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Erzählanfänge und Erzählschlüsse im Adoleszenzroman

von Nadine Bieker (Autor:in)
Dissertation 368 Seiten

Zusammenfassung

Der Anfang und das Ende geben einer jeden Erzählung einen Rahmen. Bisher ist jedoch nur unzureichend untersucht worden, wie sich der Anfang, das Ende sowie deren Zusammenhang gestalten. Durch eine strukturalistische Zugangsweise zum Text zeigt der Band je eigene Modelle für die Analyse des Anfangs und des Endes. Eine Übersicht zeigt zudem, wie der Residualtext vom Anfang zum Ende überleiten kann. Der Adoleszenzroman eignet sich als konventionalisierte Kommunikationsform als Grundlage für die Konzeption der Modelle, da durch diese Wahl die Modelle nicht verzerrt werden. Gleichzeitig bahnt diese Subgattung durch ihre sowohl jugend- als auch allgemeinliterarischen Anteile der Übertragbarkeit der Modelle auf andere Gattungen einen Weg.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 2. Einordnung
  • 2.1 Narratologie
  • 2.2 Adoleszenzroman
  • 3. Theoretische Grundlagen und Vorüberlegungen zum Erzählanfang
  • 3.1 Expositionalitätsgrad
  • 3.2 Modell der Anfangsgestaltungsmöglichkeiten
  • 3.3 Erläuterung des Modells
  • 3.3.1 Paratext
  • 3.3.2 Anfang
  • 3.3.3 Expositorische Elemente im Residualtext23
  • 3.3.4 Primäreffekt
  • 3.3.5 Leitmotiv
  • 3.3.6 Grundstimmung
  • 3.3.7 Intermedialität
  • 3.4 Übersicht möglicher Anfangsgestaltungsmöglichkeiten
  • 3.4.1 Ebene der histoire
  • 3.4.2 Ebene des discours
  • 3.5 Erläuterung der Übersicht
  • 3.5.1 Ebene der histoire
  • 3.5.1.1 Chronologie
  • 3.5.1.2 Setting
  • 3.5.1.3 Inhaltliche Vollständigkeit und Klarheit
  • 3.5.2 Ebene des discours
  • 3.5.2.1 Leser*innenanrede
  • 3.5.2.2 Modus
  • 3.5.2.3 Erzähltextanalytische Aspekte
  • 4. Theoretische Grundlagen und Vorüberlegungen zum Erzählschluss
  • 4.1 Offenes/geschlossenes Ende
  • 4.2 Modell der Schlussgestaltungsmöglichkeiten
  • 4.3 Erläuterung des Modells
  • 4.3.1 Schlussfördernde Elemente im Residualtext
  • 4.3.2 Ende
  • 4.3.3 Rezenzeffekt
  • 4.3.4 Leitmotiv
  • 4.3.5 Grundstimmung
  • 4.3.6 Intermedialität
  • 4.4 Verwobenheit der Ebene der histoire und der des discours
  • 4.5 Übersicht möglicher Schlussgestaltungen
  • 4.5.1 Ebene der histoire
  • 4.5.2 Ebene des discours
  • 4.6 Erläuterung der Übersicht
  • 4.6.1 Ebene der histoire
  • 4.6.1.1 Unvorhersehbares (Deus ex machina)/kontrapunktisches Ende
  • 4.6.1.2 Parallele Anfangs- und Endgestaltung
  • 4.6.1.3 Shadow narratives
  • 4.6.1.4 Aufforderung, Mutmachen, Ratschlag, Zuspruch
  • 4.6.1.5 Lösung des im Mittelpunkt stehenden Konflikts
  • 4.6.1.6 Schicksal der Hauptfiguren
  • 4.6.1.7 Erkenntnisgewinn
  • 4.6.1.8 Pointe
  • 4.6.1.9 Formen der conclusio
  • 4.6.1.10 Anachronie
  • 4.6.2 Ebene des discours
  • 4.6.2.1 Parallele Anfangs- und Endgestaltung
  • 4.6.2.2 Prozesse des Endens
  • 4.6.2.3 Metatextualität
  • 4.6.2.4 Leser*innenanrede
  • 4.6.2.5 Epilogische Abschlussmittel
  • 4.6.2.6 Auffällige Syntax
  • 4.6.2.7 Anachronie
  • 4.6.2.8 Modus35
  • 4.6.2.9 Konventionen
  • 4.6.2.10 Resümee
  • 5. Residualtext
  • 5.1 Interne Funktion
  • 5.1.1 Formen der Beziehung der Ähnlichkeit
  • 5.1.2 Erläuterungen der Formen der Beziehung der Ähnlichkeit
  • 5.1.3 Formen der Beziehung der Entgegensetzung
  • 5.1.4 Erläuterungen der Formen der Beziehung der Entgegensetzung
  • 5.1.5 Formen der Beziehung der geordneten Reihung
  • 5.1.6 Erläuterungen der Formen der Beziehung der geordneten Reihung
  • 5.2 Externe Funktion
  • 5.3 Die Struktur des Handlungsverlaufs
  • 5.4 Figuren
  • 5.5 Zeit und Raum: Chronotopos
  • 5.6 Raum: Lotmans Konzept der Grenzüberschreitung
  • 6. Analysen
  • 6.1 Tamara Bach: Marienbilder
  • 6.2 Elisabeth Steinkellner: Rabensommer
  • 6.3 Lara Schützsack: Und auch so bitterkalt
  • 6.4 David Levithan: Two Boys Kissing
  • 6.5 Édouard Louis: Das Ende von Eddy
  • 6.6 Tamara Bach: vierzehn
  • 6.7 Stephenie Meyer: Biss zum Morgengrauen
  • 6.8 Jerome D. Salinger: Der Fänger im Roggen
  • 7. Ergebnisse
  • 7.1 Stehen der Anfang und das Ende einer Erzählung in einem (narratologisch beschreibbaren) Zusammenhang?
  • 7.1.1 Erzählanfang
  • 7.1.2 Erzählschluss
  • 7.1.3 Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Zusammenhänge
  • 7.2 Welche Rolle spielt der Residualtext bei der Überleitung vom Erzählanfang zum Erzählschluss?
  • 7.2.1 Funktionen
  • 7.2.2 Struktur des Handlungsverlaufs
  • 7.2.3 Figuren
  • 7.3 Welche gattungstheoretischen Aspekte ergeben sich aus der Analyse des Erzählanfangs, des Erzählschlusses sowie des Residualtextes für den Adoleszenzroman?
  • 7.3.1 Greimas’sches Aktantenmodell
  • 7.3.2 Zeit und Raum: Chronotopos
  • 7.3.3 Raum: Lotmans Konzept der Grenzüberschreitung
  • 7.3.4 Signs of closure und signs of completeness
  • 7.3.5 Grad der Offenheit/Geschlossenheit
  • 7.4 Modelle
  • 7.4.1 Erzählanfang
  • 7.4.2 Residualtext
  • 7.4.3 Erzählschluss
  • 8. Fazit
  • Literaturverzeichnis
  • Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

