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Narses. Politik, Krieg und Historiographie

von Dariusz Brodka (Autor:in)
Monographie 330 Seiten

Zusammenfassung

Narses, ein Eunuch und Feldherr des Oströmischen Kaisers Justinian, war eine bedeutende Gestalt der ausgehenden Spätantike. Von den 530er Jahren bis etwa 568 spielte er als Politiker und Feldherr eine wichtige Rolle im Oströmischen Reich. Trotzdem sind viele Aspekte seiner Karriere umstritten.
Das Buch untersucht die Karriere von Narses und bietet einen Einblick in die Faktoren, die zu seinem politischen Aufstieg beitrugen. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung richtet sich auf seinen realen Wirkungskreis, der sich im Laufe vieler Missionen kristallisierte, während er als kaiserlicher Sonderbeauftragter agierte. Im Fokus der Studie stehen die konkreten Ereignisse, an denen Narses aktiv teilnahm, u. a. der Nika-Aufstand, die religionspolitischen Wirren in Ägypten und die Gotenkriege. Das Buch versteht sich auch als eine quellenkritische Studie zur spätantiken Historiographie, deren Aufgabe ist, die einzelnen historiographischen Traditionsstränge, die sich auf Narses beziehen, zu identifizieren, voneinander abzugrenzen und zu untersuchen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Siglenverzeichnis
  • Einleitung
  • 1 Die Historiker des Narses: Überblick über die wichtigsten Quellen
  • 2 Narses’ Lebensweg und Karriere bis 531
  • 2.1 Herkunft und Abstammung
  • 2.2 Frühe Karriere: Sondermissionen im Osten
  • 2.3 Die Position am Kaiserhof: Narses’ Ämter im sacrum cubiculum
  • 3 Der Nika-Aufstand 532
  • 3.1 Der Ablauf der Ereignisse im Januar 532
  • 3.2 Die Position am Kaiserhof: Spatharius
  • 3.3 Darstellung und Entstellung des Geschehens: Prokop von Kaisareia und Johannes Malalas
  • 4 Alexandria 535–536
  • 5 Italien 538–539
  • 5.1 Der Gotenkrieg
  • 5.2 Narses in Italien: seine Stellung und Ziele
  • 5.3 Entsatz für Ariminum
  • 5.4 Konflikt mit Belisar
  • 6 Eine schwierige Dekade: 540–550
  • 6.1 Der Sturz des Johannes des Kappadokers 541
  • 6.2 Ein sonderbarer Vorfall in Konstantinopel 541/542
  • 6.3 Die Heruler und die Slaven 545
  • 7 Der Höhepunkt: Italien 551–571/2
  • 7.1 Zivile Ämter und Ehrentitel
  • 7.2 Die Kampagne gegen die Goten 551–552
  • 7.3 Der Krieg gegen die Franken 553–554
  • 7.4 Die Kämpfe in den Jahren 555–567: die Vertreibung der Franken aus Norditalien
  • 8 Italien: die Nachkriegszeit
  • 8.1 Wiederaufbau und Verwaltung
  • 8.2 Die Abberufung
  • 8.3 Die letzten Jahre
  • 9 Die Religiosität des Narses
  • 10 Narses in der Historiographie
  • Schluss
  • Quellenverzeichnis
  • Sekundärliteratur
  • Register
  • Reihenübersicht

Einleitung

Die moderne Forschung betont immer wieder, dass der Kaiser Justinian (527–565) den herausragenden Fähigkeiten und Kompetenzen seiner Mitarbeiter die großen Leistungen der ersten Phase seiner Herrschaft verdanke.1 Belisar, Tribonian, Johannes der Kappadoker leisteten einen bedeutenden Beitrag zu den politischen und militärischen Erfolgen der ersten Jahre. Die 540er Jahre brachten aber deutliche innere Stagnation und schwere militärische Rückschläge mit sich. In dieser Periode verlor Justinian auch zahlreiche fähige Mitarbeiter: Johannes der Kappadoker wurde 541 gestürzt, Tribonian starb 542, Belisar fiel um 542 zum ersten Mal in Ungnade – obwohl er in der Folgezeit rehabilitiert wurde, konnte er keine spektakulären militärischen Erfolge mehr erreichen –, 548 starb Kaiserin Theodora, und zwei Jahre später – Germanus, Justinians Cousin.2 Aus der Gruppe der frühen Gefolgsleute Justinians konnten nur Narses und der langjährige magister officiorum Petros Patrikios ihre Stellung bis zum Tod des Kaisers bewahren.3

