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Kulturräume. Räume der Kultur

Poetiken des Raumes, Poetiken der Zeit

von Beata Giblak (Band-Herausgeber:in) Wojciech Kunicki (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 190 Seiten

Zusammenfassung

Im Zentrum des Buches stehen zwei Essays von den Autoren, die sich nach den geopolitischen Schreibweisen richten. Es werden dabei drei Begriffe hervorgehoben: Anverwandlung (Goethe) in Bezug auf den Umgang mit dem deutschen Erbe in Polen und in Tschechien (Jörg Bernig), Geopolitik (Stefan Chwin) sowie Eugenik. Im zweiten Teil wird bei einer Reihe von deutschen Autoren ihre Poetik der kulturräumlichen Bezüge analysiert.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung (Beata Giblak/Wojciech Kunicki)
  • Kultur als Raum und Zeit der Autorschaft
  • Das wahre Ende des Zweiten Weltkrieges. Kontinuität und Bruch in der Geschichte (Stefan Chwin)
  • Da mittendrin wir (Jörg Bernig)
  • Jörg Bernig und Stefan Chwin. Eine kontrastive Poetik? Eine kontrastive Politik? (Wojciech Kunicki)
  • Autoren in den Kulturräumen
  • Ludwig Knausts Gedenk=Seule auf den 1673 erfolgten Tod von Kaspar Förster dem Jüngeren. Zum literarischen Bild eines „überregionalen“ Danzigers (Piotr Kociumbas)
  • Lebensformen und Räume der Kultur in Gustav Freytags Bilder(n) aus der deutschen Vergangenheit (Helmut Brall-Tuchel)
  • Das Breslauer Stadtbild in historisch-kulturräumlichen Konstruktionen Ricarda Huchs (Gabriela Jelitto-Piechulik)
  • „Es gab Zeiten, da hätte ich mir übrigens auch eine andere Herkunft als Kreuzburg gewünscht.“ ‚Heimat‘ als (problematischer) Kulturraum im Leben und Werk von Heinz Piontek (Rafał Biskup)
  • Das Traumcafé einer Pragerin. Der Versuch einer Heimatimagination (Karolin Toledo Flores)
  • Der Garten des Sommergesprächs von Peter Handke als das verlorene und rekonstruierte Paradies (Natalia Żarska)
  • Nachbeben in Siebenbürgen. Eginald Schlattners Roman Rote Handschuhe (2000) (Matthias Bauer)
  • Heimat im Spannungsfeld zwischen Lokalität und globaler Herausforderung. Zum Heimatverständnis in der Schweiz anhand von ausgewählten Beispielen (Dariusz Komorowski)
  • Autoren dieses Bandes
  • Personenregister
  • Reihenübersicht

Beata Giblak (Staatliche Hochschule Nysa/Neisse) / Wojciech Kunicki (Universität Wrocław/Breslau)

Einleitung

In dem vorliegenden Band, der ein zweiter zum Thema der kulturräumlichen Fragestellungen ist, haben die Dichter das Wort. Zuerst werden also zwei Essays von Jörg Bernig und Stefan Chwin abgedruckt, die speziell für unsere Tagung geschrieben wurden. Unsere Intention war es zu zeigen, dass das Ästhetische auch die politischen Unterschiede schlichten und nivellieren kann, was gerade in unseren ziemlich gespaltenen Gesellschaften in Deutschland und in Polen kein unbedeutendes Anliegen ist. Wir sind nur entfernt imstande, die Atmosphäre unseres Gespräches wiederzugeben, das während der Neisser Tagung zum Thema Kultururräume, Räume der Kultur herrschte. Festzuhalten ist jedoch, dass der Goethesche Begriff der Anverwandlung hier für unsere mitteleuropäische Chronotopie stehen kann. Jörg Bernig beschäftigt sich in seinem Essay vorwiegend mit dem Raum, der wie eine verzeitlichte, in Schichten zu denkende Ganzheit anzusehen ist. Stefan Chwin wendet sich der Zeit zu, die unsere verräumlichte Wirklichkeit bis heute entscheidend prägt, und zeigt, wie auf dem Wege zur Utopie einer vollkommenen Menschheit eine Dystopie entstehen muss, die das Leben von Millionen zerstört.