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1. Einleitung

Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas anders folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt. Eine Mitte ist, was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht. Demzufolge dürfen Handlungen, wenn sie gut zusammengefügt sein sollen, nicht an beliebiger Stelle einsetzen noch an beliebiger Stelle enden, sondern sie müssen sich an die genannten Grundsätze halten. (Aristoteles 1982, 25)

Schon Aristoteles hat sich in seiner Poetik (ca. 335. v. Chr.) die Frage nach den notwendigen Bedingungen des Erzählanfangs, der Mitte einer Erzählung und des Erzählschlusses gestellt. Seine Ausführungen bahnen der Narratologie nicht nur einen ersten Weg, sie werden die meist zitiertesten bezüglich dieser Thematik und für lange Zeit auch die einzigen Überlegungen bleiben, die sich aus theoretischer Sicht dem Erzählanfang, dem Erzählschluss und dem Mittelteil der Erzählung widmen.

Über zweitausend Jahre später fokussieren auch Macauley und Lanning den Erzählanfang sowie den Erzählschluss, jedoch dabei nicht wie bei Aristoteles, um deren jeweils spezifische Konstitution zu bestimmen, sondern um hervorzuheben: „Beginnings lead off, but they must also have the seeds of finality in them.“ (Macauley und Lanning 1990, 26) Sie verweisen darauf, dass der Erzählanfang und der Erzählschluss in einem erkennbaren Zusammenhang stehen. Wird dieser Gedanke weitergesponnen, zeigt sich, dass der Anfang und das Ende einer jeden Erzählung einen Rahmen geben: Der Anfang führt in die Geschichte ein, dort wird der erste Handlungskern eröffnet und die Erzählung wird in eine bestimmte Richtung gelenkt. Mit dem Geschehen des letzten Handlungskerns endet die Erzählung, und es findet eine Rekapitulation des bisher Gelesenen statt.

