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Von Menschen, Dingen und Räumen

Konstruktionen literarischer Gegenständlichkeit in ausgewählten Werken der deutschen und polnischen Gegenwartsliteratur

von Jolanta Pacyniak (Autor:in)
©2019 Monographie 326 Seiten

Zusammenfassung

Das vorliegende Buch setzt sich mit der Problematik literarischer Gegenständlichkeit in den Werken der polnischen und deutschen Autorinnen: Olga Tokarczuk, Joanna Bator, Julia Franck, Tanja Dückers und Jenny Erpenbeck auseinander. Das Ziel der Arbeit ist es, Ähnlichkeiten zwischen den analysierten Romanen und Erzählungen in Bezug auf die Gestaltung der materiellen Welt festzustellen. Zur Analyse literarischer Gegenständlichkeit wurden Erkenntnisse der materiellen Kultur sowie Forschungsansätze von Bruno Latour, Jean Baudrillard, Gaston Bachelard und Dorothee Kimmich eingesetzt. In Bezug auf Figurenkonstellationen, Dinge im Raum und Eigenleben der Dinge wurden Ähnlichkeiten in den Welterschließungsstrategien der analysierten Werke festgestellt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • I. Methodologische Vorüberlegungen
  • 1. Fragestellung und Zielsetzung
  • 1.1 Natur und Landschaft
  • 1.2 Soziokulturelle Räume
  • 1.3 Dinge
  • 1.4 Komparatistische Forschungsansätze
  • 1.5 Umriss der analysierten Texte
  • II. Von Menschen
  • 2. Figurenkonstellationen und die Welt der Dinge
  • 2.1 Mütter jenseits von Gut und Böse
  • 2.2 Überfürsorgliche Mütter? Besessenheit von der Ding-Welt
  • 2.2.1 Grausame Mütter. Befreiung von der Welt der Dinge?
  • 2.2.2 Die Befreiung von der Dingwelt. Literarische Konzepte der „guten“ Muttergestalten
  • 2.3 Großmütter und Töchter – ein übergenerationelles Paradigma
  • III. Von Räumen
  • 3. Dinge im Raum
  • 3.1 Landschaft und ihre Erscheinungsformen
  • 3.1.1 Landschaft und Wissen
  • 3.2 Figurenkonstrukte in Wissensräumen
  • 3.2.1 Wissensräume in der Konstruktion der männlichen Figuren
  • 3.2.2 Weibliche Figurengestalten jenseits von traditionellen Berufsmöglichkeiten
  • 3.3 Nicht-Orte vor dem Hintergrund der Ding-Welt
  • 3.3.1 Hotels und ihre Gegenständlichkeit
  • 3.3.2 Häuser und ihre Materialität
  • IV. Dinge
  • 4. Das Eigenleben der Dinge
  • 4.1 Der Eigensinn der Dinge
  • 4.2 Müll und Abfall
  • 4.3 Die wandernden Dinge
  • 4.3.1 Museumsdinge und Erinnerungsstücke
  • 4.4 Alltagsdinge
  • 4.4.1 Schränke
  • 4.4.2 Dinge, die auftauchen und verschwinden
  • Schlussfolgerungen
  • Literatur
  • Reihenübersicht

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I.  Methodologische Vorüberlegungen

1.  Fragestellung und Zielsetzung

Im Zitat von Berkley („Unbegründet ist die Unterscheidung zwischen der materiellen und geistigen Welt… Wirklich existieren nur Personen“ – übersetzt J.P.), das Olga Tokarczuk ihrem Roman E.E. voranstellt,1 wird auf die subtile Grenze zwischen der materiellen und der geistigen Welt Bezug genommen, die Spitze dieser Binarität jedoch gleich im nächsten Schritt gekappt und der eigentliche Schwerpunkt auf die Menschen verschoben. Mit diesem Zitat rückt der komplexe und dynamische Zusammenhang von Menschen, Dingen und Räumen ins Licht, der unter dem Blickpunkt der kulturwissenschaftlichen Ansatzpunkte zur materiellen Kultur in den Romanen von Olga Tokarczuk, Joanna Bator, Jenny Erpenbeck, Julia Franck und Tanja Dückers zu erforschen ist. In dieser Fragestellung muss man die Tatsache berücksichtigen, dass die Literatur außer der Materialität des Buches keinen direkten Zugang zur Materialität der Welt zu vermitteln im Stande ist, sondern nur durch das Medium der Sprache auf die materielle Seite der Lebenswelt einzugehen bestrebt ist. Solche vertexteten Dinge und ihr Zusammenspiel im sozialen und räumlichen Aspekt sind in den ausgewählten Werken der deutschen und polnischen Gegenwartsliteratur auszumachen, was, so die These, auf die Zugehörigkeit zu einer Generation zurückzuführen ist. Aleida Assmann trennt in ihren Erwägungen zu Generationsidentitäten zuallererst die Welt der biologischen Organismen und der Waren von der sozialen Dimension ab. In den ersteren gelte die unerbittliche Logik der Ersetzung, die auf die letztere nicht zurückzuführen sei. Dementsprechend entstehen im familiären und sozialen Raum Überlappungen und die nach Wilhelm Pinder definierte „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“.2 Für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation sei nicht nur der Jahrgang ausschlaggebend, sondern auch „prägende historische Erfahrungen ebenso wie gleichartige Sozialisation und geteilte Wertstrukturen“.3 In Bezug auf die Werke der zu untersuchenden polnischen und deutschen Schriftstellerinnen lässt sich nur im begrenzten Maße eine Ähnlichkeit der prägenden historischen Erfahrungen ausmachen (Orłowski betont, dass die Erfahrung der Vertreibungen der Polen und der Deutschen eine Asymmetrie im Medium der ← 7 | 8 → Literatur darstellt, was aus dem gesellschaftsgeschichtlich recht unterschiedlichen Verlauf der Bevölkerungsbewegungen im mitteleuropäischen Raum resultiert.4). Darüber hinaus gibt es eine ähnliche Sozialisation, vor allem sind einige Schnittpunkte in den Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend in der Volksrepublik Polen und in der DDR zu finden. Viel gravierender scheint der Umstand zu sein, dass die Autorinnen der Enkelgeneration in der jeweiligen Gesellschaft angehören, die ausgehend von der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges über die des Kalten Krieges bis zur modernen Gesellschaft ähnliche Strategien herausarbeiten, welche durch die Erforschung der materiellen Welt den Zugang zu der nicht mehr erlebten Erfahrung des Krieges und der Nachkriegszeit ermöglichen. Die eigenen Kindheitserinnerungen bilden nicht zuletzt den Hintergrund, vor dem die Beschreibung der materiellen Spuren eine neue Dimension in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schafft.

Gefragt wird im Weiteren nach der „literarischen Epistemologie von Dingen“5, dabei werden die Zugangsweisen zur Welt der Objekte auf diese eingeschränkt, die in den zu untersuchenden Werken der deutschen und polnischen Literatur Ähnlichkeiten aufweisen und damit auf eine partielle generationelle Gemeinsamkeit schließen lassen. Infolge des Desillusionierungsprozesses, der nach der Wende große Ideologien zu Verfall verdammen ließ, stellt sich die Frage nach neuen Anhaltspunkten, die auch literarisch umgesetzt werden. Der Soziologe Jean Baudrillard sieht in der Ding-Welt den modernen „Tröstungsmechanismus“: „Sie (Gegenstände, J.P.) sind heute – da die religiösen und ideologischen Instanzen versagen – im Begriff, zur Tröstung der Tröstungen zu werden, zu unserer täglichen Mythologie, die angesichts der Zeit und des Todes unser ständiges Angstgefühl überwinden hilft.“6 Zu erforschen ist, wie diese „Tröstung der Tröstungen“ in der polnischen und deutschen Gegenwartsliteratur realisiert ← 8 | 9 → wird und vor allem welche ähnlichen literarischen Strategien zur Umsetzung der materiellen Welt in das sprachliche Element verwendet werden.

