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Die Mediengesellschaft und ihre Opfer

Grenzfälle journalistischer Ethik im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert

von Nikolaus Jackob (Autor:in)
Monographie 356 Seiten

Zusammenfassung

Medien leisten unverzichtbare Dienste für die Informationsversorgung und Meinungsbildung der Bevölkerung. Sie sind Kritiker und Kontrolleure von Macht. Sie stellen Öffentlichkeit her. Gesetzliche und ethische Grenzen sollen journalistische Willkür verhindern, was in den meisten Fällen funktioniert. Dennoch übertreten Journalisten immer häufiger solche Grenzen – vor allem die der Medienethik. Das Buch ist eine Chronique scandaleuse zentraler ethischer Grenzfälle seit dem Jahrtausendwechsel. Es enthält Studien zu teils spektakulären Konfliktfällen, die das Ausmaß der Grenzverstöße umschreiben, Reaktionen aus Politik, Medien und Wissenschaft zusammentragen und gesellschaftliche Konsequenzen herausarbeiten. Im Mittelpunkt stehen die Opfer journalistischer Grenzverletzungen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Erstes Kapitel : Der Fall „Sebnitz“ (2000) – oder die Frage, wie Herdentrieb und fehlende Satzzeichen zu einem GAU führen können
  • Zweites Kapitel : Der Fall „Sibel Kekilli“ (2004) – oder die Frage, ob Häme und Feixen journalistische Haltungen sein sollten
  • Drittes Kapitel : Der Fall „Winnenden“ (2009) – oder die Frage, ob Gewaltopfer mehr Schutz und Täter weniger Anerkennung verdienen
  • Viertes Kapitel : Der Fall „Robert Enke“ (2009) – oder die Frage, welche Verantwortung Journalisten für Selbstmorde tragen
  • Fünftes Kapitel : Der Fall „Jörg Kachelmann“ (2010) – oder die Frage, ob Journalisten auch Ankläger und Richter in Personalunion sein sollten
  • Sechstes Kapitel : Der Fall „Christian Wulff“ (2011–2012) – oder die Frage, wo gerechtfertigte Politikkritik aufhört und eine mediale Treibjagd anfängt
  • Siebtes Kapitel : Der Fall „Uli Hoeneß“ (2014) – oder die Frage, ob auch geständige Sünder Achtung verdienen
  • Achtes Kapitel : Der Fall „Sebastian Edathy“ (2014) – oder die Frage, ob der Medienpranger den Rechtsstaat untergräbt Gastbeitrag von Tanjev Schultz
  • Neuntes Kapitel : Der Fall „Germanwings 4U9525“ (2015) – oder die Frage, wie man auch über schlimmste Ereignisse angemessen berichten kann
  • Zehntes Kapitel : Der Fall „Kölner Silvesternacht“ (2016) – oder die Frage, wie wichtig die Herkunft eines Täters für eine wahrhaftige Berichterstattung ist
  • Elftes Kapitel : Exkurs: „Die Finanzkrise im Spiegel“ – oder die Frage, wie die Sprache von Journalisten Krisen befeuern kann
  • Zwölftes Kapitel : Exkurs: „Das Interview als Verhör“ – oder die Frage, wie man mit Interviewfragen das Trennungsgebot aushebeln kann Gastbeitrag von Bernd-Peter Arnold
  • Dreizehntes Kapitel : „Gewaltbilder“ in den Medien und die Frage, was Journalisten zeigen sollten und was besser nicht
  • Zusammenfassung
  • Fazit
  • Endnoten
  • Verzeichnis der verwendeten Literatur

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Einleitung

Auf Einladung des Schauspielhauses Dresden hielt Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo am 28. Februar 2016 eine vielbeachtete Rede.1 Vor dem Hintergrund der zuletzt lauter gewordenen Kritik an den etablierten Medien in Deutschland bekundete er seine Besorgnis um den Ruf des Journalismus und übte freimütig Selbstkritik:

„Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Lesers oder Zuschauers liefen viele Medien immer heißer. Der Übermut wandelte sich in eine Skandalisierung und Boulevardisierung der Berichterstattung auch in bis dato seriösen Medien um. Die Sensationen überschlugen sich: Kachelmann soll vergewaltigt haben! Guttenberg hat abgeschrieben! Wulff ist bestechlich! Schavan hat ebenfalls plagiiert! Hoeneß hat Steuern hinterzogen! Alice Schwarzer auch! Edathy guckt Kinderpornos! […] Die Erregung ging bis in die absurdesten Details: Im Fall Christian Wulff beispielsweise stellte ein wichtiger Verlag ganz offiziell die Anfrage: Trifft es zu, dass Christian Wulff bei der Schülerratswahl an seinem Gymnasium in Osnabrück Schüler der Unterstufe mit After-Eight-Schokolade kaufen wollte?“

Di Lorenzos Zitat enthält eine ganze Reihe von Fallbeispielen, die auch in diesem Buch eine zentrale Rolle spielen und an denen man tatsächliche Fehlleistungen von Journalisten ebenso wie zentrale Kritikpunkte von Medienkritikern festmachen kann. Für den Zeit-Chef liegt ein zentrales Problem darin, dass die Medien vielfach zu hysterischen Übertreibungen neigen, in ihrem moralischen Furor Opfer erzeugen und am Ende daran mitwirken, dass das Vertrauen in sie und andere Institutionen sinkt:

„Wenn wir Menschen derart auf den Prüfstand stellen: Wer ist dem gewachsen? Wer von uns wäre es? So ein Blick auf die Gesellschaft zeugt nicht von einem moralischen Kompass, es ist im Gegenteil die Neuauflage des mittelalterlichen Prangers. Ich finde, wir machen es uns als Medien bei der Unterteilung der Welt in ‘gutʼ und ‘böse’ oft viel zu einfach und folgen damit auch dem Wunsch nach hochschießenden Klickzahlen oder dem reißenden Abverkauf am Kiosk, statt ein Gegengewicht zu bilden zu der Hysterie, die sich im Netz aufbaut. Ist es wirklich das, was wir als Aufgabe der ‘vierten Gewaltʼ verstehen wollen? Ob die Vorwürfe – wie in vielen der genannten Fälle – berechtigt waren, oder, wie sich später herausstellte, in manchen unberechtigt: Wimmelt es in Schlagzeilen nur so vor Ausrufezeichen, kommt die Berichterstattung bereits einer Verurteilung gleich. Da kann es nicht ernsthaft überraschen, dass das Misstrauen und die Häme, die wir beständig gesät haben, nun auf uns selbst zurückfallen. Wir sollten uns also dringender denn je fragen, welche Rolle wir als Journalisten in dieser Gesellschaft spielen wollen. Wollen wir Aufregung erhöhen, Treibjagden anheizen und Hysterien schüren? Oder das genaue Gegenteil davon tun, wofür ich dringend plädiere? […] Die ständige Skandalisierung auch aus nichtigem Anlass entpolitisiert ← 9 | 10 → auf Dauer Gesellschaften. Sie stößt mehr ab, als dass sie Bindung zum Medium aufbaut. Vor allem aber: Sie verwischt zunehmend den Unterschied zwischen Wichtigem und Unwichtigem, sie führt zur fatalistischen Grundhaltung ‘Es ist alles schlecht.ʼ“

