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Expertise zur Wirksamkeit von Maßnahmen des Spieler- und Jugendschutzes: Ein systematischer Review

von Jens Kalke (Autor:in) Tobias Hayer (Autor:in)
Andere 192 Seiten

Zusammenfassung

In der Expertise wird der internationale wissenschaftliche Kenntnisstand zur Effektivität verschiedener Maßnahmen des Spieler- und Jugendschutzes in Form eines systematischen Reviews zusammengestellt. Im Fokus stehen dabei die seit 2012 geltenden verhaltens- und verhältnispräventiven Maßnahmen des Glücksspielstaatsvertrages. Zudem finden Interventionen Berücksichtigung, die im internationalen Kontext Wirksamkeitsnachweise erbracht haben, bislang jedoch noch nicht in die deutsche Gesetzgebung eingeflossen sind. Aus der systematischen Zusammenstellung der empirischen Befundlage für jede einzelne Intervention ergeben sich insgesamt 16 Handlungsempfehlungen mit Relevanz für Politik, Praxis und Forschung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort der Autoren
  • Vorwort von Dietrich Hellge-Antoni
  • Inhalt
  • Zusammenfassung
  • Abkürzungsverzeichnis
  • 1. Hintergrund und Zielsetzung
  • 2. Methodik
  • 2.1 Zeitplan
  • 2.2 Literaturrecherche und -auswahl
  • 2.3 Ausschlusskriterien im Überblick
  • 2.4 Kodierungsmatrix
  • 2.5 Eingeschlossene Primärstudien im Überblick
  • 2.6 Qualitätsbewertung: Bestimmung der Evidenzgüte
  • 3. Ergebnisse
  • 3.1 Verfügbarkeitsreduktion
  • 3.2 Alterskontrollen
  • 3.3 Personalschulungen
  • 3.4 Spielersperre
  • 3.5 Technischer Spielerschutz
  • 3.6 Pre-Commitment
  • 3.7 Responsible Gambling Tools
  • 3.8 Aufklärung
  • 3.8.1 Öffentliche Kampagnen und Informationsmaterialien
  • 3.8.2 Videos
  • 3.8.3 Programme und Projekte für Erwachsene
  • 3.8.4 Informationen an Spielgeräten
  • 3.9 Schulbasierte Prävention
  • 3.10 Personalisiertes Feedback
  • 3.11 Telefonberatung
  • 3.12 Erkennen von und Intervenieren bei Problemspieler*innen
  • 4. Diskussion
  • 4.1 Allgemeine Befundeinordnung
  • 4.2 Bereichsspezifische Befundeinordnung
  • 4.3 Limitationen
  • 5. Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis
  • Literatur
  • Anlage 1: Ausschlusskriterien im Überblick
  • Anlage 2: Kurz-Manual Kodierungsschema

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Zusammenfassung

Hintergrund und Zielsetzung. In der vorliegenden Expertise wird der internationale wissenschaftliche Kenntnisstand zur Effektivität verschiedener Maßnahmen des Spieler- und Jugendschutzes in Form eines systematischen Reviews zusammengestellt. Im Fokus stehen dabei die seit 2012 geltenden Maßnahmen des Ersten Glücksspieländerungsstaatsvertrages. Zudem werden Interventionen berücksichtigt, die zwar im internationalen oder nationalen Kontext Wirksamkeitsnachweise erbracht haben, bislang jedoch noch nicht in die deutsche Gesetzgebung eingeflossen sind. Die Grundlage des Reviews bilden demzufolge ausschließlich Evaluationsstudien, andere wissenschaftliche Evidenz- oder Erkenntnisstränge (z. B. theoretische Abhandlungen, bestimmte Arten von Grundlagenforschungen) bleiben bei der Maßnahmenbewertung außen vor. Aus dieser systematischen Übersichtsarbeit lassen sich weiterführende evidenzgestützte Handlungsempfehlungen für die gesetzliche Fortschreibung der Spieler- und Jugendschutzmaßnahmen ableiten sowie wichtige Handlungsbedarfe für die Politik, Forschung und Praxis beschreiben.

