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Neapel und das Neapolitanische als diskursiv konstruierter Mythos

Eine variationslinguistische Analyse

von Sara Matrisciano (Autor:in)
©2020 Dissertation 648 Seiten

Zusammenfassung

Neapel gilt als «Dialektmetropole». Hieran anknüpfend analysiert die Autorin das Alltagswissen über den neapolitanischen (Sprach-)Raum. Die Auswirkung von Diskurswelten auf sprachliche Variationsmuster steht dabei im Mittelpunkt. Die Stadtsprache Neapels wird über eine Varietätendiskussion aus Sprecherperspektive untersucht, in welcher der Mythos Neapel als Instrument der Dialekt- und Raumkonstruktion fungiert. Ausgangspunkt der Analyse ist die Metasprache der Informanten, in der Neapel als positiv konnotierte Dialektwelt mit negativ konnotierten Dialektsprechern aufscheint. Die Untersuchung zeigt, dass dieser erlebte Raum sprachliche Handlungsmuster beeinflusst und sich daraus ein symbolisch aufgeladenes Kommunikationssystem entwickelt hat, das auf der Gleichzeitigkeit von Stigma und Prestige des Neapolitanischen beruht und sich auf den Einsatz sowie das Erlernen von Dialekt und Italienisch auswirkt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Präambel: Der Papst auf der Piazza del Plebiscito
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitende Bemerkungen, Inhalt und Zielsetzung
  • 1.1 Das besondere Neapel in Forschung, Literatur und darüber hinaus
  • 1.2 Inhalt und Ziel der vorliegenden Studie
  • 2. Forschungskontext
  • 2.1 Einbettung in den italianistischen Forschungszusammenhang
  • 2.2 Forschungsgeschichtlicher Überblick zu Neapels Sprachwirklichkeit
  • 2.2.1 Alte und neue Funktionen des Dialektes in Neapel
  • 2.2.2 Gründe für den Dialekterhalt
  • a) Demographische Stabilität
  • b) Historisch-soziokulturelle Gegebenheiten
  • c) Sozioökonomische Konstellation bzw. Sozialstruktur
  • d) Synopsis
  • 2.2.3 Kritische Auseinandersetzung mit der „scuola napoletana“120
  • a) Bianchi/Maturi 2006: Dialetto e lingua negli usi linguistici dei parlanti di Napoli e della Campania
  • b) De Blasi 2013: Persistenze e variazione a Napoli (con una indagine sul campo)
  • c) Marano 2010: Aspetti sintattici dell’italiano parlato a Napoli bzw. Marano 2011: Il dialetto a Napoli: una riflessione su usi linguistici e valori funzionali123
  • d) Kritische Gesamtschau
  • e) Zu vertiefende Ansätze aus der scuola napoletana
  • 3. Konkretisierung der Forschungsdesiderata und theoretischer Unterbau
  • 3.1 Stadtbezogenes Sprechen
  • 3.2 Sprachbezogenes Sprechen
  • 3.3 Stadt- und sprachbezogenes Sprechen
  • 3.4 Terminologisch-konzeptueller Exkurs: Die Begriffe Dialekt und Italienisch
  • 4. Methodik und Sprachmaterial der vorliegenden empirischen Studie
  • 4.1 Datenerhebung und Korpus201
  • 4.1.1 Die Interviews
  • 4.1.2 Die Informanten
  • 4.1.3 Stichprobeninterviews und Feldnotizen
  • 4.2 Korpusdarstellung und Transkriptionsverfahren
  • 5. Erarbeitung des heuristischen Instrumentariums: Das Konzept der napoletanità in der Literatur, der Forschung und im Alltag
  • 5.1 Die wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der napoletanità
  • 5.1.1 Ursprünge und frühe Entwicklungslinien der napoletanità
  • 5.1.2 Die napoletanità als Kult(urgut)
  • 5.2 Das Stereotypengeflecht der napoletanità als städtische Kollektividentität
  • 5.2.1 Mögliche Lesarten der napoletanità
  • 5.2.2 Inhalte und Funktionen der napoletanità
  • 5.2.3 Synopsis
  • 5.3 Neapel und die napoletanità als Mythos
  • 5.3.1 Klärung des zugrunde gelegten Verständnisses des und Forschungsfrage an den hier untersuchten Mythos
  • 5.3.2 Entstehungslinien, Verbreitungskontexte und Aussage(weise)n des Mythos Neapel369
  • 5.3.3 Synopsis
  • 5.4 Nutzen und Bedeutung für die Sprachwissenschaft: Was kann uns der Mythos über die Stadtsprache sagen?
  • 6. Paradiesische Dialektwelten und dialektsprechende Teufel: Der Mythos als Instrument der Dialekt- und Raumkonstruktion
  • 6.1 Die Sprecher als Rezipienten und Konsumenten des Mythos Neapel
  • 6.1.1 Neapel als Gomorra: ‚È un po’ complicato rispetto ad altri posti‘
  • 6.1.2 Neapel als Arkadien: ‚La città più bella del mondo‘
  • a) Die schönste Stadt
  • b) Neapolitanische Ortsbezüge
  • c) Dialektophilie als Folge und Ausdruck der Topophilie
  • d) Das Neapolitanische ist eine Sprache
  • e) Die schönsten Städter
  • f) Die Dialektideologie als Antwort auf einen italienischen Konfliktdiskurs
  • 6.1.3 Resümee: Beharrlich ein von Teufeln bewohntes Paradies
  • 6.2 Die Schlüsselkonzepte des Mythos Neapel: Orte und Funktionen des Dialektes
  • 6.2.1 Il centro
  • a) Dialektgrenzen als identitäre Abgrenzungsstrategie der Stadt
  • b) Dialektgrenzen als soziokulturelle Abgrenzungs- und Aufwertungsstrategie der Stadt
  • c) Das centro storico als das echte Neapel
  • 6.2.2 Il popolino
  • a) Der Basisdialekt: il napoletano vero, stretto e antico
  • b) Zweisprachigkeitspostulat: weg vom Stigma
  • c) Verschiebung und Verortung des Stigmas: dialetto volgare, sguaiato e cafone
  • 6.2.3 La strada
  • a) Neapel als Dialektort: Der Begriff der metropoli dialettale aus Sprechersicht
  • b) Der Dialekt als Authentizitätsmarker
  • c) Der Dialekt als Grenzüberwindung
  • d) Der Dialekt als symbolischer Wissensträger
  • e) Der Dialekt als sozialer Schutzmechanismus
  • 6.2.4 Die Mythoskonzepte als emische Ordnung der symbolischen Aufladungen des Neapolitanischen
  • 7. Schlussbemerkung: Was können wir aus der vorliegenden Studie lernen?
  • Anhang
  • Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

cover

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Zugl.: Heidelberg, Univ., Diss., 2018

Autorenangaben

Sara Matrisciano studierte Romanistik (italienische und französische Sprachwissenschaft) und Kunstgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und an der Ecole du Louvre Paris. Seit Abschluss ihrer Promotion in Romanischer Philologie an der Universität Heidelberg forscht und lehrt sie als Universitätsassistentin am Institut für Romanische Sprachen der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ethno-, Sozio- und Variationslinguistik, der perzeptiven Dialektologie und Diskursanalyse sowie zuletzt der Morphologie und Wirtschaftslinguistik.

