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Wyclifsche Bibelübersetzung

Ein Projekt im Spannungsfeld zwischen Anforderungen und Möglichkeiten

von Alina Markova (Autor:in)
Dissertation 280 Seiten

Zusammenfassung

Eine der Besonderheiten des Wyclif’schen Übersetzungsprojektes ist seine Realisierung zu jener Zeit, als das bibelsprachliche Ausdrucksinventar des Englischen noch recht überschaubar war. Diese Arbeit untersucht anhand ausgewählter lateinischer Wortbildungsmuster und Ablativus-Absolutus-Konstruktionen, wie die Bibelübersetzer dennoch zu einem gelungenen Ergebnis kamen. Denn trotz strenger Anforderungen an den Übersetzer erfüllt die Wyclif’sche Bibel auch die theologischen Forderungen nach einer sinn- und formgetreuen Bibelwiedergabe. Die Betrachtung der Übersetzungslösungen im Rahmen des diskurstraditionellen Forschungszugangs ermöglicht eine neue Interpretation der übersetzerischen Entscheidungen, die sich eindeutig der besonderen Kontaktsprachlichkeit verpflichtet gezeigt haben.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 2. Sprachliche Rahmenbedingungen im spätmittelalterlichen England
  • 2.1 Sprachliche Ausgangslage
  • 2.1.1 Sprachverteilung nach 1066
  • 2.1.2 Der kommunikative Varietätenraum im 14. Jahrhundert
  • 2.2 Kontaktsprachlicher Einfluss auf das Englische durch Übersetzung
  • 2.2.1 Sprachkontakt im distanzsprachlichen Diskursraum
  • 2.2.2 Sprachhistorische Bedeutung der Übersetzung
  • 2.2.3 Beispiele des kontaktinduzierten Einflusses
  • 2.3 Zwischenfazit: Bibelübersetzer im Kontext der Dreisprachigkeit
  • 3. Besondere Herausforderungen der Bibelübersetzung
  • 3.1 Moderne übersetzungstheorethische Erwägungen
  • 3.2 Gebot der Unverfälschtheit der christlichen Lehre
  • 3.3 Gebot der formgetreuen Bibelwiedergabe
  • 3.3.1 Vorgabe höherer Wörtlichkeit
  • 3.3.2 Typische sprachliche Merkmale der Vulgata
  • 3.4 Befähigung der Bibelübersetzer
  • 3.4.1 Erforderliche Kompetenzen
  • 3.4.2 Sprachanalytische Schulung
  • 3.4.3 Theologische Schulung
  • 3.5 Zwischenfazit: Umgang mit den theologischen Anforderungen an eine Bibelübersetzung
  • 4. Die Wyclifsche Bibel – Auslöser der Debatte um Bibelübersetzung
  • 4.1 John Wyclif – der Spiritus Rector der mittelenglischen Bibelübersetzung
  • 4.1.1 Wyclifs Leben und Schriften
  • 4.1.2 Wyclifs Lehre und die kirchlichen Reaktionen
  • 4.2 Die zeitgenössische Kontroverse um die Bibelübersetzung
  • 4.2.1 Die „Oxford Debatte“
  • 4.2.1.1 Zur Statthaftigkeit volkssprachlicher Bibellektüre
  • 4.2.1.2 Zur Übersetzbarkeit der Bibel
  • 4.2.2 Die Konstitutionen Arundels von 1409
  • 4.3 Zwischenfazit: Wyclifsche Bibel im Kontext der kirchlich-politischen Debatte um Bibelübersetzung
  • 5. Die Wyclifsche Bibel und ihr texttraditioneller Rahmen
  • 5.1 Der Kontext der Handschriften: Überlieferungslage und Modelle
  • 5.1.1 Übersetzer, Fassungen und Vorlage der Wyclifschen Bibelübersetzung
  • 5.1.1.1 Zur Verfasserschaft der Bibelübersetzung
  • 5.1.1.2 Zur Textüberlieferung
  • 5.1.1.3 Vorlage und sprachliche Vorbilder
