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Die Entwicklung des deutschen medizinischen Fachwortschatzes im 19. und 20. Jahrhundert

von Wiesława Małgorzata Chyżyńska (Autor:in)
Monographie 372 Seiten

Zusammenfassung

Da keine Sprache ein konstantes Phänomen ist, ändert sich ständig auch die Fachsprache. Ihr Wortschatz wird erweitert, die Wörter ändern ihre Bedeutung oder verschwinden. Besonders wichtig sind Verständlichkeit und Eindeutigkeit von medizinischen Fachwörtern, weil Mehrdeutigkeit und Unschärfe der Termini sowohl Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Ärzten untereinander verursachen, als auch eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Patienten im Heilungsprozess behindern können.
Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts erfuhr der medizinische Fachwortschatz einen beträchtlichen Zuwachs des Wortbestandes. Der Fortschritt der Medizin und der verwandten Wissenschaften bewirkte zugleich Bedeutungsänderung vieler Bezeichnungen. Dieses Buch bietet eine mit der Darstellung des historischen Hintergrunds sowie Erklärung der sprachwissenschaftlichen Begriffe eingeleitete Analyse des Wortschatzes aus dem Bereich der Chirurgie an. Sowohl der an ihrem Gesundheitszustand interessierte Laie als auch Mediziner finden in diesem Buch Erklärung von ehemaligen und gegenwärtigen Bedeutungen und Herkunft der deutschen medizinischen Fachwörter.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title Page
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungs- und Zeichenverzeichnis
  • I Problemstellung
  • I.1 Zur Einführung
  • I.2 Einleitung
  • I.3 Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
  • I.4 Forschungsüberblick
  • I.5 Korpusauswahl und Untersuchungsmethoden
  • II Begriff der Fachsprache
  • II.1 Definition und historische Entwicklung der Fachsprache
  • II.2 Dt. Fachsprache der Medizin
  • II.2.1 Merkmale und Spezifik der medizinischen Fachsprache
  • II.2.2 Etymologie der deutschen medizinischen Fachsprache
  • II.2.2.1 Die Rolle des Griechischen und des Lateinischen
  • II.2.2.2 Arabische Spuren
  • II.2.2.3 Einwirkung des Französischen und des Italienischen
  • II.2.2.4 Indigenes Wortreservoir
  • II.2.2.5 Zunehmender Einfluss des Englischen
  • II.2.2.6 Nichtverbale Ausdrucksweise
  • III Begriff der Chirurgie
  • III.1 Definition und Name der Chirurgie
  • III.2 Kurz gefasste Geschichte der Chirurgie
  • III.3 Entwicklung der hoch spezialisierten Teilgebiete der Chirurgie und ihrer Fachwortschätze
  • III.3.1 Thoraxchirurgie
  • III.3.2 Herzchirurgie
  • III.3.3 Gefäßchirurgie
  • III.3.4 Viszeralchirurgie
  • III.3.5 Neurochirurgie
  • III.3.6 Die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
  • III.3.7 Kinderchirurgie
  • III.3.8 Tumorchirurgie
  • III.3.9 Orthopädie
  • III.3.10 Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie
  • III.3.11 Transplantationschirurgie
  • III.3.12 Unfallchirurgie
  • III.3.13 Urologie
  • III.3.14 Ophthalmologie
  • III.3.15 Gynäkologie
  • III.3.16 Plastische Chirurgie
  • III.3.17 Schönheitschirurgie und kosmetische Chirurgie
  • III.4 Ausgewählte neu entwickelte chirurgische Techniken und Konzepte
  • III.4.1 Computer- und roboterassistierte Chirurgie
  • III.4.2 Minimal-invasive Chirurgie (MIC)
  • III.4.3 Endoskopische Chirurgie
  • III.4.4 Laserchirurgie
  • III.4.5 Kryochirurgie
  • III.4.6 Wasserstrahlchirurgie
  • III.4.7 Radiofrequenzchirurgie
  • III.4.8 Tageschirurgie
  • III.4.9 Fast-Track-Chirurgie
  • IV Empirische Untersuchung des Fachwortschatzes der Chirurgie
  • IV.1 Vorgehensweise
  • IV.2 Oberbegriffe
  • IV.3 Bezeichnungen von sog. chirurgischen Krankheiten
  • IV.4 Bezeichnungen von chir. Krankheiten und Krankheitszuständen
  • IV.5 Bezeichnungen von chir. Behandlungsmethoden und Untersuchungen
  • IV.6 Bezeichnungen von Operationsinstrumenten
  • IV.7 Bezeichnungen von Mitgliedern des OP-Teams
  • IV.8 Bezeichnungen von Verbandstoffen
  • IV.9 Untergegangene Bezeichnungen von Teilgebieten der Chirurgie
  • IV.10 Wortschatz aus dem Bereich der Anästhesiologie
  • IV.11 Wortschatz aus dem Bereich der Asepsis
  • IV.12 Typische adjektivische Bezeichnungen
  • IV.13 Ausgewählte Bezeichnungen von allgemeinmedizinischen abstrakten Begriffen
  • V Schlussfolgerungen aufgrund der empirischen Untersuchung
  • V.1 Allgemeines zum Untersuchungsinstrumentarium
  • V.2 Entwicklungstendenzen des Fachwortschatzes im Zusammenhang mit den Fortschritten in der Chirurgie
  • V.3 Auswertung der qualitativen und quantitativen Entwicklung des chir. Fachwortschatzes
  • V.3.1 Gesamtübersicht des untersuchten Wortmaterials
  • V.3.2 Rücktritt von Fachbezeichnungen
  • V.3.3 Häufungen bei Entlehnungen
  • V.3.4 Grundtypen von Wortbildungsmustern
  • V.3.5 Arten des Bedeutungswandels
  • V.3.6 Synonymie
  • V.3.7 Mehrdeutigkeit
  • V.3.8 Sonstige Ergebnisse
  • V.4 Zusammenfassung und Ausblick
  • Darstellungsverzeichnis
  • Quellenverzeichnis
  • Literaturverzeichnis
  • Artikelverzeichnis
  • Internetquellen
  • Alphabetisches Verzeichnis der untersuchten Bezeichnungen