Über das Buch

Neapel gilt als „Dialektmetropole“. Hieran anknüpfend analysiert die Autorin das Alltagswissen über den neapolitanischen (Sprach-)Raum. Die Auswirkung von Diskurswelten auf sprachliche Variations- und Handlungsmuster steht dabei im Mittelpunkt. Die Stadtsprache Neapels wird über eine Varietätendiskussion aus Sprecherperspektive untersucht, in welcher der Mythos Neapel als Instrument der Dialekt- und Raumkonstruktion fungiert. Ausgangspunkt der Analyse ist die Metasprache der Informanten, in der Neapel als positiv konnotierte Dialektwelt mit negativ konnotierten Dialektsprechern aufscheint. Die Untersuchung zeigt, dass dieser erlebte Raum sprachliche Handlungsmuster beeinflusst und sich daraus ein symbolisch aufgeladenes Kommunikationssystem entwickelt hat, das auf der Gleichzeitigkeit von Stigma und Prestige des Neapolitanischen beruht und sich auf den Einsatz sowie das Erlernen von Dialekt und Italienisch auswirkt.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Präambel: Der Papst auf der Piazza del Plebiscito

Mit den Worten ‘a Maronna v’accumpagna! schließt Papst Franziskus bei seinem Neapelbesuch am 21.03.2015 seine Predigt. Auch auf den Plakaten, die den Papstbesuch im Vorfeld ankündigen, ist zu lesen ‘a Maronna t’accumpagna! Da es sich um einen offiziellen Anlass mit hohem Formalitätsgrad handelt – öffentliche Plakate, die den Besuch des Papstes annoncieren, die Predigt auf der Piazza del Plebiscito, die über die Massenmedien national übertragen wird – mag der Rekurs auf den (sogar verschrifteten) Dialekt zunächst aus soziolinguistischer Perspektive merkwürdig anmuten. Aus sprachhistorischer Sicht allerdings lehrt uns bereits das Konzil von Tours im Jahre 813 und die damit verbundene Entscheidung, die Predigten in den romanischen Volkssprachen zu halten, dass der Rückgriff auf eine volksnahe bzw. nähesprachliche Varietät keine ungewöhnliche Maßnahme der katholischen Kirche ist, um die Gläubigen zu erreichen.1 Wenn das Konzil von Tours ein Zeugnis dafür ist, dass auf die damalige Sprachwirklichkeit reagiert wurde und wir es mit dem Beleg eines geänderten Sprachbewusstseins zu tun haben, was sagt dann die Wahl, die neapolitanischen Zuhörer/Leser mit diesen dialektalen Worten anzusprechen, über die gegenwärtige Sprachwirklichkeit bzw. das Sprachbewusstsein in Neapel aus?

Einerseits verweist sie auf die – genauer auf eine – Sprachwirklichkeit Neapels, andererseits kreiert sie auf diese Weise auch (Sprach-)Wirklichkeit. Die Verwendung des Dialektsatzes in diesem Kontext erzeugt ein bestimmtes Neapel-Bild bzw. bedient ein (sprachliches) Stereotyp und kann damit fernerhin als deklarativer Akt der Ortskonstruktion (place-making)2 gelesen werden: Der Dialekt wird im öffentlichen Bewusstsein mit Neapel verbunden; Neapel als Ort, an dem Dialekt gesprochen wird, konstruiert und so als Dialektort und dessen Bewohner als Dialektsprecher deklariert. Es wird also ein stereotypes Neapel-Bild gezeichnet, das die Landeshauptstadt Kampaniens als „metropoli dialettale“ (De Blasi 2012b: 118) konturiert. Die Nennung des Dialektsatzes in diesem Zusammenhang legt ferner nahe, dass dem neapolitanischen Dialekt eine appellative und affektive Funktion zugeschrieben wird, die so stark ist, dass sie sogar medial instrumentalisiert werden kann. Der Dialektgebrauch soll offenbar positive Konnotationen evozieren und im Sinne eines perlokutiven Aktes (Austin 1962) bestimmte gewünschte Impulse im Hörer/Leser auslösen. Die offensichtlich gezielte Verwendung des Dialektsatzes lässt demnach darauf schließen, dass das Neapolitanische für die Neapolitaner eine soziale, emotional stark aufgeladene Bedeutung hat. Der Dialekt selbst wird durch die Verwendung in diesem Kontext als nähesprachlicher Code charakterisiert, mit dem man die Hörer/Leser besser erreichen kann, als dies wohl mit dem distanzsprachlich markierten Italienischen der Fall wäre.3 Diese Funktion ist für einen Dialekt aus sprachwissenschaftlicher Perspektive noch nicht außergewöhnlich, verwendeten doch schon Päpste vor Franziskus und andere Personen des öffentlichen Lebens wie Politiker oder Fußballtrainer medial inszeniert Dialektsätze oder dialektale Einschübe aus diesem Grunde (vgl. z. B. Matrisciano 2015). Palisi (2006: 141–142) fasst die Gründe für eine solch gezielte Dialektverwendung, wenngleich in einem anderen thematischen Zusammenhang, prägnant zusammen:

Il dialetto fa notizia, anche quando è usato in senso espressionistico, per dare un tocco di colore locale, o per una messa in evidenza veloce ed efficace. È anche di questo suo facile uso pubblicitario, veloce, semplice ed efficace che si sono presto accorti anche i politici: il dialetto diventa slogan, battuta pronta, boutade politica.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Satz im Dialekt, der die Predigt von Papst Franziskus abschließt. Außergewöhnlich ist aus sprachwissenschaftlicher Perspektive jedoch die Nachwirkung des Dialektgebrauches: Zahlreiche Feldnotizen aus der Zeit meiner ethnographischen Feldforschung belegen die Häufigkeit, mit der über den Dialektsatz des Papstes gesprochen wurde; selbst in den Regionalnachrichten wurde wiederholt und nicht ohne Wohlgefallen darauf aufmerksam gemacht, dass der Papst den Dialektsatz geäußert habe. Noch Tage später waren metasprachliche Kommentare ein Leitmotiv der Gespräche über den Papstbesuch:

Hai visto che il papa ha parlato napoletano?

Ha parlato pure napoletano il papa!

Mo‘ pure il papa parla napoletano!

Addirittura il papa parla il napoletano!

Avete sentito che il papa ha parlato napoletano?

Allen metasprachlichen Kommentaren war, wie die aufgeführten Beispiele suggerieren, ein enthusiastischer Unterton gemein. Der Dialektgebrauch seitens des Papstes entfaltete eine unübersehbare Wechselwirkung: Einerseits machte er den Papst wie bezweckt populär(er) und andererseits verlieh er dem Neapolitanischen (noch mehr) Prestige4. Der Dialektsatz wurde demnach sehr positiv aufgenommen und in vielerlei Gesprächen nahezu euphorisch reflektiert. Die teilnehmende Beobachtung offenbarte ein damit einhergehendes Gefühl von lokalem Sprachstolz bzw. sprachlichem Lokalstolz, das seine Kreise soweit zog, dass Sprecher in anderen Kontexten metasprachliche Rechtfertigungsstrategien daraus entwickelten, indem sie ihren Dialektgebrauch mit dem Hinweis, selbst der Papst, der nicht einmal Italiener sei, spreche Neapolitanisch, von jeder Art von Stigma5 freisprachen. In diesem Sinne: Se addirittura il papa parla napoletano, verimm’ nu poc’ che r’è stu napulitan’, chi o parl’ e pecché!6


1 Tempesta (2016) zeigt dies anhand der Analyse verschiedener Papstreden. Die italoromanischen Dialekte werden nicht nur von der katholischen Kirche instrumentalisiert; die Dialektinstrumentalisierung ist in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens (wie in der Politik, in der Werbung u. v. m.) auffindbar. Unter anderen besprechen Cavanaugh (2012b), Stellino (2010) und Nesi (2001) verschiedene Momente und Funktionen zielgerichteter Dialektverwendung.

