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inklings – Jahrbuch für Literatur und Ästhetik

Faszination Harry Potter / The Allure of Harry Potter. Symposium 2017 in Aachen

von Dieter Petzold (Band-Herausgeber) Klaudia Seibel (Band-Herausgeber)
Dissertation 218 Seiten
Reihe: inklings

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Beiträge zur Tagung “Faszination Harry Potter”
  • “Mudblood, and proud of it!”: Analysing the Politics of Race in the Harry Potter Novels (Carsten Kullmann)
  • “Now, I consider myself to be a feminist”: Protagonistinnen und Antagonistinnen bei J.K. Rowling (Isabel Busch)
  • “You can do magic!”: Zur Entwicklung des Magiesystems in Harry Potter (Dana Steglich)
  • “I belong in your world”: (Re-)Negotiating the Notion of Home in the First Harry Potter Novels (Denise Burkhard)
  • Family, Contexts and Myths: An Analytical Study of Character Development in the Harry Potter Novels (Mattia Colombu)
  • Literary World-building in Tolkien’s The Hobbit and Rowling’s Harry Potter and the Philosopher’s Stone (Patrick Schmitz)
  • Religion und Ethik in Hogwarts, Narnia und Mittelerde: Ähnlichkeiten und Unterschiede in den drei Weltentwürfen (Friedhelm Schneidewind)
  • Their Heroes’ Children: How the Fanfic Community learned to embrace ‘Harry Potter – The Next Generation’ (Susanne Kroner)
  • The Wizarding World of Capitalism: Harry Potter and the Magic of Consumption (Franziska Burstyn)
  • J K Rowling, Warner Bros. Entertainment, and Transmedial Fan Practices (Maria Fleischhack)
  • Varia
  • Out of this World: Tom Bombadil in Middle-earth (Martin Simonson)
  • A Tale of Tenderness: Revisiting Peter S. Beagle’s The Last Unicorn (Rabanus Mitterecker)
  • The Poet’s Eye
  • Sarah Kirschs Märchengedicht “Schneelied”: Betrachtungen zu einer prekären Kleingattung (Werner Bies)
  • Besprechungen
  • Friedman, Lester D., and Allison B. Kavey. Monstrous Progeny: A History of the Frankenstein Narratives (Dieter Petzold)
  • Eilmann, Julian. J. R. R. Tolkien: Romantiker und Lyriker (Thomas Fornet-Ponse)
  • Honegger, Thomas, and Maureen F. Mann, eds. Laughter in Middle-earth (Thomas Fornet-Ponse)
  • Drout, Michael D. C., et al., eds. Tolkien Studies: Volume XIII (Thomas Fornet-Ponse)
  • White, Roger, et al., eds. C.S. Lewis and His Circle (Thomas Gerold)
  • Lewis, James R., and Kjersti Hellesøy, eds. Handbook of Scientology (Johannes Rüster)
  • Die Beiträger
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Vor gut zwanzig Jahren, am 26. Juni 1997, erschien der erste Band der insgesamt sieben Teile umfassenden Geschichte von dem zauberhaften Jungen Harry Potter und seinem langen Kampf gegen seinen Widersacher, Lord Voldemort – in ihrer Gesamtheit ganz gewiss die erfolg- und einflussreichste Publikation auf dem Gebiet der Fantasy Fiction seit Tolkiens The Lord of the Rings. Die Inklings-Gesellschaft nahm dieses Jubiläum zum Anlass, sich in ihrem Jahressymposium, das am 9. und 10. September in der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen stattfand, mit dem ‘Phänomen Harry Potter’, seiner Faszinationskraft und seinen vielfältigen Erscheinungsformen – Verfilmungen, Dramatisierungen, Fan-Kultur, Vergnügungsparks usw. – auseinanderzusetzen.

So fantastisch die fiktive Welt des Harry Potter – das ‘Potterverse’ in der Sprache der Fans – auch erscheinen mag, sie ist doch auf vielfältige Weise mit der uns vertrauten Welt verbunden: ein Spiegel, der ganz konkrete Merkmale unserer Zeit abbildet – mal mehr, mal weniger verfremdet, oft auch ironisch-kritisch – und zugleich ein moralischer Kompass, der durchaus zur Orientierung auch im Hier und Jetzt dienen kann, da er zum Nachdenken über das Wesen des Guten wie auch des Bösen anregt, ohne sich auf vorschnelle Vereinfachungen einzulassen.

Wie aktuell die dabei aufgeworfenen Probleme sind, wird bereits im ersten der hier versammelten Vorträge des Symposiums deutlich. Carsten Kullmann zeigt, dass rassistisches Denken auch in der nur auf den ersten Blick ideal erscheinenden Zauberer-Gesellschaft der Harry-Potter-Romane grassiert und Parallelen zur Ideologie des Dritten Reiches und ähnlichen Ausformungen rechten Gedankenguts aufweist. Nicht weniger aktuell ist das Diskussionsfeld, auf das sich Isabel Busch begibt, wenn sie das Geschlechterkonzept in den Harry-Potter-Romanen untersucht und die Frage aufwirft, ob bzw. inwieweit Rowlings Darstellungen von Protagonistinnen und Antagonistinnen aus feministischer Sicht als Vorbilder bzw. Negativbeispiele dienen können.

Die Vermittlung moralischer Prinzipien steht auch im Zentrum von Dana Steglichs Betrachtung des “Magiesystems in Harry Potter” – schließlich ← 7 | 8 → implizieren magische Fähigkeiten ein enormes Machtpotenzial, doch zeigt Steglich, dass das magische Können der Figuren von ihrer emotionalen, und damit auch moralischen, Beschaffenheit abhängt: “Letztendlich erweist sich die Liebe als Kern von Rowlings Magiesystem”. Die An- bzw. Abwesenheit von Liebe wiederum – konkreter: eines liebevollen, Geborgenheit vermittelnden Heimes – ist auch das entscheidende Moment, das die Entwicklung der Hauptfigur prägt, stellt Denise Burkhard in ihrem Beitrag fest, und Mattia Colombu erweitert diesen Befund noch in seiner Gegenüberstellung der Entwicklung Harry Potters und seines Widersachers Lord Voldemort, diesmal mit den Werkzeugen der psychoanalytischen Literaturbetrachtung, die auch den Blick auf die dahinter stehenden klassischen Mythen von Kronos, Laios und Ödipus öffnet.

Grundsätzlicher wird das Verhältnis von fiktiver Welt und Erfahrungsrealität, von Fremdheit und Vertrautheit, in dem Beitrag von Patrick Schmitz angegangen, wobei ein Vergleich mit dem Hobbit Tolkiens – und der diesbezüglichen Theorie seines Schöpfers – hilft, die Besonderheiten von Rowlings Fantasiewelt herauszuheben. Auch Friedhelm Schneidewind bindet die Harry-Potter-Bücher in die klassische Tradition der Fantasy Fiction ein, wenn er speziell die Vermittlung von Religion und Ethik bei C.S. Lewis, J.R.R. Tolkien und J.K. Rowling untersucht.

Die letzten drei Beiträge beschäftigen sich mit einem besonders interessanten Aspekt der “Faszination Harry Potter”: dem Fanwesen und den ökonomischen Implikationen des Harry Potter franchise. Susanne Kroner führt in einen speziellen Teilbereich der schier unermesslich weiten fan fiction ein: next gen fics, also Geschichten, welche das Leben der Kinder der Rowlingschen Hauptfiguren aus- oder weiterspinnen und sich dabei oft weit von den in den Büchern und Filmen vorgegebenen Parametern entfernen. Franziska Burstyn zeigt, wie sich die Konsumorientiertheit unserer Gesellschaft besonders in den frühen Harry-Potter-Büchern niederschlägt, um dann insbesondere in dem Erlebnispark The Wizarding World of Harry Potter in Orlando, Florida potenziert Ausdruck zu finden: “Konsumerismus als eine Form der Wiederverzauberung”. Und Maria Fleischhack gewährt einen Einblick in die Rechtsstreitigkeiten zwischen Rowling und Warner Bros. als Wahrer ihrer Copyrights auf der einen und den kreativen Fans auf der anderen Seite, der erneut erkennen lässt, dass finanzielle Interessen keinen geringen Teil der “Faszination Harry Potter” ausmachen. ← 8 | 9 →

Der erste Beitrag in der Varia-Abteilung bewegt sich auf dem ‘Heimatgrund’ der Inklings-Gesellschaft: Tolkiens Lord of the Rings. Martin Simonson widerlegt die Ansicht mancher Kritiker, dass die Figur der Tom-Bombadil-Episode einen Fremdkörper im Handlungsverlauf des Romans darstelle, und verweist auf die Tradition der mittelalterlichen Romanze mit ihrem charakteristischen Geflecht von ‘Abschweifungen’, auf die Tolkien zurückgreife, um so “einen Dialog zwischen verschiedenen narrativen Paradigmen zu etablieren”. Einem neueren ‘Klassiker’ der Fantasy Fiction wendet sich Rabanus Mitterecker zu: The Last Unicorn (1968), in dem der Autor Peter S. Beagle zwar auf postmoderne Weise mit Märchenkonventionen spiele, letztendlich aber doch den Leser auch emotional gefangenzunehmen verstehe. Und Werner Bies beendet seine in den letzten Inklings-Jahrbüchern etablierte Reihe von Analysen lyrischer Märchen-Umgestaltungen mit einer Interpretation von Sara Kirschs Gedicht “Schneelied”, die er mit einer resümierenden Betrachtung der “prekären Kleingattung” Märchengedicht abschließt.

Die Herausgeber widmen sich auch in diesem Jahr schließlich wieder der angenehmen Pflicht der Danksagung: an die Organisatoren des Symposiums, insbesondere Josef Schreier, Julian Eilmann und Maria Fleischhack, sowie an Professor Peter Wenzel von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen für die Bereitstellung von Tagungsräumen und das große Interesse an der Tagung. Und natürlich an die Beiträger und Rezensenten des Jahrbuchs und die Mitarbeiter des Peter Lang Verlags für ihre geduldige Kooperation.

D.P. ← 9 | 10 →

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Beiträge zur Tagung “Faszination Harry Potter”

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Carsten Kullmann

“Mudblood, and proud of it!”

Analysing the Politics of Race in the Harry Potter Novels

By proposing an analytical approach to racism, this paper explores the incidents of racist thinking that persist in the wizarding society of the Harry Potter universe and identifies them as the ideological basis for Lord Voldemort’s fanatic supremacist ideology. Furthermore, the concrete implementation of his extremist ideology into active fascist politics is brought to attention. It is further noted that within Voldemort’s political and ideological actions resonate mnemonic images of Germany under Nazi rulership. The historic parallel is identified as a means of framing evil in the novels. As a result, Harry’s actions and choices in the saga provide its readers with a moral compass for their own lives.

Dieser Beitrag analysiert die Vorkommnisse rassistischen Denkens in der Zauberergesellschaft der Harry Potter-Romane und identifiziert diese als ideologische Grundlage für Lord Voldemorts fanatische Überlegenheitsideologie. Darüber hinaus werden die konkreten Umsetzungen seiner extremistischen Ideologie in eine faschistisch geprägte Politik herausgestellt. Voldemorts politisches und ideologisches Handeln weckt zudem Erinnerungen an Praktiken in Deutschland unter nationalsozialistischer Führung. Diese historische Parallele wird als Mittel identifiziert, das Böse in den Romanen zu markieren, und dadurch Harrys Handlungen und Entscheidungen als moralischen Kompass für die Leserschaft zu präsentieren.

On his first visit to Madame Malkin’s Robes for All Occasions, Draco Malfoy explains to Harry his views on Hogwarts’ admission guidelines: “I really don’t think they should let the other sort in. I think they should keep it in the old wizarding families” (Stone 84, emphasis added). Malfoy’s comment provides for both Harry and the reader the first hint at the issue of race and racism in the wizarding world. In the Harry Potter universe, blood is the primary signifier of race, as it is linked with the idea of magical ability. The Tales of Beedle the Bard inform us that these links and ideas are centuries old and hark back to tensions between Muggles and magic folk in the Middle Ages. Before delving deeper into these tensions in wizarding ← 13 | 14 → society, however, the question must be asked what racism actually is. Since more than two hundred years of racial theory have not been able to come up with any satisfying answer to this fundamental question, it can be concluded that there is no simple explanation. Instead of vainly attempting to offer a definition of racism, this paper will propose a number of analytical criteria which are inherent to racist thinking and can be applied to the world of Harry Potter. In addition, it will explore the way racist thinking in Potterverse also translates into political action in The Deathly Hallows.

