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Erinnerung aus zweiter Hand

Die born-free Generation in Südafrika und ihre Interpretation der Apartheid und des demokratischen Übergangs

von Julia Sonnleitner (Autor)
Dissertation 236 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Hinweis zur Transkription
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Ein historischer Umbruch
  • 1.2 Die Motivation für diese Arbeit und die damit verbundenen Ziele
  • 1.3 Die Umsetzung des Projekts: mein Forschungsdesign
  • 1.4 Stadt und Segregation: Kapstadt als Forschungskontext
  • 1.5 Der Zugang zum Feld und die Art der Daten
  • 1.6 Schritte in den Text
  • 2. Kapstadt als Forschungsort: historischer Abriss einer de-urbanisierten Stadt
  • 2.1 Der Blick von oben. Oder: vom Standort zum Standpunkt
  • 2.2 Stadt und Land: Die Politik der direkten und indirekten Regierung
  • 2.3 Stadt, Moderne und Bürgerrechte: die zunehmende rassistische Exklusion von Blacks und Coloureds
  • 2.4 Legalisierte Vertreibung: der Group Areas Act
  • 2.5 Der demokratische Übergang
  • 2.6 Die Auseinandersetzung mit der Apartheid im demokratischen Südafrika
  • 2.6.1 Die Truth- and Reconciliation Commission (TRC)
  • 2.6.2 Mediale Bearbeitungen der TRC
  • 2.6.3 Erinnerung und Erinnerungspolitik im demokratischen Südafrika
  • 3. Das Forschungsdesign
  • 3.1 Der Umgang mit Race als Analysekategorie
  • 3.2 Der Zugang zum Feld
  • 3.3 Die Schulen und ihr Erbe aus der Apartheid
  • 3.3.1 Die Schulpolitik nach 1994
  • 3.3.2 Die ehemals white Schulen in Suburbs
  • 3.3.3 Die Schulen in Mitchell’s Plain und Khayelitsha
  • 4. Die Vergangenheit und ihre Repräsentation
  • 4.1 Zwei Zugangsweisen zur Untersuchung der Vergangenheit
  • 4.2 Geschichte und Wandel als Analysekategorie der Anthropologie
  • 4.3 Die Diskussion um das Verhältnis zwischen Vergangenheitsrepräsentationen
  • 4.4 Geschichte als legitimatorischer Anspruch in der Gegenwart
  • 4.5 Autorisierungen: der Anspruch auf Wahrheit
  • 4.6 Die Vergangenheit als Feld des Disputs
  • 4.7 Die soziale Selektion von Erinnerung: autobiografisch und kollektiv
  • 4.8 Das Verhältnis zwischen „individueller“ und „kollektiver“ Erinnerung
  • 4.9 Die situative Bedingung von Erinnerung
  • 4.10 Ansprüche auf Kontinuität
  • 5. Die Weitergabe von historischem Wissen: das Konzept sozialen Lernens
  • 5.1 Eine akteurzentrierte Perspektive
  • 5.2 Wechselrahmung und der Gebrauch medialer Repräsentationen
  • 5.3 Jugendliche als Akteure bei der Weitergabe von Erinnerung
  • 5.3.1 Konzepte von Jugend
  • 6. Diskurs, Ideologie, Positionierung: der methodologische Rahmen
  • 6.1 Der Subjektbegriff
  • 6.2 Exkurs: Ideologie
  • 6.2.1 Die Naturalisierung von Ideologie
  • 6.2.2 Ideologie und gesellschaftliche Institutionen
  • 6.2.3 Ein sprachphilosophischer Zugang zu Ideologie: Vološinov und der Kreis um Bachtin
  • 6.2.4 Ideologie und Diskurs
  • 6.3 Einen Standpunkt beziehen: stance in discourse
  • 6.3.1 Die Praxis der Positionierung
  • 6.3.2 Positionierung und das narrative Interview
  • 6.4 Polyphonie in der Redewiedergabe
  • 6.5 Intersubjektive Taktiken
  • 6.6 Textsorten im Interview
  • 6.6.1 Ein textlinguistischer Zugang zu Narration
  • 6.6.2 Narration, Argumentation, Beschreibung
  • 7. Chronotopoi der Apartheid
  • 7.1 Die räumliche Dimension in der Analyse von Erinnerung
  • 7.2 Fleisch und Blut in Raum und Zeit: Bachtins Chronotopos-Begriff
  • 7.3 Eine Adaption des Chronotopos
  • 7.3.1 Relativität und Mehrzeitlichkeit
  • 7.3.2 Der Chronotopos als Handlungsbedingung
  • 7.3.3 Das Kriterium des inneren Wandels
  • 7.3.4 Bestimmtheit und Unbestimmtheit von Zeit und Raum
  • 7.3.5 Der Körper als Vermittlungsinstanz von Raum-Zeit-Beziehungen
  • 7.3.6 Innen und Außen: Die Diskrepanz zwischen ErzählerIn und erzählten Figuren
  • 7.3.7 Chronotopisches Genre und chronotopisches Motiv
  • 7.4 Zum Prozess der Auswertung der Darstellungen
  • 7.5 Apartheid war ein fernes Land: Der abstrakte Chronotopos
  • 7.5.1 Die Enklave als „Apartheids-freier“ Raum
  • 7.5.2 Die Innenperspektive auf die Enklave
  • 7.5.3 Die „Ordnung“ der Enklave
  • 7.5.4 Der Raum und seine Grenzen: Bewegungen
  • 7.5.5 Blicke: Sehen und Wissen
  • 7.5.6 Das Sprechen über Apartheid
  • 7.5.7 Was ist eigentlich Apartheid?
  • 7.6 They were living under the apartheid law: Der konkrete Chronotopos
  • 7.6.1 Örtliche und zeitliche Konkretisierung
  • 7.6.2 Mittel der Subjektivierung
  • 7.6.3 Historische Zeit im konkreten Chronotopos
  • 7.6.4 They put them into race: Bewegungen unter Zwang
  • 7.6.5 Gesehen und erkannt werden: Blicke
  • 7.6.6 Sich vor dem Blick verstecken
  • 7.6.7 Die Grenze 1994
  • 7.7 Zusammenfassung
  • 8. The people had enough: Das Ende der Apartheid
  • 8.1 Der demokratische Übergang als Wendepunkt in den Erzählungen
  • 8.2 Beispiel SQ: Das Erkennen der Apartheid als Wendepunkt
  • 8.2.1 Die Beschreibung der Apartheid aus der Logik des Chonotopos
  • 8.2.2 Das Moment der Veränderung
  • 8.3 Beispiel NB: Erinnerung als ethischer Impetus
  • 8.3.1 Beschreibung aus der Logik des Chronotopos
  • 8.3.2 Das Moment der Veränderung
  • 8.4 Beispiel MS: Nelson Mandela als messianische Figur
  • 8.4.1 Das Moment der Veränderung
  • 8.4.2 Der demokratische Übergang als Heilsgeschichte
  • 8.5 Gemeinsamkeiten in den Darstellungen: die Handlungsmacht der Massen
  • 8.6 Unterschiede zwischen den Darstellungen: die Verweise auf autoritative Wissensquellen
  • 8.7 Die eigene Biografie als Teil des nationalen Gründungsmythos
  • 8.7.1 Erzählungen von „ZeugInnen“
  • 8.7.2 Die visuelle Komponente der Erzählungen
  • 9. Positionierungen zu geschichtlichen Quellen – die Bewertung von Wissen
  • 9.1 Ein erweitertes Stance-Modell321
  • 9.2 „We didn’t know any better“: Der Topos des Nicht-Wissens
  • 9.3 Weitergegebene Erinnerungen als Auftrag der älteren Generation
  • 9.4 Die Autorisierung und Authentifizierung von Wissensquellen
  • 9.5 Die Bewertung von Schulwissen als voreingenommene Perspektive des ANC
  • 9.6 Über den angemessenen Platz der Vergangenheit in der Gegenwart
  • 9.6.1 Das Unbehagen mit Geschichte: leave the past in the past
  • 9.6.2 Das Aufspüren von Geschichte: this is something I should know
  • 9.7 Schlussfolgerungen
  • 10. Conclusio
  • 10.1 Erinnerung „aus zweiter Hand“
  • 10.2 Races bilden keine Erinnerungsgemeinschaften
  • 10.3 Die Vorzüge des gewählten Forschungsdesigns
  • 10.4 Stance als Methodologie für einen rezeptionszentrierten Zugang zu Erinnerung
  • 10.5 Bezüge zu Wissensquellen und -formen
  • 10.6 Raum als Analysekategorie in der Erinnerungsforschung
  • 10.6.1 Der Chronotopos
  • 10.6.2 Die Vergangenheit als Produkt situationsbedingter Hervorbringung
  • 10.7 Der demokratische Übergang und das Potenzial neuer Geschichtsdiskurse
  • 11. Referenzen
  • 12. Abbildungsverzeichnis
  • 13. Kurzfassung
  • 14. English Abstract

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1. Einleitung

1.1 Ein historischer Umbruch

Der 11. Februar 1990, Nelson Mandela steht auf der Balustrade der Cape Town City Hall. Auf der Balustrade ist es eng, so eng, dass Mandela, seine BegleiterInnen und die Reporter fast keinen Platz darauf finden. Mandela ist umringt von Mikrophonen und Videokameras, sogar an die Außenseite der schmiedeeisernen Balustrade klammert sich eine Traube von Menschen. Auf dem großen Platz vor der Cape Town City Hall, der Grand Parade, hat sich eine große Menge eingefunden, um bei diesem Augenblick anwesend zu sein. Nelson Mandela wurde aus der Haft entlassen, es ist seine erste Rede an die vor ihm versammelten Menschen, an die Nation, an die Welt. Er beginnt seine Rede.

Amandla! Amandla! IAfrika! Mayibuye! My friends, comrades and fellow South Africans! I greet you all in the name of peace, democracy and freedom for all. I stand here before you not as a prophet but as a humble servant of you, the people.1

Dieser Augenblick ist das Symbol für eine neue Ära, für den Aufbruch eines der letzten afrikanischen Staaten aus Kolonialismus und Apartheid.

Kein Bild ist so ikonisch für den demokratischen Übergang wie dieses. Beim Betrachten denke ich, die Balustrade muss solide gebaut worden sein. Zur Zeit ihrer Erbauung, im Jahr 1905, sah Südafrika, damals noch kein eigener Staat, sondern Teil des British Empire, noch ganz anders aus. Der Platz vor der City Hall, die Grand Parade, war der Exerzierplatz des Militärs, welches von hier aus zu den Kolonialkriegen im Inneren des Landes aufbrach. Der Platz wird im Osten vom Castle of Good Hope begrenzt, einer fünfeckigen Festung, welche das erste bauliche Symbol und Zentrum europäischer Macht- und Expansionsbestrebungen war. In ihrer wechselnden Geschichte diente sie als Residenz, Waffenlager und Gefängnis. Während der Apartheid war dieses Gebiet um die City Hall, das historische Zentrum der Stadt, als eine White Group Area deklariert worden, an dem sich all jene, die als non-white klassifiziert worden waren, nur mit Pass und Arbeitsbewilligung aufhalten durften. Vielleicht war es Nelson Mandela auch möglich, von seinem erhöhten Standpunkt aus, über das Meer auf Robben Island zu blicken, jenem Hochsicherheitsgefängnis, in dem er 18 seiner 27 Jahre in Haft verbringen hatte müssen.

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Im Jahr 1994, nach vier Jahren politischer Verhandlungen über die Ausgestaltung der Demokratie, hält Nelson Mandela seine Angelobungsrede als der erste demokratisch gewählte Präsident Südafrikas. Diesmal findet die Rede auf einer Bühne statt, die auf der Grand Parade aufgebaut ist. Die Kulisse dieser Rede erscheint geplanter, inszenierter, das Improvisierte des ersten Bildes ist der Feierlichkeit eines großen Staatsereignisses gewichen. Jetzt beginnt die Regierung der nationalen Einheit, The Government of National Unity. Sie ist als Übergangsregierung zur Implementierung demokratischer Institutionen und zur Ausarbeitung der Verfassung gedacht.

Die politischen Umbrüche des demokratischen Übergangs wirkten sich auch auf die Entstehung eines neuen öffentlichen Geschichtsdiskurses aus. Die Vergangenheit des Landes wurde neu gedeutet, Schulbücher und Geschichtscurricula demgemäß entwickelt, Denkmäler zur Erinnerung an den Anti-Apartheidskampf errichtet, neue Gedenktage eingeführt und alte uminterpretiert. Mit der Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission – TRC), die 1997 ihre Arbeit aufnahm, wurde versucht, traumatisierende Erfahrungen von Gewalt aus der Zeit der Apartheid und des demokratischen Übergangs aufzuarbeiten. Südafrika stellt damit einen besonders interessanten Fall für die Frage dar, wie eine traumatisierende und polarisierende Vergangenheit bewältigt und gleichzeitig die Basis für eine gemeinsame Zukunft geschaffen werden kann. Besonders die Truth and Reconciliation Commission war mit dem Antrieb initiiert worden, dass Versöhnung und eine gemeinsame Zukunft nur möglich wären, wenn die vom Apartheidsregime begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgedeckt und zur Sprache gebracht würden. Im neuen Südafrika wurden also aktiv Schritte unternommen, sich der Geschichte und ihrer Aufarbeitung zuzuwenden.

Zwanzig Jahre nach den ersten demokratischen Wahlen ist eine Generation herangewachsen, welche die Zeit der Apartheid und des demokratischen Übergangs nicht mehr erlebt hat. Sie ist mit demokratischen Institutionen einerseits und vielen Kontinuitäten aus der Apartheid andererseits aufgewachsen. VertreterInnen dieser Generation wissen über die Zeit vor 1994 nur mittelbar aus Weitergegebenem: aus Erzählungen, aus Filmen, Büchern, Museen oder Musicals. Mein Interesse kristallisierte sich vor allem um diese Generation, die in Südafrika als born-free generation bezeichnet wird. Wie konstruieren VertreterInnen dieser Generation die Vergangenheit des Landes, die sie nur aus weitergegebener Erinnerung kennen? Folgende Teilaspekte dieser Frage stelle ich in den Mittelpunkt:

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Auf welche Diskurse greifen die befragten Jugendlichen zurück, um die Vergangenheit ihres Landes zu interpretieren?

Wie bauen sie diese Diskurse in ihre Vergangenheitsdarstellungen ein?

Auf welche Weise findet die räumliche und institutionelle Segregation der Apartheid Niederschlag in ihrer Interpretation der Geschichte?

Wie stellen die befragten Jugendlichen die transgenerationale Weitergabe von Erinnerung dar und wie positionieren sie sich zu ihr?

