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Kleine Texte

von Steffen Pappert (Band-Herausgeber) Kersten Sven Roth (Band-Herausgeber)
Sammelband 352 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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Ulrich Schmitz

Klein, aber oho! Wissenschaftliche Rehabilitation sehr kleiner Texte1

Abstract: tl;dr

Keywords: grammar & designlinguistic landscapelinguistic lawsnanolinguisticsshort textssmall textstext linguisticsvisual surfaces

1. Intro

Kleine Texte? Warum sollten sich Wissenschaftler damit beschäftigen? Warum nicht mit großen Texten, langen Texten, grünen, doofen, guten, schlechten, kaputten Texten? Zunächst einmal geht es um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Linguist*Innen mit und ohne Gender-Stern. Gerade scheinbar abstruse Themen führen manchmal aber auf spannende Fährten. Das möchte ich im Folgenden zeigen.

2. Kurz und klein

Abb. 1 zeigt einen Ausschnitt aus der rechten Hälfte der mittleren Tafel des geschlossenen Isenheimer Altars (ca. 1510–1517) von Matthias Grünewald. Johannes der Täufer zeigt auf den gekreuzigten Jesus Christus. In seiner Armbeuge steht sozusagen als Sprechblase „Illum oportet crescere • me autem minui“ (dt. „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ Joh 3,30).2 Das ist ein großer Text, weil er bedeutungsschwanger ist.3 ←11 | 12→Inhaltliche Qualität soll im Folgenden jedoch keine Rolle spielen.4 Quantitativ ist es ein kleiner Text, und es ist ein kurzer Text. ,Kurz‘ und ,klein‘ aber sind relative Begriffe, hier relativ in Abhängigkeit von der Textsorte.

Abb. 1: Isenheimer Altar (Ausschnitt)

Die vermutliche längste Dissertation der Welt beispielsweise umfasst rund 2.500 Seiten und behandelt die Geschichte des Segelsports am Bodensee.5 Zumindest eine der kürzesten Dissertationen zählt sieben ←12 | 13→Seiten6 und behandelte 1959 in Princeton ein Problem aus der mathematischen Topologie. An der Gesamthochschule Wuppertal gab es vor Jahren eine mathematische Dissertation von einer Seite Umfang; ihr Verfasser war ein Jahr später Mathematik-Professor in den USA.7

Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu“ (1913–1927) umfasst 7 Bände mit zusammen rund 5.300 Seiten (gut 9,6 Millionen Zeichen), doch es gibt durchaus noch längere Romane. Der kürzeste Roman ist vermutlich Garschins „Ein sehr kurzer Roman“ (Очень коротенький роман, Otschen korotenki roman) von 1878 mit 1.470 Wörtern.8

Die kürzeste Kurzgeschichte wird Ernest Hemingway zugeschrieben. Sie umfasst sechs Wörter: „For sale: baby shoes, never worn.“9 Kürzestgeschichten der Gattung ,Tiny Tales‘ bzw. ,Micro Movies‘ dürfen höchstens 140 Zeichen umfassen.10

Doch Dissertationen, Romane und auch Kurzgeschichten sind nicht gerade kleine Textsorten. Als kleine Textsorten seien hier Textsorten verstanden, bei denen man typischerweise einfach strukturierte (also wenig komplexe) funktionale Gebrauchstexte erwartet, die stark konventionalisierten Normen folgen, zum Beispiel auf Einkaufszetteln, Visitenkarten oder in Kleinanzeigen.11 Dabei muss klein nicht kurz sein, vor allem, wenn es sich um Listen handelt wie etwa Preislisten, Speisekarten und Fahrpläne. ←13 | 14→Doch alle relevanten Merkmale kurzer Texte12 in kleinen Textsorten treffen auch auf lange Texte in kleinen Textsorten zu. Der Prägnanz halber konzentriere ich mich im Folgenden deshalb auf kurze Texte aus kleinen Textsorten.

3. Kleine Texte überall

Schauen Sie sich einmal in dem Raum um, in dem Sie gerade sitzen. Fertigen Sie eine Liste sämtlicher wahrscheinlich zwei- oder gar dreistelliger Anzahl an Texten an, die Sie hier sehen: auf Schildern, Zetteln, Bildern, Aushängen, Plakaten, an Möbeln, Geräten und anderen Gegenständen. Und welche Texte tragen Sie selbst an und bei sich: Aufdrucke auf Ihrem T-Shirt, Ihrer Brille und in Ihren Schuhen, Etiketten an Ihren Kleidern und Ihrer Wäsche, Tattoos auf der Haut, Texte auf Vorder- und Rückseite von Personalausweis, Kredit- und Visitenkarten, Geldscheinen, Münzen, Briefmarken, Autoschlüsseln und Notizzetteln … Welche Texte finden Sie in Rucksack, Hand- oder Aktentasche, welche liegen vor Ihnen auf dem Tisch?

Und wenn Sie den Raum verlassen, sehen Sie Wegweiser, Verkehrszeichen, Straßen-, Laden-, Geschäfts- und andere Namensschilder, Haustürklingeln, Ge- und Verbotstafeln, Graffitis, Tags und Aufkleber aller Art, Info- und Werbetexte an Häusern, Plakatwänden und Fahrzeugen, auf Kfz-Kennzeichen, Mülltonnen, Toiletten, Hydranten, Telefon- und Stromverteilerhäuschen, Denkmälern, Grabsteinen, Preislisten, Speisekarten, Fahrplänen etc. pp. Dann blicken Sie auf Ihren Handy-Bildschirm und Ihren papierenen Einkaufszettel, gehen in den Supermarkt, sind von Werbe- und Orientierungstexten aller Art umstellt: im Raum, an den Regalen, an und auf den Waren, auf Tüten, Preis- und Kassenzetteln. Auch am Arbeitsplatz wimmelt es nur so vor kleinen Texten: Namen, Adressen, Termine, Rechnungen, Kontoauszüge, Infos, Hinweise, Sortier-Schildchen auf Aktenordnern und Hängemappen, Anleitungen und Warnungen aller Art in Aufzügen, an Türen und Wänden, auf Memos, Briefen, Flyern, Drucksachen, Displays, Bildschirmen und Maschinen.

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Das Internet ist voll von kleinen Texten, z.B. auf Hyperlink-Beschriftungen, als Abstractfragmente oder Kurzinfos bei Google- bzw. YouTube-Suche, innerhalb von Pop-Up-Werbung, Videos, Snapchat- oder Instagram-Storys u.v.a.13; Apps arbeiten damit (Schmitz 2013); Bücher enthalten Titel, Verfassernamen, Widmungen, Motti, Zwischenüberschriften, Anmerkungen und andere Paratexte (Genette 1989); Zeitungen kommen nicht ohne aus, zum Beispiel bei Schlagzeilen, Teasern, Bildtiteln, Diagrammen, Infografiken, im Impressum, in Kleinanzeigen und vielen anderen Textsorten.14 Allein Ihr wöchentlicher Papiermüll zu Haus und im Büro ist eine Fundgrube unzähliger und vielfältiger kleiner Texte aller Art.

