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Inklusion/Exklusion

Aktuelle gesellschaftliche Dynamiken

von Franz Gmainer-Pranzl (Band-Herausgeber:in) Ulrike Brandl (Band-Herausgeber:in) Ricarda Drüeke (Band-Herausgeber:in) Jochim Hansen (Band-Herausgeber:in) Eva Hausbacher (Band-Herausgeber:in) Elisabeth Klaus (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 236 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführung
  • Vorträge
  • Soziale Gerechtigkeit als Utopie in Realisierung
  • Zwischen Empowerment und Schutz: zu den Rechten von Kindern und von Menschen mit Behinderung
  • Begriffliche Differenzierungen der Systemtheorie und reale Herausforderungen
  • Immigration zwischen sozialer Integration und sozialer Inklusion
  • Inklusion und Exklusion durch Recht. Migration – Partizipation – Staatsbürgerschaft
  • Inklusion und Exklusion in den Medien: Die Debatte über Bettler*innen in Salzburg
  • Inklusive Widersprüche. (Un-)Gleichheit der Geschlechter in der literarischen Repräsentation
  • Inklusion und Exklusion im Kopf: Soziale Kategorisierung und ihr Einfluss auf soziale Urteile
  • Soziale Ausgrenzung: Folgen für Erleben und Verhalten
  • Inklusivismus/Exklusivismus. Religionspolitische Dynamiken und religionstheologische Diskurse
  • Wir und die Anderen: Inklusion, Exklusion und Identität
  • Anhang
  • Autorinnen und Autoren

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Einführung

Forschung und Lehre sind zentrale Aufgaben einer Universität, die in ihrer Arbeit sowohl wissenschaftlichen Methoden und Standards als auch gesellschaftlichen Herausforderungen und Problemstellungen verpflichtet ist. Studierende sollen Wissen erwerben, also intellektuelle Kompetenz ausbilden, sich aber auch mit der sozialen und politischen Realität auseinandersetzen, das heißt mit dem gesellschaftlichen Kontext, in dem Wissenschaft betrieben wird.

Eine Fragestellung, die diesen Zusammenhang in besonderer Weise bewusst macht, ist die Dynamik von Inklusion und Exklusion, die in vielen gesellschaftlichen Bereichen wirksam ist. Das Leben in unserer Gesellschaft und die sie prägenden Modernisierungsprozesse sind auch heute – und vielleicht mehr denn je – von Tendenzen gekennzeichnet, die soziale Brüche und Ausschlüsse bewirken. Kulturelle Konflikte, politische Spannungen, Auseinandersetzungen mit Identität und Fremdheit sowie Dynamiken der Diskriminierung und Exklusion führen zu gesellschaftlichen Spaltungen und verhindern, dass Menschen an politischen Entscheidungen, Bildungsprozessen, sozialer Sicherheit und Wohlstand partizipieren können. Während etwa aufsehenerregende Entwicklungen wie die Finanzkrise in Griechenland oder die zunehmende Anzahl von Menschen, die als Flüchtlinge nach Europa kommen, die Brutalität des Ausschlusses von Menschen drastisch sichtbar machen, stehen andere Exklusionsdynamiken, von denen Menschen in Armut, Arbeitende in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Arbeitslose sowie Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen betroffen sind, weniger im Zentrum der medialen Berichterstattung oder der politischen Aufmerksamkeit.

Gewiss ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten vieles geschehen, um die Exklusion, Diskriminierung und Marginalisierung bestimmter Gruppen bewusst zu machen und zu bearbeiten – auch wenn wir nüchtern zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich manche soziale Klüfte vergrößert haben. Die klassische Trias der Intersektionalitätsforschung „race/class/gender“ etwa, mit der diskriminierende und exkludierende Zuschreibungen aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit, der sozialen Stellung und/oder der gesellschaftlichen Rolle als Frau/Mann analysiert werden, ist Ausdruck eines neuen Problembewusstseins in Bezug auf Ein- und Ausschlüsse, die Menschen in unterschiedlichen Machtkonstellationen erfahren müssen. Dennoch ist unsere Gesellschaft weit davon entfernt, Exklusionsprozesse mit aller wünschenswerter Klarheit zu benennen und mit Entschiedenheit an politischen Lösungen zu arbeiten, um Exklusion zu ←77 | 8→vermeiden. Moralische Appelle oder kulturpessimistische Stellungnahmen können Probleme benennen, führen aber noch nicht zur Entwicklung neuer, inklusiver Lebens- und Denkformen. Erforderlich ist hier eine nüchterne Analyse jener gesellschaftlichen Faktoren, die Ausschlüsse produzieren, sowie jener Diskurse, die einen Habitus der Exklusion verstärken und nicht selten auch legitimieren.