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I Problemstellung

I.1 Zur Einführung

Die Gesundheit ist hochwertigstes und wichtigstes Allgemeingut aller Menschen. Der Wunsch nach Gesundheit steht sogar bei jungen Menschen an der ersten Stelle der Wertskala. Die allen Menschen eigene Sorge um Wohlbefinden wurde in einer langen Menschheitsgeschichte über althergebrachte natürliche Heilungsmethoden, Spezialisierungen und Motivationen letztlich der Ärzteschaft anvertraut, die demnach verpflichtet ist, ihren Schutzbefohlenen Fürsorge, Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit sicherzustellen. Um diesen Anforderungen gewachsen zu sein, muss ein potenzieller Arzt ein theoretisches medizinisches Studium und eine lange berufliche Lehre durchlaufen, während der er nicht nur Fachkenntnisse aneignet, sondern auch die Fachsprache der Medizin, insbes. die anatomische Nomenklatur und den klinischen Wortschatz, kennenlernt, die für die Fachkommunikation unentbehrlich sind. Da der dt. med. Vokabular nach wie vor auf Griechischem und Lateinischem fußt, die früher als ein internationales Verständigungsmittel in der wissenschaftlichen Kommunikation galten, und heute aufgrund der eskalierenden Globalisierung auch eine zunehmende Anzahl von Anglizismen aufweist, setzt die Entwicklung der Fachsprachkompetenz zugleich die Mehrsprachigkeit voraus.

Von großer Bedeutung ist das Verständnis der Fachausdrücke, der Hauptträger der fachlichen Inhalte. Es ist ausschlaggebend für die erfolgreiche Kommunikation auf allen Fachebenen. Dem Medizinstudenten stehen zahlreiche Handbücher, Fachlexika und -enzyklopädien zur Verfügung, die ihm diese Inhalte zu erschließen verhelfen.