1.2 Die Motivation für diese Arbeit und die damit verbundenen Ziele

Die Blue Bus Line ist eine Route des Touristen-Busses, die vom Zentrum Kapstadts bis nach Hout Bay fährt. Sie beginnt in der alten Werft am Hafen, die zu einem noblen Einkaufszentrum umgebaut wurde, führt über den ältesten bebauten Teil Kapstadts, vorbei an der Slave Lodge, dem Gefängnis, in dem Sklaven und Sklavinnen vor ihrem Verkauf als Arbeitskraft auf Farmen eingeschlossen wurden, sie führt über die ehemaligen Farmen, die Nahrungsmittel und Wein zur Versorgung europäischer Schiffe nach Asien produzierten, vorbei an Villenvierteln und eng bebauten Gebieten mit kleinen Häusern aus Wellblech, und endet in Hout Bay, einem Fischerort. Als ich zum ersten Mal im Februar 2009 nach Südafrika reiste, waren es diese Gegensätze auf engstem Raum, die ich mit einer Mischung aus Interesse und Befremdung wahrnahm. Ich begann mich mit der Geschichte des Landes, und insbesondere mit Kapstadt, auseinanderzusetzen. Kapstadt und seine Umgebung wählte ich aus dem Grund als Forschungsort, weil es die Stadt mit der ältesten Geschichte des Kontaktes von Menschen aus Afrika, Europa und Asien in Südafrika ist. Hier hat sich die 400-jährige Geschichte dieses Kontaktes in den Schichten der baulichen Substanz akkumuliert. Kapstadt hat seinen Rang als politisches und finanzielles Zentrum zwar an Städte wie Johannesburg und Pretoria abgegeben, erschien mir aber aufgrund seiner Geschichte für mein spezifisches Interesse vielversprechender. Die ersten Fragen, die sich mir auf dieser Tour mit der Blue Bus Line stellten, waren mit dem Verhältnis von Reichtum und Armut auf so engem Raum verbunden. Wie kann es sein, dass derart unterschiedliche Stadtteile, wie das Hochhausviertel der Innenstadt und das muslimische Viertel Bo Kaap, der Vorort Pinelands und das Township Langa in einer solchen Dichte nebeneinander angeordnet sind? Dass sie nach wie vor derart säuberlich getrennt, oft Zaun an Zaun oder Straße an Straße, nebeneinander existieren? Wer lebt an diesen Orten, wer arbeitet dort? Im Umkreis von Schulen und in der Stadt bemerkte ich Schulkinder, erkenntlich ←21 | 22→an ihren Uniformen. Ich fragte mich, in welche Art von Schule diese Kinder gehen und ob sie gemeinsam in Klassen sitzen, die früher nach Races2 getrennt waren. Meine Neugier richtete sich auf diejenigen, die zu jung sind, um die Apartheid miterlebt zu haben. Haben sie einen Bezug zur Vergangenheit, die sich an diesen Orten abgespielt hat, oder stehen sie dazu wie zur Geschichte eines fernen Landes? Wird die Erfahrung der Apartheid in den Familien weitergegeben? Aus diesem lokalen Kontext entwickelte sich das Thema dieser Arbeit, weitergegebene Erinnerung in Südafrika.

Im Vorfeld meiner Interviews und während der Zeit meines Forschungsaufenthaltes von Jänner 2011 bis Jänner 2012 begegnete ich in Gesprächen mit VertreterInnen älterer Generation immer der reflexartigen Meinung, dass die born-free Generation von Geschichte keine Ahnung habe, dass sie sich nicht für Politik interessiere, dass sie aber gleichzeitig auch „freier“ von rassistischen Vorurteilen sei als die älteren Generationen. In den Medien, in Interviews und Gesprächen kam eine ambivalente öffentliche Meinung über diese Generation zum Ausdruck: Einerseits die Sorge, dass sie die Apartheid „vergessen“ würde, wobei hier oft das Lamento einer fehlenden Wertschätzung gegenüber der älteren Generation mitschwang. Auch die Sorge, wie diese Generation es unter den derzeitigen politischen und ökonomischen Bedingungen schaffen würde, eine Ausbildung und einen guten Arbeitsplatz zu erlangen, war präsent: der regierende African National Congress (ANC) würde in erster Linie black Jugendliche fördern und sie mit Hilfe von Quoten an Schulen, Universitäten und Arbeitsplätze befördern, während coloured und white Jugendliche im neuen Südafrika benachteiligt würden. Ein weiteres Thema, das in Verbindung mit der born-free Generation immer wiederkehrte, war die Angst vor dem Abdriften der Jugendlichen in Kriminalität und Arbeitslosigkeit. Dies schlägt sich im Misstrauen der älteren Generationen gegenüber „zu vielen Rechten“ von Jugendlichen im ←22 | 23→demokratischen Südafrika nieder. Die junge Generation fordere zu viel und müsse für nichts kämpfen, war ein Satz, den ich oft zu hören bekam.

Parallel dazu existiert auch eine positive Vision hinsichtlich dieser Jugendlichen, eine, die sie als potenzielle TrägerInnen von Versöhnung, gesellschaftlicher Einheit und Wohlstand sieht. Durch die Aufhebung der Apartheidsgesetze hätten black und coloured Jugendliche jetzt die nie dagewesene Chance, an Schule und Universität durchzustarten. Aufgrund der Durchmischung von black, coloured und white Jugendlichen in Schulen, an denen zur Apartheid nur Whites zugelassen waren, würde gegenseitiges Verständnis und Freundschaft gefördert. Black und coloured Jugendliche hätten mit der Öffnung der Bildungsinstitutionen die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Demgegenüber wird die soziale Mobilität von black Jugendlichen oft als besonders problematisch gesehen. In einem Kontext wie Südafrika, in dem rassische Kategorisierungen, Klasse und Wohnort so eng miteinander assoziiert werden, wird die Inkongruenz einer dieser Faktoren als untypisch, unnatürlich und in manchen Fällen sogar als pathologisch betrachtet. Das Argument, das hier häufig bemüht wird, ist das der Entfremdung von black Jugendlichen gegenüber ihrer Kultur. Eine solche Auffassung der älteren Generationen (und zum Teil auch der wissenschaftlichen Literatur) über afrikanische Jugendliche als „verlorene Generation“, die über die Vergangenheit nichts weiß und in der Moderne noch nicht angekommen ist, ist auch aus anderen afrikanischen Kontexten bekannt. Hier werden (süd-)afrikanische Jugendliche meist als Problem behandelt: sie wären im Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne gefangen, wobei sie die eine verlassen und die andere noch nicht erreicht haben3. Die Vorstellung eines Bruchs, einer Diskontinuität zwischen Tradition und Moderne, in der die Jugendlichen verhaftet sind, zieht sich durch viele Arbeiten über Jugendliche in Afrika. Ein Ziel meiner Arbeit ist es daher, die vielschichtigen Wechselbeziehungen zwischen Kontinuität und Bruch in den Darstellungen der Jugendlichen über die Vergangenheit auszuloten: Welche Diskurse weben sie in ihre Darstellungen ein und von welchen möchten sie sich distanzieren? Es geht mir um die Frage, wie meine GesprächspartnerInnen geschichtliche Diskurse, in denen die Ideologien verschiedener Epochen abgelagert sind, in ihre Darstellungen der Vergangenheit einweben. Im Zentrum steht ←23 | 24→hier, was sie selbst zu diesen Diskursen über die born-free Generation und ihr geschichtliches Wissen zu sagen haben und wie sie dazu Stellung beziehen.

Und warum ausgerechnet Erinnerung? Warum ausgerechnet eine Generation befragen, die die Vergangenheit, um die es hier geht, nicht erlebt hat? Von der mir hundertmal erklärt wurde, dass sie sich für alles mögliche andere interessiere, nur nicht für diese Vergangenheit? Der Wert einer solchen Dissertation, so das Fazit in vielen Gesprächen, könne eigentlich nur in ihren pädagogischen Schlussfolgerungen liegen, in der Auslotung von Defiziten und Errungenschaften des Geschichtsunterrichts seit 1994. Ob also die vielen Veränderungen im Lehrplan, diese „elegantly phrased policy papers“4 an der Basis, nämlich bei den SchülerInnen, angekommen seien. Genau darum, das soll an dieser Stelle gesagt sein, geht es mir nicht. Auch wenn das Thema pädagogischer Vermittlung plausibel und naheliegend ist, steht nicht der Geschichtsunterricht an Schulen im Mittelpunkt dieser Arbeit. Es geht auch nicht um den Vergleich zwischen den Erkenntnissen einer institutionell verankerten Historiographie und den Mythen über die Vergangenheit, wie sie Leute wiedergeben, die sich nicht professionell mit Geschichte beschäftigen. Das Zentrum dieser Dissertation bildet die Fragestellung, wie die befragten Jugendlichen die Vergangenheit konstruieren und welche Bezüge sie herstellen, wenn sie über Geschichte sprechen. Nur insofern spielt der Geschichtsunterricht eine Rolle, als er als Wissensrepositorium von den befragten Jugendlichen relevant gesetzt wird. Doch zurück zur Frage, warum ausgerechnet die Weitergabe von Erinnerung an diese Generation von Interesse sein soll.

Erstens reizte es mich, den Zuschreibungen zu dieser Generation, wie ich sie oben dargestellt habe, auf den Grund zu gehen. Ich fragte mich, warum es so wichtig zu sein scheint, der born-free Generation ein völliges Desinteresse für Geschichte zu attestieren. Mein eigener Hintergrund spielte in dieser Hinsicht eine vielleicht nicht unwesentliche Rolle. Wie oft war mir in Diskussionen mit meinen Großeltern über den Nationalsozialismus in Österreich die Herausforderung ihres Standpunktes als illegitim abgesprochen worden, weil sie es waren, die diese Zeit erlebt hatten, und ich, als Nachgeborne, nicht urteilen dürfe. Wenn die born-free Generation also vorgeworfenermaßen keine Ahnung von der Geschichte hatte, war das für mich unmittelbar ein Indiz dafür, dass sie vielleicht nur einen anderen Standpunkt in Bezug auf diese Geschichte einnahm als ←24 | 25→jene, die sie selbst erlebt hatten und deswegen den Anspruch auf eine größere Authentizität und Legitimität einer bestimmten geschichtlichen Interpretation erhoben. Diese Unterscheidung zwischen selbst erlebter und weitergegebener Erinnerung kann die soziale Funktionen der Abgrenzung zwischen denen haben, „die es erlebt haben“ und deshalb den Anspruch erheben zu können zu wissen, „wie es wirklich war“ und denen, die es nicht erlebt haben und es sich deswegen „nicht vorstellen können“. Diese Unterscheidung wurde bereits von Maurice Halbwachs5 als eine nur scheinbare Unterscheidung aufgedeckt, was in Kapitel 4.8 noch weiter ausgeführt wird.

Zweitens interessiert mich, wie VertreterInnen dieser Generation die Vergangenheit repräsentieren, weil sie mit anderen öffentlichen Diskursen über die Geschichte der Apartheid aufgewachsen sind als diejenigen, die während der Apartheid sozialisiert wurden. Vor 1994 wurde die Geschichte der Kolonialzeit und der Apartheid vor dem Hintergrund der Ideologie Weißer Überlegenheit (White Supremacy) gelehrt, um damit die Politik des Regimes zu rechtfertigen. Eine Revision dieser Sicht auf die Geschichte des Landes und die Re-Kontextualisierung Südafrikas in der Geschichte Afrikas in den neuen Lehrplänen, Geschichtsbüchern, Denkmälern und medialen Repräsentationen war die Absicht geschichtspolitischer Maßnahmen im neuen Südafrika. Denn auch die Zeit seit 1994 stand unter politischen Voraussetzungen, die bestimmte geschichtliche Diskurse förderten und andere ausklammerten. Mit einem Diskursbegriff nach Foucault, der dieser Arbeit zugrunde liegt, frage ich nach den Möglichkeitsbedingungen von geschichtlichen Diskursen: was ist im gegenwärtigen Südafrika über die Vergangenheit denk- und sagbar? Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass die mitunter traumatischen Erfahrungen, welche die Eltern- und Großelterngeneration unter der Apartheid gemacht haben, und der Diskurs über Geschichte, den die Apartheidsregierung förderte und propagierte, nicht von einem Tag auf den anderen, und auch nicht nach 20 Jahren der Demokratie, verschwunden sind. Die kolonialen und totalitären Regimes haben ihre Spuren in der Art und Weise, wie in verschiedenen Kontexten, z. B. in der Schule, zu Hause, im Wohngebiet über die Vergangenheit gesprochen wird, hinterlassen. Diese Ablagerung verschiedener historischer Zeiten und Ideologien in den diskursiven Bezügen der Jugendlichen zu erforschen, ist daher ein weiteres Ziel der Dissertation.

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Die dritte Motivation, sich mit dem Thema weitergegebener Erinnerung in Südafrika zu beschäftigen, sind die kulturalistischen Ansätze, welche die Diskussion über Erinnerung und „kollektives Gedächtnis“ im deutschsprachigen Raum prägen. Sie gehen stark von Konzepten gesellschaftlicher Kohärenz und der Kontinuität von Tradierung aus. Modelle wie jenes von Jan und Alaida Assmann über das kulturelle und das kommunikative Gedächtnis, welche zusammen das kollektive Gedächtnis bilden, haben auf diesem Gebiet einen großen Einfluss6. Das Modell, an das ich mich für die gesellschaftliche Funktionsweise von Erinnerung in dieser Arbeit anlehne, ist der Begriff des Archivs von Foucault7. Entgegen einer Auffassung, welche Gesellschaften oder Gruppen danach einteilt, ob sie artifizielle Speicher geschichtlicher Erzählungen besitzen oder nicht, und deswegen über ein kanonisiertes und länger zurückreichendes Wissen über die Vergangenheit verfügen, fragt Foucault nach den Möglichkeitsbedingungen des Archivs: warum werden in einer bestimmten historischen Epoche bestimmte Schriftstücke aus dem Staub des Archivs geholt? Warum werden bestimmte bauliche Spuren aus der Vergangenheit von allgemeinen Abbaustellen für Baumaterial auf einmal zu denkmalgeschützten Erinnerungsorten? Warum werden bestimmte Artefakte als Erinnerungsstücke identifiziert? Welche Mechanismen sind am Werk, dass diese Spuren der Vergangenheit mit bedeutungsvollen Erzählungen verknüpft werden und von Teilen der Gesellschaft als Zeichen ihrer Kontinuität angeeignet werden? Was sind also die Mechanismen der Selektion von relevanten Vergangenheitsbezügen, aus denen ein Diskurs entsteht? Damit verknüpft Foucault materielle Formen der Erinnerung mit den Praktiken und Bedingungen ihrer (Wieder-)Aneignung. Ein Modell der Erinnerung wie das von Jan und Alaida Assmann, das auf einer Vorstellung von Kontinuität und Kohärenz von Gesellschaften beruht, kann nicht erklären, wie antagonistische Geschichtsauffassungen und historische Brüche in der geschichtlichen Interpretation zustande kommen. Foucaults Diskursbegriff hingegen bringt die Entstehung von Diskursen mit Kämpfen in der Machtkonstellation in Zusammenhang. Historische Quellen sind demnach nicht neutral, sondern entstehen unter bestimmten politischen Bedingungen, die mit einer selektiven Wissensproduktion einhergehen. Demgemäß liegt dieser Arbeit eine Auffassung von ←26 | 27→Gesellschaft zugrunde, die sie als einen ständigen Prozess von Stabilisierung und Destabilisierung, von Kontinuität und Brüchen, von Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit begreift.

Schließlich geht es mir darum, die Bezüge der befragten Jugendlichen zu bestimmten Diskursen mit Subjektivierungsweisen zu verknüpfen, also den Zusammenhang von Erinnerung und Aspekten der Identität zu ergründen. Wenn wir mit Foucault vom Zusammenhang zwischen Machtkonstellationen und einer spezifischen Wissensproduktion ausgehen, die diese hervorbringen, dann schlagen sich gesellschaftliche Widersprüche demgemäß auch in unterschiedlichen Standpunkten in der Interpretation von Geschichte nieder. Der Bezug zu einem geschichtlichen Diskurs bedeutet daher die Einnahme eines bestimmten Standpunktes bezüglich der Vergangenheit. Gleichzeitig sind diese Standpunkte auch sozial kodiert, das heißt durch die Wahl der diskursiven Bezüge positionieren sich SprecherInnen in Bezug auf die soziale Welt. Denn diskursive Standpunkte sind registriert, sie haben eine soziale Bedeutung8. Demzufolge ist das Sprechen über Vergangenheit auch als Logik der Praxis zu verstehen, als soziale Positionierung gegenüber Anderen. Ich distanziere mich von Auffassungen, die Erinnerung mit einem eindimensionalen und zementierenden Begriff von Kultur verbinden. Hier ist der Zusammenhang von Erinnerung und Subjektivität immer schon im Vorhinein klar: VertreterInnen einer bestimmten Kultur erinnern sich auf eine bestimmte Art und Weise, weil sie VertreterInnen einer bestimmten Kultur sind. Demgegenüber wird die Relation zwischen Erinnerung und Subjektivität in dieser Arbeit anders hergeleitet: indem SprecherInnen sich auf Erinnerungsdiskurse beziehen, stellen sie soziale Identifizierungen her. Nicht ein vorgegebener und von mir registrierter Teilaspekt ihrer Subjektivität ist der Ausgangspunkt meiner Analyse, sondern die von meinen InterviewpartnerInnen getätigten Annäherungen und Abgrenzungen zu bestimmten Diskursen.

