung des Österreichischen Deutsch als eine plurizentrische Sprache im bundesdeutschen dominierten Verlagswesen wie auch im weltweit bundesdeutsch dominierten DaF-Unterricht nicht nur eine Frage des Wissens oder des Bewusstseins, sondern auch eine sprachpolitische. Durch die Unterstützung von Mehrsprachigkeit, von Minderheiten- und regionalen (kleinen/gefährdeten) Sprachen seitens der Europäischen Union müsste sie jedoch ihrerseits auch konkrete und herzeigbare Schritte setzen (z.B. die wissenschaftlich begleitete Erweiterung der Anzahl der offiziellen Austriazismen – dies nur als ein Beispiel), die beweisen, dass es bei der Plurizentrizität nicht nur bei einem wohldurchdachten und argumentativ redlich fundierten Konzept bleibt, sondern dass dies auch weitreichende Konsequenzen für den Deutsch-Unterricht in den österreichischen, Schweizer (da sind die Verhandlungen sicherlich schwieriger, u.a. weil die Schweiz nicht der EU angehört) und bundesdeutschen Schulen (inklusive der damit geänderten Anforderungen bezüglich der Lehrbücher für Deutsch bzw. für deutschsprachige Literatur), für die LehrerInnen-Ausbildung sowie für die Lehre und Forschung auf den Universitäten haben kann; Näheres ← 14 | 15 → zu den wünschenswerten Auswirkungen des Konzepts auf die DaF-Didaktik im Kapitel 8.4.

Das letzte und 9. Kapitel beschäftigt sich mit der Lösung der Streitfrage, ob das typisch Österreichische nicht eine Sprache sei, die nur mündlich (Dialekt/Umgangssprache) vorkomme und daher aus den Überlegungen zu einer österreichischen Standardsprache (die z.B. in der Dudenredaktion berücksichtigt wird) auszuklammern, zu übergehen und nicht zu berücksichtigen sei. Hier kommt uns die anthropozentrische Theorie der menschlichen Sprachen (vgl. Baudouin, F. Grucza, S. Grucza) zu Hilfe, mit deren Verständnis von Sprache, das ganz am Anfang die Ausgangsbasis für meine Überlegungen darstellt, und mit deren Argumentationslinien wir imstande sind, die theoretischen/akademischen (und die dadurch entstehenden praktischen/konkreten) Streitigkeiten zum Erliegen kommen zu lassen. Denn die anthropozentrische Sprachentheorie, so zeigt sich sehr klar, hat eben auch translatorische und glottodidaktische Implikationen, wenn es um plurizentrische Sprachen wie das Österreichische Deutsch geht.


4 Meine eigenen, schon publizierten Aufsätze bilden ein gewisses Grundgerüst der in dieser Arbeit vorgestellten Texte: diese wurde großteils aktualisiert und/oder erweitert; diese Aufsätze sind: R. Utri 2010, 2012a, 2012b, c, 2013a, b, 2014a, b.

5 Wenn ich nicht immer die weibliche Form berücksichtige, so soll dies keine Diskriminierung sein, sondern der besseren Lesbarkeit dienen.

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2. Die Anthropozentrische Theorie der menschlichen Sprachen

Details

Seiten
318
ISBN (PDF)
9783631768839
ISBN (ePUB)
9783631768846
ISBN (MOBI)
9783631768853
ISBN (Hardcover)
9783631743249
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
Österreichische Varietät Wörterbücher Austriazismen Standard/Umgangssprache Österreichisch-Bairisch Dialekte
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2018. 318 S., 35 s/w Abb., 22 s/w. Tab.

Biographische Angaben

Reinhold Utri (Autor:in)

Reinhold Utri geborener Grazer, ist in Polen in der DaF-Didaktik sowie als Übersetzer tätig. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Spracherwerb und Sprachdidaktik an der Fakultät der Angewandten Linguistik in Warschau bearbeitet er Themen wie Interkulturalität, Didaktik und Plurizentrik.

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Titel: Die Plurizentrizität der deutschen Sprache(n) im Lichte der anthropozentrischen Linguistik und deren Konsequenzen für die Translatorik und die Fremdsprachendidaktik