Den Ausgangspunkt bilden die Erkenntnisse der materiellen Kultur, die im deutschsprachigen Raum von dem Ethnologen Hans Peter Hahn herausgearbeitet wurden. In der Ethnologie sei die grundlegende Methode der Untersuchung materieller Kultur die genaue Beschreibung von fremdartigen, exotischen Dingen.7 Weiter plädiert Hans Peter Hahn für die Einbeziehung der eigenen Lebenswelt in den Forschungsbereich der Ethnologen.8 Materielle Kultur erscheint demnächst als die Summe aller Gegenstände, die in einer Gesellschaft genutzt werden oder bedeutungsvoll sind. Hahn spricht sich für ein semiotisches Konzept materieller Kultur9 aus, was im Weiteren zu berücksichtigen ist. Diese Berücksichtigung des Alltäglichen, Konkreten und Materiellen scheint nicht zuletzt für die literaturwissenschaftliche Analyse fruchtbar zu sein, dabei muss der Umstand hervorgehoben werden, dass im Falle der Literatur keine konkreten materiellen Dinge vorliegen. Der Schriftsteller geht gewissermaßen wie der Ethnologe vor und verwandelt die in der eigenen Lebenswelt vorhandenen Objekte in „sprechende Objekte mit hoher Prägnanz“.10 Dabei geht es um verschiedene Objekte und ihre Einsatzformen in der Romanwelt, die nach ihren gemeinsamen Darstellungsformen in der polnischen und deutschen Gegenwartsliteratur befragt werden. Aufgezeigt wird, wie die Schriftstellerinnen ihre „Dialoge mit Dingen“ führen und wie diese „Dialoge“ in die Figurengestaltung der Romanwelt einbezogen werden. Texte, in diesem Fall die zu untersuchenden Romane und Erzählungen, interpretieren Objekte und deren Bedeutungen, was für den laufenden Wandel der Objektbedeutungen in einer Gesellschaft sorgt.11 In diesem Sinne überführt Literatur nichtsprachliche Phänomene in sprachliche Strukturen, was jedoch nicht vollständig geschieht, es bleibt eine Lücke für die weiteren Interpretationsmöglichkeiten der Leser übrig. Damit wird ein Prozess ← 9 | 10 → der „unbegrenzten Semiose“ angekündigt.12 Der Begriff der Semiose ist für die weitere Thesenführung von Bedeutung. Unter Semiose wird Einfluss verstanden, der die Zusammenwirkung dreier Subjekte involviert und zwar von einem Zeichen, seinem Objekt und seinem Interpretanten.13 Charakteristisch für die Semiose ist die Dialogizität, sogar im Falle von monologischem Denken, in dem ein Austausch von Zeichen erfolgt.14 Dieser dynamische Prozess der Semiose, in dem ein Zeichen seine Wirkung entfaltet, scheint vor dem Hintergrund der literaturwissenschaftlichen Analyse fruchtbar zu sein. Aus diesem Grund werden manche semiotischen Ansätze wie die von Roland Barthes oder die des Kultursemiotikers Jurij Lotmann herangezogen.

Nach Jurij Lotmann ist jegliche Existenz nur in einer räumlichen und temporalen Konkretheit möglich; der Mensch ist in einem realen, ihm von der Natur gegebenen Raum versunken.15 Um zum Kulturfaktor zu werden, unterliegt die äußere Welt dem Prozess der Semiotisierung und wird eingeteilt in Dinge, die etwas bedeuten, symbolisieren oder auf etwas hinweisen also Sinn haben, und in solche, die nur sich selber darstellen.16 Dabei schneiden verschiedene Sprachen, die die Semiosphäre ausmachen, aus der äußeren Wirklichkeit verschiedene Sachen heraus. Bei aller Mannigfaltigkeit der Substrukturen in der Semiosphäre, die dabei entsteht, werden sie auf einer zeitlichen – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und auf einer räumlichen Achse – der äußere und der innere Raum sowie die Grenze zwischen ihnen – organisiert.17 Diese räumlich-zeitliche Perspektive ist die ausschlaggebende und dominierende für die menschliche Existenz, so die Formulierung von Lotmann. Für Literatur sind folglich, wie trivial das auch klingen mag, die Kategorien von Raum und Zeit von Bedeutung, Konkretisierungsverfahren, die eine zeitliche und räumliche Bestimmung der fiktionalen Welt ermöglichen, unausweichlich. Dabei ist in der räumlichen Komponente, die für die weitere Thesenführung bedeutungsvoll erscheint, der Umstand zu beachten, dass der Raum sowohl in unserer Alltagswahrnehmung als auch in der literarischen Welt nur mittelbar erfahrbar ist, und zwar durch Beziehungen, in die Objekte im Raum zueinander treten; Gegenstände werden ← 10 | 11 → verschoben oder bleiben an ihrem Platz, Figuren können sich bewegen usw. Erst durch diese Situierung der Objekte zueinander entsteht die abstrakte Vorstellung eines ausgedehnten Raumes, der quasi-sinnlich zu erfahren ist. Es ist jedoch zu beachten, dass meistens ein literarischer Text Raumeindrücke oder die Wahrnehmung des Raumes wiedergibt und nicht so sehr den Raum als solchen.18 Die Raumgestaltung als reine Darstellung oder nur als Projektion der Eindrücke oder Wahrnehmung stützt sich auf Konkretisierungsverfahren, die unter anderem auf der Beschreibung konkreter Gegenstände oder Phänomene der außerliterarischen Welt und Relationen zwischen ihnen basieren. Eine mimetische Wiedergabe ist jedoch an sich nicht möglich, es entsteht eine neue virtuelle Welt, die sich von der materiellen Dimension der außerliterarischen Wirklichkeit und ihren Beschreibungsmechanismen speist und sie umformt. Dorothee Kimmich sieht in der Literatur das Medium, in dem der Versuch unternommen wird, der materiellen Dimension der Lebenswelt einen angemessenen Raum zu schaffen.19 Man muss dabei die Bedeutung des Begriffs „Lebenswelt“ für die weiteren Erwägungen unterstreichen. Nach Matuschek zeigt die Literatur die Welt nicht wie sie ist, sondern wie sie Menschen vorkommt. Die dargestellte Wirklichkeit ist vom einzelnen Menschen und dessen Lebenswelten aus perspektivisiert, weshalb es sich nicht um intersubjektiv verifizierbare Tatsachen handelt. Die Literatur zeigt nicht Welten, sondern Lebenswelten.20 Matuschek versteht unter Lebenswelt, der Begriffsbestimmung Husserls folgend, die basalen Einstellungen, Strukturen und Bezugsweisen, in denen sich für den Menschen die Welt ergibt und mit Worten Husserls „das natürlich normale menschliche Weltleben“.21 Die externen Koordinaten des menschlichen Lebens werden in der Literatur subjektiv umgeformt. Matuschek gibt dafür literarische Beispiele. Der Niedergang der DDR kann ← 11 | 12 → politisch und volkswirtschaftlich erklärt werden, aber in Uwe Tellkamps Der Turm wird er lebensweltlich gedeutet.22 Dieses literarische Deutungsspiel vollzieht sich in der literarischen Wirklichkeit, die sich die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften der außerliterarischen Welt zu Nutze macht und darauf basierend eine virtuelle Welt, eine mögliche Welt schafft.