Ein kulturell so heterogener Kontext wie Kapstadt eignet sich besonders, um die Dialogizität von Vergangenheitsdarstellungen zu erforschen. „Interkultureller Dialog“ bezeichnet in dieser Arbeit weniger die alltagssprachliche Bedeutung von Dialog im Sinne eines „gegenseitigen Verständnisses“, sondern bezieht sich auf die innersprachliche Dialogizität: in Anlehnung an Michail Bachtin wird untersucht, wie die Jugendlichen verschiedene weltanschauliche Positionen in ihre Rede einfließen lassen. Denn in der Sprache werden nach Bachtin jene ←27 | 28→sozial-weltanschaulichen Kräfte zueinander in Beziehung gesetzt, die zu jedem diskursiven Gegenstand (in diesem Fall die Vergangenheit Südafrikas) existieren:

So findet jedes konkrete Wort (die Äußerung) jenen Gegenstand, auf den es gerichtet ist, immer schon sozusagen besprochen, umstritten, bewertet vor und von einem ihm verschleiernden Dunst umgeben oder umgekehrt vom Licht über ihn bereits gesagter, fremder Wörter erhellt. Der Gegenstand ist umgeben und durchdrungen von allgemeinen Gedanken, Standpunkten, fremden Wertung und Akzenten. Das auf seinen Gegenstand gerichtete Wort geht in diese dialogisch erregte und gespannte Sphäre der fremden Wörter, Wertungen und Akzente ein […].9

Diese Dialogizität der Rede gilt es zu untersuchen, beispielsweise wenn Jugendliche eine fremde Position in ihre Darstellungen einflechten, um dadurch ihren Standpunkt zum Ausdruck bringen, was in Kapitel 9 behandelt wird. Mit der Perspektive der Dialogizität können Erklärungsansätze von Kohärenz und Tradition, von schriftlich und schriftlos, von kommunikativ und kulturell, von ethnischen und rassischen Kategorisierungen hinterfragt werden. In diesem Sinne untersuche ich in meiner Arbeit, welche Differenzen von den InterviewpartnerInnen hergestellt werden und welche möglichen anderen Differenzen zugunsten von Allianzen marginalisiert werden. Die Perspektive trägt dazu bei, in der Erinnerungsforschung eine neue Herangehensweise anhand eines dialogischen Ansatzes zu beschreiten.

1.3 Die Umsetzung des Projekts: mein Forschungsdesign

Ein Ziel dieser Arbeit besteht darin, die Frage nach geschichtlicher Interpretation mit der Untersuchung zu verknüpfen, wie bestimmte Subjektpositionen in den Darstellungen der interviewten Jugendlichen eingenommen werden. Mein Forschungsdesign war darauf ausgelegt, VertreterInnen der born-free Generation mit einem möglichst heterogenen sozialen Hintergrund zu befragen. Heterogen ist hier dezidiert nicht auf die Kategorie Race beschränkt, sondern meint auch Aspekte wie den Schulstandort, den Wohnort der Jugendlichen, das Einkommen der Haushalte, das Religionsbekenntnis, die Sprachen, Geschlecht, Ethnizität usw. Die Auswahl der Standorte der Schulen zielte darauf ab, ein möglichst heterogenes Spektrum an SchülerInnen interviewen zu können. Diese Standorte versprachen aufgrund ihres geschichtlichen Hintergrundes (vgl. Kapitel 2) eine große Bandbreite an Biografien und sozialem Hintergrund der SchülerInnen ←28 | 29→zu öffnen. Aufgrund dessen, dass sowohl die Lebenswelten der interviewten Jugendlichen sehr unterschiedlich sind und die Biografien heterogenen Verläufen folgen, möchte ich die InterviewpartnerInnen in meiner Repräsentation auf keine wie auch immer gearteten „Typen“ reduzieren, beispielsweise nach dem Schema blackmiddle-classformer white school. Das lehne ich ab, weil es den vielfältigen biografischen Erfahrungen, den oftmals verschlungenen Wegen von Migration innerhalb Südafrikas bzw. innerhalb Kapstadts und den verschiedenartigen sozialen Räumen, in denen sich die Jugendlichen bewegen, nicht gerecht werden kann. Eine solche Typisierung der ForschungspartnerInnen, die Analyse des Datenmaterials anhand der Kategorie von Race und ihre Verwendung als eine Variable zur Darstellung der Ergebnisse ist leider immer noch Praxis mancher Forschungsarbeiten. Diese bespreche ich in Kapitel 3.1 ausführlicher, um die Wahl meines spezifischen Forschungsdesigns zu begründen. Mit diesem beabsichtige ich, nicht die Kategorie Race als die Grundlage für den Vergleich zwischen den Interviews zu wählen, sondern die Möglichkeit zu haben, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erstens auf möglichst viele Faktoren zurückführen zu können und den Jugendlichen zweitens die Identifikationen selbst zu überlassen. Mir ist bewusst, dass auch das Konzept einer distinktiven Generation ein Konstrukt ist, doch ist es meiner Ansicht nach offener für Selbstpositionierungen der InterviewpartnerInnen. Außerdem ist der Begriff born-free generation in Südafrika eine geläufige Bezeichnung für diese Gruppe, die, so meine Beobachtung, zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher und medialer Aufmerksamkeit rückt. Damit stammt dieses Konstrukt nicht nur aus meiner Relevanzsetzung, sondern auch aus dem Kontext meines Forschungsfeldes.

Meinem Forschungsdesign liegt methodologisch der Vergleich zugrunde. Dieser ist implizit die Basis fast aller anthropologischer Forschung10. Der explizite oder epistemologische Vergleich in der anthropologischen Methodologie ist jedoch etwas, das hier einer Klarstellung bedarf. Von jenen Arten des expliziten Vergleichs, die Andre Gingrich und Richard Fox in der Einleitung ihres herausgegebenen Bandes vorstellen, ist jedoch keiner für meine Zwecke wirklich dienlich: ich stelle keinen regionalen Vergleich an, sondern beschränke mich auf eine Stadt. Ich stelle keinen zeitlichen Vergleich an, etwa im Sinne einer Langzeitstudie oder eines Vergleichs zwischen verschiedenen Generationen. Ich ziehe auch keinen Makro-Rahmen zum Vergleich heran, weil ich innerhalb der nationalen Grenzen Südafrikas bleibe. Von diesen drei Möglichkeiten würde mein ←29 | 30→Forschungsdesign am ehesten in die Kategorie des regionalen Vergleichs fallen. Denn ich habe die sechs Schulen, an denen ich Interviews führte, primär nach ihrem Standort ausgesucht. Diese Standorte identifizierte ich aufgrund ihrer geschichtlichen Entstehung und Entwicklung während der Apartheid als jene mit der größten anzunehmenden Unterschiedlichkeit. Der Umstand, dass viele dieser Schulen (und ihre Nachbarschaft) nach 1994 nicht mehr für eine Race gesetzlich beschränkt waren, fügte noch einen neuen Aspekt der Heterogenität innerhalb der Schulen hinzu.

Die beiden größten Schwierigkeiten des Vergleichs, so stellt Adam Kuper fest, sind die Vergleichbarkeit und die Einheiten des Vergleichs11. Ein so kleinräumiger lokaler Vergleich wie zwischen verschiedenen Stadtteilen Kapstadts ist deswegen mit dem Vorbehalt gewählt, dass diese Stadtteile keine isolierten Einheiten darstellen, sondern, wenn man so will, Teile ein- und desselben Systems sind. Geburtsort, aktueller Wohnort, Schulstandort und Freizeitort fallen für die InterviewpartnerInnen meist nicht zusammen. Die Kongruenz von Ort, Race und Klasse, wie die Apartheidsregierung sie gewaltsam herstellen wollte, besteht im demokratischen Südafrika nicht mehr. Dennoch hat die Raumpolitik der Apartheid nachhaltig das gegenwärtige Stadtbild geprägt und ihre Auswirkungen auf die verschiedenen Stadtteile hinterlassen (vgl. Kapitel 2). Mit diesem eher regional definierten Vergleich möchte ich mich gegen eine rassisch definierte Vergleichseinheit stellen, wie sie die in Kapitel 3.1 dargestellten Studien verwenden. Denn gerade die Debatte von Vergleichseinheiten hat in der südafrikanischen Anthropologie eine lange Geschichte. Im Gegensatz zur frankophonen Anthropologie, die in der Tradition des strukturalistischen Vergleichs Lévi-Strauss’ steht und den vergleichenden Methoden der Wiener diffusionistischen Schule war die Haltung der britischen Anthropologie gegenüber dem Vergleich eine der kritischsten12. Insbesondere der Anthropologie an englischsprachigen Universitäten in Südafrika waren Vergleiche von ethnisch und rassisch definierten Einheiten aus einer kritischen Opposition zur Sozialpolitik der Apartheid suspekt und in manchen Zeiten methodologisch obsolet13. Die politische Isolation Südafrikas bewirkte, dass der wissenschaftliche Austausch mit AnthropologInnen aus dem Ausland in den 1970er und 1980er Jahren sehr ←30 | 31→eingeschränkt war. Besonders die marxistische Perspektive wandte ihren Blick den Effekten der Apartheid zu und betrachtete Fragen von Kultur und Ethnizität als zweitrangig und als Werkzeug der Unterdrückung. In Südafrika herrschte daher die Tendenz vor, gesellschaftliche Prozesse primär durch die Wirkungsmacht des Staates und dem Staat nahestehender Unternehmen wie der Minenindustrie zu erklären. Blacks und Coloureds wurden in diesem Paradigma als eine gleichermaßen proletarisierte Gruppe gesehen und als „so-called Coloured“ oder „Black“ bezeichnet. Eine solche wissenschaftliche Praxis muss vor dem Hintergrund einer klassifizierenden, vergleichenden und beschreibenden Ethnografie gesehen werden, die von der Apartheidsregierung gefördert und vor allem an afrikaanssprachigen Universitäten betrieben wurde. Daher ist der Vergleich, der zunächst immer ein Problem der Klassifikation ist, im Forschungskontext von Südafrika heikel.

Meine Entscheidung, von einer Alterskohorte auszugehen, die nicht ethnisch oder rassisch definiert ist, sondern national (d. h. südafrikanisch), und lokalspezifisch auf Kapstadt bezogen ist, hat daher zwei Gründe. Der erste ergibt sich aus der akademisch-politischen Geschichte des südafrikanischen Kontexts, den ich soeben umrissen habe. Der zweite ergibt sich aus meinem spezifischen Zugang zum thematischen Feld der Erinnerung. Mein Ziel ist es, die Vergangenheitsdarstellungen der Jugendlichen auch unter dem Aspekt der sozialen Identifizierung zu verstehen. Mit anderen Worten, die Problemstellung wird anders abgegrenzt: nicht vordefinierte Gruppen sind der Ausgangspunkt für den Vergleich, wer sich wie erinnert, sondern der Vergleich kommt in der Analyse zur Anwendung. Ich untersuche, an welche Diskurspositionen sich die Jugendlichen annähern und von welchen sie sich distanzieren wollen. Der Vorteil des Vergleichs zwischen den Darstellungen meiner InterviewpartnerInnen wurde in der Analyse deutlich. Erst durch die Unterschiede zwischen den Darstellungen entdeckte ich bestimmte Elemente in Interviews, die mir ohne einen solchen Vergleich nicht so frappant aufgefallen wären. Warum ist etwas in den einen Darstellungen so präsent, was in anderen Darstellungen völlig fehlt und umgekehrt? Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Räumlichkeit der Vergangenheitsdarstellungen brachten mich zur chronotopischen Analyse des Verhältnisses zwischen Raum und Zeit (vgl. Kapitel 7). Die unterschiedlichen Quellen für Bezüge zur Vergangenheit und der unterschiedliche Stellenwert, der diesen Quellen beigemessen wird, war ein weiterer Punkt, der erst durch den Vergleich Kontur erlangte (vgl. Kapitel 9).

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1.4 Stadt und Segregation: Kapstadt als Forschungskontext

Um die Tragweite der räumlichen Dimension für die Erinnerung zu begreifen, müssen wir uns für einen Augenblick die Zentralität der Raumpolitik während der Apartheid vergegenwärtigen. Sie stellte die verschärfte Spitze einer Politik dar, die bereits in den Kolonialregimes des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts weichenstellende Vorläufer hatte. Wie die Segregation und Hierarchisierung einer nach Race klassifizierten Bevölkerung in der Horizontalen, also durch konkrete Planungsregimes in der Geschichte Kapstadts ausgetragen wurde, ist Gegenstand des 2. Kapitels. Hier sollen nur jene Gesetzgebungen kurz umrissen werden, die für die Eltern- und Großelterngeneration der befragten Jugendlichen eine Rolle spielten. Das Gesetz des Group Areas Acts band Menschen nach rassistischen Kategorien an einen bestimmten Ort. Jenseits dieses für sie bestimmten Ortes durften sie sich nur mit Pass und eingetragener Arbeitserlaubnis bewegen. Die Einheitlichkeit dieser solchermaßen nach Rasse kategorisierten Orte wurde durch Zwangsumsiedlungen umgesetzt: die als black oder coloured klassifizierten Personen mussten ihre bisherigen Wohnorte räumen und bekamen als „Entschädigung“ Häuser oder Wohnungen in den neu entstehenden Wohnorten in der Umgebung Kapstadts zugeteilt. Diese befanden sich in großer Entfernung zur Stadt, waren auf minderwertigem Bauland gebaut, verfügten über eine schlechte Infrastruktur und bestanden aus stark heterogenen Gruppen, deren einzige Gemeinsamkeit die Klassifizierung nach einer bestimmten Race war. Die Apartheidsregierung schreckte auch nicht davor zurück, jene stark durchmischten Arbeiterbezirke, die ihr ein besonderer Dorn im Auge waren, völlig abzureißen. District Six in Kapstadt und Sophiatown in Johannesburg sind Beispiele dafür. Die Einteilung der Bevölkerung in Races gewährte den Menschen aufgrund dieser Kategorisierung eingeschränkten Zugang zu Orten, Räumen und Institutionen und ließ sie außerdem in unterschiedlichem Grad an der Moderne teilhaben. Das Homeland, jene ruralen Gebiete, die Blacks zugewiesen wurden, war emblematisch für Rückschrittlichkeit, Tradition und zeitlichen Stillstand, während jene Orte, die für Whites reserviert waren, mit Fortschritt, Moderne und Geschichtlichkeit assoziiert wurden. Diese spezifische Übereinstimmung zwischen rassistischer Klassifikation, Raum und Zeitlichkeit ist charakteristisch für die Politik der Apartheid, die bestrebt war, eine solche Kongruenz effektiv durch die Gesetzgebung herzustellen. Mit dem Ende der Apartheid wurde dieser Isomorphismus von Race, Raum und Zeitlichkeit aufgebrochen. Aufgrund dieser historischen Begebenheiten stellt sich die Frage, welchen Platz die Kategorie des Raumes in den Darstellungen der befragten Jugendlichen über die Vergangenheit einnimmt.