Hand aufs Herz: Wo finden Sie in Ihrer Umgebung zwei Quadratmeter völlig textfreier Fläche? Es gibt sie, aber man muss sie suchen – jedenfalls dort, wo sich Menschen aufhalten. Je mehr kleine Texte, desto belebter, urbaner, strapazierter der Ort. Kleine Texte sind Zivilisationsmarker: Produkte, Hilfsmittel, Indizien und Reste menschlicher Präsenz.

4. Eingrenzung (Definition)

Wenn wir das vielfältige Potpourri kurzer Texte nicht völlig ausufern lassen wollen, müssen wir Grenzen ziehen.15 Für den besonderen Zweck ←15 | 16→linguistischer Untersuchungen scheint es mir sinnvoll, zunächst drei – oft als selbstverständlich unterstellte – Eingrenzungen vorzunehmen. (1) Erstens verstehe ich als Texte hier nur geschriebene Texte, weil sie sich in der Regel stark von gesprochenen Worten unterscheiden. Damit sind spontane Aphorismen16 ebenso ausgeschlossen wie Floskeln in mündlichen Dialogen.17 (2) Zweitens soll es ein ganzer Text18 sein, d.h. er soll für sich stehen und als solcher verstanden werden, also nicht (i) Ausschnitt eines ganzen Textes sein (wie zum Beispiel Kleists berühmter Gedankenstrich in der „Marquise von O….“) oder (ii) Teil eines Dialogs (wie etwa SMS- bzw. WhatsApp-Turns oder Ausfülltexte in Formularen). (3) Damit sind drittens auch unfertige Texte ausgeschlossen, die also nur durch einen Zufall kurz geraten sind19 (z.B. dadurch, dass der Verfasser durch einen Schlaganfall plötzlich verstummt oder der Graffiti-Sprayer auf frischer Tat ertappt wird).

(4) Nicht selbstverständlich dagegen, sondern problematisch ist viertens die Behandlung kurzer Texte in bi- oder multimodalen Formaten, also vor allem in Verbindung mit bildlichen Elementen auf (wie bei Werbeplakaten) oder an (wie bei Bildtiteln oder -annotationen20) Sehflächen. Das könnte ein eigenes Thema sein. Der Einfachheit und Stringenz dieses Beitrags halber folge ich hier strikt der Logik der ersten beiden oben genannten Einschränkungen und berücksichtige auch in solchen Konstrukten nur geschriebene Texte, sofern sie an ihrer jeweiligen Stelle eigentlich auch für sich selbst verstanden werden könnten.21

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Abb. 2: Karikatur zur Internationalen Automobilausstellung. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12. 9. 2019, S. 1.

In fast jeder Hinsicht kontraindiziert ist beispielsweise die Karikatur in Abb. 2. Denn großenteils geht es hier um Simulation mündlicher Sprache, es ist nicht ohne weiteres ein ganzer Text (weil es – hier nicht abgebildet – noch eine Überschrift und einen Kurzessay dazu gibt), und vor allem wäre der Text ohne das Bild nicht verständlich.

Wenn wir uns also auf schriftliche ganze kurze Texte typischerweise kleiner Textsorten einigen, bleibt immer noch die entscheidende Frage offen, was ,klein‘ denn genau bedeuten soll. Ich möchte im Folgenden zeigen, dass es hilfreich (weil erkenntnisträchtig) ist, wenn man aus der so umzirkelten größeren (und immer noch sehr heterogenen) Menge der kleinen Texte eine kleinere Menge der sehr kleinen Texte herausgreift und diese wie folgt definiert:22

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Definition:

Sehr kleine Texte sind schriftliche kommunikative Minimaleinheiten, die höchstens einen grammatisch vollständigen Satz enthalten.

Kommunikative Minimaleinheiten sind die kleinsten Einheiten, mit denen sprachliche Handlungen vollzogen werden (vgl. Zifonun et al. 1997, Bd. 1: 86). Für die Aufgaben sehr kleiner Texte ist es irrelevant, ob es sich um grammatisch wohlgeformte Sätze handelt oder nicht; ganze Sätze dürfen also nicht ausgeschlossen werden. Wenn aber schon zwei ganze Sätze aufeinander folgen, werden Kohäsion und Kohärenz des ganzen Textes weitgehend mit grammatischen Mitteln hergestellt, was bei kürzeren Texten kaum der Fall und jedenfalls nicht notwendig ist. So ist mit dieser Definition auch der Unterschied zwischen klein und kurz eingefangen: Wenn maximal ein grammatisch vollständiger Satz vorkommen darf, wird der Text höchstwahrscheinlich23 wenig komplex24, kann aber etwa im Fall einer Liste doch sehr lang sein. Übrigens schließt die Definition nicht aus, dass nicht-schriftliche Elemente (z.B. die visuelle Gestaltung) in dem Sinne dazu gehören, dass sie das Verständnis der schriftlichen Zeichen erleichtern (wie z.B. bei Logos).

Je eindeutiger die Definition, desto schärfer ist der Untersuchungsbereich abgegrenzt. Dennoch wird man an dessen Rändern immer Zweifelsfälle finden, die je nach Betrachtungsweise entweder dazu gehören oder nicht. Hier spielen sie aber keine Rolle. Oder positiv formuliert: Die folgenden Überlegungen gelten nicht nur für prototypische Fälle, sondern für alle oder fast alle so definierten sehr kleinen Texte.

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5. Wozu dienen sehr kleine Texte?

