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Wörterbuchschreibung in Zeiten des Sozialismus

Die politisch-ideologischen Rahmenbedingungen für die lexikografische Arbeit in der Volksrepublik Polen am Beispiel des „Słownik języka polskiego“ (1958-1969), herausgegeben von Witold Doroszewski

von Eva Teshajev (Autor:in)
Monographie 598 Seiten

Zusammenfassung

Eva Teshajev Sunderland studierte Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie arbeitete an der Universität Miskolc (Ungarn) sowie an der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań (Polen) und ist seit 2017 an der Europa-Universität Viadrina tätig. Im Mittelpunkt der Arbeit steht das einflussreichste lexikografische Werk der Volksrepublik Polen, das einsprachige Wörterbuch „Słownik języka polskiego“, herausgegeben von Witold Doroszewski (SJPDor).Es wird gezeigt, inwiefern das SJPDor als zeitgeschichtliches Dokument die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Volksrepublik fixiert, wie sich die politischen Rahmenbedingungen auf das SJPDor auswirkten, in welchem Umfang eine politische Einflussnahme nachgewiesen werden kann und mit Hilfe welcher lexikografischen Mittel politisch-ideologische Inhalte transportiert werden. Als Untersuchungsmethoden dienten die Auswertung von Archivquellen, Befra-gung der am SJPDor beteiligten Lexikografen, Analyse des Wörterbuchtextes und der Vergleich mit anderen Wörterbüchern.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung
  • 1 Forschungsstand
  • 1.1 Forschungen zur Wörterbuchschreibung in der DDR am Beispiel des „Wörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache“ (WDG)
  • 1.2 Forschungsbeiträge zur Wörterbuchschreibung im sozialistischen Polen
  • 1.3 Forschungen zur Lexikografie in der Sowjetunion
  • 2 Begrifflichkeiten
  • 2.1 Mentalität und Kultur
  • 2.2 Terminologie in Bezug auf die Ideologieproblematik in Wörterbüchern
  • 2.2.1 Propaganda
  • 2.2.2 Perswazja bzw. Persuasion
  • 2.2.3 Ideologie
  • 2.2.4 Ideologisierung von Wörterbüchern
  • 3 Sprachbeeinflussung und Sprachlenkung
  • 3.1 Ideologiesprache
  • 3.2 Merkmale der Ideologiesprache
  • 3.2.1 Unbestimmtheit des Wortinhalts
  • 3.2.2 Mehrdeutigkeit
  • 3.3 Vom Sender beabsichtigte sprachliche Wirkungen
  • 3.4 Äußere Strukturen der ideologischen Sprachlenkung am Beispiel der Volksrepublik Polen
  • 3.5 Die wichtigsten Merkmale der Propaganda in der Volksrepublik Polen
  • 3.5.1 Berufung auf die Autorität und Glaubwürdigkeit einer Nachrichtenquelle
  • 3.5.2 Verwendung eines breiten Spektrums von Medien
  • 3.5.3 Subtile Beeinflussung
  • 3.6 Merkmale der sprachlichen Veränderungen, die auf ideologischer Sprachlenkung beruhen
  • 3.6.1 Bildung von Neologismen und Neosemantismen
  • 3.6.2 Eliminierung von Wörtern aus dem offiziellen Sprachgebrauch
  • 3.6.3 Künstlich erzeugte Wertungen
  • 4 Wörterbücher und ihr Einfluss auf Sprache und Kultur
  • 4.1 Die gegenseitige Beeinflussung von Wörterbuchschreibung und Gesellschaft
  • 4.2 Außersprachlicher Einfluss auf die Lexikografie
  • 4.2.1 Politisch-ideologische Einflussnahme auf Wörterbücher: das nordkoreanische Wörterbuch „Hyondai-chosǒnmal-sajǒn“ (2. Auflage aus dem Jahre 1981)
  • 4.2.2 Politisch-ideologische Einflüsse auf die Wörterbuchschreibung in der Sowjetunion (1921–1955): das „Slovar’ sovremennogo literaturnogo russkogo jazyka“ (BAS)
  • 4.2.2.1 Entstehung der ersten sowjetischen Wörterbücher nach der Oktoberrevolution
  • 4.2.2.2 Der Marrismus in der sowjetischen Sprachwissenschaft
  • 4.2.2.3 Das 17-bändige Wörterbuch „Slovar’ sovremennogo russkogo literaturnogo jazyka“ (auch „Bol’šoj Akademičeskij Slovar’“ bzw. BAS)
  • 4.2.3 Politisch-ideologischer Einfluss auf die Wörterbuchschreibung in der DDR: das „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ (WDG)
  • 4.2.3.1 Entstehungsgeschichte und Konzeption des WDG
  • 4.2.3.2. Politischer Kurswechsel – die Konzeptionsänderung ab dem 4. Band
  • 5 Das „Słownik języka polskiego“, herausgegeben von Witold Doroszewski (SJPDor): Entstehungsmilieu, Konzeption und politisch-ideologische Rahmenbedingungen
  • 5.1 Das SJPDor vor dem Hintergrund der polnischen Wörterbuchschreibung
  • 5.1.1 Die bedeutendsten polnischen einsprachigen Wörterbücher vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg
  • 5.1.2 Wörterbuchschreibung im Zwischenkriegspolen
  • 5.1.3 Die lexikografische Situation nach dem Zweiten Weltkrieg
  • 5.2 Witold Doroszewski und seine Ansichten zur Lexikografie
  • 5.3 Das lexikografische Konzept des SJPDor
  • 5.3.1 Normativität
  • 5.3.1.1 Nichtregistrierung von nicht korrekten sprachlichen Erscheinungen und Hinweise zum richtigen Sprachgebrauch
  • 5.3.1.2 Fokussierung auf die Aufnahme fest im Sprachgebrauch verankerter Wörter und zurückhaltende Registrierung von Neologismen
  • 5.3.1.3 Nichtaufnahme von umgangssprachlichen Wörtern
  • 5.3.1.4 Nichtaufnahme von Wörtern aus niederen Stilschichten
  • 5.3.1.5 Nichtaufnahme von Regionalismen
  • 5.3.2 Rationalismus und Szientismus
  • 5.4 Beginn der lexikografischen Arbeit
  • 5.4.1 Das Probeheft
  • 5.4.2 Diskussion über das Probeheft und das Konzept des SJPDor
  • 5.4.3 Konsequenzen aus der Diskussion über das Probeheft
  • 5.4.4 Vergleich des Probehefts mit den gedruckten Bänden des SJPDor
  • 5.5 Erste Arbeitsphase im Verlag Państwowy Instytut Wydawniczy (PIW) und Wechsel zum Verlag Wiedza Powszechna (WP)
  • 5.5.1 Probleme mit der internen Zensur im Verlag Wiedza Powszechna (WP)
  • 5.5.2 Der 2. Band und seine vermeintlichen ideologischen Verfehlungen
  • 5.6 Fortführung der Wörterbucharbeit im Verlag Państwowe Wydawnictwo Naukowe (PWN)
  • 5.7 Wörterbücher in der Nachfolge des SJPDor
  • 5.8 Lexikografische Methoden zur Übermittlung von Ideologie
  • 6 Analyse des SJPDor unter makro- und mikrostrukturellen Gesichtspunkten
  • 6.1 Makrostruktur
  • 6.1.1 Vorwort
  • 6.1.2 Quellenverzeichnis
  • 6.1.3 Stichwortliste
  • 6.2 Mikrostruktur
  • 6.2.1 Explikationsteile
  • 6.2.1.1 Wertende Markierungen
  • 6.2.1.2 Wertende Wörter in den Bedeutungsangaben
  • 6.2.1.3 Reihenfolge der Wortbedeutungen im Stichwortartikel
  • 7 Bedeutungsangaben
  • 7.1 Bedeutungsangaben von sozialismusbezogenen Lemmata
  • 7.2 Bedeutungsangaben von marxistischen Ideologemen im Zusammenhang mit dem bürgerlichen Gesellschaftssystem
  • 7.3 Bedeutungsangaben von Begriffen aus der Wirtschaft
  • 7.4 Bedeutungsangaben von Neologismen
  • 7.5 Bedeutungsangaben von Neosemantismen und anderen hochfrequenten Wörtern aus der Sprache der Politik und der Presse
  • 7.6 Entlehnungen aus dem Russischen mit politisch-ideologischem Hintergrund
  • 7.7 Bedeutungsangaben von Bezeichnungen für Erscheinungen, Lehren, politische Bewegungen, die mit der sozialistischen Ideologie nicht vereinbar sind
  • 7.8 Wörter aus dem religiösen Bereich
  • 7.9 Sonstige Lexeme aus dem Grundwortschatz
  • 7.10 Zusammenfassung der Analyse der Explikationsteile
  • 8 Belegbeispiele mit zeitgeschichtlichem Bezug
  • 8.1 Darstellung des Marxismus, der Arbeiterbewegung und des Sozialismus
  • 8.1.1 Marxistische Lehre und Geschichte der Arbeiterbewegung
  • 8.1.2 Marxistische Geschichtsinterpretation
  • 8.1.3 Rolle der PZPR im neuen Gesellschaftssystem
  • 8.2 Das Bild der polnisch-russischen Beziehungen im SJPDor
  • 8.2.1 Das offizielle Bild der Sowjetunion
  • 8.2.2 Das Russlandbild in der Vorkriegsliteratur und in der Literatur des 19. Jahrhunderts
  • 8.3 Das Bild der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation in Volkspolen während der 50er Jahre
  • 8.3.1 Politische Aktivierung der Bevölkerung
  • 8.3.2 Die staatlichen Wirtschaftspläne und die damit verbundenen Erfolge
  • 8.4 Die offizielle Auffassung von Kultur, Kunst und Literatur
  • 8.4.1 Funktion und Merkmale des sozialistischen Realismus
  • 8.4.2 Kritik an anderen Kunst- und Literaturrichtungen
  • 8.5 Darstellung nichtsozialistischer Gesellschaftsordnungen
  • 8.6 Haltung gegenüber dem Westen
  • 8.7 Das propagandistische Bild der katholischen Kirche
  • 8.7.1 Verhältnis zwischen Staat und katholischer Kirche in der Volksrepublik Polen in den Jahren 1945 bis 1969
  • 8.7.2 Widerspiegelung des Verhältnisses zwischen Staat und katholischer Kirche in Kulturmagazinen und populärwissenschaftlicher Literatur der Nachkriegszeit
  • 8.7.3 Das Bild von Kirche und Religion im SJPDor
  • 8.8 Das polnische Deutschenbild
  • 8.8.1 Historische Hintergründe
  • 8.8.2 Das Deutschenbild im Wandel der Zeit
  • 8.8.3 Das Deutschenbild im SJPDor
  • 8.9 Zusammenfassung der Ergebnisse in Bezug auf die Belegbeispiele
  • 9 Schlussfolgerungen in Bezug auf das Gesamtbild des SJPDor
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Quellen
  • Anhang I: Archivquellen
  • Anhang II: Belegbeispiele