Im zweiten Teil des vorliegenden Bandes wenden sich die Autoren den historisch gewordenen Dichtern zu, um ihre Literarisierungsstrategien in ihren jeweiligen regionalen Zusammenhängen zu analysieren. Piotr Kociumbas verfolgt die Entstehung der „regionalen Dichtung“ in Danzig und bringt dabei das musikalische Element ins Gespräch. Am anderen Ende des preußischen Raumes befinden wir uns bei der Analyse der historischen (kulturkritischen) Werke Gustav Freytags (siehe den Aufsatz von Helmut Brall-Tuchel), der mit seinen Bildern aus der deutschen Vergangenheit das geschichtliche Bewusstsein der Deutschen prägte. Es wäre eine reizvolle Aufgabe gewesen, auf die Parallelerscheinungen in der polnischen Literatur hinweisen zu können, und zwar nicht so sehr im 19., sondern eher im 20. Jahrhundert, zum Beispiel in den Schriften von Pawel Jasienica. Gabriela Jelitto-Piechulik zeigt das Bild Breslaus bei Richarda Huch, das in den 1920er Jahren, in der spezifischen politischen Lage nach den oberschlesischen Aufständen und der Gründung des polnischen Staates entstand. Auch hier wären weitere Forschungen anzuregen, zum Beispiel mit dem Hinweis auf die von 1928 bis 1939 vom Verleger Rudolf Wegner herausgegebene Reihe Cuda ←7 | 8→Polski (Die Wunder Polens), die nach französischen und deutschen Mustern als eine prachtvolle Ausgabe in 14 Bänden – selbstverständlich unter Ausklammerung von wirklichen Problemen – entstand. Der zum Teil polemische Aufsatz von Rafal Biskup ruft den heute leider vergessenen Dichter Heinz Piontek in Erinnerung und positioniert ihn mit seiner Verräumlichung des Erinnerten, also des Zeitlich-Entrückten, im deutschen Literaturbetrieb der 1960er und 1970er Jahre. Karolin Toledo-Flores beschäftigt sich mit einer der interessantesten Figuren der Prager Literatur und des Prager Kulturlebens, Lenka Reinerová, die ihre Entwürfe als „Traum vom Prager Caféhaus“ versteht. Natalia Żarska zeigt in ihren Ausführungen zu dem Handkeschen Stück Die schönen Tage in Aranjuez und seiner Verfilmung von Wim Wenders Projektionen des paradiesischen Raums. Im Mittelpunkt steht als Zentrum der Garten, der von den Peripherien her durch die krude Wirklichkeit bedroht wird, was Handke sprachlich in Szene zu setzen versteht. Matthias Bauer beschäftigt sich mit Eginald Schlattners Roman Die roten Handschuhe und mit den Verwicklungen seines Autors in die unmenschliche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Abschließend nimmt Dariusz Komorowski diverse Heimatvorstellungen in der deutschschweizer Literatur von Max Frisch bis Christina Viragh unter die Lupe.

Stefan Chwin (Universität Gdańsk/Danzig)

Das wahre Ende des Zweiten Weltkrieges. Kontinuität und Bruch in der Geschichte

1. Bewegliche Anfangs- und Enddaten

Der Begriff des Endes, ähnlich wie der Begriff der historischen Tatsache, ist genauso schwer definierbar wie der Begriff des Anfangs, und wir erreichen höchstwahrscheinlich nie eine allgemeingültige Verständigung darüber, nach welchen Regeln und Methoden man die historischen Einschnitte festlegen sollte, um nicht dem Verdacht einer starren Einseitigkeit zu verfallen. Leben in einer Welt, die man wie ein unendliches, flüssiges, einschnittsloses, raumzeitliches Kontinuum empfindet, scheint für die menschliche Vernunft und für das Herz unerträglich zu sein.

Deshalb das unwiderstehliche menschliche Bedürfnis, scharf umrissene Eckdaten zu setzen, ohne die man sich eine Geschichtserzählung kaum vorstellen kann; nichtdestoweniger ist jede Zäsur, die durch eine Segmentierung des Ereignisflusses den Geschichtsverlauf begreiflicher zu gestalten beabsichtigt, eher eine Denk- als ontologische Tatsache (Tatsache des Denkens als eine ontologische Tatsache).

Etwas beginnt in einem bestimmten Augenblick, etwas geht in einem bestimmten Augenblick zu Ende … Nach diesem universalen Schema zeichnen wir im Fluss der Ereignisse zeiträumliche Grenzen historischer Tatsachen, indem wir sie durch eine verallgemeinernde Benennung aus der fließenden Geschichtskontinuität herausheben. („Krieg“, „Revolution“, „Dezemberereignisse“, „Solidarność-Periode“, „Epoche des Wirtschaftswunders“). In der stereotypen Erfassung, an die das menschliche Einbildungsvermögen doch so stark gebunden ist, beginnt ein Krieg in dem Augenblick, da die ersten Schüsse fallen, und endet in dem Moment, da der letzte Schuß verhallt, ausgelöscht durch das leise Geraschel der Feder, welche die Kapitulationsurkunde unterschreibt. Das Stereotyp verkündet allerdings keine Wahrheit. Mir selbst, und vermutlich vielen anderen auch, ist es vollkommen gleichgültig, ob ich das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. oder am 9. Mai feiern soll, weil diese beiden Eckdaten gleichermaßen durch mannigfache Rücksichten motiviert sind. Zudem enthalten sie Elemente einer politisch-emotionalen Erpressung: wenn du den 8. und nicht den 9. Mai feierst, dann gehörst nicht zu „uns“ sondern zu den „anderen“, pass also gut auf! Der Akt, mit dem Eckdaten festgelegt werden, ist mehr oder ←11 | 12→weniger politischen (und ausschließenden) Charakters. Die Historiker sollten vermeiden, die Wahrheitssuche der Loyalität der einen oder anderen Gruppe gegenüber, mit der sie sich irgendwie verbunden fühlen, zu unterwerfen. Keine leichte Aufgabe also.