Methodik. In den systematischen Review fließen quantitative Primärstudien ein, die im Kern folgende Merkmale aufweisen: (1) mindestens Evidenzgrad III in Anlehnung an die Einteilung von Shekelle et al. (1999), d. h. die Evidenz basiert zumindest auf nicht-experimentellen, deskriptiven Primärstudien, (2) Verwendung von standardisierten Messinstrumenten und (3) Veröffentlichung der Befunde in einer peer-reviewten Fachzeitschrift. Es werden empirische Befunde zur Wirksamkeit der oben genannten Maßnahmen des Spieler- und Jugendschutzes berichtet. Dabei handelt es sich um verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen aus den Bereichen universeller, selektiver und indizierter Prävention. Als Outcome-Variablen dienen Nutzungsraten (Reichweite), die Akzeptanz sowie Wissens-, Einstellungs- und Verhaltensänderungen. Weitere Einschlusskriterien umfassen das Publikationsjahr (Zeitraum der letzten 15 Jahre bis Ende 2016) und die Publikationssprache (englisch- oder deutschsprachig). Dabei erfolgte die Recherche über folgende Literaturdatenbanken: Medline, Web of Science, Psyinfo, Psyindex, CINAHL und Cochrane.

Insgesamt konnten 115 Primärstudien identifiziert und in standardisierter Weise kodiert werden. Davon betreffen 78 Maßnahmen, die nach dem Staatsvertrag umzusetzen sind. An erster Stelle stehen hier die Aufklärungsmaßnahmen mit insgesamt 34 Studien. Diese werden aufgrund ihrer Vielfalt kategorial in vier Unterbereiche aufgeteilt (u. a. öffentliche Kampagnen und ←13 | 14→Informationsmaterialien oder Informationen an Spielgeräten). Es folgen die Bereiche Spielersperre und Pre-Commitment (Limitierungen) mit neun bzw. acht Nennungen. Zur Verfügungsreduktion und zu den Personalschulungen konnten jeweils sieben Publikationen gefunden werden. Alle anderen Interventionsarten kommen auf eine Anzahl von unter fünf Originalarbeiten. Das gilt für das Erkennen von und Intervenieren bei Problemspieler*innen (4), die Alterskontrollen (4), Responsible Gambling Tools (3) und die Telefonberatung (2). Für den wichtigen Bereich der Werberestriktion konnte keine einzige Untersuchung ermittelt werden, die den Einschlusskriterien entsprach. Gleichzeitig ließen sich auch Studien kodieren, die Interventionen behandeln, die bisher nicht Gegenstand des Staatsvertrages sind, aber in der internationalen Glücksspielforschung und -politik eine bedeutsame Rolle spielen. Im Ganzen betrifft das 37 Originalarbeiten. Eingeschlossen worden sind hier 16 Studien zur schulbasierten Prävention, 14 zu Maßnahmen des technischen Spielerschutzes und sieben zum personalisierten Feedback. Auch nach Untersuchungen über Rauchverbote in Spielstätten als Mittel der indizierten Prävention wurde systematisch recherchiert, aber letztendlich keine Originalarbeit gefunden.