Der Eunuch Narses, praepositus sacri cubiculi und patricius war zweifelsohne einer der wichtigsten Mitarbeiter Justinians. Von den 530er Jahren bis etwa 568 spielte er als Politiker und Feldherr eine wichtige Rolle im Oströmischen Reich. Als Kind gelangte er in den Palastdienst, wo er als Kubikular in der Nähe des Kaisers tätig war und allmählich das Vertrauen des Kaisers gewann. Im Laufe der Zeit konnte er regelmäßig das in ihn gesetzte Vertrauen immer wieder rechtfertigen. Theoretisch bestand seine Aufstiegsmöglichkeit nur in der Erlangung des Amtes des praepositus sacri cubiculi, da andere Karriere den Eunuchen verschlossen war.4 Formal krönte er seine Ämterlaufbahn tatsächlich mit diesem Amt, sowie mit dem Ehrentitel des Patricius. Sein Tätigkeitsbereich ging jedoch weit über seine formale Amtsposition hinaus, und er erlangte den Ruhm eines großen Feldherrn. In den späteren Zeiten wurde er in Byzanz als στρατηγικώτατος – in der Feldherrnkunst sehr erfahren, sehr kriegskundig – gepriesen. So wurde er, ähnlich wie die alten großen Römer, zu einem Exemplum, an dem die folgenden Generationen ihre Leistungen messen könnten. Aufgrund seiner großen militärischen Siege regierte er Italien sechzehn Jahre lang im Auftrag des Kaisers. Er selbst wollte als Sieger über die Goten und Erneuerer der Freiheit der Römer (restitutor libertatis) in Erinnerung behalten werden.

Die langjährige wichtige Rolle des Narses im Oströmischen Reich weckte bislang kein besonderes Interesse der Forschung an seiner Karriere und seinem ←9 | 10→Wirken. So gibt es zu Narses nur eine einzige Monographie, dessen Wert höchst problematisch ist. Sie wurde von G. Fauber im Jahr 1990 veröffentlicht. Schon im Jahr ihrer Veröffentlichung entsprach sie nicht mehr dem Stand der damaligen Forschung. Sie ist besonders problematisch, was ihre methodische Herangehensweise betrifft. Fauber benutzte die antiken Quellen nur in ziemlich begrenztem Maß, während viele wichtige Texte in seiner Studie nicht berücksichtigt worden sind. Aus der methodischen Perspektive unakzeptabel ist auch, dass er die ältere Forschungsliteratur anstatt der Quellen als Beleg für seine Thesen heranzieht. Weitaus wichtiger für die Beschäftigung mit Narses sind die Erörterungen in entsprechenden Kapiteln der älteren und jüngeren Gesamtdarstellungen zu Justinian oder zur Spätantike sowie in den Einzelaufsätzen. Grundlegend sind in dieser Hinsicht die Arbeiten von E. Stein, dessen Erkenntnisse eine breite Akzeptanz in der Forschung fanden. Dies gilt in erster Linie der Frage nach der Ämterlaufbahn des Narses. Die wohl ausführlichste Untersuchung, deren Schwerpunkt auf Narses’ Werdegang und Tätigkeit liegt, bildet der umfangreiche Lexikonartikel von A. Lippold aus dem Jahr 1970. Erwähnenswert ist auch Prosopography of the Later Roman Empire von J. Martindale. In drittem Band (1992) wird dem Eunuchen Narses (Narses 1) eine detaillierte chronologische Skizze gewidmet, die sich weitgehend auf die Urteile von Stein stützt. Insgesamt bleibt festzustellen, dass die Theorien Steins über die Ämterlaufbahn des Narses zumeist übernommen werden und sich allenthalben finden. Einen wichtigen Fortschritt brachten die Arbeiten von R. Delmaire (1995) und W. Brandes (2002), die die Ergebnisse Steins einer kritischen Überprüfung unterzogen. Hinzuweisen ist hier auch auf die jüngste Monographie von D.A. Parnell zu den Männern von Justinian: Justinian’s Men. Careers and Relationships of Byzantine Army Officers, 518–610 (2017). Durch das Herausarbeiten des Konzepts der „sozialen Netzwerke“, d.h. der Gruppen, die sich um die bedeutenden Generale herum gebildet hatten, gelang es Parnell, einen wichtigen Faktor zu erkennen, der auf die politische Karriere des Narses starken Einfluss hatte. Einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung der politischen und sozialen Position der spätantiken Hofeunuchen leistete H. Scholten (1995). Obwohl sich ihr Buch auf die praepositi sacri cubiculi des 4. und 5. Jahrhunderts konzentriert, hat sie die gewichtigen politischen Faktoren und Mechanismen herausgearbeitet, die auch für das 6. Jahrhundert gelten und es erlauben, den Aufstieg des Narses zu deuten. Selbst die Liste der Hofeunuchen, die Scholten am Ende ihrer Arbeit verfasste,5 veranschaulicht die Machtstellung der Hofeunuchen und zeigt, dass zahlreiche cubicularii Einfluss und Macht gewinnen konnten, ohne das Amt des praepositus sacri cubiculi auszuüben. Als lehrreiches Beispiel könnte hier vor allem der mächtige spatharius Chrysaphios dienen, der eine der Hauptfiguren am Hof des Theodosius II. war.6 ←10 | 11→