The term ‘racism’ itself is somewhat misleading as there is no universal racism in the singular sense of the word. Instead, it would be more appropriate to speak of racisms, as there are many forms that racist thinking can take. Nevertheless, several characteristics are common to the many racisms: Xenophobia and ethnocentricity, a mysticism surrounding the concept of ‘blood’, endogamy, and practices of inclusion and exclusion that rest on stereotypes and prejudices. However, as scientific concepts go, these concepts cannot be as easily delimited as theory would like to suggest. Their boundaries are fuzzy, they tend to overlap, and form fluid transitions rather than sharp borders.

Broadly speaking, prejudices are preconceived judgements about other people that need not necessarily be based on any truths or facts and generally stem from a lack of knowledge. Stereotypes usually contain a grain of truth: they are based on certain characteristics of a person or group which are exaggerated and simplified and to which that person or group is reduced. They are closely linked to the binary concept of Self and Other. We have a certain image of ourselves and continually judge others by their relation to our self-image. We tend to ‘like’ people who are more like us and who we perceive to have a high congruency with our self-image, while we are apt to reject people we regard as ‘different’. The difference between the Self and the Other, between ‘us’ and ‘them’, largely rests on the perception of other groups via stereotypes and prejudices; preconceived ideas of their make-up that differ from the image that we have of ourselves, and that we refuse to rectify.

Racial practices correlate physiognomic differences to stereotyped characteristics. In this way, social and cultural differences are constructed biologically, which makes them appear ‘natural’ and inheritable. Evaluation allocates value to the notions of positivity and negativity and creates ← 14 | 15 → hierarchy: positive becomes superior. The interplay of the position of power and the construction of the Self as superior consequently leads to racism as an ideology of legitimation. In this sense, the Other is transformed into a natural adversary: the image of the stereotypical Other is converted into an image of the enemy. Racism, in a nutshell, assumes the existence of natural groups on the basis of somatic features and allocates to other groups certain negatively evaluated attributes which largely rest on stereotypical beliefs about their members. They are presented as inferior and as an enemy, which legitimises the own superiority.

The concept of ethnocentricity refers to the process of regarding the own group’s culture and habits as the standardised norms and judging all other groups’ customs against them. Ethnocentricity reflects the human tendency to proclaim one’s own environment as the standard and centring one’s worldview around it. Difference, then, is not judged objectively but regarded as deviation. Deviations from a standardised norm are often taken as transgressions, as rule-breaking, and society sanctions them accordingly. Ethnocentricity puts these norms on an inter-group level, making the out-group a transgressor. Charged with racist thinking, ethnocentricity puts the own race in the centre of the world and denies the equality of other races.

Xenophobia constitutes, so to say, the other side of the same coin. The ethnocentric perception of the Self is endangered by the Other, the transgressor, the foreign. ‘Foreigners’ become enemies, as they are not familiar with ‘our’ way of life. In ethnocentric and xenophobic discourse, the only logical consequence is segregation. Allocating to ‘them’ a place where they belong not only separates ‘them’ from ‘us’ but also restores the feeling of power which is threatened by the foreigners’ presence.

The concept of blood as a container of characteristic traits was easily incorporated into racial theories. The idea of inbreeding as a means of preserving the continuity and, more importantly, the purity of one’s bloodline was frequent among historical elites. Blood signified the transport and the passing on of genetic information which supposedly not only contained the physiognomic make-up but also certain inherent, racial character traits. Therefore, endogamic measures were undertaken in order to prevent miscegenation. The myth of putatively pure blood that could be traced back over several generations and that needed to be preserved supported racial segregation as a concrete practice of inclusion and exclusion. Blood as the ← 15 | 16 → main indicator of belonging created both community and exclusion at the same time.

Transferring these concepts to the world of Harry Potter, it can be noted that the issue of race assumes a more prominent role in The Chamber of Secrets. When Hermione accuses Draco of having bought his way into the Slytherin Quidditch team, Draco retorts: “No one asked your opinion, you filthy little Mudblood” (Chamber 117). As Philip Nel observes, “in the Potter universe, calling someone a ‘Mudblood’ is the equivalent of using a racial slur” (248). Consequently, Ron clarifies the scope of Draco’s transgression and explains his bias: “It’s about the most insulting thing he could think of. Mudblood’s a really foul name for someone who was Muggle-born […] There are some wizards […] who think they’re better than everyone else because they’re what people call pure-blood” (Chamber 121).

The prejudices and stereotypes in wizarding society surface every now and then. Horace Slughorn, for instance, tellingly considered Lily to be of pure-blood origin: “Your mother was Muggle-born, of course. Couldn’t believe it when I found out. Thought she must have been pure-blood, she was so good” (Prince 59). Although he hastens to assure that “You mustn’t think I’m prejudiced! No, no, no!” (59), actually he is. The implicit connection between magical ability and blood ancestry stems from the established stereotype: anyone who has any affiliation with Muggles inevitably has to be inferior. It has become so naturalised that it passed into the fabric of wizarding society. The same stereotypes and prejudices keep Arthur Weasley from promotion in the Ministry of Magic due to his childish and naïve passion for Muggle things. As Molly tells Dumbledore, Cornelius Fudge thinks “Arthur lacks proper wizard pride” (Goblet 597). Fudge’s affiliation with bias against Muggles is later confirmed by Dumbledore who reprimands the Minister: “You place too much importance, and you always have done, on the so-called purity of blood” (595).

In The Goblet of Fire, we learn for the first time that the existing prejudices and stereotypes provide those who know how to play them with a powerful weapon. In her Witch Weekly article about ‘Harry Potter’s Secret Heartache’, Rita Skeeter strategically slips in Hermione’s Muggle parentage. Soon the first owls for Hermione arrive, carrying hateful letters from readers. They do not fail to pick up on Skeeter’s racial profiling and insult Hermione because of her origin, composing their slander “from pasted ← 16 | 17 → letters that seemed to have been cut out of the Daily Prophet” (Goblet 456) like a ransom note.

When triggered, ruptures of the social constraints that are imposed on wizards and witches lead to eruptions of violence. One such instance happens after the celebrations of the Irish triumph at the Quidditch World Cup. Festivities are cut short when a masked lynch mob terrorises the spectators and floats the Muggle owners of the campsite in mid-air. Mary Pharr describes the scene as a “holocaustic gateway […] for the return of the Dark Lord” (116), while Suman Gupta remarks that “[t]he manner in which the crowd grows and cheers marks this demonstration as a popular one” (102). Indeed, what constitutes the dread of the action is not necessarily the perversion and cruelty of the masked Death Eaters but the inactivity and even joy of the bystanders. Hence, the scene at the Quidditch World Cup shows that the currents of prejudice run strong in wizarding society. Karin Westman observes that the “residual traces of anti-Muggle prejudice that emerge during the Quidditch World Cup illustrate how deep and broad such sentiments run in the wizarding culture, how they persist as an organizing principle of that world” (322).

In line with supremacist thinking, ‘blood’ is imbued with the power to decide over a person’s social worth, their alleged magical abilities, and their whole essence of being. As Muggle blood is regarded to signify commonness and inferiority, witches and wizards of Muggle descent are discriminated against on the basis of their bloodedness. Vice versa, pure magical blood is lent the notion of superiority, power, and strength. These notions add up to a mysticism of allegedly ‘pure’ blood that is typical of racist ideologies. The two basic types of ‘blood’ find expression in a language that draws heavily on the use of binary terms. Allocating to magical blood the notion of purity leaves to nonmagical blood the association with filth and mud. Lucius Malfoy speaks of not wanting his son to “be influenced into sullying the purity of his bloodline” (Tales 40) and the derogatory ‘mudblood’ takes the idea of soiled blood very literally.

Among pure-blood fanatics, endogamy is held in high esteem. Harry is confronted with ‘The Noble and Most Ancient House of Black’ when he arrives at Grimmauld Place in The Order of the Phoenix. He learns that the motto of his godfather’s family reads ‘Toujours pur’. The grim impression is soon confirmed by Walburga Black, who sort of lives on ← 17 | 18 → in her portrait in the hallway and passes her time shouting racist slurs at passers-by. ‘Toujours pur’ is constructed perfectly along the lines of pure-blood supremacist ideology. Sirius’ mother blasted family members from the family tree tapestry for not making “lovely, respectable pure-blood marriages” (Order 104). As a devout pure-blood fanatic, Walburga Black tried to literally prune her family tree by removing undesirable elements, much like a gardener weeds the garden.

Clearly, there are tensions within the wizarding society related to the issue of bloodedness. The Malfoys and the Weasleys represent the two most extreme ideological stances on this issue: racist pure-blood supremacism versus fondness of Muggles. Racist supremacists meet blood traitors, such as Sirius and the Weasleys, with the same contempt and ideological hatred as the outspoken enemy. As Bellatrix Lestrange puts it: “Blood traitor is next to Mudblood in my book” (Hallows 376). Whereas prejudices against Muggles and Muggle-borns exist in the entire wizarding society, the mysticism around blood purity is more readily embraced and fostered by extremist fanatics.

Lord Voldemort, of course, constitutes the prime example of pursuing the lines of such an extremist supremacist ideology, but the readiness of others to follow is fuelled by the age-old harbouring of racial prejudices and stereotypes in society. Voldemort is smart enough to work these prejudices to his advantage and when he ascends to power, he knows exactly how to tap into the vein of existing racism. The myth surrounding the purity of blood is a powerful narrative in the wizarding world and even if it may not be greeted by everyone as a grand narrative, its power is great enough to facilitate Voldemort’s ascent to power twice.

His willingness to literally go over dead bodies is effectively demonstrated by the events happening during Harry’s second year at Hogwarts. It is also the first time that racism has a direct and very threatening influence on the lived realities of the characters in the novels. Although the basilisk only petrifies the students, its murderous intentions are obvious and it seems mere luck that nobody is permanently harmed. Julia Eccleshare claims that “[t]he petrification of the Mudbloods has sinister overtones. The idea that some individuals are being picked off in what initially seem like unrelated attacks is very scary to an enclosed community. When they discover the link between the victims, it is even more horrific” (79). The attacks draw ← 18 | 19 → on the distinctive marker of bloodedness and bear allusions to xenophobically motivated assaults on “any minority within a society” (79). Aligning himself with Salazar Slytherin’s fanatic fantasy of purging Hogwarts of the unworthy, Voldemort not only affirms his somatic kinship with the Hogwarts founding father but also continues his ideological fight. They are brothers in spirit and willing to go to the ends of ethnic cleansing. The attacks on Muggle-borns at Hogwarts in The Chamber of Secrets mirror the heightened attention that is given to the issue of blood. Although the consequences of Voldemort’s racist ideology are initially confined to the Hogwarts grounds, they do not remain there: the horrifying transition from the school to the larger wizarding world begins with the Death Eaters’ assault on Muggles during the Quidditch World Cup and is completed by Voldemort’s return.

After the seizure of power in The Deathly Hallows, Voldemort implements his racist ideas into active politics and he starts at Hogwarts. He staffs the school with his loyal disciples and while attendance was never obligatory before, any student is now required to attend the school if given Blood Status, that is if they are able to prove wizarding descent for two generations back. The new ideology is immediately included in the school curriculum, making Muggle Studies a compulsory subject for every student. When Harry, Ron, and Hermione arrive at Hogwarts, Neville informs them that “We’ve all got to listen to [Alecto Carrow] explain how Muggles are like animals, stupid and dirty, and how they drove wizards into hiding by being vicious towards them, and how the natural order is being re-established” (Hallows 467).