2 Es gibt verschiedene Formen von place-making activities; immer geht es dabei um die Transformation eines indeterminierten Raumes durch Werte und Werthaltungen, die ein Kollektiv oder ein Individuum auf diesen überträgt, in einen determinierten, bedeutsamen Ort (vgl. Johnstone 2010a: 391; dazu auch Lefebvre 1991, Tuan 1991). Sprachliches Handeln als soziale Interaktion auf der Mikroebene oder als Diskurse auf einer Makroebene sind dabei besonders relevant (vgl. Matrisciano im Druck I, Busse/Warnke 2014, Auer/Schmidt 2010, XII; Gal 2010: 46–47) und können insofern als place-making Akt fungieren, als sie Räume konstruieren, die durch das Sprechen bzw. das Gesagte mit (sozialer, politischer usw.) Bedeutung gefüllt werden.

3 Dieselbe Funktion kommt auch der informellen Anrede auf den Plakaten zu, die der Kommunikationsstrategie wegen nähesprachlich ausgelegt ist. Zum Konzept der Nähe- und Distanzsprache vgl. Koch/Oesterreicher (1990).

4 In der Linguistik versteht man unter Prestige eine sozial erzeugte und kollektiv geteilte positive Bewertung einer Varietät. Es ist demnach nichts, das in der Varietät intrinsisch angelegt, sondern über sozialsymbolische Assoziationen wie Macht, Erfolg, Geld, Kultur etc. entsteht, die von der Sprachgemeinschaft als erstrebenswert erachtet werden (vgl. Strasser/Brömmer 2004). Nach Berruto (2005: 90) sind es folgende extralinguistische Merkmale, die dazu führen können, dass eine Varietät prestigeträchtig wird: „a) gli atteggiamenti linguistici favorevoli dei parlanti membri della comunità; b) il valore di simbolo della comunità attribuito alla (varietà di) lingua; c) l’essere veicolo di ampia e apprezzata tradizione letteraria; d) l’essere parlata dai gruppi sociali dominati“. Radtke (2002a: 63) diskutiert die Herkunft des Konzeptes und dessen Verwendung in der Soziolinguistik.

5 In der Linguistik wird unter Stigma eine soziale Sanktionierung verstanden, durch die bestimmte Varianten oder eine Varietät negativ beurteilt werden (vgl. Strasser/Brömme 2004). Radtke (2002a: 63) diskutiert die Herkunft des Konzeptes und dessen Verwendung in der Soziolinguistik.

6 Wenn selbst der Papst Neapolitanisch spricht, dann schauen wir doch einmal, was dieses Neapolitanisch ist und wer es warum spricht!

Danksagung

Die vorliegende Arbeit ist die leicht überarbeitete Fassung meiner Dissertation mit dem ursprünglichen Titel ‚Glanz und Elend‘ Neapels und des Neapolitanischen: Die diskursive Konstruktion eines Mythos, die im Juni 2018 von der Neuphilologischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg angenommen wurde. Das Cusanuswerk hat die Anfertigung meiner Dissertation nicht nur finanziell durch das Promotionsstipendium ermöglicht, sondern durch die Bildungsveranstaltungen sowie den persönlichen Kontakt auch zu einer besonders schönen Erfahrung gemacht.

Ein so langwieriges Unterfangen wie die Ausarbeitung einer Dissertation ist nur mit der Hilfe vieler Menschen möglich; besondere Umstände führten zudem dazu, dass mir am Ende zwei Doktorväter und sogar drei Gutachter für diese Arbeit zur Verfügung standen. Im Folgenden möchte ich daher allen meinen Dank aussprechen.

Mein besonderer – und besonders herzlicher – Dank gilt zunächst Herrn Prof. Dr. Jens Lüdtke, der diese Publikation leider nicht mehr erlebt, obgleich er alles für deren Verwirklichung getan hat. So stand er mir mit seinem außerordentlichen Wissensreichtum fortwährend zur Seite, hat mir bei meinen Anflügen von Pessimismus kompromisslos seinen Optimismus entgegen- und sich immer für mich eingesetzt. Er wusste mich zu fördern und im richtigen Moment zu fordern und blieb auch in den turbulenten Phasen der Entstehung einer solchen Arbeit stets gelassen und geduldig. Weiterhin danke ich von Herzen meinem Mentor Herrn Prof. Dr. Edgar Radtke für alles, was er mich seit meinem Studienbeginn gelehrt hat; ich danke ihm natürlich auch für die unzähligen wertvollen Hinweise zu dieser Arbeit, sein Interesse am Fortgang und Gedeih derselbigen, aber vor allem für seine Diskussionsbereitschaft auch weit darüber hinaus. Ebenso möchte ich Herrn PD Dr. Luigi Catalani für seinen spontanen Einsatz und essentiellen Beitrag zum Abschluss der Promotion danken. Außerdem danke ich Herrn Prof. Dr. Ekkehard Felder, der trotz seines Forschungssemesters den Vorsitz des Promotionsausschusses übernommen hat.

Mein Dank gilt auch Frau Prof. Dr. Lieselotte E. Saurma und ihrem lieben Mann, Adalbert Saurma, die mich während der Promotionsphase unermüdlich mit wertvollen Ratschlägen versorgt und großer Empathie begleitet haben.

Meinen guten Freunden Margherita Maulella, Nelson Puccio und Patrick Seyffert gebührt ebenfalls ein besonderes Dankeschön, und zwar nicht nur dafür, dass sie mir in jeder Phase der Promotion mit Rat und Tat zur Seite standen, sondern mich auch geduldig ertragen haben. Mein Dank für eine Vielzahl kleiner und großer Hilfestellungen über die Jahre hinweg gilt außerdem meinen Freunden und ehemaligen Kollegen am Romanischen Seminar sowie den Mitarbeitern des Dekanats der Neuphilologischen Fakultät in Heidelberg: Alessandra Acquarone, Meggi Altrock, Iris Hoffmann, Klaus Kempter, Till Stellino und Matthias Wolny.

Ferner danke ich von Herzen Stephan Mayerhofer, der mir vor und während der Publikationsphase in so vielerlei Hinsicht den Rücken gestärkt und frei gehalten hat.

Natürlich bin ich auch meiner Familie Orsola, Jutta, Daria und Walter Matrisciano sowie Erika Putz für ihren emotionalen, kulinarischen und finanziellen Beistand dankbar; im Besonderen gilt mein Dank jedoch meiner unübertrefflichen Mutter Silvana Ciccarelli, die alle Entstehungsphasen dieser Arbeit mitverfolgt und mich mit großer Hingabe und noch größerer Geduld umsorgt hat.

Abschließend möchte ich auch allen Informanten sowie den hilfsbereiten Menschen danken, die die Kontakte zu den vielen Interviewten hergestellt und/oder mich in Neapel beherbergt und verpflegt haben: Fernanda Gallo, Maria Teresa Gil Mendes da Silva, Anna Sgritto und Carolina Cocozza.