  • 5.1.2 Gestaltung der Bibelhandschriften
  • 5.1.2.1 Die Pariser Vulgata als Vorbild
  • 5.1.2.2 Die Oxforder Handschriften
  • 5.1.2.3 Die Dresdner Handschrift
  • 5.2 Metatextuelle Vorgaben: Übersetzervorworte
  • 5.2.1 Tradition der Übersetzervorworte
  • 5.2.1.1 Berufung auf ältere Übersetzer
  • 5.2.1.2 Begründung der Verwendung einer Volkssprache
  • 5.2.1.3 Reflexion über eigene Übersetzungspraxis
  • 5.2.1.4 Behauptung eigener Ungeeignetheit
  • 5.2.1.5 Übertragung der Verantwortung an Dritte
  • 5.2.2 The General Prologue zur Wyclifschen Bibelübersetzung
  • 5.2.2.1 Der Aufbau des General Prologue
  • 5.2.2.2 Das anvisierte Zielpublikum
  • 5.2.2.3 Vier wesentliche Schritte der Übersetzung
  • 5.2.2.4 Zum Umgang mit ausgewählten sprachlichen Phänomenen
  • 5.2.2.5 Berufung auf die Autorität der Alten
  • 5.3 Zwischenfazit: Außersprachliche Gestaltung der Wyclifschen Bibel im Zeichen der französischen Tradition
  • 6. Das Übersetzungsprojekt: Beispiele der sprachlichen Bewältigung bibelspezifischer Anforderungen
  • 6.1 Textgrundlage für die Analyse und methodisches Vorgehen
  • 6.1.1 Die Datengrundlage
  • 6.1.2 Methodische Vorgehensweise
  • 6.2 Sinn- und formerhaltende Wiedergabe lateinischer Wortbildungsprodukte
  • 6.2.1 Allgemeines zur übersetzerischen Vorgehensweise
  • 6.2.1.1 Zu den Übersetzungsstrategien
  • 6.2.1.2 Zu lexikalischen Innovationen
  • 6.2.1.3 Zu Übersetzungsvarianten
  • 6.2.2 Übersetzung von lateinischen Substantiven
  • 6.2.2.1 Deverbativum auf ‐tio: mortificatio > mortifying
  • 6.2.2.1.1 Fachsprachliches Suffix ‐tion
  • 6.2.2.1.2 Analyse der Übersetzungslösung mortifying
  • 6.2.2.2 Desubstantivum auf ‐tia: militia > knighthood bzw. chivalry
  • 6.2.2.2.1 Adaptierende Übersetzungsweise
  • 6.2.2.2.2 Einflussfaktoren auf die Übersetzungsentscheidungen
  • 6.2.3 Übersetzung von lateinischen Verben
  • 6.2.3.1 Wendung mit Substantiven auf -tion statt Verb
  • 6.2.3.1.1 Zusammengesetzte Prädikativa im Englischen
  • 6.2.3.1.2 Zusammengesetzte Prädikativa in der Wyclifschen Bibelübersetzung
  • 6.2.3.1.3 Erklärungsversuch der übersetzerischen Vorgehensweise
  • 6.2.3.2 Verbale Ableitungen auf ‐ficare
  • 6.2.3.2.1 ‐ficare-Verben als bibelsprachliches Merkmal
  • 6.2.3.2.2 Umgang mit theologisch unmarkierten ‐ficare-Verben
  • 6.2.3.2.3 Umgang mit theologisch markierten ‐ficare-Verben
  • 6.2.4 Übersetzung adjektivischer Ableitungen auf ‐bilis
  • 6.2.4.1 Adjektive auf ‐bilis mit französischen Äquivalenten
  • 6.2.4.2 Adjektive auf ‐bilis ohne französische Äquivalente
  • 6.3 Der Umgang mit dem Ablativus absolutus
  • 6.3.1 Zur Entwicklung absoluter Partizipialkonstruktionen im Englischen
  • 6.3.2 Ablativus absolutus in der Bibelübersetzung
  • 6.3.3 Von der absoluten Konstruktion zu einer Präposition bzw. Konjunktion
  • 6.4 Zwischenfazit: Sprache der Wyclifschen Bibel – zwischen Tradition und Innovation
  • 7. Fazit: Zur Begründung der Übersetzungslösungen in der Wyclifschen Bibel
  • Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