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Einleitung

Sprachwörterbücher sind weit mehr als Quellen sprachlicher Informationen – die Untersuchung von Wörterbüchern aus der kulturhistorischen Perspektive, die Überprüfung der Bedeutungsangaben der in ihnen registrierten Stichwörter und der zur Veranschaulichung aufgeführten Belegbeispiele ermöglichen einen Einblick in den Zeitgeist der jeweiligen Epoche. Denn die Art und Weise wie Wörter in Wörterbüchern verzeichnet werden, hängt in hohem Maße davon ab, zu welchem historischen Zeitpunkt sie beschrieben wurden.

Wörterbücher spiegeln aber nicht nur den bestehenden Sprachzustand wider, sondern üben selbst auf die Sprache Einfluss aus, indem sie diese kodifizieren und werten. Durch die Beeinflussung der Sprache wirkt sich das Wörterbuch auch auf die Kultur aus. Mithilfe von z.B. stilistischen Markern (wie archaisch, vulgär, umgangssprachlich) kann das Wörterbuch den Sprachgebrauch der Sprecher lenken.

Obwohl also jedes Wörterbuch in jeder Epoche immer auch außersprachliche Inhalte transportiert und nie frei von kulturellen Einflüssen ist, gibt es dennoch Zeiträume, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Dazu gehören vor allem Wörterbücher, die in Zeitabschnitten bzw. politischen Systemen entstanden sind, in denen eine bestimmte Ideologie vorherrschte, da hier anzunehmen ist, dass diese Wörterbücher einen Einblick in die politisch-ideologische Atmosphäre ihrer Zeit gewähren.

