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Erinnerung aus zweiter Hand

Die born-free Generation in Südafrika und ihre Interpretation der Apartheid und des demokratischen Übergangs

von Julia Sonnleitner (Autor:in)
Dissertation 236 Seiten
Reihe: Interkultureller Dialog, Band 9

Zusammenfassung

Nach den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika 1994 ist eine Generation herangewachsen, welche die Apartheid nicht mehr miterlebt hat. Sie ist in einem demokratischen Staat aufgewachsen, in dem die Apartheid dennoch in vielen Bereichen nachwirkt. Basierend auf ethnografischer Forschung legt die Autorin dar, wie VertreterInnen der born-free Generation die Vergangenheit ihres Landes interpretieren. Durch zwei neue Ansätze leistet die Untersuchung einen innovativen Beitrag zur Erinnerungsforschung: erstens durch den rezeptions-zentrierten Zugang, der soziale Positionierungen der befragten Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt. Zweitens durch das Konzept des Chronotopos, mit dem die Relevanz von Zeit, Raum und Subjekt in der Analyse von Vergangenheitsdarstellungen berücksichtigt wird.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Hinweis zur Transkription
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Ein historischer Umbruch
  • 1.2 Die Motivation für diese Arbeit und die damit verbundenen Ziele
  • 1.3 Die Umsetzung des Projekts: mein Forschungsdesign
  • 1.4 Stadt und Segregation: Kapstadt als Forschungskontext
  • 1.5 Der Zugang zum Feld und die Art der Daten
  • 1.6 Schritte in den Text
  • 2. Kapstadt als Forschungsort: historischer Abriss einer de-urbanisierten Stadt
  • 2.1 Der Blick von oben. Oder: vom Standort zum Standpunkt
  • 2.2 Stadt und Land: Die Politik der direkten und indirekten Regierung
  • 2.3 Stadt, Moderne und Bürgerrechte: die zunehmende rassistische Exklusion von Blacks und Coloureds
  • 2.4 Legalisierte Vertreibung: der Group Areas Act
  • 2.5 Der demokratische Übergang
  • 2.6 Die Auseinandersetzung mit der Apartheid im demokratischen Südafrika
  • 2.6.1 Die Truth- and Reconciliation Commission (TRC)
  • 2.6.2 Mediale Bearbeitungen der TRC
  • 2.6.3 Erinnerung und Erinnerungspolitik im demokratischen Südafrika
  • 3. Das Forschungsdesign
  • 3.1 Der Umgang mit Race als Analysekategorie
  • 3.2 Der Zugang zum Feld
  • 3.3 Die Schulen und ihr Erbe aus der Apartheid
  • 3.3.1 Die Schulpolitik nach 1994
  • 3.3.2 Die ehemals white Schulen in Suburbs
  • 3.3.3 Die Schulen in Mitchell’s Plain und Khayelitsha
  • 4. Die Vergangenheit und ihre Repräsentation
  • 4.1 Zwei Zugangsweisen zur Untersuchung der Vergangenheit
  • 4.2 Geschichte und Wandel als Analysekategorie der Anthropologie
  • 4.3 Die Diskussion um das Verhältnis zwischen Vergangenheitsrepräsentationen
  • 4.4 Geschichte als legitimatorischer Anspruch in der Gegenwart
  • 4.5 Autorisierungen: der Anspruch auf Wahrheit
  • 4.6 Die Vergangenheit als Feld des Disputs
  • 4.7 Die soziale Selektion von Erinnerung: autobiografisch und kollektiv
  • 4.8 Das Verhältnis zwischen „individueller“ und „kollektiver“ Erinnerung
  • 4.9 Die situative Bedingung von Erinnerung
  • 4.10 Ansprüche auf Kontinuität
  • 5. Die Weitergabe von historischem Wissen: das Konzept sozialen Lernens
  • 5.1 Eine akteurzentrierte Perspektive
  • 5.2 Wechselrahmung und der Gebrauch medialer Repräsentationen
  • 5.3 Jugendliche als Akteure bei der Weitergabe von Erinnerung
  • 5.3.1 Konzepte von Jugend
  • 6. Diskurs, Ideologie, Positionierung: der methodologische Rahmen
  • 6.1 Der Subjektbegriff
  • 6.2 Exkurs: Ideologie
  • 6.2.1 Die Naturalisierung von Ideologie
  • 6.2.2 Ideologie und gesellschaftliche Institutionen
  • 6.2.3 Ein sprachphilosophischer Zugang zu Ideologie: Vološinov und der Kreis um Bachtin
  • 6.2.4 Ideologie und Diskurs
  • 6.3 Einen Standpunkt beziehen: stance in discourse
  • 6.3.1 Die Praxis der Positionierung