1.1  Natur und Landschaft

Die äußere, mit Sinnen wahrnehmbare Welt wird im Prozess der Semiotisierung umgeformt, dies betrifft nicht zuletzt die breit verstandene Natur. Die „Natur an sich“ liefert einerseits das Material, aus dem die Artefakte der Kultur geformt werden, andererseits wird sie zum Objekt der Erkenntnis, auch im Rahmen der Naturwissenschaften, die bei Lotmann selbst als Teil der Kultur verstanden werden.23 In seinen Arbeiten weist er öfter auf die Tatsache hin, dass die Grenzen zwischen der Sphäre der Kultur und Natur verschwommen sind und die Zuordnung einer konkreten Tatsache zu einer der Sphären relativ sei. Es gibt eine Menge an Beispielen, die die Mechanismen der Absorption der Nicht-Kultur in die Welt der Kultur veranschaulichen, die jedoch die Grenze zwischen beiden nicht aufheben – diese bleibt erhalten, ist aber mobil und ermöglicht gegenseitige Kontakte.24 Untersucht werden Beispiele aus der Literatur, die besonders prägnant die gegenseitige Durchdringung beider Sphären aufzeigen und zur Konstruktion konkreter Wissensräume im literarischen Werk beitragen. In den Vordergrund treten in diesem Kontext Räume bzw. Räumlichkeiten in der Literatur als kulturelle Konstruktionsleistungen, die durch epistemische Praktiken und soziale Aushandlungsprozesse ebenso konstituiert und verändert werden wie durch wirtschaftliche Nutzung und ästhetische Formierung. In dieser Perspektive sind räumliche Verhältnisse elementar. Sie sind jedoch nicht statisch, sondern ein relationales Gefüge mit hoher Dynamik. Literarische Texte benötigen und schaffen konkretisierte Räume, in denen die vom Leser vorgestellten und mit Bedeutungen verknüpften Vorgänge überhaupt stattfinden können.25 Von Interesse sind narrative Strategien, die in den literarischen Werken der deutschen und polnischen Gegenwartsliteratur angewendet werden, um bestimmte konkretisierte Räume zu formieren. Gravierend ist in diesem Prozess die Durchdringung der ästhetisch gebildeten, imaginierten ← 12 | 13 → Räume der Literatur, die „durch symbolische Strukturen und Differenzverhalten hervorgebracht werden und artifizielles Wahrnehmen sowie fiktionales Probehandeln ermöglichen“26 mit Wissensräumen, die „durch empirisch-deskriptive Beobachtungen und andere epistemische Prozeduren konstituiert werden“27 und mit soziokulturell formierten Räumen, die „durch soziale Interaktionen, kulturelle Praktiken und mediale Technologien entstehen“28. Ausschlaggebend in diesem Kontext ist die Tatsache, dass Räume auf der Erzeugung und Zirkulation von Zeichen beruhen. Zu erforschen wären die narrativen Strategien, mit Hilfe derer die Zeichen der Wissensräume und der soziokulturell formierten Räume in diejenigen der ästhetisch gebildeten bzw. imaginierten Räume der Literatur transportiert und umgeformt werden. Zu betonen ist die Tatsache, dass epistemisch erschlossene, soziokulturell formierte und ästhetisch gebildete Räume nur heuristisch zu trennen und nur durch ihre semiotischen Repräsentationen zugänglich sind.29 Die Grenzen zwischen den drei Raumkonstruktionen, die als Ergebnisse von Zeichenbildungsprozessen zu definieren sind, können nicht eindeutig gezogen werden. Zu erforschen wäre die gegenseitige Beeinflussung der oben dargestellten Raumkonstellationen.

Die Konstitutionen der Räume haben einen zeichenhaften Charakter und beginnen mit der Wahrnehmung natürlicher und sozialer Lebensräume: Sachverhalte und Vorgänge in der Natur werden beobachtet und dann aufgezeichnet. Essentiell sind hier Beobachtungsverfahren, die sich auf Darstellungsverfahren und Textstrategien auswirken.30 In diesem Kontext taucht die Frage auf, wie die Literatur mit den Beobachtungsverfahren der Naturwissenschaften umgeht. Man muss nach Urbich eine Begrenzung in Bezug auf die Literatur vornehmen. Die intersubjektivitätssichernden Techniken rein epistemischer Darstellung: Argumentation, Beweisführung, die Offenlegung von Grundannahmen und das Ziehen von Schlüssen seien in der Literatur nicht tragend bzw. werden in ihr anders bezogen, nämlich in dramatischer, narrativer, sprachlich-assoziativer Weise.31 Zu untersuchen wären narrative Strategien, die die Erkenntnisse der Biologie, ← 13 | 14 → Astronomie, Astrologie, Chemie, Meteorologie, Psychologie usw. in den zu unter­suchenden Romanen in die Handlung und Figurengestaltung einführen und dadurch bestimmte Wissensräume transportieren, die in den Dialog mit der literarischen Welt treten. Das Potenzial der epistemischen Beobachtungsverfahren wird dann in der literarischen Wirklichkeitserschließung nutzbar gemacht. Epistemische Praktiken anderer Wissensarchive werden im literarischen Werk aktiv umgeformt und in einen neuen Zusammenhang gestellt. In diesem Kontext ist Literatur „sprachliche Vergegenwärtigung lebensweltlicher Wahrnehmungs- und Bewusstseinszusammenhänge, die ihren Rezipienten zum Anlass und zum Stimulus einer wertenden und reflektierenden Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Lebenswelt wird.“32 Die Lebenswirklichkeit eines jeden Menschen ist einerseits ein subjektives Konstrukt, was für Literatur offenkundig wird, andererseits – auf Grund der strukturellen Koppelung des Menschen an seine Umwelt – durch Rahmenbedingungen dieser Umwelt beeinflusst und begrenzt. Die Räume erscheinen dann in dreifacher Form: als menschlich-gelebt, natürlich und gedanklich-formal.33 Der natürliche Raum wird durch die oben erwähnten epistemischen Praktiken der Wissenschaften ergründet und auch beschrieben. Räume stehen für konkrete Ereignisse, die Materialität des Geschehens und die physische Bewegung wie für konkrete Personen. Diese materielle Konkretheit kann unversehens transzendiert werden. Der Raum wird dann nach Judith Miggelbrink zu einem konzeptionellen Grenzgänger zwischen Materialität und Mentalität.34 Zu erforschen wären die konkreten geographischen Angaben und Beschreibungen in einem literarischen Werk, die durch bestimmte narrative Strategien mit Bedeutungen versehen werden. Wie dies Miggelbrink weiter zutreffend erläutert, eignet sich der Raum so gut für metaphorische Verwendungen und für die Beschreibung sozialer Phänomene gerade dadurch, dass er etwas Konkretes, Reales und im buchstäblichen Sinn (Be-)Greifbares und somit „Naturalität“ hervorruft.35 Miggelbrink führt ← 14 | 15 → weiter aus, dass es offenbar immer einen „außerkommunikativen Rest“ gibt, etwas, das sich nicht in Kategorien der Linguistik, der Semiotik und der Kommunizierbarkeit auflösen lässt. Weiter heißt es: „Immer bleiben Materialität und Körperlichkeit diesseits oder jenseits des Textes, ohne dass man sie als Referenten dingfest machen könnte.“36 Es vollzieht sich also die Aufwertung des Raumes als etwas Prä- oder Postsemiotisches.37 Dabei kann er sich dieser Semiotisierung nicht ganz entziehen und unterliegt zugleich einer Interpretation. Das von Schlögel vorgebrachte Plädoyer für das Lesen der Landschaft als methodisches Prinzip der Erkenntnis, das die sinnliche Wahrnehmung bevorzugt, ist eben eine solche Semiotisierung der physischen und materiellen Spur und entspricht dem Paradigma des Spurenlesens als Form der Orientierung in der sozialen Welt durch die Deutung materieller Artefakte, wie es auch in der Geographie von Gerhard Hard vorgeschlagen wird.38 Dieses Spurenlesen schafft im Falle der Literatur einen imaginären Raum, der auf manche Konkretisierungsverfahren zurückzuführen ist. Im literarischen Werk findet keine Raumauflösung statt, hingegen werden manche räumliche Komponenten reorganisiert und in neue Konstellationen gestellt. Es wird aber auch auf die Lebenspraxis zurückgegriffen. In der außerliterarischen Wirklichkeit besteht die praktische, verständigungssichernde Notwendigkeit von Essentialisierung, räumlicher Kategorisierung und Verortung von Sachverhalten,39 die in einem literarischen Werk ihren Niederschlag findet. Eine Landschaft, die mit bestimmten, durch die Sinne erfahrbaren Eigenschaften versehen ist, wird im literarischen Werk in einen imaginären Raum umgeformt, wobei nur manche, für die literarische Welterschließung gerade notwendigen Merkmale in die Handlung eingewoben werden. Gleichzeitig kommen bestimmte narrative Strategien zum Vorschein, die eine konkrete imaginäre Landschaft modellieren, welche mit der Verfassung der Figuren in Verbindung gebracht wird. Eine Essentialisierung des Raumes, die in der Alltagserfahrung von Bedeutung ist, wird auch in der literarischen Wirklichkeit vorgenommen. Räume in literarischen Texten, sogar diejenigen, die als „natürlicher“ Raum zu definieren sind, werden generell auf menschliche bzw. anthropomorphe Handlungs- und Wahrnehmungssubjekte bezogen; selbst eine ← 15 | 16 → menschenleere Insel wird durch einen Erzähler oder Beobachter beschrieben.40 Einen objektiv gegebenen Raum gibt es demzufolge nicht.