In diesem Zusammenhang liegen z.B. bereits Untersuchungen zur Lexikografie im Nationalsozialismus vor, die zeigen, dass es eine Reihe von Veränderungen in den Wortbedeutungen vor und nach 1933 gab und auch Stichwortartikel, die ideologisch unverdächtig erscheinen, manipulative Komponenten enthielten.

Aber auch Analysen von Wörterbüchern, die unter sozialistischen Verhältnissen herausgegeben wurden, haben gezeigt, dass diese Werke einen politisch-ideologischen Einfluss widerspiegeln. So gibt es z.B. im Hinblick auf die Wörterbuchschreibung in der DDR Untersuchungen zum „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ (WDG), aus denen hervorgeht, dass Stichwörter gestrichen, Belegbeispiele ersetzt und Bedeutungsangaben neu formuliert werden mussten, wobei eher ideologisch scheinbar unproblematische Stichwortartikel betroffen waren. Was die Wörterbuchschreibung in der Sowjetunion anbelangt, so liegen hier auch ansatzweise Untersuchungen zu staatlichen Eingriffen in das 17-bändige sog. Akademie-Wörterbuch vor.

Aufgrund solcher Analysen scheint es wahrscheinlich, dass die Wörterbuchschreibung im gesamten Ostblock ideologisch beeinflusst wurde.

Der politisch-ideologische Einfluss auf die Wörterbuchschreibung in Polen ist allerdings relativ wenig erforscht, es liegen hierzu nur vereinzelte Beiträge vor (in erster Linie von Piotrowski, Żmigrodzki, Szkiłądź).

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Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist das bedeutendste Wörterbuch, das in der Volksrepublik Polen geschaffen wurde, das einsprachige polnische Wörterbuch „Słownik języka polskiego“ (1958–1969), herausgegeben von Witold Doroszewski (abgekürzt SJPDor).1

Das SJPDor ist das wohl einflussreichste Werk der polnischen Lexikografie des 20. Jahrhunderts. Seine Modernität und Neuartigkeit beruht vor allem auf der präzisen dokumentarischen Beschreibung der Lemmata und den übersichtlichen, klar gegliederten Stichwortartikeln. Das Wörterbuch bildet den Wortschatz aus dem Zeitraum Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ab und enthält so viele Kollokationen und Belegbeispiele, die hauptsächlich aus der Belletristik des 19. Jahrhunderts sowie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und aus der zeitgenössischen Presse stammen, wie kein polnisches Wörterbuch zuvor.

Das dem SJPDor zugrunde liegende lexikografische Konzept stellte einen Paradigmenwechsel von Anormativität zu Normativität in der polnischen Wörterbuchschreibung dar und gab die Richtung für alle späteren Wörterbücher vor, die bis 1989 herausgegeben wurden. Es kann somit als „Vater anderer Wörterbücher“ (Urbańczyk 1999, S. 394) bezeichnet werden, so z.B. des einbändigen „Mały słownik języka polskiego“2, des von Mieczysław Szymczak herausgegebenen dreibändigen „Słownik języka polskiego PWN“ (1978–1981, im Folgenden SJPSzym abgekürzt) und des „Podręczny słownik języka polskiego PWN“3, welche Piotrowski (2001b, S. 92) zufolge streng genommen verkürzte Versionen des SJPDor sind, wobei er darauf verweist, dass auch das „Słownik frazeologiczny języka polskiego“4 sich zum größten Teil auf das SJPDor stützt.

Das SJPDor genießt bis zum heutigen Tag einen guten Ruf und dennoch gibt es dazu bisher erstaunlicherweise noch keine Monografie, obwohl in der polnischen Metalexikografie in den letzten beiden Jahrzehnten eine ganze Reihe bedeutender polnischer Wörterbücher in Einzelmonografien wissenschaftlich aufgearbeitet worden ist (vgl. www.leksykografia.uw.edu.pl, abgerufen am 1.7.2012).

Der Beginn der Arbeit am Wörterbuch im Jahre 1950 fällt in die Zeit des Stalinismus: Im Laufe der politischen Veränderungen in der Volksrepublik Polen seit Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die marxistische Ideologie immer mehr Einfluss auf die Wissenschaften gewonnen, das Verlagswesen wurde schrittweise durch den ←12 | 13→Staat monopolisiert, Propaganda und Zensur wirkten sich auf alle Bereiche des Lebens aus und somit auch auf jegliche Literaturerzeugnisse. Es war zudem eine Zeit ideologischer Sprachlenkung, die das Ziel hatte, die sozialistische Ideologie im Bewusstsein der Menschen zu festigen; die so geschaffene Quasi-Sprache wurde später vom polnischen Literaturwissenschaftler Michał Głowiński als nowomowa (newspeak) bezeichnet.

In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie sich diese politisch-ideologischen Rahmenbedingungen im SJPDor widerspiegeln und in welchem Umfang eine politisch-ideologische Einflussnahme nachgewiesen werden kann. Das Hauptaugenmerk wird darauf gelenkt, mit welchen lexikografischen Mitteln eine solche Einflussnahme möglich ist.

Um die Bedingungen, unter denen das SJPDor entwickelt wurde, besser nachvollziehen zu können, wird auf die Wörterbuchschreibung in der Sowjetunion und der DDR im genannten Zeitraum eingegangen werden, die unter vergleichbaren politisch-ideologischen Voraussetzungen funktionierte. Die Entstehungsgeschichte der ersten großen Wörterbücher der Sowjetunion (vor allem des sog. Akademie-Wörterbuchs „Slovar’ sovremennogo literaturnogo russkogo jazyka“, 1948–1965) stellt eine Brücke zum Verständnis der Rahmenbedingungen des SJPDor dar, denn es kann davon ausgegangen werden, dass die Lexikografen in den Satellitenstaaten sich, zumindest bis zu einem gewissen Grad, an der sowjetischen Wörterbuchschreibung orientiert haben. Dazu gehörten ebenfalls die Lexikografen, die ab 1952 in der DDR unter Ruth Klappenbach das „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ bearbeiteten, das nur einige Jahre später als das SJPDor herausgegeben wurde, gewisse Parallelen zu diesem aufweist und dessen politisch-ideologische Schwierigkeiten daher skizziert werden sollen, zumal sie im Vergleich zum BAS und SJPDor wesentlich ausführlicher dokumentiert worden sind.