Diese Analyse deckt sich durchaus mit dem, was die wissenschaftliche Medienkritik seit Jahrzehnten moniert – auch und gerade die Studien des Mainzer Instituts für Publizistik. Analysen zur Wirkung der Massenmedien zeigen seit den 1970er Jahren, dass die mediale Darstellung der Wirklichkeit eine ganze Reihe dysfunktionaler Folgen haben kann, von denen einige in diesem Buch adressiert werden. Medienkritik ist folglich nichts Neues, es gibt sie schon so lange, wie es Medien gibt – und genauso alt sind Forderungen nach ethischen Leitlinien für Medien, damit sie bei der Erfüllung ihrer an sich wichtigen Aufgaben nicht Schäden am Gemeinwesen und Opfer unter seinen Bürgern erzeugen. Auch um solche dysfunktionalen Nebenfolgen ihrer Tätigkeit zu vermeiden, sollten sie – wie bereits seit dem 16. Jahrhundert gefordert wurde – „warhafftig“ und „grüntlich“ arbeiten, „glaubwirdige“ Nachrichten verbreiten, „unpartheysch“ sein, kein „Lügen-Handwerck“ verrichten, ihre Berichte „confirmieren“, „nicht jedwedem Geschrey“ trauen und „perpetuierliche Selbstkorrektur“ betreiben anstatt um des „schnöden Gewinstes“ willen zu publizieren.2

Ungeachtet ihres historischen Alters und ihrer akademisch-feuilletonistischen Allgegenwart ist Medienkritik zuletzt zu einer Modeerscheinung avanciert. Stammten Medienkritiker in früheren Jahrzehnten zumeist aus Weltanschauungsgemeinschaften wie Kirchen, oder aus der Wissenschaft, aus der Politik und dem Journalismus selbst, scheint sich heute fast jeder zum Medienkritiker berufen. Dass dabei nicht nur sinnvolle Anmerkungen zum Wesen und den Folgen journalistischer Arbeit für Mensch und Gesellschaft herauskommen, sondern auch ungerechtfertigte, ahnungslose und infame, versteht sich von selbst. Qualität und Quantität sind nicht nur in der empirischen Wissenschaft verschiedene Konzepte. Tatsächlich weist die gegenwärtige Mediengesellschaft, wie dieses Buch zu unterstreichen beabsichtigt, unübersehbar eine ganze Reihe von zum Teil schwerwiegenden Missständen auf. Der in den letzten Jahren stetig angeschwollene Chor an Kritikern mag als oberflächlicher Indikator dafür dienen, dass Probleme existieren und einige davon Teilen des Publikums zunehmend bewusst werden. Wo Rauch ist, da ist auch Feuer.

Allerdings kann man aus dem Vorhandensein und der Art von Rauch noch nicht unmittelbar auf die Qualität des Feuers schließen: In seiner Studie Künstliche Horizonte aus dem Jahr 1989 zeigte Hans Mathias Kepplinger, dass die Medien u. a. Technik- und Umweltrisiken überzeichneten und eher anhand potenzieller, theoretischer Schäden evaluierten – anstatt mit Blick auf ihre Chancen und Segnungen. Dabei waren mögliche Risiken und tatsächliche Schäden von angewandten Technologien in den Bereichen Verkehr, Chemie oder Biologie nicht von den Medien erfunden worden. Medienberichterstattung entsteht nicht im luftleeren Raum, sie bezieht sich ← 10 | 11 → normalerweise auf Realität. Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Die Überzeichnungen und Fehldeutungen, die Kepplinger diagnostizierte, ließen jedoch auf ein Missverhältnis zwischen Realität und dargestellter Realität schließen – ein Missverhältnis von wahrgenommenem Rauch und vermutetem Feuer, denn

„[…] wo Feuer ist, muß kein Rauch sein und wo viel Rauch ist, muß kein großes Feuer sein. Die Möglichkeiten, vom Rauch auf Feuer, vom Feuer auf Rauch und von der Rauchmenge auf die Feuerstärke zu schließen, sind, wie die Alltagserfahrung lehrt, bestimmten Restriktionen unterworfen […].“3

Will sagen: Wenn Medien über gesellschaftliche Zustände berichten, kann man aus den Berichten selbst nicht spiegelbildlich auf die tatsächliche Beschaffenheit der Zustände schließen. Manche Zustände werden nicht berichtet oder ignoriert – Feuer ohne Rauch. Manche werden übertrieben – wenig Feuer, viel Rauch. Manche entsprechen der Wirklichkeit – viel Feuer, viel Rauch.