1.2  Soziokulturelle Räume

Ein Raum, wird nicht nur durch physikalische Eigenschaften charakterisiert, sondern auch durch menschliche Eingriffe konstituiert. Zu den soziokulturellen Räumen gehören Einrichtungen des öffentlichen Lebens, aber auch historische Orte, Kunstsammlungen, Bildungsstätten und Gelehrtenzirkel.41 Dazu zählen nach meiner Einschätzung auch Häuser, die nicht nur im Sinne materieller Artefakte, sondern auch als Bedeutungsträger fungieren. Ein Haus wird durch die Menschen und Gegenstände geformt, ist gleichzeitig Teil des sozialen Raumes und bietet physischen Schutz für die Bewohner und ihren Besitz. Wenn wir über das Bewohnen eines konkreten Gebäudes sprechen, werden nicht nur Menschen gemeint, sondern ihr ganzes Vermögen, Möbel, Inneneinrichtung und Gefühle. Somit wird für Tim Dant das Phänomen des Hauses zum bedeutenden Aspekt der materiellen Kultur, ein Bezugspunkt, in dem Menschen und Sachen aufeinander treffen und wo auch soziale Beziehungen und Verhältnisse zwischen Gegenständen nicht zu unterscheiden sind. Sogar ein menschenleeres Haus wird zum sozialen Raum.42 Dant unterscheidet weiter zwischen „Zuhause“, also einem emotionalen Raum, in dem die Menschen in gegenseitige Beziehungen mit sich selbst und mit den sie umgebenden Dingen treten und dem „Haus“, das das „Zuhause“ einbezieht und den materiellen Aspekt berücksichtigt. Darüber hinaus wird auch der Begriff „Behausung“ (englisch dwelling) vorgeschlagen, um die soziale und materielle Bedeutung des Hauses zu berücksichtigen.43 In der materiellen Kultur wird die Art und Weise analysiert, wie die menschliche Existenz mit der materiellen Welt verbunden ist. Es gibt verschiedene materielle Formen, die ein Haus einnehmen kann und die auf die Art und Weise der Existenz der Menschen, die dort wohnen, verweisen. Die Behausung eines sesshaften Menschen ist rechteckig, womit eine reguläre und zweidimensionale Oberfläche geschaffen wird, die an die Bilder und Bildschirme denken lässt. Diese rechteckige Form ist für diejenigen Gesellschaften charakteristisch, in denen sich die meiste Arbeit und die sozialen Handlungen zu Hause abspielen. Von der Außenwelt wird er durch die Fenster mit Scheiben aus ← 16 | 17 → Glas getrennt, die das Beobachten der Außenwelt vom Innen ermöglicht.44 Die materielle Form einer Behausung spiegelt die kulturellen Grenzen zwischen verschiedenen Modi des Bewohnens wider. In dieser Bedeutung beinhaltet ein Gebäude die Bräuche und Konventionen einer bestimmten Kultur. Die rechteckige Bauweise ermöglicht die Anpassung der Häuser aneinander, die für die runden und dreieckigen Behausungen der Nomaden unmöglich ist. Im Inneren werden die rechteckigen Häuser dann in Zonen eingeteilt, die für bestimmte Personen oder zu einem bestimmten Zweck vorgesehen sind.45 Die materielle Beständigkeit mancher Häuser bewirkt, dass sie über Jahrhunderte hinweg andauern, eine ganz deutliche Spur an dem Ort, wo sie stehen, hinterlassen und von der Besonderheit dieser Region zeugen. Der architektonische Code, im Verständnis von Umberto Eco, lebt in der Substanz des Hauses weiter, sogar dann, wenn sich das anthropologische System ändert. Ein architektonischer Code kann auch die Grenzen der Kultur überschreiten.46 Es lassen sich zwei Tendenzen in der Betrachtung des Hauses feststellen; einerseits wird die „Gemachtheit“ des Hauses durch kollektives und individuelles Handeln oder auch durch die Kommunikation betont, andererseits fungiert das Haus als eine „strukturierende Struktur“ und quasi als Akteur, denn die Materialität und Räumlichkeit der Häuser prägen auch die alltäglichen Beziehungen zwischen Geschlechtern, Generationen, Mensch und Tier.47 Ein derartiges Verständnis des Hauses findet auch in die Literatur Eingang, so meine These, sowohl in die deutsche als auch in die polnische Gegenwartsliteratur.

Tim Dant beruft sich in seinen Erwägungen über verschiedene Formen der Behausung auf die Erkenntnisse von Heidegger, der unter anderem das Bauen als Bewohnen anführt.48 Diesen Begriff versteht er nicht nur als Errichten eines Hauses, sondern gemeint werden auch solche Tätigkeiten wie Aufräumen, Ausstatten, Schmücken oder andere Aktivitäten, die mit der materiellen Dimension des Bewohnens zusammenhängen, z. B. Kochen, Wäschewaschen, Nähen. Diese Tätigkeiten werden als Teil des Alltagslebens gepflegt. Dabei muss man noch einen anderen Aspekt in Betracht ziehen und zwar die Tatsache, dass das Phänomen des Hauses auf der Gegenüberstellung des öffentlichen und privaten Bereiches basiert. Der letztere wird durch diejenigen bestimmt und geschützt, ← 17 | 18 → denen das Haus gehört. Das Haus ist ein Ort des materiellen Ausdrucks seiner Bewohner, an dem sie keinen routinierten Aktivitäten wie an der Arbeitsstelle nachgehen, sondern der dem eigenen Wohlbefinden dient.49 Von Bedeutung ist die Tatsache, dass die kulturellen und materiellen Tätigkeiten eine Umgestaltung des Stoffes benötigen: Lebensmittel werden in ein Gericht verwandelt, eine Umstellung der Möbel modifiziert den bewohnten Raum, schmutzige Wäsche wird durch das Waschen zur reinen Wäsche usw. Es kommt zu materiellen Veränderungen und Umwandlungen.50 Ein Haus wird zu einem Behälter, der durch menschliche Aktivitäten modifiziert und nach den individuellen Wünschen umgeformt wird. Gleichzeitig ist ein Gebäude, die materielle Form der Behausung, ein Produkt der Kultur. In den Häusern werden die Menschen mit der eigenen Kultur durch die materielle Form der Dinge, die sie umgeben, konfrontiert. Das Haus lässt sich in der Forschung unter verschiedenen Blickpunkten interpretieren; zu nennen wären solche wie: Haus als ein Produkt der jeweiligen Kultur, als Ordnungskonzept, materielles Artefakt und sozialer Raum. Alle diese Sichtweisen werden im Medium der Literatur gebündelt, was im Weiteren zu zeigen wäre.

Gebäude und materielle Dinge werden durch die Perspektive der jeweiligen Kultur „gelesen“. In der Literatur vollzieht sich ein doppelter Prozess: die materielle Welt wird in die Handlung eingeführt, aber gleichzeitig interpretiert. Der Erzähler „liest“ ein Gebäude und diese Leseart und ihre Interpretation werden nach Janell Watson durch den Text selbst hergestellt.51 Dabei können unterschiedliche narrative Strategien festgestellt werden. Watson stellt in Bezug auf die Schriftsteller und Soziologen ähnliche Strategien fest, ihre Leseart der Räume und der Dinge, die sich dort befinden, werden in ihre Beschreibungen hineingeschrieben.52 Dabei ist es ersichtlich, dass narrative Strategien in der Literatur mehr Rücksicht auf die Menschen, ihre Verhaltensweisen, menschliche soziale Organisation usw. nehmen und die Beschreibung in den Handlungsplot integrieren müssen. Ein Soziologe kann sich nach Watson mehr auf die Beschreibung selbst konzentrieren.53 Literatur und Soziologie konstruieren andere epistemische Modelle, es werden andere Wissensräume über das Haus und verschiedene Gegenstände im Haus kreiert, die sich jedoch an einigen Stellen ← 18 | 19 → überkreuzen. Manche Schriftsteller des 19. Jahrhunderts haben sich als Soziologen dargestellt und nun machen Soziologen von narrativen Strategien Gebrauch.54 Des Weiteren stellt jedoch Watson fest, dass sich sowohl ein Schriftsteller wie auch ein Soziologe auf die Menschen und ihre Aktivitäten, ihr Verhalten konzentrieren muss, dabei schafft der Letztere eher deskriptive Strukturen und muss sich um die Einbeziehung in die konkrete Handlungsstruktur nicht kümmern.55 Bei den narrativen Strategien der Integration der materiellen Objekte in die Handlungsstruktur lassen sich verschiedene Modelle nach Watson feststellen. Einerseits ist das ein Verhältnis der Analogie, Homologie und der gegenseitigen Beeinflussung zwischen Behausung und Bewohner, wo wie beispielsweise bei Balzac die Beschreibung der Charaktereigenschaften der Protagonisten mit der ihrer Wohnungen korrespondiert.56 Bei Proust dagegen stellt Watson ein Verhältnis der Inadäquatheit zwischen der Beschreibung der Inneneinrichtung und der der Interessen und Leidenschaften der Bewohner fest.57 In beiden Fällen werden jedoch Häuser und Wohnungen als Objekte anthropomorphisiert. Interessant ist die umgekehrte Richtung, wenn die beschriebenen Häuser und Wohnungen nicht als Projektionsfläche, sondern als selbstständige Objekte, die dem menschlichen Leben eine Richtung geben, dargestellt werden.