Dabei interessiert zugleich die Frage, inwieweit es Gemeinsamkeiten hinsichtlich der ideologischen Einflussnahme beim SJPDor, dem russischen Akademie-Wörterbuch und dem „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ gibt. Da es sich bei der marxistischen Ideologie um ein stringentes System handelt, scheint es wahrscheinlich, dass ungeachtet der sprachlichen Unterschiede Ähnlichkeiten hinsichtlich der lexikografischen Darstellung von ideologierelevanten Lexemen in den besagten Wörterbüchern vorhanden sind, die auf eine Orientierung am maßgebenden russischen Modell, insbesondere während des Stalinismus, hindeuten. Werden solche nicht auf sprachlichen Grundlagen beruhenden Parallelen sichtbar, so stützt dies wiederum die Annahme einer politisch-ideologischen Beeinflussung der Wörterbuchschreibung.

Die Untersuchung des SJPDor gliedert sich in mehrere Teilbereiche: Zunächst wird anhand des lexikografischen Materials zum einen untersucht, ob der ideologisch funktionalisierte Wortschatz in das SJPDor Eingang fand und inwieweit es sich dabei um eine objektive lexikografische Darstellung handelte, und zum anderen, ob die sozialistische Ideologie und die offizielle politische Richtung auch abgesehen von einer Kodifizierung der ideologiekonformen Wortschatzeinheiten im SJPDor zum Vorschein kommen.

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Weiterhin wird der Frage nachgegangen, ob die lexikografische Beschreibung der gesellschaftlichen Veränderungen in Polen über eine bloße Abbildung bzw. Widerspiegelung der Zeitgeschichte hinausgeht und im Wörterbuch Komponenten enthalten sind, die dazu dienen könnten, dem Wörterbuchbenutzer Wertungen zu suggerieren. Ein solches Beeinflussen bzw. Aufdrängen von Meinungen kann offen und eindeutig als expliziter Appell oder auf unauffällige, versteckte Weise und unter dem Anschein der Objektivität als impliziter Appell erfolgen (dazu ausführlicher im Kapitel 1).

Insofern es die Quellenlage zulässt, wird der Versuch unternommen, zu rekonstruieren, ob direkte politische Eingriffe in die lexikografische Arbeit stattfanden oder ob es sich um eine indirekte Einflussnahme handelte.

Im Zuge der Gesamtuntersuchung soll weiterhin gezeigt werden, inwiefern das SJPDor als zeitgeschichtliches Dokument die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Volksrepublik Polen fixiert und welches allgemeine Bild es über die entsprechende Epoche liefert.

Um die aufgeworfenen Fragen zu klären, wurden mehrere methodische Ansätze gewählt:

Ausgangspunkt war die Untersuchung des Entstehungsmilieus des SJPDor, um herauszufinden, ob und wenn ja, welche außersprachlichen, politischen und ideologischen Faktoren bereits die Konzeption des Wörterbuchs beeinflussten und ob im Weiteren Einfluss auf den Verlauf der lexikografischen Arbeit ausgeübt wurde.

Es gibt erstaunlich wenige Berichte und zudem unterschiedliche Darstellungen dazu, unter welchen Umständen das SJPDor bearbeitet wurde. Eine wichtige Aufgabe bestand für die Verfasserin der vorliegenden Untersuchung daher in der Erschließung neuer Quellen zur Rekonstruktion der tatsächlichen Arbeitsbedingungen für die Lexikografen. Im Vordergrund stand dabei die Auswertung folgender Materialien: das Probeheft5, welches im Jahre 1951, nur kurze Zeit nach Erscheinen des wirkungsmächtigen Artikels Stalins zum Marxismus in der Linguistik, öffentlich zur Diskussion gestellt wurde; die sich an das Probeheft anschließenden Diskussionen im Schriftstellermilieu, in deren Rahmen Artikel in der Zeitschrift „Nowa Kultura“ publiziert wurden, die aber auch Eingang in die berühmten Tagebücher der polnischen Schriftstellerin Maria Dąbrowska6 fanden, sowie die Befragung der am SJPDor beteiligten Lexikografen Celina und Hipolit Szkiłądź und Halina Czułowska.

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Des Weiteren wurde das sog. Archiv des SJPDor in Warschau, welches allerdings bisher nur auszugsweise einsehbar ist, auf der Suche nach Sitzungsprotokollen, schriftlichen Anweisungen, Stichwortlisten, Korrespondenzen, Notizen und dergleichen durchgesehen, um festzustellen, ob eine mögliche politisch-ideologisch motivierte Einflussnahme dort dokumentiert ist.

Eine zusätzliche Recherche im Archiv des Instituts für Nationales Gedenken (poln. Instytut Pamięci Narodowej, IPN), welches vergleichbar mit der Gauck-Behörde ist, zeigte, dass dort keine Akten des Sicherheitsdienstes hinsichtlich des Wörterbuchprojekts und seines Umfelds vorlagen und auch eine Anfrage im staatlichen Archiv der Neuen Akten (poln. Archiwum Akt Nowych, AAN), in dem auch die Akten der Zensurbehörde (Główny Urząd Kontroli Prasy, Publikacji i Widowisk w Warszawie, GUKPPiW) aufbewahrt werden, brachte keine Ergebnisse.

Im Anschluss an die Untersuchung der Umstände, unter denen das SJPDor bearbeitet wurde, erfolgt eine Analyse des bereits genannten Probehefts unter makro- und mikrostrukturellem Aspekt. Dabei wurden die Stichwortauswahl, die verwendeten Marker, Bedeutungsangaben und Belegbeispiele im Hinblick auf ideologischen Einfluss überprüft und das Probeheft wurde abschließend mit den endgültigen Bänden des SJPDor verglichen.

In Bezug auf die Makrostruktur können die Auswahl der in die Stichwortliste des Wörterbuchs aufgenommenen Lemmata (z.B. politisch-ideologische Neologismen) bzw. die Auslassung anderer Lemmata sowie die Auswahl der Quellentexte und auch die Formulierungen im Vorwort Auskunft über eine mögliche Einflussnahme geben. Hinsichtlich der Mikrostruktur können wiederum ungenaue Marker, vom ideologischen Standpunkt formulierte Bedeutungsangaben und tendenziöse Belegbeispiele auf eine politisch-ideologische Einflussnahme hindeuten.