Überträgt man diese Metapher auf die allgegenwärtige Medienkritik, bedeutet das: Es gibt sehr viel Medienkritik, aber das heißt nicht, dass die lauteste Kritik die richtigste ist – und dass sie die richtigen Probleme anspricht. Viel Rauch, aber wenig Feuer. Es bedeutet auch, dass es Probleme gibt, die in der Öffentlichkeit kaum diskutiert werden – großes Feuer, aber wenig oder gar kein Rauch. Vielleicht trifft letzteres auch auf den inflationär verwendeten Kampfbegriff der Lügenpresse zu, der seit etwa 2015 in Mode kam. Hier gab es viel Rauch, aber vermutlich steckt sehr wenig Feuer dahinter. Der Begriff greift – sieht man von seinem propagandistischen Hintergrund ab – mindestens in zweifacher Hinsicht ins Leere:

Erstens ist das Hauptproblem der dysfunktionalen Auswirkungen journalistischer Arbeit in der modernen Gesellschaft nicht die manifeste Lüge – das gilt beispielsweise auch für Skandale, wie Kepplinger ausführt:

„Bei Skandalen wird die Wahrheit meist nicht deshalb verfehlt, weil Journalisten lügen. Die Wahrheit wird verfehlt, weil die Wortführer und ihr Anhang bedingungslos an die Richtigkeit ihrer Sichtweisen glauben, weil sie in diesem Glauben Übertreibungen im Interesse der guten Sache hinnehmen, die sie normalerweise ablehnen, und weil sie aus dem gleichen Grund Fakten diskreditieren, die ihnen sonst heilig sind.“4

Hier wie auch in anderen Berichterstattungskontexten, seien es Krisen oder Konflikte, liegen die Probleme meist woanders: im Auslassen von Details und alternativen Blickwinkeln, im Hochspielen bevorzugter Sichtweisen, in der zunehmenden Skandalisierung und dem Negativismus der Berichterstattung, die in wellenartigen Hypes kulminieren, in Kampagnen gegen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft oder Show-Business, in der Schwarzmalerei, was die gesellschaftlichen Zustände und die Zukunft angeht, und darin, dass die Mediengesellschaft in ihrer heutigen, hysterischen Verfassung unentwegt Opfer produziert, von denen sich viele nicht wehren können oder sich nicht trauen, sich zu wehren.5 Gelogen im wörtlichen ← 11 | 12 → Sinne wird hier in den allermeisten Fällen nicht, viele der dysfunktionalen Effekte von Medienberichterstattung entstehen unbewusst und unbeabsichtigt. Doch dazu später mehr.

Zweitens adressiert der Begriff Lügenpresse die falschen, sind es doch die überregionale Qualitätspresse und zum Teil auch die Lokalpresse, die unter den verschiedenen medialen Grenzgängern im Vergleich seltener als Sünder auffallen. Hier arbeiten viele professionelle Journalisten unter zunehmend schwieriger werdenden (ökonomischen) Bedingungen im Kontext klassischer journalistischer Aufgabenverständnisse wie „Berichten, was ist“, „Hintergründe vermitteln“, „verschiedene Standpunkte darstellen“, und „an der Meinungsbildung mitwirken“ – mit kritisch-distanziertem, aber insgesamt konstruktivem Habitus. Die Probleme – die wahren Feuerstellen – liegen auch hier zumeist woanders: auf dem „Boulevard“, im Internet, zum Teil im Fernsehen, auch in politischen Magazinen. Was nicht heißt, dass nicht auch die Flaggschiffe der Qualitätspresse gehörig daneben liegen können. Doch auch dazu später mehr.

