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Migration und Zuwanderung

Literarische, soziologische, ökonomische und sprachliche Aspekte

von Maria K. Lasatowicz (Band-Herausgeber:in) Andrea Rudolph (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 296 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Migration und Zuwanderung. Eine Einführung: Andrea Rudolph, Maria K. Lasatowicz
  • Wie Rom zu Europa wurde. Die kulturelle Transformation der Spätantike ins Frühmittelalter am Beispiel Cassiodors (485–580): Hargen Thomsen
  • „Nach Jahr und Tag“. Von der Akzeptanz von Wanderern und Fremden in der Stadt des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit: Paul Martin Langner
  • Die Zauber-„Wintersaat“. Ein Vergleich zwischen Thomas Manns Zauberberg und Wacław Berents Wintersaat: Sabina Brzozowska
  • Das Fremde und seine Widerspiegelung in der deutschen Sprache im 19. und 20. Jahrhundert: Józef Wiktorowicz
  • „Weltpoesie allein ist Weltversöhnung“. Fremde Lyrik in deutschen Weltliteratur-Anthologien des 19. Jahrhunderts: Günter Häntzschel
  • Erfahrungstransfer aus der Schweiz an das nationalsozialistische Deutschland. Ricarda Huchs Frühling in der Schweiz: Gabriela Jelitto-Piechulik
  • Ostjüdische Immigranten in Deutschland und Österreich 1918–1933. Ein Blick in die Geschichte und in Joseph Roths Essayfolge Juden auf Wanderschaft: Maria Kłańska
  • Postemanzipatorischer Antisemitismus in Wien. Ferdinand Wilhelm Bronners Komödie „Schmelz, der Nibelunge“: Andrea Rudolph
  • „Emigrantengesindel“. Die Emigranten in der populären NS-Presse 1933/34: Hiltrud Häntzschel
  • Fremdheit und Vertrautheit im Roman Stillbach oder die Sehnsucht von Sabine Gruber: Monika Wójcik-Bednarz
  • Arbeitsmigration in Europa 1945–1973 – nicht unbedingt eine Frage des Arbeitsmarktes: Heike Knortz
  • „Fremd bin ich eingezogen …“. Peter Härtling und die Fremde: Elke Mehnert
  • Eine Flucht, die nie endet. Ambivalenzen im Spannungsverhältnis von Erinnerungsbildern und Identitätskonstruktionen: Hannelore Scholz-Lübbering
  • Das Flüchtlingsproblem in ausgewählten Pressediskursen – gleich oder ungleich?: Felicja Księżyk
  • Zu schlesischen Szenarien der Identitätskonstruktion in Szczepan Twardochs Romanen Morfina und Drach: Małgorzata Jokiel
  • Zugehörigkeit – Fremdheit. Zu den Wortbildungs- und Formulierungstechniken als sprachlichen Markern der Realitätsbewältigung: Edyta Błachut
  • „Fremd bin ich eingezogen, fremd ziehe ich wieder aus“. Das Motiv des Fremden in Manhattan Medea von Dea Loher: Anna Wilk
  • Erkundungen der Fremdheit am Beispiel der Prosa von polnischen Migranten in Deutschland: Grażyna Barbara Szewczyk
  • Abbildungverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • Autorenverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Andrea Rudolph, Maria K. Lasatowicz

Migration und Zuwanderung. Eine Einführung

„Dieses muß ich zu allererst nun dich fragen, Fremder/
wer du bist, und woher, und wer dir dieses Gewand
gab./Sagtest du nicht, du kamst hierher,/vom Sturme
verschlagen?“ (Odyssee 7, VV 228-239)