Inhaltsverzeichnis

Präambel: Der Papst auf der Piazza del Plebiscito

Danksagung

1. Einleitende Bemerkungen, Inhalt und Zielsetzung

1.1 Das besondere Neapel in Forschung, Literatur und darüber hinaus

1.2 Inhalt und Ziel der vorliegenden Studie

2. Forschungskontext

2.1 Einbettung in den italianistischen Forschungszusammenhang

2.2 Forschungsgeschichtlicher Überblick zu Neapels Sprachwirklichkeit

2.2.1 Alte und neue Funktionen des Dialektes in Neapel

2.2.2 Gründe für den Dialekterhalt

a) Demographische Stabilität

b) Historisch-soziokulturelle Gegebenheiten

c) Sozioökonomische Konstellation bzw. Sozialstruktur

d) Synopsis

2.2.3 Kritische Auseinandersetzung mit der „scuola napoletana“

a) Bianchi/Maturi 2006: Dialetto e lingua negli usi linguistici dei parlanti di Napoli e della Campania

b) De Blasi 2013: Persistenze e variazione a Napoli (con una indagine sul campo)

c) Marano 2010: Aspetti sintattici dell’italiano parlato a Napoli bzw. Marano 2011: Il dialetto a Napoli: una riflessione su usi linguistici e valori funzionali

d) Kritische Gesamtschau

e) Zu vertiefende Ansätze aus der scuola napoletana

3. Konkretisierung der Forschungsdesiderata und theoretischer Unterbau

3.1 Stadtbezogenes Sprechen

3.2 Sprachbezogenes Sprechen

3.3 Stadt- und sprachbezogenes Sprechen

3.4 Terminologisch-konzeptueller Exkurs: Die Begriffe Dialekt und Italienisch

4. Methodik und Sprachmaterial der vorliegenden empirischen Studie

4.1 Datenerhebung und Korpus

4.1.1 Die Interviews

4.1.2 Die Informanten

4.1.3 Stichprobeninterviews und Feldnotizen

4.2 Korpusdarstellung und Transkriptionsverfahren

5. Erarbeitung des heuristischen Instrumentariums: Das Konzept der napoletanità in der Literatur, der Forschung und im Alltag

5.1 Die wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der napoletanità

5.1.1 Ursprünge und frühe Entwicklungslinien der napoletanità

5.1.2 Die napoletanità als Kult(urgut)

5.2 Das Stereotypengeflecht der napoletanità als städtische Kollektividentität

5.2.1 Mögliche Lesarten der napoletanità

5.2.2 Inhalte und Funktionen der napoletanità

5.2.3 Synopsis

5.3 Neapel und die napoletanità als Mythos

5.3.1 Klärung des zugrunde gelegten Verständnisses des und Forschungsfrage an den hier untersuchten Mythos

5.3.2 Entstehungslinien, Verbreitungskontexte und Aussage(weise)n des Mythos Neapel

5.3.3 Synopsis

5.4 Nutzen und Bedeutung für die Sprachwissenschaft: Was kann uns der Mythos über die Stadtsprache sagen?

6. Paradiesische Dialektwelten und dialektsprechende Teufel: Der Mythos als Instrument der Dialekt- und Raumkonstruktion

6.1 Die Sprecher als Rezipienten und Konsumenten des Mythos Neapel

6.1.1 Neapel als Gomorra: ‚È un po’ complicato rispetto ad altri posti‘

6.1.2 Neapel als Arkadien: ‚La città più bella del mondo‘

a) Die schönste Stadt

b) Neapolitanische Ortsbezüge

c) Dialektophilie als Folge und Ausdruck der Topophilie

d) Das Neapolitanische ist eine Sprache

e) Die schönsten Städter

f) Die Dialektideologie als Antwort auf einen italienischen Konfliktdiskurs

6.1.3 Resümee: Beharrlich ein von Teufeln bewohntes Paradies

6.2 Die Schlüsselkonzepte des Mythos Neapel: Orte und Funktionen des Dialektes

6.2.1 Il centro

a) Dialektgrenzen als identitäre Abgrenzungsstrategie der Stadt

b) Dialektgrenzen als soziokulturelle Abgrenzungs- und Aufwertungsstrategie der Stadt

c) Das centro storico als das echte Neapel

6.2.2 Il popolino

a) Der Basisdialekt: il napoletano vero, stretto e antico

b) Zweisprachigkeitspostulat: weg vom Stigma

c) Verschiebung und Verortung des Stigmas: dialetto volgare, sguaiato e cafone

6.2.3 La strada

a) Neapel als Dialektort: Der Begriff der metropoli dialettale aus Sprechersicht

b) Der Dialekt als Authentizitätsmarker

c) Der Dialekt als Grenzüberwindung

d) Der Dialekt als symbolischer Wissensträger

e) Der Dialekt als sozialer Schutzmechanismus

6.2.4 Die Mythoskonzepte als emische Ordnung der symbolischen Aufladungen des Neapolitanischen

7. Schlussbemerkung: Was können wir aus der vorliegenden Studie lernen?

Anhang

Das Fragebogeninterview

Literaturverzeichnis

←16 | 17→

1. Einleitende Bemerkungen, Inhalt und Zielsetzung

Vulkanfeuer und azurblaues Meer, antikes Erbe und Gegenwartskunst, kultureller Reichtum und romantische Fischerdörfer: In kaum einer anderen Region sind so viele Gegensätze vereint wie am Golf von Neapel. Hier bezaubern uns mediterrane Schönheiten wie Sorrent und Ravello und zeugen archäologische Parks von historischem Luxus. Hier sorgt die Hand Gottes für Gerechtigkeit [Maradona im Spiel um den Scudetto] und schützt die rote Koralle [o’ curniciello] gegen den bösen Blick. Hier, wo nicht nur die Camorra, sondern auch der talentierte Mister Ripley auf Beutezug geht und wo Glaubenskriege um die wahre Pizza geführt werden, spaziert Maria Carmen Morese durch die engen Gassen. Geht dem Geheimnis der sfogliatella, dieser barocken Versuchung, auf den Grund. Erkundet den morbiden Charme Neapels mit dem Spanischen Viertel, seinen Bars und Katakomben. Und zeigt uns verborgene Schätze – von kunstvollen Dachgärten bis hin zu traumhaften Buchten […].

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt. Neapel sehen und sterben? Mit Hingabe und Humor führt uns Maria Carmen Morese in ihre Heimat ein, wo man stolz ist auf die temperamentvollsten Frauen und die schönste U-Bahn der Welt und wo an 235 Tagen im Jahr die Sonne scheint. Sie weiß, was einen Tomatensugo zum Mythos macht und warum die Zitronen hier besonders köstlich sind. Lüftet die Mysterien von Pompeji und Ischia. Verrät, warum das Blutwunder von San Gennaro immer wieder anstandslos klappt und wann Sie die Blaue Grotte für sich alleine haben …7

Diese Ausführungen über Neapel zeichnen ein bekanntes, stereotypes Bild der Stadt, denn Neapel wird in der Forschung als die gemeinplatzgenerierende Stadt schlechthin, „la ville de lieux communs par excellence“, bezeichnet (vgl. Marin 1998: 17). Das im Zitat skizzierte Bild voller neapeltypischer Gemeinplätze, ist so fest in der kollektiven Vorstellungswelt8 verankert, dass es selbst Wirklichkeit ist. Es knüpft nahtlos an die zahllosen Darstellungen Neapels in Musik, Literatur, Theater, Film, Medien und Politik der vergangenen Jahrhunderte an. Dieses ←17 | 18→kollektive „immaginario urbano“ (Ranisio 2003: 10) setzt sich aus Erzählungen, Darstellungen und Beschreibungen von und über Neapel verschiedener Epochen und unterschiedlicher Textsorten zusammen; nicht zu vernachlässigen sind dabei auch bildliche Darstellungen künstlerischen und nicht-künstlerischen Anspruchs, die ebenfalls das Bild der Stadt prägen.9 Es ist genau diese sich über Geschichte und Wesen Neapels legende „fabula di Napoli“ (Lieto 2007: 262), die Neapel zur „città afflitta dalla retorica“ (Arpaia 1994: 13) und „schiacciata dalle immagini“ (Niola 2005: 121) macht; eine Stadt also, die von ihren Geschichten geplagt und durch ihre Bilder erdrückt wird. So lässt sich mit den Worten des neapolitanischen Schriftstellers Raffaele La Capria (2009: 8) feststellen, dass jeder, der von Neapel erzählen möchte,