1. Einleitung

Die Wyclifsche Bibel ist die erste vollständige Übersetzung der Bibel ins Englische. Gleichzeitig ist sie auch eine der meistverbreiteten Schriften des englischen Mittelalters (Solopova 2017b: 1). Heute gilt diese Bibelübersetzung als „a major achievement of medieval biblical scholarship, offering a faithful translation of a corrected Latin original, accompanied by commentary and presented with careful attention to textual detail“ (Solopova 2017c: 245). Aktuell geht man von mehr als 250 überlieferten Handschriften aus, von denen allerdings nicht alle editorisch erschlossen sind. Traditionell werden die Handschriften, unter Einbezug des Erscheinungszeitpunkts, in zwei Versionen unterteilt: Die chronologisch früheren werden in der Forschung als die Earlier Version (EV) und die chronologisch späteren als die Later Version (LV) bezeichnet. Charakteristisch für die EV sind die Originaltreue und die wörtliche Übertragung. Ihre Sprache wird häufig als „unintelligible without reference to the Vulgate Latin from which it was translated“ bezeichnet. Die LV wird hingegen als „a freer, more idiomatic rendering“ (Smith 2008: 160) wahrgenommen. Den langwierigen Entstehungsprozess beider Bibelübersetzungen datiert man auf das ausgehende 14. Jahrhundert, genauer wird die EV konventionell auf 1382 und die LV auf 1395 datiert. Der Entstehungsort ist die Universität zu Oxford.

Während über den Ort und die Zeit der Entstehung in der Forschungsliteratur weitgehend Konsens herrscht, existieren in Bezug auf die Autorschaft mehrere Meinungen. Grundsätzlich wird angenommen, dass die Übersetzung eine kollektive Unternehmung war. Traditionell wird sie John Wyclif – einem Theologen aus Oxford und dem „most energetic advocate of vernacular Bible translation in Middle English“ (van Liere 2014: 200) – zugeschrieben, jedoch zweifelt die gegenwärtige Forschung seine direkte Beteiligung am Übersetzungsprojekt stark an (Lahey 2001: 345; Hudson/Kenny 2004: 623).1 Dies liegt nach Ansicht von Anne Hudson und Anthony Kenny (Hudson/Kenny 2004: 623) vor allem darin begründet, dass die beträchtliche Anzahl anspruchsvoller Werke in lateinischer Sprache, die auf den Gelehrten zurückgeführt werden, seine Mitwirkung an der Übersetzung der Heiligen Schrift allein zeitlich unwahrscheinlich erscheinen ←13 | 14→lässt. Es wird jedoch nicht infrage gestellt, dass die Lehre Wyclifs das Übersetzungsprojekt weitgehend geprägt hat:

Whatever the precise level of his involvement, however, it is clear that Wyclif’s greater conception of the place of Holy Scripture in the life of the Church remained integral to the vision of those scholars who labored to create a complete English Bible. (Levy 2017: 27)

Die Verantwortung für die Übertragung der biblischen Texte in die Volkssprache wird folglich eher den Schülern Wyclifs zugeschrieben (Lahey 2001: 345). Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage unter Einbezug weiterer Faktoren erfolgt in Kapitel 5.1.1.1.

Die Wyclifsche Bibel hat die Aufmerksamkeit verschiedener Disziplinen, darunter der Geschichte, der Sprach- und Kunstgeschichte, der Sprach- und Literaturwissenschaften, der Paläographie, der Kodikologie, der Theologie usw., auf sich gezogen. Bereits seit mehr als 100 Jahren ist sie der Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Studien mit überwiegend explorativem Charakter. Im sprachwissenschaftlichen Bereich wurde sie im Hinblick auf ihre Rechtschreibung, Syntax und Lexik untersucht. Besonders produktiv in dieser Hinsicht war die Forschung im letzten Viertel des 19. sowie im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Fruchtbar war auch die Wyclif-Forschung der letzten 20 Jahre: Der kürzlich von Elizabeth Solopova herausgegebene Sammelband The Wycliffite Bible: Origin, History and Interpretation (2017) ist ein wichtiger Beitrag dazu. Dennoch muss die Herausgeberin feststellen:

The WB [= Wycliffite Bible] remains one of the least studied medieval English texts, but it deserves our attention as a work that was in very great demand in the late 14th and early 15th centuries; reached a wide audience from kings to tradesmen, both clergy and laity; set an astonishingly ambitious precedent for textual scholarship; profoundly influenced the development of the English language; and preserved earlier and created lasting new modes of religious discourse. The study of the Bible’s influence on contemporary and later literature is in its infancy, partly because of the lack of modern editions of relevant texts. (Solopova 2017b: 7)

Die Erforschung eines weiteren Aspekts der Wyclifschen Bibel – nämlich der sprachhistorischen Bedeutung dieser Übersetzung für das Englische – steht ebenfalls erst am Anfang. Das überrascht, weil Sprachhistoriker – darunter auch Anglisten – mit Nachdruck auf die besondere Bedeutung der (Bibel-)Übersetzung für die historische Entwicklung der Einzelsprachen, insbesondere in den früheren Entwicklungsphasen, und für die Herausbildung der Standardsprachen hinweisen (Sonderegger 21998: 230; Kohnen 2010: 531; Delisle/Woodsworth 22012: 29–31; Aschenberg/Dessì Schmid 2017b: 9; 15).

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In der anglistischen Forschung, insbesondere im Bereich des spätmittelalterlichen Englisch, beschränkt man sich bei der Bewertung des fremdsprachigen Einflusses durch die Übersetzung in der Regel auf die Befundart und die dazugehörige Quellsprache: z. B. Entlehnung aus dem Lateinischen oder Französischen. Der Grund und die genaue Art und Weise der Entlehnung werden jedoch selten thematisiert. Bei solchen Analysen werden zudem die Besonderheiten des trilingualen kommunikativen Raums im spätmittelalterlichen England oft nicht gebührend berücksichtigt. Dabei befand sich die englische Volkssprache im späten Mittelalter in einer einzigartigen Kontaktsituation: In der Zeit nach der normannischen Eroberung von 1066 trat das Englische seinen Platz als Schriftsprache an das Lateinische und Französische ab.2 Von diesem Zeitpunkt an konstituierten die drei Sprachen den kommunikativen Raum Englands und erfüllten dabei jeweils eigene Funktionen. Während das Englische überwiegend mündlich verwendet wurde, wurden Prosatexte wie z. B. Rechts- und Verwaltungsdokumente hauptsächlich auf Latein und Französisch abgefasst. Ab dem 14. Jahrhundert gewinnt das Englische allerdings erneut an Bedeutung und rückt allmählich wieder in die schriftsprachlichen Bereiche ein, die vormals dem Lateinischen oder dem Französischen vorbehalten waren. Das Wiedereinrücken in die Schriftlichkeit verlangte den intensiven Ausbau des Englischen, d.h. die Erweiterung des entsprechenden Ausdrucksinventars und gleichzeitig wurde dieser Prozess auch ermöglicht.

Bei der Analyse und Bewertung der übersetzerischen Leistung in der Wyclifschen Bibel, die im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht, sollen die Besonderheiten der Dreisprachigkeit im spätmittelalterlichen England einbezogen werden. Dies erfolgt in einem theoretischen Rahmen, in dem der schriftsprachliche Kontakt eine zentrale Stellung einnimmt. Es handelt sich dabei um den Ansatz, der hauptsächlich von den beiden Romanisten Peter Koch und Wulf Oesterreicher entwickelt wurde. Dieser Ansatz gründet sich auf die Auffassung, dass sich jede Textsorte oder jeder Stil durch typische sprachliche – sei es morphologische, lexikalische, syntaktische oder textuelle – Merkmale auszeichnet, die als eine textsortenspezifische Ausdrucksweise, eine Diskurstradition wahrgenommen werden. Für den Textverfasser stellen solche Merkmale eine ←15 | 16→Art Anforderungen an die sprachliche Ausgestaltung des Textes dar und werden sodann als Normen bei der Produktion neuer Texte innerhalb dieser bestimmten Textsorte berücksichtigt (vgl. bspw. Koch 1988; Koch/Oesterreicher 1994).