1.3  Dinge

Wie die Häuser und Wohnungen können auch die Dinge, die sich dort befinden, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden und dadurch Einblicke in die Welterschließungsstrategien der zu untersuchenden Werke ermöglichen.

Die Dingwelt, die in einem literarischen Werk durch das Medium der Sprache erschlossen wird, kann verschiedentlich beleuchtet werden. Es taucht die Frage auf, was ein Gegenstand bzw. ein Ding ist. In der Forschungsliteratur kommen zu diesem Thema unterschiedliche Deutungsweisen dieses Begriffs zum Ausdruck. Karl-Heinz Kohl unterscheidet etwa zwischen „Gegenstand“ und „Objekt“. Dabei spielen Beziehungen zwischen Person und Sache eine wichtige Rolle. Gegenstand stellt etwas der Person Äußerliches und Entgegengesetztes dar, dabei geht es in diesem Kontext um eine Beziehung des Widerstandes.58 Diesen ← 19 | 20 → Widerstand betont auch Heidegger in seinen Erwägungen zur Dingwelt.59 Nach Harman wird Heidegger als ein Philosoph des Mangels angesehen. Der normale Umgang mit den Dingen beruht nicht darauf, dass sie nicht als etwas Vorhandenes angesehen werden, sondern dass sie normalerweise nicht näher beachtet werden, in der Hoffnung, dass sie „zuhanden“ sind und jede Zeit benutzt werden können. Ein Bohrer und ein Hammer kommen erst dann zum Vorschein, wenn sie kaputtgehen oder verloren gegangen sind, also dann wenn sie Widerstand leisten. Normalerweise existieren sie unscheinbar in den menschlichen Sinnen unbekannten Dimensionen.60

Objekte dagegen weisen ein erweitertes Bedeutungsfeld als das der Gegenstände auf. In der Auffassung von Kohl sind das diejenigen Dinge, die eigenständig fungieren und sich außerhalb der Grenzen unseres Selbst befinden. Sie konstruieren unsere Umwelt; daher können auch andere Lebewesen, auch Menschen, dazugerechnet werden. Damit erschöpfen sich jedoch nicht die Definitionsversuche. Im Weiteren werden Objekte als unbelebte und beständige Dinge verstanden, die bestimmte Eigenschaften aufweisen und aus mehreren festen Substanzen bestehen, die wir als unterscheidbare Einheiten wahrnehmen können.61 Im philosophischen Verständnis tauchen sie als sinnliche Gegenstände auf, die außerhalb des menschlichen Bewusstseins nicht existieren und mit bestimmten Eigenschaften versehen sind. In der phänomenologischen Ausprägung fungieren sie ausschließlich in der menschlichen Erfahrung und haben keine selbstständige Existenz.62 Für die Literatur scheint diese Ausstattung der Dinge mit konkreten, sinnlich begreifbaren Eigenschaften besonders fruchtbar zu sein. Die distinkte, sprachlich erfassbare Einheit des Objekts ermöglicht ihm, Zeichencharakter zu bekommen und für ein anderes als es selbst stehen zu können. Ausschlaggebend in diesem Kontext ist die Tatsache, dass sich Objekte aufgrund ihrer Konkretheit und Beständigkeit besonders gut dazu eignen, Erinnerungen, Ideen und Gefühle zu verkörpern, Bedeutungen über Raum und Zeit hinweg zu transportieren. Kohl betont, dass sie in dieser Hinsicht selbst der Sprache überlegen zu sein scheinen. Die Sprache sei in diesem Kontext ein weit flüchtigeres und unbeständigeres Medium.63 Diese Beständigkeit der Objekte ← 20 | 21 → wird in die literarische Welt transportiert und durch Konkretisierungsverfahren in den Welterschließungsstrategien nutzbar gemacht.

Wenn man den Objektklassifikationen von Karl-Heinz Kohl folgt, dann ergibt sich die Einteilung nach der Beschaffenheit und Funktion der Objekte. Grundlegend für Kohl ist die Unterscheidung zwischen natürlichen Objekten und Artefakten. Beide können als Zeichenträger fungieren. Die Artefakte sind besonders interessant, weil ihnen schon im Laufe des Herstellungsprozesses bestimmte Intentionen eingegeben worden waren und die physische Existenz ihrer Produzenten überdauert haben.64 In diesem Kontext tut sich der breite Bereich der Semiotik der Gegenstände auf. Durch ihren Charakter als Zeichenträger sind sie auch an die Sprache gebunden, weil ihr Bedeutungsgehalt von Generation zu Generation weitergegeben werden muss. Wenn das Wissen über die Funktion der Gegenstände nicht bewahrt wird, erlischt mit dem physischen Ende einer menschlichen Gruppe auch die Erinnerung an die Bedeutungen. Diesen Sachverhalt bezieht Kohl vor allem auf natürliche Objekte, die beispielsweise als religiöses Symbol dienen.65 Meines Erachtens betrifft das auch die Gebrauchsgegenstände, deren Prestigegehalt im Laufe der Jahre oder von einer menschlichen Gruppe zu einer anderen verloren gehen kann.

Diese Gebrauchsgegenstände lassen sich nach Kohl in die folgenden Gruppen einteilen: Konsumtionsmittel, Schutz- und Hilfsmittel sowie Produktionsmittel. Konsumtionsmittel seien zum Verzehr oder zum Verbrauch bestimmt und werden zur biologischen Selbsterhaltung des Menschen benötigt.66 Sie können auch, wie das oben erwähnt wurde, als Prestigegegenstände fungieren. Im Kontext der zu untersuchenden Werke der deutschen und polnischen Literatur ist interessant, dass die Gegenstände, wie Kohl formulierte, regelrechte Karrieren durchlaufen. Manche Gegenstände, die einst als Alltagsgegenstände angesehen wurden, werden im Laufe der Jahre sozusagen nobilitiert und gelten als Antiquitäten. Sie können aber auch einen gewissen Abstieg erfahren, wobei auch der ursprüngliche Prestigegehalt verloren geht. Solche Übergänge, von niederen in höhere Kategorien oder auch umgekehrt, können auch synchron verlaufen, nämlich dann, wenn ein Gegenstand von einer Kultur in eine andere wandert.67 Gemeint sind hier nicht nur Entdeckungs- und Kolonialunternehmungen aller Art, sondern die Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen, die sich auch in der materiellen Sphäre manifestieren. ← 21 | 22 →

Jedenfalls variiert der Wert der Gegenstände, er ist keineswegs stabil. Wie dies Kohl, Heidegger umschreibend,68 formuliert, sind die materiellen Dinge, mit denen wir uns umgeben, keine „Dinge an sich“, sondern immer „Dinge für uns“. Sie befriedigen die menschlichen biologischen Bedürfnisse, dienen aber gleichzeitig als Mittel der Kommunikation, regulieren soziale Beziehungen und markieren Statusdifferenzen. Sie können in einigen Fällen hinter ihre Funktion als Zeichenträger zurücktreten.69 Diese soziale Funktion der Dinge wird in der Literatur zunutze gemacht, doch ihre Kommunikationsfähigkeit entfaltet sich in gewisser Hinsicht anders als im Falle eines real existierenden Gegenstandes. Eckhard Lobsien führt den Begriff des Textgegenstandes ein, der viel breiter als die oben genannten Definitionen des Dinges zu verstehen ist. Textgegenstand ist nach Lobsien all das, was nominal unter anderem deskriptiv dargestellt wird und ferner das, worüber der Text spricht, das gegenständliche Korrelat der Wort- und Satzbedeutungen.70 Die literarischen Gegenstände treten für uns in einer illusionären Anschauung zutage,was zur Folge hat, dass es auf den ersten Blick zwischen literarischen und lebensweltlichen Gegenständen in Hinblick auf unsere Erfahrungsweise keinen Unterschied zu geben scheint. Der literarische Gegenstand, der nur im menschlichen Denken konstruiert ist, erweist sich nach Lobsien, wenn es um seinen Bestimmungsgrad geht, als höchst defizitär, als notorisch unterbestimmt. Er wird dem individuellen und seinsautonomen Gegenstand erst dann angeglichen, wenn er im Prozess des Lesens um die fehlenden Bestimmungen supplementiert wird, wenn der Leser dem Sinn der Wörter Sinn-Kontexte verschafft.71 Im Kontext der kommunikationsschaffenden und sozialen Funktion der Dinge zeigen sich diese nach Lobsien in ihrem Außenhorizont, also im Bereich sowohl anderer Gegenstände wie anderer möglicher Standpunkte. Dem Außenhorizont wird der Innenhorizont gegenübergestellt, also der Bereich weiterer Gegenstandsaspekte, immer genauerer Bestimmbarkeit des immer nur teilweise erschlossenen Gegenstandes. Beide Bereiche werden dann in einem Spielraum von Möglichkeiten vereinigt; es lässt sich über das konkret Erfassbare hinaus immer noch Weiteres erkennen.72 ← 22 | 23 →