Die Willkürlichkeit der Daten vom 8. oder 9. Mai 1945 ist offensichtlich, obwohl für jedes viele vernünftige Argumente sprechen. Und auch die so sichtbar offensichtliche „Grenz“-Tatsache wie die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde kann man schwerlich als das Ende des Konflikts betrachten. Genauso wenig wie es die Unterzeichnung eines Friedensvertrages wäre, wozu es aber weder am 8. noch am 9. Mai 1945 gekommen war. Für den japanischen Soldaten Hiroo Onoda, der sich lange im Philippnischen Dschungel versteckte, endete der Krieg am 9. März 1974, ähnlich wie für viele japanische Soldaten, die, im Kultus des Kaisers sowie des Todes für das Vaterland erzogen, an keine Kapitulation glaubten, zu der es 1945 gekommen sein sollte. Für sie war der Krieg der Dreißigjährige Krieg.

Und in Polen sowie in Deutschland? War nicht das Ende des Krieges auf dem Gebiet Polens der letzte Schuss, den ein „verdammter Soldat“ abfeuerte, oder vielleicht eher der Tod des letzten Werwolf-Partisanen in den von Großdeutschland verlorenen Gebieten? Jerzy Andrzejewskis Roman Asche und Diamant, gleich nach dem Krieg geschrieben, erzählt vom bewaffneten Widerstand des Armia Krajowa (Heimatarmee)-Untergrundes, den antikommunistische Organisationen auch nach dem Grenzdatum des 9. Mai 1945 fortsetzten. Der Major Łupaszka wurde deswegen am 30. Juni 1948 verhaftet. Der letzte Soldat des bewaffneten nationalen Widerstandes in Polen – der Wachtmeister Józef Franczak – wurde nach manchen Quellen im Kampf gegen die kommunistischen Sicherheitskräfte am 21. Oktober 1963 getötet. Die letzten deutschen Partisanenverbände auf den in Folge des Potsdamer Abkommens Polen zuerkannten Gebieten, der „Jungenbund der Freien Stadt Danzig“ sowie das niederschlesische „Freikorps Gross-Mossdorf“ – wurden erst im August und im September 1949 von polnischen Sicherheitskräften liquidiert, also vier Jahre nach dem „Ende des Krieges“. Selbst Günter Grass meinte, Deutschland habe bereits am 30. Januar 1933 den Krieg verloren, als es Adolf Hitler demokratisch zu seinem Führer wählte, der es, was auch vorauszusehen war, in den Abgrund stürzte. Diese radikale Meinung setzte „den Anfang“ eigentlich „dem Ende“ gleich.

Die Datierung des Endes als einer punktuellen Zerreißung der Kontinuität ist in der historischen Erzählung genauso so diskutabel wie eine Datierung des Anfangs. Die polnischen Politiker, aber auch die Mehrheit der polnischen Historiker, ist bereit, das Datum des 1. Septembers 1939, also das Datum der ersten deutsch-polnischen Kampfhandlungen auf der Westerplatte vor Danzig, wie ←12 | 13→die polnische Staatsräson zu verteidigen, was uns auch vollkommen verständlich erscheint, obwohl dieses Datum genauso willkürlich ist wie alle anderen. Ich sehe keine meritorischen Hindernisse, das Anfangsdatum des Zweiten Weltkrieges nach vorne zu verschieben, indem man als Initialzündung jene große Umgruppierung der deutschen Einheiten anerkennt, welche am 12. März 1938 stattfand und als der Anschluss Österreichs in die Geschichte einging. Obwohl damals kein Schuss fiel, fällt es uns schwer, diese Aktion als eine Friedenslösung zu behandeln.

Biographische Angaben

Beata Giblak (Band-Herausgeber:in) Wojciech Kunicki (Band-Herausgeber:in)

Beata Giblak ist als Dozentin an der Hochschule in Nysa (Neisse), Polen tätig. Sie interessiert sich für das Werk von Max Herrmann-Neisse und die Prägungen des Neisser Liberalismus im 19. Jahrhundert. Sie ist Mitherausgeberin der Gesammelten Werke von Max Herrmann-Neisse. Wojciech Kunicki ist als Professor an der Hochschule in Nysa und am Institut für Germanistik an der Universität Wrocław (Breslau) sowie als Übersetzer tätig. Im Zentrum seiner Forschung stehen Leben und Werk von Ernst Jünger und Johann Wolfgang Goethe sowie Wissenschaftsgeschichte der polnischen und der deutschen Germanistik.

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Titel: Kulturräume. Räume der Kultur