Den Zweck vorliegender Studie bildet die Untersuchung der politischen Karriere des Eunuchen Narses. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung richtet sich auf seinen realen Wirkungskreis, der sich im Laufe seiner Missionen kristallisierte, während er als kaiserlicher Sonderbeauftragter agierte. Im Fokus der Studie stehen somit die konkreten Ereignisse, an denen Narses aktiv teilnahm. Es geht dabei um die wichtigsten Geschehnisse der Herrschaft Justinians: den Nika-Aufstand, die religionspolitischen Wirren in Ägypten, die Gotenkriege. Sie sollen anhand der bestehenden Quellen ausführlich behandelt werden. Es ist dabei zu erörtern, welche formale Position Narses jeweils einnahm. Natürlich sollen auch die biographischen Aspekte detailliert untersucht werden – Herkunft, Ämterlaufbahn, Amtszeit, Religionszugehörigkeit. Man muss auch der Frage nachgehen, welche Faktoren zu seinem politischen Aufstieg beitrugen. Aufzuklären ist, insofern sich dies aus den erhaltenen Quellen rekonstruieren lässt, das Verhältnis des Narses zu anderen führenden Persönlichkeiten des Staates. Weil er den Ruhm eines großen Feldherrn erlangte, ist es auch zu erörtern, welche tatsächliche Position er innerhalb der oströmischen Heeresleitung einnahm – koordinierte er als ziviler Würdenträger nur die Handlungen seiner erfahrener Generale, oder erfüllte er die Rolle des Feldherrn aktiv, indem er als Stratege und Taktiker seine Armee unmittelbar befehligte?

Das zweite Ziel der Arbeit liegt in der Untersuchung der bestehenden Quellentraditionen. In diesem Sinne versteht sich diese Arbeit als eine quellenkritische Studie zur spätantiken griechischen und lateinischen Historiographie, deren Aufgabe ist, die einzelnen historiographischen Traditionsstränge zu identifizieren, voneinander abzugrenzen und zu untersuchen. So wird es auch der Frage nachgegangen, welches Narses-Bild sich aus den einzelnen Geschichtswerken ergibt.

Dementsprechend bilden die Historiker, die sich mit Narses befassten, den Rahmen dieser Arbeit: Ihnen sind das erste und das letzte Kapitel gewidmet. Das letzte Kapitel erfüllt eine zusammenfassende Funktion. Es geht dort nicht mehr um den historischen Wert der einzelnen Überlieferungen, sondern um literarisches Bild des Narses, das sich aus den einzelnen Texten ergibt. Es handelt sich dabei um die Frage, inwiefern die antiken Autoren in ihrer Diskussion über Narses auf die negative Eunuchen-Topik zurückgriffen. Zu verweisen ist hier auf die mittelalterliche Narses-Rezeption und dementsprechend auf seine schwarze Legende, die sich in den westlichen Geschichtswerken noch im 6. Jahrhundert entwickelte. Andere Kapitel thematisieren die einzelnen Etappen der Karriere des Narses: seine Missionen im Osten in den 530er Jahren, den Nika-Aufstand 532, die Intervention in Alexandria 535–536, seinen ersten Italien-Feldzug 538–539, die Dekade 540–550, den Höhepunkt seiner politisch-militärischen Tätigkeit (die Bezwingung der Ostgoten, den Krieg gegen die Franken), die Verwaltung Italiens in der Nachkriegszeit und seine Abberufung nach dem Tod Justinians durch Justin II. Ein zusätzliches Kapitel wird seiner Religiosität und konfessionellen Zugehörigkeit gewidmet.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei all denen bedanken, die das Zustandekommen vorliegender Arbeit gefördert haben. An erster Stelle gilt mein Dank meinen Freunden Prof. Dr. Mischa Meier, Dr. Henning Börm, Dr. Udo Hartmann, ←11 | 12→Dr. Fabian Schulz und Christian Michel für wichtige Ratschläge, konstruktive Kritik und sprachliche Korrekturen. Ich danke auch einem Redakteur im Peter-Lang-Verlag, der den ganzen Text auf Orthographie, Interpunktion und Grammatik nachgeprüft hat. Ebenso danke ich auch Prof. Dr. Neil Christie für die anregenden Gespräche. Danken möchte ich auch Herrn Kamil Choda, der mir in den vergangenen Jahren mehr als einmal mit Hilfe zur Seite stand. Ich bin sehr dankbar vielen Kollegen, die mir ihre Aufsätze gerne zugeschickt hatten – zu nennen sind hier B. Croke, G. Greatrex, M. Stewart, S. Tougher, F. Borri, E. Fabbro, R. Kosiński, Ph. Rance, J. Prostko-Prostyński, M. Vitiello, C. Whately, T. Wolińska, S. Turlej, S. Janniard, Ph. Blaudeau, W. Brandes.