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Das Forschungsinteresse an Anfängen und Enden in der Literatur1 zeigen aktuelle Sammelwerke wie Anfänge und Enden. Narrative Potentiale des antiken und nachantiken Epos (2017) oder auch Anfang und Ende. Formen narrativer Zeitmodellierung in der Vormoderne (2014), die jedoch für das Forschungsanliegen ‚Erzählanfänge und Erzählschlüsse im Adoleszenzroman‘ nur marginal fruchtbar gemacht werden können, da die jeweilige Herangehensweise, die Fokussierung sowie die Textkorpora zu different sind. Constanze Krings’ Zur Analyse des Erzählanfangs und des Erzählschlusses (2004) hingegen bildet einen wichtigen Ausgangspunkt für diese Arbeit, obwohl Krings für den Erzählschluss eine andere Gattung – die short-story – als Analysegrundlage herangezogen hat. Ähnlich verhält es sich mit Barbara Kortes 1985 erschienener Dissertation Techniken der Schlußgebung im Roman. Eine Untersuchung englisch- und deutschsprachiger Romane, die allerdings – wie der Titel verrät – nur den Schluss fokussiert.

Insgesamt ist bisher allerdings – insbesondere in Bezug auf den Adoleszenzroman – nur unzureichend untersucht worden, wie sich der Erzählanfang, der Erzählschluss sowie deren Zusammenhang gestaltet und wie der Übergang vom Anfang zum Ende über den Residualtext2 gewährleistet wird. Die Auswahl des Adoleszenzromans als Gattungsgrundlage für diese Arbeit liegt darin begründet, dass eben dieser als stark konventionalisierte Kommunikationsform charakterisiert werden kann3. Die dadurch entstehende Möglichkeit, Vergleichbares herauszuarbeiten – oder, wie Genette sagt, gruppenweise wiederkehrende Funktionen zu studieren (vgl. Genette 1972, 80) –, prädestiniert den Adoleszenzroman ←18 | 19→als besonders geeignet für die Konzeption von Modellen für den Erzählanfang und den Erzählschluss.

Vorgehen

Die Herangehensweise der vorliegenden Arbeit folgt insofern einem (weiter gefassten) strukturalistischen Ansatz, als dass sich stets auf den Text beschränkt wird und dadurch zum einen mögliche Wirkungen auf die Leser*in4 ausgeklammert werden. Zum anderen sind die Ausgangspunkte der Analysen immer die Signifikanten und ihre Verknüpfungen untereinander, da die von den Autor*innen beabsichtigten Signifikationsprozesse unberücksichtigt bleiben (vgl. Wiemann 2001, 39f.):

Durch die Art und Weise, in der die Signifikanten dabei verarbeitet werden und wie sie zueinander in Beziehung treten, entsteht ein Signifikat, das ‚mehr‘ bedeutet als die bloße Summe der Signifikate der isolierten Signifikanten und dies umso mehr, als Mittel zur Bearbeitung der Ausdrucksseite des Textes aufgewendet werden. (Wiemann 2001, 41)

Spätestens seit Roland Barthes den Tod der Autor*in (vgl. Barthes 2000, 185ff. (OA 1968)) diagnostiziert hat, gibt es – aus strukturalistischer/narratologischer Perspektive – keinen Zweifel mehr daran, dass

ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ‚Botschaft‘ des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen [écritures], von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. (Barthes 2000, 190; Herv. im Orig.)

