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Die Abdingbarkeit der Treuepflicht im Gesellschaftsrecht

Eine dogmatische Analyse der Reichweite der Privatautonomie im Gesellschaftsrecht

von Alexander Julian Haunschild (Autor:in)
Dissertation 270 Seiten
Reihe: Zivilrechtliche Schriften, Band 71

Zusammenfassung

Der Band widmet sich einer zentralen Problematik hinsichtlich der Reichweite der Privatautonomie: der Abdingbarkeit der Treuepflicht im Gesellschaftsrecht. Die gesellschaftsrechtliche Treuepflicht zählt zu dem systemprägenden Strukturprinzip des deutschen Gesellschaftsrechts. Gleichwohl wurde bis vor kurzem kaum die Frage gestellt, ob auf die organschaftliche oder mitgliedschaftliche Treuepflichtbindung privatautonom Einfluss genommen werden kann. Ausgehend von einer allgemeinen, dogmatischen Analyse der Treuepflicht selbst und des bestehenden Rechts entwickelt der Autor einen innovativen Gegenwurf zu der vorherrschenden Meinung und zeigt auf, dass die Einordung der gesellschaftsrechtlichen Treuepflicht als grundsätzlich zwingendes Recht nicht zu rechtfertigen ist.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • A Einleitung
  • § 1 Gegenstand und Ziel der Arbeit
  • § 2 Einschränkung des Untersuchungsgegenstands
  • § 3 Gang der Untersuchung
  • B Treuepflicht im Gesellschaftsrecht – Überblick
  • § 1 Geltungsgrund
  • I. Theorie des Vertrauens
  • II. Korrelationstheorie
  • III. Rechtsökonomische Rechtfertigungsansätze
  • § 2 Wesentlicher Inhalt der Treuepflicht
  • I. Organschaftliche Treuepflicht
  • II. Mitgliedschaftliche Treuepflicht
  • 1. Allgemeines
  • 2. Zweckbezogene Befugnisse
  • 3. Nichtzweckbezogene Befugnisse
  • 4. System der Verhältnismäßigkeit
  • 5. Pflichtenquelle
  • 6. Mittel des Minderheitenschutzes
  • a) Grundsätzliches
  • b) Materielle Beschlusskontrolle
  • aa) Maßstäbe
  • bb) Betroffene Beschlussgegenstände
  • 7. Mitwirkungspflicht
  • § 3 Fazit
  • C Privatautonomie und zwingendes Recht
  • § 1 Privatautonomie
  • § 2 Vertragsfreiheit
  • § 3 Zwingendes und disponibles Recht
  • § 4 Formen der Disposition
  • § 5 Rechtfertigungsgründe des zwingenden Rechts
  • I. Mögliche Schutzadressaten
  • II. Kriterien für die Feststellung zwingenden Rechts
  • D Telos der Treuepflicht
  • § 1 Beteiligtenschutz
  • I. Organschaftliche Treuepflicht
  • II. Mitgliedschaftliche Treuepflicht
  • § 2 Rechtfertigung der zwingenden Wirkung aus Gründen des Beteiligtenschutzes
  • I. Konkreter gesetzlicher Bezug innerhalb des Individualschutzes
  • 1. Allgemeine Wertung des BGB
  • 2. Maßstab des § 138 Abs. 1 BGB
  • a) Restriktive Auslegung des § 138 Abs. 1 BGB
  • b) Extensive Auslegung des § 138 Abs. 1 BGB
  • c) Stellungnahme
  • 3. Spezifische Wertung des geschriebenen Gesellschaftsrechts
  • a) GbR – OHG
  • b) GmbH
  • c) Ausdrücklich zwingende Regelung als Ausnahme
  • II. Konkreter gesetzlicher Bezug innerhalb des Minderheitenschutzes
  • III. Grenzen der Gestaltung
  • § 3 Spezifische gesellschaftsrechtliche Grenzen der Gestaltungsfreiheit
  • I. „Wesen“ der Gesellschaft
  • II. Institution, Typengesetzlichkeit und Struktur der Gesellschaft
  • III. „Grundprinzipien“ des Gesellschaftsrechts
  • IV. Absoluter Kernbereich im Gesellschaftsrecht
  • V. Gleichbehandlungsgrundsatz
  • VI. Fazit
  • § 4 Einfluss verhaltensökonomischer Erkenntnisse
  • I. Einführung und Darstellung der Ansichten
  • II. Stellungnahme
  • 1. Aussage der §§ 104 ff., 123, 138 Abs. 1 BGB
  • 2. Aussage des § 138 Abs. 2 BGB
  • 3. Fehlende Verallgemeinerungsfähigkeit weiterer Normen des BGB
  • 4. Fehlende Überzeugungskraft des Arguments des Telos
  • 5. Mangelnde Begründungswirkung des Kostenarguments