  • 6.3.2 Positionierung und das narrative Interview
  • 6.4 Polyphonie in der Redewiedergabe
  • 6.5 Intersubjektive Taktiken
  • 6.6 Textsorten im Interview
  • 6.6.1 Ein textlinguistischer Zugang zu Narration
  • 6.6.2 Narration, Argumentation, Beschreibung
  • 7. Chronotopoi der Apartheid
  • 7.1 Die räumliche Dimension in der Analyse von Erinnerung
  • 7.2 Fleisch und Blut in Raum und Zeit: Bachtins Chronotopos-Begriff
  • 7.3 Eine Adaption des Chronotopos
  • 7.3.1 Relativität und Mehrzeitlichkeit
  • 7.3.2 Der Chronotopos als Handlungsbedingung
  • 7.3.3 Das Kriterium des inneren Wandels
  • 7.3.4 Bestimmtheit und Unbestimmtheit von Zeit und Raum
  • 7.3.5 Der Körper als Vermittlungsinstanz von Raum-Zeit-Beziehungen
  • 7.3.6 Innen und Außen: Die Diskrepanz zwischen ErzählerIn und erzählten Figuren
  • 7.3.7 Chronotopisches Genre und chronotopisches Motiv
  • 7.4 Zum Prozess der Auswertung der Darstellungen
  • 7.5 Apartheid war ein fernes Land: Der abstrakte Chronotopos
  • 7.5.1 Die Enklave als „Apartheids-freier“ Raum
  • 7.5.2 Die Innenperspektive auf die Enklave
  • 7.5.3 Die „Ordnung“ der Enklave
  • 7.5.4 Der Raum und seine Grenzen: Bewegungen
  • 7.5.5 Blicke: Sehen und Wissen
  • 7.5.6 Das Sprechen über Apartheid
  • 7.5.7 Was ist eigentlich Apartheid?
  • 7.6 They were living under the apartheid law: Der konkrete Chronotopos
  • 7.6.1 Örtliche und zeitliche Konkretisierung
  • 7.6.2 Mittel der Subjektivierung
  • 7.6.3 Historische Zeit im konkreten Chronotopos
  • 7.6.4 They put them into race: Bewegungen unter Zwang
  • 7.6.5 Gesehen und erkannt werden: Blicke
  • 7.6.6 Sich vor dem Blick verstecken
  • 7.6.7 Die Grenze 1994
  • 7.7 Zusammenfassung
  • 8. The people had enough: Das Ende der Apartheid
  • 8.1 Der demokratische Übergang als Wendepunkt in den Erzählungen
  • 8.2 Beispiel SQ: Das Erkennen der Apartheid als Wendepunkt
  • 8.2.1 Die Beschreibung der Apartheid aus der Logik des Chonotopos
  • 8.2.2 Das Moment der Veränderung
  • 8.3 Beispiel NB: Erinnerung als ethischer Impetus
  • 8.3.1 Beschreibung aus der Logik des Chronotopos
  • 8.3.2 Das Moment der Veränderung
  • 8.4 Beispiel MS: Nelson Mandela als messianische Figur
  • 8.4.1 Das Moment der Veränderung
  • 8.4.2 Der demokratische Übergang als Heilsgeschichte
  • 8.5 Gemeinsamkeiten in den Darstellungen: die Handlungsmacht der Massen
  • 8.6 Unterschiede zwischen den Darstellungen: die Verweise auf autoritative Wissensquellen
  • 8.7 Die eigene Biografie als Teil des nationalen Gründungsmythos
  • 8.7.1 Erzählungen von „ZeugInnen“
  • 8.7.2 Die visuelle Komponente der Erzählungen
  • 9. Positionierungen zu geschichtlichen Quellen – die Bewertung von Wissen
  • 9.1 Ein erweitertes Stance-Modell321
  • 9.2 „We didn’t know any better“: Der Topos des Nicht-Wissens
  • 9.3 Weitergegebene Erinnerungen als Auftrag der älteren Generation
  • 9.4 Die Autorisierung und Authentifizierung von Wissensquellen
  • 9.5 Die Bewertung von Schulwissen als voreingenommene Perspektive des ANC
  • 9.6 Über den angemessenen Platz der Vergangenheit in der Gegenwart
  • 9.6.1 Das Unbehagen mit Geschichte: leave the past in the past
  • 9.6.2 Das Aufspüren von Geschichte: this is something I should know
  • 9.7 Schlussfolgerungen
  • 10. Conclusio
  • 10.1 Erinnerung „aus zweiter Hand“
  • 10.2 Races bilden keine Erinnerungsgemeinschaften
  • 10.3 Die Vorzüge des gewählten Forschungsdesigns
  • 10.4 Stance als Methodologie für einen rezeptionszentrierten Zugang zu Erinnerung
  • 10.5 Bezüge zu Wissensquellen und -formen
  • 10.6 Raum als Analysekategorie in der Erinnerungsforschung
  • 10.6.1 Der Chronotopos
  • 10.6.2 Die Vergangenheit als Produkt situationsbedingter Hervorbringung
  • 10.7 Der demokratische Übergang und das Potenzial neuer Geschichtsdiskurse
  • 11. Referenzen
  • 12. Abbildungsverzeichnis
  • 13. Kurzfassung
  • 14. English Abstract