[d];ovrebbe sapere […] che il racconto che se ne fa è di importanza fondamentale perché dietro il racconto che finora ne è stato fatto, Napoli si è nascosta, e lì dietro ha vissuto per un tempo interminabile, soddisfatta delle tante immagini di sé.10

Die vielen Erzählungen über Neapel, von denen La Capria hier spricht, die sich laut Ranisio (2003: 10) zu einer städtischen Vorstellungswelt11 zusammensetzen, sind aus linguistischer Perspektive nichts anderes als Fragmente eines auf ganz unterschiedlichen Diskursebenen12 (Literatur, Politik, Wissenschaft, Musik u. v. m.) stattfindenden Neapel-Diskurses13, in dem seit Jahrhunderten das Wesen ←18 | 19→Neapels und der Charakter seiner Bewohner dargestellt, bewertet, erörtert und letztlich, wie sich im Verlauf der vorliegenden Arbeit zeigen wird, festgeschrieben werden. Daraus haben sich die vielen Bilder Neapels ergeben, hinter denen sich die reale Stadt, wie La Capria es beschreibt, versteckt. Diese diskursiv erzeugten Bilder – ‚Bilder‘ ist hier im Sinne von Repräsentationen zu verstehen14 – prägen die kollektive Vorstellung, welche auch die Städter heute von ihrer Stadt haben; dies wirkt sich – so die zu verifizierende These der vorliegenden Arbeit – entscheidend auf die Stadtsprache15 Neapels aus bzw. darauf, wie sie von den Städtern wahrgenommen, bewertet und ihre Varietäten16 oder einzelne Varianten17 räumlich verortet und gesellschaftlich verteilt werden. Die vorliegende Arbeit macht es sich ←19 | 20→zur Aufgabe, unter Berücksichtigung historisch gewachsener, diskursiv erzeugter kollektiver Wissensbestände die Stadtsprache Neapels aus Sprechersicht zu untersuchen. Es handelt sich somit beim vorliegenden Beitrag um eine linguistische Untersuchung des Alltagswissens über einen städtischen (Sprach-)Raum.18

Der Fall Neapel zeigt eindrücklich, wie aufschlussreich die genaue Ausleuchtung solcher Diskurswelten19 ist, da dadurch Sprachwirklichkeiten nicht nur deskriptiv beschrieben, sondern auch adäquat interpretiert werden können. Gesellschaftliches Wissen ist immer historisch gewachsen und diskursiv konstruiert und muss daher in einen größeren (historischen) Zusammenhang eingebettet und beleuchtet werden. Deshalb wird in der vorliegenden Arbeit zunächst einmal dargelegt, wie Neapel in den verschiedenen Auseinandersetzungen mit der Stadt dargestellt, welches Neapel-Bild darin gezeichnet wird (Kapitel 1.1) und warum dies für die vorliegende Studie relevant ist (Kapitel 1.2). Im zweiten Kapitel wird die vorliegende Arbeit im Forschungskontext verortet und dargetan, wie die italianistische Soziolinguistik bzw. Dialektologie20 bisher mit Neapel umgegangen ist. Dies dient einerseits dazu, dem Leser das soziolinguistische Porträt Neapels zu vermitteln und andererseits Forschungsdesiderata aufzuzeigen. Das dritte Kapitel ist eine Konkretisierung der Zielsetzung der vorliegenden Arbeit. Hier wird anhand des theoretischen Unterbaus, auf dem die vorliegende Arbeit basiert, präsentiert, wie ←20 | 21→die herausgearbeiteten Forschungslücken geschlossen werden können. Nachdem im vierten Kapitel der methodologische Zugriff, d. h. die Prämissen und Art der Erhebung der Sprachdaten geklärt und das für die vorliegende Arbeit gesammelte Sprachmaterial sowie dessen Darstellungsweise beschrieben wurden, widmet sich das fünfte Kapitel der Erarbeitung des heuristischen Instrumentariums. Dazu wird die Identifikations- und Repräsentationsgröße der napoletanità analysiert und für die linguistische Analyse nutzbar gemacht, indem ihre kulturelle, soziale und identitäre Bedeutung für Neapel und die Neapolitaner über die Auseinandersetzung mit der (Forschungs-)Literatur sowie aus Sprechersicht diskutiert wird. Das sechste Kapitel ist das Herzstück der vorliegenden Arbeit. Mittels einer qualitativen Analyse des Inhalts des für die vorliegende Arbeit erhobenen Sprachmaterials und der Untersuchung, wie der Dialekt im Interview beschrieben und eingesetzt wird, wird darin aufgezeigt, inwiefern die napoletanità die Wahrnehmung, Beschreibung und Bewertung der Stadtsprache beeinflusst, welche Rollen dem Dialekt und dem Italienischen im städtischen Sprachraum zukommen und wie die Sprecher auf der Folie der napoletanità ihren Stadtraum konzeptualisieren und ihre Sprachwirklichkeit konzipieren. Hier werden auch die bisher noch nicht beschriebenen Funktionen, welche die Sprecher dem Neapolitanischen zuschreiben, präsentiert und die Herausbildung einer Sprach- bzw. Dialektideologie diskutiert. Das siebte Kapitel umfasst die Schlussbemerkung.

1.1 Das besondere Neapel in Forschung, Literatur und darüber hinaus

Napoli è senza dubbio la città d’Italia sulla quale più numerosi si sono prodotti e si producono stereotipi. Spesso in contraddizione fra loro e con quelli già consolidati, che non scompaiono sostituiti dai nuovi, ma persistono. Tutti insieme e ad onta delle contraddizioni, confluiscono nell’idea di quella ‘qualità’ (immaginata) che ontologicamente dovrebbe permeare di sé tutti i partenopei: la napoletanità (Signorelli 2006: 705, eigene Hervorhebungen).

Eine sprachwissenschaftliche Analyse zu Neapels Stadtsprache zuerst mit dem Klappentext eines Reiseführers und dann mit einem kulturanthropologischen paratextuellen Incipit zu beginnen, in dem sich die città di pulcinella21 aufgrund der Tendenz zur Stereotypenbildung von anderen italienischen Städten ←21 | 22→in besonderer Weise abhebt, mag zunächst merkwürdig anmuten, doch indiziert es bereits die theoretisch-programmatische Ausrichtung sowie den Ausgangs- und – ohne dass dies ein Paradoxon darstelle – auch den Zielpunkt der vorliegenden Arbeit.

Dass in diesen einleitenden Bemerkungen immer wieder die Grenzen zwischen Forschungs- und Volksliteratur miteinander verschwimmen, ist gewollt – um nicht zu sagen richtunggebend –, denn die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Neapel-Bild,22 dessen Wurzeln, weitverzweigt und fein verästelt, in der gesamten Text- und Bildproduktion zur città alle falde del vesuvio zu suchen sind (vgl. Signorelli 2006; Ranisio 2003). Die Historikerin Gabriella Gribaudi (1999: 41) weist darauf hin, dass bestimmte Bereiche lange sogar gänzlich von der Forschung außer Acht gelassen und somit nur aus literarischer Perspektive bzw. filmischer oder theatralischer Adaption bearbeitet wurden:

Sulle donne degli strati popolari e intermedi, come su altri aspetti della realtà sociale napoletana che non siano economici e politici, per il periodo qui preso in considerazione [il Novecento], non è stato scritto nulla che non sia letteratura. Dunque sono la letteratura e il cinema a dipingere Napoli, soprattutto la Napoli popolare, e soprattutto le donne. Queste immagini sono esse stesse parte inscindibile della realtà e dell’identità cittadina (eigene Hervorhebungen).