Mythen verdichten Erfahrungen, die Menschen im Verlauf der Geschichte mit sich selbst gemacht haben. Hikétai, Schutzflehende, hatten antike Literaten bereits bedichtet. Als es Odysseus gegen Ende der Meeresüberquerung ans Ufer des Phaiakenlands verschlägt, setzt er sich im Haus des Alkinoos als Hikétes auf den Herd in die Asche. Während andere schweigen, mahnt einer der Ältesten, es gezieme sich nicht, Fremde in der Asche sitzen zu lassen, der König solle den Ankömmling aufheben, ihm einen Stuhl anbieten – uralte Geste der Gewährung des Gastrechts. Er solle ihn einladen, das Mahl mit ihnen zu teilen. Dass der Schutzflehende sich am Herd als dem Mittelpunkt des Privathauses niederlässt, wirkt als „erster Appell an den politischen Verband, die gesamte Bürgergesellschaft“1. Diesmal steht der Herd, heiliger Teil des archaischen Hauses, im Hause eines Königs. Platz nehmend redet Odysseus vom Kummer, den sein Magen ihm bereite, da dieser stets zu essen und zu trinken verlange. Auch zögert er, durch Leid und Schicksal vorsichtig und misstrauisch geworden, lange, seine wahre Identität zu enthüllen. Als er aus dem Munde eines zugewanderten blinden Sängers2 Geschichten vernimmt, die zu seiner Biografie gehören, weint er: „So zu Erbarmen ließ nun Odysseus fließen die Tränen.“3 Spätere Generationen brachten viel Sympathie für diesen Griechenhelden auf und zogen aus dessen Irrfahrt ästhetisches Kapital.

Die Exilantin Iphigenie verlor als erstes Opfer des auch von Odysseus gewollten Krieges ihren festen Ort, an dem sie bisher als gesellschaftliches Wesen ←9 | 10→existiert hatte. Das Strategem, das ihr Bruder ihr bei Goethe anträgt, geht ebenfalls auf ein durch Hikétai-Erfahrung verbürgtes Kalkül4 zurück. Orest plant, sich im Tempel der Artemis zu verstecken, die Tempelgottheit werde sich des Schutzflehenden annehmen. Die Priesterin wehrt ab, es sei es unmöglich, das ersehnte sakrale Asyl zu erlangen, der König habe den Zufluchtsort von Wächtern umstellen lassen. Bekanntlich wurden Orest und Pylades bereits an der Küste von Hirten ergriffen und in Gefangenschaft gebracht. Weithin bekannt ist einem breiten Lesepublikum zudem, dass sie, der Forderung des lokalen Kults entsprechend, am Ufer geopfert werden sollten. Doch erklärt Goethes Thoas im ersten Aufzug: „das Gesetz/Gebiet’s und die Not.“5 Den Hinweis auf die Not als Begründung der Verhaltenswahl überliest man zumeist. „Not“ könnte sich angesichts der in Goethes Stück klimatheoretisch angesprochenen kahlen Felsen sehr wohl auf knappe Ressourcen beziehen, Fischfang und Ziegenkäse deckten dann kaum den Eigenbedarf der Bevölkerung, die schon deshalb eine Aufnahme der Fremden nicht duldet, die aus Not vorzeiten die Abschottung ihrer Insel und die Tötung von Ankömmlingen zum Gesetz gemacht hatte. Not heißt aber auch, dass die Zuschreibung von Herrscherautorität aus den fest gefügten Bedingungen von ererbtem Amt und Person in die Krise geriet, nach dem Tode des Königssohns verlagerte sie sich auf Formen ihrer freien Inszenierung durch rivalisierende Anwärter. Ein Bürgerkrieg droht. So wird der Tod derjenigen, die über das Meer die Insel anstreben, in Kauf genommen. Zarte humanitäre Aufbrüche, gespeist aus Erfahrungen einer Exilantin, ersterben, als materielle Zukunftsängste und politische Polarisierungen um sich greifen. Menschenopfer allerorten, um geschichtliche Interessen durchzusetzen, im Herkunftsland der Fremden, um Kriege zu legitimieren, im Lande der Ankunft fernab der Heimat, weil man nicht teilen und den Staat innenpolitisch zusammenzuhalten will. Dies alles erzählen antike Mythen im kulturellen Kanon hochstehender Literatur.

Sicher sind solche Bilder genügend offen, um den Blick auf die Zeitgegenwart freizumachen. Mythen laden schon aufgrund ihrer Weite dazu ein, in diese Gegenwart hineinzuspiegeln. Freilich scheinen zeitgeschichtliche empirische Realitäten – verglichen mit mythischen Abstraktionen – oftmals auch komplexer und vielfältiger.

Noch im Sommer 2015 dominierte in Deutschland eine sogenannte Willkommenskultur. In diese wirkten zwei Faktoren hinein: die Erinnerung, dass ←10 | 11→Deutsche: Musiker, Theaterschaffende, Architekten, Wissenschaftler, Literaten, rassisch Verfolgte und politisch Verfolgte, darunter Sozialisten, Radikaldemokraten und Kommunisten, selbst nach 1933 in neue Heimaten aufbrechen mussten. Hierzu zählten auch Emigranten aus dem Saarland nach dem 1. März 1935, aus Österreich nach dem „Anschluss“ am 12. März 1938 oder aus dem sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren nach dem 15. März 1939. Die Liste deutschsprachiger Exilanten ist lang. Und es trat zutage – zumeist in verschiedenen Leserbriefen – dass ältere Deutsche kollektive Erinnerungen noch einmal erlebten: die Erinnerung daran, am Ende des Krieges mit 12 Millionen weiteren selbst als Flüchtling unterwegs gewesen zu sein, die Erinnerung daran, dass Hunderte in der Nord- und Ostsee ertranken, dass der Flüchtlingsstatus in der neuen Heimat sehr weh tat, weil Behauste in jener Zeit knapper Ressourcen weder Heizmaterial noch Nahrung und schon gar nicht Wohnraum mit den Fremden zu teilen bereit waren.

Wie alle wissen, schlug das helle Sommermärchen von 2015 in Deutschland und in Österreich sehr schnell in schwarze Prophetie um. Empathie wich dem anteilnahmslosen, datenasketischen Blick und der Frage nach budgetärer Größenordnung notwendiger Ausgaben. Dabei ließ die leidenschaftliche Austragung und Ausrichtung öffentlicher Debatten auch erkennen, dass die Meinungen über eine bloße Verteilungsdebatte, wonach eine Einwanderung von nicht Einzahlern in die Sozialsysteme erfolge, hinausgingen. Es wurden Ängste davor hörbar, dass der proemanzipatorische Liberalismus – von sich selbst schwärmerisch berauscht – nicht erkenne, dass der deutsche Volkscharakter durch Hunderttausende von volksfremden Einwanderern, die unfähig zur Assimilation seien, aufgesogen werde. Unfähig zur Assimilation würden die Fremden einen Staat im Staate bilden und einen Kulturkrieg gegen dessen Werte entfesseln. Auch das Ausland warnte. Der britische Politologe Anthony Glees, lehrend an der Universität im britischen Buckingham, nannte Deutschlands Vorgehen in der Flüchtlingskrise „undemokratisch“, Berlin habe sich mit der Entscheidung, die in Ungarn gestrandeten Migranten aufzunehmen, nicht an EU-Regeln gehalten. Zwar werde den Deutschen zugebilligt, dass sie historische Gefühle haben, die den Briten ganz fehlten, dass es wohl 2015 noch immer ein Gedächtnis gäbe von dem, was vor dem Zweiten Weltkrieg 1938/1939 mit Flüchtlingen passiert war. Aber in Großbritannien, wo zurzeit nicht nur den Terrorismus bekämpft werden müsse, wo sich im Verlauf vieler Jahre die wirtschaftlichen Emigranten-Probleme aufstauten, herrsche der Eindruck, die Deutschen hätten den Verstand verloren. Deutschland zeige sich englischen Beobachtern wie ein Hippie-Staat, allein von Gefühlen geleitet. Und dies schaffe Probleme auch für die Briten. Zwar kämen die Flüchtlinge nach Deutschland, aber nach fünf Jahren bekämen sie ←11 | 12→Ausweise, mit denen sie durch die ganze Europäische Union reisen könnten. Großbritannien sei bekanntlich nicht Mitglied von Schengen. Zurzeit könnten diese Leute nicht legal nach Großbritannien kommen. Aber in fünf Jahren sei dies möglich, so könnten Millionen, die nach Deutschland gekommen sind, bald nach Frankreich, in andere Länder, auch nach Großbritannien reisen.

Glees warnte, man möge über die ungarische Regierung denken, was man wolle, aber die Regeln seien da, und wenn Deutschland sich nicht an die Regeln halte, falle die Union auseinander.

Tatsächlich belastete die ungeregelte Zuwanderung auch das deutsche Verhältnis zum polnischen Nachbarn. Polen kritisiert seit Langem die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin und weigert sich strikt, Migranten nach einer Quote aufzunehmen. Zwar wollen Polen und Deutschland trotz aller Konflikte ihre Zusammenarbeit weiter vertiefen – gerade auch in der Europapolitik. In der Migrationspolitik ist eine Einigung allerdings nicht in Sicht. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki kündigte bereits an, sein Land werde sich mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem geplanten Migrationspakt der Vereinten Nationen zurückziehen. Er legitimierte dies mit der Aussage, souveräne Prinzipien Polens hätten absolute Priorität.

Und auch in Deutschland mehrten sich Stimmen, denen zufolge man unterscheiden können müsse zwischen den Leuten, die aus Verzweiflung nach Europa kommen wollen, und den Leuten, die aus einem wirtschaftlichen Verbesserungsgefühl heraus kommen, was man sehr gut verstehen, aber nicht dem Asylrecht zuordnen könne. Und es meldeten sich auch Kulturbesorgte zu Wort, auch Philologen und Lehrer, die den Bildungskanon weiter erodieren sahen. Bei allen Trennlinien, die durch Deutschland gehen, etwa zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Nord und Süd und Ost und West, den politisch Rechten und Linken, gäbe es tiefe Gemeinsamkeiten: das Land, seine Grenzen, seine Sprache, seine Geschichte. Etwa spanne sich zwischen dem Kölner Dom und den Kreidefelsen auf Rügen, zwischen Weimar und Königsberg ein Netz von materiellen und immateriellen Erinnerungsfäden, welches das nationale Bewusstsein in einem ungenau bestimmbaren, aber profundem Sinne zusammenhalte. Mit solchen Dingen, die in den breiten Rahmen deutscher Erinnerungsgeschichte eingebunden sind, würden junge Afghanen oder Syrer sich kaum identifizieren können.

Die Herausgeberinnen waren sich nun bewusst, dass in der ausgeschriebenen Thematik dieses monografischen Bandes große Komplexität und Unbestimmtheit mitsprechen. Aber sie sind überzeugt, dass der analytische Blick auf die verschiedensten historisch-politischen Konstellationen, seien diese literarisiert oder faktologisch, helfen wird, die jüngsten Probleme und Erfahrungen in einem ←12 | 13→schärferen Licht zu sehen. Sie setzen damit gegenwärtiger Aufgeregtheit eine Spannungsbewältigung durch geschichtliche Bildung entgegen.

Über die Anmeldungen zur Mitarbeit an diesem monografischen Band haben sich die Herausgeberinnen sehr gefreut. Und da diese sich alle dankenswerterweise auf die Ausschreibung einließen, ist es vielleicht kein Zufall, dass sich Schwerpunkte herausheben lassen. Einige Beiträge beschäftigen sich mit Spielarten des Reichsnationalismus und anderen Nationalismen, mit rassischem Exklusionsdenken und dem Ideal einer purifizierten Nation. Andere Beiträge künden die Verarbeitung von gesellschaftlichen Ausschlüssen über romantische oder antike Kulturmuster an, oder sie leuchten wirtschaftsgeschichtliche Hintergründe der Arbeitsemigration in der Altbundesrepublik Deutschland aus. Und es ist sicher nicht zufällig, dass einige Beiträge versprechen zu zeigen, wie die Verarbeitung von Fremdheit, von Zuwanderung, anerkannte Normalität auch im Sprachlichen sprengt oder transformiert.

Wissenschaftlich-kritisch ausgeschrieben tragen diese Themen womöglich dazu bei, Beobachtungshorizonte an die Geschichte wie an die gegenwärtige Migrationsdebatte anzulegen.

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1 Christian Traulsen: Das sakrale Asyl in der Alten Welt: zur Schutzfunktion des Heiligen von König Salomo bis zum Codex Theodosianus, Tübingen 2004, S. 153.

2 Demodokos, der „vom Volk Aufgenommene“. Siehe Kurt Roeske: Die späte Heimkehr des Odysseus. Homers Odyssee. Texte und Deutungen, Würzburg 2005, S. 69.

3 Zit. nach ebd., S. 71.

4 Christian Traulsen: Der Altar als Zukunftsort, in: Das sakrale Asyl in der Alten Welt (wie Anm. 1), S. 19–53.

5 Goethes Werke, 12 Bde., hrsg. von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar, Berlin und Weimar 1974, Bd. 5, S. 390.

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Hargen Thomsen

Wie Rom zu Europa wurde. Die kulturelle Transformation der Spätantike ins Frühmittelalter am Beispiel Cassiodors (485–580)

Abstract: Europe, seen as a cultural area, is regarded since the renaissance and in consequence of a classical conception of history as a direct descendant from the culture of the ancient world. But this tradition is far from unbroken. In this article it is assumed that in the crucial decades and centuries, in which this transformation took place, a break of continuity happened, who, as a whole, lead to one of the greatest mental revolutions in the history of mankind. This transformation from the last decades of the Roman Empire to the early Middle Ages is seemingly an era characterized by plague, wars, political chaos and ethnical fights for survival. But at the same time this era set new moral concepts, a new system of values, who are the basis for our modern self-consciousness and our concept of human rights. This transformation of values is exemplified on Cassiodor (ca. 485–580), who, in the first half of his long life, was looking for a political solution to the problems of Italy under the rule of the Goths. When this plans failed he founded the „Vivarium“, a sort of monastery in southern Italy (Calabria), where he promoted and organized the transformation of cultural knowledge from antiquity into an new system of christian values.

Keywords: cultural transformation, Cassiodor, gothic Italy, ancient world an christian values, ethnic assimilation, historiography as integration, intellectual religiousness

Seit Edward Gibbons monumentaler History of the decline and fall of the Roman Empire (1776/88) wurde die Frage nach den Gründen für den Untergang des Römischen Reichs zu einem der Lieblingsthemen der Geschichtsforschung, und man möchte fast behaupten, dass es dazu ebenso viele differierende Meinungen gibt wie Historiker, die sich damit beschäftigt haben.1 Diesem Streitthema soll hier nicht ein weiterer Lösungsversuch hinzugefügt werden. Viel interessanter erscheint mir die Frage, wie aus der einen, der römischen, eine ganz andere, europäische Welt wurde. Denn obwohl Europa seit der Renaissance und in der Folge eines immer noch nachwirkenden klassizistischen Geschichtsbildes in der ←15 | 16→Tradition der Antike gesehen wurde und wird, ist diese Traditionslinie doch alles andere als ungebrochen. Ich möchte sogar behaupten, dass in den entscheidenden Jahren – oder vielmehr Jahrhunderten –, die diesen Übergang bezeichnen, ein Kontinuitätsbruch wahrzunehmen ist, der in seiner Gesamtheit zu den größten geistigen Revolutionen der Menschheitsgeschichte zählt.

Die Einheit der römischen Welt beruhte weitgehend auf der Gewalt römischer Legionen und der Korrumpierung lokaler Eliten. Dass die Duldsamkeit der Römer, wenn es um Fragen der Macht ging, sehr enge Grenzen hatte, zeigt schon die Geschichte der beiden jüdischen Aufstände von 69/70 und 132 bis 135, die bekanntlich mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurden. Auch in religiöser Hinsicht waren die Römer nicht so tolerant, wie eine idealisierte Geschichtsschreibung gern behauptet. Z. B. berichtet Tacitus aus der Zeit des Tiberius – also noch vor dem Auftauchen der Christen – davon, wie die in Italien lebenden Anhänger jüdischer und ägyptischer Kulte nach Sardinien deportiert wurden, mit dem zynischen Zusatz: „Wenn sie dort infolge des ungesunden Klimas umkämen, spiele dieser Verlust keine Rolle.“2

Ob es in den römischen Provinzen jenseits einer schmalen Oberschicht ein Gefühl von römischer Identität gab, von Zugehörigkeit zum römischen Kulturraum, darf bezweifelt werden. Auch mitten auf römischem Gebiet gab es, besonders in abgelegenen, schwer zugänglichen Regionen, Völker, die sich nie offiziell unterworfen und in den Jahrhunderten römischer Okkupation ihre lokalen Traditionen, Kulturen und Gottheiten konsequent beibehalten hatten. Der Zusammenbruch des Römischen Reiches war für diese Völker keineswegs die Katastrophe, die es für den provinzialrömischen Adel allerdings gewesen sein mag. Sie kehrten ganz einfach zu ihren vorrömischen Traditionen zurück, oder vielmehr, sie hatten sie nie aufgegeben. Insofern steht das Gebiet des Römischen Reichs zum Zeitpunkt seines Untergangs keineswegs als einheitlicher Kulturraum da, als glatte Unterlage, auf der die Folgekultur nur hätte aufzubauen brauchen. Die Erben der Römer müssen vielmehr auf rauem Gelände völlig neu beginnen.3 Die Epoche, von der hier die Rede sein soll, hat nicht einmal ←16 | 17→einen eigenen Namen, denn der Terminus „Völkerwanderungszeit“, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, wird heute wegen seiner teilweise ideologischen Konnotationen nicht mehr gern benutzt, und darüber hinaus bleiben nur Negativ-Kennzeichnungen wie „Spätantike“ oder „Frühmittelalter“, die von einem Nichtmehr oder Nochnicht handeln, in der die eine Epoche in ihre Dekadenzphase eintritt und die andere sich noch in einem embryonalen Zustand befindet.

Zusammenfassung

Im Sommer 2015 erinnerten sich Deutsche daran, dass Deutsche nach 1933 in neue Heimaten aufbrechen mussten. Auch trat zutage, dass ältere Deutsche kollektive Erinnerungen noch einmal erlebten: die Erinnerung daran, am Ende des Krieges mit 12 Millionen weiteren selbst als Flüchtling unterwegs gewesen zu sein. Dennoch schlug das helle Sommermärchen von 2015 in Deutschland und in Österreich sehr schnell in schwarze Prophetien um.
Der Band präsentiert literarische, ökonomische und soziale Aspekte der Migration. Die Herausgeberinnen sind überzeugt, dass der analytische Blick auf die verschiedensten historisch-politischen Konstellationen, seien diese literarisiert oder faktologisch, helfen wird, die jüngsten Probleme und Erfahrungen in einem schärferen Licht zu sehen. Sie setzen damit gegenwärtiger Aufgeregtheit eine Spannungsbewältigung durch geschichtliche Bildung entgegen.

Biographische Angaben

Maria K. Lasatowicz (Band-Herausgeber:in) Andrea Rudolph (Band-Herausgeber:in)

Maria Katarzyna Lasatowicz ist Professorin am Lehrstuhl für deutsche Sprache und Leiterin des Instituts für Germanistik an der Universität Opole. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt in Sprachbiografien polnischer Einwohner in Oberschlesien und Sprachinseln. Andrea Rudolph ist Professorin am Lehrstuhl für deutsche Literatur und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts am Institut für Germanistik der Universität Opole. Im Zentrum ihrer Forschung stehen die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts sowie kulturelle Räume und deren Literaturen.

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Titel: Migration und Zuwanderung