Nach der Prüfung des Probehefts erfolgt eine Analyse der endgültigen Bände des SJPDor unter makrostrukturellem Aspekt sowie eine Analyse hinsichtlich der Mikrostruktur, die wiederum in eine Untersuchung der Explikationsteile – verstanden als alle Elemente der Bedeutungserläuterung – und der Demonstrationsteile der Stichwortartikel, welche die Demonstrations- bzw. Belegbeispiele zur Veranschaulichung der Lemmata beinhalten, unterteilt wird. Im Rahmen dieser Analyse wird die Mikrostruktur des gesamten 1. Bandes (A, B, C, Ć, 1958), der Lemmastrecke K aus dem 3. Band (H-K, 1961), sowie der vollständigen Lemmastrecken Z, Ź und Ż aus dem 10. Band (Wyg-Ż, 1968) untersucht. Mittels der Analyse des 1. und des 10. Bandes soll ermittelt werden, ob unter Umständen während des Prozesses der Wörterbucharbeit eine voranschreitende Ideologisierung oder aber auch eine Entideologisierung festgestellt werden kann. Der 3. Band wurde ausgewählt, da vor seiner Herausgabe Besprechungen stattfanden, die womöglich Einfluss auf den weiteren Verlauf des Wörterbuchprojekts hatten (vgl. Kapitel 5.5.2) und zu denen Aufzeichnungen erhalten sind, und da ferner eine handschriftliche Auflistung von ideologisch problematischen Stichwortartikeln mit dem Anfangsbuchstaben K, bezüglich derer die Lexikografen unsicher waren und die dem internen Zensor des Verlags zur endgültigen Entscheidung vorgelegt wurden, im Archiv des SJPDor vorhanden ist. Bei der Analyse der genannten Buchstabenblöcke (A, B, C, Ć, K, ←15 | 16→Z, Ź und Ż) werden ebenfalls die Stichwörter aus dem Ergänzungsband mit den gleichen Anfangsbuchstaben einbezogen.

Die Untersuchung vollständiger Lemmastrecken wird statt der Sichtung eines selbst gewählten Korpus mit Lemmata, bei denen ein ideologischer Einfluss erwartbar ist, präferiert, denn nur so lässt sich eine Aussage darüber machen, ob und in welchem Umfang es eine politisch-ideologische Einflussnahme innerhalb ideologisch „unverdächtiger“, unauffälliger Stichwortartikel gibt. In begründeten Fällen wurden zusätzlich andere Lemmata überprüft.

Die ideologische Einflussnahme auf ein Wörterbuch lässt sich auf den ersten Blick nicht immer erkennen, manchmal sind es unscheinbare Einzelheiten, die auf eine Ideologisierung hindeuten. Bedeutungsangaben von offenbar politisch-ideologisch beeinflussten Lemmata im SJPDor werden mit den entsprechenden Bedeutungsangaben in vor- und nachsozialistischen polnischen Wörterbüchern verglichen: dem sog. „Słownik warszawski“ (1900–1927)7, dem „Słownik języka polskiego“, herausgegeben von Lehr-Spławiński (1938)8, und dem im Jahre 2000 erschienenen „Inny słownik języka polskiego“9. Wenn die betreffenden Bedeutungsangaben in den Wörterbüchern, die in vor- und nachsozialistischer Zeit bearbeitet wurden, Parallelen zueinander und gleichzeitig deutliche Unterschiede zu den Bedeutungsangaben im SJPDor aufweisen, kann davon ausgegangen werden, dass das Verfassen der entsprechenden Bedeutungsangaben im SJPDor außersprachlich bedingt war.

Da die Ideologieproblematik in Wörterbüchern bisher im Allgemeinen wenig erforscht worden ist, musste für die vorliegende Arbeit der Begriff der Ideologie präzisiert werden. Für die verschiedenen Formen von politisch-ideologischer Einflussnahme auf die Wörterbuchschreibung werden in der internationalen Metalexikografie unterschiedliche Begriffe gebraucht, unter anderem Propaganda oder im Polnischen perswazja, deren Verwendung jedoch aus verschiedenen Gründen problematisch ist.

Ich verwende hier den Begriff Ideologie im Sinne eines bewusst geschaffenen Ideensystems, das die Welt sowohl zu erklären als auch zu verändern versucht und die Veränderung rechtfertigt. Die Widerspiegelung einer so verstandenen Ideologie im Wörterbuch bezeichne ich in der vorliegenden Arbeit – im Hinblick auf den Entstehungsprozess des Wörterbuchs – als Ideologisierung bzw. – in Bezug auf das Endergebnis – als Ideologisiertheit.

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Bei der Analyse des SJPDor werden die entsprechenden Stichwortartikel überwiegend in deutscher Sprache erläutert. Auf eine vollständige Übersetzung aller angeführten Bedeutungsangaben und Belegbeispiele wird in der vorliegenden Arbeit verzichtet, da dies für eine Veranschaulichung der Ideologiegebundenheit nicht zwingend notwendig ist und zudem den Umfang der Arbeit sprengen würde.10 Nur diejenigen Bedeutungsangaben und Belegbeispiele, deren Ideologiegebundenheit und Wertung offensichtlich sind und die daher keiner Erläuterungen bedürfen, werden in den Fußnoten übersetzt.

Da in den entsprechenden Kapiteln zu den Demonstrationsteilen nur eine Auswahl aller Belegbeispiele mit politisch-ideologischem Inhalt näher erläutert werden kann, wird eine Gesamtübersicht aller Belegbeispiele, nach Themen sortiert, in einem Anhang angeführt.

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1 Das SJPDor umfasst zehn Bände und einen Ergänzungsband. Es entstand zwischen 1950 und 1969, wobei die Bände nahezu jährlich veröffentlicht wurden (Bd. 1 A-Ć, 1958; Bd. 2 D-G, 1960; Bd. 3 H-K, 1961; Bd. 4 L-Nić, 1962; Bd. 5 Nie-Ó, 1963; Bd. 6 P-Prę, 1964; Bd. 7 Pri-R, 1965; Bd. 8 S-Ś, 1966; Bd. 9 T-Wyf, 1967; Bd. 10 Wyg-Ż, 1968; Ergänzungsband 1969).