On state level, those who do not fulfil the basic criterion of belonging are relentlessly persecuted. Immediately after falling to Voldemort, the Ministry calls into existence a Muggle-Born Registration Commission. Under the pretence of scientific inquiry into the origin of magical ability, Muggle-born witches and wizards are called in for questioning. Soon, “Muggle-borns are being rounded up” (Hallows 169). As Kori Patient and Aida Street note, “the Ministry’s Muggle-born registration process is nothing if not sinister and tormenting” (225). Propaganda pamphlets produced at the Ministry inform the public about ‘Mudbloods and the Dangers They Pose to a Peaceful Pure-Blood Society’. Voldemort’s racist state ideology is complemented by a regime of terror. The relentless persecution of ‘enemies of the state’, ← 19 | 20 → the Muggle-born community, marks the first step in demonstrating that personal security is fragile. The Snatchers form a sort of quasi-militia and hunt down Muggle-borns on the run. The atmosphere of mutual mistrust, anxiety, and fear created by these actions guarantees that no one dares to challenge the regime openly.

Within Voldemort’s ideological stance and his political system resonate gruesome images of our country’s past. Picking out citizens on basis of their bloodline and rounding them up under dubious legal pretences while keeping the population in line with state terrorism should ring a bell with anyone who is not oblivious to history. The novels “are transcoded with historical references, albeit reductive ones, to a particular historical period that has come to represent evil” (Patient and Street 205). The classification into Muggle, Half-blood, and Pure-blood echoes the categorisation of blood lineage proposed by the Nuremberg Laws, which defined Jews as second-class citizens. German citizens and wizards and witches alike were forced to prove their ancestry in order to remain full-fledged members of society. In both cases, endogamy was supported or even prescribed in order to secure the ‘purification’ of one’s own race.

In Potterverse, these actions are exemplified by the Ministry’s new motto: ‘Magic is Might’. The motto is engraved on a monument in the Ministry’s Atrium, depicting a witch and a wizard who appear to be sitting on thrones. At a closer look, the “decoratively carved thrones were actually mounds of carved humans: hundreds and hundreds of naked bodies, men, women and children, all with rather stupid, ugly faces, twisted and pressed together to support the weight of the handsomely robed wizards” (Hallows 196). As Hermione correctly observes, they represent Muggles, “in their rightful place” (196). The new motto seems like a distorted perversion of the Nazi’s ‘Jedem das Seine’, which was displayed over the entrance of Buchenwald concentration camp.

Apart from a “reflection of the fascist ideological commitment to racial purity and ethnic cleansing” (Patient and Street 207), we also find similarities in Voldemort’s and Hitler’s politics. The Dementors occupy a similar position in Voldemort’s regime as did the Gestapo in Hitler’s: a secret police, intended to frighten dissenters, keep the population in line, and ignite fear of omnipresent terror. They also bear similarities to Hitler’s Schutzstaffel (SS). The dementors’ depiction, just as Voldemort’s dark mark, is strikingly reminiscent of the skull insignia of the SS Totenkopfverbände (Death Head ← 20 | 21 → Units). Lastly, the Ministry’s reliance on propaganda to diffuse the new racist state ideology resembles the Nazi’s use of similar propaganda measures in order to disgrace Jews within German society. In the same sense, the ideology is taught at school. As Patient and Street observe, “there is a clear connection between the learning outcomes of Muggle Studies and the racial paradigm expressed in the pamphlet used to teach German children about Jews and the blame to lay at their feet for the instability of Germany in 1934” (226).

The association of Lord Voldemort and his disciples with Hitler and the Nazis follows a general trend in popular culture: the abominations of the Holocaust and other Nazi crimes have come to signify pure and unadulterated evil. In this regard, “Hitler, the Nazis, and the Holocaust have come […] to epitomise evil. They have become the quintessential or archetypal metaphor for evil” (Patient and Street 202). Similarly, Stefan Hirt proposes Hitler as ‘pop-icon’ that is used for “his ideological otherness and role as absolute evil in moral discourses and popular culture” (501). By alluding to Nazism and the Holocaust, Rowling depicts Harry’s arch-nemesis as evil on a greater scale and conveys “an immediate understanding of evil to modern audiences by referencing what we think we know about that past” (Patient and Street 204). These encoded images cannot but resonate with our collective memories of these traumatic events and evoke in the reader cultural memory images of this historical period. They serve as a surrogate lieu de mémoire. This is not to say that Harry Potter, or any other work that makes use of this connection, aim in any way at playing down the horrors of the Holocaust or its singularity. Rather, the historical connection is part of Rowling’s work as bricolage and forces the reader to acknowledge this specific period of history as part of the collective memory.

The representation of Voldemort as fundamentally evil entails the presentation of Harry’s moral position as the complete opposite. Whereas Voldemort is not able to free himself from his inherently essentialist perspective, Harry follows Dumbledore’s constructivist approach to identity: “it matters not what someone is born, but what they grow to be” (Goblet 595). In this sense, Harry and Voldemort represent two binary world views because Harry chooses differently. He follows – sometimes more, sometimes less closely – a core set of virtues and morals as well as the maxim of free choice that Dumbledore constantly preaches: “It’s our choices that show what we truly are, far more than our abilities” (Chamber 352). ← 21 | 22 →

Harry’s choice is cemented very early, when he actively chooses to be sorted into Gryffindor. As Elena Ionoaia observes, he distances “himself from a group of people unhindered by morals, choosing a life of morality and virtue” (61). After all, believing in morality and virtues and being willing to act on them is fundamental to making the world a better place. This contradiction in terms of Voldemort’s supremacist ideology and Harry’s empathy and belief in free choice finds its literal expression at the end of The Order of the Phoenix: Voldemort attempts to possess Harry but is ultimately driven out of his body as he cannot bear the boy’s range of positive feelings: “And as Harry’s heart filled with emotion, the creature’s coils loosened, the pain was gone” (751).

Thus, the overall moral value of the Harry Potter books does not lie in the identification of racism and fascism as fundamentally evil. Rather, the connotation of malevolence that is inextricably linked with these interconnected ideologies is used to metaphorically frame evil in the novels. Voldemort chooses to be evil because he resorts to the condemnable practices of racist thinking and fascist politics: “He is a textbook sociopath. What makes him a serious epic antagonist is his willingness to do anything to anyone because he wants to do it” (Pharr 13, emphasis in original). In opposition, Harry puts loyalty, solidarity, compassion, empathy, friendship, and, most importantly, love over hatred and enmity. Harry’s choice of friends – friendship itself being a quality that Voldemort never knew – demonstrates his agency in this regard: he befriends a ‘blood traitor’ and a Muggle-born witch, and together the trio ultimately succeeds in overthrowing the Dark Lord due to their choices and actions.

Although we do not live in a world of magic, the Harry Potter books portray a world that is modelled on our own and troubled by similar problems. They “provide […] not only the promise of triumph over evil, but also guidance on how to meet it through thoughtful attention to right and wrong” (Kern 26). In consequence, the allegory’s message that love beats racism can be transferred to our own practices. In cherishing the values and morals that ultimately prevail in the Harry Potter saga, everyone can make our muddled Muggle world a better place. Depicting the modern world as deeply fractured by political beliefs and competing ideologies, the Harry Potter saga “offers [its] readers the opportunity to ponder on their own ← 22 | 23 → ideas for healing those fractures. Some ignore the opportunity – but others have leapt upon it” (Pharr 15).

In the light of the recent political shift to the right as well as the unwelcome revival of racism, nationalism, misogyny, hatred, and bigotry in our world, it is timelier than ever to be aware of these fractures and competing ideologies, and to reflect on the values promoted by the series. The books suggest to us a way to combat the evils of our own world, just as Harry is able to defeat evil in his. They offer a moral compass and guidance when we are faced with choices in our lives. They show that injustices such as racist and fascist ideologies have no place in a just world, and that every individual person can make a difference by their actions. Firmly believing in solidarity and loyalty, friendship and trust, empathy and love, as well as the willingness to act on those beliefs will help us preserve freedom and democracy in times of crisis. They will help us stay open-minded and open-hearted, and to leap upon the opportunity to heal the fractures of our world, if we stand together in unison.

Regrettably, this understanding seems to have vanished in recent years. Political decisions in the Western hemisphere have revealed that, apparently, not unity is desired but isolation, even within societies. Perhaps it would do well to remember Kingsley Shacklebolt’s keen observation on Potterwatch: “I’d say that it’s one short step from ‘wizards first’ to ‘pure-bloods first’, and then to ‘Death Eaters’. We’re all human, aren’t we? Every human life is worth the same, and worth saving” (Hallows 357). Naturally, in all his wisdom, Albus Dumbledore was also aware of the importance of unity and, most importantly, love. In the greatest moment of crisis, he calls upon the students at the leaving feast of Year Four: “We are only as strong as we are united, as weak as we are divided. […] We can fight [discord and enmity] only by showing an equally strong bond of friendship and trust. Differences of habit and language are nothing at all if our aims are identical and our hearts are open” (Goblet 608).

Works Cited

Eccleshare, Julia. A Guide to the Harry Potter Novels. London: Continuum, 2002.

Gupta, Suman. Re-Reading Harry Potter. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009. ← 23 | 24 →

Hirt, Stefan. Adolf Hitler in American Culture. Paderborn: Schöningh, 2013.

Ionoaia, Eliana. “Moral Fibre and Outstanding Courage: Harry Potter’s Ethics of Courage as a Paradigm for the Muggle World.” Harry Potter’s World-Wide Influence. Ed. Diana Patterson. Cambridge: Cambridge Scholars Publishing, 2009. 49–76.

Kern, Edmund M. The Wisdom of Harry Potter: What Our Favourite Hero Teaches Us about Moral Choices. New York: Prometheus, 2003.

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Isabel Busch

“Now, I consider myself to be a feminist”

Protagonistinnen und Antagonistinnen bei J.K. Rowling

Dieser Aufsatz behandelt das Geschlechterkonzept in den Harry Potter-Romanen, indem jeweils zwei exemplarische Protagonistinnen (Hermione Granger und Ginny Weasley) und Antagonistinnen (Dolores Umbridge und Bellatrix Lestrange) untersucht werden. Die positiven Merkmale der Protagonistinnen sollen von den Leserinnen, hier von heranwachsenden Mädchen, als nachahmenswert aufgefasst werden. Hermione und Ginny werden aus Gender-Sicht analysiert und miteinander verglichen. Dabei fällt auf, dass Ginny Geschlechterkonventionen deutlich mehr unterminiert als Hermione. Die beiden Antagonistinnen dagegen besitzen verachtenswerte Eigenschaften, die insbesondere auf einer politischen, von der Geschlechterfrage losgelösten Ebene zutage treten. Subtil vermitteln sie allerdings auch Rowlings Auffassung von negativer Weiblichkeit, die in gewisser Weise aus feministischer Sicht kritisiert werden kann.

This essay deals with the concept of gender in the Harry Potter novels, by surveying two examples of female protagonists (Hermione Granger and Ginny Weasley) and of antagonists (Dolores Umbridge and Bellatrix Lestrange). Readers, in this case adolescent girls, are expected to find the positive characteristics of the protagonists to be worthy of imitation. Hermione and Ginny are analysed from the perspective of gender and compared to each other. It is important to note that Ginny undermines gender conventions more clearly than Hermione. The female antagonists, on the other hand, display despicable qualities, which come to light particularly on a political level, independent of the gender question. However, they also convey, in a subtle way, Rowling’s idea of negative femininity, which can be criticised from a certain feminist point of view.

In der Jugendliteratur fungieren Protagonistinnen und Protagonisten häufig als potentielle Rollenmodelle für Heranwachsende; dagegen sollen die (negativen) Merkmale von Antagonistinnen und Antagonisten als nicht nachahmenswert empfunden werden. Aus Sicht der Gender-Forschung liegt es daher nahe, diese Figurentypen unter dem Aspekt der ← 25 | 26 → Geschlechterkonstruktionen zu untersuchen. J.K. Rowling hat sich selbst als Feministin bezeichnet, die “well-rounded female characters” geschaffen habe (“Women” 00.18–00.22). Ob bzw. in welchem Umfang ihr dies tatsächlich gelungen ist, soll im Folgenden exemplarisch anhand einer genaueren Betrachtung der Protagonistinnen Hermione Granger und Ginny Weasley sowie der Antagonistinnen Dolores Umbridge und Bellatrix Lestrange untersucht werden.