Wird ein Text in einer Einzelsprache abgefasst, die diese Textsorte noch nicht oder kaum kennt, müssen unter Umständen angemessene textsortenspezifische Ausdrucksmittel erst erschlossen werden. Hierbei können die Sprachen, die bereits für die schriftlichen Zwecke verwendet werden, eine Formulierungshilfe leisten (Koch/Oesterreicher 2008: 212): Der Textverfasser, insbesondere der Übersetzer, kann bestimmte ausgangssprachliche, als fachsprachlich oder textsortenspezifisch geltende Muster im Zieltext durch Entlehnungs- und Nachbauvorgänge nachahmen, weil er sie zuvor durch die Textproduktion und -rezeption in den dafür vorgesehenen Sprachen verinnerlicht hat. Diese Art der Entlehnung geschieht allerdings nicht der Einfachheit halber, vielmehr werden auf diese Art stilistische Qualitäten des Modell- bzw. des Vorlagetexts auf den Text in der Sprache des neuen Verfassers übertragen, um so den jeweiligen Normen für die Textgestaltung gerecht zu werden. Im Rahmen einer solchen Übernahme wird ein ursprünglich als fremdsprachig wahrgenommenes Muster in bestimmten Fachkreisen so lange wiederholt verwendet, bis es nicht mehr als fremd, sondern vielmehr als charakteristisch für den jeweiligen Stil oder das Register – d.h. fachsprachlich – empfunden wird (Oesterreicher 2001: 1565). Bei dem, was aus moderner Warte als Übernahme eines fremdsprachigen Elements identifiziert werden kann, dürfte sich für den Textproduzenten vielmehr um die Übertragung dieses Stiles auf die Zielsprache handeln. Diese Vorgehensweise wurde vor allem in England durch die kontaktsprachliche Situation begünstigt, wenn nicht überhaupt erst möglich.

Wie lässt sich nun dieser theoretische Ansatz für die Analyse einer Bibelübersetzung fruchtbar machen? Schließlich entsteht hier kein neuer Text im Hinblick auf den Inhalt, wohl aber in Bezug auf die Sprache, in die übersetzt wird. Umso mehr kommt hier die normierende Wirkung der stereotypen Stilmerkmale der Bibelsprache, d.h. theologischer Schlüsselbegriffe und Formulierungen zur Geltung. Dem Übersetzer geht es also nicht allein um die Bewahrung des biblischen Duktus im zielsprachigen Text, denn die Bibel als das Wort Gottes gilt ohnehin als unantastbar und darf weder verändert noch verfälscht wiedergegeben werden. Vielmehr muss er dafür Sorge tragen, dass der Text in der „neuen“ Sprache keine Fehlinterpretationen oder gar eine Neuauslegung der Heiligen Schrift zulässt. Dies dürfte, wie oben bereits angedeutet, im Falle des Spätmittelenglischen, das bestimmte Ausdrucksmöglichkeiten noch entwickeln musste, problematisch gewesen sein, weil zum Zeitpunkt der Bibelübersetzung nur eine kleine Anzahl an religiösen Prosatexten hervorgebracht wurde. Diese Arbeit geht daher ←16 | 17→der Frage nach, wie die Übersetzer der Heiligen Schrift ins Mittelenglische bei der Wiedergabe bestimmter bibelspezifischer Muster vorgegangen sind.

