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Digitale Disruption und Sportmanagement

von Ronald Wadsack (Band-Herausgeber:in) Gabriele Wach (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 356 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Ronald Wadsack: Digitale Disruption als Umfeldbedingung für Sportorganisationen
  • Ronald Wadsack: Führung in Sportvereinen (-verbänden) und Megatrend Digitalisierung
  • Sebastian Braun & Stefan Hansen: Digitalisierung und Sport: Sportsoziologische Perspektiven auf den sozialen Wandel in der Sportlandschaft
  • Rainer Cherkeh & Andreas Hampe: Datenschutzrechtliche Aspekte der Digitalisierung im Sport
  • Katja Stamer: Stand der Digitalisierung in den Sportvereinen
  • Jörg Ammon & Lutz Thieme: Digitalisierung und das System des organisierten Sports
  • Brody Ruihley, Andreas Hebbel-Seeger & Thomas Horky: VR, AR, Drohnen und 360-Grad-Kameras – die Zukunft von Sportmanagement und Sportkommunikation mit einem Blick auf die Situation in den USA
  • Eva Luise Uhlig: Digitalisierung im Fußballstadion – Was will der Fan wirklich?
  • Christina Münch & David Wewetzer: Digitale Transformation in der Pferdewirtschaft
  • Heinz-Dieter Quack: Digitale Transformation und Wandern
  • Oliver Schumann: Digitalisierung in der Fitnessbranche
  • Markus Breuer: E-Sport – Markt, Strukturen und Chancen für Sportvereine
  • Ronald Wadsack: Ausblick: Sport in der Smart City
  • Gabriele Wach & Ronald Wadsack: Szenario – Der digitalisierte Sportverein in einem digitalisierten Sportsystem
  • Abbildungsverzeichnis
  • Autorenverzeichnis

Ronald Wadsack

Digitale Disruption als Umfeldbedingung für Sportorganisationen

1 Einführung; 2 Ein kleiner Blick in Vergangenheit und Gegenwart und ein Ausblick auf die künftige Gegenwart; 3 Digitalisierung als Phänomen; 4 Veränderung – Transformation – Disruption; 5 Bedingungen und Erscheinungsformen der Digitalisierung; 6 Denk- und Diskussionsbereiche auch für Sportorganisationen; 7 Zwischenfazit als Fazit.

Abstract Der Megatrend Digitalisierung macht auch vor den Sportvereinen und -verbänden in Deutschland nicht halt. Dabei ergeben sich viele Auswirkungen aus Veränderungen der Erwartungen der Menschen, ausgelöst durch wirtschaftliche Aktivitäten und politische Unterstützungsprozesse für die digitalen Wandlungen. Dabei wird der Digitalisierung ein zerstörerisches Potenzial zugemessen, da bislang praktizierte Leistungsangebote und Organisationsformen auf den Prüfstand kommen und ggf. grundlegend neu aufgesetzt werden oder verschwinden. Die Digitalisierung drückt sich in vielfältigen Phänomen und Entwicklungen aus, was die gegenwärtige Situation unübersichtlich macht und eine besondere Herausforderung (auch) für die Sportorganisationen darstellt.

1 Einführung

Es soll an dieser Stelle um die Beschreibung der häufig als Megatrend apostrophierten Entwicklung der Digitalisierung gehen. Als Einstieg und Grundlage für diesen Band. Es wird davon ausgegangen, dass Sportorganisationen egal ob im Vereins- und Verbandssport, im Profisport oder in teilnehmerbezogenen Wirtschaftsbetrieben für Sport nicht die Treiber der Entwicklung sind, sondern sich in einer von anderen Kräften primär gestalteten Entwicklungsumgebung befinden. Neben den unternehmerischen Aktivitäten zur marktorientierten Umsetzung entsprechender Technologien z. B. in Zusammenhang mit Marketing seien die Technologiekonzerne selbst als zentrale Akteure genannt. Hinzu kommen eine Vielzahl von Start-Ups in dem Bemühen, Entwicklungsideen zu einer Umsetzung und sogar Marktreife zu bringen. Im Gegensatz zu dem lange dominierenden Entwicklungsantrieb durch Forschungs- und Entwicklungsabteilungen großer Konzerne hat sich die Dynamik des Feldes massiv erhöht. Letztlich ←9 | 10→sei die Politik als flankierende und durch Förderprogramme antreibende Institution genannt.

Es geht in diesem Beitrag nicht um konkrete Anwendungen digitaler Konzepte in Sportorganisationen. Diese werden in weiteren Beiträgen dieses Bandes in verschiedener Form angesprochen und geben einen Einblick in die Vielfalt der schon erkennbaren bzw. sich abzeichnenden Entwicklungen.

2 Ein kleiner Blick in Vergangenheit und Gegenwart und ein Ausblick auf die künftige Gegenwart

Trotz eines auf Managementarbeit ausgerichteten Textes möge man diesen kurzen persönlichen Rückblick tolerieren: Es muss irgendwann in den 1980er Jahren gewesen sein, als in der damaligen Arbeitsstelle in einer Unternehmensberatung ein Telefongerät aufgestellt wurde, auf dem nach heutigen Maßstäben winzigen Display Textnachrichten angezeigt werden konnten (BTX). Danach zog mit dem Atari 1040 der erste Rechner in die Beratung ein und löste u. a. im Sekretariat die Schreibmaschine mit Textspeicher ab. Dieser Computer war sogar für Außeneinsätze durch die kompakte Bauweise schon gut einsetzbar, auch wenn der Röhrenbildschirm noch separat mitgenommen werden musste. Dann gab es die ersten Handys mit Ausziehantenne; zumindest telefonieren war schon möglich, solange das Netz verfügbar war. Seither sind etwa 40 Jahre vergangen, viele Dinge haben sich verändert. Der Start des Internet für die breite Masse wird für Deutschland auf ca. 1990 datiert, womit sich ganz neue Möglichkeiten für verschiedenste Einsatzbereiche eröffneten.

Die Entwicklung des Internet und der damit verbundenen Anwendungen hat in der Zeit seit 1990 massiv an Fahrt aufgenommen. Die Fortschritte in der Digitalisierung und damit der Internetanwendungen fördern diese Entwicklung intensiv.

Ohne hier eine breite historische Abhandlung zu starten, war zumindest in Deutschland ein Punkt der Aufmerksamkeit die Einrichtung der Halle 54 bei Volkswagen in Wolfsburg im Jahr 1983. Ein Experiment zur Automatisierung der weitgehend ohne Menscheneinsatz erfolgenden Produktion begann. Das papierlose Büro wurde in den 1970er Jahren als Zukunftsmodell ausgerufen. Schon in den 1950er Jahren skizzierte der renommierte Management-Forscher Peter F. Drucker, dass in Zukunft ‚Infoworker‘ eine wesentliche Rolle für die Wertschöpfung von Unternehmen spielen würden.1

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Einige Beispiele für heute (Mitte 2019) praktizierte digitalisierte Anwendungen:2 Einkauf über das Internet für verschiedenste Produkte und Leistungen; Streaming von Filmen bzw. Videos; Schaffung von Netzwerken zwischen Menschen (z. B. Facebook); Telefonie über das Internet; Nutzung von Cloudsystemen für Datenspeicherung und -zugriff; 3-D-Druck mit ersten praktikablen Einsatzbereichen; Sensortechnik für verschiedenste Einsatzbereiche; Drohneneinsatz u. a. für Filme und Fotos, Überwachung; Robotereinsatz z. B. in Servicebereichen, in der Pflege oder für Sex; Datensammlung und Auswertung zur personifizierten Werbung für Konsum. Aber auch sportspezifische Anwendungen sind am Markt zu finden, z. B.: Online-Fitnessangebote, Fitnesstracker für das Messen der eigenen körperlichen Befindlichkeit und Leistungsentwicklung, Mischformen von körperlicher Aktivität und Virtual Reality, Anwendungen zur Analyse und Verbesserung des individuellen Essverhaltens.

Für die Zukunft gibt es verschiedene Ideen der weiteren Entwicklung, z. B.: autonomes Fahren, künstliche Organe für Menschen aus dem 3-D-Drucker, breiter Einsatz der Gesichtserkennung, Ausweitung von Augmented Reality in beruflichen und privaten Anwendungsbereichen.3

3 Digitalisierung als Phänomen

‚Megatrend‘ ist eine mittlerweile gängige Bezeichnung für Auslöser von gravierenden gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die Urheberschaft für den Begriff wird auf Naisbitt zurückgeführt.4 Megatrends werden mit folgenden Merkmalen charakterisiert:5

Langfristigkeit.

(historische) Verwurzelung.

Ubiquität und Komplexität mit ihrer Wirkung auf mehrere gesellschaftliche Bereiche.

Globalität.

Robustheit indem die grundlegende Entwicklung auch bei Krisen und Störungen wirksam bleibt.

Langsamkeit der Entwicklung als Regel, ggf. mit Schüben.

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Paradoxalität, der Ausdruck für die Nicht-Linearität als tieferem Wesen der Megatrends und Retrotrends als normaler Begleiterscheinung.

Horx ordnet den Begriff ‚Megatrend‘ näher ein: „Megatrends sind eigentlich gar keine ‘Trends’ im klassischen Wortverständnis von ‘etwas wird immer mehr’. Es handelt sich vielmehr um Strukturveränderungen in menschlichen Organisationsystemen.“6

In der meist mit dem Begriff ‚Zukunftsforschung‘ verbundenen Nutzung gibt es jedoch keine klare Linie. Zudem verändern sich die Megatrends in längeren Abständen zumindest in Nuancen.7 Aktuell (Anfang 2018) werden vom Zukunftsinstitut 12 Megatrends benannt, darunter z. B. Globalisierung, Individualisierung, Mobilität und New Work.8

Bei dem Zukunftsinstitut ist die Digitalisierung nur indirekt zu erkennen, während andere Institutionen und Quellen diese Entwicklung klar als ‚Megatrend‘ einordnen.9 Die mit der Digitalisierung verbundene Umbruchgeschwindigkeit, angetrieben durch massive wirtschaftliche Interessen und gefördert durch politische Entscheidungen, lässt die Macht dieser Entwicklung erahnen.

Barton et al. definieren Digitalisierung wie folgt: „Digitalisierung ermöglicht den Austausch von Leistungen zwischen Marktteilnehmern zur Erbringung einer Wertschöpfung und zur Organisation einer Gesellschaft, indem Geschäftsmodelle, Prozesse, Produkte, Projekte und Dienstleistungen implementiert werden, die auf Software-Lösungen basieren. Die Software-Lösungen interpretieren hierbei die Semantik der ausgetauschten Daten. Damit übernimmt Software auch Aufgaben, die zuvor der Mensch bearbeitet hat. Bei der Digitalisierung spielen die Daten von und die Interaktion mit Marktteilnehmern eine herausragende Rolle. Die Gestaltung von Gesellschaft und Arbeitswelt sowie der Schutz von Privatheit und die Sicherheit von Anwendungen sind die Herausforderungen der Digitalisierung.“10

Das Zitat ist deutlich in Richtung auf wirtschaftliche Beziehungen gerichtet. Nichtsdestoweniger sind die grundlegenden Inhalte auch für Nonprofit-Organisationen und das Freizeitleben der Menschen zutreffend.11 Stöger übersetzt ←12 | 13→„digital“ sinngemäß mit: „viel schneller, viel umfassender und viel vernetzter“.12 Es geht um die Neuorientierung bei der zielorientierten Verknüpfung von menschlichem Handeln untereinander und dem Zusammenspiel von menschlichem Handeln und Technikeinsatz. Zudem dringt das wirtschaftliche Kalkül als Monetarisierung von Aktivitäten in immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und verändert damit das Zusammenleben.

Bei genauerer Sicht auf die Basis der Digitalisierung, die Software, lässt sich die Betrachtung verfeinern. Die Verfassung in Bits und damit die Entwicklung von Software bedeutet eine Codierung, eine Abbildung in 0/1-Informationen.13 “Informationen sind digital codiert, wenn sie mittels eines begrenzten Systems diskret (das heißt durch endliche Intervalle oder Abstände voneinander getrennter), in sich bedeutungsloser Zeichen gespeichert werden.“14 Die damit verbundene Programmierung überträgt Darstellungen und Zusammenhänge in entsprechende Datenbestände, der Vorgang der Codierung. Mit der Codierung wird ein Ausriss der Wirklichkeit in einer spezifischen Art und Weise fixiert. Daraus entsteht eine Möglichkeitsraum bzw. für die durch Programmierung eingeräumten Handlungsoptionen Möglichkeitsstränge. Künstliche Intelligenz (KI) erweitert diese Möglichkeiten in verschiedener Form. Einerseits können die gleichen Aktivitäten neue Varianten entwickeln, wie z. B. das Vorschlagen von bestimmten Worten bei der Eingabe von Tastenkombinationen, die sich aus bisherigen Eingaben als wahrscheinlich ergeben. In einer weitergehenden Form soll KI eigene Handlungsstränge entwerfen.

Die Präsenz programmierter Inhalte ist heute weit über die reine Textnachricht hinaus gediehen. Bilder, Bücher und Filme sind bekannte Formen dieser Dematerialisierung. Dort wo früher materielle Gegenstände (Papierfotos, gedruckte Bücher, Filmmaterial) die Träger der Leistung waren, sind es heute Datenvolumina.15 Dieser Ansatz regt auch zur Suche nach passenden Geschäftsmodellen an, sei es z. B. komplexe Produktvergleiche oder Leistungskopplungen (Flüge und Unterkunft) mit der Verlagerung der Leistung auf das Internet. Die Dematerialisierung beinhaltet ja ebenfalls die Ortsunabhängigkeit der Leistungserbringung.

Mit den bestehenden Manipulationsmöglichkeiten spielt eine weitere Facette in dieses Thema hinein. Die Aussage von z. B. Bildern oder Nachrichten in einer digitalisierten Form ist angreifbar und kann mit relativ einfachen Mitteln ←13 | 14→verändert werden und über die medialen Möglichkeiten eine enorme Verbreitung erlangen.

Die angerissenen Hinweise zur Digitalisierung haben weitreichende Auswirkungen für die Arbeit von Organisationen und die damit verbundene Führungsaufgabe. „Digitalisierung ist … der Übergang von der heutigen sogenannten ‚Alten Welt‘ in eine digitale ‚Neue Welt‘. Dieser Schritt ist deshalb so anspruchsvoll, weil wir unsere Gewohnheiten haben, aus einer meist erfolgreichen Vergangenheit kommen und diese Alte Welt immer noch funktioniert. Verantwortung in der Führung bedeutet aber, die Grundlagen des Erfolges permanent zu hinterfragen. Es geht darum, das Geschäft von der Zukunft aus zu verstehen und nicht eine erfolgreiche Vergangenheit reflektiert fortzuschreiben.“16 In Tabelle 1 werden die beiden genannten Perspektiven näher im Hinblick auf die Veränderungen charakterisiert.

Tabelle 1: Veränderungen durch die digitale Transformation (Quelle: Stöger 2017, 3)

Die „Alte Welt“ vor der Digitalisierung Die „Neue Welt“ durch die Digitalisierung
1. Veränderungen sind überschaubar, verlaufen relativ langsam und sind oft auf einzelne Themen isoliert. 1. Veränderungen gehen deutlich schneller, umfassender und betreffen das gesamte Geschäftsmodell.
2. Grenzen des Unternehmens sind eindeutig über Eigentum, Verträge, Waren, Dienstleistungen und Geldflüsse definiert. 2. Grenzen des Unternehmens verschwimmen und sind vieldimensional durch z. B. Einbindung des Kunden, Partnernetzwerke …
3. Entwicklung und Produktion enden mit Markteinführung. Danach beginnt die Vorphase der nächsten Generation. 3. Entwicklung und Produktion beziehen sich auf den gesamten Lebenszyklus. Es gibt keine „nächste Generation“, sondern permanente Weiterentwicklung (Updates).
4. Verkauf ist der Schlusspunkt von Produktentwicklung und Vermarktung. 4. Verkauf ist der Start einer Kunden-, Echtzeit- und Responsebeziehung.
5. Im Zentrum von Marketing und Vertrieb steht der Verkauf eines Produkts. 5. Marketing und Vertrieb maximieren den Nutzen über den gesamten Lebenszyklus.
6. Kundenbeziehungen werden über den Kauf definiert, indem das Eigentum von Herstellern auf Kunden übergeht. 6. Kundenbeziehungen werden über Nutzung definiert, die mit Eigentumsfragen nicht zwingend etwas zu tun haben müssen.
7. Daten entstehen entlang der Wertschöpfungskette oder aus externen Quellen (Marktforschung …). 7. Daten entstehen in Echtzeit und permanent durch das Produkt und die Anwendung selbst und müssen in „Nutzen“ übersetzt werden.
8. Für Datensicherheit und Datenqualität ist primär die IT verantwortlich. 8. Um Datensicherheit und Datenqualität kümmern sich alle Funktionen.
9. „Organisationen“ sind hierarchisch getrennte Funktionen wie z. B. F&E, Einkauf, Produktion, Vertrieb, … 9. „Organisationen“ sind prozessorientierte Funktionalitäten, in denen es um Tempo, Vernetzung und Umsetzungsstärke geht.
10. Führung bedeutet v. a. die direkte Führung von Mitarbeitern, top-down und hierarchiegetrieben. 10. Führung wird vielschichtiger und bedeutet die Führung von Kollegen, von Chefs, von Kunden, von Wertschöpfungspartnern …
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Die in der Tabelle 1 angeführten Aspekte vermögen den Änderungsbedarf von Sichtweisen und Arbeitsweisen andeuten. Diese Anforderungen werden durch die Offenheit der künftigen konkreten Auswirkungen noch einmal verschärft. Das Beratungsunternehmen Gartner veröffentlichte verschiedene Studien zu den technologischen Perspektiven und bewertet diese im Hinblick auf ihre Marktfähigkeit. Dazu wurde der sogenannte ‚Hype Cycle-Ansatz‘ entwickelt, eine Phasenfolge, welche technologische Neuerungen durchlaufen, bevor sich die Etablierung am Markt beweist (Abbildung 1). Die Betrachtung ist sehr technik-orientiert und beruht in erster Linie auf Erfahrungsabschätzungen, was denn auch ein Bestandteil der Kritik an dem Konzept ist.17 Die Unsicherheit für die Organisationsentscheidungen bleibt, auf welche Technologien für die Zukunft bzw. für welchen Zeitraum gesetzt werden kann.18

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Bei der Entfaltung der Wirkung des Megatrend Digitalisierung spielen verschiedene Akteure eine wichtige Rolle (Abbildung 2). Sportorganisationen, in der Abbildung sind stellvertretend Sportvereine genannt, werden bei der Entwicklung der Basiskomponenten eher in der abhängigen Rolle sein.

Abbildung 2: Der Sportverein im Geflecht der Digitalisierungsinteressen (Quelle: eigene Darstellung)

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Menschen & Gesellschaft bedingen mit ihren Erfahrungshintergründen und Erwartungshaltungen im Hinblick auf den Einsatz digitaler Anwendungen die Akzeptanz von Organisationen und Leistungen in ihren verschiedenen Lebensbezügen. Beispiele sind Erwartung an Servicemöglichkeiten, das Interesse an und die Nutzung der Selbstvermessung oder die Bereitschaft zur Datenpreisgabe.

Politik & öffentliche Verwaltung spielen in zweierlei Hinsicht eine Rolle. V. a. die Bundes- und Landespolitik ist ein wichtiger Antreiber und ggf. Regulator für die digitalen Entwicklungen, indem Förderprogramme aufgelegt und Initiativen gestartet werden.19 Die Verwaltung ist v. a. als Anwender angesprochen. Mit den Bezeichnungen ‚eGovernment‘ zur Digitalisierung von Verwaltungsprozessen und Einbindung der Bürger in die Entscheidungsvorbereitung zu zentralen Themen ergibt sich eine interne Veränderung. Mit der ‚Smart City‘ wird ein Komplex digitaler Ansätze zur Steuerung des Gesamtsystems Kommune angesprochen.20

Digital- und Kommunikationswirtschaft umfasst alle Hard- und Softwareproduzenten sowie die Anbieter entsprechender Dienstleistungen. Sie arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung neuer Anwendungen und der Erschließung von entsprechenden Verwertungsmöglichkeiten. Damit verbunden ist auch die Kreation von neuen Geschäftsmodellen, die bislang noch nicht möglich waren.

Sonstige Wirtschaft meint die Nutzung digitaler Anwendungen und Technologien einerseits bei der Produktion von Gütern und Leistungen. Ebenfalls in diesen Bereich fällt die Entwicklung von Managementanwendungen z. B. für Planung und Marketing, um auf diesem Wege die Leistungsfähigkeit von Anbietern zu erhöhen.

Digitalisierung bedeutet auch die Schaffung neuer Abhängigkeiten im Hinblick auf die Verfügbarkeit und Qualität der eingesetzten Technologien. Neben der grundsätzlichen Funktionalität spielt dabei z. B. auch die Entwicklung von Systemwelten für Hard- und Software eine Rolle, welche sich in der Kompatibilität auswirken kann.21 Im Hintergrund erlangt die Stromerzeugung und -verfügbarkeit als Basisenergie eine immer zentralere Bedeutung. Ebenfalls nicht zu ←17 | 18→vernachlässigen ist der Zugang zu notwendigen Rohstoffen, um relevante Technologien zu produzieren.22

4 Veränderung – Transformation – Disruption

Eine grundlegende Sichtweise richtet sich darauf, inwieweit durch die Digitalisierung Bestehendes nur einer Veränderung und Modernisierung auf eine neue Stufe unterliegt oder inwieweit ein Ersatz bestehender Lösungen erfolgt.23

Die immense Beschleunigung und Umgestaltung der Lebenswelt durch Digitalisierung und Vernetzung trägt dazu bei, sogenannte ‚disruptive‘ Entwicklungen zu begünstigen. Schon Schumpeter verwendete 1942 den Begriff ‚kreative Zerstörung‘. Bei der schöpferischen Zerstörung geht es um das Neue, das das Alte verdrängt. Er nennt es einen Prozess, der von innen heraus revolutioniert, die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. „Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem U.S.-Steel illustrieren den gleichen Prozess einer industriellen Mutation, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft.“24 Das betrifft Strukturen, Technologien und Produkte, aber auch die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen. Der ‚Homo digitalis‘ kommuniziert rund um die Uhr und erwartet das auch von anderen, möglichst ‚asap‘.25

„Bei der Disruption führt die Dematerialisierung der Produkte durch Software und Services zu einer Neuordnung der Marktmechanismen und sogar zur Auflösung einer ganzen Branche.“26 Die Veränderung vom Handy mit Vertrag zu einem Smartphone mit Apps und In-App-Käufen und dem damit ermöglichten Datenhandel deutet dieses Veränderungspotenzial an.27

Auch wenn die Einflüsse der Digitalisierung nicht in allen Lebensbereichen in gleichem Maße greifen sollten, es deutet Vieles darauf hin, dass grundlegende Veränderungen damit verbunden sein werden. Entsprechend umsichtig und flexibel hat jede Organisationsführung zu agieren.

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5 Bedingungen und Erscheinungsformen der Digitalisierung

Der Begriff ‚Bedingungen‘ steht für grundlegende Voraussetzungen für die Digitalisierung, während ‚Erscheinungsformen‘ sich auf Umsetzungsformen und -methoden beziehen. Die einzelnen Aspekte können an dieser Stelle nur angerissen werden, technische Die bleiben weitgehend außer Betracht.

5.1 Bedingungen der Digitalisierung

Internet

Die Verbreitung der Digitalisierung ist ohne das Internet in vielen Bezügen nicht denkbar. Es vernetzt vielfältige Anwendungen und die Menschen. Die Verbreitung hat seit dem Jahr 2000 massiv zugenommen (Abbildung 3). Die teils regionalen technologischen Hindernisse mit dem Zugang zum Internet soll z. B. durch das Platzieren neuer Satelliten beseitigt werden.28

Zusammenfassung

Der Band beschäftigt sich mit dem Trend der Digitalisierung, der auch den Sportbereich betrifft. Die Auswirkungen können disruptiv – zerstörerisch – sein. Der Sport in seiner Vielfalt wird in verschiedener Weise von den Entwicklungen berührt und muss Wege finden, damit umzugehen. Die Beiträge betrachten die mit der Digitalisierung verbundenen Führungsanforderungen in Sportvereinen und eröffnen unter Bezugnahme auf den Sport in der Gesellschaft verschiedene Perspektiven zu diesem Thema. Die Beiträge untersuchen die Situation in Sportvereinen und –verbänden, in Bereichen des Profisports sowie in einigen ausgewählten Sportarten. Sie erörtern juristische Aspekte, Beiträge zum E-Sport sowie die Einbindung von Sport in der Smart City. Der Band stellt mögliche Zukunftsvision dar und öffnet den Blick darüber hinaus.

Details

Seiten
356
ISBN (PDF)
9783631806265
ISBN (ePUB)
9783631806272
ISBN (MOBI)
9783631806289
ISBN (Paperback)
9783631800508
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
Sportvereine Sportverbände Profisport Sportorganisationen Organisationsentwicklung Zukunftsvisionen Techniktrends
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 356 S., 13 farb. Abb., 30 s/w Abb., 69 Tab.

Biographische Angaben

Ronald Wadsack (Band-Herausgeber:in) Gabriele Wach (Band-Herausgeber:in)

Ronald Wadsack ist seit 2000 Professor für Einrichtungen des Sports und der Sportindustrie an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Salzgitter. Er lehrt in den Studiengängen Sportmanagement, Führung in Dienstleistungsunternehmen, Stadt- und Regionalmanagement. Gabriele Wach ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Salzgitter. Sie lehrt in den Studiengängen Sportmanagement und Führung in Dienstleistungsunternehmen

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