Für die zu untersuchenden Werke ist nicht nur der Zeichencharakter der Dinge von Bedeutung, sondern auch der Innenhorizont, der die unerwarteten Dimensionen an den Gegenständen auftut. Lobsien bezieht sich in seinen Erwägungen auf die Phänomenologie von Husserl,73 der die Auffassung vertritt, dass die Dinge außerhalb der menschlichen Erfahrung nicht existieren. Das einzig Verfügbare ist, was den Sinnen zugänglich wird, das Ding an sich existiert nicht. Hartman, der die Erkenntnisse der Phänomenologie anerkennend auch ihre Schwachstellen definiert,74 setzt voraus, dass die Dinge auch außerhalb unserer Erfahrung als selbstständige Objekte fungieren und ein Eigenleben führen, das der menschlichen Erkenntnis verschlossen bleibt. Sie dienen, ihre Funktion als Zeichenträger erfüllend, nicht mehr als bloße Vermittler in der zwischenmenschlichen Kommunikation, sondern haben eine eigene Existenz außerhalb der Theorie und Praxis. Hartman unterscheidet neben den sinnlichen Gegenständen auch die wirklichen, die völlig unabhängig davon existieren. Sinnliche Dinge erscheinen stets in der jeweiligen Erfahrung, die wirklichen dagegen bleiben immer versteckt75, in Abschattungen, wie dies Lobsien formuliert.76

Diese verborgene Seite der Dinge, ihre Sperrigkeit wird in der Literatur thematisiert und durch ästhetische Verfahren der Verfremdung in die Handlungsstruktur der literarischen Texte eingebettet. Wie Dorothee Kimmich unterstreicht, erweckt Literatur vielerorts die Vorstellung von Dingen als materiellem Gegenüber mit Eigenlogik.77 Die Dinge erscheinen hier als fremde, nicht im Sinne der Inbesitznahme durch einen anderen Menschen als Eigentümer, sondern selbstständige Objekte, die altern, vergehen und Menschen überleben können und eigene Geschichten, losgelöst von menschlichen Schicksalen haben können. Diese Fremdheit der Dinge bewirkt nach Kimmich im Grunde genommen eine Infragestellung von Wahrnehmung, Bezeichnung, Begrifflichkeit und Begreifbarkeit, die sich auf das wahrnehmende Subjekt bezieht.78 Diese „Selbstständigkeit“ der Dinge bewirkt, das ihre Zeichenhaftigkeit reduziert wird oder sie sich ihr verweigern.79 ← 23 | 24 → Sie können nicht zuletzt im literarischen Text als eigensinnige Akteure auftreten. Das resultiert aus der Tatsache, dass ihre Materialität nur imaginiert ist80 und sie an der Schnittstelle zwischen Mentalität und Materialität agieren. Sie sind durch ihre materielle Form vorbestimmt, besitzen aber andererseits keine physische Präsenz, weil sie als ein poetisches Artefakt fungieren.81 Diese Freiheit der Dinge, die in der Literatur zur Darstellung kommt, regt zum Umdenken über die Welt der Dinge an: werden sie in der außerliterarischen Wirklichkeit mit Sinnen erschlossen, zeigen die Dinge in vielen literarischen Werken ihre eigensinnige und rebellische Seite und stoßen so Gedanken über die Beschaffenheit der Welt an, ob sich nicht da hinter der sinnlich erfassbaren Fassade noch eine andere Wirklichkeit verbirgt, die der Mensch noch entdecken kann.

In diesem Kontext ist die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour zu erwähnen, die ansatzweise als Interpretationsgrundlage dienen kann. In den Netzwerken von Latour fungieren nicht nur Menschen als Akteure, sondern auch nichtmenschliche und nicht individuelle Einheiten.82 In seiner Theorie gewinnen Dinge an Bedeutung, weil sie im Netzwerksystem den menschlichen Aktanten gleichgesetzt werden. Latour vertritt im Weiteren die Auffassung, dass ein Netzwerk uns hilft, die Tyrannei des von den Geografen definierten Raumes zu überwinden, demnächst sei der Raum weder real noch sozial, sondern ein Cluster von Assoziationen.83 Dieses assoziative Element in der literarischen Gestaltung der Ding-Ensembles ist für die weitere Thesenführung äußerst fruchtbar. Die selbstständigen dinglichen Aktanten führen in der literarischen Ausformung eine von den Zwängen von Zeit und Raum unabhängige Existenz. Diese Art der dinglichen Existenz ist besonders im Werk von Erpenbeck und Tokarczuk auszumachen.

Was bei Latour im Kontext der weiteren Analyse bedeutend wirkt, ist die Wandelbarkeit der Akteure, die als keine festgelegten Einheiten fungieren.84 Dieses fließende, transitorische Element ist in Bezug auf menschliche und nicht menschliche Aktanten in den zu untersuchenden Texten auszumachen. Latour versucht in seinem Ansatz sogar das semiotische Gefüge zu verlassen und gibt ← 24 | 25 → den Unterschied zwischen Ding und seiner Repräsentation auf.85 Die Akteure lassen sich bloß durch ihr Handeln im Netzwerk erklären,86 und können somit die Grenze zwischen Ding und seiner Repräsentation unbehelligt passieren.87 Dementsprechend ist ein Netzwerk eine aufgezeichnete Bewegung eines Dings. Was zählt, ist die Art und Weise, wie diese Bewegung aufgezeichnet wird.88 Damit verzichtet die Akteur-Netzwerk-Theorie auf die mensch-, sprach- oder praxisorientierten Modelle,89 was übrigbleibt, sind die sich frei bewegenden Aktanten und Interaktionen zwischen ihnen. Diese Verselbstständigung von dinglichen Aktanten wird im literarischen Kontext einer Analyse unterzogen.

Dinge können aus verschiedenen Perspektiven gesehen werden, was unterschiedliche Deutungsmuster in der außerliterarischen Wirklichkeit eröffnet. Einerseits fungieren materielle Dinge vor allem im sozialen Kontext, weil sie von den Menschen produziert, gebraucht, verkauft, verbraucht und dann weggeworfen werden. In diesem Sinne werden sie fest in der menschlichen Kommunikation verankert und dienen als Alltagsgegenstände und Werkzeuge zur Lebenserhaltung und auch Erleichterung der täglichen Tätigkeiten. Dieselben Gegenstände können als Prestigeobjekte angesehen werden, weil andere Mitglieder der Gesellschaft sie sich nicht leisten können. Sie können im Laufe der Jahre ihre Rolle wechseln und dann zu Antiquitäten oder Museumsobjekten werden, außerhalb der Kultur, in der sie zu einem bestimmten Zweck produziert wurden. Sie können entweder ihren Prestigestatus einbüßen und beispielsweise zum Müll mutieren oder ganz im Gegenteil aufgewertet werden und epistemologische Eigenschaften gewinnen. Dinge vertreten und reflektieren Muster kultureller und sozialer Ordnungen, zugleich transformiert aber auch das ständige Umordnen der Dinge Strukturen kultureller Ordnung.90 Dieselben Gegenstände können, herausgerissen aus ihrem kulturellen und sozialen Kontext, bloß in ihren sinnlich erfassbaren Qualitäten und Quantitäten betrachtet werden, fest verbunden mit dem betrachtenden Subjekt, ohne dessen Sinne sie gar nicht existieren. Losgelöst vom phänomenologischen Kontext enthüllen sie die nur erahnten und den Sinnen unzugänglichen Zonen. Sie dienen in jedem Kontext oder in den Kontext-Mischformen als Mittel der Welterschließungsstrategien. In den zu ← 25 | 26 → untersuchenden Werken werden die unterschiedlichen Perspektiven verdichtet und dadurch die Möglichkeiten gewöhnlicher Perzeption überstiegen.