In der Auseinandersetzung mit diesen Zusammenhängen und Wechselwirkungen spielen die sozialwissenschaftlichen Kategorien „Inklusion/Exklusion“ eine zentrale Rolle. Sie weisen auf gesellschaftliche Transformations- und Differenzierungsprozesse hin und bieten interdisziplinäre Anschlussmöglichkeiten, um Ursachen von Exklusion zu erforschen und Möglichkeiten von Inklusion zu erschließen. Um dies am bereits genannten Beispiel „Migration und Flucht“ zu verdeutlichen: die Kategorien „Inklusion/Exklusion“ markieren Identitätskonstruktionen, Machtverhältnisse und Aberkennungspraktiken, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen als „selbstverständlich“ angesehen werden. Sie zeigen, dass Menschen, die aus ihrem Land fliehen mussten, auf vielfache Weise Exklusion erleiden: durch den Abschied aus ihrer Heimat, die Trennung von Familienangehörigen, die Gefährdung ihrer Sicherheit und Gesundheit, den Verlust von Anerkennung und Wertschätzung und schlussendlich noch durch den Ausschluss aus menschenwürdigen Lebensverhältnissen – ganz zu schweigen davon, dass viele für ihre Flucht mit ihrem Leben bezahlen müssen. Nicht zuletzt stellen Verdächtigungen gegenüber Flüchtlingen und pauschale Zuschreibungen aus der Boulevardpresse und aus rechtspopulistischen Kreisen eine Form öffentlicher Exklusion dar, die das Leben von Menschen mitunter schwer beeinträchtigt.

Die medial in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückte „Tatsache“ der Flüchtlingsbewegungen (vor allem im Spätsommer 2015) ist das eine; globale Dynamiken und ihre ökonomischen und politischen Ursachen sind das andere. Genau auf diesen zweiten, aus dem öffentlichen Diskurs weitgehend ausgeblendeten Aspekt von „Exklusion“ wollen die Beiträge dieses Bandes den Blick lenken und fragen:

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Die vorliegende Dokumentation der Ringvorlesung „Inklusion/Exklusion. Aktuelle gesellschaftliche Dynamiken“, die im WS 2015/16 an der Universität Salzburg gehalten wurde und von Wissenschaftler_innen aller vier Fakultäten der Universität Salzburg vorbereitet wurde, möchte in die Auseinandersetzung mit den diskursiven und politischen Kategorien „Inklusion/Exklusion“ einführen, theoretische Grundlagen in interdisziplinärer Perspektive erschließen, exemplarische Themenfelder und Problembereiche behandeln, konkrete Praxisbeispiele aufzeigen und ein entsprechendes Problembewusstsein vermitteln. Die interdisziplinäre Arbeit wurde nicht nur den Studierenden als besondere Herausforderung zugemutet, sondern stellte auch einen Lernprozess dar, den wir als Mitglieder des Vorbereitungsteams selbst durchlaufen haben. Als Vertreter_innen fünf verschiedener Fachbereiche mit einer jeweils eigenen und hochspezialisierten Wissenschaftskultur haben wir eine gewisse Sensibilität dafür ausgebildet, den Diskurs der eigenen Disziplin im Licht anderer Zugänge und methodischer Ansätze zu betreiben und mit Blick auf unsere Themenstellung voneinander zu lernen – auch dort, wo wir vielleicht Kritik und Widerspruch am Wissenschaftsverständnis oder der Problemperspektive anderer anmelden.