I.2 Einleitung

Der Umfang des med. Fachvokabulars ist riesig und nicht konstant, er wird ständig erweitert, denn neue wissenschaftlich-medizinische Entwicklungen, insbes. innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte, immer mehr Termini bedürfen. Diese Errungenschaften verursachen zugleich die Ablehnung mancher Theorien bzw. Behandlungsmethoden, die sich in dem Fachwortschatz mit dem Rücktritt derer Bezeichnungen widerspiegelt. Somit ist die Fachsprache der Medizin ein dynamisches, sich unaufhörlich fortentwickelndes Phänomen, dessen Kenntnis ständig ergänzt werden muss. Der quantitative und qualitative Wandel des medizinischen Wortgutes stellt ein untersuchungswertes Problem dar.

Die Wortforschungsarbeit ist die Aufgabe der Sprachwissenschaft. Ihre auf bereits erworbenen Daten und Erkenntnissen aufbauende Arbeit erklärt die Ursachen, die ein bestimmtes Wort in den Sprachgebrauch einfügten und welcher Beweggrund von der Wortwahl einer Sprachgemeinschaft entschied. Nicht zuletzt ←17 | 18→drängt sich die Frage auf, wie sich Wortbildung und Kulturkreis gegenseitig beeinflussen. Die diachronische Betrachtung der Gesellschaftsstruktur lässt den Aufschluss über den Wissenszustand eines Fachgebietes geben, der sich wiederum im Fachwortschatz widerspiegelt. Hier können med. Fachausdrücke wie ‚röntgen‘, ‚chloroformieren‘, ‚Karbol‘, ‚Mikroskop‘, ‚Äther‘ oder ‚Einweggerät‘ als Beispiel genannt werden. Manche sind bereits in Vergessenheit geraten, andere stellen den festen Bestandteil der gegenwärtigen med. Fachsprache dar. Die Einführung jedes neuen Fachworts steht im engen Zusammenhang mit einem bestimmten med. Fortgang. Um den Fortschritt und Änderungen des Fachwortschatzes richtig zu bewerten, ist das Vorwissen über die Geschichte der Gesamtmedizin und im Falle der vorliegenden Arbeit auch der Chirurgie erforderlich.

Nicht immer ist aber die Darstellung der Erscheinungsgründe von Fachwörtern so eindeutig und nicht jedes Wort kann als medizinhistorische Quelle behandelt werden. Für die Klärung dieser Frage sollen alle Umstände erforscht werden, die die gegenseitige Beeinflussung von Sprache und Sprachbenutzern klarlegen. Da die Sekundärliteratur lediglich knappe Aufschlüsse zu diesem Thema zur Verfügung stellt, ist es häufig eine schwere Aufgabe, diese Gründe genau nachzuweisen.

I.3 Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Diesem Band liegt eine im Rahmen einer Doktorarbeit im Institut für Germanistik an der Universität Warschau durchgeführte wissenschaftliche Forschung zugrunde. Ihren Gegenstand stellt die Untersuchung des med. Fachwortschatzes dar, der im dt. Sprachraum zu Beginn des 19. Jh. vorhanden war, im Hinblick auf seine Entwicklung im Laufe des 19. und 20. Jh. Angesichts des Umfangs des gesamten med. Wortgutes wird der Schwerpunkt auf den Wortschatz aus dem Bereich der Chirurgie gelegt. Wegen des Umfangs der Arbeit wurden einige Kürzungen für die Veröffentlichung dieser Abhandlung angebracht.

Hierdurch wird ein Versuch unternommen, die im Fachwortschatz der Chirurgie in der erforschten Zeitspanne statthabenden Entwicklungstendenzen sowie den Bedeutungswandel der gebuchten Fachausdrücke zu verfolgen, zu analysieren und zu begründen. Das Wortmaterial wurde den zu Beginn des 19. Jh. vorhandenen Handbüchern der Chirurgie entnommen. Daraufhin wird das Basiskorpus um die in dem betrachteten Zeitraum aufkommenden fachspr. Neuentwicklungen erweitert. Wie oben bemerkt wurde, kann dies jedoch nicht ohne Darlegung des historischen bzw. fachspezifischen Hintergrunds, und insbes. der infolge der wissenschaftlichen und technischen Fortschritte auftretenden dynamischen Entwicklungen in der Chirurgie während der letzten 200 Jahre durchgeführt werden (siehe Kap. III.2).