1Vgl. z.B. Moorhead 1994, 30, Mazal 2001, 59, Meier 2003a, 252.

2Einen Einblick in die Personalpolitik Justinians bietet Meier 2003a, 252 ff. Vgl. auch Evans 1996a, 197 ff.

3Meier 2003a, 253 f.

4Vgl. dazu Scholten 1995, 9 f.

5Scholten 1995, 211–251.

6Es ist nicht ausgeschlossen, dass Chrysaphios zum Rang des praepositus sacri cubiculi in den letzten Monaten seines Lebens erhoben wurde (vgl. Prosp., Chron. 1361, Vict. Tun. 450,2). Diese Möglichkeit wird sowohl von PLRE II, 295 als auch Scholten 1995, 248 f. abgelehnt. ←12 | 13→

1Die Historiker des Narses: Überblick über die wichtigsten Quellen

Über die Herrschaft des Kaisers Justinian, mit dem die politische Karriere des Narses eng verbunden ist, sind wir reichlich informiert. Erhalten sind vor allem die zeitgenössischen und zeitnahen historiographischen Gesamtdarstellungen, die einen aufschlussreichen Einblick sowohl in den Geschehensverlauf, als auch in die Motiven und Intentionen der handelnden Akteure gewähren. Das Wissen, das wir über Narses und seine Tätigkeit erwerben können, ist aber begrenzt, und in mancher Hinsicht sind wir lediglich auf die Spekulationen und Hypothesen angewiesen. Im Folgenden werden also die für Narses wichtigsten einschlägigen Quellen kurz vorgestellt, wobei es betont wird, für welche Aspekte seiner Karriere sie von besonderer Relevanz sind.

Den gesamten Zeitraum vom politischen und militärischen Wirken des Narses deckt die griechische klassische Historiographie des 6. Jahrhunderts ab: Prokop von Kaisareia, Agathias von Myrina und Menander Protektor.

Prokop von Kaisareia ist ein Historiker, der Narses persönlich in Italien im Jahr 538/539 kennenlernte.7 Prokop war damals Belisars Rechtsberater und hatte die Möglichkeit, aus unmittelbarer Nähe die Handlungen sowie den Konflikt beider Generale zu beobachten. Prokop verfasste drei Werke: klassische politische Geschichte – die Kriegsgeschichte (Bella) in acht Büchern, die Invektive Geheimgeschichte (Anekdota bzw. Historia Arcana) und den Panegyrikus auf Justinian Bauten (De aedificiis). Narses erscheint ausschließlich in den Bella, während er, was auch sehr aufschlussreich ist, in den Anekdota nicht vorkommt. Man muss auch daran erinnert werden, dass Prokop die einzelnen Handlungen des Narses aus unterschiedlicher Zeitperspektive darstellte. Der erste Teil der Bella (die Bücher I–VII), der über den ersten Feldzug des Narses in Italien (538–539) und seinen Konflikt mit Belisar, sowie über den Sturz des Johannes des Kappadokers berichtet, wurde im Jahr 551 veröffentlicht, d.h. noch vor den größten Siegen des Narses. Die Publikation des 8. Buches fällt wahrscheinlich auf das Jahr 554. Prokop stellt die für diese Untersuchung relevanten Ereignisse zum Teil aus eigner Erfahrung dar, zum Teil geht sein Bericht auf die mündliche Überlieferung von Augenzeugen zurück. 8