Folglich kann das Neapel-Bild, das hier im Hinblick auf dessen Einfluss auf sprachliche Aspekte kritisch untersucht wird, nur aus einer Perspektive heraus skizziert werden, die sowohl wissenschaftliche als auch nicht-wissenschaftliche Darstellungen berücksichtigt.

Neapel-Stereotype23 gibt es, wie die Kulturanthropologin Amalia Signorelli darlegt, positive wie negative und daher häufig sich widersprechende, zahlreiche. ←22 | 23→Zusammengenommen bilden sie ungeachtet dieser Widersprüche die napoletanità, die sich als „Summe und Synthese“ aller sich auf Neapel und dessen Bewohner beziehenden Stereotype definieren lässt (vgl. Signorelli 2009: 15). Laut Signorelli (2006: 705) sind diese Neapel-Stereotype so tief im kollektiven Bewusstsein verankert, dass sie einen festen Bestandteil der italienischen Nationalkultur darstellen (vgl. dazu auch Galasso 1997: 291).24 Doch was genau macht die süditalienische Metropole so anfällig für die Stereotypenbildung? Signorelli (2006: 711, 2009: 20) erklärt die Tendenz zur kollektiven Auto- und Heterostereotypenbildung25 durch die Komplexität der neapolitanischen Realität. Die Frage, die sich an dieser Stelle allerdings aufdrängt und kritisch reflektiert werden muss, ist: Ist Neapel tatsächlich komplexer als andere Städte?

Sprachwissenschaftliche Arbeiten zur città dei presepi betonen stets deren Besonderheit und welche Herausforderungen sich dadurch für linguistische Erhebungen und Analysen ergeben;26 so leitet etwa Marano (2010: 10–11) seine Dissertation mit folgender Stadtbeschreibung ein:

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Napoli è una città estremamente complessa e profondamente stratificata al suo interno e pertanto si presta con gravissima difficoltà a rientrare nei modelli teorici tradizionali. L’eterogeneità dell’aggregato metropolitano, il suo peculiare assetto sociologico, la realtà della vita di quartiere e alcuni significativi eventi storici sono elementi che hanno donato a questa città un volto molto caratteristico e difficilmente indagabile. Verrà notato che la stessa divisione in classi sociali sembra avere una sua particolare fisionomia.

Die sozio- oder kulturhistorische Komplexität und soziale Heterogenität sind allerdings typische, die Siedlungsform Stadt kennzeichnende – und damit für diese gewöhnliche – Merkmale (vgl. Signorelli 1996: 29; Chambers 1994: 104); in den verschiedenen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der ex-capitale del regno werden diese Entitäten jedoch immer wieder als speziell neapolitanische Eigentümlichkeit hervorgehoben, weshalb Neapel aus traditionellen theoretischen Modellen herauszufallen scheint (vgl. Marano 2010: 107, Dines 2015: 6). Gleichermaßen wird Neapel in der Historiographie vielfach eine Sonderrolle in der italienischen Städtelandschaft zuteil, denn

seit Benedetto Croce […] ist immer wieder darüber debattiert worden, worin sich ihr Geschichtsverlauf und ihre physische wie soziale Konstitution von den anderen Städten Italiens unterscheide und was sie als spezifische, aber auch problembeladene Metropole des Südens auszeichne. […] Seit Croce hat sich eine weltweite Spezialforschung entwickelt, die Zustandsbeschreibungen und Erklärungen gegeben hat, aber auch immer neue Fakten und Gesichtspunkte zutage förderte. Die Geschichte Neapels präsentiert sich dem unvorbereiteten Leser deshalb zunächst als Ansammlung von Behauptungen, Argumenten und Fragen, die ein weitläufiges Geflecht ergeben, in dem nur schwer Orientierung zu finden ist (Pisani/Siebenmorgen 2009b: 11; eigene Hervorhebungen).

Auch diesem Zitat liegt also die Annahme zugrunde, dass sich die kampanische Landeshauptstadt in besonderer Weise von anderen italienischen Städten unterscheidet und nicht nur die Stadt selbst, sondern auch die historiographische Auseinandersetzung wird aufgrund der Vermengung von „Behauptungen, Argumenten und Fragen“ als besonders kompliziert herausgestellt. En passant wird Neapel außerdem in konzessiver Form ein nicht näher beschriebenes, negatives Attribut beigegeben: „spezifisch, aber problembeladen“. Eine der Stadt innewohnende Widersprüchlichkeit, die nicht zuletzt durch das Eindringen von Behauptungen über sie herrührt, erscheint darin als Präsupposition. Perspektiven dieser Art prägen die historische und historiographische Auseinandersetzung mit Neapel (vgl. Di Mauro/Vitolo 2006, Musella 2010, Ranisio 2003). So hebt auch Gribaudi (1999: 7) hervor, dass die città della sfogliatella ein besonders kompliziertes und widersprüchliches Forschungsobjekt ist, in welchem Auto- und Heterostereotype tragende Rollen spielen.

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Analizzare una città è un compito difficile, se non ci si vuole limitare a darne una definizione astratta e generalizzante. A maggior ragione è difficile parlare di Napoli, città molteplice e contraddittoria più di altre, su cui sono stati costruiti tenaci stereotipi, locali e nazionali (eigene Hervorhebungen).

Dines (2015: 3), eine soziohistorische Perspektive einnehmend und die Rolle Neapels aus gesamtitalienischer Sicht ausleuchtend, spricht sogar davon, dass

Naples often functioned as a sort of degenerate urban template against which to countermeasure the progress of the Italian North, but at the same time its very presence was seen to impede the liberal project of building the nation-state […]. After the Second World War, the idea of backwardness was eclipsed by the paradigm of underdevelopment. Naples was a city of blocked growth: economically dependent on the state and conditioned by a political system where personal ties and clientelism prevailed (eigene Hervorhebungen).

Neapel bietet sich demgemäß häufig als Emblem eines verteufelten Meridione, als „enigma struggente“ (Di Mauro/Vitolo 2006: 6) mit einem korrumpierten, degenerierten Gesellschaftssystem dar (vgl. dazu auch Ghirelli 1977: 55, 278–279; Gribaudi 1999: 97–98; 105–110). Mit der nationalen Einigung im Jahre 1861 verliert

das große Neapel […] seine Rolle als Hauptstadt, wird Teil jenes Mezzogiorno, das, von Turin, Mailand oder Rom aus gesehen, als ‚unterentwickelter‘, ‚rückständiger‘ Landesteil erscheint. Und die Stadt, ökonomisch noch weitgehend von Handwerk, Kleinmanufaktur und Dienstleistung (nicht zuletzt auf dem Feld des Tourismus) geprägt, verpaßt – wie es Raffele La Capria ausgedrückt hat – den Anschluß an Europa, leidet fortan am mal mediterranée (Richter 2005: 197).27

Neapel, so die Idée fixe der Neapel-Forschung, hat sich nie in seine neue, als Degradierung erfahrene Rolle einfinden können (vgl. Musella 2010: 9, Marin 1998: 25, De Blasi 2015) und lebt heute mehr von Folklore als von Geschichte (vgl. Coppola et al. 1997: 237).