Die eminente Erweiterung des med. Wissens, insbes. auf den Gebieten der Anatomie, Pathologie, Genetik und Biochemie, nicht zuletzt auch der technische Fortschritt und die Herausbildung der Elektrotechnik, hatten zur Folge sowohl die Entstehung von neuen Begriffen als auch die neue Auffassung mehrerer bisher geltenden Begriffe. Dies spiegelte sich in dem med. Vokabular wider. Deshalb ist ←18 | 19→es zweckmäßig, die Untersuchungen der in dem med. Wortschatz in dem betrachteten Zeitrahmen auftretenden relevanten lexikalischen Phänomene einzuleiten.

I.4 Forschungsüberblick

Die linguistische Untersuchung des dt. med. Fachwortschatzes fand bislang ein geringes Interesse. Es ist zu vermuten, dass die Verbindung der dazu erforderlichen med. und philologischen Kenntnisse eher seltener Fall ist.

Hier sind einige einschlägige lexikalische Werke zu nennen. Sowohl „Medizinisches Wörterbuch“ von Hirschmann Brandeis (1820) als auch „Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon: oder Erklärung des Ursprungs“ von Ludwig August Kraus (1826) bieten ausführliche Erläuterungen von alphabetisch aufgelisteten med. Begriffen, was zwar eine unschätzbare Hilfe bei der Feststellung derzeitiger Begriffsinhalte leistet, die in beiden Titeln angekündigten etymologischen Erläuterungen beschränken sich aber auf die Angabe der ursprünglichen griech. bzw. lat. Bezeichnungen, zugleich werden allerdings die Zeit und Motivation der Übernahme ins Dt. außer Acht gelassen. Auch im zweibändigen „Handwörterbuch der gesamten Medizin“ von A. Villaret (1900) werden diese Informationen lediglich in großen Zügen dargelegt. Mehr zum Thema der Geschichte ausgewählter Wörter liefert dagegen „Guttmanns medizinische Terminologie“ (1902).

Konstanz und Wandel heilkundlich motivierter Bezeichnungen von Körperteilen, Krankheiten und Heilverfahren bilden den Mittelpunkt der von Jörg Riecke durchgeführten eingehenden Untersuchungen des frühmittelalterlichen med. Fachwortschatzes, deren Ergebnisse in seinem zweibändigen Werk „Die Frühgeschichte der mittelalterlichen med. Fachsprache im Deutschen“ (2004) veröffentlicht werden. Riecke (2004, 1, 1) bezweifelt dennoch die These, dass „die frühmittelalterlichen fachspezifischen Gebrauchstexte und ihr Wortschatz bereits fachsprachliche Züge besitzen.“ Er verweist auch auf die Unterschiede in damaligen und heutigen Vorstellungen von Krankheit, Heilung und Gesundheit.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema liefert wegweisende Abhandlung „Fachsprache der Medizin. Eine linguistische Analyse“ von Ingrid Wiese (1984). Der Inhalt deckt zwar die im Titel angekündigte allgemeinmedizinische Weite der Analyse nicht ab, denn die Autorin konzentriert sich auf dem Wortschatz aus dem Bereich der inneren Medizin. Ihr Verdienst ist aber die kritische Analyse der Krankheitsterminologie aus dem lexikalisch-semantischen Blickpunkt. Zugleich problematisiert sie schwache Seiten der med. Sprache: unzureichende begriffliche Präzisierung, Synonymie, Homonymie und Mehrdeutigkeit der Fachausdrücke sowie den zunehmenden Einfluss des Englischen.

Julianne Willmanns und Günter Schmitt bringen in ihrem Buch „Die Medizin und ihre Sprache“ (2002) die Geschichte der Medizin sowie die Erläuterung und den Ursprung von relevanten Fachausdrücken in Verbindung.

Axel Karenberg stellt den Medizinstudenten die linguistische Analyse ausgewählter Termini in seinem Handbuch „Fachsprache Medizin im Schnellkurs“ bereit. Weitere ausführliche Wortgeschichten bietet er in seinem Buch „Amor, Äskulap & ←19 | 20→Co.: klassische Mythologie in der Sprache der modernen Medizin“ (2007), in dem er den Spuren der mythologischen Bezeichnungen folgt.