Es ist somit das übergeordnete Ziel dieser Arbeit aufzudecken, auf welche Art und Weise die Übersetzer der Wyclifschen Bibel zu einer optimalen Lösung gelangen, die angemessene Originaltreue im Hinblick auf den Inhalt und die Form aufweist und zugleich dem Rezipienten verständlich ist. Mit anderen Worten: Ich möchte herausarbeiten, wie die Übersetzer mit den äußerst anspruchsvollen Anforderungen auf der einen Seite und – retrospektiv betrachtet – mit den noch begrenzten sprachlichen Möglichkeiten des Englischen auf der anderen Seite umgegangen sind und damit, möglicherweise unbewusst, die englische Sprache nachhaltig verändert haben. Um dies bewerkstelligen zu können, muss zunächst ein theoretischer Rahmen abgesteckt werden. Geht man davon aus, dass die zeitgenössische sprachliche Situation eine Grundvoraussetzung für die besonderen Leistungen der Bibelübersetzer darstellte, so muss als Erstes geklärt werden, (1) in welchem sprachhistorischen Kontext die Bibelübersetzer agierten und (2) welchen Einfluss diese Umstände auf den zielsprachlichen Text ausgeübt haben konnten. Es ist dabei nicht zufriedenstellend, einzig und allein einen Oberflächenbefund zu benennen, d.h. beispielsweise eine Entlehnung oder ein calque auf eine Quellsprache zurückzuführen. Viel wichtiger erscheint hier die Frage, (3) auf welchem Weg ein solcher Einfluss zum Tragen kam, welche Mechanismen also dabei am Werk waren. Es wurde hier schon angedeutet, dass die Übertragung der Heiligen Schrift, im Vergleich zu anderen Texten, einige besondere Herausforderungen den Übersetzern bereitete. Daher soll hier auch der Frage nachgegangen werden, (4) welche sprachlichen und theologischen Anforderungen die Bibelübersetzer bewältigen mussten. Was eine mögliche gesellschaftliche Bedeutung der Wyclifschen Bibelübersetzung betrifft, so stellt sich hier (5) die Frage nach der akademischen und kirchlich-politischen Tragweite des Textes. Im empirischen Teil der Arbeit wird dann hauptsächlich den Fragen nachgegangen, (6) weshalb die Übersetzer gewisse Entscheidungen trafen und (7) welche Rolle dabei dem Lateinischen und Französischen zukam. Dabei hoffe ich zeigen zu können, dass die Bibelübersetzer ihre Übersetzungsentscheidungen nicht deshalb trafen, weil sie, wie von einigen Forschern angenommen, den Weg des geringsten Widerstandes wählten oder der Bibelübertragung nicht gewachsen waren, sondern weil sie den bibelspezifischen Anforderungen gerecht werden mussten, damit das Produkt ihrer übersetzerischen Tätigkeit auch als Bibel wahrgenommen und gelesen werden konnte.

Vor nicht allzu langer Zeit räumten Simone E. Pfenninger et al. ein: „[D];iachronic change cannot be fully understood without a close analysis of variation across written genres, language use in society as well as the external ←17 | 18→influence of language contact“ (Pfenninger et al. 2014: 1). Meine Arbeit beginnt mit der Beleuchtung der beiden letztgenannten Punkte: Als Erstes soll in Kapitel 2 die außergewöhnliche kontaktsprachliche Situation im spätmittelalterlichen England skizziert werden. Ein besonderes Interesse kommt hierbei der Betrachtung der Kontaktsprachlichkeit aus der Perspektive des kommunikativen Varietätenraums zu, in dem die drei Sprachen Englisch, Französisch und Latein bestimmte stilistische Funktionen erfüllten (Kap. 2.1). Es besteht grundsätzlich Übereinstimmung darüber, dass in dieser Situation das Englische stark durch das Französische und das Lateinische beeinflusst wurde. Dies manifestiert sich beispielsweise in einem massiven Zufluss vom französischen und lateinischen Wortgut, vor allem im 14. und 15. Jahrhundert. Diese Einwirkung auf die englische Sprache fand hauptsächlich auf dem Weg des schriftsprachlichen Kontakts, beispielsweise durch Übersetzung, statt (vgl. bspw. Schaefer 2011: 47; 2012: 146). Daher befasst sich der zweite Teil des Kapitels mit modernen theoretischen Erwägungen zum Einfluss auf die Geschichte einer Volkssprache durch Sprachkontakt im Allgemeinen und durch Übersetzung im Besonderen (Kap. 2.2). Dies soll vor allem innerhalb des theoretischen Rahmens von Koch und Oesterreicher geschehen. Mit Hilfe ihrer theoretischen Überlegungen können z. B. Gründe für bestimmte Übersetzerentscheidungen aufgedeckt werden. Die Erkenntnisse der modernen Übersetzungsforschung sollen außerdem erhellen, auf welche Bereiche einer Zielsprache und in welcher Weise sich das Übersetzen auswirken kann.