  • 6. Fazit
  • § 5 Gläubigerschutz
  • I. Indisponibles Eigeninteresse der Gesellschaft aus Treuepflichterwägungen
  • 1. GmbH
  • 2. GbR, OHG
  • 3. Stellungnahme
  • II. Grenzen der Gestaltung aus Gründen des Gläubigerschutzes
  • 1. GmbH
  • a) Mitgliedschaftliche Treuepflicht
  • b) Organschaftliche Treuepflicht
  • 2. Personengesellschaften
  • § 6 Interessen der Allgemeinheit
  • I. Funktionenschutz der Treuepflicht
  • 1. „Aktualisierungsfunktion“ der Treuepflicht
  • 2. „Sicherungsfunktion“ der Treuepflicht
  • 3. Rechtfertigung der zwingenden Wirkung
  • II. Fortwirkung der zwingenden Pflichten im öffentlichen Interesse
  • § 7 Zusammenfassung und Ausblick
  • E Auswirkungen der Rechtsgrundlage auf die Abdingbarkeit der Treuepflicht
  • § 1 Einleitung
  • § 2 Gewohnheitsrecht
  • § 3 Hauptpflicht
  • I. § 705 BGB
  • II. Auswirkungen auf die Abdingbarkeit
  • 1. Mitgliedschaftliche Treuepflicht
  • a) Vollständige Abdingbarkeit
  • b) Eingeschränkte Abdingbarkeit
  • c) Stellungnahme
  • aa) Anwendung des § 311 Abs. 1 BGB als Ansatzpunkt der Modifikation
  • bb) Plausibilität des Arguments des „patriarchalischen Darlehens“
  • cc) Mangelnde Bedeutung der „Wesentlichkeit“ der Pflicht im weiteren Sinne für die Bestimmung der Rechtsnatur
  • dd) Zweck der Gesellschaft als maßgebliches Kriterium
  • (1)  Determinierungswirkung
  • (2) Gestaltungsfreiheit
  • 2. Fazit
  • III. Treuepflichten als Bestandteil der Mitgliedschaft
  • IV. Hauptpflicht – Übertragung auf die organschaftliche Treuepflicht
  • 1. Darstellung der Ansichten
  • 2. Stellungnahme
  • a) Anwendung des § 311 Abs. 1 BGB – Personengesellschaften
  • b) Anwendung des § 311 Abs. 1 BGB – Kapitalgesellschaften
  • aa) Wirkung des Anstellungsvertrags auf die Organpflichten
  • (1) Darstellung der Ansichten
  • (2) Stellungnahme
  • bb) Fehlende praktische Konsequenzen des kooperationsrechtlichen Vorrangs
  • c) Mangelnde Bedeutung des Organbegriffs und der „Wesentlichkeit“ der Pflicht
  • § 4 § 242 BGB
  • I. Einleitung
  • II. Auswirkungen auf die Abdingbarkeit, § 242 BGB
  • 1. Darstellung der Ansichten
  • 2. Stellungnahme
  • § 5 Differenzierende Ansichten
  • § 6 Richterrecht
  • § 7 § 43 Abs. 1 GmbHG
  • § 8 Fazit
  • F Konsequenzen der Abbedingung der Treuepflicht sowie die Außengrenzen der Gestaltungsfreiheit
  • § 1 Konsequenzen der Abbedingung bei den zweckbezogenen Treuepflichten
  • I. Eingeschränkter Wirkungsradius der Treuepflicht
  • II. Schutzwirkung des Maßstabs der Sittenwidrigkeit
  • III. Fortgeltung der §§ 226, 242 BGB
  • 1. Maßstab des § 242 BGB
  • a) Ebene 1 – Interessenermittlung
  • b) Ebene 2 – Interessenbewertung
  • c) Ebene 3 – Verhältnismäßigkeit im engeren Sinne
  • d) Anwendungsmuster
  • e) Tauglichkeit der Einschränkung der Mehrheitsherrschaft
  • f) Aktualisierungsfunktion des § 242 BGB
  • 2. Weiteres mangelndes Spezifikum der gesellschaftsrechtlichen Treuepflicht
  • IV. Organschaftliche Treuepflicht: Weitere Kontrollmechanismen
  • 1. Sorgfaltspflicht
  • 2. Abberufungsmöglichkeit – Wiederherstellung des „Normalzustandes“
  • a) GmbH-Fremdgeschäftsführer
  • b) Mitgliedschaftlicher Geschäftsführer
  • aa) Problemlage
  • bb) Austrittsrechte des Gesellschafters
  • (1) Personengesellschaften
  • (a) Allgemeines
  • (b) Privatautonome Gestaltungsbefugnis hinsichtlich der Bestimmung des wichtigen Grundes
  • (i) Fragestellung
  • (ii) Die restriktiven und liberalen Ansätze
  • (iii) Stellungnahme
  • (2) Außerordentliches Austrittsrecht
  • cc) Ausschlussrechte der Gesellschaft
  • (1) Personengesellschaften
  • (2) GmbH
  • 3. Alternative: Kontrollgremium
  • 4. Fazit