Kleine Texte sind unscheinbar. Deshalb werden sie leicht übersehen – im doppelten Wortsinne: Im alltäglichen Gebrauch überschaut man sie (effizient) flüchtig oder – je nachdem – sieht (desinteressiert) oberflächlich über sie hinweg. „In vielen Fällen muss man sie […] gerade nicht ‚durchlesen‘, sondern einfach nur benutzen.“ (Hausendorf et al. 2017: 271) Darin besteht gerade ihr Vorteil: Meist kann man sie in Sekundenbruchteilen erfassen, und zwar nebenbei, also während man allerlei anderes tut (z.B. Auto fahren, Ziele suchen, arbeiten). Und gerade ihr Nebenbei-Status führte dazu, dass sie in der Wissenschaft bis vor kurzem weitgehend vernachlässigt wurden.25

Man könnte ja auch denken, kleine und sehr kleine Texte seien nicht sonderlich wichtig.26 Denn um sie zu verstehen, muss man sich in der Regel nicht einmal konzentrieren. Tatsächlich aber gibt es viel mehr sehr kleine als große Texte.27 Schauen Sie sich nur einmal aufmerksam um in Lehrerzimmern, Bibliotheken und Notariaten, in denen man besonders ←19 | 20→viele besonders lange Texte vermuten dürfte. Oder zählen Sie die Texte durch, die Sie persönlich bei sich tragen, die Sie in Ihrem Auto oder in öffentlichen Verkehrsmitteln finden, an Ihrem Arbeitsplatz, in Supermärkten, auf Ihrem Computerbildschirm, in Ihrer Tageszeitung oder in Ihrer Küche zu Hause.

Wir haben einmal sämtliche 2.100 sichtbaren Zeichen an einem anderthalb Kilometer langen Stück der Hauptverkehrsstraße in einem durchschnittlichen Stadtteil im Ruhrgebiet aufgenommen.28 678 davon enthalten lesbaren Text (also ohne reine Graffiti-Tags wie „CH5“), dessen Bedeutung nicht von zugehörigen Bildern abhängt (wie z.B. auf Werbeplakaten). Dazu zählen Schilder, Aushänge, In- und Aufschriften jeglicher Art an Straßen, Hauswänden, Eingängen und Schaufenstern. Zusammen finden wir 8.204 Wörter (incl. 1.691 Zahlen und 938 Abkürzungen), durchschnittlich also 12,1 Wörter je Beleg. 25 der 678 Belege (3,7 %) sind nicht sehr kleine Texte im oben definierten Sinne (Abb. 3).29 Durchschnittlich etwa alle dreieinhalb Schritte (2,30 Meter Wegstrecke) trifft eine Passantin oder ein Passant also auf einen kleinen, meist sehr kleinen Text im öffentlichen Raum.30 Solche Texte dienen vor allem der räumlichen (Abb. 4) und zeitlichen (Abb. 5) Orientierung, der Information über Dienstleistungen (Abb. 6) und der Werbung (Abb. 7).

Ohne kleine Texte wären öffentliche Räume sprachlich recht leer; und wer ein Ziel hat, müsste sich durchfragen. Mit anderen Worten: Kleine und insbesondere sehr kleine Texte sind effiziente Mittel, um sich zurechtzufinden und soziales Leben zu organisieren (vgl. auch Domke 2014).

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Abb. 3: Aushang an einer Arztpraxis (Beleg 17361)

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Abb. 4: Straßennamenschild (Beleg 17499)

Abb. 5: Aushang an einem Geschäft (Beleg 19571)

Abb. 6: Schild an einer Gebäude-Ecke (Beleg 19532)

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Abb. 7: Fenster (Beleg 18241)

Das gilt gleichermaßen für persönliches und berufliches Leben auch jenseits öffentlicher Räume. Denken Sie an Geldscheine, Merkzettel, Kofferanhänger und alle bisher genannten Beispiele. Mit sehr kleinen Texten organisieren wir große Bereiche alltäglicher gesellschaftlicher Kommunikation auf höchst effiziente Weise.31 Mehr noch: Mit sehr kleinen Texten regeln wir systemrelevante Teile unserer Lebenswelten. Ohne sie kommen wir nicht aus. Auch wo es um eine Ökonomie der Aufmerksamkeit geht32, haben kleine Texte (neben Bildern) evolutionäre Vorteile.

6. Was haben sehr kleine Texte gemeinsam?

Hausendorf (2009: 14) zufolge sind kleine Texte klein, einfach, nützlich und formelhaft. Außerdem sind sie durch „starke materiale Abgrenzungshinweise“ gekennzeichnet, die ihre Texte in ihrer Ganzheit „auf Anhieb überschaubar“ machen (ebd.: 15). Sechstens sind sie typischerweise ←23 | 24→ortsgebunden: Ihre Bedeutung hängt stark von dem Ort ab, an dem sie stehen (vgl. Auer 2010). Oder unter anderem Blickwinkel: Ihre unmittelbare räumliche Umgebung bildet den Verständnis sichernden Kontext. Genau deshalb kann der Wortlaut knapp und oft elliptisch33 sein.34

All diese Merkmale treffen auf sehr kleine Texte in besonderem Maße zu, wie man an sämtlichen bisher genannten Beispielen erkennen kann. Betrachten wir nun – als Hardcore-Linguisten – deren Form etwas genauer. Dabei stoßen wir zunächst auf vier Gesetze.35

6.1 Text & Kontext

(KTG 1) Je eindeutiger der Kontext, desto kürzer der Text.

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Abb. 8: CD-Player. <www.amazon.de/Audio-Air-Erschütterungen-Bluetooth-Übertragung-Kopfhörerausgang/dp/B0753MW2YV>.

Das Stoppschild an der Straßenkreuzung, die Notausgangs-Leuchte im Kinosaal, die Sortimentsbezeichnungen im Supermarkt, die Namen an Haustürklingeln, die Skala am Metermaß, die elementaren Benutzungshinweise an Geräten u.v.a. brauchen keine Erläuterung: Das notwendige Wissen zum Verständnis der standardisierten Situation36 wird schon bei jungen Kindern kulturell vorausgesetzt. Abb. 8 etwa zeigt nur einzelne Wörter, Abkürzungen sowie einfachste, weltweit kodifizierte Zeichen unterhalb jeglicher sprachlicher Form. In der oberen Hälfte des Bildes dienen sie dazu, technische Fähigkeiten des Gerätes anzudeuten; in der unteren Hälfte signalisieren sie minimalistisch die Funktionen der verschiedenen Tasten und den aktuellen Zustand des Geräts.

6.2 Typographie & visuelle Einbettung

(KTG 2) Je kürzer der Text, desto wichtiger seine typographische Gestaltung und/oder funktionale Arbeitsteilung mit Bildern (und umgekehrt).

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Abb. 9: Wetterprognose. Rheinische Post 19. 2. 2020, S. 1.

Abb. 10: McDonald’s Logo. <news.mcdonalds.com/token-logo>.

Wo es um effiziente Informationsvermittlung geht, werden Text und Bild gern symbiotisch verbunden.37 Kohärenz wird mit ästhetischen Mitteln hergestellt. Oft bliebe Text ohne Bild ähnlich rätselhaft wie Bild ohne Text. Und je mehr relevante Informationen das Bild enthält, desto kürzer kann der zugehörige Text sein und umgekehrt. Je kleiner die Gesamtmenge an Information, desto kürzer auch der Text (Abb. 9).