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Das Ergebnis dieser Analyse der Erzählungen nach räumlichen als auch nach zeitlichen Kriterien der Strukturierung behandle ich in Kapitel 7. In diesem Kapitel wird untersucht, wie die befragten Jugendlichen das Erleben der Apartheid ihrer Familienangehörigen darstellen. Um diese eigentümliche Konstellation von Raum und Zeit analytisch fassen zu können, lege ich den Begriff des Chronotopos von Michail Bachtin auf die Spezifika meines Materials um. In manchen Erzählungen lassen die Jugendlichen Orte entstehen, die von der Apartheid völlig abgehoben zu sein scheinen und damit auch die Menschen, die hier dargestellt werden. In anderen Erzählungen wiederum wirkt die spezifische Räumlichkeit des Ortes, an dem die Erzählung spielt, als jenes strukturierende Prinzip, das den Fortgang der Geschichte überhaupt erst erklärt. Die Figuren dieser Darstellungen sind in den Möglichkeiten ihres Handelns von den Gesetzlichkeiten, die ihnen ein bestimmtes räumliches Regime auferlegt, beschränkt. Bachtin liefert mit seinem Essay über den Chronotopos eine Analyse von Erzählungen, die das Menschenbild bestimmter Epochen aus den Handlungsmöglichkeiten der Personen in spezifischen Raum-Zeit-Konstellationen erklärt. Dieses Menschenbild kann nur mithilfe der Darstellung des menschlichen Lebens und des menschlichen Körpers auf bestimmten Abschnitten der Zeit und des Raumes realisiert werden. Umgekehrt lassen sich Zeitlichkeit und Räumlichkeit in Erzählungen nur durch das Medium des menschlichen Körpers vermitteln. Das Konzept des Chronotopos eignet sich daher sehr gut, die Erinnerung an eine so stark verräumlichte Politik wie die der Apartheid zu analysieren.

Die Wahl der theoretischen und methodologischen Zugänge für die Untersuchung dieses Forschungsthemas ergeben sich aus meiner Fächerkombination in Kultur- und Sozialanthropologie, Sprachwissenschaft und Slawistik. Die Erhebung der Daten folgt ethnografischen Methoden, während ich mich für die Auswertung primär an eine diskurslinguistische Methodologie angelehnt habe. Dem fachlichen Umfeld der Kultur- und Sozialanthropologie entstammen meine theoretischen Zugänge zum Thema Erinnerung. Den slawistischen Beiträgen zur Literaturtheorie verdanke ich meinen Zugang zu Bachtin.

1.5 Der Zugang zum Feld und die Art der Daten

Als ich vom einjährigen Forschungsaufenthalt in Kapstadt nach Wien zurückkehrte, war einer der schönsten Momente, auf mein Rad zu steigen und zu denken: ich kann überall hinfahren. Ich bin frei. Dieser Moment übertraf alle anderen bezüglich des Gefühls, wieder zu Hause zu sein. Es war die unmittelbare Erinnerung an eine vertraute, durchaus körperliche Erfahrung, mich in meiner Umgebung zu bewegen und die Stadt zu benutzen. Durch den Aufenthalt ←33 | 34→in Kapstadt war mir die Selbstverständlichkeit dieser Alltagserfahrung offenbar erst zu Bewusstsein gekommen, und zwar nicht in Kapstadt selbst, in der Fremde also, sondern bei meiner Rückkehr nach Wien. In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr nahm mich dieser Unterschied im Erleben der Stadt völlig ein. Diese Erfahrung schärfte meine Aufmerksamkeit in Hinblick auf die räumliche Dimension meines Forschungsaufenthaltes, auf die geschichtliche Entstehung des gegenwärtigen Kapstadt, die Praktiken der Jugendlichen, sich in diesem Raum zu bewegen und die räumliche Dimension ihrer Darstellungen der Apartheid und des demokratischen Übergangs.

Wenn ich zurückverfolge, was die ersten praktischen Reiseinformationen waren, die mir von Bekannten übermittelt wurden, dann erinnere ich mich in erster Linie an Warnungen, die das Betreten bestimmter Orte betreffen. Noch vor meiner Reise wurde die Räumlichkeit Kapstadts zu einem Stückwerk betretbarer und zu meidender Gebiete, in denen ich mich nur mit Vorsicht und eingeschränkt würde bewegen können. Ich wusste zwar, dass es bestimmte Orte gab, an denen ich mich sicher aufhalten konnte, doch der restliche Raum verschwamm zu einer Zone potenzieller Gefahr. Das hatte zur Folge, dass ich mich in der Zeit unmittelbar nach der Ankunft nur in einem winzigen Radius selbstständig bewegte und mich für Touren in weiter entfernte Gebiete der Stadt oder der Umgebung Bekannten und Freunden anschloss. Ich begann herauszufinden, wer ein Nexus für die Erweiterung meiner Bewegungsmöglichkeiten in die unterschiedlich besetzten Räume sein könnte. Langsam begann dieser diffuse, „gefährliche“ Raum mehr Konturen anzunehmen. Mit wem konnte ich mich zu welcher Tageszeit sicher in einem historisch black Township bewegen, mit wem in einem historisch coloured Wohngebiet, mit wem konnte ich am Abend durch die Straßen der Innenstadt spazieren, mit wem konnte ich an den Strand fahren (und an welchen). Da mein Forschungsdesign es erforderte, mich über die Grenzen historisch besetzter Räume zu bewegen, musste ich mir Strategien erschließen, mit der Zeit auch selbstständig an diese Orte zu gelangen.

Ich stellte fest, dass man sich zu bestimmten Zeiten an Orten bewegen kann, die sonst als gefährlich gelten (exemplarisch das Township als die ständig vermittelte No-Go-Area) und wiederum Orte, die zu den Geschäftsöffnungszeiten sicher sind und zu anderen Zeiten eine eher zu meidende Zone werden können (das Zentrum der Stadt beispielsweise). Die Möglichkeiten mich fortzubewegen konnte ich mir also anhand von drei Koordinaten errechnen: der Ort, der Zeitpunkt, die Begleitung. Allerdings erforderte dieses Wissen um die Zugänglichkeit eines Ortes eine längere Zeit der Vorbereitung und Information. Ich musste ausloten, welche Informationen über einen Ort (die manchmal zwischen „völlig unbetretbar“ bis „unproblematisch“ schwankten), für mich persönlich brauchbar ←34 | 35→waren. Das Auto stellte eine unglaubliche Erweiterung meines Bewegungsspielraumes dar. Wie in einer Kapsel konnte ich damit von einem sicheren Ort über die breiten Autobahnen der Stadt zum anderen sicheren Ort gelangen und nötigenfalls von einem Ort schnell verschwinden, wenn er mir nicht sicher erschien. Um zu wissen, welcher Ort zu welcher Zeit mit welcher Begleitung zugänglich ist, musste ich den Kontakt zu Personen suchen, die entweder selbst an diesen Orten wohnten oder sie aufgrund ihrer Arbeit oder Verbindungen soweit kannten, um gemeinsam mit mir an diese Orte zu fahren und mich gleichzeitig in den jeweiligen Kontext einzuführen. Ich musste mir Knotenpunkte suchen, mit denen ich mir den Zugang zu meinem Feld erschließen konnte, der sich zunächst als ein Problem des sicheren Zugangs darstellte.

Zwei Organisationen, das Centre for Popular Memory und PRAESA (The Project for the Study of Alternative Education in South Africa), beide an der University of Cape Town (UCT) angesiedelt, waren für mich solche Knotenpunkte. Durch die wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Arbeit dieser beiden Organisationen eröffneten sich für mich Schulen als jene Orte, an denen ich forschen konnte. Schulen stellten aus verschiedenen Gründen die praktikabelste Lösung für den Zugang zu meiner Zielgruppe dar. Der offensichtlichste Grund ist der, dass die Schule jener Ort ist, an dem sich VertreterInnen meiner Zielgruppe zu einen großen Teil ihres Alltags aufhalten. Zweitens stellten die ausgesuchten Schulen einen Vorteil bezüglich der Logistik und Infrastruktur dar: Sie befinden sich an Orten, die über breite Hauptstraßen und Autobahnen leicht zu erreichen sind, was eine höhere Sicherheit für mich darstellte: Ich musste nicht durch verwinkelte, enge Gassen in stark bevölkerten Gebieten fahren, in denen ich leicht angehalten werden oder die Orientierung verlieren konnte. Schulgelände gelten außerdem als sichere Orte, viele sind eingezäunt und haben einen Sicherheitsdienst angestellt. In allen Schulen war ein Raum vorhanden, eine leere Klasse oder eine Bibliothek, in der wir einigermaßen ungestört Interviews führen konnten. Drittens waren die ausgesuchten Schulen bereits in eine langjährige Projektarbeit mit dem CPM bzw. mit PRAESA involviert. Aus meiner Verbindung zu den beiden Organisationen entwuchs die hauptsächliche Motivation der LehrerInnen bzw. DirektorInnen, mir Zugang zu ihren Schulen und damit einen Kontakt zu den SchülerInnen zu verschaffen. Die Erfahrungen, die ich während meines Aufenthalts in Kapstadt machte, hielt ich in einem Forschungstagebuch fest. Es war ein wichtiger Bestandteil meiner täglichen Reflexionsarbeit und half mir später auch bei der Analyse und beim Schreiben. Meine Vorgehensweise beim Forschungsaufenthalt und die Kontakte zu meinen ForschungspartnerInnen sind Gegenstand des anschließenden Kapitels.

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1.6 Schritte in den Text

Diese Arbeit ist in vier Abschnitte gegliedert:

die Einführung in den Forschungskontext von Kapstadt (2. Kapitel) und das sich daraus ergebende Forschungsdesign (3. Kapitel),

theoretische (4. und 5. Kapitel) und methodologische (6. Kapitel) Grundlagen der Arbeit,

die Ergebnisse: die raum-zeitliche Dimension der Erzählungen (7. Kapitel), die Erzählung des demokratischen Übergangs (8. Kapitel) und die Positionierung der Jugendlichen gegenüber weitergegebenem Wissen (9. Kapitel) und

der Schluss (10. Kapitel).

Der erste Teil, Kapitel 2, führt in den lokalen und historischen Kontext von Kapstadt ein. Besondere Berücksichtigung findet hier die Raumpolitik des Kolonial- und Apartheidsregimes sowie der demokratische Übergang und der damit einhergehende ideologische Wandel in der Interpretation der Kolonialzeit und der Apartheid. In Kapitel 3 argumentiere ich, dass sich aus diesem lokalen und historischen Zusammenhang von Kapstadt meine spezifische Vorgehensweise bei der Auswahl der InterviewpartnerInnen und der Schulstandorte ergibt.

Im zweiten Abschnitt, Kapitel 4 und 5, werden Debatten der Erinnerungsforschung, und zwar insbesondere anthropologische Herangehensweisen an das Thema, diskutiert. Dem Diskurs über die Weitergabe von Erinnerung und dem Konzept von Jugend in diesem Zusammenhang ist Kapitel 5 gewidmet. Die methodologische Grundlage für die Analyse der Daten, Positionierung oder stance in discourse, mit Hilfe derer ich die Bewertung von Diskursen und die Ausrichtung zu sozialen Gruppen untersuche, wird in Kapitel 6 behandelt.

Der Ergebnisteil ist in drei Abschnitten aufgebaut. Im ersten, Kapitel 7, geht es um die Dimension von Raum und Zeit in den Darstellungen der Jugendlichen, die ich mit dem Konzept des Chronotopos erfasse. Mit dem Thema des demokratischen Übergangs in den Erzählungen der Jugendlichen befasse ich mich im zweiten Abschnitt, Kapitel 8. In Kapitel 9 untersuche ich, wie die InterviewpartnerInnen verschiedene geschichtliche Quellen bewerten und wie sie sich zu weitergegebenen Erinnerungen positionieren.

Im Schlusskapitel (Kapitel 10) werden die Ergebnisse der Forschung nochmals zusammengefasst und ihre Implikationen hinsichtlich der Erinnerungsforschung, dem regionalen Kontext Südafrikas und der Methodologie erörtert.


1 Cape Town Live: Nelson Mandela’s Speech, Web.

2 In diesem Buch werden die während der Apartheid rechtlich implementierten Kategorien von Race, nämlich Black, Coloured, Indian und White als Zitate des Apartheidsregimes oder der InterviewpartnerInnen verwendet. Ich gebrauche sie nicht als Fremdkategorisierung der Jugendlichen, sondern untersuche, wie die InterviewpartnerInnen diesen Begriffen selbst Bedeutung beimessen. Die englische Originalbezeichnung der Termini und ihre Kursivschreibung sollen indizieren, dass es sich dabei um sozialpolitische Konstrukte eines rassistischen Regimes handelt. Auch die Verwendung und Schreibweise des Begriffs Race ist dem Umstand geschuldet, dass erstens „Rasse“ im Deutschen aufgrund der Geschichte des Begriffs obsolet geworden ist und dass ich „Race“ zweitens als emischen (d. h. in Südafrika gebräuchlichen und nicht von der Anthropologin ins Feld gebrachten) Ausdruck behandle.

3 cf. Comaroff, John/Jean Comaroff: „Réflexions sur la jeunesse. Du passè á la postcolonie“. Politique Africaine 80, 2000, S. 90–110. cf. Berliner, David: „An ‘Impossible’ Transmission. Youth Religious Memories in Guinea-Conakry.” American Ethnologist 32 (4), 2005a, S. 576–592.

4 Alexander, Neville: „Innovation and Inertia: South African Education after Apartheid“. In: Achtenhagen, Frank/Ingrid Gogolin (Hrsg.): Bildung und Erziehung in Übergangsgesellschaften. Leske und Budrich: Opladen 2002b, S. 58.

5 cf. Halbwachs, Maurice, übersetzt von Holde Lhoest-Offermann: Das kollektive Gedächtnis. Fischer: Frankfurt/Main 1985 [1939].

6 cf. e.g. Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. Beck: München 1992.

7 cf. Foucault, Michel: „Antwort auf eine Frage“. In: Id., übersetzt von Michael Bischoff et al.: Dits et Ecrits. Band I (1954–1969). Herausgegeben von Daniel Defert/Francois Ewald. Gallimard: Paris 2001 [1968], S. 859–886.

8 cf. Silverstein, Michael: „Indexical order and the dialectics of sociolinguistic life”. Language and Communication 23, 2003, S. 193–229.

9 Bachtin 1979/1934/35, S. 169.

10 cf. Gingrich, Andre/Richard Fox: „Introduction“. In: Id. (Hrsg.): Anthropology, by Comparison. Routledge: London et al. 2002, S. 1–24.

11 cf. Kuper, Adam: “Comparison and contextualization: reflections on South Africa”. In: Gingrich, Andre/Richard Fox (Hrsg.): Anthropology, by Comparison. Routledge: London et al. 2002, S. 143–166.

12 cf. Gingrich/Fox.

13 cf. Kuper.

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2. Kapstadt als Forschungsort: historischer Abriss einer de-urbanisierten Stadt

Abstract: This chapter situates the research project within the historical and spatial particularity of the research site: Cape Town. The notions of direct and indirect colonial rule are introduced as the main precursors of apartheid policy that gradually excluded the population classified as black and coloured from cities and politically included them in territorial entities that were imagined as containers. This is crucial for understanding how the territorialised racist policy of apartheid is evoked as contextualisation by the interview partners when they speak about their families’ experience of apartheid as presented in the main part. Furthermore, the question of how a violent past was addressed in memory politics in institutions such as the Truth and Reconciliation Commission in the democratic South Africa is discussed. This is is relevant for comprehending the historical discourses which interview partners draw upon. Finally, a brief summary of the academic discussion on memory and memory politics in post-Apartheid South Africa is presented.