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1. Einleitung

1.1 Ein historischer Umbruch

Der 11. Februar 1990, Nelson Mandela steht auf der Balustrade der Cape Town City Hall. Auf der Balustrade ist es eng, so eng, dass Mandela, seine BegleiterInnen und die Reporter fast keinen Platz darauf finden. Mandela ist umringt von Mikrophonen und Videokameras, sogar an die Außenseite der schmiedeeisernen Balustrade klammert sich eine Traube von Menschen. Auf dem großen Platz vor der Cape Town City Hall, der Grand Parade, hat sich eine große Menge eingefunden, um bei diesem Augenblick anwesend zu sein. Nelson Mandela wurde aus der Haft entlassen, es ist seine erste Rede an die vor ihm versammelten Menschen, an die Nation, an die Welt. Er beginnt seine Rede.

Amandla! Amandla! IAfrika! Mayibuye! My friends, comrades and fellow South Africans! I greet you all in the name of peace, democracy and freedom for all. I stand here before you not as a prophet but as a humble servant of you, the people.1

Dieser Augenblick ist das Symbol für eine neue Ära, für den Aufbruch eines der letzten afrikanischen Staaten aus Kolonialismus und Apartheid.

Kein Bild ist so ikonisch für den demokratischen Übergang wie dieses. Beim Betrachten denke ich, die Balustrade muss solide gebaut worden sein. Zur Zeit ihrer Erbauung, im Jahr 1905, sah Südafrika, damals noch kein eigener Staat, sondern Teil des British Empire, noch ganz anders aus. Der Platz vor der City Hall, die Grand Parade, war der Exerzierplatz des Militärs, welches von hier aus zu den Kolonialkriegen im Inneren des Landes aufbrach. Der Platz wird im Osten vom Castle of Good Hope begrenzt, einer fünfeckigen Festung, welche das erste bauliche Symbol und Zentrum europäischer Macht- und Expansionsbestrebungen war. In ihrer wechselnden Geschichte diente sie als Residenz, Waffenlager und Gefängnis. Während der Apartheid war dieses Gebiet um die City Hall, das historische Zentrum der Stadt, als eine White Group Area deklariert worden, an dem sich all jene, die als non-white klassifiziert worden waren, nur mit Pass und Arbeitsbewilligung aufhalten durften. Vielleicht war es Nelson Mandela auch möglich, von seinem erhöhten Standpunkt aus, über das Meer auf Robben Island zu blicken, jenem Hochsicherheitsgefängnis, in dem er 18 seiner 27 Jahre in Haft verbringen hatte müssen.