Im medienkritischen Grundrauschen der letzten Jahre ging viel durcheinander. Wissenschaftlich fundierte und inhaltlich gerechtfertigte Kritik stand bisweilen widerspruchslos neben verschwörungstheoretischen Anwürfen und glatter Propaganda. Doch Kritik und Geschrei, Skepsis und Zynismus sind verschiedene Dinge. Den Autor dieses Buches trieb bei der Entwicklung der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen u. a. die Frage um, was die Bürger für die wichtigsten Kritikpunkte an den Medien halten (Abbildung 1)6: So sagten 2016 beispielsweise 50 Prozent der Deutschen, dass die Medien „lieber Experten, die zu ihrer Berichterstattung passen, als Experten, die ihnen widersprechen“ zitieren. 46 Prozent der Befragten waren überzeugt, dass „viele politische Skandale von den Medien übertrieben dargestellt“ werden. 35 Prozent meinten, dass „neutrale Berichterstattung und wertende Kommentare […] oft vermischt“ werden. Keiner dieser Aussagen würde die empirische Journalismusforschung widersprechen. Viele Studien zeigen daneben auch, dass ökonomische Krisenlagen, gesundheitliche Risiken und schwere Kriminalität vielfach übertrieben dargestellt werden. Hinter solchen Befunden stecken Jahrzehnte seriöser Forschung, z. B. im Rahmen von Fallstudien, Inhaltsanalysen und Intra-Extra-Media-Vergleichen.7 Diese Art von Medienkritik firmiert u. a. unter wissenschaftlichen Forschungstraditionen wie „Journalismusforschung“, „News Bias-Forschung“ oder „Nachrichtenselektionsforschung“, „Risikokommunikation“ und „Politische Kommunikationsforschung“. Und es ist diese Art von zutreffender, eher skeptischer, empirisch unterfütterter Medienkritik, die gerade nicht den grundlegenden Tenor des Lügenpresse-Hypes der letzten Jahre prägte. ← 12 | 13 →

Abbildung 1:  Wissenschaftlich fundierte und nicht fundierte Medienkritik (%)

Frage: „Denken Sie nun bitte noch einmal an die etablierten Medien in Deutschland zurück, also an die großen Fernsehsender und Zeitungsverlage. Diese werden ja im Augenblick viel kritisiert. Wir haben einmal eine Reihe von Kritikpunkten aufgelistet, was denken Sie, welche dieser Kritikpunkte treffen Ihrer Meinung nach zu, welche treffen nicht zu?

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Telefonische Befragung im Oktober/November 2016, n=1200, repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren; hier ausgewiesen: Befragte, die den jeweiligen Aussagen zustimmten.

Letzterer war eher von Aussagen geprägt wie: „Die Bevölkerung in Deutschland wird von den Medien systematisch belogen“ – 19 Prozent der Deutschen teilten diese Ansicht im Jahr 2016. Oder: „Die Medien untergraben die Meinungsfreiheit in Deutschland“ – hier waren es nur 15 Prozent. Oder: „Die Medien arbeiten Hand in Hand, um die Bevölkerungsmeinung zu manipulieren“ – immerhin 27 Prozent Zustimmung. Diese Vorwürfe waren es, die auf Straßen, im Internet und in Talkshows zu hören waren. Hier schwelte, um Kepplingers Metapher aufzugreifen, ← 13 | 14 → dichter, schwarzer Rauch. Doch es war nicht das, was die Mehrheit dachte. Und bereits ein Jahr später fanden solche Vorwürfe weit weniger Anhänger als im Jahr zuvor: Die Zustimmung zur Aussage, dass die Medien die Bevölkerung systematisch belügen, sank von 19 auf 13 Prozent, die Zustimmung zur Aussage, dass Medien und Politik Hand in Hand arbeiten, um die Bevölkerungsmeinung zu manipulieren, von 27 auf 20 Prozent.8 Auch wenn der Anteil derer zu denken geben muss, der noch 2016 den Medien unterstellte, sie würden unerwünschte Sichtweisen unterdrücken (37 Prozent), den Mächtigen nach dem Mund reden (31 Prozent) und der Bevölkerung vorschreiben, was sie zu denken habe (27 Prozent) – insgesamt schlossen sich selbst auf dem Höhepunkt des Lügenpresse-Hypes weit weniger Menschen verschwörungstheoretisch anmutenden oder zynischen Sichtweisen an, als man angesichts der Allgegenwart der Debatten hätte vermuten können. Skeptisch-realistische Kritikpunkte waren deutlich weiter verbreitet.