Hermione Granger

Hermione soll, wenn es nach Rowling geht, das offensichtlichste Rollenmodell für junge, heranwachsende Mädchen darstellen:

I would like to think that Hermione is a role model for girls. […] [I]n creating Hermione, I felt I’d created a girl who was a heroine, but she wasn’t sexy, nor was she the girl in glasses who’s entirely sexless […]. She’s a real girl […]. But she never compromises on being a smart girl. (“Women” 19.15–20.30)

Tatsächlich macht Hermione den Eindruck, auf einer realistischen Ebene ein Rollenmodell zu sein, da sie keine Kompromisse eingeht oder sich einem Gruppenzwang fügt, nur um beliebt zu werden. Dies kann allerdings in der ersten Hälfte von Band 1 noch nicht durch wahre Freundschaft kompensiert werden, was sich bei ihr negativ auswirkt (vgl. Stone 184). Durch die Augen der Erzählinstanz, die Harrys Perspektive einnimmt (Harry fungiert narratologisch als Fokalisierer), wird Hermiones Verhalten zunächst als rechthaberisch und bevormundend gewertet; so wird sie bei ihrem ersten Auftritt im Hogwarts Express, als sie Neville bei der Suche nach seiner Kröte hilft, mit dem Attribut “bossy” versehen: “She had a bossy sort of voice” (Stone 112). Dabei tritt ihre Hilfsbereitschaft Neville gegenüber in den Hintergrund.1

Hermione wird erst zur Freundin von Harry und Ron, als sie nach dem Vorfall mit dem Troll Professor McGonagall anlügt, um den Jungs Schwierigkeiten zu ersparen (vgl. Stone 194). Dadurch, dass sie ab diesem Moment allgemein ein wenig entspannter beim Regelbrechen und Lügen ← 26 | 27 → ist, wirkt sie sympathischer, was kein Zufall ist, da Figuren mit strikter Autoritätshörigkeit häufig negativ bewertet werden, wie Percy Weasley in den Bänden 5 und 6, und Bartemius Crouch. Hermione ist im 5. Band sensibilisiert dafür, dass Regelbrechen und Aufbegehren gegen paternalistische Institutionen gerechtfertigt sein können: Hermione nimmt als (vermutlich) einzige Person wahr, worum es wirklich geht, als Professor Umbridge bei ihrer Einführungsrede ihre Pläne subtil darlegt: nämlich um die Einführung rigider autoritärer Strukturen (vgl. Phoenix 193). Hermione stellt nicht nur Umbridges Methoden in Frage, sondern praktiziert mit der Initiierung der Quasi-Guerilla-Armee “Dumbledore’s Army” Widerstand (vgl. Phoenix 217, 290ff.). Damit bietet sie sich als Heldin mit Vorbildfunktion auf einer realistisch-politischen Ebene an.

Ihre Fähigkeiten als Heldin im abenteuerlichen Fantasy-Gebiet sind ebenfalls beachtlich. Ihre außergewöhnliche Intelligenz und Belesenheit sind in vielen Fällen überlebenswichtig für das Helden-Trio. Im zweiten Band ist sie sogar diejenige, die das Projekt zum Lösen des Rätsels um die “Chamber of Secrets” leitet, die Zutaten für die Polyjuice Potion stiehlt, und alle notwendigen Lösungen vorgibt, die von Harry und Ron benötigt werden für Ginnys Rettung (vgl. Chamber 186, 290ff.). Eine angemessene Würdigung, z.B. vonseiten der Schule, erhält sie dafür nicht. Es ist auffällig, dass sie Harry in jenem Bereich, der ihm, als Helden im klassischen Sinn, praktisch zugeordnet ist, nicht überflügeln darf, also im kämpferischen Bereich. Sie beweist zwar, dass sie defensive Zauber gut beherrscht (vgl. Phoenix 694–98), aber in den OWL-Prüfungen ist Defence against the Dark Arts das einzige Fach, in dem sie nicht die Bestnote erreicht (vgl. Prince 101), und bis zum Schluss der Buchserie ist sie schlechter in der Dementoren-Abwehr als Harry (vgl. Prince 217). Allgemein ist sie eher unsportlich; sie spielt wenig und schlecht Quidditch2 (vgl. Prince 103) und fliegt generell nicht gern (und gut) auf einem Besen oder sonst einem Fortbewegungsmittel der magischen Welt.3 Damit bedient sie das Klischee der/des unsportlichen ‘Streberin/Strebers’, noch dazu wirkt ihre Reaktion auf das Fliegen auf ← 27 | 28 → dem Hippogriff Buckbeak stereotypisch weiblich (vgl. Azkaban 445). Es ist ebenso auffällig, dass Hermione, die sonst ihre akademischen Leistungen anerkannt haben möchte, es akzeptiert, wenn ihre Beiträge zu den Abenteuern ignoriert werden.

Mit Blick auf Gender-Stereotypisierung lässt sich feststellen, dass Hermione alle sieben Bände hindurch stereotypisch weibliche Merkmale aufweist, die sie anscheinend nicht überwinden darf, was insbesondere linguistisch auffällt. In ihren Reaktionen auf Situationen oder in Interaktion mit anderen Figuren werden häufig Adverbien wie “timidly”, “nervously” und “tremulously” verwendet:

‘Oh dear,’ said Hermione nervously. ‘He’s [Buckbeak] still a bit scary, isn’t he?’ […] ‘Oh dear!’ said Hermione, looking stricken. […] Hermione […] looking rather frightened. […] said Hermione tremulously […] said Hermione timidly. (Prince 214–16)4

Am Ende der sieben Canon-Bände wird nicht klar, ob Hermione als verheiratete Frau und Mutter berufstätig ist (Hallows 603–07). Sie hatte sich zwar sehr geschmeichelt gefühlt, als der Death Eater Barty Crouch jr., getarnt als Mad-Eye Moody, ihr die Fähigkeiten zum Auror (also einem Mitglied der Elite-Truppe zur Bekämpfung der dunklen Künste) bescheinigt (vgl. Goblet 495). Allerdings erwägt sie bei den Berufsorientierungswochen, ihre karitativen Aktivitäten zur Befreiung der Hauselfen zum Beruf zu machen (vgl. Phoenix 206). Erst in Semi-Canon-Quellen, wie dem Theaterstück Harry Potter and the Cursed Child, wird Hermione zur erfolgreichen Politikerin, sogar zur Staatschefin, gemacht (Rowling, Tiffany & Thorne 33). Da in den gleichen Quellen Ron einen zeitlich flexibleren Job zu haben scheint, ist er wohl hauptsächlich für die Kindererziehung verantwortlich (ebd.). Damit praktizieren die beiden tatsächlich ein feministisch-progressives Familienmodell. ← 28 | 29 →

Als einzige Freundin lässt sich Ginny ausmachen, und das erscheint eher am Rand, da Harry, wie oben erwähnt, den Fokalisierer der Handlung darstellt, so dass vollkommen unbekannt bleibt, wie Hermione und Ginny in Abwesenheit der Jungs interagieren (vgl. Phoenix 265, Prince 496). Dafür, dass sich Hermione im 4. Band die Schneidezähne magisch verkleinern lässt, wird Rowling von einigen Autorinnen und Autoren, u.a. Claudia Fenske, kritisiert. Diese Maßnahme suggeriere heranwachsenden Mädchen, sie sollten sich geltenden Schönheitsnormen beugen (Fenske 339). Falls sich Hermione eher aus ästhetischen als aus medizinisch notwendigen Gründen für diesen Eingriff entscheidet, dann widerspricht diese Maßnahme Rowlings Anspruch an Hermione, sie würde keine Kompromisse eingehen, um beliebt zu sein.

Ginny Weasley

Ginny, als love interest des Helden, bekommt von Rowling, nach eigener Aussage, geeignete Charakteristika, damit sie Harry ebenbürtig sei:

She’s tough, not in an unpleasant way, but she’s gutsy […]. I think she’s funny, and I think she’s very warm and compassionate. These are all things that Harry requires in his ideal woman. […]. Ginny had to go through a journey as well […]. And I feel that Ginny and Harry […] are total equals. They are worthy of each other. (“TLC Interviews”)

Nach ihrer anfänglichen Schwärmerei für Harry, die sie schüchtern und ungeschickt werden lässt, findet Ginny nach und nach mehr zu sich selbst zurück, auch in Harrys Gegenwart, was schließlich sein Interesse an ihr weckt. Als einziges Mädchen in ihrer Familie, und noch dazu als jüngste von sieben Kindern, ist sie das ‘zähere’ Mädchen in Harrys Umfeld. Im Gegensatz zu Hermione ist Ginny sehr sportlich und eine leidenschaftliche Quidditch-Spielerin (womit sie und Harry ein gemeinsames Hobby haben). Sie hat sich Quidditch sogar selbst beigebracht, indem sie regelmäßig in den Geräteschuppen ihrer Familie eingebrochen ist und sich die Besen ihrer Brüder ungefragt ausgeliehen hat (Phoenix 506). Auch darin unterscheidet sie sich von Hermione, die nur um einer höheren Sache willen bereit ist, Regeln zu brechen. Ginny wendet ihre magische Spezialität, den Bat-Bogey Hex, nicht nur zur Selbstverteidigung an, sondern auch wenn sie jemand nervt. Sie ähnelt darin den Zwillingen Fred und George sowie Ron, die ← 29 | 30 → gerne impulsiv aggressiv werden (vgl. Prince 141). Alle diese Eigenschaften würde man am ehesten als burschikos (“tomboyish”) bezeichnen. Claudia Fenske beschreibt sie als “easy-going, fun to be with, quick-witted” (338), und dazu als “brave, independent” (187).

Burschikose Heldinnen sind allerdings als Stereotypen selten sexuell begehrt oder aktiv. Bei Ginny ist das anders. Sie hat mehr Erfahrungen im Bereich der romantischen Beziehungen als ihr älterer Bruder Ron und ihr Freund und späterer Ehemann Harry: Sie hat innerhalb eines Schuljahres zwei feste Freunde, und die Beziehung mit dem ersten beendet sie selbstbewusst (vgl. Phoenix 763). Ginny bringt für Harrys Entschluss, sich auf die lebensgefährliche Suche nach den Horcruxen zu machen, Verständnis auf. Sie kennt Harry sogar so gut, dass sie seine Entscheidung voraussieht (vgl. Prince 602). Ihre Emotionen darüber behält sie für sich und lässt ihnen nur vor Harry versteckt freien Lauf (vgl. Hallows 99–100).

Es ist wichtig, dass Rowling davon spricht, dass auch Ginny eine Reise, also eine Entwicklung durchläuft. Als sie sich zum ersten Mal in einer Gefahrensituation, in der sie auf sich allein gestellt ist, bewähren muss, ist sie genauso alt wie Harry bei seinem ersten Abenteuer (11 Jahre). Sie wehrt sich so gut sie kann gegen den übermächtigen Tom Riddle aus dem Tagebuch, zumindest nach dessen Aussage (vgl. Chamber 313). Dieser Mut, der dem Harrys in nichts nachzustehen scheint, wird zu wenig von den Menschen in ihrer Umgebung anerkannt, höchstens ansatzweise von Dumbledore (vgl. Chamber 330). Da auch Ginny zu Dumbledore’s Army, und später zum engen Kreis um Harry herum gehört, der mit auf gefährliche Missionen geht, wie in das Department of Mysteries zur vermeintlichen Rettung von Sirius, sammelt Ginny Kampferfahrungen (vgl. Phoenix 670, 694ff.). Während das Helden-Trio Harry, Hermione und Ron auf Horcrux-Suche ist, bleibt Ginny auf Hogwarts nicht passiv. Sie ist im Widerstand aktiv, als das Death Eater-Regime, unter der vermeintlichen Führung von Snape, Hogwarts gleichschaltet und auf Linie der faschistischen Politik von Voldemorts Marionetten-Regierung bringt (vgl. Hallows 244–45). Bei der entscheidenden Schlacht um Hogwarts muss sich Ginny gegen ihre behütende Mutter und Harry wehren, die sie am liebsten vom Kampf fern halten wollen (vgl. Hallows 486ff.). Ginny setzt ihren Willen durch, erweist sich als fähige Kämpferin und bringt in der Schlachtpause einem verletzten Mädchen Mitgefühl entgegen (vgl. Hallows 558). ← 30 | 31 →

Wieder äußert sich das Ende der Canon-Reihe nicht dazu, ob Ginny, inzwischen mit Harry verheiratet und Mutter dreier Kinder, berufstätig ist. Erneut liefern nur die oben genannten Semi-Canon-Quellen eine Antwort darauf: Diesen Quellen zufolge ist Ginny beim Daily Prophet Leiterin des Sport-Ressorts (Rowling, Tiffany & Thorne 64). Das würde zu ihrem burschikos-sportlichen Charakter passen.