1.4  Komparatistische Forschungsansätze

Die Dinge und speziell ihre Repräsentationen in der Literatur werden im Folgenden der Analyse unterzogen. Dabei geht es darum, wie Evi Zemanek formuliert, transkulturelle Zusammenhänge zu rekonstruieren,91 zumal die analysierten Werke der deutschen und polnischen Literatur zuzuordnen sind. Es werden Romane zusammengestellt, mit dem Ziel, den „äquivalenten Vergleich“ durchzuführen. Es hilft, Zemanek zufolge, einen Oberbegriff auszumachen, der mittels der vergleichenden Studie neu zu definieren ist.92 In der folgenden Arbeit bilden eben literarische Repräsentationen der Ding-Welt und im breiteren Sinne die Materialität einen Obergriff und Basis für die weitere Analyse. Der Vergleich wird dann mit dem Ziel unternommen, „die jeweilige Eigenart der verglichenen Phänomene herauszustellen und das Verhältnis der beiden ebenso wie das darin enthaltene Allgemeine zu erkennen.“93 Infolge der Suche nach dieser Eigenart ergeben sich zwangsläufig Ähnlichkeiten in Motiven, Stoffen und Themen, die im Weiteren aufzuzeigen sind. Das Motiv ist in diesem Kontext als die kleinste Einheit zu verstehen. Literarische Stoffe dagegen werden von zahlreichen Struktureinheiten organisiert, die dann konkreter wirken.94 In den analysierten polnischen und deutschen Romanen taucht beispielsweise das Motiv der überfürsorglichen Mutter auf, die in den polnischen und deutschen Texten agiert und in beiden Fällen ähnliche Verhaltensweisen aufweist. Im Kontext der Ding-Welt ist das Motiv des wandernden Dings zu beachten, das im Romanverlauf strukturierend wirkt, was im Weiteren aufzuzeigen ist. Diese Motivforschung, die sich in der folgenden Analyse immer wieder auf die Erkenntnisse der materiellen Kultur bezieht, lässt sich in den typologischen Vergleich einordnen, wenigstens auf den ersten Blick. Die Vergleichs­objekte müssen hier in keiner aktiven Beziehung zueinander stehen, was auch keine räumlichen, zeitlichen und sprachlichen Kontakte voraussetzt. Grabovszki weist jedoch auf die Tatsache hin, dass in der Praxis beide Vergleichsarten gleichzeitig ← 26 | 27 → angewendet werden.95 In der folgenden Analyse kommt eben eine solche Mischform zur Anwendung. Einerseits stehen die Schriftstellerinnen in keinem direkten persönlichen Kontakt. Andererseits werden zwar literarische Texte aus zwei verschiedenen Sprachgebieten analysiert, was meistens auf den typologischen Vergleich hinweist,96 nichtsdestoweniger ist der folgende Vergleich keineswegs als ein rein typologischer zu verstehen. Die analysierten literarischen Werke erfüllen jedoch nicht das Kriterium, dass ihre zeitliche und räumliche Entfernung zueinander sehr groß ist,weshalb kein direkter Kontakt zwischen ihnen bestanden haben muss.97 Grabovszki bezieht sich im Weiteren auf fünf Vergleichstypen nach Manfred Schmeling; für die weitere Analyse ist der dritte Vergleichstyp ausschlaggebend. Die verglichenen Objekte werden nicht durch einen direkten Kontakt miteinander verbunden, sondern über Analogien in ihrer „Umgebung“. Dabei sind verschiedene gemeinsame Hintergründe für die mögliche Analyse auszumachen wie etwa ein bestimmtes literarisches Motiv, eine gemeinsame übernationale soziale Erfahrung oder historische Analogien.98 Im Weiteren wird sowohl auf bestimmte Motive hingewiesen als auch auf anthropologische Aspekte und historische Hintergründe. Zweifelsohne muss die Tatsache beachtet werden, dass alle analysierten Texte im Bereich der jeweiligen Kultur zu situieren sind. In der Vielfalt der Definitionen der Kultur ist auf diejenige von Vera und Ansgar Nünning aufmerksam zu machen: Kultur ist dementsprechend der „von Menschen erzeugte Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen, der sich in Symbolsystemen materialisiert“.99 Dieser Gesamtkomplex wird durch das Medium der Literatur ermittelt; die materiellen Erzeugnisse der jeweiligen Kultur, und in diesem Falle der polnischen und der deutschen, werden im literarischen Werk beschrieben, kommentiert und umformuliert. Agnieszka Karpowicz zufolge leben die jeweiligen Äußerungen sowohl im Wort als auch im Bild, aber nicht zuletzt in der Geste und in der materiellen, nicht nur in der mentalen Welt.100 Gleichzeitig beruft sich Karpowicz auf die Erkenntnisse von Roman Ingarden und weist auf das doppelte Leben der Gegenstände hin, die ← 27 | 28 → mit den menschlichen Intentionen unwiderruflich verbunden sind.101 Die Dinge seien fließende Übergangswesen, die die Materialität mit dem verbinden lassen, wofür sie steht und gewöhnlich keinen materiellen Charakter aufweist.102 Diese gegenseitigen Verwicklungen zwischen der Materialität und Virtualität im literarischen Kontext sind für die komparatistische Analyse von Bedeutung, denn folgt man Zima: „Nur wenn ein Thema kulturelle und interkulturelle Konnotationen annimmt, wird es komparatistisch relevant.“103 In diesem Kontext ist die Bezeichnung „Thematologie“ von Bedeutung. Damit sind alle Grundbausteine eines Textes gemeint, die „ihm Struktur verleihen, Bedeutungen zuweisen, den Lesevorgang steuern.“104 Dahms zufolge vermitteln Themen, Stoffe und Motive nicht nur Einblicke in Verfahren der literarischen Überlieferung, Aneignung und Gestaltung, sondern erscheinen als Diskursformationen einer Kultur,105 die im Weiteren in Bezug auf die polnische und deutsche Kultur einem Vergleich unterzogen werden.

Aufschlussreich im Kontext des Vergleichs zwischen den literarischen Texten aus zwei Kulturen ist der Begriff der Dialogizität, der „sich für die soziosemiotische Analyse mehrsprachiger Kulturkomplexe“106 eignet. Der regionale Dialog der Stimmen entwickelt sich dementsprechend aus „dem sozialen und kulturellen Kontakt der ›Sprachen‹.“107 Dieser Kontakt der Sprachen wird vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der materiellen Kultur aufgezeigt.

Darüber hinaus ist auf die Dialogische Theorie hinzuweisen: „Die Dialogische Theorie ist eine wissenschaftliche Metatheorie, die Theorievergleiche durchführt und den wissenschaftlichen Dialog beobachtet, um die Schwachstellen und Stärken der beteiligten Theorien zu entdecken. Vergleichende Wissenschaften aller Art bilden eine ihrer Grundlagen, weil jeder Vergleich eine dialogische Komponente aufweist.“108 Diese Dialogizität nimmt unterschiedliche Formen an, weshalb es in diesem Kontext angebracht ist, nicht zuletzt auf das Verhältnis von ← 28 | 29 → Literatur und Wissenschaft einzugehen. In diesem Bereich werden komparatistische Ansätze entwickelt, die nach den Richtungen der Einflussnahme eingeteilt werden d.h. Wissenschaft auf Literatur, Literatur auf Wissenschaft und deren Wechselbeziehung.109 Im Weiteren wird der erste Aspekt besprochen, der unter anderem solche Themenbereiche wie „Fragen nach der literarischen Thematisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse, Theorien, Modelle und Methoden, einzelner wissenschaftlicher Personen und Werke oder großer wissenschaftlicher Paradigmenwechsel wie der Evolutionsbiologie oder der Quantenphysik, zum anderen Fragen nach der Übernahme formaler und sprachlicher szientischer Darstellungs- und Repräsentationstechniken“110 umfasst. Außer der Dialogizität mit der materiellen Kultur wird in diesem Kontext auf die Verbindungen von Literatur und Wissenschaften eingegangen.

Der Dialog und die Dialogizität bilden den Ausgangspunkt für komparatistische Studien, worauf nicht zuletzt Grażyna Szewczyk hinweist,111 indem sie die historischen Entwicklungen und die neuesten Tendenzen in der Komparatistik einer genauen Analyse unterzieht. Der Dialog zweier Kulturen und der interne Dialog mit der materiellen Kultur und Erkenntnissen der Wissenschaft steht in der folgenden Analyse im Mittelpunkt.