Agathias von Myrina gehört ebenfalls zu den Zeitgenossen des Narses.9 In seinen Historien setzt er die Kriegsgeschichte Prokops fort und stellt die Ereignisse der Jahre 552–558/559 dar. Agathias schreibt seinen Bericht mit einem deutlichen ←13 | 14→zeitlichen Abstand zu den Ereignissen: Die Abfassungszeit des Werkes fällt aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Jahre 579–582. Wie es scheint, nahm er die Arbeit an seinem Geschichtswerk erst nach dem Tod Justinians (565) und wohl auch nach dem Tod des Narses (571/572) auf. Narses steht im Fokus der ersten zwei Bücher, die die Kämpfe in Italien in den Jahren 552–555 thematisieren. Die späteren Vorkommnisse in Italien wurden von Agathias nicht mehr behandelt. Er war weder Augenzeuge der dargestellten Ereignisse, noch kannte er persönlich Narses oder andere bedeutende Figuren seiner Zeit. Sein Wissen über das Geschehen stützt sich auf die mündliche Überlieferung von Augenzeugen, wobei einige von ihnen zur nahen Umgebung des Narses angehören könnten.

Das Geschichtswerk des Menander Protektor, des Fortsetzers des Agathias ist nur fragmentarisch erhalten.10 Menander, wie er selbst darauf hindeutet (Men. Prot. fr. 1.), schließt mit seinem Werk direkt an die Historien des Agathias an: Er beginnt seinen Bericht an demjenigen Punkt, an dem Agathias seine Erzählung unterbrach. Obwohl man im Allgemeinen annimmt, dass diese Aussage auf das Jahr 558/559 hinweist, denn in diesem Jahr bricht der Bericht des Agathias im 5. Buch ab, muss man auf den Umstand hinweisen, dass die Darstellung der Ereignisse in Italien bei Agathias bereits mit dem Jahr 555 endet. Es ist somit sehr plausibel, dass gerade das Jahr 555 den Ausgangspunkt für Menanders Behandlung des Geschehens in Italien bildete. Menander schildert die auf Narses bezogenen Ereignisse aus der Perspektive der Herrschaft des Maurikios (582–602) (Men. Prot. fr.1.). Es bleibt unklar, woher er seine Informationen schöpft – man könnte sowohl um die mündliche Überlieferung, als auch um die offiziellen Berichte und Briefe gehen, die er in den Archiven in Konstantinopel hätte finden können.

Gegen Ende des 6. Jahrhunderts entstanden zwei Kirchengeschichten: die syrische des Johannes von Ephesos und die griechische des Euagrios Scholastikos. Beide Werke, selbst wenn sie unterschiedlichen konfessionellen Standpunkt vertreten, entwerfen enthusiastisches Bild des Narses. Die Kirchengeschichte des Euagrios muss nach 593, aber noch vor dem Tod des Maurikios im Jahr 602, verfasst worden sein.11 Euagrios und Menander Protektor schrieben somit ihre Werke ungefähr zur gleichen Zeit. Die meisten für die Beschäftigung mit Narses relevanten Informationen gehen in Euagrios’ Kirchengeschichte auf Prokop von Kaisareia zurück, den Euagrios direkt als seine Vorlage in Evagr. HE 4,24 bezeichnet. Darüber hinaus liefert er einige wichtige zusätzliche Details, die sich auf die Erinnerungen der Gefährten des Narses stützen: Daher weiß der Kirchenhistoriker über dessen große Frömmigkeit und Siege über Butilin und Sindual. Euagrios ist sich auch dessen bewusst, dass die Taten des Narses von Agathias beschrieben worden waren, aber er betont, dass er dieses Werk noch nicht gelesen habe. Wenige, aber wichtige Details über die Konfession des Narses liefert auch die miaphysitische ←14 | 15→Kirchengeschichte des Johannes von Ephesos. Ihre ersten zwei Teile, die den Zeitraum von Caesar bis zu den ersten Jahren Justins II. abdeckten, sind abgesehen von wenigen Fragmenten und Exzerpten verloren gegangen. Erhalten ist hingegen der 3. Teil, der von 571 bis 588 reicht. Er wurde wahrscheinlich in den Jahren 577–588 verfasst.12 Weil sich Johannes in den 540er Jahren in Konstantinopel aufhielt und von Justinian selbst den Auftrag erhielt, die Heiden im kleinasiatischen Bergland zu bekehren, 13 ist es nicht ausgeschlossen, dass er die Möglichkeit hatte, Narses persönlich kennenzulernen.