  • § 2 Überblick über die Konsequenzen der Abbedingung bei den nicht unmittelbar zweckbezogenen Treuepflichten
  • I. Kontrollinstanz Treuepflicht – Auswirkungen
  • 1. Auswirkungen auf den Prüfungsmaßstab der Verhältnismäßigkeit
  • a) Allgemeines
  • b) Ebene 1 – Interessenermittlung
  • c) Ebene 2 – Interessenbewertung
  • d) Ebene 3 – Verhältnismäßigkeit im engeren Sinne
  • 2. Anwendungsbeispiel: Ausschließung eines Gesellschafters aus einem wichtigen Grund
  • II. Auswirkungen auf die materielle Beschlusskontrolle
  • 1. Allgemeines
  • 2. Anwendungsbeispiel: „Leben“ innerhalb der Gesellschaft, Gewinnverwendung bei der GmbH
  • III. Originäre Pflichtenquelle
  • IV. Mitwirkungspflicht – Instrument der Vertragsanpassung
  • § 3 Außengrenzen der Gestaltungsfreiheit
  • I. Verstoß gegen den § 138 BGB
  • 1. Grundsätzliches Meinungsbild
  • 2. Notwendigkeit eines sachlichen Grundes oder einer kompensatorischen Regelung für die Anerkennung der Abbedingung
  • 3. Notwendigkeit weiterer Faktoren
  • 4. Einordnung der Treuepflicht als rechtsethisches Prinzip – Hindernis der Abdingbarkeit?
  • II. § 276 Abs. 3 BGB als Hindernis der Modifikation
  • § 4 Fazit
  • G Wertung des „Wortlauts“ des Gesetzes bei den zweckbezogenen Treuepflichten und die Abdingbarkeit einzelner Ausprägungen
  • § 1 Informationspflichten
  • I. Allgemeines – Organschaftliche Treuepflicht
  • II. Abdingbarkeit
  • § 2 Eigengeschäfte
  • I. Organschaftliche Treuepflicht
  • 1. Allgemeines
  • 2. Eingeschränkte Konkretisierung durch den § 181 BGB
  • 3. Materiell bezogener Schutz und dessen Abdingbarkeit
  • a) Positionen innerhalb der Literatur
  • b) Stellungnahme
  • aa) Disponibilität des § 667 BGB
  • bb) Disponibilität der §§ 668 BGB, 111 HGB
  • cc) Systematik der Treuepflicht
  • II. Übertragung der Ergebnisse auf die mitgliedschaftliche Treuepflicht
  • § 3 Wettbewerbsverbot
  • I. Allgemeines
  • II. Befreiungsmöglichkeit vom Wettbewerbsverbot
  • 1. Darstellung der Ansichten
  • 2. Stellungnahme
  • III. Reichweite der Befreiung
  • 1. Restriktiver Ansatz
  • 2. Liberaler Ansatz
  • 3. Stellungnahme
  • § 4 Geschäftschancenlehre
  • I. Allgemeines
  • II. Abdingbarkeit
  • 1. Darstellung der Ansichten
  • 2. Stellungnahme
  • § 5 Pflicht zur Vermeidung von Interessenkonflikten
  • § 6 Fazit
  • H Nachträgliche Abbedingung im Falle der Mehrheitsherrschaft
  • § 1 Zweckbezogene Treuepflichten
  • I. GmbH
  • 1. Kompetenz
  • 2. Qualität einer materiellen Änderung des Gesellschaftsvertrags
  • 3. Resultierende Folgen aus der Annahme einer Änderung des Gesellschaftsvertrags
  • 4. Zustimmungspflicht aus § 33 Abs. 1 S. 2 BGB (analog) – qualifizierter Fall der Änderung des Gesellschaftsvertrags
  • II. Personengesellschaften
  • § 2 Nichtzweckbezogene Treuepflichten und die Treuepflicht der Gesellschafter untereinander
  • § 3 Fazit
  • I Die Aktiengesellschaft
  • § 1 Grundsatz der eingeschränkten Gestaltungsfreiheit und die Aussage des Gesetzes im weiteren Sinne als Anhaltspunkt
  • § 2 Organschaftliche Treuepflichten des Vorstands – Regelungen im AktG
  • I. Irrelevante Faktoren
  • II. Wirkung der Rechtsgrundlage der organschaftlichen Treuepflicht des Vorstands als Hindernis der Abdingbarkeit
  • III. Kohärentes treuepflichtspezifisches zwingendes Normsystem des AktG
  • 1. § 181 BGB – § 112 AktG
  • 2. § 89 AktG
  • 3. § 88 AktG
  • § 3 Mitgliedschaftliche Treuepflicht
  • I. Vorschrift im Sinne dieses Gesetzes, § 23 Abs. 5 S. 1 AktG
  • II. Eingeschränkter Gestaltungsspielraum des AktG, § 23 Abs. 5 S. 1 AktG – real gemäßigte Auswirkung der Abbedingung
  • J Zusammenfassung der Ergebnisse in 25 Thesen
  • Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