Damit setzt Barthes den Fokus allein auf das geschriebene Wort und liefert damit auch eine nachträgliche Plausibilisierung für sowohl Vladimir Propps Morphologie des Märchens (1972, OA 1928), in der Propp zeigen möchte, dass es strukturell nur ein einziges (russisches Volks-)Märchen gibt, als auch für Algirdas Julien Greimas’ Aktantenmodell, das er in seiner Sémantique structurale (1966, dt. 1971) entwickelt hat, und welches postuliert, dass jede Erzählung auf sechs Aktantenrollen reduziert werden kann. Genettes Die Erzählung (1994, OA 1972/1983) ermöglicht es schließlich – obwohl Genette selbst sich nahezu ausschließlich auf Prousts À la recherche du temps perdu (1908, dt. 1954) bezieht –, einen jeden Roman auf die gleiche Weise systematisch, allein anhand seiner ←19 | 20→Signifikanten, erzähltextanalytisch zu bestimmen. Propps, Greimas’ und auch Genettes Ansatz gehen der vorliegenden Arbeit im weiteren Sinne als Vorbilder voraus, gelingt es ihnen – Greimas und Genette noch deutlicher als Propp – Archetypen von Erzählungen zu konstruieren.

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der folgenden Forschungsfragen am Beispiel des Adoleszenzromans je eigene Analysemodelle für Erzählanfänge und Erzählschlüsse zu konzipieren:

Stehen der Anfang und das Ende einer Erzählung in einem (narratologisch beschreibbaren) Zusammenhang?

Welche Rolle spielt der Residualtext bei der Überleitung vom Erzählanfang zum Erzählschluss?

Welche gattungstheoretischen Aspekte ergeben sich aus der Analyse des Erzählanfangs, des Erzählschlusses sowie des Residualtextes für den Adoleszenzroman?

Des Weiteren werden verschiedene Analysekategorien erarbeitet, die charakteristische Zusammenhänge zwischen Erzählanfang und Erzählschluss anzeigen und offenlegen, wie und welche Textelemente in einer Erzählung den Übergang vom Anfang zum Ende ermöglichen.

Auf diese Einleitung folgt ein Einordnungskapitel, das sich sowohl der Narratologie als auch dem Adoleszenzroman widmet, um zum einen die Verortung dieser Arbeit im literaturwissenschaftlich-narratologischen Diskurs nachvollziehbar zu machen, und um zum anderen genauer zu erörtern, warum der Adoleszenzroman als Primärtextgrundlage für das zu erforschende Desiderat5 dieser Arbeit geeignet ist. Darauf folgen drei Theoriekapitel, von denen das erste sich mit dem Erzählanfang beschäftigt, das zweite mit dem Erzählschluss und das dritte schließlich mit dem Residualtext, womit es sich folglich bei diesen drei Kapiteln um den narratologischen Beitrag dieser Arbeit zur Theorie des Erzählanfangs und des Erzählschlusses handelt. Dabei schließen das Kapitel zum Erzählanfang sowie das zum Erzählschluss jeweils mit einem zweigeteilten – Todorovs Differenzierung zwischen der Ebene der histoire und der des discours ←20 | 21→folgend (vgl. Todorov 1972, 264)6 – Modell, welches die Ergebnisse des jeweiligen Theoriekapitels abbildet und die Grundlage für die Analyse des Erzählanfangs beziehungsweise des Erzählschlusses bildet.

Auf den Theorieteil folgen acht Romananalysen, in denen aufgezeigt wird, wie die Erkenntnisse aus den Theoriekapiteln für die Analyse des Erzählanfangs, des Erzählschlusses sowie des Übergangs vom Erzählanfang zum Erzählschluss angewendet werden können. Die Analyseergebnisse dienen schließlich dazu, die oben aufgeführten Forschungsfragen und die in Kapitel 3 und 4 angefertigten Modelle im Ergebniskapitel zu beantworten beziehungsweise gegebenenfalls zu revidieren/komplettieren. Innerhalb dieser Arbeit liegt damit insofern ein hermeneutisches Vorgehen vor, als dass mithilfe der Aufarbeitung des Forschungsstandes Modelle konzipiert werden, die die Grundlage für die Romananalysen darstellen. Dabei zeigen die Analysen und ihre Ergebnisse wiederum auf, an welchen Stellen die entwickelten Modelle einer Revision unterzogen werden müssen.

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1 Ein ähnliches Interesse findet sich in der Filmnarratologie, vor allem am Filmanfang. Britta Hartmann liefert diesbezüglich eine kommentierte Bibliografie, die einen guten Überblick über den aktuellen Forschungsstand bietet http://berichte.derwulff.de/0168_16.pdf (05.10.2017).