Die nächste Quellengruppe bildet die griechische Chronographie. Es geht um die Chroniken von Johannes Malalas, Theophanes und um das Chronicon Paschale.14 Die im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit einschlägigen Mitteilungen gehen in diesen Werken, wie es scheint, auf die ursprüngliche Version der Weltchronik des Johannes Malalas zurück, d.h. auf den sog. Ur-Malalas. Dieser Traditionsstrang enthält vor allem die Nachrichten über Narses’ Teilnahme an der Unterdrückung des Nika-Aufstandes sowie über verschiedene Etappen seiner ganzen politischen Karriere. Die erhaltene Version der Chronik des Johannes Malalas weist an vielen Stellen deutliche Kürzungen auf und ist mit dem Urtext nicht völlig identisch. Der anonyme Verfasser des Chronicon Paschale (7. Jh.) und Theophanes (9. Jh.) verwendeten als ihre Vorlage entweder den Ur-Malalas oder eine umfangreichere Fassung der Malalas-Chronik als diejenige, die heute erhalten ist. Die Chronik des Johannes Malalas ist in zwei Editionen erschienen, worauf der Wechsel in der Erzählperspektive hinweist – die erste Fassung behandelte die Weltgeschichte bis ins Jahr 531/532 und entstand in Antiochia, die Zweite entstand in Konstantinopel und endete vermutlich mit dem Tod Justinians im Jahr 565. In der ersten Edition stand Antiochia im Fokus des Berichtes, in der zweiten – Konstantinopel. Diese unterschiedliche Erzählperspektive resultiert wahrscheinlich aus der Tatsache, dass Malalas zuerst im Büro des comes Orientis in Antiochia tätig war und nach der Abschaffung dieses Amtes im Jahr 535 nach Konstantinopel umsiedelte.15 Es ist auch sehr plausibel, dass der Chronist die erste Fassung seines Werkes um neues Material in Konstantinopel ergänzte und aktualisierte, wobei er auf mündliche ←15 | 16→Überlieferung von Augenzeugen oder offizielle Quellen aus den Archiven hätte zurückgehen können.16

In Konstantinopel wurde auch die lateinische Chronik des Marcellinus Comes verfasst, die an die Chronik des Hieronymus anknüpft.17 Sie besteht aus knappen annalistischen Bemerkungen und vertritt bei der Darstellung der jüngsten Ereignisse den offiziellen Standpunkt des Kaiserhofes. Die Chronik des Marcellinus reicht bis ins Jahr 534, wurde aber wohl kurz nach 550 von einem unbekannten Verfasser ergänzt, der den Bericht zumindest bis 548 fortführte. Narses wird ausschließlich in dieser Fortsetzung erwähnt.18

Nur eine Bemerkung zu Narses findet sich in der lateinischen Chronik des nordafrikanischen Bischofs Victor von Tunnuna, die die Zeit von 444 bis 567 behandelt. Victor gehörte zu den Gegnern der Kirchenpolitik Justinians, weil er die Position des Kaisers in dem Drei-Kapitel-Streit ablehnte. Seine Chronik entstand unter der Herrschaft Justins II. Von weitaus größerer Bedeutung für die Beschäftigung mit Narses ist hingegen die polemisch-historische Schrift des afrikanischen Diakons Liberatus von Karthago, Breviarium causae Nestorianorum vel Eytuchianorum, die zwischen 555–566 verfasst wurde.19 Liberatus stellt hier die Häresien der Nestorianer und Eutychianer dar und thematisiert die religionspolitischen Ereignisse vom 5. Jahrhundert an bis zu seiner Zeit. Ähnlich wie Victor von Tunnuna war er Gegner des Kaisers Justinian im Drei-Kapitel-Streit. Liberatus, der auf die alexandrinische Lokaltradition zurückgeht, liefert einen umfangreichen Bericht über die Handlungen des Narses in Alexandria in den Jahren 535–536.