 19→

AEinleitung

§ 1Gegenstand und Ziel der Arbeit

Die gesellschaftsrechtliche Treuepflicht1 und die Privatautonomie stellen elementare Teile unserer Rechtsordnung dar, deren jeweilige Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Treuepflicht wird etwa als fundamentales gesellschaftsrechtliches Rechtsprinzip2 oder als ungeschriebene Legalordnung3 im Gesellschaftsrecht bezeichnet. Sie fungiert als gesellschaftsrechtliche „Allzweckwaffe“ innerhalb der (Rechts-)Beziehungen des Gesellschaftsrechts. Die Treuepflicht im Gesellschaftsrecht wird regelmäßig herangezogen, um (neu) auftretende Probleme innerhalb der gesellschaftsrechtlichen Sphäre zu lösen sowie die konfligierenden Interessen der Beteiligten in einen Ausgleich zu bringen. Auf dieser Grundlage finden sich in der Rechtsprechung und der Literatur nahezu unüberschaubare Ausführungen zur Treuepflicht.4 Gleichzeitig besitzt sie einen weiten Anwendungsbereich. Ohne Vollständigkeit zu beanspruchen, fungiert sie etwa als Auslegungsregel oder als Pflichtenkanon, zudem stellt sie ein dogmatisches Zugpferd eigener „neuerer“ Rechtsentwicklungen dar.

←19 | 20→Demgegenüber gewährleistet die Privatautonomie die Selbstbestimmung des Einzelnen und ermöglicht es ihm, seine Individualität auszudrücken, indem er seine Rechtsverhältnisse nach eigenem Willen gestalten darf.5

Ungeachtet der großen Bedeutung beider Themen wurde bisher selten die Frage gestellt, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Wie in der Literatur6 zutreffend festgestellt wurde, wurde die Thematik der Abdingbarkeit der Treuepflicht im Gesellschaftsrecht bis auf wenige Ausnahmen7 bisher kaum ausführlicher erörtert. Der Grund dafür dürfte in der langwierigen Auseinandersetzung um die umfassende, rechtsformübergreifende Anerkennung der Treuepflicht selbst liegen.