Dolores Umbridge

J.K. Rowling zeigt eine Vorliebe für telling names, also Namen, die gleichzeitig eine Charakterbeschreibung liefern. Im Fall von Dolores Umbridge ist insbesondere ihr Vorname von Bedeutung: “dolores” ist der Plural des spanischen Wortes für Schmerz, dolor. Umbridge verursacht tatsächlich buchstäblich Schmerzen. Sie bestraft widerspenstige Schülerinnen und Schüler wie Harry damit, dass diese mit ihrem eigenen Blut, das durch das Einschneiden einer speziellen Schreibfeder in den Handrücken gewonnen wird, Sätze schreiben müssen. Dabei werden diese Sätze in den Handrücken eingraviert (vgl. Phoenix 240).

Der erste Eindruck, den Umbridge bei Harry und später den Schülerinnen und Schülern beim Schulanfangsfest vermittelt, täuscht zunächst über ihren wahren Charakter hinweg. Sowohl ihre Stimme, “a fluttery, girlish, high-pitched voice” (Phoenix 134), als auch ihr äußeres Erscheinungsbild erwecken den Eindruck, als sei sie harmlos,5 so dass die Schülerinnen und Schüler sie zunächst nicht ernst nehmen. Nur Hermione, wie oben erwähnt, erkennt Umbridges Absicht, die Strukturen Hogwarts’ nach ihren autoritären Maßstäben zu formen (vgl. Phoenix 192–93). Nicht nur ihre drakonischen Strafarbeiten kennzeichnen sie, sondern auch die Tatsache, dass sie keine Meinungsfreiheit zulässt, ebenso wie die Schuldekrete, die sie in ihrer Funktion als High Inquisitor erlässt (vgl. Phoenix 313). Sie errichtet innerhalb von Hogwarts quasi einen Überwachungsstaat (vgl. Phoenix 320) und ruft die Schülerinnen und Schüler zur Denunziation auf, sollte Widerstand gegen Umbridges Regime aufkommen. Als vom Ministerium eingesetzte ← 31 | 32 → Direktorin nach Dumbledores Flucht genießt sie praktisch totale Macht. Neben einem ausgeprägten Rassismus beweist sie eine Tendenz zum Sadismus, der am deutlichsten zutage tritt, als sie Harry unter Verwendung des Folter-Zauberspruchs befragen will: “‘What Cornelius doesn’t know won’t hurt him,’said Umbridge, who was now panting slightly as she pointed her wand at different parts of Harry’s body in turn, apparently trying to decide where it would hurt most” (Phoenix 658). Ihr Keuchen lässt darauf schließen, dass ihre sadistische Erregung eine erotische Komponente besitzt.

In Voldemorts Marionetten-Regierung leitet Umbridge die Muggle-born Registration Commission, wo sie Anti-Muggle-born-Propaganda herstellen lässt (Hallows 205), was an die antisemitische Propaganda während der NS-Zeit erinnert (vgl. Waibl-Stockner 236). Zudem obliegt es ihr, Hexen und Zauberer, die unter ‘Verdacht’ stehen, Muggle-borns zu sein, auf ihren blood status hin zu überprüfen und Ehepaare in sogenannten Mischehen unter Druck zu setzen (vgl. Hallows 214–15); auch diese Tätigkeiten weisen eine frappierende Ähnlichkeit zu Methoden der Nationalsozialisten auf, insbesondere zu den Nürnberger Rassegesetzen (vgl. Pätzold 26, 32–33).

Aus Gender-Sicht ist auffallend, dass Umbridge eine stark ausgeprägte Kinderfeindlichkeit zeigt, was der gewalttätige Umgang mit den Schülerinnen und Schülern beweist, z.B. die körperliche Misshandlung von Marietta (vgl. Phoenix 543). In der Film-Adaption von Harry Potter and the Order of the Phoenix sagt Umbridge, gespielt von Imelda Staunton, sogar explizit: “I really hate children” (1.38.26-1.38.31). Im Zusammenhang mit der Filmadaption ist außerdem anzumerken, dass der Haar- und Kleidungsstil nicht von ungefähr an die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher erinnert, denn in den englischsprachigen Medien wurde häufiger eine Parallele zwischen beiden Frauen gezogen, z. B. von Tom Charity, der Umbridge wie folgt charakterisiert: “A giggly disciplinarian in pink knits, she rather reminded me of Queen Elizabeth II, though I suspect there’s a deliberate echo of Margaret Thatcher in the way she pronounces her cruel diktats with a passive-aggressive feminine sweetness” (Charity).

Dolores Umbridge fehlen jegliche stereotypisch ‘weiblichen’, ‘weichen’ Charakterzüge, insbesondere ‘Mütterlichkeit’. Allein dies schon macht sie zu einer Negativfigur, ganz abgesehen von ihren autoritären, rassistischen und sadistischen Verhaltensmustern. ← 32 | 33 →

Bellatrix Lestrange

Bellatrix Lestrange erscheint in den Büchern das erste Mal, als Harry in einer Erinnerung von Dumbledore im Pensieve die Gerichtsverhandlung mitverfolgt, in der Bellatrix mit anderen Death Eatern, u.a. Barty Crouch jr., verurteilt wird wegen der Folterung von Neville Longbottoms Eltern, was beide zu Pflegefällen gemacht hat (vgl. Goblet 516–17). Als Bellatrix Neville im Department of Mysteries begegnet, bereitet ihr der Gedanke, ihn, den Sohn ihrer ehemaligen Opfer, ebenfalls zu foltern, große Freude: “She looked transported, alive with excitement as she glanced at Harry, then back at Neville” (Phoenix 706). Schon vorher, als sie erwägt, Ginny zu foltern, suggeriert das rapide Heben und Senken ihrer Brust eine erotische Erregung (vgl. Phoenix 691). Das hat sie gemein mit Dolores Umbridge.

Im Gegensatz zu Umbridge gibt es allerdings nichts an Bellatrix, was über ihr sinistres Wesen hinwegtäuscht: weder ihre Stimme (“harsh female voice”, Phoenix 689), noch ihr äußeres Erscheinungsbild (“long, dark hair that looked unkempt and straggly […] heavily lidded eyes, an arrogant, disdainful smile playing around her thin mouth” Phoenix 480); ihr Gesicht erscheint “gaunt and skull-like” (Phoenix 691). Dadurch, dass Bellatrix einer terroristischen Untergrundvereinigung angehört, und nicht, wie Dolores, zum Establishment, ist Bellatrix weitaus “großzügiger” in der Anwendung von Gewalt. Sie teilt den extremistischen Rassismus ihres ‘Gebieters’, Voldemort. Sie ist ausschließlich auf ihn fixiert, auf eine geradezu sklavische und masochistische Weise, und es wird an einigen Stellen klar, dass sie ein erotisches Verhältnis zu ihm unterhält, auch wenn diese Beziehung eindeutig auf Einseitigkeit beruht; so spricht sie zu ihm “as if to a lover” (Hallows 580). Bellatrix ist allen anderen Personen gegenüber arrogant und gebieterisch, aber Voldemort fügt sie sich stets ohne zu zögern, und selbst wenn er ihr befiehlt, zu schweigen, sieht sie ihn “in worshipful admiration” an (Hallows 563).

Bellatrix ist zwar verheiratet, mit Rodolphus Lestrange, aber er ist weder für die Handlung noch für sie von Bedeutung. Es ist möglich, dass sie lediglich einer Art Verpflichtung innerhalb der pure-blood magischen Familien nachgekommen ist, wo die ‘Reinhaltung’ des magischen Blutes durch geeignete Eheschließungen gewährleistet sein muss. Die Ehe der Lestranges bleibt allerdings kinderlos. Aus Bellatrix’ eigenen Worten wird deutlich, ← 33 | 34 → dass sie sich aus keinerlei mütterlichen Gefühlen heraus Kinder, beziehungsweise Söhne, wünschen würde, sondern ausschließlich, um sie in Voldemorts Dienste zu stellen: “‘You should be proud!’said Bellatrix ruthlessly. ‘If I had sons, I would be glad to give them up to the service of the Dark Lord!’” (Prince 39). Sie stellt damit nicht nur eine vollkommen pervertierte Auffassung von Mütterlichkeit zur Schau, was sie deutlich von ihrer Schwester Narcissa unterscheidet, deren ‘weichere’ mütterliche Seite Harry später das Leben rettet. Man kann bei ihrer Haltung auch eine Ähnlichkeit feststellen zu der Art von Frauen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ‘dem Führer ein Kind schenken’ wollten. Damit steht sie auch den anderen wichtigen Müttern der Romane (Molly Weasley und Lily Potter) diametral gegenüber. Dass Molly Weasley in der Schlacht von Hogwarts, nachdem gerade einer ihrer Söhne gefallen war, die ‘un-mütterliche’ Sadistin Bellatrix tötet, erscheint damit als poetic justice (vgl. Hallows 590).

Offensichtlich ist neben dem Sadismus und Rassismus der Psychopathin Bellatrix Lestrange auch deren ‘Anti-Mütterlichkeit’ ein zentraler Faktor ihrer Rolle als Antagonistin. Aus Gender-Sicht wird denn auch in der Sekundärliteratur angemerkt, dass bei dem Molly-Bellatrix-Duell zwei vollkommen konträre Konstruktionen von Weiblichkeit gegenüberstehen. So meint Fenske, dass Mollys “motherly love” die “strong, independent and evil woman” besiege (341). Rowling selbst bestätigt, dass sie diese Gegenüberstellung bewusst konzipiert habe: “And of course, you also have two very different kinds of female energy there pitted against each other. You have Molly, who will mother the whole world if she can and you have Bellatrix, whose idea of love is very perverse and twisted” (“Women” 04.55–05.06).

Zudem lohnt sich eine Betrachtung der Episode, als Hermione sich mittels Polyjuice Potion in Bellatrix verwandelt, um an ihr Schließfach in Gringotts zu kommen. So wie in der Sekundärliteratur Harry und Voldemort mit dem Doppelgängermotiv in Verbindung gebracht werden, hätte man dieses Mittel auch bei Hermione und Bellatrix anwenden können. Hermione findet allerdings kaum in die ‘Rolle’ hinein (vgl. Hallows 423ff.). Dabei wäre dies eine Gelegenheit gewesen, auch bei Hermione ‘düstere’ Aspekte zutage treten zu lassen – analog zu Harry, dessen Charakter dadurch an Komplexität gewinnt. Da man nie Hermione als Fokalisiererin hat, ist nicht bekannt, ob sie jemals ‘düstere’ Neigungen empfindet; in Bellatrix’ Haut zu schlüpfen ← 34 | 35 → (wortwörtlich) hätte Hermione die Chance gegeben, diese Neigungen zuzulassen und auszudrücken. Dies geschieht aber nicht, woraus zu schließen ist, dass Hermione solche Neigungen nicht hat. Damit verliert Hermione in gewissem Grad an charakterlicher Komplexität, was konträr zu Rowlings Anspruch steht, “well-rounded female characters” geschaffen zu haben.

Erst recht gilt dies für die hier behandelten weiblichen Nebenfiguren. Dolores Umbridge und Bellatrix Lestrange weisen kaum eine innere Komplexität auf; es gibt bei ihnen ausschließlich abstoßende Charakterzüge und keine Hintergrundgeschichte, die die charakterliche Entwicklung erklären könnte. Ginny zeigt zumindest Ansätze einer tiefer gehenden Entwicklung, dadurch, dass sie durch die Ereignisse mit Tom Riddles Tagebuch traumatisiert wurde. In den folgenden Bänden wird zumindest nebenher darauf eingegangen, dass sie diese Erinnerungen mit sich trägt, aber mit der Zeit souverän damit umgeht.