Qualitativ hochwertige Informationen über die Regierung des Narses in Italien bietet der Liber Pontificalis, die Sammlung der Biographien der Bischöfe von Rom. Die Entstehungszeit des Werkes ist sehr problematisch. Man geht davon aus, dass die Sammlung sukzessiv entstand und mehrmals modifiziert und aktualisiert wurde. Sie ist also ein Werk von vielen anonymen Autoren, die zu verschiedener Zeit in Rom tätig waren und in verschiedenen Fassungen ihr eigenes Geschichtsbild darstellten.20 Für die Beschäftigung mit Narses sind die Viten von Vigilius (537–555), Pelagius I. (556–561) und Johannes III. (561–574) von Bedeutung. Die Biographie des Vigilius wurde wahrscheinlich kurz nach seinem Tod verfasst, d.h. bald nach 555. Die Viten des Pelagius I. und Johannes III. weisen größeren zeitlichen Abstand zu den behandelten Ereignissen auf, und ihre Entstehungszeit fällt wohl erst auf die Anfänge des 7. Jahrhunderts.

Andere lateinische Quellen wurden erst nach dem Tod des Narses verfasst. Sie befassen sich entweder mit seinem Feldzug gegen die Ostgoten oder mit seiner Regierung in Italien. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts entstand die Chronik des ←16 | 17→Bischofs Marius von Aventicum, die die Jahre von 455 bis 581 umfasst.21 Für die Ereignisse in Italien benutzte Marius wahrscheinlich die heute verlorenen Consularia Italica als seine Vorlage. Diese Consularia wurden wahrscheinlich in Mailand in den 580er Jahren verfasst. Im 6. Jahrhundert entstanden auch die Historien (Historiarum libri decem) des Gregor von Tours, der in den Jahren 573–594 Bischof von Tours in Gallien war. Bei diesem Werk handelt sich um eine christliche Universalgeschichte, die die Geschichte der Gesamtkirche aus eschatologischer Perspektive – von der Erschaffung der Welt zu den fränkischen Königen des 6. Jahrhunderts (bis 591) – darstellt, wobei die Geschichte der Franken im Fokus der Darstellung steht.22 Die ersten vier Bücher, die die für die Zeit des Narses relevanten Informationen enthalten, könnten um 575 verfasst werden, obwohl auch die Periode nach 585 als deren Abfassungszeit jüngst vorgeschlagen wurde.23 In der Folgezeit wurde das Geschichtswerk Gregors von anderen Autoren benutzt. Es geht hier insbesondere um Fredegar, der sich für das Narses-Material über weite Strecken auf Gregor von Tours stützt 24 und nur die Sophia-Anekdote um einige neue Details bereichert. Die sog. Fredegar-Chronik muss um etwa 660 verfasst worden sein.25

Vereinzelte im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit einschlägige Details bieten auch andere Texte aus dem 7. Jahrhundert: die um 615 verfasste Chronik des Isidor von Sevilla26 und anonyme um 625 entstandene Fortsetzung der Chronik von Prosper Tiro, das sog. Auctuarium Prosperi Havniense.27 Zu erwähnen sind hier auch die sog. Excerpta Sangallensia, die in dem Cod. Sangall. 878 erhalten sind und im 9. Jahrhundert aus dem Archetypus der Consularia Vindobonensia priora (fasti Vindobonenses) zusammengestellt wurden. Diese Auszüge erstrecken sich auf die Zeit von 390 bis 573.28 Möglicherweise entstand der Urtext bald nach den letzten erwähnten Ereignissen.29 ←17 | 18→

Sehr wichtige Rolle in unserer Untersuchung spielt die Historia Langobardorum des Paulus Diaconus, deren Abfassungszeit auf die Periode nach 774 fällt.30 Paulus Diaconus war Erzieher und Lehrer am langobardischen Königshof in Pavia und am Hof des Herzogs von Benevent, darüber hinaus Diakon und Mönch. Trotz des großen zeitlichen Abstands zu den dargestellten Ereignissen liefert er viele wichtige Details, die in keiner anderen Quelle ihre Parallele finden. Dies resultiert aus dem Umstand, dass Paulus für die Ereignisse des 6. Jahrhunderts eine gegen Ende des 6 Jahrhunderts entstandene Chronik als seine Vorlage verwendet haben muss, die er mithilfe des Liber Pontificalis, der Fredegar-Chronik und der Geschichtswerke des Gregor von Tours und Secundus von Trient ergänzte.