Wie entsprechende Ausführungen neueren Datums belegen, rückt dieses „Grenzthema“ der Gestaltungsfreiheit erst in der jüngeren Vergangenheit verstärkt in das Blickfeld der Wissenschaft.8 Wird die Stellungnahme von K. Schmidt zur Treuepflicht und ihren einzelnen Problemkreisen aufgegriffen, so scheint sich zusätzlich zu den bisherigen drei maßgeblichen Fragen um die Treuepflicht im Gesellschaftsrecht (Existenz der Treuepflicht, Umfang der Treuepflicht und Wirkungsrichtung der Treuepflicht)9 noch eine vierte zu ergeben: die Frage nach ihrer Abdingbarkeit.

Rechtsform und Treuepflicht übergreifend kommt die herrschende Meinung zu dem Kompromissergebnis, dass die gesellschaftsrechtliche Treuepflicht als ←20 | 21→solche im Kern zwingendes Recht darstellt. Nur einzelne Ausprägungen sollen abbedungen werden können.10 Lediglich vereinzelt werden Rechtsform übergreifend auch andere Ansichten vertreten, sowohl liberalere11 als auch restriktivere12, die eine vollständige Abbedingung entweder grundsätzlich bejahen oder sogar eine Teilabbedingung ablehnen.

Auch wenn dieses Thema in der Literatur in jüngerer Zeit verstärkte Beachtung findet, so lässt sich dennoch feststellen, dass eine größer angelegte Auseinandersetzung mit der „Vermessung der Reichweite der Privatautonomie“ im Hinblick auf mehrere Rechtsformen und Arten13 der Treuepflicht bisher fehlt. Gleichzeitig lassen die jeweiligen Untersuchungen der jüngeren Vergangenheit14 relevante Gesichtspunkte entweder außer Acht oder orientieren sich verstärkt an rechts- und verhaltensökonomischen Aspekten. Dadurch geraten die Aussagen des geschriebenen Rechts in den Hintergrund.15 An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an, die diese Aspekte wieder stärker in den Fokus stellen möchte.

§ 2Einschränkung des Untersuchungsgegenstands

Der Weite des Treuepflichtgedankens im Gesellschaftsrecht geschuldet, kommt auch diese Untersuchung nicht umhin, Schwerpunkte zu bilden und ←21 | 22→notwendigerweise eine Vielzahl von Einzelfällen auszublenden, die mit der Treuepflicht im Gesellschaftsrecht und ihrer Abdingbarkeit in Zusammenhang gebracht werden können. Nur auf diese Weise lässt sich ein „Parforceritt“ durch das gesamte Gesellschaftsrecht vermeiden.

Hinsichtlich der Rechtsformen beschränkt sich die Untersuchung weitgehend auf die Außen-GbR, die OHG und die GmbH.16 Dabei wird vorausgesetzt, dass diese Gesellschaftsformen jeweils über die „idealtypischen“ individualistischen Strukturen verfügen, auf denen das Gesetz aufbaut, und dass sie zudem erwerbswirtschaftlich ausgerichtet sind. Die AG hingegen wird lediglich überblicksartig betrachtet. Zum einen gründet diese Fokussierung auf der materiellen Verwandtschaft der GbR und der OHG17 zu der GmbH sowie auf ihrer praktisch überragenden Bedeutung und der allgemeinen „Grundart“ der genannten Gesellschaftsformen. Im Gegensatz zum System bei der AG (§ 23 Abs. 5 AktG), das in dieser Hinsicht konträr ist, besitzen die Gesellschafter, soweit das Innenverhältnis betroffen ist, bei diesen Gesellschaftsformen grundsätzlich weitgehende Gestaltungsfreiheit.18 Zum anderen besteht die Vermutung, dass sich, aufbauend auf gleichgängigen Begründungsmustern und Wertungsparametern der einzelnen Ausprägungen der Treuepflichten selbst und der Reichweite der Gestaltungsfreiheit, Rechtsform und Treuepflicht übergreifend ein einheitliches Ergebnis hinsichtlich der „kritischen“ Abbedingungsfragen erzielen lässt, das nur eine eingeschränkte Anpassung an die Besonderheiten der AG erfordert.