Noch krasser wirkt sich diese Tendenz bei grafisch gestalteten Sehflächen ohne Bilder aus. Bei derart purer Symbiose von Text und typographischem Design bliebe Text ohne grafische Gestaltung ebenso unverständlich wie Design ohne Text (Abb. 10).

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Abb. 11: Weltkarte der CO2-Emissionen 2016. <www.faz.net/aktuell/wirtschaft/welche-laender-wieviel-co2-ausstossen-15275760/infografik-weltkarte-15274728.html#standAloneGalerieHeading>.

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Zwischen beiden (Text-Bild-Symbiose und Text-Typo-Symbiose) liegt die vielfältige Welt von Landkarten und Diagrammen: Text, grafische Mittel und bedeutungstragende Verteilung der Zeichen auf der Fläche teilen sich den zur Informationsvermittlung nötigen Aufwand. Je mehr davon Grafik und Flächenverteilung tragen, desto kürzer der Text.

Die Infografik in Abb. 11 zeigt den CO2-Ausstoß verschiedener Regionen und Länder der Erde. Sie enthält (auch in den Fußnoten) keinen einzigen vollständigen Satz, weil die Informationen vorwiegend von effizienteren visuellen Mitteln getragen werden: Auf einer imaginierten Weltkarte topographisch angeordnete farbige Kreisflächen symbolisieren jeweils ein Land. Deren Größe entspricht der Emissionsmenge dieses Landes. Zum vollen Verständnis sind darüber hinaus nur indexikalische Zeichen notwendig, die in sehr kleinen Textfragmenten (aus Eigennamen, Abkürzungen und Zahlen) die einzelnen Flächen bezeichnen.

6.3 Erscheinungsbild & Grammatik

(KTG 3) Je mehr Textdesign und Text-Bild-Arbeitsteilung, desto weniger grammatische Merkmale (und umgekehrt).

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Abb. 9 bis 11 zeigen das exemplarisch. Das Gesetz wirkt aber auch bei etwas längeren (laut Definition immer noch sehr kurzen) Texten, etwa auf Verkehrsschildern (Abb. 12) und vielen Homepages (Abb. 13).

Die Textelemente auf dem etwas missverständlichen Verkehrsschild in Cloppenburg (Abb. 12) enthalten kein Flexionsmorphem, sind also grammatisch nicht markiert, wie man das sonst nur von isolierenden Sprachen kennt.38 Wollte man die dargebotene Information rein sprachlich ausdrücken, brauchte man dafür mehrere Sätze mit mehr als einem Dutzend grammatischer Markierungen. Die vier Teilinformationen ←28 | 29→werden durch einen quadratischen Rahmen (statt in Schriftsprache üblicher Satzzeichen) als Einheiten kenntlich gemacht. Und in allen vier Fällen wird die Elliptifizierung denkbarer vollständiger sprachlicher Texte mit unterschiedlichen Mitteln bewerkstelligt: Im ersten Quadrat unter dem Pfeil wird ein gemeintes Bestimmungswort (vermutlich ,Fußgänger‘) durch ein bildliches Ikon vertreten. Statt der in schriftlichen deutschen Texten üblichen Leserichtung von links nach rechts wird der Blick von oben nach unten gelenkt. So kann das folgende reine Textfeld als Ausnahme gegenüber der im ersten Quadrat verstanden werden. Anders als dort wird hier die zweigliedrige Struktur von Sätzen wenn auch elliptisch sichtbar: „Lieferverkehr“ als Subjekt bzw. Thema und „frei“ als Prädikatsteil bzw. Rhema. Das dritte Quadrat (mit einem Adverb, zwei Zahlen, einem Bindestrich und einer Abkürzung aus einem Buchstaben) begrenzt diese Ausnahme auf einen bestimmten Zeitraum, auch wenn dem Laien nicht klar sein kann, dass diese Einschränkung nur für das unmittelbar darüber stehende Feld gilt (und nicht etwa auch für die drei anderen Quadrate oder gar den Rechtspfeil ganz oben). Im vierten Quadrat schließlich wird das grammatische Subjekt bzw. Thema (mutmaßlich ,Fahrrad‘ oder ,Fahrräder‘ oder ,Fahrradfahren‘) durch eine bildliche Darstellung vertreten. Grammatik wird durch Design (Bilder und Anordnung auf der Sehfläche) ersetzt.

Abb. 12: Fußgängerzone. <mt-news.de/index/cloppenburg.php?aid=27668>.

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Abb. 13: Online-Shop

Abb. 13 dagegen zeigt den relevanten Ausschnitt39 zum Kauf einer Mütze in einem Online-Shop. Der bloße Wortlaut ohne Bild und Flächendesign wäre unverständlich.40 Wenn man von 18 Zahlen und Sonderzeichen ←30 | 31→(z.B. %) absieht, verbleiben 81 Wörter (davon 3 Abkürzungen), nämlich 51 Nomen (16 davon mit Pluralmorphem), 5 Adjektive (2 davon mit Plural- bzw. Genusmorphem), 1 Zahlwort, 2 Artikel (1 davon mit Kasusmorphem), 1 Personalpronomen, 6 Verben (2 davon als Partizip „meliert“), 4 Adverbien, 10 Präpositionen (2 davon mit Kasusanzeiger in „zur“ bzw. „im“) und 1 Konjunktion. Außer 16 Pluralmorphemen kommt der gesamte Text also mit lediglich 7 grammatischen Morphemen aus. Es gibt nur einen einzigen kompletten Satz („Sie sparen 25,00 €“).

In all diesen und ähnlichen Beispielen schnurren Texte, wie man sie ohne visuelle Darstellungsmittel mit grammatischem Aufwand ausformulieren müsste, zusammen zu durchdesignten und entsprechend grammatikarmen oder grammatikfreien Zeichen auf mehr oder weniger standardisierten Sehflächen. Je klarer und je konventionalisierter das visuelle Design, desto weniger Grammatik ist nötig.41

6.4 Konventionalisiertes Muster

(KTG 4) Je kürzer der Text, desto wahrscheinlicher ist er in dieser Form konventionalisiert.

1

Kontext (s.o. Abschnitt 6.1), visuelle Gestaltung (Abschnitt 6.2) und Grammatik (Abschnitt 6.3) ersparen dem Schreiber (analog auch dem Sprecher) Aufwand: Was der Adressat schon kennt, braucht nicht ausdrücklich formuliert zu werden.42 In der Folge sozialer Routinen bilden ←31 | 32→sich daher konventionelle Muster aus, die immer wieder verwendet (und ggf. modifiziert) werden können. Das gilt auf allen Ebenen der Sprache von Grammatik bis zum Text und Diskurs43, am extremsten innerhalb von Texten selbst durch Abkürzungen44. Kurze und vor allem sehr kurze Texte neigen besonders zur Konventionalisierung, weil sie schneller reproduziert und in ihrer Bedeutung fast reflexhaft erkannt werden können. Grußformeln (z.B. statt „Auf Wiedersehen“ heute oft noch kürzer „Tschüss“), Werbeslogans (z.B. „Quadratisch. Praktisch. Gut.“), Kassenzettel und andere Formblätter ziehen schablonenhafte kurze und sehr kurze Texte besonders an.