Der letzte originelle historiographische Traditionsstrang, der sich auf Narses bezieht, lässt sich in dem Liber Pontificalis Ecclesiae Ravennatis des Agnellus erkennen.31 Bei diesem Werk geht es um eine Sammlung der Biographien der ravennatischen Bischöfe, die im 9. Jahrhundert von Agnellus, Presbyter der ravennatischen Kirche, verfasst wurden. Trotz der erheblichen zeitlichen Distanz zu Narses’ Lebenszeit gibt es in diesem Geschichtswerk originales Quellenmaterial, das die anderen historiographischen Traditionen nicht kennen. Es scheint, dass Agnellus in dieser Hinsicht auf eine Quelle ravennatischer Herkunft zurückgeht, die kurz nach dem Tod des Narses entstand. Im 19. Jahrhundert stellte man eine Hypothese auf, dass es in diesem Fall um einen annalistischen Text, die sog. Annales Ravennati gehe.32 Agnellus selbst verweist hingegen ausdrücklich auf die Chronik des Maximian, Erzbischofs von Ravenna, als seine Vorlage. Maximian konnte für die frühere Periode auf die bestehenden annalistischen Quellen zurückgehen und dann sein Quellenmaterial um die zeitgeschichtlichen Ereignisse ergänzen. Maximian starb aber im Jahr 556, während die annalistischen Einträge in Agnellus’ Bischofsbuch bis zum Jahr 573 reichen.33 Es ist somit sehr plausibel, dass ein Anonymus die Chronik Maximians fortsetzte, aber das Ganze unter dem Namen Maximians im 9. Jahrhundert kursierte.34 Eine alternative Lösung setzt voraus, dass Agnellus über eine Sammlung der historischen Schriften verfügt habe, die im 9. Jahrhundert als Werk Maximians galt. 35 ←18 | 19→

Neben den genannten historiographischen und chronographischen Texten bieten auch andere literarische Werke wertvolle Informationen, aus denen sich die Ereignisse um Narses rekonstruieren lassen. Besonders wertvoll sind in dieser Hinsicht die Briefe des Papstes Pelagius I. (556–561), der mit Narses und anderen oströmischen Feldherren und Würdenträgern korrespondierte.36 Als Primärquelle geben diese Briefe einen Einblick in die komplizierte politische, ökonomische und religiöse Situation in Italien in der Nachkriegszeit.37 Vereinzelt enthalten sie auch Informationen zur Wahrnehmung des Narses durch den Autor. Zu nennen ist hier auch die anonyme polemisch-theologische Schrift De sectis, die in den Jahren 581–608 muss verfasst worden sein.38 Sie enthält zusätzliche Details zu den Handlungen des Narses in Alexandria in den Jahren 535–536.

Außer den genannten literarischen Quellen liefern auch die Rechtsquellen wichtige Informationen für die Rekonstruktion der politischen Situation in Italien nach dem Sieg über die Ostgoten. Es geht hier um zwei Gesetze, die sich speziell mit Italien beschäftigen: die sog. Pragmatica Sanctio (vom 13. August 554) und Lex pro debitoribus in Italia et Sicilia (wohl von 556). Die Analyse der Probleme, die in diesen Gesetzen thematisiert werden, ermöglicht gewisse Rückschlüsse auf die Rahmenbedingungen von Narses’ Position in Italien. Unser Wissen über Narses’ Regierung in Italien ergänzt Epigraphik. Die Quellen dieser Art lassen sich aber nur in Einzelfällen heranziehen. Wir verfügen über zwei Inschriften, in denen Narses genannt wird (CIL VI 1199, CIL XIV 4059). Von besonderer Bedeutung ist die lange Inschrift, mit der der Wiederaufbau einer Brücke an der via Salaria gefeiert wird. Sie gibt zum einen glaubwürdigen Aufschluss über Narses’ Titulatur, zum anderen zeigt sie, wie Narses selbst gesehen werden wollte.39

7Zu Prokop vgl. Evans 1972, Cameron 1996, Brodka 2004, 14–151, Kaldellis 2004, Börm 2007, Whately 2016. Einen Überblick über die jüngste Prokop-Forschung bietet Greatrex 2014a, 2014b.

Details

Seiten
330
ISBN (PDF)
9783631761236
ISBN (ePUB)
9783631761243
ISBN (MOBI)
9783631761250
ISBN (Hardcover)
9783631761229
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Spätantike Geschichte Spätantike Historiographie Eunuchen Herrschaft Justinians
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 339 S.

Biographische Angaben

Dariusz Brodka (Autor:in)

Dariusz Brodka studierte Klassische Philologie und Geschichte an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Von 1997 bis 2010 war er als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Klassische Philologie der Jagiellonen-Universität tätig. Seit 2010 ist er Professor an der Jagiellonen-Universität. Sein Hauptforschungsgebiet ist die lateinische und griechische Historiographie der Spätantike.

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Titel: Narses. Politik, Krieg und Historiographie