Besondere Aufmerksamkeit erfährt in dieser Untersuchung die Abdingbarkeit derjenigen Ausprägungen der Treuepflichten, die grundsätzlich zu einer Einschränkung der Ausübung der zweckbezogenen Befugnisse führen. Dementsprechend werden diejenigen Abbedingungsfragen, die mit der mitgliedschaftlichen Treuepflicht und ihrer Auswirkung auf die nichtzweckbezogenen Befugnisse sowie auf die Strukturänderung der Mitgliedschaft oder der Gesellschaft im Zusammenhang stehen, nur am Rande behandelt.

Soweit die partielle „Durchgangsfunktion“ der Gesellschaft zu ihren Mitgliedern außer Acht gelassen wird,19 wird auch die Treuepflicht der Gesellschaft ←22 | 23→gegenüber ihren Gesellschaftern und Organvertretern nicht weiter erörtert. Bei den Organen der Gesellschaft werden lediglich die Geschäftsleiter20 betrachtet, da sie eine einzigartige Stellung innerhalb des Organisationsgefüges der einzelnen Gesellschaften einnehmen und ihnen damit besondere Bedeutung (§§ 709 BGB ff., 114 ff. HGB, 35 GmbHG, 76 AktG) zukommt.

§ 3Gang der Untersuchung

Die vorliegende Untersuchung beginnt mit einer überblicksartigen Darstellung der gesellschaftsrechtlichen Treuepflicht (B) und einer näheren Betrachtung der Privatautonomie selbst (C). Anschließend ist die Frage zu klären, ob das Telos der gesellschaftsrechtlichen Treuepflicht grundsätzlich geeignet ist, eine breitere Einschränkung der Privatautonomie bei den Rechtsformen der GbR, OHG und GmbH im Vergleich zum übrigen Vertragsrecht zu rechtfertigen (D). Zu diesem Zweck werden die weiteren diskutierten Schranken der Gestaltungsfreiheit im Gesellschaftsrecht näher betrachtet. Darauf aufbauend werden die systematischen Bezüge der Treuepflicht und die damit verbundenen Aussagen hinsichtlich der zwingenden oder abdingbaren Rechtsnatur der Treuepflicht untersucht (E). Im Anschluss werden die Konsequenzen der Abbedingung analysiert und es wird geprüft, ob eine mögliche Abbedingung gegen die Außengrenzen der Gestaltungsfreiheit verstößt (F). Unter Fokussierung auf die organschaftliche Treuepflicht wird nach Normen im Gesetz gesucht, die als Ausdruck der jeweiligen Ausprägungen dieser Treuepflicht zu verstehen sind. Anschließend wird ihre sekundäre Wertung hinsichtlich ihrer Abdingbarkeit ermittelt und diese wiederum in einen Gesamtkontext gesetzt (G).

Das Themenfeld der GbR, OHG und GmbH schließt damit, dass die Anforderungen, die an eine nachträgliche (Teil-)Abbedingung der Treuepflichten zu stellen sind, knapp erörtert werden (H). Im letzten Teil der Arbeit wird in konzentrierter Form die AG in den Blick genommen, wobei die organschaftliche Treuepflicht des Vorstands und die mitgliedschaftliche Treuepflicht jeweils getrennt voneinander betrachtet werden. Bedingt durch den § 23 Abs. 5 AktG wird geprüft, ob im AktG Normen existieren, die als Ausdruck des spezifischen Treuegedankens im Gesellschaftsrecht angesehen werden können, und wie weit ←23 | 24→eine mögliche Abdingbarkeit tatsächlich reicht, wenn das weitere zwingende Normenprogramm des Aktienrechts und des allgemeinen Zivilrechts berücksichtigt wird (I). Zum Schluss werden die Ergebnisse in Thesenform zusammengefasst (J).