Keywords: Cape Town, history, context, Truth and Reconciliation Commission, memory politics

2.1 Der Blick von oben. Oder: vom Standort zum Standpunkt

Der Antrieb, meine Forschung an sechs verschiedenen Schulstandorten in Kapstadt durchzuführen war dadurch motiviert, möglichst unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte Südafrikas kontrastieren zu können. Ich wählte Schulen aus, welche aufgrund ihres Standortes die größte anzunehmenden Vielfalt in Bezug auf historische Standpunkte erwarten ließen. Diese Standorte befinden sich in jenen Gebieten, welche zur Zeit der Apartheid segregiert und jeweils einer Race zugeschrieben waren, den Group Areas. Dieses Kapitel handelt vom geschichtlichen Prozess der Segregation, den Erinnerungen an die Apartheid von BewohnerInnen dieser Group Areas und der Thematisierung der Apartheid im demokratischen Südafrika. Die Schulen stellten für den Zugang zu meiner Zielgruppe, nämlich 16–18jährigen Jugendlichen, die praktikabelste Lösung dar: Schulen sind sichere Orte für die Feldforschung und hier halten sich Jugendliche dieser Altersgruppe zu einem großen Teil ihres Alltags ohnehin auf. Der Umstand, dass Schulen der Ausgangspunkt meiner Forschung waren, bedeutet jedoch nicht, dass ich den Schulen einen bevorzugten Stellenwert bezüglich der Vermittlung von geschichtlichem Wissen und weitergegebener Erinnerung einräume. Ich gehe im Gegenteil davon aus, dass die Aneignung geschichtlichen ←37 | 38→Wissens vielmehr in heterogenen Kontexten erfolgt, sodass nicht einem Schauplatz der Vorzug gegeben werden kann (vgl. Kapitel 4). Meine Fragestellung ist darauf ausgelegt, zu erforschen, welche dieser Kontexte, sei es die Schule, Bezugspersonen oder Institutionen wie religiöse Gruppen oder NGOs und ihre jeweiligen Diskurse von den GesprächspartnerInnen in den Interviews relevant gesetzt werden. Daher stellt die Vermittlung des geschichtlichen Wissens in der Schule nicht mein zentrales Interesse dar. Die Entscheidung, diese Schulstandorte auszuwählen, ergab sich aus dem Bestreben, möglichst unterschiedliche Perspektiven auf die weitergegebene Erinnerung und die Interpretation der Gesichte zu erhalten. Der Zusammenhang zwischen einem geografischem Standort in der Stadt und einem zu erwartenden historischen Standpunkt ist einer, welchen ich in diesem Kapitel ausführe. Wie Sean Field und Felicity Swanson bemerken, ist die Perspektive, von der aus man auf Kapstadt blickt, nicht neutral: in einer Stadt, deren Gestalt derart von einer Geschichte der Zwangsumsiedlungen und Group Areas geprägt ist, sagt ein solcher Standpunkt immer auch etwas über die Betrachterin und ihre Positionierung aus14. Der Standort, den ich für die folgende Einleitung gewählt habe, ist die Spitze des Tafelbergs, denn von dort aus kann man vergleichsweise viele Teile Kapstadts überblicken.

Der älteste Kern Kapstadts liegt zwischen den Hängen des Tafelbergs und dem Meer. Steigt man auf den Tafelberg und blickt aus dieser erhöhten Position, gleichsam aus der Vogelperspektive, auf die ihn umgebende Stadt, so fällt einem Auge, das die bauliche Struktur europäischer Städte gewöhnt ist, sogleich einiges Bemerkenswertes auf. Warum diese Weitläufigkeit der Stadt? Warum diese völlig unbebauten Flecken, die unvermittelt in sonst bebautem Gebiet auftauchen? Warum diese Einheitlichkeit einzelner Stadtteile, deren Grenzen wie mit dem Lineal gezogen sind, fast ohne jeglichen Übergang: die alten holländischen Farmen und die historischen Regierungs- und Verwaltungsgebäude im ältesten Teil der Stadt, die riesigen silbrig und bunt schillernden Flächen von niedrigen Häusern und Wellblechhütten, die manchmal von sandigen und sumpfigen Stellen unterbrochen sind, die fast vollständig im Grün der Bäume verschwindenden Häuser der suburbanen Gegenden, die Hochhäuser am Meer mit den glänzenden Fassaden, zwischen denen sich Autobahnen durchschlängeln. Alles das erweckt im ersten Moment der Betrachtung einen unsystematischen und unlogischen Eindruck. Warum wurde hier nicht höher und dichter gebaut? Warum ←38 | 39→liegt das bevölkerungsreichste Gebiet in einer Art Senke, die von zwei Bergen begrenzt wird und zum Meer hin völlig ungeschützt zu sein scheint? Wie ist diese Stadt entstanden und welche historischen Gegebenheiten waren dafür verantwortlich, dass sie sich so entwickelt hat?

2.2 Stadt und Land: Die Politik der direkten und indirekten Regierung

Wenn Eric Wolf das Argument vorbrachte, dass Kapital und Menschen bereits seit der frühen Neuzeit zu zirkulieren begannen und damit die Grundvoraussetzung der Moderne waren – und nicht erst ihr Effekt15 – dann ist die Lokalgeschichte Kapstadts ein Beispiel zur Illustration dieses Arguments16. Die Herkunft der Bevölkerung Kapstadts spiegelte von Anfang an die politischen, demografischen und wirtschaftlichen Effekte einer modernen Globalisierung wider und veranschaulicht die Mobilität (gezwungen, überredet oder freiwillig) von Menschen aus allen Teilen der Welt. Die Anfänge der Stadt liegen in einer Versorgungsstation der holländischen Ostindienkompanie (VOC) für Handelsschiffe auf dem Weg zwischen Europa und Südostasien. Die niederländische Kolonialregierung wurde 1806 vom Britischen Imperium abgelöst, welches bis zur Union of South Africa im Jahr 1910 regierte. Der Ort am Tafelberg hatte für die VOC Mitte des 17. Jahrhunderts den Vorteil, erstens Trinkwasserressourcen und zweitens einen Tauschhandel mit der dort lebenden Bevölkerung, nomadisierenden Khoi-San Gruppen, zu bieten. Das Fort am Ufer, das heutige Castle of Good Hope, war der erste errichtete Steinbau, der Garten dahinter, auch heute noch Company’s Gardens genannt, war zum Anbau bestimmt. Gleichzeitig mit der permanenten Besiedelung der Schiffsstation durch die VOC und der zunehmenden Bebauung von Land wurden auch SklavInnen von unterschiedlicher Herkunft hierher gebracht: aus Angola und Mosambik, aus Indien, China und Südostasien. Auf Basis ihrer Arbeitskraft wurde die Stadt weiter ausgebaut, die ←39 | 40→Farmen bewirtschaftet und die Haushalte geführt. Auch der später einsetzende Siedlerkolonialismus, der weiter in das Landesinnere drang, um dort Farmen für die Produktion landwirtschaftlicher Güter für den Handel aufzubauen, basierte stark auf Sklavenarbeit, deren Quelle der Sklavenmarkt in Kapstadt war.

Um 1800, als Kapstadt Teil des Britischen Empire wurde, stellte es sich als eine kulturell, ethnisch, religiös und sprachlich sehr durchmischte Stadt dar. Wellen von Einwanderung aus Europa als auch aus Indien, China, Java, Batavia und Ceylon gaben Kapstadt diesen spezifisch heterogenen Charakter. Race war um 1800 keine so fest verankerte Basis sozialer Stratifizierung wie um 1900. Wohnorte und Berufsausübung waren wenig segregiert17. Mit zunehmender sozialer Stratifizierung wurden jedoch immer mehr Gesetze eingeführt, welche Blacks vom sozialen Aufstieg ausschließen sollten. Tendenziell wurde die Ideologie von Whiteness und daher visuelle Parameter ein Kriterium für die Zugehörigkeit zur Oberschicht, für das Zugeständnis von Bürgerrechten und für das Recht, in der Stadt leben zu dürfen.

Die Abschaffung der Sklaverei setzte der mobilen Verfügbarkeit von Arbeitskräften ein Ende, weshalb die Kolonialmächte andere Strategien fanden, diese Arbeitskraft zu binden und zu verpflichten. Von diesem Zeitpunkt an fand eine Verlagerung der kolonialen Interessen hin zu einer territorial definierten Macht in Afrika statt. Hatte sich in der Phase davor das Interesse der Europäer aufgrund des Handels und Sklavenhandels vor allem auf die Kontrolle über Hafenstädte konzentriert, begann nun ein Vordringen ins Innere des Kontinents. Diese Verlagerung der kolonialen Strategie hatte entscheidende Auswirkungen auf das spezifische Regime von Räumlichkeit, Zeitlichkeit und politischer Subjektivität in den okkupierten Territorien. Die neue Form europäischer Herrschaft, nämlich die der getrennten politischen Institutionen, strebte an, die indigene Bevölkerung in einer Art territorial definiertem Behältnis einzuschließen18. „Indirekte Regierung“ bedeutete, lokale politische Institutionen für die eigene Herrschaft auszunutzen. Dazu mussten diese Institutionen allerdings einer Transformation unterzogen werden: komplexe afrikanische Systeme von politischer Kontrolle wurden zugunsten eines Chiefs weitgehend entmachtet, ethnisch heterogene Gruppen administrativ zu „den“ Xhosa, Griqua, Zulu usw. gemacht. Wurde die Stadt als das Territorium europäischer Subjekte definiert, die mit Bürgerrechten ausgestattet waren, so wurde das Land in ethnisch-territoriale Distrikte unter Native Authority, Gebrauchsrecht und kommunalem Landeigentum aufgeteilt. ←40 | 41→Diese Distrikte wurden als Bastionen einer statisch und zeitlich festgefrorenen „Tradition“, einer „Kultur“ und des „Gebrauchsrechts“ (im Gegensatz zu Recht) definiert. Das „Behältnis“ bekam so nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Dimension: Nach dem geschichtlichen Weltbild der Aufklärung wurde „den Anderen“ der Status der Gleichzeitigkeit aberkannt19.

Die für Südafrika charakteristischen Dichotomien von Stadt und Land, Race und Tribe, White und Black, Moderne und Tradition, Recht und Brauch, Privatbesitz und Gemeinschaftsbesitz sind das Resultat von kolonialen Diskursen über die bestmögliche politische Kontrolle der indigenen Bevölkerung. Zwei Modelle standen zur Diskussion: die direkte Regierung (das Kap-Modell) und die indirekte Regierung (das Natal-Modell). Vertreter des Natal-Modells plädierten für eine indirekte Regierung, also indigene politische Institutionen pro forma zu erhalten und für die eigene Herrschaft auszunutzen. AfrikanerInnen waren somit als tribale politische Subjekte definiert und unterstanden primär der Macht der Native Authority (ihrer „eigenen“ politischen Institutionen) und nur indirekt der Kolonialmacht. Als tribale politische Subjekte waren AfrikanerInnen außerdem ihrem „eigenen“ Recht, dem Gebrauchsrecht (custom), unterstellt. Was als Gebrauchsrecht zu verstehen war, wurde allerdings von der kolonialen Regierung festgelegt. „Enforcing custom“20 bedeutete de facto die Implementierung kolonialer Administration und wirtschaftlicher Interessen unter dem Deckmantel von Kultur und Tradition.

In Kapstadt hingegen wurde diese indirekte Regierung der getrennten politischen Institutionen mit großer Skepsis betrachtet. Seit Beginn der Siedlerkolonie war hier die tribale Autonomie als das Rückgrat afrikanischen Widerstands erlebt worden, und eine Stärkung tribaler Autoritäten wurde aus diesem Grund als Kontrollentzug und potenzielle Gefahr interpretiert. Das Kap-Modell sah im Gegensatz zum Natal-Modell die Integration der afrikanischen Bevölkerung unter ein- und dasselbe Rechtssystem vor. Die Ideologie des Regierens, die diesem Modell zugrunde lag, war eine „Zivilisierungsmission“, die Vision einer grundlegenden Umschichtung der afrikanischen Gesellschaft (durch die gewaltvolle Zerschlagung ihrer bisherigen politischen Organisationsformen) und ihre Integration in ein europäisches Rechts- und Staatsverständnis.

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Diese beiden Modelle wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heftig debattiert, als es um die Lösung der Native Question ging, also der Frage, wie die indigene Bevölkerung unter politische Kontrolle gebracht werden konnte. Bestimmte historische Entwicklungen ließen die Regierung diese Debatte im Endeffekt für eine duale Lösung entscheiden. War in der frühen Phase der Kolonisierung das tribale Subjekt als Bedrohung erlebt worden, so war es mit der zunehmenden politischen Zerstörung afrikanischer politischer Einheiten, deren Verdrängung vom Land und der Assimilation einer afrikanischen Elite ein anderes Subjekt, das für die Kolonisten als gefährlich wahrgenommen wurde: der Afrikaner und die Afrikanerin, welche in einem Terrain präsenter wurden, für das Whites einen immer exklusiveren Status beanspruchten. Dieses Terrain, das es aus ihrer Sicht zu verteidigen galt, war raum-zeitlich bestimmt: erstens das Territorium der Stadt, zweitens die Teilhabe an der Moderne durch die Einbindung in eine kapitalistische Marktwirtschaft bzw. die Beschäftigung in neuen Erwerbstätigkeiten (HändlerInnen, Angestellte, ArbeiterInnen und Klerus) und drittens die politische Forderung nach Bürgerrechten.

Let loose from age-old tribal bonds, the laborer, the professional, the trader, and the intellectual came to symbolize a threat instead of a promise. These products of a civilized native policy made equally modern and civil demands: parity of treatment and equality of civil status.21

Nun stellte für die white Regierung nicht mehr das tribal organisierte afrikanische Subjekt das Problem dar, sondern AfrikanerInnen, welche koloniale Bildungsinstitutionen durchlaufen hatten, denn sie stellten Forderungen nach Bürgerrechten und Gleichstellung. Daher schwenkte die Kolonialregierung auf ein duales System politischer Kontrolle um: in der Stadt stellte sie AfrikanerInnen unter direkte, am Land unter indirekte Herrschaft. Die Stadt war der Raum, in dem Bürgerrechte, allerdings meist abhängig von Race, gültig waren, am Land wurden AfrikanerInnen dem Gebrauchsrecht ihrer (stark modifizierten und kontrollierten) „Tradition“ und ihres „Gebrauchsrechts“ unterstellt. Das British Empire hatte aus der Erfahrung in Indien gelernt, dass jene Teile der indigenen Bevölkerung, welche die „Zivilisierungsmission“ durchlaufen hatten, Forderungen nach Selbstverwaltung stellten, was längerfristig nicht im Interesse des Empire war22. Deswegen schwenkte ihre Strategie in Afrika um: die Kolonialregierung forcierte hier einen Diskurs der Bewahrung von Kultur und Tradition, was sie mit der Regierungsform der indirekten Herrschaft realisierte. Die Stadt ←42 | 43→wurde somit zum Territorium des bürgerlichen Rechts, bürgerlicher Subjekte, Klassifizierungen nach Race, des Privateigentums, der Moderne und der direkten Regierung, während das Land das Territorium des „traditionellen“ Rechts, tribaler Subjekte, des Kollektiveigentums, der Tradition und der indirekten Regierung war. Diese Form der getrennten politischen Institutionen war kein südafrikanisches Spezifikum, sondern wurde auch in anderen Teilen Afrikas angewandt. Allerdings wurde es in Südafrika, gleichzeitig mit der Unabhängigkeit vieler anderer afrikanischer Staaten, mit der Einführung der Apartheid fortgeführt und verstärkt.

2.3 Stadt, Moderne und Bürgerrechte: die zunehmende rassistische Exklusion von Blacks und Coloureds

Die Stadt war im politischen Sinne das Territorium bürgerlicher Rechte, der Moderne, „zivilisierter“ Subjekte und administratives Zentrum des Kolonialregimes. Der vermehrte Zuzug nach Kapstadt ab Mitte des 19. Jahrhunderts zog es mit sich, dass die Konkurrenz um den Stadtraum, mit seinen Wirtschaftszweigen und politischen Institutionen, stetig zunahm. Das Kolonialregime reagierte darauf mit der Ideologie des Rassismus. Kategorien von Race etablierten sich zunehmend als Kategorien politischer Rechte. Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich eine distinktive Bezeichnung unter der black Bevölkerung in Kapstadt und dem Western Cape herauszubilden. Diese Gruppe, für die sich später die Bezeichnung Coloureds23 verfestigte, wurde von Rechten, die Whites zustanden, zunehmend ausgeschlossen. Eine stärkere Herausbildung dieser politischen Identität als Coloureds fiel in einen Zeitraum, als Kapstadt eine zunehmende Migration von Ngunisprachen-sprechenden AfrikanerInnen erlebte. Der ←43 | 44→Hintergrund dieser Migration waren die brutalen Kolonialkriege des British Empire in der Mitte des 19. Jahrhunderts im heutigen Eastern Cape. Sie führten zu politischer Desintegration, Armut und Not am Land. Lohnarbeit, die aus den Wirtschaftszweigen der mineralischen Revolution entstand, ließ eine große Konkurrenz in den städtischen Zentren entstehen. Der Stadtraum im wirtschaftlichen Sinne wurde immer knapperes Gut und führte zu einem Kampf um die Gleichstellung mit Bürgerrechten für Whites.