2 Der Begriff ‚Residualtext‘ findet Verwendung in Anlehnung an Constanze Krings (2004), die damit die Erzählung ohne den Erzählschluss meint. In dieser Arbeit bezeichnet der Terminus jedoch den Teil des Romans, der nicht dezidiert zum (physiologischen) Anfang und Ende der Erzählung gehört, da diesen beiden Textteilen eine Sonderstellung eingeräumt wird. Damit geht die hier gewählte Verwendung des Begriffs über die bei Krings hinaus.Trotz der aus der Bedeutung des Wortes ‚residual‘ („zurückbleibend, restlich“; Duden 2009, 899) resultierenden möglichen Kritik an diesem Begriff, wird deshalb an diesem festgehalten, weil diese Arbeit den Erzählanfang sowie den Erzählschluss fokussiert, wodurch der quantitativ größte Anteil des Werkes in den Hintergrund rückt.

3 Eine ausführlichere Begründung für die Wahl des Adoleszenzromans findet sich in Kapitel 2.2 dieser Arbeit.

4 Auf eine geschlechtergerechte Schreibweise wird immer dann verzichtet, wenn das Geschlecht in der erzählten Welt eines Roman eindeutig festgelegt und damit ein konstitutives Element der Erzählung ist.

5 „Überblickt man nun den Forschungsstand, so drängt sich der Eindruck auf, daß die narrative Beschreibung von Texteingängen und -ausgängen zwar als ein äußerst bedeutsames Forschungsfeld angesehen wird, dieser Bedeutsamkeit aber bislang nicht, insbesondere nicht was die Untersuchung von Textausgängen betrifft, in wünschenswerter Weise Rechnung getragen wurde.“ (Driehorst/Schicht 1988, 258)

6 Christoph Bode formuliert treffend, warum die Unterscheidung zwischen der histoire und des discours überhaupt getroffen werden muss: „Für literarische Erzählungen – und das schließt den Roman selbstverständlich mit ein – wurde hier jedoch wiederholt noch mehr reklamiert: nicht allein, dass das Wie der Geschichte einen entscheidenden Unterschied mache, sondern dass die eigentliche Bedeutung einer literarischen Erzählung von diesem Wie gar nicht zu trennen sei, dass man über sie gar nicht sinnvoll reden könne, ohne die konkrete Art und Weise der erzählerischen Vermittlung erfasst und begriffen zu haben, weil letztlich die Bedeutung (ein Wort, das man gerne immer im Plural denken darf) einer literarischen Erzählung in dieser spezifischen Vermitteltheit aufginge, so dass, fiele dieses anders aus, auch jene nicht mehr dieselbe sein könne.“ (Bode 2005, [81])

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2. Einordnung

2.1 Narratologie

Die Narratologie als Wissenschaft der Analyse und Auslegung narrativ organisierter Texte wird in der vorliegenden Arbeit als Heuristik zur Analyse des Erzählanfangs, des Erzählschlusses sowie des Übergangs vom Erzählanfang zum Erzählschluss im Adoleszenzroman verwendet. Zu beachten ist dabei, dass zwar auf das seit Beginn der 1980er zur Verfügung stehende Inventar narratologischer Konzepte und Begriffe zurückgegriffen wird, sich jedoch bis heute kein grundlegendes narratologisches Konzept zu Erzählanfängen und Erzählschlüssen – weder in Bezug auf die Allgemeinliteratur noch für die Kinder- und Jugendliteratur – konstituiert hat.7 Für beide Romanteile gilt vielmehr, dass sich neben- und nacheinander verschiedene Literaturwissenschaftler*innen aus verschiedenen Perspektiven in unterschiedlichen Zusammenhängen unabhängig voneinander mit diesen Problemfeldern auseinandergesetzt haben, weshalb das dieser Arbeit zugrundeliegende Sekundärtextkorpus stark heterogen ist. Diese Heterogenität wird dadurch verstärkt, dass die Narratologie auch hier nicht als eigenständige Disziplin verstanden wird, da sie von Beginn an interdisziplinär verortet und verstanden worden ist; so ist ein wichtiges Sekundärwerk für diese Arbeit Helmut Bonheims textlinguistische Arbeit The Narrative Modes. Techniques of the Short Story (1982).