Abb. 14: BahnCard

Abb. 15: Geldschein

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Je enger die Botschaft zu standardisierten Praktiken gehört und ggf. je standardisierter dementsprechend auch Erscheinungsbild und Architektur der Fläche sind, desto tendenziell kürzer wird der Text sein. Stärker noch als Abb. 9, 12 und 13 zeigen das Abb. 14 und 15.

6.5 Kleiner Text als relativer Begriff

Auf lange Texte trifft all das nicht zu, auf kleine nur in geringerem Maße. Mit einem kleinen Taschenspielertrick kann man kleine Texte deshalb nun so bestimmen: Ein Text ist mit umso größerer Wahrscheinlichkeit ein kleiner oder gar sehr kleiner Text, je stärker die vier Formgesetze kleiner Texte auf ihn zutreffen, also:

(KTG 5) Je stärker die vier Formgesetze kleiner Texte auf einen Text wirken, desto wahrscheinlicher ist es ein kleiner oder gar sehr kleiner Text.

P(kt) = w(KTG1) * w(KTG2) * w(KTG3) * w(KTG4)

Das gilt zum Beispiel auch – ebenso verblüffend wie selbstverständlich – für die beiden lesbaren Texte auf dem Isenheimer Altar (Abb. 1).

7. ktskt: Kleine Theorie sehr kleiner Texte (Zsf.)

Kleine Texte sind klein, einfach, nützlich, formelhaft, typischerweise ortsgebunden und durch materiale Abgrenzungshinweise auf Anhieb überschaubar. Sehr kleine Texte sind schriftliche kommunikative Minimaleinheiten, die höchstens einen grammatisch vollständigen Satz enthalten. Es gibt viel mehr sehr kleine als große Texte. Mit ihnen regeln wir systemrelevante Teile unserer Lebenswelten. Je mehr kleine Texte, desto belebter, urbaner, zivilisierter, strapazierter der Ort.

Sehr kleine Texte unterliegen fünf Formgesetzen:

Diese fünf Gesetze wurden wie alle Gesetze abduktiv gewonnen. Die Kraft ihrer Geltung lässt sich nur empirisch überprüfen.45 Dafür braucht es nicht unbedingt ein umfangreiches Forschungsprojekt mit gewaltigen Massen an Daten.46 Alltägliche Prüfung durch jedermann (m/w/d) genügt zur – sehr unwahrscheinlichen – Widerlegung.

Die Bedingungen der formulierten Gesetze treffen auf diesen Aufsatz nicht zu. Es ist kein kleiner Text. Leider ist ein nicht sehr kurzer Beitrag über sehr kleine Texte eine kleine Strafe für Autor und Leser. Ich freue mich auf künftige Diskussionen (Abb. 16).

Abb. 16: Kloppe Meinungsverstärker. Quelle: vielfach im Internet, z.B. <www.linuxmintusers.de/index.php?topic=33061.15>.

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Literatur

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Schaffner, Stefan, 2001: Das Vernersche Gesetz und der innerparadigmatische grammatische Wechsel des Urgermanischen im Nominalbereich. Institut für Sprachwissenschaft: Innsbruck.

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Schmitz, Ulrich, 1983: „Vorbemerkungen zur Linguistik der Abkürzung (Prol. Ling. Abk.)“. In: Jongen, René/De Knop, Sabine/Nelde, Peter H./Quix, Marie-Paule (Hrsg.): Sprache, Diskurs und Text. (Akten des 17. Linguistischen Kolloquiums Brüssel 1982, Bd. 1.) Niemeyer: Tübingen, 10–27.

Schmitz, Ulrich, 2013: „Apps – Barockes Zeichenspiel für technisierte Alltagskommunikation“. In: Sprache und Literatur 44.1 (H. 111), 3–13.

Schmitz, Ulrich, 2017: „Randgrammatik und Design“. In: IDS Sprachreport 33.3, 8–17.

Schmitz, Ulrich, 2021: „Bildung für hypermediale Lebenswelten“. In: Staubach, Katharina (Hrsg.): Multimodale Kommunikation in den Hypermedien und Deutschunterricht. Theoretische, empirische und unterrichtspraktische Zugänge. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 10–25.

Siever, Christina Margrit, 2015: Multimodale Kommunikation im Social Web. Forschungsansätze und Analysen zu Text-Bild-Relationen. Peter Lang: Frankfurt am Main u.a.

Siever, Torsten, 2011: Texte i. d. Enge. Sprachökonomische Reduktion in stark raumbegrenzten Textsorten. Peter Lang: Frankfurt am Main u.a.

Skog-Södersved, Mariann/Reuter, Ewald/Rink, Christian (Hrsg.), 2015: Kurze Texte und Intertextualität. Ausgewählte Beiträge der GeFoText-Konferenz vom 26.9. bis 27.9.2013 in Vaasa. Peter Lang: Frankfurt am Main u.a.

Stein, Stephan/Stumpf, Sören, 2019: Muster in Sprache und Kommunikation. Eine Einführung in Konzepte sprachlicher Vorgeformtheit. Erich Schmidt: Berlin.

Tophinke, Doris, 2017: „Minimalismus als Konzept: Schrift-Bild-Konstruktionen im Graffiti“. In: Wrobel, Dieter/von Brand, Tilman/Engelns, Markus (Hrsg.): Gestaltungsraum Deutschunterricht. Literatur – Kultur – Sprache. Schneider: Baltmannsweiler, 161–173.

Wachendorff, Irmi, 2019: Identitätskonstruktionen durch skripturale Variation mehrsprachiger Typographie im urbanen Raum. Universitätsverlag Rhein-Ruhr: Duisburg.

Wampfler, Philippe, 2019: „Digitale Sachtexte – Eine Typologie“. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 66.2, 155–166.

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Wittgenstein, Ludwig, 1960: „Philosophische Untersuchungen [1953]“. In: ders.: Schriften 1. Suhrkamp: Frankfurt am Main, 279–544.

Wurzel, Wolfgang Ullrich, 2001: „Ökonomie“. In: Haspelmath, Martin/König, Ekkehard/Oesterreicher, Wulf/Raible, Wolfgang (eds.): Language Typology and Language Universals (HSK 20.1). De Gruyter: Berlin, New York, 384–400.