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann ein rigider Kampf der white Mittelklasse um die Oberhand in der Bestimmung des städtischen Raumes, der zunehmend rassistisch geprägt war. Die sukzessive Segregation zwischen den Races und der Ausschluss von Blacks aus der Stadt, welchen die Regierung anstrebte, wurde jedoch heftig angefochten und rief die Bildung einer Reihe von Organisationen, Parteien und Protestaktionen auf den Plan. Der Pan-Afrikanismus sowie verschiedene sozialistische Organisationen und Gewerkschaften gewannen großen Zulauf. Die Regierung förderte die Privilegien für Whites und unterstellte die politische Repräsentation der als non-white klassifizierten Bevölkerung einem Native Affairs Departement und einem Coloured Affairs Department. Durch eine Reihe von politischen Maßnahmen wurde bereits vor der Einführung der Apartheid eine de facto Segregation in vielen Bereichen geschaffen: von der Schule, den Freizeiteinrichtungen, den Organisationen und im Wohnbereich wurden Blacks und Coloureds zwar weitgehend noch nicht de jure ausgeschlossen, doch wurden Maßnahmen zur Förderung der Segregation gesetzt.

Die Politik der Apartheid vereinte die beiden Modelle kolonialer Herrschaft: die Exklusion der afrikanischen Bevölkerung aus der Stadt, ihre Inklusion durch die indirekte Herrschaft der Native Authority am Land. Eine Reihe von Beschlüssen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereitete diese Politik vor. Alle liefen darauf hinaus, Blacks und Coloureds aus der dauerhaften Residenz in Städten auszuschließen und sie an ihre jeweilige Group Area in der Stadt oder das Homeland zu binden. Eines der ersten Gesetze dieser Art war der Glen Grey Act von 1894, welcher den afrikanischen Landbesitz im Western Cape einschränkte. Der Natives Land Act von 1913 legalisierte den Raub von Land, das in Besitz von Blacks war, und beschränkte den afrikanischen Landbesitz auf sieben Prozent. Diese sieben Prozent afrikanischen Landbesitzes lagen alle in den Native Reserves, zu denen AfrikanerInnen nur kommunalen Zugang aufgrund der Zuteilung eines Chiefs hatten. Der Urban (Bantu) Areas Act (1923) war jenes Gesetz, welches die Wanderarbeit reglementierte. Hier wurde festgelegt, dass AfrikanerInnen kein Recht hatten, in Städten zu wohnen, außer sie waren hier als Wanderarbeiter tätig. AfrikanerInnen sollten dauerhaft Bauern und nur ←44 | 45→zeitweilig Arbeiter sein und durch dieses Gesetz wurden sie in den Städten zum Sonder- und Problemfall. Besonders Frauen sollten in diesem politischen Plan vom Wohnrecht in Städten ausgeschlossen werden, denn ihre Präsenz würde das Wanderarbeitertum untergraben und aus periodisch wandernden Arbeitern sesshafte Städter machen. Die Familie (bzw. alle Menschen, die als Arbeitskraft unproduktiv eingestuft wurden) sollte am Land angesiedelt sein, wohin Arbeiter periodisch wieder zurückkehren sollten, je nach den Erfordernissen an Arbeitskraft auf Farmen und in den Minen.

2.4 Legalisierte Vertreibung: der Group Areas Act

Diese einschränkenden Gesetze waren die Instrumente einer Politik, welcher die zunehmende Organisation von ArbeiterInnen in Gewerkschaften widerstrebte. Denn die Regierung verortete den Kern afrikanischen Widerstandes nun nicht mehr in den vormaligen indigenen afrikanischen politischen Einheiten, sondern in den Zusammenschlüssen und Forderungen einer urbanisierten Arbeiterschaft. Deshalb galt es, diese Zusammenschlüsse und Forderungen zu unterbinden. Besonders die Allianzen und gemeinsame Residenz von white, coloured und black ArbeiterInnen war der Regierung ein Dorn im Auge. „Urbanized or detribalized natives“24 wurden als Problem definiert und ihr Zugang zum städtischen Raum als Lebensort sukzessive verhindert. Die National Party konnte aus der Angst vor dem zunehmenden Wachstum der Städte aufgrund der Landflucht von AfrikanerInnen politisches Kapital schlagen und gewann so 1948 die Wahlen. Die Apartheidsregierung reagierte auf dieses „Problem“ der zunehmenden Urbanisierung von AfrikanerInnen mit zwei Strategien: die physische Umsiedelung der als non-white klassifizierten Bevölkerung und die Reorganisation ihrer politischen Kontrolle unter ein Native Affairs und ein Coloured Affairs Department. Die physische Umsiedelung sollte das Territorium der Stadt, die Moderne, die damit verbunden wurde, und die Bürgerrechte, die diesen Raum rechtlich-politisch bestimmten, für einen white body politic bestimmen. Der Population Registration Act (1950) klassifizierte alle Menschen nach Race. Die drei Hauptkategorien, die eingeführt wurden, waren white, black und coloured, wobei coloured manchmal auch Unterkategorien wie Indian oder Asian einschloss, manchmal als eigene Kategorien betrachtete. Der Terror der Zwangsumsiedlungen, die in den folgenden Jahren auf den Group Areas Act von 1950 folgten, war für die EinwohnerInnen der betroffenen Stadtteile eine traumatisierende Erfahrung. Dieses ←45 | 46→Gesetz bestimmte, dass Bezirke nur einer Race zugedacht werden sollten, was die gewaltsame Umsiedelung der anderen bedeutete. Die Umsiedelungen zwangen 3,5 Millionen Menschen, die als non-white klassifiziert wurden, aus dem städtischen Raum – aus inneren Bezirken, Townships und informellen Siedlungen – in Housing Estates (im Fall von Coloureds), in Townships und Homelands (im Falle von Blacks)25. Die administrative Neuerung unterstellte die verbliebene afrikanische Bevölkerung in den Townships und Wohnheimen für Wanderarbeiter unter das Native Affairs Department oder gliederte diese Bezirke administrativ in ein sie umgebendes Homeland und damit unter indirekte Herrschaft von Brauch und Tradition ein26.

Das erste black Township wurde in Kapstadt schon vor der Apartheid gegründet. Als Langa 1927 eröffnet wurde, waren seine ersten BewohnerInnen zwangsumgesiedelte Blacks aus der älteren Location Ndabeni. Dieses war entstanden, als um 1900 BewohnerInnen aus District Six und anderen Bezirken aus der Stadt mit dem Vorwand vertrieben wurden, dass sie Krankheiten verbreiten würden. Die rasterförmige Anordnung der Straßen, der Beobachtungsturm, die regelmäßigen Polizeikontrollen und -patroullien und der Zaun, der das Township begrenzte, waren darauf ausgelegt, den Ort möglichst gut kontrollieren zu können. Neuankömmlinge in Langa aus dieser Zeit erinnern sich an die erniedrigende Prozedur in der Polizeistation, in welcher sie registriert, geröntgt und desinfiziert wurden27. Hier war auch der Ort, an dem die Pässe28 (von Blacks und Coloureds dompas – d. h. dummer Pass genannt) nach einem Jahr Aufenthalt erneuert werden mussten. In dieser ehemaligen Polizeistation ist heute das Langa Museum untergebracht, das in Zusammenarbeit von Langa Heritage Reference Group und den BewohnerInnen gestaltet wurde29. Regelmäßige Polizeirazzien, welche zum Ziel hatten, unregistrierte Blacks ausfindig zu machen, ←46 | 47→um sie nach der Haft in ein Homeland abzuschieben, gehörten zur Alltagserfahrung der EinwohnerInnen von black Townships.

Jener Ort, der zum Emblem für den Terror der Zwangsumsiedlungen wurde, ist das Gebiet des ehemaligen District Six. Zunächst Wohnort von SklavInnen und Freigelassenen, wurde er ab dem frühen 19. Jahrhundert die erste Anlaufstelle für MigrantInnen nach Kapstadt aus allen Teilen der Welt30. Er war seit Beginn seines Bestehens ein kulturell und religiös sehr durchmischter Bezirk, in dem Wohnraum relativ günstig war. Spekulationen mit Wohnhäusern hatten hier sehr schlechte Wohnbedingungen und eine unzureichende Infrastruktur entstehen lassen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war District Six immer noch ein ArbeiterInnenbezirk, doch hatten die BewohnerInnen durch Verbesserungen an den Wohnhäusern selbst zur Hebung der Wohnqualität beigetragen. In den Erinnerungen ehemaliger BewohnerInnen wird immer wieder das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl dieses Bezirks und die guten Beziehungen, die NachbarInnen unterschiedlicher Race, Sprache und Religion zueinander hatten, betont. Vieles aus den Erinnerungen der Ex-BewohnerInnen von District Six ist vor dem Hintergrund der Vertreibung und gezwungenen Umsiedlung zu verstehen. 1966 wurde dieser Bezirk als White Group Area deklariert. In den kommenden 15 Jahren wurden von hier zwischen 55 000 und 65 000 Menschen zwangsumgesiedelt und ihre Häuser dem Erdboden gleichgemacht31. Die Stadtplanung während der Apartheid veränderte den Charakter der Stadt nachhaltig unter dem Gesichtspunkt von Race und der Zuteilung von Raum. Die Zerstörung und Planierung von District Six, der sich in unmittelbarer Nähe zum Hafen befand, war Teil eines größeren Plans, nämlich der Erweiterung des Uferlandes, d. h. um Kapstadt zum Meer hin zu erweitern, wurde das Ufer aufgeschüttet. Der daneben liegende, kleinteilige und auf die Dimension des Menschen ausgelegte Bezirk District Six wurde planiert und am neu gewonnenen Land der Uferaufschüttung ausladende Boulevards, Hochhäuser und Autobahnen errichtet. Die architektonische Textur dieses neunen Gebiets war von Asphalt, Beton, Parkplätzen und Autolärm geprägt und für FußgängerInnen unzugänglich. Von District Six blieben nur die Kirchen und Moscheen stehen, der Rest ist unbebautes Gebiet, über das Gras wächst. Dieses ←47 | 48→nach wie vor unbebaute Gebiet, das wie ein Loch in der Stadt klafft, wird oft als Narbe bezeichnet, welche die Apartheid der Stadt vermacht hat32. Als der Plan der Regierung zur Zerstörung von District Six publik wurde, bildete sich Widerstand in Form von Demostrationen, Petitionen und Briefen an die Presse dagegen33. Doch die Regierung setzte ihren Plan gegen den Widerstand im Endeffekt durch. Die Bevölkerung wurde zur „Kompensation“ in neu entstehende Gebiete in den Cape Flats umgesiedelt, eine Region, die von Sand und Sumpf geprägt ist und minderwertiges Bauland darstellt. Mitchell’s Plain, das größte Wohngebiet für Coloureds, entstand auf diese Weise. Das Leben in diesen Gebieten bedeutete für ihre neuen EinwohnerInnen auseinandergerissene Gemeinschaften und Familien, eine weite Entfernung zu Arbeitsplätzen und Schulen, die sich nach wie vor vorwiegend in der Stadt befanden, allerdings ohne ausreichende Infrastruktur und öffentliche Verkehrsmittel. Oral-History-Projekte wie das Western Cape Oral History Project mit ehemaligen Disktrict-Six-BewohnerInnen geben Zeugnis von der Verzweiflung und dem Verlust, den die Zerstörung des Bezirks bei ihnen hervorrief, aber auch Erinnerungen an das kulturell reiche Leben der Zeit vor der Zerstörung34.

Die Apartheidsregierung verfolgte die politische Ideologie der „getrennten Entwicklung“: die Gesetze, die nach und nach beschlossen wurden, sollten alle Bereiche des Lebens von SüdafrikanerInnen nach rassistischen Prinzipien trennen. Der Prohibition of Mixed Marriages Act (1949) und der Immorality Amendment Act verboten die Heirat und den sexuellen Kontakt von Menschen, die als unterschiedliche Races klassifiziert wurden. Der Suppression of Communism Act (1950) erlaubte es der Regierung, gegen angeblich kommunistische Aktivitäten vorzugehen und gab der Verfahrensweise der Regierung gegen die Opposition und die Proteste ein rechtliche Grundlage. Der Bantu (1953), ←48 | 49→Coloured (1963) und Indian (1965) Education Act separierte und hierarchisierte das Bildungswesen. Auch Transportmittel und öffentliche Einrichtungen wurden durch Beschlüsse nach Races getrennt. Die Einführung dieser Gesetze blieb nicht ohne Widerstand. Die Proteste gegen die Passgesetzte, die 1960 vom Pan African Congress (PAC) initiiert wurden, fanden im Township Langa besonders viel Zustrom35. Das Vorgehen der Exekutive gegen die Demonstrationen von 1960 gegen die Passgesetze zeigten ein neues Ausmaß der Gewalt der Regierung, die auf unbewaffnete DemonstrantInnen schoss. In Sharpeville in der Provinz Gauteng wurden 69 Personen erschossen36. Die Reaktion der Regierung auf diese Proteste war das Verbot von ANC und PAC. Ihre AnführerInnen gingen ins Exil oder wurden inhaftiert. Nach der „Friedhofsruhe“37 der 1960er Jahre, als der ANC und der Pan African Congress (PAC) verboten wurden, nahm eine jüngere Generation den Widerstand gegen die Apartheid in den 1970er Jahren wieder auf. Die Protestwelle nahm 1976 im Johannesburger Township Soweto ihren Ausgang und breitete sich über das ganze Land aus. Anlass war die intendierte Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache in allen black und coloured Schulen, doch waren die Demonstrationen nur das Anzeichen einer tieferen Krise und Ausdruck eines grundsätzlichen Protestes gegen die Apartheidspolitik38. Die Proteste wurden von der Regierung blutig niedergeschlagen, Bilder wie die des erschossenen Schülers Hector Pietersen, der in den Armen seiner Schwester fortgetragen wird, wurden in den internationalen Medien stark rezipiert. Die Demonstrationen im Zuge des Soweto Uprisings markierten eine Wende hin zu einer breiteren und populären Protestbewegung, die AnhängerInnen unter VertreterInnen aller Races fand39, auf welche die Regierung mit einer Mischung aus Repression und teilweisen Reformen antwortete40.