Ob Rowling ihrem eigenen feministischen Anspruch gerecht wird, ist eine Frage der Perspektive. Immerhin treten ihre hier dargestellten Protagonistinnen als Vertreterinnen verschiedener selbstbewusster Mädchen- bzw. Frauentypen auf.

Hermione Granger, die Rowling hauptsächlich als Rollenmodell für heranwachsende Mädchen vorgesehen hat, erfüllt weniger in feministischer Hinsicht diese Funktion als in einer allgemein politischen, die vom Geschlecht losgelöst ist. Der zivile Ungehorsam und der paramilitärische Widerstand, den sie in Opposition zu Umbridge praktiziert, sind sowohl für Mädchen/ Frauen als auch für Jungs/ Männer mehr oder weniger nachahmenswerte Verhaltensweisen. Auch dies kann allerdings aus Gender-Sicht begrüßt werden, da Jungs möglicherweise dazu ermutigt werden, sich ein Mädchen/ eine Frau zum Vorbild zu nehmen. Hermione agiert jedoch zu oft stereotypisch weiblich, um speziell heranwachsende Mädchen dazu zu motivieren, aus vorgegebenen Verhaltensmustern auszubrechen. Ginny Weasley eignet sich eher für diese Funktion, da sie, von ihrer vorpubertären Schwärmerei abgesehen, ein enormes Maß an Selbstbewusstsein beweist, mit dem sie traditionelle Muster sprengt. Nicht zuletzt zeigt sich das auch in ihrer gelegentlichen impulsiven Aggressivität, die generell bei Mädchen eher verpönt wird. Das hindert Ginny aber nicht daran, Mitgefühl und ‘weichere’ Eigenschaften zu entwickeln und diese zu zeigen, wenn es darauf ankommt. Aber auch sie beugt sich schlussendlich mit der Ehe und Mutterschaft einer ← 35 | 36 → gesellschaftlichen Konvention. Durch ihre jeweiligen Berufstätigkeiten, die nur in Semi-Canon-Quellen bestätigt werden, punkten Hermione und Ginny aber dennoch aus feministischer Perspektive.

Das Primat der erfüllenden (heterosexuellen) Beziehung in Form einer Ehe und der dazugehörigen Mutterschaft wird von Dolores Umbridge vollkommen abgelehnt. Bellatrix Lestrange pervertiert beide Aspekte durch ihre unterwürfige Beziehung zu Voldemort und ihre Einstellung, Kinder in den Dienst des dunklen Lords zu stellen. Auch die impliziten sexuellen Neigungen beider Figuren, in Form ihrer jeweiligen sadistischen Verhaltensweisen, unterstreichen die Tatsache, dass die Antagonistinnen bei Harry Potter in ihren Konzepten von Weiblichkeit, nach Meinung von J.K. Rowling, nur abzulehnen sind. Bei der Konstruktion ihrer Antagonistinnen geht es Rowling offenbar vor allem darum, sie als politische Negativbeispiele darzustellen; wobei die enge Verknüpfung ihrer Ablehnung der Mutterrolle und ihren generellen sadistischen und faschistoiden Neigungen aus feministischer Sicht als problematisch aufgefasst werden kann. Da in den Canon-Büchern keine ‘positive’ weibliche Figur auftaucht, die Ehe und Mutterschaft ablehnt, und trotzdem keine herzlose, egoistische Sadistin ist, bleibt zu fragen, ob Rowling in dieser Hinsicht ein gewisses Ideal von Weiblichkeit propagieren möchte.

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1 Claudia Fenske zieht aus dem ersten Eindruck ein objektiveres Résumé: “She is a rather resolute girl […], who is very sure of herself and not in the least way shy […], we notice her commitment to her fellow students searching the train for Neville’s toad” (198).

2 Offenbar die einzige Sportart für Hexen und Zauberer.

3 Laut Farah Mendlesohn ist aber gerade die gute Leistung im Sport auf britischen Schulen eine wichtige Angelegenheit, die höher bewertet wird als die übrigen Leistungen (vgl. Mendlesohn 169).

4 Eliza Dresang beschäftigt sich ausführlich mit der Stereotypisierung von Hermione aus linguistischer Sicht: “Repeatedly Rowling has Hermione ‘shriek,’ ‘squeak,’ ‘wail,’ ‘squeal,’ and ‘whimper,’ verbs never applied to the male characters in the book. For Hermione the bossy, assertive champion of rights and problem solver, these words, at least in some contexts, seem unbelievable and completely out of character […]. The language that constructs the roles played by Harry and Ron is much calmer, more reasoned, despite the fact that Hermione is the problem solver” (223).

5 “She looked, Harry thought, like somebody’s maiden aunt: squat, with short, curly, mouse-brown hair in which she had placed a horrible pink Alice band that matched the fluffy pink cardigan she wore over her robes” (Phoenix 183).

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Dana Steglich

“You can do magic!”

Zur Entwicklung des Magiesystems in Harry Potter

Der Beitrag untersucht die vier Grundelemente menschlicher Magienutzung in den Harry Potter-Romanen anhand von Harrys Entwicklung. Harrys magische Fähigkeiten werden durch starke Emotionen ausgelöst; doch können sich Emotionen auch als hemmend erweisen. Der Zauberstab wird in doppelter Funktion dargestellt, als Verstärker sowohl der menschlichen Magie als auch der individuellen Persönlichkeiten seiner Träger. Die genetische Veranlagung, welche das Vorhandensein von Magie im Menschen erst ermöglicht, wird kurz diskutiert; der Fokus der Analyse liegt den Romanen folgend jedoch auf der schulischen Ausbildung und der Entwicklung zu einer durch emotionale Intention bedingten Magiefähigkeit. Letztendlich erweist sich jedoch die Liebe als Kern von Rowlings Magiesystem.

In this essay the four basic elements of the use of magic in the Harry Potter books are examined by looking at Harry’s development. Harry’s magic faculties are triggered by strong emotions; however, emotions can also turn out to be inhibiting. The wand is presented in a double function: as strengthening both human magic and the individuality of its bearer. The genetic predisposition of magic in humans is briefly discussed; however, by following the sequence of the novels, the main focus of the analysis is on school education and the development of magical abilities dependent on emotional intentions. In the last resort, what lies at the centre of Rowling’s system of magic is love.

Als der britische Premierminister zu Beginn des sechsten Harry Potter-Bandes durch Zaubereiminister Cornelius Fudge von Lord Voldemorts Rückkehr erfährt, platzt ein verzweifelter Ausruf aus ihm heraus: “But for heaven’s sake – you’re wizards! You can do magic! Surely you can sort out – well – anything!” (Prince 24) Fudges Antwort – “the other side can do magic too” (Prince 24) – geht dabei zwar auf den für ihn gerade aktuellen Konflikt zwischen Zaubereiministerium und Todessern ein, nicht aber auf das der Verwirrung des Muggles zugrundeliegende Problem: Der britische Premierminister erhält durch Fudge Einblick in eine Welt, deren Regeln ← 39 | 40 → er nicht versteht. Er weiß nicht, wie Magie funktioniert oder angewandt werden kann, nicht einmal, welche rechtlichen oder moralischen Schranken den Zauberern und Hexen gesetzt sind. Er weiß nur, dass es in dieser anderen Welt Magie gibt. Und müsste das denn nicht alle Probleme lösen?

Ebenso wie der britische Premierminister erhalten auch die Leser durch Rowlings Bücher Einblick in eine magische Welt, anders als ihm werden ihnen allerdings durch die sieben Harry Potter-Bände hinweg Anhaltspunkte gegeben, aufgrund derer sie die Regeln dieser Welt und ihrer Magie zumindest ansatzweise zu verstehen lernen. Wie funktioniert also die Magie im Harry Potter-Universum? Was erfordert ihre Anwendung? Welche rechtlichen oder moralischen Schranken begrenzen ihre Nutzung?

Wagt man sich an eine Systematisierung der Magie in den Harry Potter-Büchern, so fällt zuerst einmal auf – wie zahlreiche Vorarbeiten bereits festgestellt haben (vgl. z.B. Gupta 97ff.) –, dass Rowling ihre Welt aus Fragmenten mythologischer, literarischer und medialer Fantastik zusammenstellt. Tierwesen und magische Veranlagungen erscheinen ebenso vertraut wie der Einsatz eines Zauberstabs. Die Kombination verschiedenster Komponenten hinterlässt daher den Eindruck, dass Rowling in Bezug auf ihr magisches System absichtlich vage bleibt, um den Ausbau desselben gleichzeitig mit dem Ausbau ihrer Welt über die sieben Romane hinweg zu ermöglichen. Die These, dass sich das Magiesystem in Harry Potter parallel zu Harrys Entwicklung über die sieben Bände seiner Geschichte hinweg konkretisiert, führt dann jedoch zu der Anschlussfrage: Was verbindet Harrys Geschichte mit dem System der magischen Welt? Was ist der Kern von beiden?

Um diese Frage zu beantworten, soll hier eine erste Systematisierung der Magie in Harry Potter versucht werden. Die verschiedenen Komponenten der menschlichen Magie,1 welche diese ermöglichen, zu Tage bringen und unterstützen, sollen dabei, wie es auch die Bücher tun, Harrys eigener ← 40 | 41 → Konfrontation mit, und seinem wachsenden Verständnis von, Magie folgend analysiert werden.

Magie ist in Harrys Leben bereits lange vor seinem ersten Schultag in Hogwarts. Zu Beginn von Harry Potter and the Philosopher’s Stone erfahren die Leser, wie nach einem von Tante Petunias Radikalkürzungen Harrys Haar über Nacht nachwächst, wie der hässlichste von den für Harry bestimmten Pullovern auf Babygröße schrumpft, wie dem von Dudleys Freunden verfolgten Harry der stockwerkhohe Sprung aufs Schuldach gelingt (Stone 23) und, letztlich, wie bei Harrys Besuch im Zoo plötzlich eine Glasscheibe verschwindet (Stone 26).

“Not a wizard, eh? Never made things happen when you was scared, or angry?” (Stone 47), fragt Hagrid, als Harry Zweifel an seiner Identität als Zauberer äußert. Angst und Wut werden hiermit zu Beginn der Potter-Romane als Ventile herausgestellt, die magische Fähigkeiten an die Oberfläche bringen.

“I can make things move without touching them. I can make animals do what I want them to do, without training them. I can make bad things happen to people who annoy me. I can make them hurt if I want to” (Prince 254). So beschreibt der junge Tom Riddle Dumbledore gegenüber seine ersten Erfahrungen mit Magie. Dass Riddles Motivation hier eher Abscheu oder Kontrollsucht ist, rechtfertigt die Annahme, dass jegliche starke Emotion als Ventil für magische Fähigkeiten fungieren kann. Und dass extreme Gefühle nicht nur in Harrys und Voldemorts Fall zur Hervorbringung von Magie führen, sondern als grundsätzliche Auslöser angesehen werden können, bestätigen zudem spätere Bände der Harry Potter-Reihe: “‘Often,’ said Mr Weasley, ‘when you’re in a pressured situation you can produce magic you never dreamed of’” (Hallows 74). Dies gilt insbesondere für Kinder, die noch nicht in Magie unterrichtet wurden und deren Fähigkeiten sich bis zum siebten Lebensjahr offenbaren werden (vgl. Hallows 179).

Schilderungen von magisch aktiven Kleinkindern, wie beispielsweise ein Baby auf dem Zeltplatz der Quidditch-Weltmeisterschaft oder die junge Lily Evans in Snapes Erinnerungen, zeigen die Alltäglichkeit des spielerischen Erlernens einer von Geburt an vorhandenen Magie. Diese kann einerseits durch Emotionen zum Auftreten gebracht werden; Depression, Schock oder emotionale Belastungen jeglicher Art können andererseits auch zu einer Reduzierung von magischen Fähigkeiten führen, wie beispielsweise an Tonks ← 41 | 42 → Verlust ihrer Metamorphmagie und im Wandel ihres Patronus im sechsten Band sichtbar wird: “‘She can’t change her appearance like she used to,’ explained Hermione. ‘I think her powers must have been affected by shock, or something.’ ‘I didn’t know that could happen,’ said Harry. ‘Nor did I,’ said Hermione, ‘but I suppose if you’re really depressed …’” (Prince 94).