2 Skorupka, Stanisław/Auderska, Halina/Łempicka, Zofia (Hrsg.): Mały słownik języka polskiego. Państwowe Wydawnictwo Naukowe: Warszawa 1968.

3 Sobol, Elżbieta (Hrsg.): Podręczny słownik języka polskiego. Wydawnictwo Naukowe: Warszawa 1998.

4 Skorupka, Stanisław (Hrsg.): Słownik frazeologiczny języka polskiego. Państwowe Wydawnictwo Naukowe: Warszawa 1967–1968.

5 Słownik współczesnego języka polskiego. Zeszyt dyskusyjny wydany z okazji obrad Pierwszego Kongresu Nauki Polskiej. Państwowy Instytut Wydawniczy: Warszawa 1951.

6 Dąbrowska, Maria: Dzienniki 1914–1965. Pierwsze pełne wydanie w 13 tomach (bez opracowania edytorskiego) pod kierunkiem prof. dr. hab. Tadeusza Drewnowskiego. Bd. 6. 1948–1949, Bd. 7. 1950, Bd. 8. 1951–1952. Polska Akademia Nauk, Wydział I Nauk Społecznych, Komitet Nauk o Literaturze: Warszawa 2009.

7 Karłowicz, Jan/Kryński, Adam/Niedźwiedzki, Władysław (Hrsg.): Słownik języka polskiego. 8 Bde. E. Lubowski i S-ka: Warszawa 1900–1919. Bd. 1 A-G, 1900; Bd. 2 H-M, 1902; Bd. 3 N-Ó, 1904; Bd. 4 P-Prożyszcze, 1908; Bd. 5 Próba-R, 1912; Bd. 6 S-Szósty, 1915; Bd. 7 T-Y, 1919; Bd. 8 Z-Ż, o. J.

8 Lehr-Spławiński, Tadeusz (Hrsg.): Trzaski, Everta i Michalskiego Słownik języka polskiego. Bd. 1 und 2. Trzaska, Evert i Michalski: Warszawa 1938–1939.

9 Bańko, Mirosław (Hrsg.): Inny słownik języka polskiego. 2 Bde. Wydawnictwo Naukowe: Warszawa 2000.

10 In ähnlicher Weise wird mit fremdsprachigen Zitaten zu den theoretischen Grundlagen verfahren, denn in dieser Hinsicht werden nur diejenigen Zitate übersetzt, die für das Verständnis der vorliegenden Arbeit wesentlich sind.

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1 Forschungsstand

Während Wörterbücher in der Vergangenheit in erster Linie im Hinblick auf Aspekte der Sprachgeschichte sowie auf lexikografische Theorien und Methoden untersucht worden sind, findet mittlerweile die Verbindung zwischen Wörterbuchschreibung und Kulturgeschichte zunehmend Beachtung (vgl. Haß-Zumkehr 2001, S. 1–7).

So weist Hausmann z.B. auf die enge Verbindung zwischen Wörterbüchern und Kultur hin – insbesondere zwischen der Wörterbuchschreibung und der Schriftkultur – und betont, dass Wörterbücher „ebenso wie literarische Werke Kulturleistungen einer Nation“ sind und „Wörterbuchgeschichte […] Wissenschaftsgeschichte und Kulturgeschichte [zugleich ist].“ (Hausmann 1986, S. VII) Der polnische Lexikograf Tadeusz Piotrowski behandelt in seinem Buch zur polnischen und englischen Lexikografiegeschichte „Zrozumieć leksykografię“ die Lexikografie als Bestandteil der humanistischen Kultur, da sie Verbindungen zu kulturellen Strömungen aus verschiedenen historischen Epochen aufweist. Daher betrachtet Piotrowski die Lexikografie nicht als Komponente der Linguistik, sondern als einen Teil einer weit gefassten Kulturwissenschaft (vgl. Piotrowski 2001b, S. 10).

Zu den ersten deutschen Sprachwissenschaftlern, die sich mit Wörterbüchern in ihrer Funktion als „Sittengemälde“ der Zeit befassten, gehört Ulrike Haß-Zumkehr, welche in ihren Aufsätzen (1999, 2000) einzelne historische Wörterbücher und in ihrer Monografie (2001) die gesamte Geschichte der deutschsprachigen Lexikografie vom Mittelalter bis in die Gegenwart aus sprach- und kulturwissenschaftlicher Perspektive erforscht.

In Bezug auf die polnische Wörterbuchlandschaft nähern sich außer Tadeusz Piotrowski (1994, 2001b) auch Piotr Żmigrodzki (2003, 2008, 2009) und Mirosław Bańko (2000) der Lexikografiegeschichte von der kulturhistorischen Seite.

Da die soziokulturelle Perspektive aber sowohl in der deutschen als auch in der polnischen Wörterbuchforschung lange nicht im Vordergrund stand, gibt es hier zahlreiche Lücken und nach wie vor einen Forschungsbedarf. So liegen hinsichtlich der deutschen Wörterbuchforschung bisher eher punktuelle Untersuchungen vor, die sich auf verschiedene Aspekte der Kulturgebundenheit und der Widerspiegelung gesellschaftlicher Verhältnisse sowie damit verbundene Probleme beziehen, wie z.B. Aufsätze und Artikel zu dem in Wörterbüchern vermittelten Frauenbild, zur politischen Korrektheit und zum Antiziganismus – um nur exemplarisch einige Forschungsgebiete zu nennen. Diesbezüglich werden im Folgenden einige Beispiele angeführt: So untersuchte Luise F. Pusch (1983)11 im Zusammenhang mit dem vermittelten Bild von der Rolle der Frau die von den Lexikografen ←19 | 20→verfassten Kompetenzbeispiele im Duden-Bedeutungswörterbuch aus dem Jahre 1970 und kam zu dem Ergebnis, dass Männer fünf mal häufiger erwähnt werden als Frauen (im Verhältnis 920 zu 180). Frauen werden dabei auf zweierlei Weise dargestellt: entweder als brave Haus- und Ehefrau oder als moralisch verdorben und leichtlebig, woraus Pusch den Schluss zieht, dass dies die tatsächliche Rangordnung und die Vorstellungen in der damaligen Zeit widerspiegelt.12