2.5 Der demokratische Übergang

Die zunehmenden Proteste gegen die Apartheid, die Richtungsänderung innerhalb der National Party, die politischen und wirtschaftlichen Sanktionen des Auslandes, das Ende des Kalten Krieges und die stagnierende wirtschaftliche ←49 | 50→Lage Südafrikas sind jene Faktoren, die mit unterschiedlicher Gewichtung als Voraussetzung für das Ende der Apartheid in der Literatur angeführt werden. Vor diesem Hintergrund ist die Kursänderung der Regierungspartei unter De Klerk zu verstehen. Unter seiner Präsidentschaft wurde 1990 das Verbot oppositioneller Parteien aufgehoben. ANC, PAC und die Kommunistische Partei wurden legalisiert, Nelson Mandela und andere politische Gefangene aus der Haft entlassen. Im Jahr darauf wurden einige Apartheidsgesetze außer Kraft gesetzt, wie der Group Areas Act, der Land Act und der Population Registrastion Act. Die Verhandlungen zwischen der NP-Regierung und den oppositionellen Parteien begannen. Ziel der Verhandlungen war es, eine neue Verfassung auf der Basis von demokratischen Rechten für einen gemeinsamen Staat auszuarbeiten. Auch die Mehrheit der als white registrierten Bevölkerung befürwortete den politischen Wandel in einem Referendum41. Während der Zeit der Verhandlungen drohte eine weitere Welle von Gewalt, ausgehend von Rechtsradikalen, aber auch von ANC- und Inkatha Freedom Party (IFP)-AnhängerInnen42, die Situation wieder zu destabilisieren. Die Erschießung Chris Hanis, dem Vorstand der Kommunistischen Partei und Mitglied Umkhonto we Sizwes43, durch einen Rechtsextremen war ein Tiefpunkt in diesem Prozess. Die darauf folgenden Ausschreitungen der Jugend in Townships, denen die Verhandlungen zu schleichend vorangingen und zu wenig greifbare Resultate zeigten, veranlassten die Regierungs- und Oppositionsparteien, den Tag der ersten demokratischen Wahlen bereits auf das kommende Jahr, 1994, festzusetzen. Es wurde vereinbart, dass Südafrika fünf Jahre lang von einer Regierung der Nationalen Einheit (Government of National Unity) regiert werden sollte, in der jene Parteien eine verhältnismäßige Vertretung im Nationalrat haben sollten, welche die fünf-Prozent-Grenze überschritten.

Nelson Mandela wurde 1994 als erster demokratisch gewählter Präsident Südafrikas angelobt. Dem relativ friedlichen demokratischen Übergang, der angesichts des drohenden Bürgerkriegs oft als Wunder interpretiert wird, folgten Jahre, in denen es galt, die divergierenden politischen Interessen, wirtschaftlichen Fragen, das gewaltvolle Erbe der Apartheid und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu navigieren.

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Wie der hier skizzierte geschichtliche Hintergrund zeigt, wurden Südafrikas Städte während der Apartheid künstlich de-urbanisiert. Auch Kapstadt, das eine im Vergleich zu anderen Städten im südlichen Afrika sehr gemischte Wohnbevölkerung unterschiedlicher Race aufwies, wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts zu einem immer exklusiveren Wohnort nach rassistischen Kriterien. Die Apartheid verstärkte jene Spaltung zwischen Land und Stadt, zwischen indirekter und direkter Regierung, zwischen Tradition und Moderne noch, die schon von der britischen Kolonialregierung eingeführt worden war. Die Entwicklung der getrennten Institutionen, die rassistische Klassifizierung der Bevölkerung und die darauf basierende Zuteilung von Raum bedeutete für die als black und coloured klassifizierte Bevölkerung Kapstadts Vertreibung, Gewalt und Armut. Die Stadtplanung unter der Apartheid hat die gebaute Umwelt nachhaltig verändert. Darum sieht die Betrachterin, die auf der Spitze des Tafelbergs steht, jene unvermittelten und unbebauten Grasflächen im Zentrum der Stadt und deswegen ist das Ufer mehrere hundert Meter weiter ins Meer gerückt und ist von Hochhäusern und Autobahnen geprägt. Deswegen befindet sich das am dichtesten besiedelte Gebiet weit vom Stadtzentrum entfernt in einer Senke zwischen Sanddünen und Sümpfen mit kleinen Häusern und Wellblechhütten. Deswegen wurde im historischen Zentrum der Stadt nicht dichter und höher gebaut und deswegen wurden die ehemaligen holländischen Farmen, die Company’s Gardens und die historischen Regierungsgebäude erhalten. Deswegen liegen die unterschiedlichsten Wohngegenden, wie das historisch white Suburb Pinelands und das Township Langa, so dicht nebeneinander mit einer Grenze, die wie mit dem Lineal gezogen zu sein scheint.

Deswegen habe ich in einer Stadt mit einer solchen Geschichte von räumlicher, sozialer und institutioneller Segregation ein Forschungsdesign gewählt, welches von geschichtlichen Repräsentationen in den verschiedenen Stadtteilen ausgeht. Diese Stadtteile sind im demokratischen Südafrika keine durch Staatsgewalt homogenisierten Group Areas mehr. Sie werden zunehmend transformiert und stellen für die Jugendlichen, mit denen ich Interviews führte, Orte auf der Landkarte ihres Alltags dar: der Wohnort, der Ort der Schule, Orte, zu denen sie familiäre Kontakte pflegen, Orte, an denen sie gerne die Freizeit verbringen und Orte, an denen sie ihren Glauben praktizieren sind für die born-free Generation in vielen Fällen nicht mehr kongruent. An diesen Orten treffen sie mit Menschen unterschiedlicher historischer Erfahrungen zusammen, mit denen sie auf Basis einer potenziell gleichwertigen Rolle in Interaktion treten: als NachbarInnen, als MitschülerInnen, als Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft, als Party Crowd. Aus diesem Grund habe ich Schulstandorte als Basis meines Vergleichs genommen, und nicht Race, was ich in Kapitel 3 noch weiter ausführen ←51 | 52→werde. Zunächst soll aber noch der politische Umgang mit der Vergangenheit des Landes im demokratischen Südafrika umrissen werden.

2.6 Die Auseinandersetzung mit der Apartheid im demokratischen Südafrika

2.6.1 Die Truth- and Reconciliation Commission (TRC)

Die ersten demokratischen Wahlen 1994 markierten das Ende von Kolonialismus und Apartheid. In der neuen Verfassung ist die rechtliche Gleichstellung allen BürgerInnen verankert. In Bezug auf die Interpretation der Vergangenheit bedeutete dies, dass Erzählungen und Erinnerungen, die zuvor aus dem hegemonialen Geschichtsdiskurs ausgeschlossen worden waren, nun nicht mehr auf die Familie oder Nachbarschaft beschränkt waren, sondern auch öffentliche Arenen fanden: die Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission – TRC), die Errichtung von Denkmälern, Erinnerungsorten und Museen und die Diskurse in der Schule sowie in öffentlich-rechtlichen und privaten Medien.

Eine der bedeutendsten Maßnahmen der neuen Regierung, um sich der Vergangenheit aktiv zuzuwenden, war die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC). Sie wurde vom anglikanischen Bischof Desmond Tutu veranlasst und nahm 1995 ihre Arbeit auf. Die grundsätzliche Idee der TRC war es, dass Versöhnung und ein gemeinsames Zusammenleben der früheren Konfliktgruppen in einem Staat nur möglich wären, wenn eine gewaltvolle Vergangenheit zur Sprache gebracht würde. Die TRC war darauf zugeschnitten, vor allem den Erzählungen der Opfer jener, die die Apartheid aufrecht erhalten hatten und jener, die gegen die Apartheid gekämpft hatten, Gehör zu verschaffen. Aus einer eher pragmatischen Perspektive betrachtet, stellte die TRC eine Möglichkeit dar, Täter44 zu einem Geständnis ihrer Taten zu bewegen, die ansonsten schwer zu beweisen gewesen wären. Die TRC hatte ein Mandat für politisch motivierte Gewalt zwischen 1960 und 1994: Sie sprach allen Tätern Amnestie zu, welche das volle Ausmaß ihrer Taten gestanden45. Von 7112 Antragstellern wurde 849 Amnestie gewährt46. Aus rechtlicher Sicht stellt bedingte Amnestie keine sanftere ←52 | 53→Art der Bestrafung dar, sondern den Schutz vor Bestrafung derer, die bestimmte Kriterien erfüllen: “Conditional amnesty is not ‘a softer version of prosecution’, or a more enlightened form of punishment. When all is said and done, it promises not the punishment of the guilty, but protection from punishment for those guilty individuals who meet its terms.”47 Die TRC wurde als ein wichtiger Schritt in der Staatenbildung angesehen, und zwar in dem Sinne, dass sie auch dazu beitragen sollte, eine geteilte Interpretation der Apartheid anzubieten:

That apartheid was evil, that atrocities were committed by all sides in the struggle, that the evil of the system was an evil of institutions, not of individuals – these are the broad understandings of the past that the TRC sought to impart. These are the lessons the TRC wanted people to learn.48

Eines der wichtigsten Ergebnisse der TRC war es, das Ausmaß der Gewalt durch den Apartheidsstaat offenzulegen und anzuerkennen. Die Ergebnisse der TRC sollten so zu einem öffentlichen Geschichtsdiskurs über die Zeit der Apartheid beitragen.

Über die TRC, die ein großes Archiv an Zeugnissen über die Apartheidszeit hervorbrachte, ist wissenschaftliche Literatur aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven erschienen49. Ich möchte hier vor allem auf den von Christine Anthonissen und Jan Blommaert herausgegebenen Band Discourse and Human Rights Violations50 verweisen, in dem der Frage nachgegangen wird, auf welche Weise die TRC einen bestimmten Diskurs über die Apartheidsvergangenheit Südafrikas förderte: Anthonissen untersucht einige ausgewählte Zeugnisse von Tätern des Sicherheitsdienstes und arbeitet charakteristische Diskursstategien heraus. Aufgrund dessen, dass die Kommission Tätern Straferlass zusprach, die eine politische Motivation ihrer Taten glaubhaft machen konnten, begünstigte sie diskursive Strategien, bei denen Täter sich so passiv und abhängig von Anweisungen wie möglich darstellten. Das bedingte einen Diskurs, bei dem die Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen nicht bei denen lag, die sie begangen ←53 | 54→hatten, sondern zunehmend auf ein abstraktes System geschoben wurde, das frei von menschlichen Entscheidungen operierte51.

Du Bois-Pedain macht diese Bedingung für Amnestie (die politische Motivation und Handeln unter Zwang) dafür verantwortlich, dass das „Fußsoldatenargument“ (foot-soldier privilege)52 im TRC einen bevorzugten Platz einnahm. Andere AutorInnen, beispielsweise Patrick Harries weisen auf das Problem hin, dass die TRC nur ein Mandat für schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen hatte, nicht aber für alltäglichen Rassismus, für diejenigen, welche die Apartheid ideologisch unterfütterten, planten und verwalteten und auch nicht für die Unternehmen, die wirtschaftlich von der Apartheid profitierten53. Blommaert/Block/McCormick und Krog/Mpolweni-Zantsi/Ratele stellen fest, dass die TRC in den Anhörungen nur bestimmte Narrationen zuließ und andere ausklammerte54. Anhand des Zeugnisses des Anti-Apartheidsaktivisten Colin de Souza zeigen sie, dass die Konstruktion seiner Narration in der Anhörung nicht angenommen wird und er von der Interviewerin immer wieder auf den „suffering track“55 zurückgeführt wird, d. h. dass die Interpretation seiner Lebensgeschichte durch die Perspektive des Leidens bevorzugt und so von der Interviewerin gelenkt wird.

Von Seiten der Opfer und ihrer Hinterbliebenen wurden Freisprüche der TRC in vielen Fällen als Freibrief für Täter des Apartheidsregimes aufgefasst, die gleichzeitig den Opfern keine oder nur unzureichende Ausgleichszahlungen und psychologische Betreuung zusprach56. Christopher Colvin zeigt aus seiner ←54 | 55→Praxis der Psychotherapie, wie ehemalige Opfer von staatlicher Gewalt ihm die Grenzen der Therapie aufzeigten57: aus der Sicht einiger PatientInnen, die bei ihm in Betreuung waren, werden die strukturellen und ökonomischen Ungleichheiten der Apartheid über ihr Ende hinaus als das schwerste Hindernis für eine Heilung angesehen, während das Wiedererzählen ihrer Leidensgeschichte als belastend und unnötig empfunden wird. Die TRC und ihre Ergebnisse, sowie der Umgang mit den Opfern und ihren Hinterbliebenen wird also in Südafrika von verschiedenen gesellschaftlichen Segmenten sehr kontrovers bewertet.

2.6.2 Mediale Bearbeitungen der TRC

Auf dem Gebiet der Populärkultur sind vor allem die Filme Forgiveness58 und Red Dust59 zu nennen, die sich in meinen Interviews als die prominentesten Quellen und Verweise für Argumente in Bezug auf die TRC erwiesen haben. Diese beiden Filme betonen in erster Linie das Moment der Einsicht, Katharsis und Reue der Täter (in diesem Fall ehemaliger Bediensteter des Sicherheitsdienstes), welche den Dialog mit ihren ehemaligen Opfern bzw. deren Familien suchen und um Vergebung bitten. Tatsächlich lieferte die überwiegende Mehrheit der Antragsteller kein Geständnis für ihre Taten und die meisten zeigten, im Gegensatz zur Handlung der Filme, keine Reue und suchten nicht die Vergebung der Familienangehörigen. Die meisten Antragsteller waren im Gegenteil pedantisch darauf bedacht, ihre Taten so detailliert wie möglich als erzwungene Verordnungen von höherer Stelle darzustellen60. Denn nur durch die politische Motivation ihrer Handlungen konnte ihnen Amnestie gewährt werden, nicht jedoch durch Geständnis, Einsicht und Reue. In Anbetracht dieses Umstandes ist es bemerkenswert, dass gerade die Filme Red Dust und Forgiveness, in denen die Katharsis und Einsicht ehemaliger Täter die Handlung bestimmen, eine so große Bedeutung für die Rezeption der TRC einnehmen.

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2.6.3 Erinnerung und Erinnerungspolitik im demokratischen Südafrika

Die Lage der Quellen in Bezug auf Erinnerung in Südafrika ist dergestalt, dass in erster Linie Literatur zur Produktion von Gedenken (z. B. Denkmäler und Gedenktage, Geschichtscurriculum an Schulen) und weniger Literatur zur Rezeption bzw. zu den Auswirkungen dieser Maßnahmen existiert. Studien, welche die Frage behandeln, wie verschiedene Gruppen der born-free Generation Erinnerung konstruieren, sind nach meinem Wissensstand zum gegebenen Zeitpunkt ausständig. Was die Produktion von Gedenken betrifft, so möchte ich hier näher auf die wissenschaftliche Literatur zu den Themen Denkmäler, Gedenktage, sowie das Geschichtscurriculum an Schulen eingehen.

Über den Umgang mit Denkmälern der Apartheidszeit und des Kolonialismus im neuen Südafrika sind einige Beispiele aus der Forschung zu nennen. Annie Coombes untersucht mit Methoden der visuellen Anthropologie, wie sich um bestimmte, ideologisch aufgeladene Denkmäler aus der Apartheid-Zeit – wie das Taal Monument oder das Voortrekker Monument – mit dem demokratischen Übergang kontroverse Debatten entsponnen haben61. Baulich wurde bei den meisten der Denkmäler aus der Apartheidszeit nichts verändert: der Umgang mit ihnen im neuen Südafrika ist eher, alte Denkmäler unverändert stehen zu lassen und dafür neue Denkmäler zu bauen (z. B. Voortrekker Monument und Freedom Park in unmittelbarer Nähe zueinander). Coombes beschreibt, welche Interessengruppen daran beteiligt waren, dass ein Denkmal, ein Museum oder eine Institution verändert wurde bzw. bestehen blieb.

Eine Bewegung, welche zwar nicht mehr in den Zeitraum meiner Feldforschung fällt, aber trotzdem von Bedeutung ist, weil es erstens für den Umgang mit Denkmälern bemerkenswert ist und zweitens von VertreterInnen der born-free Generation ausging, ist das „Rhodes Must Fall Movement“62. Diese Bewegung, welche an der University of Cape Town (UCT) ihren Anfang nahm, entspann sich am Protest gegen die Statue von Cecil Rhodes, dem viktorianischen Politiker, Unternehmer und Verfechter britischer imperialer Interessen in Afrika. Diese Protestaktion richtete sich nicht nur gegen das Denkmal, sondern auch gegen das Erbe von Kolonialismus und Apartheid an den Hochschulen und gegen anhaltende strukturelle Ungleichheiten. Das Rhodes Must Fall Movement wurde auch von Studierenden und Lehrenden anderer südafrikanischer ←56 | 57→und internationaler Universitäten aufgegriffen und führte zu einer bildungspolitischen Debatte über die Repräsentation von Blacks an Universitäten, über Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren. Das Rhodes-Denkmal an der UCT wurde schließlich beseitigt und das Fach Black Studies eingeführt.