Im Folgenden wird eine tabellarische Übersicht präsentiert (Tab. 1), die aufzeigt, welche Wissenschaftler*innen mit ihren jeweiligen Arbeiten nicht nur welchen Entwicklungsphasen der Narratologie (vgl. Schönert 2006) zugeordnet werden können, sondern auch, für welchen Textteil (Erzählanfang, Residualtext, Erzählschluss) ihre Konzepte in dieser Arbeit fruchtbar gemacht werden8. Vorab werden die vier Entwicklungsphasen der Narratologie (vgl. Schönert 2006) jedoch kurz erläutert, um die Zuordnung der Theoriekonzepte zu den einzelnen Phasen nachvollziehbar zu machen.

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Tab. 1: Einordnung der Forschungsliteratur für den Erzählanfang, den Residualtext und den Erzählschluss in die vier Entwicklungsphasen der Narratologie

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a Die vollständigen Literaturangaben sind im Literaturverzeichnis zu finden.

Die erste Entwicklungsphase der Narratologie datiert sich von 1910 bis 1965 und fokussiert neben bestimmten Problemfeldern der Narratologie die ←24 | 26→Romankunst sowie prototypische Konzepte der Narratologie. Die zweite Entwicklungsphase erstreckt sich in etwa von 1965 bis 1985 und widmet sich der klassischen, weiterhin strukturalistischen Narratologie. Die dritte Entwicklungsphase dauert von 1980 bis 1995 an; in ihrem Mittelpunkt steht die ‚Dekonstruktion der Narratologie‘. In der vierten Entwicklungsphase, die sich seit Mitte der 1990er Jahre entwickelt, beginnt schließlich die ‚Renaissance der Narratologie‘, in der es unter anderem darum geht, die klassische Narratologie zu präzisieren, zu differenzieren, sie beweglicher zu machen. (Vgl. Schönert 2006)

Aufgrund der bereits erwähnten Tatsache, dass es noch kein Begriffs- und Analyseinventar für Erzählanfänge, Erzählschlüsse und den Residualtext und damit diesbezüglich keine Grundlagentexte gibt, kann es auch keine – für diese Arbeit dienliche – Arbeiten geben, die der dritten Entwicklungsphase der Narratologie entstammen und „Kritik am engen (Wissenschafts-)Anspruch der Narratologie“ (Schönert 2006) üben.

Die genannten Theorien und Konzepte beziehen sich allesamt auf Primärwerke aus der Allgemeinliteratur. Die Übertragbarkeit dieser Konzepte auf die Kinder- und Jugendliteratur wird zum einen begründet durch die Positionierung, dass die diskutierte Dichotomie Allgemeinliteratur/Kinder- und Jugendliteratur ein, zum anderen durch diese Arbeit, widerlegbares Konstrukt und nicht haltbar ist (vgl. Ewers 1994, 18; 2012, 145). Unterstrichen wird diese Positionierung durch die Wahl des Adoleszenzromans als Primärtextgrundlage, da dieser aufgrund seiner Historie sowie seiner Konstitution die vermeintliche Grenze zwischen Allgemein- und Kinder- und Jugendliteratur verwischt.

2.2 Adoleszenzroman

Da sich ein Großteil der besprochenen Sekundärliteratur bezüglich Erzählanfängen und Erzählschlüssen auf Texte der Allgemeinliteratur bezieht, sollen zunächst die Prämissen des Adoleszenzromans9 aufgeführt werden, um im Anschluss an dieses Kapitel unter anderem zu analysieren, an welchen Stellen die bisherigen Erkenntnisse überdacht und/oder ergänzt werden sollten, und in welchen Punkten des Forschungsanliegens sich noch Desiderate ergeben.

Der Adoleszenzroman und seine Vorformen (Erziehungs-, Entwicklungs- und Bildungsroman) sind seit jeher in einem Feld angesiedelt, in dem die Grenze ←26 | 27→zwischen Allgemein- und Jugendliteratur fließend ist. Erste Tendenzen, die dem Adoleszenzroman seinen Weg weisen, finden sich bereits in Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774) und Moritz‘ Anton Reiser (1785–90).

Biographische Angaben

Nadine Bieker (Autor:in)

Nadine Bieker studierte an der Universität zu Köln Deutsch, Sozialwissenschaften und Mathematik auf Lehramt und ist nun Wissenschaftliche Mitarbeiter*in am Institut für Deutsche Sprache und Literatur II der Universität zu Köln.

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Titel: Erzählanfänge und Erzählschlüsse im Adoleszenzroman