Die «Spectators» in Frankreich
«Le Nouveau Spectateur» und «Le Monde comme il est» von Jean-François de Bastide
Zusammenfassung
Leseprobe
Michaela Fischer-Pernkopf / Veronika Mussner
Klaus-Dieter Ertler
Die Spectators in Frankreich
Le Nouveau Spectateur und Le Monde comme il est
von Jean-François de Bastide
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Gedruckt mit der Unterstützung der Universität Graz.
Die Arbeit entstand im Rahmen des Projekts des FWF
(Austrian Science Fund) "Forms of Appropriation of the 'Spectators'
in Romance Speaking Areas: French Periodicals" (Nummer P 26760-G23).
ISSN 1869-599X
ISBN 978-3-631-75987-5 (Print)
E-ISBN 978-3-631-75988-2 (E-PDF)
E-ISBN 978-3-631-75989-9 (EPUB)
E-ISBN 978-3-631-75990-5 (MOBI)
DOI 10.3726/b14296
© Peter Lang GmbH
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Berlin 2018
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Über das Buch
Bei Jean-François de Bastide (1724−1798) handelt es sich um einen französischen Autor, dem in der Forschung bislang nicht der ihm gebührende Stellenwert beigemessen wurde. Diese Lücke schließt die vorliegende Untersuchung, welche seinen umfassendsten „Spectator“, Le Nouveau Spectateur, wie auch dessen Fortsetzung, Le Monde comme il est, in den Fokus der Betrachtung rückt. Im Besonderen wird der Fiktionalisierung des Produktions- und Rezeptionsprozesses Aufmerksamkeit geschenkt. In der thematischen Analyse geht es um Authentizität, Liebe und Erziehung. Den Abschluss bilden inhaltsbezogene Kurzzusammenfassungen der insgesamt zehn Bände, die das Werk von Jean-François de Bastide für weitere Forschungen leichter zugänglich machen sollen.
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Jean-François de Bastide schreibt sich in die Tradition der spectators ein, indem er nach der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Gattung aufgreift und diese modifiziert und erweitert. Über dreißig Jahre nach der Hochphase des Genres verfasst Bastide sein umfangreiches spectatoriales Werk und leistet dadurch einen wesentlichen Beitrag, die Textsorte vom gattungsspezifischen Topos der Kurzlebigkeit zu befreien. In der Folge wird nicht nur die journalistische Tätigkeit, sondern generell das Gesamtwerk des Autors gewürdigt.
Jean-François de Bastide wurde in der Forschung bislang nicht der Stellenwert beigemessen, den er als Epigone der Wochenschriftenautoren romanischer Prägung verdient. Diese Lücke schließt die vorliegende Untersuchung, welche vor allem seinen umfassendsten Spectator, Le Nouveau Spectateur1, als auch dessen Fortsetzung, Le Monde comme il est2, in den Fokus der Betrachtung rückt. Im Besonderen wird der Fiktionalisierung des Produktions- und Rezeptionsprozesses Aufmerksamkeit geschenkt. Bastide nützt das komplexe Kommunikationssystem der Gattung in seiner vollen Breite und scheut sich nicht vor einer Überschreitung der narrativen Ebenen. Dadurch erfährt die idealtypische Herausgeberfiktion und die Inszenierung der Verfassungsinstanz eine neue Dimension der Umsetzung, wodurch diesen gattungsspezifischen Charakteristika des Genres zugleich mehr Bedeutung beigemessen wird. Somit wird das Werk von Jean-François de Bastide als eine Erweiterung der Möglichkeiten der Textsorte anerkannt. Die gegenständliche Analyse fokussiert nun die Strategien der Fiktionalisierung des Produktions- sowie des Rezeptionsprozesses. Es werden die Verortung der Gattungsfrage auf Textebene und die unterschiedlichen Methoden der narrativen Darstellung erörtert. Eine eingehende Betrachtung erfährt die Verfasserfiktion, die Jean-François de Bastide in seinen Werken ausweitet. Die für die spectatorialen Schriften typische Rezeptionslenkung wird mit der spezifisch inszenierten Partizipationskultur der Leserschaft aufbereitet. Schließlich werden für den Autor charakteristische Schreibstrategien vorgestellt. Im Anschluss werden drei ausgewählte thematische Aspekte aufgegriffen, die in den beiden Schriften do←7 | 8→ minieren. Dabei konnte nur schwerpunktmäßig vorgegangen werden, vor allem, um die Erweiterung des thematischen Spektrums der Gattung verdeutlichen zu können. Den Abschluss bilden inhaltsbezogene Kurzzusammenfassungen der zehn Bände, die das Werk Bastides für weitere Forschungen leichter zugänglich machen sollen.←8 | 9→