Selten wurde sachlich und rigoros nach möglichen Gründen für Kritik differenziert. Das Missverhältnis zwischen fundierten und überzogenen Kritikpunkten kam kaum je zur Sprache. Das eigentümliche an der Medienkritik der letzten Jahre war, dass eine laute Minderheit den Ton vorgab. Hier war der meiste Rauch. Die eigentlichen Probleme – die Feuerstellen aus der Metapher – kamen hingegen seltener zur Sprache: Wissenschaftlich fundierte, vielfach empirisch untermauerte Medienkritik oder die vielen zutreffenden Analysen der Medienethik wurden am Rande rezipiert, etwa in Feuilletons und in der Forschung. Viele Journalisten, Internetaktivisten und Populisten hingegen thematisierten ein Zerrbild – die vermeintliche Medienlüge.

Unterstrichen wird diese Interpretation durch die abwägende Haltung der Deutschen bei der Frage, was die Gründe dafür sind, wenn Medien offenkundig falsch berichten – eine weitere Frage, die den Autor dieses Buches seit Jahren beschäftigte. Auch hier, wohlgemerkt auf dem Höhepunkt des Lügenpresse-Hypes im Jahr 2016, äußerten Mehrheiten fundierte und skeptische Medienkritik, wie sie auch in Journalismus und Wissenschaft geteilt wird (Abbildung 2): 57 Prozent wussten etwa, dass der Selektionszwang selbst ein Problem ist – „Journalisten müssen auswählen, können nicht alles berichten“. 56 Prozent erkannten, dass die „Welt zu komplex“ ist, um umfassend abgebildet zu werden. 42 Prozent – noch immer eine relative Mehrheit – entschuldigten Fehler in der Berichterstattung mit dem allgemein bekannten Zeitmangel im Journalismus, dem Aktualitätszwang und Publikationsdruck.9

Nichts davon ist neu, das meiste bekannt – und die Mehrheit der Bevölkerung scheint das auch richtig einschätzen zu können. Nur Minderheiten dagegen sahen persönliches Karrierestreben als Hauptursache für falsche Berichte (20 Prozent) oder den Vorrang der eigenen politischen Ideologie vor der Wahrheit (25 Prozent). Zweifellos gibt es Journalisten, die sich in dieser Hinsicht moralisch schuldig machen, wie auch das vorgelegte Buch zeigen wird. Auch müssen die jeweils 37 Prozent der Befragten nachdenklich stimmen, die davon ausgehen, dass Journalisten „jedes Mittel recht“ sei, „um ihre Beiträge zu verkaufen“ und dass „Journalisten […] sich nicht [trauen, NJ], Mächtigen auf die Füße zu treten“. Allerdings spricht aus den Daten kein zynisch-despektierlicher Lügenpresse-Furor. Die Mehrheit spürt, dass die ← 14 | 15 → Probleme komplexer sind und die Zwänge und oft auch unreflektierten Routinen, die den journalistischen Alltag prägen, einen größeren Einfluss auf das Entstehen von Mängeln haben als böse Absichten.

Abbildung 2:  Gründe für Fehlleistungen der Medien (%)

Frage: „Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass die etablierten Medien Fehler machen oder falsch berichten? Ich lese Ihnen im Folgenden eine Reihe von Gründen vor, bitte sagen Sie mir, ob diese Gründe ‚voll und ganzʻ, ‚eherʻ, ‚teils teilsʻ, ‚eher nichtʻ oder ‚überhaupt nichtʻ zutreffen.“

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Telefonische Befragung im Oktober/November 2016, n=1200, repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren; hier ausgewiesen: Befragte, die den jeweiligen Aussagen zustimmten.