Khrystyna Lettner (2013) hingegen fand bei ihrer Untersuchung der Beispielangaben in gedruckten Lerner- und Valenzwörterbüchern des Deutschen nicht wertneutrale Belege13, die aus Zeitungen, wie „FAZ“, „Die Welt“ und „Die Zeit“, entnommen wurden und die negativ wertende Aussagen über Ausländer und einzelne Staaten vermitteln (z.B. unter haben: „‚Die Gastarbeiter haben eben zuviel Geld‘, meinte jemand von der Bundesbahn.“ FAZ. 24.12.1965, S. 1[ViF]“) bzw. in denen ausländische Eigennamen in negativen Kontexten genannt werden (z.B. unter stattfinden: „Der Prozeß gegen Kazimierz Badowski, Ludwik Hass und Romuald Smiech fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.“ FAZ, 13.1.1966, S. 1[VALBU]). Sie weist darauf hin, dass solche Inhalte, die nicht den Prinzipien der political correctness entsprechen, potenzielle Gefahren für den Status des Wörterbuchs als kulturpädagogische Instanz und Medium der interkulturellen Kommunikation mit sich bringen (vgl. Lettner 2013, S. 37–38).

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Während sich die weiter oben erwähnten Beiträge auf Demonstrations- bzw. Belegbeispiele in Wörterbüchern beziehen, setzt Jochen A. Bär (1998) bei seiner Untersuchung zu Zigeunerstereotypen in Dialekt- und Mundartwörterbüchern des Deutschen den Fokus auf die Bedeutungsangaben, aus denen er Informationen über Stereotype bei den entsprechenden Lexikografen zu erschließen versucht. Obwohl nicht nachweisbar ist, dass die Lexikografen mit Absicht negative Werturteile in den Bedeutungsangaben transportierten, vermitteln doch einige ungeschickte Formulierungen diesen Eindruck: Als Beispiel führt Bär (1998, S. 56) die Bedeutungsangabe des Wortes Karrenzieher („mit einem Wohnwagen zigeunerhaft herumziehendes Volk“) aus dem „Vorarlbergischen Wörterbuch“14 an, welche den Zusatz „auch sonst abträglich für wenig seßhafte, minderwertige Menschen“ (eigene Hervorhebung) enthält, der auch neutraler hätte formuliert werden können (z.B. „für minderwertig gehaltene Menschen“).

Was hingegen das Problem der Widerspiegelung von Ideologie in Wörterbüchern, der Darstellung der Lexik vom politisch-ideologischen Standpunkt und der politisch-ideologischen Beeinflussung der Wörterbucharbeit anbelangt, ist die Forschungslage noch sehr lückenhaft.

Im Rahmen der Aufarbeitung der sprachlichen Veränderungen während so ideologielastiger Zeitabschnitte wie der NS-Zeit und des italienischen Faschismus erfolgte immerhin auch eine Untersuchung der damaligen Wörterbuchschreibung. So ist zumindest der ideologische Einfluss auf die Lexikografie im Nationalsozialismus verhältnismäßig gut erforscht: Sarkowski beschreibt die Rahmenbedingungen der lexikografischen Arbeit, z.B. die drastische Veränderung der Situation für das Verlagswesen nach 1933, weshalb vor allem Verlage, die sich auf Informationsliteratur (darunter Wörterbücher) spezialisierten, viele ihrer Bücher plötzlich nicht mehr vertreiben konnten, da der Inhalt „ideologisch nicht einwandfrei“ war. Des Weiteren erwähnt er die Errichtung von personellen Kontrollinstanzen und die direkten Eingriffe der Zensur in die Wörterbucharbeit (vgl. Sarkowski 1976, S. 150–166).

Rainer Kohlmayer15 verglich die Auflagen des Stilwörterbuchs der Dudenredaktion während des Nationalsozialismus mit denen aus der Nachkriegszeit (bis 1963) und stellte nicht nur fest, dass zahlreiche sprachstilistische Belege in den Auflagen ab 1934 propagandistische Bewertungen enthalten, sondern auch, dass die mit der nationalsozialistischen Ideologie übereinstimmenden Belege unter Rasse und rassisch zum Teil bis 1963 beibehalten wurden. Des Weiteren ergaben ←21 | 22→seine Untersuchungen, dass keine Reintegration der im Jahre 1938 getilgten Zitate von Heine, Börne, Lassalle, Hofmannsthal in die Auflage von 1963 erfolgte und stattdessen weitere Tilgungen vorgenommen wurden16, sowie dass in den bis 1956 und später nachgedruckten Belegen ein negatives Ausländer- bzw. Fremdenbild, welches vor allem auf Kriegserlebnissen zu basieren schien, vermittelt wurde.

Zur Ideologisierung von Sprachwörterbüchern im Dritten Reich liegen weiterhin Arbeiten von Senya Müller (1994) und Wenke Mückel (2005) vor und auch Ulrike Haß-Zumkehr hat sich in einem Aufsatz (2000) sowie in ihrer Monografie (2001, S. 202–223) mit dem Thema befasst.17

Müller (1994) untersuchte in ihrer Dissertation über Sprachwörterbücher im Nationalsozialismus zunächst das Umfeld, die Vorworte und die grammatischen Regelteile von insbesondere drei „Volkswörterbüchern“ (darunter die zwei populärsten Werke „Der große Duden – Rechtschreibung“ und der Sprach-Brockhaus sowie das weniger bekannte „P.F.L. Hoffmanns Wörterbuch der deutschen Sprache“) auf eine mögliche politisch-ideologische Einflussnahme. Anschließend analysierte sie in den drei Wörterbüchern die Darstellung eines klar umgrenzten Feldes des Wortschatzes, nämlich solche Wörter, die im Dritten Reich als positiv galten (Bildungen mit Volk- und Rasse-) und Wörter, die „negative“ Sachverhalte (z.B. antisemitische Inhalte) bezeichneten und verglich die entsprechenden Stichwortartikel mit denen in deutschen Wörterbüchern, die nur einige Jahre vor der Machtergreifung herausgegeben worden waren. Mithilfe dieses Vergleichs fand sie eine Reihe von Abwandlungen in den Bedeutungen des primären und sekundären Ideologiewortschatzes vor und nach 1933, die mit der Sprachlenkung durch die NSDAP übereinstimmten.