Ein Extremfall, der das Vorhandensein von Magie im Menschen und die Hervorbringung derselben durch Emotionen auch in seiner negativen Konsequenz zeigt, ist Ariana Dumbledore. Nach einem Angriff durch Muggles weigert sich die junge Ariana, Magie erneut auszuführen: “It destroyed her, what they did: she was never right again. She wouldn’t use magic, but she couldn’t get rid of it: it turned inwards and drove her mad, it exploded out of her when she couldn’t control it” (Hallows 455). Arianas Beispiel, wie auch die Thematisierung der “Obscurial” (Kinder, die gezwungen wurden, ihre magischen Fähigkeiten zu unterdrücken) im Film Fantastic Beasts and Where to Find Them beweist einerseits, dass magische Fähigkeiten (zu einem bestimmten Grad) nicht erlernt, sondern von Geburt an vorhanden sind, und verdeutlicht andererseits die enorme Auswirkung, die der emotionale Gemütszustand des Menschen auf seine magischen Kräfte hat.

Auch ohne eine Ausbildung in Schulen wie Hogwarts ist es somit jungen Zauberern und Hexen möglich, Magie zu wirken. Emotionen wie Harrys Wut auf die Dursleys oder Tom Riddles Hass den anderen Waisen gegenüber führen zur Aktivierung dieser inhärenten Magie. Um den Missbrauch dieser Kräfte oder einen Kontrollverlust, ausgelöst durch extreme emotionale Überforderungen wie im Falle Ariana Dumbledores, zu vermeiden, wird aus Sicht der Romane jedoch ein Schulbesuch als Voraussetzung für die Erlernung weiterer Magie empfohlen: “At Hogwarts”, wie Dumbledore sagt, “we teach you not only to use magic, but to control it” (Prince 256).

Folgt man Harrys Entdeckung der magischen Welt einen Schritt weiter, so führt einen der Weg vor Hogwarts jedoch zuerst in die Winkelgasse: Denn sobald die Magie sich im Kind offenbart hat, erreicht die zukünftigen Schüler mit ihrer Einladung nach Hogwarts zudem eine Liste von essentiellen Unterrichtsmaterialien, unter ihnen der Zauberstab.

Zauberstäbe funktionieren in der magischen Welt einerseits als Kanal, als Verstärker magischer Kraft. Dass der Zauberstab das wichtigste Werkzeug eines Zauberers ist, “your most important tools”, wie es bei der Untersuchung der Zauberstäbe vor Beginn des Trimagischen Turniers heißt ← 42 | 43 → (Goblet 265–66), wird nicht nur durch ihren zentralen Platz auf Harrys Einkaufsliste bewiesen, sondern auch durch die rechtlichen Einschränkungen der Zauberstabnutzung. Hagrids Zauberstab wurde so nach seinem Rauswurf aus Hogwarts zerstört, und selbiges wird Harry im fünften Band angedroht (vgl. Order 30). Auch wenn es für Zauberstäbe keine staatliche Zulassung, beispielsweise einen Waffenschein, gibt, wird durch diese und ähnliche Vorschriften des Ministeriums klar, dass kein unausgebildeter Zauberer einen Zauberstab führen darf. Und nicht nur das: Der Zauberstab des Harry Potter-Universums ist eindeutig eine menschliche Erfindung, seine Nutzung bleibt daher ausschließlich den Menschen vorbehalten und begründet möglicherweise auch deren Vorherrschaft in der magischen Welt: “No non-human creature is permitted to carry or use a wand” (Goblet 119), heißt es im “Code of Wand Use”. Eine Vorschrift, die zumindest von den Goblins der magischen Welt als diskriminierend aufgefasst wird. Griphook beschwert sich daher auch: “Wizards refuse to share the secrets of wandlore with other magical beings, they deny us the possibility of extending our powers!” (Hallows 395).

Neben ihrer Funktion als Verstärkung oder auch Erweiterung magischer Kräfte betonen die Zauberstäbe jedoch auch eine weitere Komponente in J.K. Rowlings Magiesystem, nämlich die Individualität, die Persönlichkeit des Zauberers. Wie Ollivander schon bei Harrys erstem Besuch sagt: “No two Ollivander wands are the same. And of course, you will never get such good results with another wizard’s wand” (Stone 64). Gerade diese Individualität des Zauberstabs ermöglicht die spirituelle Verbindung zwischen Zauberstab und Zauberer: “it’s really the wand that chooses the wizard, of course” (Stone 63).

Ein Zauberer kann, rein theoretisch, jeden Zauberstab als Werkzeug benutzen. An Harrys Problemen, sich an Draco Malfoys Stab zu gewöhnen, Rons Verbesserung seiner magischen Fähigkeiten, nachdem er nicht länger einen Zauberstab zweiter Hand benutzt, und Voldemorts Jagd nach dem Elderstab lässt sich jedoch bereits die Einschränkung dieser Regel ablesen: “If you are any wizard at all you will be able to channel your magic through almost any instrument. The best results, however, must always come where there is the strongest affinity between wizard and wand” (Hallows 399).

Ein Zauberstab, wenn er sich seinen Träger nicht selbst aussucht, kann jedoch auf einem zweiten Weg optimiert, oder besser gesagt: unterworfen ← 43 | 44 → werden, nämlich indem er durch einen Sieg im Zauberduell gewonnen wird: “In general, however, where a wand has been won, its allegiance will change” (Hallows 399). Wenn es also nicht Affinität ist, die Zauberstab und Zauberer verbindet, dann dient eine Demonstration von magischer Überlegenheit der Herstellung jener notwendigen Verbindung zwischen Stab und Nutzer. Aufgrund dieser Verbindung wird der Zauberstab im Harry Potter-Universum nicht nur zum Kanal für die Fähigkeiten, sondern auch erneut für die Emotionen seines Trägers (bei Aufregung kann ein Zauberstab z.B. Funken versprühen, vgl. Order 35) und sogar zum Ausdruck von dessen Persönlichkeit: So zeigen ja beispielsweise gerade die Zwillingszauberstäbe Harrys und Voldemorts ihre Verbindung lange bevor Harry diese bekannt wird.

Ebenfalls bei seinem ersten Einkauf in der Winkelgasse lernt Harry durch seine Begegnung mit Draco Malfoy einen weiteren Faktor kennen, der die Magie oder besser gesagt: das Vorhandensein von Magie im Menschen beeinflusst, nämlich schlichtweg die Genetik. Magie ist im Harry Potter-Universum, rein biologisch betrachtet, einerseits eine Mutation, die wie eben im Fall von Muggelgeborenen auch ohne genetische Vorbelastung auftreten kann, andererseits aber in der Vererbung dominant. Als Kehrseite zu den Muggelgeborenen zeigt nämlich das geringe Vorkommen nicht-magischer Kinder von magischen Eltern, sog. Squibs (“a Squib is someone who was born into a wizarding family but hasn’t got any magic powers” – Chamber 110–11) wie auch die durch den Text selbst erbrachte Statistik, dass der genetische Verlust der magischen Veranlagung höchst selten ist. (Tatsächlich treten in den Romanen nur zwei Squibs auf: Argus Flich, der schülerhassende Hausmeister von Hogwarts, und Arabella Figg, Harrys katzenbesessene Nachbarin.)

Dass Magie zumindest teilweise genetisch verankert sein muss, sieht man dabei nicht nur an der Veranlagung im Allgemeinen, sondern auch am spezifischen Vorkommen einzelner magischer Eigenschaften, wie der Slytherin-Erblinie von Parselmündern (“You can speak Parseltongue, Harry, […] because Lord Voldemort – who is the last remaining descendant of Salazar Slytherin – can speak Parseltongue” – Chamber 245) oder der von Tonks auf ihren Sohn Teddy vererbten Metamorphmagie (vgl. Order 52).

Die genetische Verankerung der Magie spielt durch die Romane hinweg dabei vor allem in ideologischer Hinsicht eine Rolle: Während die Verfechter ← 44 | 45 → des sog. ‘reinen’ Blutes wie Voldemort und seine Anhänger aufgrund ihrer Gene eine Überlegenheit in Anspruch nehmen, wird von den Protagonisten eine rein genetische Erklärung für magische Begabungen vehement abgelehnt.2 Charaktere wie Hermione, die als Muggelgeborene Klassenbeste in Hogwarts ist, oder auch Voldemort selbst, der als ‘Halbblut’ zu einem der mächtigsten Zauberer wird, stehen als Beweis gegen die Überlegenheit der ‘Reinblüter’. Betont wird dabei durch die Romane hinweg nicht nur die Rassismus-Analogie dieser Ansichten, sondern auch die Kurzsichtigkeit der Verfolger von nicht-reinblütigen Zauberern und Hexen, denn ohne letztere, so wird mehrmals gesagt, wäre die Magie längst ausgestorben (vgl. z.B. Chamber 89 sowie Order 105).

Mit einer genetischen Veranlagung zur Magie, die durch starke Emotionen aktiviert wurde, und ausgerüstet mit einem Verstärker in Form eines Zauberstabes kommt Harry schließlich in Hogwarts an. Was die Arbeit mit dem Zauberstab angeht, so werden Harry in seinem ersten Jahr auf der Zaubererschule zwei Basiskomponenten beigebracht:

‘Now, don’t forget that nice wrist movement we’ve been practising!’ squeaked Professor Flitwick […]. ‘Swish and flick, remember, swish and flick. And saying the magic words properly is very important, too – never forget Wizard Baruffio, who said s instead of f and found himself on the floor with a buffalo on his chest.’ (Stone 126)

Bewegung und Phrase. Die korrekte Kombination von beidem bringt das gewünschte Ergebnis. Dieses Grundprinzip gilt für alle Zauberstabmagie und wird so auch noch in Harrys fünftem Jahr in der OWL-Abschlussprüfung abgefragt (vgl. Order 628). Erst im sechsten Schuljahr lernen die Schüler, einen Teil dieser Basiskombination wegzulassen, indem sie den Zauberspruch nicht länger aussprechen, sondern lediglich denken: “‘Yes, those who progress to using magic without shouting incantations gain an element of surprise in their spell-casting. Not all wizards can do this, of course; it is a question of ← 45 | 46 → concentration and mind power which some,’ [Snape’s] gaze lingered mali­ciously upon Harry once more, ‘lack’” (Prince 170).

Die korrekte Verwendung von Phrase und Bewegung bleibt der Hauptteil der in sieben Jahren Schulunterricht durch schriftliche Tests, praktische Übungen und Aufsätze – insgesamt, wie Harry sagt: “a lot of complicated notes” (Stone 100) – gelehrten Zauberstabmagie. Über die Schuljahre hinweg werden diese beiden Grundkomponenten jedoch um zusätzliche Elemente erweitert, und das gerade durch Harrys Unterricht in seinem besten Fach, der Verteidigung gegen die dunklen Künste.

Dass es im Harry Potter-Universum unterschiedliche Arten von Magie gibt, wird in erster Linie an der Abtrennung eines bestimmten Zweiges von Zauberkunde vom Rest der magischen Lehre in Hogwarts deutlich: Dark Magic wird in Hogwarts nicht gelehrt, lediglich die Verteidigung gegen die dunklen Künste steht auf dem Stundenplan.