Die Handbücher: „Medizinische Fachsprache“ von M. Michler und J. Benedum (1981), „Kompendium der medizinischen Terminologie“ von Jörn Henning Wolf (1982), „Medizinische Terminologie“ von Rüdiger Porep und Wolf-Ingo Steudel (1983), „Die Sprache der Medizin. Medizinische Terminologie als eine Einführung in das ärztliche Denken und Handeln“ von Heinrich Schipperges (1988) oder „Medizinische Sprache leicht gemacht“ von Herbert Lippert (2000) sind vorwiegend als Kurse des Griechischen und des Lateinischen für Medizinstudenten gemeint und meist nur mit einer kurzen Einführung in die Geschichte der Medizin und Spezifik der Fachsprache versehen.

Die linguistische Analyse des Wortschatzes wird zum Schwerpunkt kleinerer Abhandlungen. Hermanns Orth Artikel „Kleine Etymologie im Alltag des Chirurgen“ (1952) legt seinem Rezipienten nicht nur eingehende etymologische und semantische Untersuchung einiger chir. Fachausdrücke, sondern auch die Erklärung des historischen sowie fachspezifischen Hintergrunds der erörterten Begriffe dar. Mit der Frage der Funktion der med. Sprache sowie mit dem Wandel, der sich in der Sprache der Medizin seit der Einführung zu Ende des 19. Jh. der graphischen Darstellungsweise von organischen Phänomenen vollzog, die die verbale Darstellung von med. Sachverhalten immer mehr verdrängt, setzt sich Rolf Winau in seinem Artikel „Bemerkungen zur Sprache der Medizin“ (1980) auseinander.

Jahrelang wird das Problem des nach und nach vor sich gehenden Anglisierens der Fachsprache zum Ausdruck gebracht, etwa in Artikeln von Herbert Lippert „Rücktritt der dt. Sprache aus der Medizin“ (1978) und Eckhart Hahn „Welchen Effekt hat die Verwendung von Anglizismen in der Sprache der Medizinischen Ausbildung?“ (2008). Beide Verfasser beurteilen diese Tendenz kritisch, geben Beispiele der unpräzisen engl. Bezeichnungen und postulieren die Umkehr zugunsten des Dt. Zusammenfassend schreibt Riha Ortrun in ihrem Artikel „Die Alltagssprache der Medizin“ (2011): „Der Vorwurf, Unwissenheit hinter Fremdwörtern zu verbergen, ist allerdings so alt wie die Gattung der Ärztekritik, doch schadet es manchmal nicht, von Außenstehenden einen Spiegel vorgehalten zu bekommen.“

Zur Frage der Kommunikationsprobleme auf der Arzt-Patient-Ebene gibt es eine ganze Reihe von Studien, z.B.:„Die Sprache der Medizin“ von Heinrich Schipperges (1988), „Die Alltagssprache der Medizin: Besonderheiten und mögliche Missverständnisse im Deutschen“ von Riha Ortrun (2011). Sie verweisen auf die gezielte Hermetik, die Unverständlichkeit der professionellen Ausdrucksweise für Laien, die Verwendung des Klinikjargons sowie Bedeutungsunterschiede zwischen Allgemein- und Fachsprache, die eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Patienten im Heilungsprozess behindern. Darüber hinaus wird betont, dass mehrdeutige Abkürzungen oder Unschärfe der Begriffe auch Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Ärzten untereinander verursachen können.

Zum Themenkomplex gehören die im Schrifttum diskutierten Fragen der Uneindeutigkeit, Polysemie und Metonymie. Einen wertvollen Beitrag leistet Johannes Steudel mit seinem Artikel „Die Sprache der Medizin“ (1951), in dem ←20 | 21→er Anforderungen an die Fachsprache der Medizin formuliert. Praxisbezogen sind auch Hennings Überlegungen „Bemerkungen zur medizinischen Fachsprache“ (1972) und der Beitrag von Riha Ortrun „Die Sprache der Medizin. Polysemie und Metonymie als Kommunikationsproblem“ (2001).