1 Im Text werden in der Folge Zitate aus dem Nouveau Spectateur mit dem Akronym NS abgekürzt.
2 Die zweite Schrift Le Monde comme il est wird im Folgenden mit LM abgekürzt. Da die zwei Bände durchnummeriert insgesamt 60 Nummern enthalten, wird der jeweilige Band nicht angeführt.
1 Jean-François de Bastide – Leben und Werk
Der Autor und Journalist Jean-François de Bastide gilt in der französischen Literaturgeschichte als wenig bekannt, obwohl er in vielfältigen Gattungsbereichen maßgeblich zur Genese des literarischen Systems beitrug. Der aus einer provenzalischen Familie stammende Jean-François wurde am 13. Juli 1724 in Marseille als Sohn von Jean Joachim de Bastide und Jeanne Thérèse Maurin geboren. Dank seines familiären Hintergrundes – sein Vater wurde 1726 in die Académie des sciences, lettres et arts de Marseille aufgenommen – kam der junge Mann früh mit Literatur in Berührung und wurde mit der künstlerischen und literarischen Gesellschaft von Marseille vertraut. Nach seiner Ausbildung am Collège de l’Oratoire de Marseille ließ sich Bastide gegen 1746 in Paris nieder3. Seine literarische Karriere startete er mit „ouvrages d’imagination“, was ihm jedoch nur kurzen Erfolg beschied4. Als erfolgversprechender sollte sein journalistisches Wirken – zunächst beim Mercure, anschließend beim Mercure de France – gelten. Sein Name scheint in verschiedenen Polizeiberichten auf, – er musste sogar für gewisse Zeit ins Gefängnis – aber es gab immer wieder Gönner, die ihn protegierten. Darunter befanden sich der einflussreiche Bischof von Orléans, Louis-Sextius de Jarente de La Bruyère, Jean-Philippe Charles, Graf von Cobenzl sowie der Fürst Charles de Lorraine5. Letzterem widmete er sogar ein Werk, zumal er ohne seine Mäzene kein finanzielles Auslangen hätte finden können. In der Widmung des Journal de Bruxelles ou le Penseur drückt Bastide beispielsweise seine Wertschätzung für den Fürsten von Lothringen aus:
Monsieur, Le Nom de Votre ALTESSE ROYALE placé à la tête de mon Livre n’est point une de ces vaines decorations qu’inventa la flatterie. Je rends un hommage pur à un Prince fait pour dédaigner tous les autres : & je lui dédie un Livre que j’ose croire utile aux hommes, parce qu’il vécut pour le bonheur de l’humanité.
Je suis avec le plus profond respect.
MONSEIGNEUR
DE VOTRE ALTESSE ROYALE,
Le très-humble & très-obéissant Serviteur, DE BASTIDE.6←9 | 10→
Mit diesen Zeilen bedankt er sich bei seinem Mäzen, nimmt jedoch vorweg, dass er diesem nicht schmeicheln, sondern vor allem sein Wohlwollen und seine Menschlichkeit unterstreichen wolle.
Derartige Bekundungen zeigten sich als notwendig für sein weiteres Vorankommen und seinen Lebensunterhalt, zumal er mit Romanen und Versen nur über ein unregelmäßiges Einkommen verfügte. Wegen einer „mauvaise conduite“ – eines unangemessenen Verhaltens, über die keine näheren Informationen bekannt sind – war er Anfang 1766 gezwungen, Paris zu verlassen und lebte darauf in Holland und Belgien, bis er schließlich in Italien landete, wo er 1788 in Mailand an einem Gehirnschlag verstarb7.