Ein weiterer Schritt bezieht sich auf die Qualitätsbewertung der evaluierten Interventionen. Damit die Bestimmung der jeweiligen Evidenzgüte transparent und nachvollziehbar bleibt, ist eine Reduktion der komplexen Informationen von Originalarbeiten (Ergebnisse und Studienanlage) entlang von ausgesuchten Gütekriterien erforderlich. Es wurde deshalb eine Matrix entwickelt, die die Effekte einer Intervention unter Berücksichtigung der Qualität des Forschungsdesigns sowie der Interventionsart einordnet und diese nach den Evidenzstufen „keine“, „niedrig“, „mittel“ und „hoch“ zusammenfassend beurteilt. Bei der Interpretation ist grundsätzlich zu beachten, dass schon bei der Einstufung in „niedrig“ positive Outcome-Kriterien vorliegen, d. h. es müssen zumindest eine Akzeptanz und Nutzung der entsprechenden Intervention gegeben sein. Bei der Einstufung in „hoch“ handelt es sich gemäß exzellenter wissenschaftlicher Praxis um Studien mit Verhaltenseffekten, die in einem hochwertigen Forschungsdesign mit randomisierter Kontrollgruppe ermittelt worden sind. In die Kategorien „mittel“ fallen Originalarbeiten, die sich zwischen diesen beiden Polen bewegen. Hierzu zählen beispielsweise Studien, bei denen Wissens- und/oder Einstellungseffekte in einem Forschungsdesign mit methodischen Schwächen nachgewiesen worden sind.

Ergebnisse und Handlungsempfehlungen. Drei Originalarbeiten (von 115) bringen unter Beachtung des Forschungsdesigns und der Interventionsart eine Evidenzgüte mit sich, die nach den angewandten Bewertungskriterien als ←14 | 15→hoch einzustufen ist. Bei 29 Studien wird diese mit „mittel“ bewertet. In der Zusammenschau lassen sich die Effekte bei zwei Maßnahmen – Verfügbarkeitsreduktion und Spielersperre – aufgrund der Befunde in den Einzelstudien mit „mittel“ beurteilen. Bei fünf Maßnahmen sind diese zusammenfassend mit „niedrig/mittel“ einzustufen: Personalschulungen, Aufklärungsvideos, Aufklärungsprogramme für Erwachsene, schulbasierte Prävention und personalisiertes Feedback. Bei allen anderen Interventionen liegt die Güte der bisher nachgewiesenen Effekte niedriger. Auch wenn in der jüngsten Vergangenheit eine steigendende Anzahl von qualitativ höherwertigen Evaluationen zu verzeichnen ist, bleibt für viele Spieler- und Jugendschutzmaßnahmen ein deutlicher Forschungsbedarf zu konstatieren.

Insgesamt weist der Review eine Vielzahl an Stärken auf, wie etwa die inhaltliche Breite, die regelgeleitete und damit transparente Auswahl der Primärstudien inklusive der Bewertung ihrer Güte sowie seine Aktualität. Demgegenüber wird die Aussagekraft durch einzelne Limitationen ein Stück weit eingeschränkt. Unter anderem liefert diese Arbeit ausschließlich Angaben zur (generellen) Wirksamkeit einer Maßnahme, differenziertere Hinweise auf die optimierte Ausgestaltung einzelner Interventionen bleiben somit empirischen Arbeiten überlassen, die sich vor dem Hintergrund spezifischerer Fragestellungen tiefergehender mit dem jeweiligen Forschungsgegenstand auseinandersetzen. Daneben hängt die Güte der ermittelten Befunde naturgemäß immer von der Datenqualität der Primärstudien ab. Unter technischen Gesichtspunkten lässt sich in erster Linie kritisch anmerken, dass in der Regel eine Kodierung von signifikanten Primärbefunden stattfand. Signifikante Ergebnisse dürfen aber nicht vereinfachend mit praktischer Bedeutsamkeit gleichgesetzt werden. Andersherum bedeutet das Fehlen von einschlägiger Evidenz nicht unbedingt, dass die im Fokus stehende Maßnahme ineffektiv ist

Aus der systematischen Zusammenstellung der empirischen Befundlage für jede einzelne Spieler- bzw. Jugendschutzmaßnahme ergeben sich insgesamt 16 Handlungsempfehlungen, die bei einer Fortschreibung des Staatsvertrages auf jeden Fall berücksichtigt werden sollten. Dabei ist zu beachten, dass ihre Ausformulierung nicht auf allen inkludierten Primärstudien pro Bereich basiert. Vielmehr wurde bewusst eine weiterführende Befundspezifizierung und -verdichtung unter Hinzuziehung der jeweils besten Interventionsbewertung angestrebt; d. h. hier finden vor allem die höherwertigen Originalstudien Berücksichtigung. Zudem flossen bei den folgenden Empfehlungen punktuell auch weiterführende Erkenntnisse aus der Einordnung der Befunde des Reviews (Diskussionsteil) mit ein.

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1. Eine der wichtigsten Empfehlungen betrifft die Einrichtung eines zentralisierten Sperrsystems als eine Erfolg versprechende Maßnahme der Schadensminimierung. Ein solches Sperrsystem sollte alle Spielformen mit mittlerem und hohem Suchtpotential umfassen.

2. Auch eine verpflichtende schulbasierte Glücksspielsuchtprävention ist im Staatsvertrag fest zu verankern. Das Mittel der Wahl stellen dabei umfassende interaktive Präventionsprogramme mit glücksspielspezifischen Inhalten und Elementen der Lebenskompetenzförderung dar.

3. Ebenso ist der Staatsvertrag um die Maßnahme des personalisierten Feedbacks zu ergänzen: So sollten alle Spielteilnehmer*innen in regelmäßigen Abständen eine Rückmeldung über ihre Spielaktivitäten erhalten.

4. Personalschulungen müssen einen obligatorischen Baustein von umfassenden Präventionskonzepten bilden. Welche Schulungskonzepte sich dabei als überlegen erweisen und wie die erworbenen Kompetenzen im Sinne der Frühintervention (nachhaltig) nutzbar zu machen sind, ist mit Hilfe weiterer Evaluationsstudien zu klären.

5. In diesem Zusammenhang wäre konzeptionell auch zu prüfen, wie die Umsetzung von Alterskontrollen und ihre Akzeptanz beim Verkaufspersonal langfristig verbessert werden können.

6. Darüber hinaus erweist sich die Umsetzung von spürbaren Verfügbarkeitsbegrenzungen und -einschränkungen bei Glücksspielen mit einem erhöhten Suchtpotential als zielführend. Wie diese in der Praxis genau auszugestalten sind, ist unter Beteiligung von Expert*innen zu diskutieren.

7. Ferner müssen Glücksspiele um Geld für Minderjährige weiterhin verboten sein. Mit einer konsistenten Altersgrenze von 18 Jahren lassen sich die im Sinne des Jugendschutzes gewünschten Wirkungen erreichen.

8. Auch wäre die Fortentwicklung von Pre-Commitment-Systemen unter präventiven Gesichtspunkten wünschenswert. Zum jetzigen Zeitpunkt sind als Minimalstandards verbindliche, im Vorfeld der Spielteilnahme festzulegende Begrenzungen der Maximalspielzeit, des Maximaleinsatzes und der Maximalverluste in einem wohldefinierten Zeitfenster zu empfehlen.

Biographische Angaben

Jens Kalke (Autor:in) Tobias Hayer (Autor:in)

Jens Kalke studierte an der Universität Hamburg Politikwissenschaft. Seit 1992 ist er in der interdisziplinären Suchtforschung mit den Schwerpunkten Suchtprävention und Glücksspiel tätig. Im Jahr 2000 wurde er mit einer Arbeit über die Drogenpolitik der bundesdeutschen Landtage promoviert. Tobias Hayer studierte Psychologie an der Universität Bremen. Seit 2001 arbeitet er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie (ehemals: Institut für Psychologie und Kognitionsforschung) mit dem Schwerpunkt Glücksspielsucht. Im Jahr 2012 erfolgte die Promotion mit einer Arbeit zum Thema „Jugendliche und glücksspielbezogene Probleme".

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