Ist damit alles gesagt? Das Problem viel kleiner? Kann man die Diskussion um die dysfunktionalen Wirkungen der Medien ad acta legen? Mitnichten. Schon der Verdacht, dass die deutschen Medien nicht immer an der Darstellung von Wahrheit und Wirklichkeit interessiert sind, ist nicht pauschal von der Hand zu weisen. Das zeigen ← 15 | 16 → auch einige der Fallbeispiele in diesem Buch. Die eigentlichen Probleme werden in diesem Buch jedoch woanders ausgemacht. Das tatsächliche Feuer, um im Bilde zu bleiben, ist – so die Lesart dieses Buches – nicht da, wo der meiste Rauch aufsteigt. Und diese eigentlichen Probleme, wie sie von empirischer Forschung und vom medienethischen Begleitdiskurs seit langem thematisiert werden, existieren nach wie vor. Dieses Buch dokumentiert eine Fülle an aktuellem Anschauungsmaterial.

Darüber hinaus tragen, wie auch Giovanni di Lorenzo in seiner Dresdner Rede insinuierte, viele Redaktionen in Deutschland paradoxerweise eine Mitschuld an jenem vergifteten gesellschaftlichen Diskurs, der sie am Ende selbst im Vorwurf eigener Toxizität mit einschloss. Stil und Tenor der journalistischen Weltbeschreibung haben dazu sicherlich einen Beitrag geleistet: Das eigentliche Narrativ ist eines von Krise und Skandal. Nicht erst seit heute, doch zunehmend lauter, hektischer, mit höherer Schlagzahl. War beispielsweise infolge eines Rollenwechsels der Journalisten „[…] von passiven Beobachtern zu aktiven Teilnehmern am Geschehen […] mit einem zunehmenden Machbewusstsein und Machtanspruch“10 die Zahl der erfolgreichen politischen Skandalisierungen von den 1950er bis Mitte der 1970er Jahre weitgehend gleich geblieben, verfünffachte sie sich bis Anfang der 1990er Jahre.11 Auch wurden Politiker immer negativer dargestellt12, ihren wurden zunehmend zentrale ethische Persönlichkeitsaspekte wie beispielsweise Glaubwürdigkeit, Rechtstreue, Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein sowie Prinzipientreue abgesprochen: „Sie wurde seit Mitte der sechziger Jahre zunehmend in Frage gestellt bzw. dezidiert bestritten. Die Politiker erschienen immer eindeutiger als Personen, die aus den verschiedenen Gründen kein Vertrauen verdienen.“13 In der Folge sank das Ansehen der Politik auch in der Bevölkerung, etwa bei der Frage, ob man Politikern eher Eigeninteressen oder Gemeinwohlorientierung unterstellt.14 Und bereits die Medienberichterstattung 1970er und 1980er Jahre war von apokalyptischen Visionen, Schwarzmalerei und Negativismus geprägt. Das zeigen für die Darstellung von Technik- und Umweltrisiken die bereits erwähnten Künstlichen Horizonte Kepplingers und viele andere Studien zur medialen Darstellung von Wirtschaft, Politik und Technik.15

Details

Seiten
356
ISBN (PDF)
9783631777183
ISBN (ePUB)
9783631777190
ISBN (MOBI)
9783631777206
ISBN (Paperback)
9783631777176
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (März)
Schlagworte
Medienethik Journalistische Ethik Medienskandale Medienkritik Pressekodex
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2018. 356 S., 11 s/w Abb. 9 Tab.

Biographische Angaben

Nikolaus Jackob (Autor:in)

Nikolaus Jackob ist Geschäftsführer am Institut für Publizistik der Universität Mainz. Er ist Autor zahlreicher Beiträge über Journalismus, Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsforschung, Rhetorik- und Persuasionsforschung und einer der Gründer der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen.

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