Ziegler, Evelyn/Eickmans, Heinz/Schmitz, Ulrich/Uslucan, Hacı-Halil/Gehne, David H./Kurtenbach, Sebastian/Mühlan-Meyer, Tirza/Wachendorff, Irmi, 2018: Metropolenzeichen. Atlas zur visuellen Mehrsprachigkeit der Metropole Ruhr. Universitätsverlag Rhein-Ruhr: Duisburg.

Zifonun, Gisela/Hoffmann, Ludger/Strecker, Bruno/et al., 1997: Grammatik der deutschen Sprache. 3 Bände. De Gruyter: Berlin, New York.

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Alle Internetseiten wurden am 29.2.2020 eingesehen.

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1Ein Beitrag aus dem Institut für Nanolinguistik <www.ulrich-schmitz.net/nanolinguistik>.

2Außer diesen Worten gibt es auf dem gesamten Altar nur zwei Texte, nämlich die unleserlichen Zeilen eines langen Textes im Buch und die sehr kurze Inschrift „INRI“ an der Spitze des Kreuzes, eine Abkürzung für „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“.

3Laut biblischer Geschichte ist Johannes der Täufer bei Christi Kreuzestod bereits tot. Sein am 24. Juni gefeierter Todestag ist einer der längsten Tage im Jahr. Danach werden die Tage wieder kürzer, während ER wachsen soll, vor allem nach dessen Geburtstag ein halbes Jahr später (24. Dezember); von da ab werden auch die Tage wieder länger. Die beschworene Schrumpfung wird im Layout der dreieckigen Textfläche metaphorisch dargestellt: für „ILLUM“ nach oben offen wachsend (Leben), für „ME“ nach unten bis zur Grenze (körperlicher Tod) sich verjüngend.

4„Das Wesen des Menschen gleicht, Platon zufolge, einem schwierigen Text, dessen Bedeutung von der Philosophie entziffert werden muß. In unserer individuellen Erfahrung jedoch ist dieser Text in so kleinen Buchstaben geschrieben, daß er unlesbar wird.“ (Cassirer 1990: 103)

5Schuhmacher, Joachim (1997): Vom Menuett zum matchrace. Die Entwicklung des Segelsports. Soziologie, Technik, Recht und Wirtschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter besonderer Berücksichtigung des Bodensees. Marburg: Tectum. – Bei der Einreichung waren es 2.654 Seiten, leicht gekürzt dann publiziert auf 2.205 Seiten: <www.genios.de/presse-archiv/artikel/FAZ/19981105/laengste-dissertation-der-welt-ersc/F19981105DISS---100.html> (eingesehen am 29.2.2020 wie alle URLs in diesem Beitrag).

6Mazur, Barry (1958): On Embeddings of Spheres. <www.ams.org/journals/bull/1959-65-02/S0002-9904-1959-10274-3/S0002-9904-1959-10274-3.pdf>. Vgl. <https://de.wikipedia.org/wiki/Barry_Mazur> sowie <https://mathoverflow.net/questions/54775/what-is-the-shortest-ph-d-thesis>.

7Mündliche Information, die ich nicht verifizieren konnte.

8<https://ru.wikisource.org/wiki/Очень_коротенький_роман_(Гаршин)>. Deutsche Übersetzung: Garschin, Wsewolod M. (1956): Ein sehr kurzer Roman. In: ders.: Die Erzählungen. Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, S. 43–49.

9Dazu <https://en.wikipedia.org/wiki/For_sale:_baby_shoes,_never_worn>. Ein ziemlich kurzes Gedicht hat als Überschrift „du denkst“ und als Text sonst nur eine Zeile: „du hast etwas zu sagen“ (Rautenberg 2019).

10<https://twitter.com/tiny_tales>.

11Der Präzision des Ergebnisses halber ziehe ich den Kreis kleiner Textsorten kleiner als bei Skog-Södersved/Reuter/Rink (Hrsg. 2015).

12Zu einer Taxonomie von Kurztexten s. Janich (2015).

13Wampfler 2019 erläutert sieben Typen digitaler Sachtexte; oft sind sie ziemlich lang. Die meisten Texte im Internet werden allerdings als „Puzzle-Texte“ (Püschel 1997) wahrgenommen, und zwar fragmentarisch im Hinblick auf bestimmte Ziele im Rahmen digital-empraktischen Arbeitens. Viele bestehen tatsächlich auch nur aus einzelnen Wörtern, kurzen oder sehr kurzen Wortfolgen. Schmitz (2021: 14–16) zählt auf einem recht typischen Beispiel-Bildschirm aus privater Nutzung neben zahlreichen graphischen Elementen 142 optisch deutlich voneinander getrennte ,Texte‘ (vielfach reine Hyperlink-Beschriftungen), darunter 10 Texte, die aus mindestens einem Satz bestehen (zusammen 15 Sätze), 12 ,große‘ Ellipsen, die mindestens vier Wörter umfassen (zusammen 57 Wörter), 10 Drei-Wort- und 5 Zwei-Wort-Kombinationen (z.B. „Podcasts und Nachrichten“ bzw. „Scheidender CSU-Chef“) sowie 105 einzelne Wörter.

14Vgl. z.B. auch Siever (2011). – Von Polenz (1999: 517) bemerkt: „Der auffälligste Unterschied zur traditionellen bildungsorientierten Art öffentlicher Kommunikation besteht in der Kürze und im schnellen Wechsel der Texteinheiten.“

15„Wie gesagt, wir können – für einen besondern Zweck – eine Grenze ziehen. Machen wir dadurch den Begriff erst brauchbar? Durchaus nicht! Es sei denn, für diesen besondern Zweck.“ (Wittgenstein 1960: 326 = § 69)

16Z.B. „Kürze Würze“ oder Frank Goosens Lebensgefühl des Ruhrgebiets: „Woanders is auch Scheiße“.

17Z.B. (i) „Hallo, wie geht’s? – Muss.“ (ii) „Digger, was geht?“ (iii) „Danke. – Nich dafür.“ (iv) „Entschuldigung. – Nix passiert / Alles gut.“

18Als „Text“ gilt eine „begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert“ (Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 17). Neben (obligatorischen) sprachlichen dürfen freilich auch andere Zeichen dazugehören.

19Wie zum Beispiel der Entwurf eines Gedichts von Hölderlin „An meine Schwester“ von 1800; dazu von Ammon (2020).

20Dazu Bruch (2005) bzw. Siever (2015).