Der Aufbau der Ringvorlesung versteht sich als Gang durch einige Wissenschaftsgebiete und Problemfelder, wobei wir selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit anmelden. Die Vorlesungen reichen von der kulturwissenschaftlichen Einführung von María do Mar Castro Varela über philosophische, migrationswissenschaftliche, kommunikationswissenschaftliche, literaturwissenschaftliche, psychologische und theologische Überlegungen bis hin zur politikwissenschaftlichen Abschlussvorlesung von Thomas Schmidinger; die Beiträge gehen sowohl auf lokale Kontexte (Salzburg) als auch auf europäische und internationale Herausforderungen (transkulturelle Migrationsgesellschaft) ein. Mit der Veröffentlichung der Beiträge der Ringvorlesung „Inklusion/Exklusion. Aktuelle gesellschaftliche Dynamiken“ hoffen wir, einen Beitrag sowohl zur gesellschaftlichen Verantwortung als auch zur interdisziplinären Arbeit der Universität Salzburg zu leisten. Nicht zuletzt soll durch diese Ringvorlesung auch ein Stück weit sichtbar werden, dass die gesellschaftlichen Bedingungen nicht nur den „Kontext“ von Forschung und Lehre bilden, sondern die intellektuelle Auseinandersetzung und deren öffentliche Repräsentation bereits in ihrem Ansatz konstituieren. In diesem Sinn lässt sich die hier dokumentierte Ringvorlesung auch als ein Stück „angewandter kritischer Theorie“ verstehen.

Ulrike Brandl/Ricarda Drüeke/Franz Gmainer-Pranzl/Jochim Hansen/
Eva Hausbacher/Elisabeth Klaus
Salzburg, im Jänner 2018

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VORTRÄGE

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María do Mar Castro Varela

Soziale Gerechtigkeit als Utopie in Realisierung1

Abstract: This article deals with the links between social justice, utopian thinking and (postcolonial) criticism. Social justice is conceived of as utopia in realisation, which can never be perfectly and conclusively achieved. The first part of the article gives an insight into the idea of Utopia, for which critique as practice is central. It then gives an outline of the concept of social justice and argues for a new and revised reading of the Enlightenment writings to turn them to account for a transformative politics. In conclusion it discusses how a much-needed epistemic change can be brought about in relation to educational justice. It therefore examines the question of how a profound transformation can be achieved in the structure of knowledge production which will make possible a fundamental change in society.

Keywords: Social justice education utopia science emancipation

Die Ungerechtigkeit ist klar, die Gerechtigkeit ist unklar. Denn derjenige, der unter Ungerechtigkeit leidet, ist ihr unwiderlegbarer Zeuge. Wer wird aber für die Gerechtigkeit zeugen? Die Ungerechtigkeit ruft einen Affekt hervor, ein Leiden, eine Empörung. Nichts aber weist auf die Gerechtigkeit hin, die sich weder als Schauspiel noch als Gefühl darstellt.2

Auf Dauer ermüdet es, immer wieder über soziale Ungerechtigkeit zu schreiben, zu sprechen, zu reflektieren. Konstant geht es in den kritischen Bildungs- und Sozialwissenschaften darum, diese zu verdeutlichen, zu entziffern und an die Oberfläche zu bringen. Was sind Privilegien? Wie wirkt sich das Vorhandensein von Privilegien auf Bildungschancen aus? Was ist soziale Marginalisierung? Wie werden soziale Hierarchien aufrechterhalten? Das sind nur einige Fragen, die hier von Interesse sind. Sie zeigen wichtige Verbindungslinien zu einem ←13 | 14→politischen Aktivismus, der Diskriminierungen anprangert und kritisch in Praxen und Institutionen der Bildung interveniert. Und ja, sehr wohl hat sich in den letzten Jahrzehnten im Bereich „Bildung und Gerechtigkeit“ im deutschsprachigen Raum etwas bewegt – auf der diskursiven wie auch institutionellen Ebene. Heute ist es möglich geworden, über Ungerechtigkeit in der Bildung zu sprechen, diese zu benennen. Es liegen Schriften zu Rassismuskritik, zur Migrationspädagogik wie auch zahlreiche Bände zu Inklusion und Schule vor. Selbst die bundesdeutsche Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz (KMK) 2015 eine gemeinsame Empfehlung mit dem Titel „Lehrerbildung für eine Schule der Vielfalt“3 veröffentlicht. Es verwundert allerdings, warum HRK und KMK nicht in der Lage sind, in einer Empfehlung zu Vielfalt in den Schulen eine gendergerechte Sprache zur Anwendung zu bringen, obwohl eine solche in den meisten Hochschulen im deutschsprachigen Raum bereits zum Selbstverständnis gehören will. Diese Widersprüche bilden die Oberfläche einer nicht-performativen Diversity-Strategie, wie sie Sara Ahmed4 bezeichnet hat, bei der viel geredet und zahlreiche Dokumente hergestellt werden, aber letztendlich kaum Schritte in Richtung weniger Diskriminierung getätigt werden, die in den Institutionen wirkliche Effekte zeitigen.