È diventato un luogo comune, ma non si può fare a meno di ripetere che noi abbiamo qui una vecchia grande città, la quale da oltre un secolo non è più la capitale di un regno, come era stata per quasi sei secoli, e non è riuscita, tuttavia, a trovare nel frattempo una dimensione nuova, sostitutiva di quella antica (Allum 1978: 5).

Auch in stadtgeographischen Beiträgen fungiert Neapel nicht selten als Exempel für normabweichende Konstellationen in und der Stadt (vgl. Vallat et al. 1998: 7, Dines 2015: 6; Gribaudi 1999: 105; Coppola 1997a,b Lieto 2007).28 Gribaudi ←25 | 26→(1999: 110) hebt diesbezüglich hervor, dass soziale Verhaltensweisen und gesellschaftliche Modelle, die in anderen Städten – wie Paris oder Turin – antithetisch wären, in Neapel miteinander vereinbar sind, wodurch wieder der außerordentliche, auf Gegensätzen basierende Charakter der città del teatro hervorgehoben wird (vgl. dazu auch Niola 2005, Musella 2010). Die (wissenschaftliche) Auseinandersetzung mit Neapel konturiert dementsprechend das Porträt einer Stadt, die anders ist als andere Städte; eine Stadt, die scheinbar jeglicher Logik trotzt und durch wie auch immer geartete Dysfunktionen gekennzeichnet ist. Es ist ein Bild, das aber gerade aufgrund seiner subversiven Rätselhaftigkeit anziehend wirkt. Es ist genau dieses abstoßende und zugleich anziehende Mysterium rund um das (vermeintliche) Wesen Neapels, das die Stadt zu einem Mythos macht – doch dazu an anderer Stelle mehr (s. Kapitel 5.3).

Neapel-Stereotype wiederholen sich dabei in den verschiedenen Beschreibungen, selbst im akademischen Diskurs fortwährend (vgl. Dines 2015: xii, Galasso 1998: 291, Niola 2005: 116–117).

Mit ihren inzwischen rund 1,5 Millionen Einwohnern ist Neapel heute eine Großstadt mit bedrückenden zivilisatorischen und sozialen Problemen, die den Touristenstrom nur noch bis zu den Luxushotels von Santa Lucia gelangen lassen. Die publizistischen Klischees dieser Probleme und die Aufmerksamkeit für die das Leben der Stadt bedrückenden Erscheinungen von Mafia und Camorra lassen allzu oft übersehen, daß Neapel nach der Lebendigkeit und Fülle seines auf eine große Tradition gegründeten und weitgespannten Kulturlebens zu den großen europäischen Metropolen mit einer unverwechselbaren Physiognomie zählt, die es sich den Nivellierungstendenzen des modernen italienischen Staates gegenüber erfolgreich bewahrt hat (Gattermann 1991: 3, eigene Hervorhebungen).

So ließen es sich etwa – um nur noch ein Beispiel unter vielen zu nennen – auch Croce et al. (2006) in der Einleitung ihres grundlegenden Werkes Napoli e la Campania nel Novecento nicht nehmen, ihren Text um folgende stereotypische Elemente zu bereichern.

Il Novecento di Napoli va interpretato e raccontato nella sua complessità, rilevando continuità e discontinuità, successi e cadute, nobiltà e ignominie. […] Una speranza [assicurare il progresso di Napoli] che è affidata alla insopprimibile volontà di vivere che Napoli e la sua gente manifestano, nonostante tutto, in accordo con la magmatica energia vulcanica che la sua terra ricopre e che, tuttavia, si esprime in gesti, comportamenti, fiducie e scoramenti, come una volta suggerì l’acuta e sottile poligrafia di Gino Doria. Frattura e volontà di vivere: sono i corni di una dilemmatica realtà che è sbagliato credere di intendere all’insegna della estroversione, del vivere e lasciar vivere, giacché anche queste manifestazioni (più apparenti che strutturali) dell’antropologia napoletana, se lasciano individuare un’intelligente versatilità disposta a tradursi in cinismo, esprimono, in verso, la complessità della vita di Napoli e della sua lunghissima storia, anche quella degli ultimi cento anni (Croce et al. 2006: o. S., eigene Hervorhebungen).

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Auf inhaltlicher Ebene gehören der vulkanische, allem Negativen trotzende Lebenswille Neapels und dessen unauflöslich komplexe Lebenswelt, in der nur die Neapolitaner zurechtkommen, genauso dazu, wie auf struktureller Ebene die als rhetorisches Mittel eingesetzte Aufreihung antonymischer Gegenüberstellungen, um die città del caffè sospeso und deren Geschichte zu beschreiben (vgl. dazu auch Signorelli 2006: 706). Die in Raum, Zeit und Gesellschaft teilweise gegensätzlich wirkenden Kräfte, die sich dadurch auftuenden internen Widersprüche und eine daraus resultierende der Stadt inhärenten Komplexität und Einzigartigkeit lassen sich in der Tat als Leitmotive der vielgestaltigen (wissenschaftlichen) Auseinandersetzung mit Neapel identifizieren.29 So charakterisiert Dines (2015: 6) die wissenschaftliche Auseinandersetzung wie folgt: „[E];xplanations of Naples have often been torn between the idea of a bewilderingly unique city and the urge to squeeze into theories tried and tested elsewhere“. Dies bemerkt auch Marano (2010: 26) und führt dazu aus:

Ciò che si è cercato di mettere in evidenza, seppure con approcci e metodi differenti, è la profonda specificità del contesto urbano partenopeo. Da un lato, esso si caratterizza per una evidente diversità rispetto ad altri agglomerati cittadini. […] Dall’altro, Napoli è una realtà contraddistinta da una serie di divisioni interne che investono la società, l’assetto economico, la distribuzione della popolazione, la lingua (eigene Hervorhebungen).

Ob diese Komplexität der Ausgangspunkt oder vielleicht sogar ein Resultat der (wissenschaftlichen) Beschäftigung mit Neapel war, ist nicht einfach zu beantworten, aber glücklicherweise auch nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Für die vorliegende Arbeit soll die Beobachtung genügen, dass die Geschichte Neapels aufgrund einer infrage gestellten zeitlichen und kulturellen Linearität (vgl. Niola 2005: 11, 42) stets als äußerst vielschichtig und in sich verflochten dargestellt wird (vgl. Richter 2005, Niola 2005; Musella 2010), die schwer auf der Gegenwart wiegt (vgl. Galasso 1987: xii–xvii);30 mehrfach wird Neapel sogar als nicht in den normalen Geschichtsverlauf eingliederbar präsentiert (vgl. Dines 2015: 295).31 Vitellio (2009: 34) nennt die soziologischen und politologischen Darstellungen dementsprechend „trame a zig-zag […] dal dopoguerra ad oggi“.

Nahezu mythisch überhöht erscheint die città dei lazzeroni – auch im wissenschaftlichen Diskurs – wieder und wieder als Konglomerat von Spannungen und Antagonismen, welches durch die gesamte Bandbreite eines Kontinuums gebildet wird, das von einer berauschenden Positivität bis zu einer erdrückenden ←27 | 28→Negativität alles umfasst – Neapel als „metropoli creativa e […] nuova Gomorra“ (Lieto 2007: 262).32 Die antithetische Aufbereitung gehört dabei fest zum Neapel-Diskurs.