1Zur Kritik am Ausdruck: Lutter, AcP 180 (1980), 84, 103 f. schlägt vor – ohne den Pflichteninhalt anzugreifen – , anstatt des Ausdrucks „gesellschaftsrechtliche Treuepflicht“ den Begriff „allgemeine Förderpflicht“ zu verwenden. Zum einen assoziiert er mit der Verwendung des letzteren Begriffs eine stärkere Rückbindung an das Gesetz (§ 705 BGB). Zum anderen ist er der Ansicht, dass damit eine Verwechslung mit § 242 BGB vermieden wird, den er weitgehend als aliud gegenüber der gesellschaftsrechtlichen Treuepflicht betrachtet, und so der Inflation ethischer Begriffe im Recht vorgebeugt wird. Auch Kübler/Assmann, Gesellschaftsrecht, § 3 I 5, S. 24, stehen dem Ausdruck „Treuepflicht“ kritisch gegenüber. Da er in der Rechtsprechung und Literatur jedoch stark verbreitet und weitgehend akzeptiert ist, wird er nachfolgend gleichwohl verwendet; zur geschichtlichen Entwicklung der Treuepflicht ausf. Bartsch, Die Entwicklung der Treuepflicht, S. 5 ff.

2Grundlegend skeptisch gegenüber dieser Einordnung äußert sich Immenga, FS 100 Jahre GmbHG, S. 189, 204: „In der Bündelung von Elementen zu einem Prinzip droht die Treuepflicht jedoch ihre Konturen zu verlieren.“ Ebenso Lutter, AcP 180 (1980), 84, 104; Wimmer-Leonhardt, Konzernhaftungsrecht, S. 187.

3K. Schmidt, Gesellschaftsrecht, § 20 IV 1 a, S. 588.

4Dembski, Treuebindungen, S. 17.

5Siehe unten C).

6Siehe Hellgardt, FS Hopt, S. 765, 766.

7Eingehender monographisch haben nur Geier, Gestaltungsfreiheit (AG) sowie Winter, Treuebindungen, S. 190 ff. (GmbH) das Thema der Abdingbarkeit der mitgliedschaftlichen Treuepflichten betrachtet.

8Allgemein für die organschaftlichen wie mitgliedschaftlichen Treuepflichten Armbrüster, ZGR 2014, 333 ff. (Personengesellschaften); Fleischer/Harzmeier, NZG 2015, 1289 ff. (Personengesellschaften, GmbH); Kampf, Abdingbarkeit (GmbH); spezifisch für die mitgliedschaftlichen Treuepflichten Bachmann, Eidenmüller, Engert, Fleischer, Schön, Rechtsregeln, S. 45 f. (kleinere, geschlossene Kapitalgesellschaften); Lieder, in: Michalski, GmbHG, § 13 GmbHG, Rn. 150 ff. (GmbH); Schmolke, Grenzen der Selbstbindung, S. 667 ff. (Personengesellschaften, GmbH); spezifisch für die organschaftliche Treuepflicht Hellgardt, FS Hopt, S. 765 ff. (anzumerken ist jedoch, dass Hellgardt durch seinen funktional verstandenen Organbegriff auch die mitgliedschaftliche Treuepflicht in seiner Untersuchung gleichsam einer Betrachtung unterzieht); Kumpan, Der Interessenkonflikt, S. 130 ff. (GmbH, AG); Kuntz, Gestaltung von Kapitalgesellschaften, S. 497 ff. (GmbH, AG).

9K. Schmidt, Gesellschaftsrecht, § 20 IV 2 d, S. 592.