1.5  Umriss der analysierten Texte

Im Folgenden werden Texte der polnischen und deutschen Literatur verglichen, die alle der Prosa zuzurechnen sind. Gewählt werden Werke von Schriftstellerinnen, die in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre geboren worden sind. Sie kommen aus Polen und Deutschland und ihre Romane und Erzählungen sind, wie Grabovszki für die Kultur von Europa und Amerika feststellte „[…] keineswegs voneinander unabhängige Einheiten,“112 – der weitere Teil des Zitats scheint nicht weniger aufschlussreich zu sein – „(…) sondern stehen seit jeher in einem Austauschprozess, der in eine Richtung, nämlich von den USA nach Europa, intensiver verläuft als umgekehrt.“113 Eine solche Diskrepanz in ← 29 | 30 → der Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur findet sich ebenfalls in den zu untersuchenden Werken der polnischen und deutschen Autorinnen. Dabei ist die Richtung dieses Austauschprozesses eher als von der deutschen Kultur ausgehend zu beschreiben. Davon wird die polnische Kultur beeinflusst, was hinsichtlich der materiellen Kultur in den Romanen von Tokarczuk und Bator berücksichtigt wird. Diese Beeinflussung seitens der deutschen Kultur wegen der frühen deutschen Zugehörigkeit der westlichen polnischen Gebiete kommt im Weiteren zum Ausdruck.

Die deutschen Autorinnen Tanja Dückers, Julia Franck und Jenny Erpenbeck wurden, wenigstens in der Anfangsphase, dem sogenannten Fräuleinwunder zugerechnet. Die Bezeichnung kommt von dem Spiegel-Literaturkritiker Volker Hage und bezieht sich auf die Autorinnen, die Ende der 1990er Jahre „in dezidiert gegenwartsbezogenen Schreibweisen“114 das Interesse „an der unmittelbaren Lebenswirklichkeit“115 entwickelten. Dieser Begriff, obwohl er ziemlich früh „als unangemessener Gruppierungsversuch für heterogene Texte“116 kritisiert wurde, etablierte sich in der Literaturwissenschaft. Es wurde dabei der Vorwurf der „Befindlichkeitsprosa“ erhoben. Im Vordergrund der Texte steht die Reflexion konkreter Lebenssituationen wie die Wahl eines Lebenspartners, der Beziehung zu Eltern und Partner usw. Diese Fixiertheit auf einen bestimmten Themenkomplex zog den Vorwurf nach sich, diese Probleme seien bloß Luxusprobleme der modernen westlichen Gesellschaft. Dabei wird jedoch übersehen, dass diese Fixiertheit eine gezielte narrative Strategie ist „die Gegenwart als innerlich leer auszuweisen, indem sie die emotionalen Folgen einer im Wandel befindlichen Lebensweise ins Zentrum rücken.“117 Dabei wird die Sehnsucht nach neuen Idealen zum Ausdruck gebracht.118

Dieser Gruppe von Schriftstellerinnen ist vor allem Tanja Dückers zugehörig. Sie wurde am 25. September 1968 in Berlin (West) geboren und ist die Tochter des Kunsthistorikers und George-Grosz-Experten Alexander Dückers und der Kunsthistorikerin Margarethe Dückers. Sie studierte an der Freien Universität Berlin und an der Universiteit van Amsterdam Germanistik, Niederländisch, Nordamerikastudien und Kunstgeschichte. Sie lebt als freie Schrifstellerin in ← 30 | 31 → Berlin.119 Berlin ist auch der Schauplatz vieler ihrer Romane, so wie in Spielzone aus dem Jahr 1999, wo die Stadt paradigmatisch für den Wandel und die neuen Lebensmöglichkeiten steht. Es werden anhand unkonventioneller Wohnformen neue Lebensentwürfe entwickelt.120 Die ungewöhnlichen Wohnformen in Berlin werden später im Roman Hausers Zimmer (2011) weiterentwickelt. Nach Spielzone kommt der Erzählband café brazil (2001) mit kleinen Skizzen aus dem Alltag der Protagonisten, deren Handlungsstränge manchmal in groteske und schwarzhumorige Ereignisse münden.121 Eines der berühmtesten Werke von Dückers, das im Weiteren der Analyse unterzogen wird und sich nicht so leicht in das thematische Schema des Fräuleinwunders einschreiben lässt, ist der Roman Himmelskörper aus dem Jahr 2003, der mit dem Roman Im Krebsgang von Günter Grass verglichen und auch gelobt wurde.

Der weitere Roman von Dückers, der eine ähnliche Thematik wie Himmelskörper einschlägt, obwohl eher hintergründig, ist Der längste Tag des Jahres aus dem Jahr 2006. Die Literaturkritikerin der FAZ sieht in diesem Roman, der die Reaktionen der vier Geschwister auf den Tod des Vaters widerspiegelt, eine Darstellung der postmodernen Ängste, die auf „eine traurige Vergangenheit, eine wirtschaftlich stagnierende Gegenwart und eine unsichere Zukunft“122 zurückzuführen sind. Dieser Eingriff der Vergangenheit in das Leben der Protagonisten aus dem 21. Jahrhundert wird aber nicht nur bei Dückers thematisiert. Auch die polnischen und anderen deutschen Autorinnen der jungen Generation beziehen sich, vor dem Hintergrund der erzählten Familiengeschichten, immer wieder sowohl auf die jüngere Vergangenheit und als auch vor allem auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dabei müssen diese Familiengeschichten erst mühsam durch Dokumente und Medien rekonstruiert werden. Die Texte bewegen sich zwischen Fiktionalität und Referenzialität.123 In diesem Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart spielt nicht zuletzt die Bezugnahme auf die Erkenntnisse der materiellen Kultur und Semiotik eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Das Materielle und seine Beschreibung ist vor allem ein immer wiederkehrendes Motiv im Schaffen Jenny Erpenbecks, die 1967 in der DDR geboren wurde. Sie kommt aus einer prominenten Familie von DDR-Literaten: ihre ← 31 | 32 → Großeltern waren Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ist Jenny Erpenbeck auch eine Theaterregiesseurin: ihr Stück Katzen haben sieben Leben wurde 2000 in Graz uraufgeführt.124 Die eigene DDR-Vergangenheit bildet eine Bezugsebene für ihre Werke. Die Erlebnisse von Heimkindern aus der DDR-Zeit werden in ihrem Romandebüt Die Geschichte vom alten Kind (1999) thematisiert. Es folgen der Erzählband Tand (2002) und der Roman Wörterbuch (2005), in dem zwar eigentlich die Diktatur in Argentinien beschrieben wird, aber immer auch Bezüge zum kommunistischen Regime auftauchen. Auch im Band mit den Skizzen Dinge, die verschwinden (2009) werden die titelgebenden Dinge, die verschwinden, vor allem aus dem DDR-Arsenal bezogen. Um die Fragen der Erinnerung, der Sprache und der Bewältigung der Zeit kreist der Roman Heimsuchung (2008), in dem die Geschichte eines Grundstücks und des dort situierten Hauses beschrieben wird.125 In der folgenden Analyse wird auf die Beschreibung der Materialität des Hauses und seiner Einrichtung eingegangen. Dabei werden die geschichtlichen Bezüge hervorgehoben, „die Shoah, Flucht und Vertreibung, Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee, roter Terror der Stalin-Ära, Vereinigung und Nachwendezeit sowie das Schreiben über die DDR nach deren Ende.“126 Im Vordergrund stehen jedoch keine großen historischen Ereignisse, sondern die Geschichte des Hauses entrollt sich vor dem Hintergrund der Alltäglichkeit.

Details

Seiten
326
Jahr
2019
ISBN (PDF)
9783631788042
ISBN (ePUB)
9783631788059
ISBN (MOBI)
9783631788066
ISBN (Hardcover)
9783631787267
DOI
10.3726/b15602
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
Mensch-Ding-Beziehungen in Literatur literarische Gegenständlichkeit deutsche und polnische Gegenwartsliteratur Dinge und Raum in Literatur Eigensinn der Dinge in Literatur
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019., 326 pp.

Biographische Angaben

Jolanta Pacyniak (Autor:in)

Jolanta Pacyniak promovierte 2005 über das Werk Karl Emil Franzos'. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen: das Phänomen der Grenze in der Literatur, das Schaffen Uwe Timms, literarische Räume und Mensch-Ding-Beziehungen in der deutschen und polnischen Gegenwartsliteratur.

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Titel: Von Menschen, Dingen und Räumen