21Damit entfallen zum Beispiel Gifs, Memes, Vine Clips und andere ästhetische Mikroformate (dazu z.B. <http://kunst.uni-koeln.de/mikroformate>), nicht aber der kurze Text auf dem Isenheimer Altar (s.o. Abb. 1). – Zum Minimalismus von Szene-Graffitis s. Tophinke (2017).

22Im Folgenden geht es also um eine klar definierte Teilmenge der „kleinen Texte“ etwa im Sinne von Dürscheid (2016) und Hausendorf (2009). Damit soll Hausendorfs (2009: 6) Zweifel eingehegt werden, „ob man unter diesem Titel überhaupt eine textlinguistisch homogene Gruppe von sprachlichen Erscheinungsformen versammeln“ kann.

23Wie immer gibt es auch hier exotische Ausnahmen. So umfasst die Erzählung „Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen“ (Bayer 2011) auf über 100 Druckseiten einen einzigen Satz. (Diesen Hinweis verdanke ich Benjamin Eisenberg.) Man wird ihn aber nicht als kommunikative Minimaleinheit betrachten.

24Zu linguistischer Komplexität: Hennig (Hrsg. 2017).

25Immerhin ausdrücklich zum Beispiel bei Brinker/Cölfen/Pappert (2018: 18).

26Wenn sie überhaupt als Texte anerkannt werden, dann zumindest im Alltagsverständnis als eine Art degenerierter Form längerer Texte. Das kann eigentlich nur an der allgemeinen Schulpflicht liegen. In der Schule hat man es meist mit längeren Texten zu tun, die großenteils aus zusammenhängenden grammatisch vollständigen Sätzen bestehen. (Daher wohl auch die Lehreranforderung an mündliche Schülerantworten: ,Sprich im ganzen Satz!‘) Onto- und phylogenetisch verhält es sich aber umgekehrt: erst kurze, später längere (mündliche) Äußerungen bzw. (schriftliche) Texte. So schreibt Malinowski (1974: 339) über Sprachen, die nie schriftlich gebraucht wurden: „Ohne einen imperativen Reiz des Augenblicks kann es keine gesprochene Aussage geben.“ Sprache in ihrer ursprünglichen Form sei „ein Verhaltensmodus“, „nicht ein Instrument der Reflexion“ (ebd.: 353 bzw. 346). Hingegen verfolgt Ludwig (1994: 50–52) die allmähliche historische Ausdehnung ursprünglich äußerst kleiner archaischer schriftlicher Texte in der Vor- und Frühphase des Schreibens. Noch viel später gilt für das antike Griechenland: „Texte gibt es eigentlich nur als gesprochene. […] Schriftliche Aufzeichnungen wurden nur so lange benötigt, als der Vorgang des Sprechens unterbrochen werden mußte. Das Modell war der antike Botenspruch.“ (Ludwig 2005: 72 f.) – Zur schrittweisen Erweiterung des Textbegriffs in der Linguistik vgl. z.B. Klemm (2002); Hausendorf/Kesselheim (2008: 15–19); Fix (2008).

27Natürlich gemessen an der Anzahl der Texte, nicht der verwendeten Wörter.

28Altendorfer Straße zwischen Wüstenhöferstraße und Haedenkampstraße in Essen-Altendorf im Herbst 2013. Dokumentiert im Rahmen des Projekts „Metropolenzeichen: Visuelle Mehrsprachigkeit in der Metropole Ruhr“ (2013 bis 2018 gefördert vom Mercator Research Center Ruhr (GZ MERCUR: Pr-2012–0045); vgl. Ziegler et al. (2018).

29Je einer enthält 9, 8 bzw. 6 ganze Sätze (Belege Nr. 19041, 19564, 20206); vier enthalten vier Sätze (Nr. 17525, 17631, 17918, 20047), sieben weitere je drei Sätze (Nr. 17312, 18165, 18191, 18208, 18264, 20148, 20472) und die restlichen elf je zwei Sätze (Nr. 17594, 17712, 17739, 17837, 18199, 18206, 19918, 19965, 20011, 20269, 20337) – fast alle mit weiteren elliptischen Zusätzen.

30Nimmt man bildabhängige sehr kurze Texte hinzu, so erhöht sich die Anzahl.

31Vgl. das theoretische Modell von Roelcke (2002: 51–56 & 66–69). – Zu sprachlicher Ökonomie Wurzel (2001).

32Franck (1998) erklärt gesellschaftlichen Zusammenhalt über Austausch und Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit.

33Da alle hier behandelten schriftlichen Texte unmittelbar in alltägliche Praxis eingewebt sind, entfällt die von Bühler beobachtete Unterscheidung in zwei Klassen von Ellipsen, nämlich erstens „die empraktischen Nennungen und Hindeutungen“ (Bühler 1934: 155), für die er nur mündliche Beispiele gibt, und zweitens die ,symphysischen‘ Verwendungsfälle „kontextfreier Namen“ (ebd.: 159), für die er nur schriftliche Beispiele gibt und die „dingfest angeheftet“ sind (ebd.). – Hennig (2010: 73, 86 f.) weist darauf hin, dass, wo schriftliche Texte in den Handlungskontext des Ortes eingebunden sind, Indexikalität häufig nicht verbal realisiert wird und in der Folge auch grammatische Finitheit nicht.

34Wie in jeglicher Kommunikation sind Missverständnisse dadurch nicht ausgeschlossen. So wollte ein Brite ins italienische „Rom“ fahren, sein Navigationsgerät führte ihn am 26. Mai 2019 aber nach Deutschland in den Ortsteil Rom der Gemeinde Morsbach im Oberbergischen Kreis. <rp-online.de/nrw/panorama/nrw-staedte-mit-doppelgaenger_aid-39062807>.

35Seit der Diskussion über das junggrammatische Theorem der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze (Osthoff/Brugman 1878: XIII) sind Gesetze in der Sprachwissenschaft ein wenig verpönt, mit Ausnahme mathematischer Wahrscheinlichkeitsverteilungen (wie etwa beim Zipfschen Gesetz; vgl. Köhler/Altmann/Piotrowski (Hrsg. 2005) und vielleicht des Vernerschen Gesetzes (Schaffner 2001; zur neueren Datierung des grammatischen Wechsels Euler/Badenheuer 2009: 54 ff.). Das soll uns aber nicht davon abhalten, Gesetze dort zu entdecken, wo sie tatsächlich gelten, hier im Bereich sprachlicher Universalien.

36Hausendorf et al. (2017: 105) sprechen hier lieber von „Vertrautheit mit gesellschaftsweit kommunizierten Problem-lösungsroutinen“.

37Zahlreiche Beispiele aus dem urbanen Raum bei Wachendorff (2019) und Ziegler et al. (2018).