Napoli produttrice e prigioniera dei suoi dualismi e dei suoi contrasti estremi: Palepolis e Neapolis, Quartieri Spagnoli e Posillipo, aristocrazia e plebe, vette di intellettualità e sacche di analfabetismo, economia arretrata e cultura d’avanguardia, città accogliente e respingente, cinica e generosa. Inferno e Paradiso, città di acqua e città di fuoco (Masullo/Scamardella 2008: 15–16).

Savonardo (2007b: 24) spricht von einer „energia schizofrenica della città, dei suoi linguaggi di esultazione e disperazione“, die nicht zuletzt von der Lage Neapels am Fuße des Vesuvs herrühre, durch welche die Städter ständig mit dem Tod konfrontiert seien, weshalb die Neapolitaner ihre Stadt nicht als einfache „esperienza urbana“, sondern „come un problema, come un interrogativo, come una provocazione“ lebten (vgl. dazu auch Masullo/Scamardella 2008: 33–34). Wieder ist das Eindringen stereotyper Elemente augenfällig und die neapolitanischen fabulae scheinen nicht von der Stadt abspaltbar zu sein (vgl. Lieto 2007). Die città della pizza wird also dementsprechend als Stadt in fortwährendem Ausnahmezustand beschrieben (vgl. Musella 2010: 9–10, auch Dines 2015: 3; Vitellio 2009: 37; Chambers 1994: 104–111), ein durch das Schicksal gebeutelter, unter der Degradierung von der florierenden Hauptstadt eines Königreiches zu einer von vielen Regionalhauptstädten leidendender Schmelztiegel, in dem Begriffe wie Überlagerung, Vermischung, Ambivalenz, Stillstand und Chaos zum Inbegriff des Seins werden (vgl. u. a. Di Mauro/Vitolo 2006, Niola 2005, Musella 2010, Richter 2005, Signorelli 2006, 2009, De Blasi 2012b; Galasso 1987, Ghirelli 1977, Benjamin 1978; Macry 1997; Masullo/Scamardella 2008; Gribaudi 1999, Dines 2015) und Dinge möglich und gesellschaftlich gebilligt sind, die woanders sanktioniert werden würden (vgl. Niola 2005: 39–40; vgl. auch Dines 2015: 105 und Gribaudi 1999: 110). So fasst Dines (2015: 3) wissenschaftsdiskurskritisch treffend zusammen:

Naples […] has traditionally been regarded as a pathological exception: a swollen, preindustrial city of chronic social and economic problems, characterized by peculiar cultural practices, ingenious survival strategies and an apparent dearth of urban order (eigene Hervorhebungen).33

Die Geschichte der città di federico ii wird im Gegensatz zum klassischen Modell mit seinem „geordneten Übereinander der einzelnen Tiefschichten“ als Raum mit ←28 | 29→zu vielen Ausfüllungen skizziert,34 in dem die sich in der Zeit wandelnden Elemente immerzu neu miteinander verknüpft werden (vgl. Richter 2005: 13), sodass sie einen dichten Teppich an außerordentlich beständigen, überblendeten und überblendenden Wissensbeständen, fixierten symbolisch aufgeladenen Gewohnheiten und festen kollektiven Verhaltens- und Bewertungsmustern bilden (vgl. Niola 2005: 12). So wurde die Geschichte Neapels zur Raison d’Être der leitmotivischen Gegensätze und Neapel als abnorme Erscheinung zum Nährboden für viele, im Alltagswissen fest verankerte Auto- und Heterostereotype, Topoi und Mythen rund um die – und sie zugleich konstituierende – napoletanità (s. Kapitel 5).

Nicht zuletzt dazu beigetragen haben Generationen von Dichtern, Schriftstellern, Philosophen, Grand Touristen und bildenden Künstlern, welche die città di san gennaro zum Sujet ihrer Arbeiten machten (vgl. Signorelli 2006, 2009), wodurch sich im Laufe der Jahrhunderte eine feste Neapel-Topik herauskristallisierte, die im Wesentlichen auf der Verherrlichung der Landschaft sowie des Frohsinns und der Herzlichkeit der Bewohner und im Großen und Ganzen auf der Gegenüberstellung eines ‚himmlischen‘ und eines ‚teuflischen‘ Neapels beruht (vgl. Pisani 2009a). Neapel wird darin zur „Stadt der Diebe“, die simultan ein einzigartiger „Sehnsuchtsort“ und eine „poröse Metropole der Vormoderne“ darstellt (Pisani 2009a: 35–37).35 Von Boccaccio und Machiavelli über Goethe und Benjamin bis Serao und Pasolini entwickelte sich so ein Neapel-Bild, das, genährt und transzendiert von bildlichen Darstellungen des neapolitanischen Straßenlebens mit den mangiamaccheroni, den scugnizzi und lazzeroni (vgl. Allum 1978: 64–65), von der Reiseliteratur und der canzone napoletana sowie dem neapolitanischen Theater und Film, bis heute nachwirkt und Neapel zu einem abwechslungsreichen, bizarren und deshalb interessanten und anziehenden Ort macht.36 Dabei ist die Wirkung des Theaters (vgl. Gribaudi 1999: 65) und der canzone napoletana (vgl. Stazio 1991) auf das städtische Alltagsleben und Selbstverständnis der Städter (et vice versa) von besonderer Relevanz (s. Kapitel 6). Über Jahrhunderte gewachsen, dringt das bis hierher skizzierte Neapel-Bild verstärkt nach der nationalen Einigung – besonders durch die dialektale Musik-, Film-, Theater- und Literaturproduktion – in das öffentliche Bewusstsein (vgl. De Blasi 2012b: 12; Galasso 1987: 347), ←29 | 30→wo es als fest etablierte Größe das Alltagswissen prägt. Signorelli (2006: 707) sieht darin eine „vera e propria industria culturale“ (vgl. dazu auch Ranisio 2003: 14, Izzo 2009: 79–80, Stazio 1991: 194–199).37 Wir sehen uns heute demnach mit einem historisch gewachsenen, aber eben zugleich auch sozial konstruierten – oder gar forcierten? – Bild Neapels konfrontiert: Die geschichtsträchtige Vergangenheit, die weltbekannte und romantisierte landschaftliche Ästhetik der città del babà, kommt in diesem Bild genauso zum Ausdruck wie die Inhalte der mundartlichen Musik- und Literaturproduktion, die folkloristischen Traditionen, die beliebte Esskultur sowie die Heiterkeit und Ironie der humorvollen, findigen und gewitzt-gewieften Bewohner (vgl. Signorelli 2006: 709). Ein Neapel, das voller Leben, Leidenschaft und Kultur ist, eine Stadt mit glorreichem Erbe, Witz und Charme.

Details

Seiten
648
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631819999
ISBN (ePUB)
9783631820001
ISBN (MOBI)
9783631820018
ISBN (Hardcover)
9783631804636
DOI
10.3726/b16863
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
Ethnolinguistik Stigma Perzeptive Dialektologie Stadtsprache Mundart Sprecherlinguistik Identität
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 648 S., 1 s/w Abb., 4 Tab.

Biographische Angaben

Sara Matrisciano (Autor:in)

Sara Matrisciano studierte Romanistik (italienische und französische Sprachwissenschaft) und Kunstgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und an der Ecole du Louvre Paris. Seit Abschluss ihrer Promotion in Romanischer Philologie an der Universität Heidelberg forscht und lehrt sie als Universitätsassistentin am Institut für Romanische Sprachen der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ethno-, Sozio- und Variationslinguistik, der perzeptiven Dialektologie und Diskursanalyse sowie zuletzt der Morphologie und Wirtschaftslinguistik.

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Titel: Neapel und das Neapolitanische als diskursiv konstruierter Mythos