Haß-Zumkehr verfolgt auf der Suche nach ideologischen und propagandistischen Aspekten in ausgewählten Stichwortartikeln im Volks- bzw. Rechtschreib-Duden von 1941 und 1942, im Sprach-Brockhaus von 1935, im Wörterbuch von Hoffmann/Block von 1942 sowie in den vier ersten Bänden des „Trübners Deutsches Wörterbuch“ (1939–1943) und weiteren Werken wiederum einen anderen Forschungsansatz: In Bezug auf die sprachlich-kommunikative Funktion geht Haß-Zumkehr davon aus, dass ideologische und propagandistische sprachliche Äußerungen in erster Linie appellfunktional und nicht darstellungs- oder symptomfunktional vermittelt werden, da sie dem Adressaten etwas suggerieren bzw. ihn von etwas überzeugen sollen. Folglich sucht sie in den entsprechenden Wörterbüchern nach (verdeckter) Appellativität, die in der Textsorte Wörterbuch „darstellungsfunktional maskiert wird“ (Haß-Zumkehr 2000, S. 136–137). Diese Appellativität kann sowohl explizit als auch implizit sein und in allen lexikografischen Entscheidungen ←22 | 23→zum Ausdruck kommen, unter anderem in Metatexten, Quellenbasis, insbesondere jedoch in den Belegbeispielen, da sie die meisten Informationen über das dem Wörterbuch zugrunde liegende Weltbild geben können. Im Rahmen ihrer Analyse beschäftigt sich Haß-Zumkehr ebenfalls mit Stichwortartikeln, die ideologisch unverdächtig erscheinen (z.B. Freund, Jungfrau) und kommt zu dem Ergebnis, dass auch diese propagandistische Wertungen enthalten.

Wenke Mückel (2005), die anhand von Archivquellen die Entstehung der ersten vier Bände des „Trübners Deutsches Wörterbuch“ (1939–1943) sowie seine Rezeption während des Nationalsozialismus und nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruierte und die Makro- und Mikrostruktur des Wörterbuchs analysierte, kommt zu dem Ergebnis, dass „der ideologische Gehalt […] einen grundlegenden Zug des Wörterbuchs darstellt“ (2005, S. 191). Sie stellte bei ihrer, zum Teil stichprobenartigen, Analyse fest, dass viele Bedeutungsangaben in nationalistischem und nationalsozialistischem Ton gehalten sind, zahlreiche Belege aus nationalsozialistischen Quellen verwendet wurden und auch Stichwortartikel zu Wörtern, die nicht systemkennzeichnend sind (sog. Nicht-Schlüsselwörter), eine ideologische Aufladung erfuhren. Hinsichtlich der untersuchten Stichwortartikel nahm Mückel eine Typisierung vor, im Rahmen derer sie unter anderem die folgenden Artikel mit politisch-ideologischer Ausrichtung herausarbeitete:

Artikel zu Schlüsselwörtern, die durch die Erklärungen und/oder durch die Belege eine offenkundig ideologische Darstellung erfahren [„Typ 2“];

Artikel zu Schlüsselwörtern, die verdeckt und implizit mit einer ideologischen Komponente versehen werden [„Typ 3“];

[…]

Artikel zu Nicht-Schlüsselwörtern, die entgegen ihrer ursprünglichen ideologischen Wertfreiheit durch die Bedeutungserklärung und/oder durch Beleg ideologisch aufgewertet werden. Der Grad der Ideologisierung reicht dabei von einer implizit bis zu einer explizit nationalsozialistischen Präsentation des Lexems [„Typ 5“]. (Mückel 2005, S. 169)

Weiterhin stellte Mückel (S. 175) fest, dass ideologische Inhalte nicht nur in Belegen aus zeitgenössischen Werken erscheinen: Es wurden auch Bibelzitate verwendet, deren Aussagen in den nationalsozialistischen Kontext übertragbar sind und dadurch eine suggestive Wirkung erlangen können.18

Die ideologische Vereinnahmung nahm im Laufe der Wörterbucharbeit zu, sodass der 4. Band im Vergleich zum 1. Band einen wesentlich höheren Ideologisierungsgrad aufweist.

Neben den oben erwähnten Forschungen zur einsprachigen Wörterbuchschreibung im Dritten Reich existiert des Weiteren eine Dissertation von Katrin ←23 | 24→Wisniewski19 zu zeitgleich entstandenen zweisprachigen (italienisch-deutschen) Wörterbüchern in Italien unter Mussolini, in denen Wisniewski zahlreiche Neueinträge faschistischer Neologismen und die Berücksichtigung ideologisch geprägter Bedeutungsabwandlungen nachweisen konnte.

Da es sich beim Nationalsozialismus um einen Zeitabschnitt handelt, hinsichtlich dessen die Rahmenbedingungen, unter denen Wörterbücher entstanden sind, und die ideologische Einflussnahme sehr gut erforscht sind, sollen die genannten Forschungsergebnisse – insbesondere die Ansätze von Müller und Haß-Zumkehr – in der vorliegenden Arbeit berücksichtigt werden.

In Anlehnung an Haß-Zumkehr verwende ich im Weiteren die Begriffe explizite und implizite bzw. versteckte Appelle, wobei unter expliziten Appellen Wörterbuchinhalte verstanden werden, die in offener und eindeutiger Form dem Benutzer eine weltanschauliche Wertung aufdrängen (z.B. entsprechende Äußerungen in Vorworten), und mit impliziten bzw. versteckten Appellen Wörterbuchkomponenten gemeint sind, die auf unauffällige, versteckte und dem Anschein nach objektive Weise eine Wertung oder Meinung suggerieren (vgl. Kapitel 4.2 und 5.8).

Details

Seiten
598
ISBN (PDF)
9783631784631
ISBN (ePUB)
9783631784648
ISBN (MOBI)
9783631784655
ISBN (Hardcover)
9783631784624
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 579 S.

Biographische Angaben

Eva Teshajev (Autor:in)

Eva Teshajev Sunderland studierte Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie arbeitete an der Universität Miskolc (Ungarn) sowie an der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań (Polen) und ist seit 2017 an der Europa-Universität Viadrina tätig

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Titel: Wörterbuchschreibung in Zeiten des Sozialismus