10Armbrüster, ZGR 2014, 333 ff.; Bachmann, Eidenmüller, Engert, Fleischer, Schön, Rechtsregeln, S. 45; Emmerich/Bitter, in: Scholz, GmbHG, 11. Aufl., § 13 GmbHG, Rn. 38c; Fillmann, Treuepflichten, S. 207 f.; Fleischer/Harzmeier, NZG 2015, 1289 ff.; Geiger, Wettbewerbsverbote, S. 172; Grundmann, Der Treuhandvertrag, S. 456; Henze/Notz, in: GroßkommAktG, 4. Aufl., Anh § 53a AktG, Rn. 126; Koppensteiner, GesRZ 2009, 197, 199; Kumpan, Der Interessenkonflikt, S. 134 ff.; Kübler, FS Werner, S. 437, 448; Lawall, Wettbewerbsverbot, S. 133; Piepenburg, Mitgliedschaftliche Treupflichten, S. 139; Reuter, ZHR 146 (1982), 1, 7; Schade, Sorgfalts- und Loyalitätspflichten, S. 251 ff.; Schäfer, in: Staub, GroßkommHGB, § 114 HGB, Rn. 45; A. Teichmann, Gestaltungsfreiheit, S. 170; Wiedemann, Gesellschaftsrecht Bd. 2, § 3 II 3 c, S. 198; Winter, Treuebindungen, S. 190 ff.; A. Wolf, Grenzen, S. 17; Verse, in: Henssler/Strohn, Gesellschaftsrecht, § 14 GmbHG, Rn. 115.

11Hellgardt, FS Hopt, S. 765 ff.; Lieder, in: Michalski, GmbHG, § 13 GmbHG, Rn. 152; Seibt, in: Scholz, GmbHG, § 14 GmbHG, Rn. 72.

12Koch, in: Hüffer, Aktiengesetz, § 53a AktG, Rn. 26; Kuntz, Gestaltung von Kapitalgesellschaften, S. 497 ff.

13Siehe oben Fußnote 9.

14Kuntz, Gestaltung von Kapitalgesellschaften, S. 20 f. und Schmolke, Grenzen der Selbstbindung, S. 525 blenden etwa den Gläubigerschutz aus.

15Auszunehmen ist insoweit Hellgardt, FS Hopt, S. 765 ff.

16Es wird angenommen, dass das Mitbestimmungsgesetz nicht greift.

17Im Folgenden auch die Personengesellschaften.

18Siehe auch unten D) § 2.

19Siehe Lutter, AcP 180 (1980), 84, 121: „Dabei werden Beschlüsse der Mitglieder diesen zugerechnet und unter dem Gesichtspunkt der Schranken in der Ausübung mitgliedschaftlicher Rechte gewertet.“ Ein ähnlicher Mechanismus ist bei dem mit der Treuepflicht verwandten Gleichbehandlungsgrundsatz existent; dazu ausf. Schäfer, in: MünchKommBGB, § 705 BGB, Rn. 244 ff.; Wiedemann, Gesellschaftsrecht Bd. 1, § 8 II 2, S. 427 ff.; Zöllner, Schranken, S. 301 ff.

20D. h. die Vorstandsmitglieder der AG, die Geschäftsführer der Personengesellschaften sowie der GmbH.

 25→

BTreuepflicht im Gesellschaftsrecht – Überblick

§ 1Geltungsgrund

Wie jeder Rechtssatz bedarf die Treuepflicht der Legitimation, um Geltung innerhalb der Rechtsordnung beanspruchen zu können.21 Drei Rechtfertigungsmuster sind prägend.22

I.Theorie des Vertrauens

Die ehemals herrschende Meinung, entwickelt zu den Personengesellschaften und geprägt von A. Hueck 23, begründete die Geltung der Treuepflicht mit der persönlichen Bindung der Beteiligten untereinander und dem aus dieser Bindung erwachsenden Vertrauen.24 Maßgeblich war damit für ihre Herleitung und Begründung die Personalität der Rechtsform. Demzufolge wurde die Treuepflichtbindung nur bei den Personengesellschaften bejaht.25

Details

Seiten
270
ISBN (PDF)
9783631761762
ISBN (ePUB)
9783631761779
ISBN (MOBI)
9783631761786
ISBN (Hardcover)
9783631757819
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
Treuepflicht im Gesellschaftsrecht Gestaltungsfreiheit Privatautonomie Verhaltensökonomie Zwingendes Recht Treu und Glauben Abdingbarkeit
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2018. 270 S.

Biographische Angaben

Alexander Julian Haunschild (Autor:in)

Alexander Julian Haunschild studierte Rechtswissenschaften an der der Universität Passau. Nach dem Rechtsreferendariat in Lübeck wurde er an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg promoviert.

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Titel: Die Abdingbarkeit der Treuepflicht im Gesellschaftsrecht