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Im Jahr 1994, nach vier Jahren politischer Verhandlungen über die Ausgestaltung der Demokratie, hält Nelson Mandela seine Angelobungsrede als der erste demokratisch gewählte Präsident Südafrikas. Diesmal findet die Rede auf einer Bühne statt, die auf der Grand Parade aufgebaut ist. Die Kulisse dieser Rede erscheint geplanter, inszenierter, das Improvisierte des ersten Bildes ist der Feierlichkeit eines großen Staatsereignisses gewichen. Jetzt beginnt die Regierung der nationalen Einheit, The Government of National Unity. Sie ist als Übergangsregierung zur Implementierung demokratischer Institutionen und zur Ausarbeitung der Verfassung gedacht.

Die politischen Umbrüche des demokratischen Übergangs wirkten sich auch auf die Entstehung eines neuen öffentlichen Geschichtsdiskurses aus. Die Vergangenheit des Landes wurde neu gedeutet, Schulbücher und Geschichtscurricula demgemäß entwickelt, Denkmäler zur Erinnerung an den Anti-Apartheidskampf errichtet, neue Gedenktage eingeführt und alte uminterpretiert. Mit der Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission – TRC), die 1997 ihre Arbeit aufnahm, wurde versucht, traumatisierende Erfahrungen von Gewalt aus der Zeit der Apartheid und des demokratischen Übergangs aufzuarbeiten. Südafrika stellt damit einen besonders interessanten Fall für die Frage dar, wie eine traumatisierende und polarisierende Vergangenheit bewältigt und gleichzeitig die Basis für eine gemeinsame Zukunft geschaffen werden kann. Besonders die Truth and Reconciliation Commission war mit dem Antrieb initiiert worden, dass Versöhnung und eine gemeinsame Zukunft nur möglich wären, wenn die vom Apartheidsregime begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgedeckt und zur Sprache gebracht würden. Im neuen Südafrika wurden also aktiv Schritte unternommen, sich der Geschichte und ihrer Aufarbeitung zuzuwenden.

Zwanzig Jahre nach den ersten demokratischen Wahlen ist eine Generation herangewachsen, welche die Zeit der Apartheid und des demokratischen Übergangs nicht mehr erlebt hat. Sie ist mit demokratischen Institutionen einerseits und vielen Kontinuitäten aus der Apartheid andererseits aufgewachsen. VertreterInnen dieser Generation wissen über die Zeit vor 1994 nur mittelbar aus Weitergegebenem: aus Erzählungen, aus Filmen, Büchern, Museen oder Musicals. Mein Interesse kristallisierte sich vor allem um diese Generation, die in Südafrika als born-free generation bezeichnet wird. Wie konstruieren VertreterInnen dieser Generation die Vergangenheit des Landes, die sie nur aus weitergegebener Erinnerung kennen? Folgende Teilaspekte dieser Frage stelle ich in den Mittelpunkt:

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Auf welche Diskurse greifen die befragten Jugendlichen zurück, um die Vergangenheit ihres Landes zu interpretieren?

Wie bauen sie diese Diskurse in ihre Vergangenheitsdarstellungen ein?

Auf welche Weise findet die räumliche und institutionelle Segregation der Apartheid Niederschlag in ihrer Interpretation der Geschichte?

Biographische Angaben

Julia Sonnleitner (Autor:in)

Julia Sonnleitner promovierte in Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Sie war als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sprachwissenschaft tätig. Ihr Diplomstudium schloss sie im Fach Slawistik ab.

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Titel: Erinnerung aus zweiter Hand