Der Dualismus, den Rowling hier für ihr Magiesystem aufgreift, ist einer der ältesten in der Beschäftigung mit übersinnlichen Fähigkeiten: Dunkle Magie, schwarze Magie steht dabei im Gegensatz zu weißer Magie (vgl. Oakes 123). Und obwohl in Rowlings Welt religiöse Konnotationen keine Rolle spielen, nach denen die Dark Arts mit dem Teufel, Dämonen oder Ähnlichem in Verbindung stünden, kommt auch in ihren Romanen nie Zweifel an der automatischen Wertung der einen Seite als gut und der anderen als böse auf.3

Ab seinem dritten Jahr in Hogwarts lernt Harry durch seine Konfrontation mit den Dark Arts und durch seinen Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste neue Komponenten des Zauberns kennen, zusätzlich zu Bewegung und Phrase, die dem Kern von J.K. Rowlings Magiesystem näherkommen. Emotionen und die Persönlichkeit des Zauberers stehen hierbei erneut, wie schon in der Aktivierung magischer Fähigkeiten und in ← 46 | 47 → der Verbindung zu einem spezifischen Zauberstab, im Vordergrund. Um beispielsweise einen Irrwicht zu bekämpfen, müssen die Schüler ihn dazu bringen, eine in ihren Augen lächerliche Gestalt anzunehmen (vgl. Prisoner 101): Was dieser Kreatur also Schaden zufügt, ist nicht der Zauberspruch Riddikulus an sich, sondern das Lachen, das auf die erzwungene Transformation folgt. Vergleichbar dazu ist es auch nicht der Zauberspruch, der einem Patronus seine Fähigkeit gibt, Dementoren zu vertreiben, sondern die Kraft der positiven Erinnerung, die gleichzeitig zum Aussprechen des Zaubers hervorgerufen werden muss:

‘The Patronus is a kind of positive force, a projection of the very things that the Dementor feeds upon – hope, happiness, the desire to survive – but it cannot feel despair, as real humans can, so the Dementors can’t hurt it. […]’ ‘What does a Patronus look like?’ said Harry curiously. ‘Each one is unique to the wizard who conjures it.’ ‘And how do you conjure it?’ ‘With an incantation, which will work only if you are concentrating, with all your might, on a single, very happy memory.’ (Prisoner 176).

Im Gegensatz zu Harrys ersten Schuljahren wird in seinem dritten Jahr somit durch solche Beispiele wie den Riddikulus- oder den Patronus-Zauber der Fokus der Zauberstabmagie von Bewegung und korrekter Spruchaufsage weg hin zu Individualität und Emotion verschoben. Denn der Zauber gelingt hier nur noch, weil der Zauberer etwas von sich, eine Erinnerung oder einen Sinn für Humor, in den Zauber einbringt.

In Harrys viertem Jahr lernen die Schüler, teilweise sogar am eigenen Leib, die drei unverzeihlichen Flüche kennen, die Gipfel der dunklen Künste, und mit ihnen eine weitere parallel funktionierende Komponente für den erfolgreichen Magieeinsatz, nämlich die emotionale Intention. Als der falsche Mad-Eye Moody den Viertklässlern den Todesfluch vorstellt, zeigt er begründeterweise keine Angst, den jungen Zauberern gefährliches Wissen beizubringen: “Avada Kedavra’s a curse that needs a powerful bit of magic behind it – you could all get your wands out now and point them at me and say the words, and I doubt I’d get so much as a nose-bleed” (Goblet 192). Harry selbst erfährt einen Band später, wie recht Moody mit dieser Einschätzung hatte, allerdings scheitert sein versuchter Folter-Fluch gegen Bellatrix Lestrange nicht an den hier bereits untersuchten Faktoren: Harry kennt den richtigen Spruch, weiß von Moodys Unterricht, wie er den ← 47 | 48 → Zauber wirken muss, sein Zauberstab ist ihm zugehörig und funktional – was geht also schief?

Hatred rose in Harry such as he had never known before; he flung himself out from behind the fountain and bellowed, ‘Crucio!’ Bellatrix screamed: the spell had knocked her off her feet, but she did not writhe and shriek with pain as Neville had – she was already back on her feet, breathless, no longer laughing. […] ‘Never used an Unforgivable Curse before, have you, boy?’ she yelled. […] ‘You need to mean them, Potter! You need to really want to cause pain – to enjoy it – righteous anger won’t hurt me for long – I’ll show you how it is done, shall I?’ (Order 715)

Harrys Folter-Fluch gegen Bellatrix scheitert nicht an seiner magischen, sondern seiner emotionalen Fähigkeit. Sein Fluch mag zwar von Hass inspiriert sein, anders als die sadistische Bellatrix ist er allerdings nicht in der Lage, den Schmerz des Zaubers wirklich zufügen zu wollen. Mit fehlender (emotionaler) Intention scheitert der Fluch.

Dieser Aspekt von Rowlings Magiesystem, die Entwicklung weg von der recht simplen Kombination von Phrase und Bewegung hin zu komplexer Magie, die den Einsatz der Persönlichkeit des Zauberers fordert und weniger von seiner Beschäftigung mit “complicated notes” als von seinen Gefühlen abhängig ist, rückt parallel zu Harrys Konfrontation mit den dunklen Künsten innerhalb der Romane in den Vordergrund des Magiesystems.

Hier beginnt sich der Kreis zu schließen: Der Einsatz von Emotion zeigte sich bereits zu Beginn dieser Analyse als auslösender oder aktivierender Faktor der Magienutzung, sowie in der Verstärkung der angeborenen Magie durch einen Zauberstab als wichtigste Voraussetzung. Je mehr Harrys magische Fähigkeiten durch den Unterricht in Hogwarts trainiert werden, desto mehr rücken Emotionen erneut in den Vordergrund.

Außerhalb des Schulunterrichts lernt Harry zudem, seine Verbindung zu Voldemort besser zu verstehen. Gerade hier stehen ebenfalls Emotionen in enger Beziehung zu der Magie, die Harry und Voldemort aneinander bindet: Harrys Narbe schmerzt so beispielsweise nicht nur, wenn Voldemort in der Nähe ist, sondern auch wenn dieser triumphiert oder, wie Dumbledore sagt, einen “particularly strong surge of hatred” (Goblet 521) verspürt.

Doch Hass ist nicht die dominierende Emotion der Harry Potter-Reihe. Als (nicht nur emotionales) Zentrum von Harrys Geschichte offenbart sich in jedem der sieben Bände die Liebe. Diese wird dabei in den Harry ← 48 | 49 → Potter-Romanen sowohl parallel als auch gegensätzlich zu Magie verstanden: Liebe kann einerseits nicht magisch erschaffen werden, eine Unterrichtsstunde zum Thema Liebestränke betont dies: “Amortentia doesn’t really create love, of course. It is impossible to manufacture or imitate love” (Prince 177). Harrys Kampf im fünften Band zeigt jedoch andererseits, dass das Zaubereiministerium in den Tiefen des Department of Mysteries einen Raum der Erforschung der bisher unverstandenen Kraft der Liebe gewidmet hat. Neben dem Tod, dem Verstand, der Zeit und dem Universum steht hier die Liebe als “perhaps, the most mysterious of the many subjects for study that reside there” (Order 743).

Im Vergleich zentraler Zitate4 aus den Romanen wird zudem deutlich, dass Liebe und Magie im Zentrum eines Dialogs zwischen den beiden gegensätzlichen Polen in Harrys Leben stehen. Über sieben Bände hinweg diskutieren Dumbledore und Voldemort, die beiden fähigsten Vertreter der weißen Magie und der Dark Arts, die Beziehung von Magie und Liebe: “Of house-elves and children’s tales, of love, loyalty and innocence, Voldemort knows and understands nothing. Nothing. That they all have a power beyond his own, a power beyond the reach of any magic, is a truth he has never grasped” (Hallows 568).

Betrachtet man nur die letzten Kapitel von jedem der Harry Potter-Bände, die Momente nach der jeweiligen Konfrontation zwischen Harry und Voldemort, in denen Dumbledore das Geschehene reflektiert, so kommt man nicht umhin, sich Voldemorts flapsiger Frage am Ende des siebten Bandes anzuschließen: “Is it love again?” (Hallows 592).

Die Liebe scheint Dumbledores Erklärung für alles zu sein. Und ein Blick in sein Denkarium zeigt, dass der Dialog über die Bedeutung der Liebe zwischen ihm und Voldemort nicht nur innerhalb von Harrys Schulzeit stattfindet, sondern bereits ein lange zurückgehender Streitpunkt ist:

‘I have pushed the boundaries of magic further, perhaps, than they have ever been pushed –‘ ‘Of some kinds of magic,’ Dumbledore corrected him quietly. ‘Of some. Of others, you remain … forgive me … woefully ignorant.’ For the first time, Voldemort smiled. It was a taut leer, an evil thing, more threatening than a look of rage. ‘The old argument, ‘he said softly. ‘But nothing I have seen in the world ← 49 | 50 → has supported your famous pronouncements that love is more powerful than my kind of magic, Dumbledore’ (Prince 415).

Die Magie der Dark Arts gegen die Liebe. In der Gegenüberstellung dieser beiden Kräfte schließt sich nicht nur Harrys Geschichte, in ihr findet sich auch der Kern von J.K. Rowlings Magiesystem, denn die Romane geben Dumbledore letztlich Recht: Als Baby gelingt es Harry durch die Liebe seiner Mutter, Voldemorts Todesfluch zu überleben, als Siebzehnjährigem gelingt es Harry durch sein eigenes Opfer für die Menschen, die er liebt, Voldemort zu vernichten. In beiden Fällen ist es nicht seine überlegene magische Fähigkeit, die ihn gegen die dunklen Künste triumphieren lässt, sondern das menschliche Vermögen zu lieben.

Diese älteste Form der Magie5, deren Beherrschung wenig mit konkreten Zaubersprüchen und Zauberstabbewegungen zu tun hat, wird weder direkt in Hogwarts unterrichtet noch ist sie Teil des alltäglichen Magieverständnisses von Zauberern und Hexen. Voldemort lernt nur sehr langsam und letztlich zu langsam, sie in seinen Plänen zu berücksichtigen, und selbst Dumbledore gibt zu, dass er sie nicht versteht. Harrys Geschichte wird demnach zu einer Reise “into realms of magic hitherto unknown and untested” (Hallows 569), in der Liebe, Gnade und die Bereitwilligkeit, Opfer zu bringen, auf der Seite des Guten stehen und sich letztlich siegreich zeigen.

Wie genau dieser Sieg erreicht wird, lässt sich nicht mit den Regeln der Zaubererwelt erklären, da es schlussendlich nicht die dort gelehrte und praktizierte Form der Magie ist, die den Sieg herbeiführt. Fudges Antwort auf den verzweifelten Ausruf des britischen Premierministers – “You can do magic!” – hätte also ehrlicherweise auch “Yes, but we don’t fully understand it” lauten können. ← 50 | 51 →

Literaturverzeichnis

Gupta, Suman. Re-Reading Harry Potter. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009.

Mendlesohn, Farah. “Crowning the King. Harry Potter and the Instruction of Authority.” The Ivory Tower and Harry Potter: Perspectives on a Literary Phenomenon. Ed. Lana A. Whited. Columbia: University of Missouri Press, 2002. 159–81.

Oakes, Margaret J. “Flying Cars, Floo Powder, and Flaming Torches: The Hi-Tech, Low-Tech World of Wizardry.” Reading Harry Potter: Critical Essays. Ed. Giselle Liza Anatol. Westport: Praeger, 2003. 117–28.

Rowling, J.K. Harry Potter and the Chamber of Secrets. London: Bloomsbury, 2013.

Biographische Angaben

Dieter Petzold (Band-Herausgeber) Klaudia Seibel (Band-Herausgeber)

Dieter Petzold lehrte englische Literatur an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist seit 1996 Herausgeber des Inklings-Jahrbuchs und hat Bücher über die englische Nonsensliteratur, das englische Kunstmärchen im 19. Jahrhundert, Robinson Crusoe und J.R.R. Tolkien sowie zahlreiche Fachartikel veröffentlicht, vor allem zu verschiedenen Gattungen der fantastischen Literatur und zur Kinderliteratur. Dieter Petzold has taught English literature at the University of Erlangen-Nuremberg. He has been the editor of the Inklings Yearbook since 1996 and has published books on English nonsense literature, on 19th-century English literary fairy tales, on Robinson Crusoe and on J.R.R. Tolkien as well as numerous articles, mainly on various types of fantastic fiction and on children’s literature. Klaudia Seibel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Sie ist seit 2016 Herausgeberin des Inklings-Jahrbuchs und hat u.a. Artikel zu phantastischer Literatur, Erzähl- und Gattungstheorie veröffentlicht. Klaudia Seibel is a research assistant at the Wetzlar Library of the Fantastic. She has been the editor of the Inklings Yearbook since 2016 and has published articles on speculative fiction, narratology and genre theory.

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Titel: inklings – Jahrbuch für Literatur und Ästhetik