Bei der Übersicht der dazugehörenden Literatur ist festzustellen, dass das Schriftgut zum Thema med. Fachsprache spärlich ist. Den Mittelpunkt der meisten Veröffentlichungen bildet die Kommunikationsfrage. Für die linguistische Analyse des Wortschatzes wird nur selten Interesse gezeigt. Für die eingehende Erforschung des Fachwortschatzes aus dem Bereich der Chirurgie wurden dagegen keine Abhandlungen gefunden.

Allerdings werden die aus der o.a. Literatur gewonnenen Einblicke bei dem vorliegenden Versuch sprachwissenschaftlicher Untersuchung des chir. Fachwortschatzes einbezogen.

I.5 Korpusauswahl und Untersuchungsmethoden

Die Auswahl einer Quellensammlung zur Entwicklung des dt. med. Fachwortschatzes aus dem Bereich der Chirurgie im 19. und 20. Jh. stellt eine schwierige Frage dar, die sich aus der Verzweigung des Fachs und Entstehung neuer selbstständiger Fachdisziplinen in dem angegebenen Zeitrahmen ergibt. Diese Trennung macht die Beobachtung bestimmter Ausdrücke schwer, weil sie in den früheren Lehrwerken der Chirurgie belegt wurden, dann aber vorwiegend in den Lehrbüchern der hoch spezialisierten Teilgebiete zu finden sind.

Als die Quellensammlung wurden die zur Verfügung stehenden 200 zwischen 1800 und 2000 herausgegebenen Handbücher der Chirurgie zusammengestellt.

Bei der Wahl bestimmter Bücher wurde ihr Erscheinungsjahr zum entscheidenden Kriterium, d.h. es wurden die Handbücher zu Zwecken der Analyse in Erscheinungsabständen von zirka 10 Jahren gewählt. Dieses zeitliche Kriterium ermöglicht die systematische Untersuchung des Wortschatzwandels.

Daraufhin wurde das Basiskorpus der zu Beginn des 19. Jh. in den Lehrwerken belegten Fachwörter erstellt. Dabei wurde es unumgänglich, die anatomische Terminologie, die Bezeichnungen aus dem Bereich der Pharmazie, Bakteriologie, Infektionslehre und Chemie wegen des Umfanges auszuschließen. Die gefundenen Bezeichnungen wurden in 13 Gruppen eingeteilt. Es muss aber bemerkt werden, dass das analysierte Wortgut bezüglich des Zeitrahmens und Umfangs notwendigerweise reduziert werden musste.

Die die bestimmten Wortschatzbereiche erörternden Unterkapitel werden jeweils mit einführenden bzw. kommentierenden Bemerkungen eingeleitet. Die einzelnen Lexeme, deren dt. Bezeichnungen durch ihre lat. Äquivalente ergänzt werden, werden in Bezug auf ihre Etymologie analysiert. Oft war die genaue zeitliche Einordnung unmöglich, denn die Angaben zur Erscheinungszeit im Dt. weder in etymologischen noch in Fachwörterbüchern zu finden sind. Die Bedeutung bzw. Bedeutungswandel jedes Fachworts wird anhand der vergleichenden Analyse in erforschten Quellen und weiterführender Fachliteratur angegebenen Definitionen ←21 | 22→festgestellt. Zugleich wird erstrebt, die Bedeutung eines Worts in anderen Fachsprachen sowie in der Gemeinsprache darzulegen. Jeder Einzeluntersuchung werden zeitlich nach ihrem Aufkommen geordnete Belege für Verwendungsweise von erörterten Lexemen beigefügt. Das Verzeichnis aller in alphabetischer Reihenfolge geordneten Bezeichnungen wird als Anlage hinzugefügt. Dabei werden die aufgelisteten Stichwörter in ihrer aktuell gültigen Schreibung angegeben.

Biographische Angaben

Wiesława Małgorzata Chyżyńska (Autor:in)

Wiesława Małgorzata Chyżyńska absolvierte Studium für die Germanistik und Angewandte Linguistik an der Universität Warschau. Sie beschäftigt sich mit Sprachgeschichte und Fachsprachen.

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Titel: Die Entwicklung des deutschen medizinischen Fachwortschatzes im 19. und 20. Jahrhundert