Ciraj Rassool63, Albert Grundlingh64 und Patrick Harries65 erörtern kritisch, wie der Diskurs von Regenbogennation und Versöhnung einen bestimmten Umgang mit Denkmälern und Gedenktagen produziert. Folgende Punkte werden dabei in den Blick genommen: Die populäre Geschichtsproduktion (heritage) erschafft in vielen Fällen essentialistische Konzepte von „Kulturen der Regenbogennation“. Rassool untersucht den Aspekt, wie Projekte zu kulturellem Erbe eine ermächtigende Auswirkung für Gemeinschaften haben können66. Gleichzeitig, so Jean Comaroff67 sowie Comaroff/Comaroff68, kann Geschichte als kulturelles Erbe (heritage) zu einer Ware werden, bei welcher essentialisierte Identitäten (beispielsweise in Form von Ethnizität) für eine kommerzielle Nutzung verwendet werden. Einige der neu geschaffenen Denkmäler reduzieren, so wird kritisiert, die Anti-Apartheids-Geschichte auf ein paar „Helden und Heilige“ sowie einige ikonische Ereignisse, und lassen andere, alltäglichere, regionale oder „kleine“ Geschichten des Widerstandes außer Acht69. Die Bezeichnung von Gedenktagen, die zwar auf den Anti-Apartheids-Kampf zurückgehen, aber eine Erzählung von Versöhnung in den Vordergrund stellen, verharmlose die eigentliche Bedeutung der damaligen Geschehnisse70. Der von Sarah Nuttall und Carli Coetzee herausgegebene Sammelband Negotiating the Past: The making of memory in South Africa befasst sich mit der Produktion von Erinnerung aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven71. Behandelte Themen sind der ←57 | 58→Umgang mit einer rassistischen Vergangenheit in Museen, die Produktion neuer Erinnerungsorte, die im Gedenken an den Widerstand erbaut wurden und das Thema Erinnerung in der Literatur. Der Sammelband ist eine der zentralen Publikationen zur Produktion von Erinnerung im demokratischen Südafrika.

Über die wechselnden Entwicklungen des Geschichtscurriculums an Schulen und die Produktion von Textbüchern für den Geschichtsunterricht sind seit dem demokratischen Übergang einige Veröffentlichungen erschienen. Hier sind der von Shamil Jeppie herausgegebene Sammelband72 sowie die Publikationen von Peter Kallaway et al.73 und Rob Siebörger74 zu nennen. In dieser Literatur wird in erster Linie der Prozess, der zum derzeitigen Lehrplan führte und die Verhandlungen um eine neue, angemessene und inklusive Darstellung der südafrikanischen Geschichte aufgezeigt. Meine Literaturrecherche hat ergeben, dass konkrete Praktiken im Geschichtsunterricht oder die Auswirkungen des Curriculums und der Textbücher auf Vorstellungen von Geschichte der SchülerInnen bislang kaum behandelt wurden.

Im Gegensatz zur relativ breiten wissenschaftlichen Literatur über die Produktion von Erinnerung und öffentlichem Gedenken ist zur Frage der Rezeption bzw. den Auswirkungen dieser Entwicklungen auf Jugendliche der born-free Generation kaum Literatur vorhanden. James Gibson untersuchte empirisch-quantitativ, wie SüdafrikanerInnen die Idee und die Ergebnisse der Truth and Reconciliation Commission annehmen und ob sie in die Institutionen des demokratischen Südafrika Vertrauen haben75. Er stellt über die Erforschung der Interpretation von Vergangenheit in Südafrika fest:

Much supposition exists in South Africa concerning what ordinary people believe and whether their beliefs have been shaped by the TRC, but rigorous analyses of the nature of people’s understanding of the country’s past are practically nonexistent.76

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Es gibt zwar Arbeiten, die sich mit der born-free Generation auseinandersetzen, wie zum Beispiel Growing up in the new South Africa77, das sich mit den Lebenswelten von Jugendlichen in Fish Hoek Valley beschäftigt, der Aspekt der Interpretation von Vergangenheit oder der Weitergabe von Erinnerung wird hier jedoch nicht berücksichtigt. Die Frage, wie Familien mit der Weitergabe von Erinnerung an die Zeit der Apartheid umgehen, wurde nach meinem Wissen zwar noch nicht empirisch behandelt, allerdings von Steven Robins aufgeworfen78. Er fragt, ausgehend von seiner eigenen Erfahrung des Schweigens seines Vaters über das Erleben des Holocaust, ob es black Eltern möglich ist, mit ihren Kindern über die alltäglichen Erfahrungen von Erniedrigung und Rassismus zu sprechen.

Like my father’s silence about the Holocaust, it seems likely that millions of black parents are unable to express what they feel about the humiliations and pain of their everyday experiences of racism under apartheid.79

Die Frage der Weitergabe von Erinnerung in Familien wird in den Ergebnissen als ein Teilaspekt dessen behandelt, welche Quellen die Jugendlichen in ihren Geschichtsdarstellungen aktivieren und wie sie sich zu ihnen ausrichten.

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14 cf. Field, Sean/Felicity Swanson: Introduction. In: Field, Sean/Renate Meyer/Felicity Swanson (Hrsg.): Imagining the City. Memories and Cultures in Cape Town. HSRC Press: Cape Town 2007, S. 3–17.

15 cf. Wolf, Eric: Europe and the People Without History. University of California Press: Berkeley 1982.

16 Ich beziehe mich in der folgenden historischen Darstellung auf: Mamdani, Mahmood: Citizen and Subject. Contemporary Africa and the Legacy of Late Colonialism. Princeton University Press: Princeton 1996. Worden, Nigel/Elizabeth van Heyningen/Vivian Bickford-Smith: Cape Town. The Making of a City. Verloren Publishers: Hilversum 1998. Bickford-Smith, Vivian/Elizabeth van Heyningen/Nigel Worden: Cape Town in the Twentieth Century. David Philip Publishers: Claremont 1999.

17 cf. Worden et al.

18 cf. Mamdani.

19 Diesen „Allochronismus“, die Differenz zwischen der eigenen und der anderen Zeit in der Bildung anthropologischer Objekte, wurde von Johannes Fabian analysiert. C.f. Fabian, Johannes: Time and the other. How anthropology makes its subject. Columbia University Press: New York 2002 [1983].

20 Mamdani, S. 124.

21 op. cit., S. 92.

22 cf. op. cit.

23 Was die spezifische coloured Identität ausmacht, ist Gegenstand von Debatten und außerdem einem historischem Wandel unterworfen. In der südafrikanischen Logik ist „coloured“ die Bezeichnung für eine „gemischte“ Gruppe. White, black und Indian werden als „reine“ Kategorien imaginiert, während Coloureds aus dem Kontakt von Kolonialisten und Sklavinnen entstanden seien. Eine positive Selbstidentifikation mit diesem Konzept variierte im Lauf der Geschichte. Zur Zeit der Black Consciousness Bewegung in den 1970er und 80er Jahren beispielsweise wurde diese Kategorie als imperialistische Fiktion abgelehnt. In Hinblick auf Sprache, Religion, politischer Ausrichtung, ökonomischer Grundlage und Wohnort (d. h. Stadt oder Land) war und ist diese Gruppe sehr heterogen. cf. Adhikari, Mohammed: “Hope, Fear, Shame, Frustration. Continuity and Change in the Expression of Coloured Identity in White Supremacist South Africa”. Journal of South African Studies 32 (3), 2006, S. 467–487.

24 Smuts, Jan, zitiert nach: Mamdani, S. 6.

25 cf. Mamdani.

26 cf. op. cit.

27 cf. Field, Sean: „Sites of memory in Langa“. In: Id./Renate Meyer/Felicity Swanson (Hrsg.): Imagining the City. Memories and Cultures in Cape Town. HSRC Press: Cape Town 2007, S. 21–36.

28 Die nach Race unterteilten Gruppen durften sich nur in jenen Gebieten bewegen, die für ihre Race bestimmt war und sich in anderen Gebieten nur mit Bewilligung aufhalten. Das Instrument zur Kontrolle dieser Bewegungen war die verpflichtende Mitführung von Pässen, in denen die jeweilige Zugehörigkeit zu einer racial group bestimmt war.

29 cf. op. cit.

30 cf. Worden et al.

31 Geschier, Sofie: “ ‘So there I sit in a Catch-22 Situation’. Remembering and imagining trauma in the District Six Museum”. In: Field, Sean/Renate Meyer/Felicity Swanson (Hrsg.): Imagining the City. Memories and Cultures in Cape Town. HSRC Press: Cape Town 2007, S. 38.

32 cf. op. cit.

33 cf. Bickford-Smith et al.

34 cf. Jeppie, Shamil/Crain Soudien (Hrsg.): The struggle for District Six. Past and Present. Buchu Books: Cape Town 1990. cf. Field, Sean (Hrsg.): Lost communities, living memories. Remembering forced removals in Cape Town. David Philip Publishers: Claremont 2001. cf. Rassool, Ciraj/Sandra Prosalendis (Hrsg.): Recalling community in Cape Town. Creating and curating the District Six Museum. District Six Museum: Cape Town 2001. cf. Trotter, Henry: “Trauma and Memory. The Impact of Apartheid-Era Forced Removals on Coloured Identity in Cape Town”. Paper delivered at the University of the Western Cape History Department Seminar Series, on 8 August 2006. cf. Geschier.

35 cf. Field 2007.

36 Bickford-Smith et al., S. 179.

37 Alexander, Neville: Schule und Erziehung gegen Apartheid. Befreiungspädagogik in Südafrika. ISP-pocket: Frankfurt/Main 1988, S. 66.

38 cf. op. cit.

39 cf. Mamdani.

40 cf. Bickford-Smith et al.

41 cf. Worden, Nigel: The Making of Modern South Africa. Conquest, Apartheid, Democracy. Blackwell: Oxford et al. 2007.

42 Dieser Konflikt wurde von der NP durch Waffenlieferungen und dergleichen an die IFP geschürt (cf. Worden 2007).

43 Der bewaffnete Flügel der ANC.

44 Ich verwende hier die männliche Form, weil Frauen im Sicherheitsdienst nicht zugelassen waren und von Seiten des Widerstandes nur marginal wegen politisch motivierter Verbrechen angeklagt wurden. Winnie Mandela stellte eine solche Ausnahme dar.

45 cf. Du Bois-Pedain, Antje: Transitional Amnesty in South Africa. Cambridge University Press: Cambridge 2007.

46 cf. Truth and Reconciliation Commission: Amnesty Hearings and Decisions, Web.

47 Du Bois-Pedain, S. 338.

48 Gibson, James: Overcoming Apartheid. Can truth reconcile a divided nation? HSRC Press: Cape Town 2004, S. 75.

49 Einen Überblick dazu bietet zum Beispiel: Verdoolaege, Annelies: “The debate on truth and reconciliation. A survey of literature on the South African Truth and Reconciliation Commission”. In: Anthonissen, Christine/Jan Blommaert (Hrsg.): Discourse and Human Rights Violations. John Benjamins: Amsterdam et al. 2007, S. 13–32.

50 cf. Anthonissen, Christine/Jan Blommaert (Hrsg.): Discourse and Human Rights Violations. John Benjamins: Amsterdam et al. 2007.

51 cf. Anthonissen, Christine: “Critical discourse analysis as an analytic tool in considering selected, prominent features of TRC testimonies.” In: Id./Jan Blommaert (Hrsg.): Discourse and Human Rights Violations. John Benjamins: Amsterdam et al. 2007, S. 65–88.

52 op. cit., S. 116.

53 Harries, Patrick: “From Public History to Private Enterprise. The Politics of Memory in the New South Africa”. In: Diawara, Mamadou (Hrsg.): Historical Memory in Africa. Dealing with the Past, Reaching for the Future in an Intercultural Context. Berghahn Books: New York et al. 2010, S. 121–164.

54 cf. Blommaert, Jan/Mary Block/Kay McCormick: „Narrative inequality in the TRC hearings. On the hearability of hidden transcripts”. In: Anthonissen, Christine/Jan Blommaert (Hrsg.): Discourse and Human Rights Violations. John Benjamins: Amsterdam et al. 2007, S. 33–64. cf. Krog, Antije/Nosisi Mpolweni-Zantsi/Kopano Ratele: There was this goat. Investigating the Truth Commission testimony of Notrose Nobomvu Konile. University of KwaZulu Natal Press: Scottsville 2009.

55 Blommaert/Block/McCormick, S. 47.

56 cf. Worden 2007.

57 cf. Colvin, Christopher: „‘Brothers and sisters, do not be afraid of me’. Trauma, history and the therapeutic imagination in the new South Africa”. In: Hodgkin, Katharine/Susannah Radstone (Hrsg.): Contested Pasts. The politics of memory. Routledge: London 2003, S. 153–167.

58 cf. Gabriel, Ian: Forgiveness, 2004, Film.

59 cf. Hooper, Tom: Red Dust, 2004, Film.

60 cf. Du Bois-Pedain.

61 cf. Coombes, Annie: History After Apartheid. Visual Culture and Public Memory in a Democratic South Africa. Wits University Press: Johannesburg 2003.

62 cf. Rhodes Must Fall, Web.

63 cf. Rassool, Ciraj: “The Rise of Heritage and the Reconstitution of History in South Africa”. Kronos: Journal of Cape History 26, 2000, S. 1–21.

64 cf. Grundlingh, Albert: “Some trends in South African academic history: changing contexts and challenges”. In: Jeppie, Shamil (Hrsg.): Toward New Histories for South Africa. On the place of the past in our present. Juta Gariep: Lansdowne 2004, S. 196–215.

65 cf. Harries.

66 cf. Rassool.

67 cf. Comaroff, Jean: „The End of History, Again? Pursuing the Past in the Postcolony“. Basler Afrika Bibliografien, Working Paper No. 1, 2003.

68 cf. Comaroff, John/Jean Comaroff: Ethnicity, Inc. University of Chicago Press: Chicago 2009.

69 cf. Grundlingh.

70 cf. Harries.

71 cf. Nuttall, Sarah/Carli Coetzee (Hrsg.): Negotiating the past: the making of memory in South Africa. Oxford University Press: Cape Town 1998.

72 cf. Jeppie, Shamil (Hrsg.): Toward New Histories for South Africa. On the place of the past in our present. Juta Gariep: Lansdowne 2004.

73 cf. Kallaway, Peter et al. (Hrsg.): Education after Apartheid. South African Education in Transition. University of Cape Town Press: Cape Town 1997.

74 cf. Siebörger, Rob: „The dynamics of history textbook production during South Africa’s educational transformation”. In: Foster, Stuart/Keith Crawford (Hrsg.): What shall we tell the children? International Perspectives on School History Textbooks. Davis: Austin 2006, S. 227–243.

75 cf. Gibson.

76 op. cit., S. 69.

77 cf. Bray, Rachel et al.: Growing up in the new South Africa. Childhood and adolescence in post-apartheid Cape Town. HSRC Press: Cape Town 2010.

78 cf. Robins, Steven: “Silence in my father’s house. Memory, nationalism, and narratives of the body”. In: Nuttall, Sarah/Carli Coetzee (Hrsg): Negotiating the past. The making of memory in South Africa. Oxford University Press: Cape Town et al. 1998, S. 121–140.

79 op. cit., S. 125.

Biographische Angaben

Julia Sonnleitner (Autor)

Julia Sonnleitner promovierte in Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Sie war als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sprachwissenschaft tätig. Ihr Diplomstudium schloss sie im Fach Slawistik ab.

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Titel: Erinnerung aus zweiter Hand