Und trotz aller Evidenz und Bemühungen halten und mehren sich die wütenden Stimmen, die unethisches Verhalten als eine anthropologische Konstante – etwa vorurteilsbehaftete Praxen – beschreiben. Viele in den Bildungsinstitutionen Tätige ignorieren schlichtweg, dass soziale Ungerechtigkeit überdauert bzw. immer wieder hergestellt wird. „Das Leben ist eben ungerecht“, heißt es dann, oder: „Einige sind nun mal auf der Sonnenseite des Lebens geboren und andere nicht“. Zu dieser eher zynischen Position gesellt sich die meritokratische, die beschwört, dass alle, die sich Mühe geben, es schaffen können: Bildung scheint letztlich eine Frage des Willens und der Motivation zu sein.

Doch Bildung bleibt eingebettet in komplexe soziale und politische Verhältnisse, die aktiv dafür sorgen, dass eben nicht alle dieselbe Möglichkeit haben, an formaler Bildung zu partizipieren. Die Einschränkung von Bildungschancen für ←14 | 15→die einen und die Erweiterung von Bildungsangeboten für andere ist und bleibt Symptom sozialer Gewaltstrukturen, die die postkoloniale Denkerin Gayatri Chakravorty Spivak kraftvoll als „Klassenapartheid“5 bezeichnet. Es bleibt deswegen eine wichtige Aufgabe kritischer Intellektualität, soziale Ungerechtigkeit zu skandalisieren oder zumindest die Lücken und Furchen im Versprechen sozialer Gerechtigkeit (nicht nur im Bildungssystem) zu problematisieren. Egal wie repetitiv dies anmutet. Unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen bedeutet dies vor allem auch, der weiteren Ökonomisierung von Bildung und Bildungsinstitutionen etwas entgegenzusetzen. Adornos Gedanken zur „Halbbildung“ erscheinen in diesem Zusammenhang hilfreich:

Zusammenfassung

Die Dynamik von Inklusion und Exklusion ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen wirksam. Kulturelle Konflikte, politische Spannungen sowie mediale Identitäts- und Fremdheitskonstruktionen erzeugen gesellschaftliche Spaltungen und verhindern, dass Menschen an politischen Entscheidungen, Bildungsprozessen, sozialer Sicherheit und Wohlstand partizipieren können.
Mit welchen Methoden die komplexen Ursachen von Exklusion erklärt werden können, welche Lösungsansätze unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen entwickeln und inwiefern Prozesse gesellschaftlicher Veränderung angestoßen werden können, ist Thema der in diesem Band versammelten Beiträge.

Details

Seiten
236
ISBN (PDF)
9783631768334
ISBN (ePUB)
9783631768341
ISBN (MOBI)
9783631768358
ISBN (Buch)
9783631762899
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Ungleichheit Marginalisierung Interdisziplinarität Intersektionalität Diskriminierung Migration
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2018. 236 S., 2 farb. Abb., 3 s/w Abb., 4 s/w Tab.

Biographische Angaben

Franz Gmainer-Pranzl (Band-Herausgeber:in) Ulrike Brandl (Band-Herausgeber:in) Ricarda Drüeke (Band-Herausgeber:in) Jochim Hansen (Band-Herausgeber:in) Eva Hausbacher (Band-Herausgeber:in) Elisabeth Klaus (Band-Herausgeber:in)

Franz Gmainer-Pranzl studierte Katholische Theologie und Philosophie an der KTU Linz und an den Universitäten Innsbruck und Wien. Er ist Professor und Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der Universität Salzburg. Ulrike Brandl studierte Rechtswissenschaften an der Universität Linz. Sie ist Assistenzprofessorin am Fachbereich Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht der Universität Salzburg. Ricarda Drüeke studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Marburg und Hamburg. Sie ist Assistenzprofessorin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. Jochim Hansen studierte Psychologie an der Universität Basel und war Research Fellow an der New York University und an der Universität Heidelberg. Er ist assoziierter Professor am Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg. Eva Hausbacher studierte Slawistik und Germanistik an den Universitäten Salzburg und Moskau. Sie ist Professorin für Slawistische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Salzburg. Elisabeth Klaus studierte Mathematik und Soziologie an der Universität Münster und an der University of Notre Dame (USA). Sie ist Professorin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg.

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Titel: Inklusion/Exklusion