Trotz seiner prominenten Fürsprecher wurde er von seinen Zeitgenossen kaum geschätzt, die seine unzeitgemäßen Pläne sogar als verrückte Projekte („projet fous“8) denunzierten. Zu seiner immensen Produktivität äußert sich Antoine-Alexandre Barbier: „On trouve dans ces ouvrages de l’esprit, de la facilité, de l’agrément ; mais jamais de caractère, jamais rien de senti, rien d’approfondi“9. Im Laufe seiner Karriere war dies aber nicht die einzige Kritik, der er sich konfrontiert sah. Die Autorin und Dramatikerin Marie-Jeanne Riccoboni trat in einen regelrechten Konkurrenzkampf mit Bastide, der in den Schriften selbst ‚ausgetragen‘ wird. Sie wollte sich in die Gattung der spectators einschreiben und einen eigenen Titel herausgeben, konnte jedoch den Produktionsfluss Bastides nicht unterbrechen, weshalb sie sich direkt an ihn wandte und seine Hartnäckigkeit, das journalistisch-spectatoriale Feld so lange Zeit für sich zu beanspruchen, beklagte. Bastide nahm diese Anklage ernst und druckte ihren Brief in der ersten Nummer von Le Monde ab wie auch – gewissermaßen als Ausgleich – einige Nummern ihrer Schrift mit dem Titel L’Abeille10. Die authentische Korrespondenz zwischen M. de Bastide und Madame Riccoboni, welche gleichermaßen in Le Monde abgedruckt wird,←10 | 11→ lenkte die Aufmerksamkeit der Leser auf die Rivalität, welche die Produktion der spectators zwischen 1740 und 1760 dominierte11. Der erste Brief, den sie an ihn schickte, beginnt mit der Darlegung ihrer Intention:
Depuis long-tems, Monsieur, j’avois formé le dessein de composer une feuille dans laquelle, sans m’assujettir absolument à ne traiter que des sujets graves, je pourrois placer quelques réflexions : j’avois pris le Spectateur Anglois pour modele, & j’allois essayer de l’imiter (bien foiblement sans doute) lorsque vous eûtes la bonté de me prévenir en vous emparant de ce nom.12
Mme Riccoboni formuliert Bastides besitzergreifendes Verhalten im Hinblick auf die Gattung sowie den englischen Prototypen von Joseph Addison und Richard Steele. Bastide okkupiere nicht nur das journalistisch-literarische Feld, sondern habe sich auch noch den Namen beziehungsweise Titel zu eigen gemacht, weshalb ihre Geduld nun am Ende sei:
Je vous avertis, que si vous continuez, j’entrerai en lice avec vous : oui, Monsieur, & sans m’embarrasser de votre Monde, je donnerai l’essor à mon Abeille.
Si elle a le plus leger succès, vous crierez à l’injustice, me déclarerez la guerre, réclamerez vos droits d’ancienneté, m’accuserez de vous copier. (Ebd. 10 f.)
Hierin äußert sich die herrschende Rivalität zwischen den Spectator-Autoren, welche im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts Verbreitung findet. Der Konkurrenzkampf wird satirisch inszeniert und bereichert damit das Kommunikationssystem der Gattung. Durch die vermeintlich offensive Haltung der weiblichen Autorin der Abeille erfährt der Wettstreit eine Fiktionalisierung, zumal sich alle Spectator-Imitatoren als Journalisten in einer kompetitiven Situation verstanden13. Das unterhaltsame Wortgefecht verleiht der Gattung eine weitere Dimension, da die realen Autoren auf Textebene diskutieren. Grundsätzlich handelt es sich bei der Schrift L’Abeille um einen kurzen „periodical essay“ im Stile Marivaux’, worin wiederum eine Gemeinsamkeit zwischen Mme Riccoboni und Bastide zu entdecken ist. Die Bewunderung Bastides für sein Vorbild Marivaux manifestiert sich beispielsweise in Form von Referenzen:
Details
- Seiten
- 284
- Erscheinungsjahr
- 2018
- ISBN (Hardcover)
- 9783631759875
- ISBN (PDF)
- 9783631759882
- ISBN (ePUB)
- 9783631759899
- ISBN (MOBI)
- 9783631759905
- DOI
- 10.3726/b14296
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2018 (Oktober)
- Schlagworte
- Jean-François de Bastide Spectators Frankreich England Niederlande Europa Moralische Wochenschriften Aufklärung 18. Jahrhundert
- Erschienen
- Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 284 S.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG