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Aktionsarten

Im Spannungsfeld zwischen Lexik(on) und Grammatik

von Hans-Jörg Schwenk (Autor:in)
©2019 Monographie 242 Seiten

Zusammenfassung

In diesem Buch wird die germanistische Aktionsartforschung nachhaltig bereichert und entscheidend vorangetrieben. Zum ersten Mal erfahren Aktionsarten eine allumfassende Behandlung, indem sie sowohl im klassifikatorischen Sinne als Gliederung der Verben nach dem zeitlichen Geschehensablauf und damit nach der Ereignisstruktur als auch im morphologischen Sinne als motivierte Derivate, die von unpräfigierten Basisverben abgeleitet sind, aufgefasst werden. Das Buch zeigt nicht nur die Unzulänglichkeiten der traditionellen Vendlerschen Verbklassifikation auf und beseitigt diese, sondern gewährt darüber hinaus auch einen tiefen Einblick in das bislang wohl ungeahnte semantische Leistungsvermögen verbaler Präfixe.

Inhaltsverzeichnis


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Vorwort

In dem vorliegenden Band habe ich mir die ehrgeizige Aufgabe gestellt, die Problematik der Aktionsarten im Deutschen und ihrer Gratwanderung zwischen Lexik(on) und Grammatik aufzugreifen, unter allen möglichen Gesichtspunkten an sie heranzugehen und sie letztlich einer umfassenden Klärung zuzuführen. Ob und inwieweit es mir gelungen ist, diesem Auftrag und meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, mag der geneigte fachkundige Leser beurteilen – ich maße mir darüber kein Urteil an.

Für meinen Teil beschränke ich mich an dieser Stelle darauf, die Gelegenheit zu nutzen, mich bei meiner Mitarbeiterin am Lehrstuhl Sprachwissenschaft des Instituts für Germanistik und Angewandte Linguistik, Frau Dr. Jolanta Sękowska, aufs Allerherzlichste für die mir beim Verfassen der vorliegenden Arbeit erwiesene Hilfe zu bedanken. Die in dem Buch vorkommenden Abbildungen wurden zwar von mir konzipiert und erstellt, aber von ihr entsprechend graphisch gestaltet.

Des Weiteren schulde ich Dank zum einen meinem Kollegen und Mitherausgeber der Reihe „Lubliner Beiträge zur Germanistik und Angewandten Linguistik“; Herrn Prof. Dr. habil. Janusz Golec, und zwar für sein Wohlwollen und seine Unterstützung, sowie zum anderen den Verantwortlichen meiner Alma Mater, der Maria Curie Skłodowska-Universität zu Lublin, allen voran dem Dekan der Philosophischen Fakultät, Herrn Prof. Dr. habil. Robert Litwiński, und dies insbesondere für die finanzielle Förderung, die mir von jener Stelle bei der Herausgabe des Buches zuteil wurde.

Herrn Sebastian Madejski danke ich für die Anfertigung der Zeichnung, die die Vorderseite des Einbandes des Buches ziert und diesem dadurch auf optischem Wege zusätzliche Attraktivität verleiht.

Zuletzt möchte ich es nicht versäumen, dem Verlag Peter Lang meine Anerkennung für die vorbildliche Zusammenarbeit im Rahmen der Drucklegung des Bandes auszusprechen.

Fehler jedweder Art, die möglicherweise in der Arbeit enthalten sein könnten, wären ausschließlich die meinigen.

Lublin, im September 2019
Hans-Jörg Schwenk

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1. Problematik, Terminologie, Forschungsdesiderate

In dem vorliegenden Buch wird eine Thematik in Angriff genommen und einer eingehenden und möglichst umfassenden Untersuchung unterworfen, von der sich ohne Übertreibung behaupten lässt, dass sie den Linguisten im Allgemeinen und den Grammatikschreibern im Besonderen, obwohl sie ihnen seit eh und je schier unlösbare Rätsel aufgibt und dem einen oder anderen schon so manche schlaflose Nacht beschert haben dürfte, nach wie vor heftig unter den Nägeln brennt und sie, wie die beachtliche Zahl an hierzu veröffentlichten Beiträgen zeigt, nicht nur nicht loslässt, sondern im Gegenteil immer wieder in ihren Bann zieht und aufs Neue zum Nachdenken zwingt: die Aktionsarten. Dabei waren – und sind es leider weiterhin – die Bemühungen der Forscher indes trotz höchster Anstrengungen, die mit festem Vorsatz und in bester Absicht auf diesem Gebiet mit dem Ziel unternommen wurden, Einigkeit herzustellen und für die nötige Transparenz zu sorgen, alles andere als von Erfolg gekrönt, sind die Wissenschaftler doch bis auf den heutigen Tag an der Aufgabe gescheitert, um nicht zu sagen verzweifelt, die darin bestanden hätte, ein für alle Mal zufrieden stellend Aufschluss darüber zu erteilen, was sich genau hinter dem Phänomen „Aktionsart“ verbirgt, und einen klar umrissenen theoretischen Rahmen abzustecken, der es gestattet, die Aktionsarten von den mit ihnen verwandten, aber deshalb nicht weniger ungeklärten Aspekten deutlich erkenn- und nachvollziehbar abzugrenzen.

So nimmt es nicht wunder, wenn etwa Riecke (2000: 19 f.) ein ziemlich düsteres Bild über den Stand der Forschung auf diesem Gebiet zeichnet, indem er ernüchternd feststellt, dass „[wir] auch nach mehr als 100 Jahren der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Fragenkomplex ‚Aspekt und Aktionsart im Deutschen‘ (…) noch immer über keine zusammenfassende Darstellung all der Phänomene [verfügen], die bei der Beurteilung dieser vergleichsweise schwer faßbaren Erscheinung berücksichtigt werden müssen“ und er mit Wehmut in der Stimme bedauert, dass die Feststellung Hermann Pauls (1989: 363), des „heute wieder häufig zitierten Cheftheoretikers der junggrammatischen Bewegung“, wonach „die Erforschung der Aspekte in den Einzelsprachen und die Theorie der Aspekte (…) nicht abgeschlossen“ und „die Frage der Grenzen zwischen Aspekt und Aktionsart (…) weiter zu klären [ist]“ bis heute „nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt [hat]“. Verstärkt werde dieser Eindruck, so fährt Riecke weiter fort (ibidem, S. 20), „wenn man etwa versucht, sich mit Hilfe der ←9 | 10→wichtigsten Grammatiken des Deutschen einen ersten Überblick über dieses Thema zu verschaffen“, wobei er mit Eisenberg (1994: 117) im Rücken, der darauf verweist, dass „das Aktionsartensystem“ [und mit diesem auch das Aspektsystem, so erlaube ich mir hinzuzufügen], „(…) für das Deutsche bisher ziemlich uneinheitlich und unterschiedlich beschrieben worden [ist]“ den Grammatiken in ihrer Gesamtheit ein schlechtes Zeugnis ausstellt, indem er ihnen bescheinigt, dass „(…) keine den Anspruch, eine umfassende und konsistente Darstellung des Phänomens vorzulegen, restlos einlösen [kann]“ (ibidem).1

Die Problematik, die sich um den soeben skizzierten Themenbereich herum aufbaut, geht also, grob gesagt, auf zwei Ursachen zurück: Zum einen gründet sie im Phänomen der Aktionsarten selbst, zum anderen rührt sie vom Fehlen einer deutlichen Demarkationslinie, die die Aktionsarten von den Aspekten abtrennt. Dabei wird die zwischen Aspekt und Aktionsart herrschende Verwirrung zunächst vor allem auf begrifflichem Wege herbeigeführt: Die Bezeichnungen „Aspekt“ und „Aktionsart“ werden nicht jeweils nur einer Erscheinung zugeordnet, sondern doppeldeutig verwendet, indem sie um den jeweils anderen semantischen Bereich erweitert werden, womit gegen das an Terminologie generell gerichtete Gebot der Einnamigkeit – ein Objekt hat nur einen Namen – und Eindeutigkeit – ein Name steht für nur ein Objekt – verletzt ←10 | 11→wird, was dazu führt, dass aus dem Gebrauch der Termini „Aspekt“ und „Aktionsart“ nicht klar deren Inhalt hervorgeht, diese demnach nicht für sich selbst sprechen, sondern der zusätzlichen Interpretation bedürfen, wodurch die fachliche Kommunikation, wenn nicht gestört, so doch zumindest erheblich beeinträchtigt wird.

Über das terminologische Wirrwarr – Andersson (2004: 6) geht noch einen Schritt weiter und ruft gar einen „Notstand in der Terminologie“ aus – wurde in der einschlägigen Fachliteratur schon oftmals lamentiert. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang vor allem auf Spitzbardt (1953/54), der das Forschungsgebiet, das sich um die Kategorien Aspekt und Aktionsart herausgebildet hat, einen „Tummelplatz der Terminologie“ schimpft und seinen Unmut in die Worte kleidet (ebenda, S. 56): „Wohl nirgends herrscht in der modernen Sprachwissenschaft ein solches Durcheinander wie auf dem Gebiet der Aktionsarten- und Aspektforschung“. Ins gleiche Horn stößt H.G. Klein (1974: 76), der sich in seiner terminologischen Schelte auf den Terminus „Aspekt“ verlagert und diesen folgendermaßen anprangert: „Unglücklich ist dieser Begriff in der Tat, da mit kaum einem anderen Terminus in der Grammatik so viel terminologischer Unfug getrieben wurde wie mit diesem (…)“. Unterstützung erfährt er dabei zum einen von Lenga (1976: 8), der die zahlreichen Missverständnisse, die in dem Fach grassieren, vor allem auf den „unterschiedlichen Gebrauch verschiedener Termini“ zurückführt, zum anderen von Rozwadowska (2004: 208), wobei diese ebenfalls, wenn auch weniger harsch, mit dem Aspekt ins Gericht geht und ihre Kritik auf die nüchterne Formel bringt: „Samo pojęcie aspektu nie jest precyzyjne, ponieważ używane jest zarówno w odniesieniu do opozycji dokonany/niedokonany w językach słowiańskich, jak i w odniesieniu do aspektu leksykalnego (czyli rodzaju czynności)“.

Tschirner (1991: 7) wiederum beklagt, dass die strikte terminologische Trennung zwischen Aspekt und Aktionsart, wie sie im Slawischen im Zuge der Entfernung lexikalischer Elemente aus dem Begriff „Aspekt“ bei gleichzeitiger Verdrängung grammatischer Elemente aus dem Begriff „Aktionsart“ erfolgte, in den englischsprachigen Raum nicht vorgedrungen sei und weder von Comrie (1976) noch von Lyons (1977) nachvollzogen und dadurch „die nicht-sprachspezifische [Diskussion], die den Sprachenvergleich benötigt, erschwert“ und „deshalb leicht Ungleiches miteinander verglichen“ werde. Und Bertinetto (1993: 71) schließlich hebt gar den Zeigefinger und mahnt: „(…) I believe that in some relevant cases we are faced with the actual confusion of notions which should be kept apart, if we want to achieve a deeper understanding of this topic. The most conspicuous examples are represented by the frequent confusion between (…) ‚actionality‘ [d.h. Aktionsart – H.-J. Sch.] and ‚aspect‘ (…)“.

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Dabei fällt auf, dass es in erster Linie die Aspektterminologie ist, also der Terminus „Aspekt“ selbst sowie die auf seine beiden Bestandteile zielenden Termini „imperfektiv“ und „perfektiv“, die auf fremdes Terrain vordringt und gewissermaßen aktionsartlich missbraucht und damit zweckentfremdet wird2. Einen ersten Vorgeschmack auf das, was man hier zu erwarten hat, mögen die folgenden Auszüge aus der einschlägigen Literatur geben: So ist sich etwa Lyons (1977: 706) zwar der Grammatikalität der Aspektkategorie und der Lexikalität der Aktionsartkategorie durchaus bewusst3, doch vermeidet er im Zusammenhang mit ←12 | 13→Aktionsartlichkeit die Bezeichnung „aktionsartlich“ mit der Begründung, diese gäbe nur zu Verwirrung (!) Anlass, wobei diese eben gerade damit vermieden würde, und zieht dieser die eigentlich dem Aspekt vorzubehaltende Bezeichnung „aspektuell“ vor4. In die gleiche Kerbe schlagen Helbig/Buscha (2001: 62 f.), indem sie die deutschen Verben nach der Aktionsart klassifizieren und dabei in imperfektive und perfektive einteilen, womit sie zur Beschreibung aktionsartlicher, d.h. lexikalischer Eigenschaften aspektuelle, d.h. grammatische Begriffe heranziehen5. Hentschel/Weydt (1994: 34 f.) wiederum bemängeln auf der einen Seite die in der Forschungsliteratur anzutreffende „terminologische Konfusion“ und verwahren sich gegen sie, ohne auf der anderen Seite zu merken, dass sie dieser selbst Vorschub leisten bzw. diese nähren, wenn sie feststellen: „Im Deutschen liegen beispielsweise in Verben wie blühen, schlafen oder wachen imperfektive Verben vor, die andauernde Handlungen oder Zustände ausdrücken. Perfektive Verben, die einen Begrenzungspunkt (Anfangs- oder Endpunkt) mit beinhalten, wären demgegenüber z.B. verblühen, einschlafen, aufwachen.“ Und schließlich, um ein letztes, diesmal außerhalb von Grammatiken anzutreffendes und deshalb vielleicht sogar aussagekräftigeres Beispiel anzuführen, gelangt Welke (2009: 113) im Zusammenhang mit der Valenzerweiterung von Verben zu dem Schluss, dass imperfektive Verben wie schnarchen oder trinken dann, wenn ←13 | 14→man die jeweils freie Objektstelle mit Aktanten auffüllt und ihnen ein Objektsprädikativum (Emil schnarcht Ludwig wach) bzw. ein Direktivum (Emil trinkt Ludwig unter den Tisch) hinzufügt, perfektiviert werden, womit auch hier die grammatischen Epitheta „imperfektiv“ bzw. „perfektiv“ ganz so, als wäre dies die größte Selbstverständlichkeit, auf lexikalische Tatbestände gemünzt werden6.

Wie entstand das terminologische Verwirrspiel, wie kam es dazu bzw. was hat dazu beigetragen, dass es sich nahezu ungehemmt entfalten und bis in die Gegenwart hinein fortsetzen konnte? Sollte man nicht etwa doch hie und da zu lange davon ausgegangen sein, dass beide Termini auf den gleichen Inhalt referieren und somit einer ausreicht, um diesen sprachlich abzubilden7, oder, wenn nicht dies, so zumindest geglaubt haben, dass sich die Verschiedenheit der Inhalte, um die es geht, so bescheiden ausnimmt, dass sich eine terminologische Trennung nicht lohnt bzw. man sich eine solche getrost sparen kann, indem man einen Terminus eliminiert und den verbleibenden quasi in den Rang eines beide – wie man dachte: ja kaum merklich voneinander abweichende – Inhalte umfassenden Oberbegriffs erhebt8? Andersson (1972: 17) vermutet, dass bei der ←14 | 15→Entstehung dieses Missstandes eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben mag, dass „beide Begriffe [d.h. Aspekt und Aktionsart – H.-J. Sch.] von Anfang an mit dem gleichen Terminus bezeichnet wurden: auf englischem und französischen Sprachgebiet aspect, auf deutschem Aktionsart“ und damit von Anbeginn an der Brauch einsetzte und schnell um sich griff, der darauf abzielte, die Termini „Aspekt“ – auf englischem und französischem Territorium – und „Aktionsart“ – auf deutschem Sprachgebiet – auf die inhaltliche Sphäre des jeweils anderen auszudehnen. Und Spitzbardt (1953/54: 57) schließlich, um das Bild abzurunden, führt eine relativ einfache Erklärung ins Felde, indem er die terminologische Unordnung, die die Bereiche „Aspekt“ und „Aktionsart“ befällt, schlicht und ergreifend als von mangelnder Kenntnis der Spezifik der jeweils anderen Sprache bzw. Sprachfamilie rührend sieht und schreibt: „Spürt man einmal der Frage nach, woher denn diese Verwirrungen unter den Termini sowie die Vielzahl subjektiver Meinungen und Auslegungen rühren, so kommt man schließlich zu der Einsicht: weil einerseits Germanisten und Anglisten vielfach nicht den notwendigen Einblick in slawische Sprachverhältnisse und, umgekehrt, Slawisten nicht immer genügendes Verständnis für spezielle Wesenszüge und Erscheinungen in den germanischen Sprachen besessen haben.“ Dies mag alles stimmen, aber da ich mir kein abschließendes Urteil darüber anmaßen kann, welcher Umstand schließlich bei der terminologischen Verquickung der Aktionsarten mit den Aspekten den Ausschlag gegeben hat, ziehe ich es vor, mich an die Fakten zu halten und, statt mich in weiteren Spekulationen zu ergehen, einen Blick zurück in die fernere Vergangenheit zu werfen und zu schauen, wie sich die Termini „Aspekt“ und „Aktionsart“ herausgebildet und entwickelt haben.

Der Name „Aspekt“ taucht zum ersten Mal im Französischen auf, als Reiff in seiner auf das Jahr 1829 zurückgehenden Übersetzung von Grečs 1827 erschienener russischer Grammatik den dort verwendeten russischen Terminus „vid“ mit dem französischen Wort „aspect“ wiedergab. Der Terminus „vid“ zielte seinerzeit jedoch sowohl auf grammatische – also auf den Gegensatz „imperfektiv vs. perfektiv“ – als auch auf lexikalische Erscheinungen wie Iterativität, Semelfaktivität etc. Dieser Zustand hielt aber nicht lange an, denn schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts besann man sich um und beschränkte die ←15 | 16→Bezeichnung „vid“ auf die – grammatisch-aspektuelle – Imperfektiv-Perfektiv-Opposition, während man für die hieraus nun verbannten lexikalischen Elemente den Terminus „podvidy“ – was soviel wie „Unteraspekte“ heißt – parat hielt. Was demgegenüber den Terminus „Aktionsart“ angeht, so wurde dieser von Brugmann (1903) bzw. zuvor schon von Delbrück/Brugmann (1897) aus der Taufe gehoben, womit der seinerzeit von Curtius (1863) das griechische Aspektsystem anvisierende Terminus „Zeitart“ abgelöst und ersetzt wurde9. Die Aktionsarten, von Leskien (1955) „Handlungsarten“ genannt, wurden dann schon relativ frühzeitig in „perfektive“ und „imperfektive“ gespalten – erinnert sei in diesem Zusammenhang etwa an Streitberg (1891), Poutsma (1926) und van Wijk (1928) –, verstanden als lexikalische Opposition, die Andersson (1972) auf die Formel „Grenzbezogenheit“ (= perfektiv) vs. „Nicht-Grenzbezogenheit“ (= imperfektiv) brachte, wobei diese wiederum der seinerzeit von Garey (1957) eingeführten Einteilung der Verben in „telische“ (= perfektive/grenzbezogene) und „atelische“ (= imperfektive/nicht-grenzbezogene) Sachverhalte entspricht10 ←16 | 17→[siehe u.a. etwa Ballweg (2004)], was ihre Differenzierung gegenüber der ebenfalls in Perfektiva und Imperfektiva zerfallenden Aspektkategorie bestimmt nicht gerade erleichtert hat und wonach das Unheil ungehindert seinen Lauf nehmen konnte11.

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Damit schließt sich der Kreis, indem wir zu der semantischen Doppelbelegung der Termini „imperfektiv“ und „perfektiv“ zurückgekehrt wären, die dem ganzen Aspekt-Aktionsart-Dilemma den Boden bereitet hat. Aber damit noch nicht genug: Mit der Gliederung des Verbbestandes unter Heranziehung des Kriteriums der Begrenztheit in imperfektive (= unbegrenzte) und perfektive (= begrenzte) hätten wir gleichzeitig den Bogen zurück zu dem im Vorspann zu dem vorliegenden Abschnitt bereits kurz angeschnittenen Tatbestand gespannt, dass den Aktionsarten nicht nur die Konkurrenz mit den Aspekten auf den Magen drückt und Verstimmungen hervorruft, sondern dass sie sich darüber hinaus zumindest in der germanistischen Sprachwissenschaft selbst im Wege stehen und sich das Leben schwer machen, was sich darin widerspiegelt, dass sie diejenigen, die sich mit ihnen auseinander setzen, in zwei verschiedene Lager spalten.

Zwar sind sich alle darin einig, dass mit der Aktionsart, mit Bredel/Töpler (2007: 881) zusammenfassend formuliert, die „interne zeitliche Verlaufsstruktur des Ereignisses“, also der „Geschehensablauf“ [Engel (2004: 212)] festgelegt wird, doch scheiden sich die Geister an der Frage, ob Aktionsarten auf morphologisch durch Affigierung erzeugte Gebilde einzuengen sind oder den Gesamtbestand der Verben umfassen, indem sie auf Eigenschaften von Verben generell Bezug nehmen und ihnen damit nicht nur Ableitungen, sondern auch Simplizia angehören.

Ersteres fordern beispielsweise Zifonun/Hoffmann/Strecker et al. (1997)12 gestützt auf Steinitz (1981) und Glück (1993)13, womit sie den in der Slawistik verfolgten Ansatz, wonach Aktionsarten ausschließlich in diesem, d.h. morphologischen, Sinne aufzufassen sind, übernommen und aufs Deutsche übertragen ←18 | 19→haben14, damit aber gleichzeitig die Basisverben als aktionsartneutral deklarieren; die terminologische Lücke, die durch die Verbannung des Aktionsartbegriffs aus der Klassifikation der Verben in die Kategorien „imperfektiv“ und „perfektiv“ und seine ausschließliche Anbindung an morphologische Ableitungsprozesse und dabei in erster Linie an die Präfigierung gerissen wurde15, füllen sie mit dem Terminus „Verbalcharakter“, der seinerzeit von Isačenko (1968) eingeführt wurde, von wo aus er dann relativ rasch um sich griff, sich ausdehnte und u.a. auf Dressler (1968) überging, der ihn dann in der Germanistik etabliert hat16.

Details

Seiten
242
Jahr
2019
ISBN (PDF)
9783631806180
ISBN (ePUB)
9783631806197
ISBN (MOBI)
9783631806203
ISBN (Hardcover)
9783631805961
DOI
10.3726/b16342
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
Aktionalitätsart Aspektualitätsart Vendlersche Verbklassifikation Präfixale Verbderivation Aktionsartographie Kontrastive Verbsemantik
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 242 S., 8 s/w Abb.

Biographische Angaben

Hans-Jörg Schwenk (Autor:in)

Hans-Jörg Schwenk ist Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Sprachwissenschaft am Institut für Germanistik und Angewandte Linguistik der Maria Curie Skłodowska-Universität zu Lublin. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind in den Bereichen Aspektologie, Lexikographie, Fachsprachen sowie kontrastive Linguistik angesiedelt.

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