Kapitel 3 betrachtet das Thema ‚Übersetzung‘ dann unter einem bibelspezifischen Gesichtspunkt. Zunächst geht es hier um die Frage, welche Kriterien erfüllt werden müssen, damit ein semantisches und wirkungsgleiches Gleichgewicht zwischen dem Ausgangstext und dem Zieltext entsteht (Kap. 3.1), wodurch sich eine gute Übertragung auf der einen Seite von Bearbeitung und von Interlinearübersetzung auf der anderen abgrenzt. Weiterhin ist eine Auseinandersetzung mit denjenigen Anforderungen an eine Übersetzung nötig, denen speziell die Übersetzer der Heiligen Schrift genügen mussten. Das sind in erster Linie die theologische Forderung nach unverfälschter Wiedergabe der christlichen Botschaft (Kap. 3.2) sowie die gebotene Erhaltung der sprachlichen Form des Originals – in diesem konkreten Fall der lateinischen Vulgata (Kap. 3.3). Es wird hier davon ausgegangen, dass gewisse stilistische Merkmale, die als charakteristisch für die Bibel gelten, diese Form mitkonstituieren. Daher befasst sich dieser Abschnitt auch mit solchen Stilmerkmalen. Zunächst ist es deshalb sinnvoll, bibelspezifische Charakteristika in der Sprache der Vulgata zu identifizieren. Dabei werde ich mich auf ausgewählte lexikalisch-morphologische und syntaktische Phänomene beschränken. Anschließend soll in Kapitel 3.4 thematisiert ←18 | 19→werden, welche fachlichen Kompetenzen für die Tätigkeit eines Bibelübersetzers zwingend erforderlich waren und wie sie angeeignet werden konnten.

Kapitel 4 befasst sich mit den Entstehungshintergründen der Wyclifschen Bibelübersetzung. Zunächst gibt Abschnitt 4.1 einen groben Überblick über die wichtigsten Stationen von John Wyclifs Leben sowie über seine Schriften. Hier werden außerdem zeitgenössische politische sowie soziokulturelle Gegebenheiten angesprochen, die die Entwicklung der theologischen Lehre Wyclifs förderten. Eine Auseinandersetzung mit seiner Lehre, in der Wyclif der volkssprachlichen Bibel eine wichtige Bedeutung beimaß, wird ebenfalls erfolgen. Bekanntlich löste die Wyclifsche Bibelübersetzung eine tiefgreifende Kettenreaktion in Form einer breiten akademischen und kirchlichen Diskussion über die Legitimität der Vervolkssprachlichung der Bibel aus. Diese Diskussion beeinträchtigte ihrerseits erheblich die Entstehung religiöser Literatur – Dichtung wie Prosa – im Laufe des 15. Jahrhunderts. Die wesentlichen Aspekte der Reaktion der geistlichen und akademischen Kreise werden in Abschnitt 4.2 dargestellt.

Details

Seiten
280
ISBN (PDF)
9783631821862
ISBN (ePUB)
9783631821879
ISBN (MOBI)
9783631821886
ISBN (Hardcover)
9783631803011
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
Spätmittelenglisch Vulgata Partizipialkonstruktion Kontaktsprachlichkeit Handschrift Wortbildung Übersetzervorwort Varietätenraum
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 280 S., 2 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Alina Markova (Autor:in)

2003–2009 Studium der Germanistik, Anglistik und Slavistik an der Technischen Universität Dresden 2010–2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Anglistische Sprachwissenschaft der Technischen Universität Dresden 2012–2014 Lehrbeauftragte an der Professur für Anglistische Sprachwissenschaft der Technischen Universität Dresden

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Titel: Wyclifsche Bibelübersetzung