38Nur dass dort die syntaktische Einbindung einzelner Wörter durch die Stellung im Satz geschieht, hier aber durch die Platzierung auf der Fläche.

39<www.peek-cloppenburg.de/christian-berg-women/damen-beanie-aus-kaschmirmischung-mittelgrau-meliert-4051569_10/?size=1%2C0>.

40In der Reihenfolge der Zeilen läse er sich so (flektierte Wörter unterstrichen):

Peek Cloppenburg / Anmelden/ Wunschliste/ Warenkorb/

Damen/ Herren/ Kinder/ Suchbegriff/Art.-Nr. eingeben/ Suche/

Bekleidung/ Wäsche/ Schuhe/ Accessoires/ Große Größen/ Neu/ Sale%/ Marken/ Premium/ Beratung/ Häuser/

zurück zur Übersicht/ Startseite/ Damen/ Accessoires/ Kopfbedeckungen/ Mützen/ Christian Berg Women – Beanie aus Kaschmirmischung – Mittelgrau meliert/ zurück 6 von 3962 weiter/

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41Mehr zur Arbeitsteilung von Grammatik und Design bei Schmitz (2017).

42Daher der zweite Teil der Griceschen Quantitätsmaxime: „Mache deinen Beitrag nicht informativer als nötig.“ (Grice 1993: 249)

43Dazu Hausendorf et al. (2017: 319–370) und Stein/Stumpf (2019).

44Dazu Schmitz (1983).

45„Deduktion beweist, daß etwas sein muß; Induktion zeigt, daß etwas tatsächlich wirkt; Abduktion legt nur nahe, daß etwas sein kann.“ (Peirce 1973: 227; Hervorhebung im Original)

46Dazu Gessinger/Redder/Schmitz (Hrsg. 2018).

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Hajo Diekmannshenke

Eine kurze Geschichte kleiner Texte

Abstract: The following article gives a short glance at the history of smaller texts in German. The hypothesis is pursued that the changes in communicational technology create new forms of communications and text types that contain have smaller texts. Their size grows under certain circumstances until new changes eventuate. This will be depicted in particular with the example of postcards and few more recent developments. It also becomes clear that in many cases patternization shapes the use of language.

Keywords: history of text typescommunication technologyleafletpostcardtelegrameveryday textssocial networks.

1. Am Anfang war das Wort: Glossen und Glossare

Am Beginn deutschsprachiger1, d.h. althochdeutscher Texte, stehen, folgt man der Bestimmung von Ulrich Schmitz (Schmitz in diesem Band), sehr kleine Texte: sogenannte Glossen.

Unter den ahd. Glossen versteht man im Text oder an den Blatträndern über- oder beigeschriebene Übersetzungen lateinischer Wörter ins Ahd., oft zu ganzen Glossaren ausgestaltet. Etwa 1230 Handschriften bewahren ahd. Glossen seit dem 8. Jh., ja ahd. Glossare werden in dieser Sprachform bis ins Spätmittelalter ab- oder umgeschrieben. (Sonderegger 2003: 67)

Die hier vertretene Auffassung, solche Glossen bereits als sehr kleine Texte zu verstehen2, wird allerdings nicht generell geteilt. Maas z.B. argumentiert dagegen: „In solchen Fällen ergeben die deutschen Formen der Glossierung im Gegensatz zu den lateinischen keinen Text – sie haben keine ←41 | 42→Syntax, sondern glossieren nur die isolierte Wortform.“ (Maas 2014: 409) Dem soll hier widersprochen werden. Auch diese Glossen erfüllen erkennbar eine sprachlich-kommunikative Funktion hinsichtlich einer möglichen Übersetzung ins Althochdeutsche und werden somit zu Schlüsselwörtern eines neuen Textes. Als in einen ‚großen‘ Text eingeschriebene sehr kleine Texte erzeugen sie eine einfache modulare Struktur, da sowohl der (lateinische) Ausgangstext als auch die Glossen als separate Texte angesehen werden können, aber auch als ein (neuer) Gesamttext.

An diesen Glossen und den Glossaren, dessen bekanntestes der sogenannte Abrogans (siehe Abb. 1) ist, lassen sich nun einige Besonderheiten feststellen, die für eine große Zahl kleiner oder kurzer Texte (auf eine genaue Begriffsbestimmung muss an dieser Stelle verzichtet werden, vgl. dazu die weiteren Beiträge in diesem Band) gelten, so die hier vertretene These. Die Entstehung neuer Kommunikationstechnologien begünstigt die Entstehung neuer Kommunikationsformen und Textsorten in Gestalt kleiner Texte mit spezifischen neuen kommunikativen Funktionen, die anschließend zu komplexen, oft modular strukturierten Textsammlungen oder ebenfalls neuartigen Kommunikationsformen und Textsorten führen. Mit dem weiteren Aufkommen wieder neuer Kommunikationstechnologien wiederholt sich dieser Prozess.

Die Verschriftlichung der ahd. Dialekte stellt eine solche neue Kommunikationstechnologie dar. Giesecke bezeichnet sie für die gesamte mittelalterliche Textproduktion als skriptographische Kommunikationstechnologie (Giesecke 1994), die es für andere Sprachen wie z.B. das Lateinische schon lange gibt, nun aber erstmals etwa ab dem 8. Jahrhundert für das Deutsche Verwendung findet (Sonderegger 2003: 1). Die Funktion der Glossen besteht in der Hilfe beim Übersetzen. Sonderegger betont in seiner Darstellung ahd. Textsorten, dass aus den Einzelglossen in lateinischen Texten schon bald Glossare, also Sammlungen sehr kleiner Texte, entstehen (Sonderegger 2003: 68).

Einen Sonderfall hiervon stellen die sogenannten Kasseler und Pariser Glossen dar, in denen nicht mehr einzelnen lateinischen Wörtern althochdeutsche Übersetzungen bzw. Übersetzungsversuche gegenübergestellt (oder als Randglossen zur Seite gestellt) werden, sondern alltägliche Redewendungen, deren moderne Entsprechungen heute noch in vielen ←42 | 43→Reiseführern zu finden sind, übersetzt werden. „Gl. III, 9 17–18: skir min fahs. skir minan hals. skir minan part.“ [schneide mein Haar, rasiere meinen Hals, schneide/stutze meinen Bart; HJD] (Braune/Ebbinghaus 1979: 8)

Abb. 1: Abrogans (Sonderegger 2003: 69)

Weitere kleine Texte in ahd. Zeit sind die sogenannten Zaubersprüche und Segensformeln. Der Umfang der einzelnen Sprüche variiert zwar, jeder einzelne Spruch kann aber als kleiner Text aufgefasst werden.

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Von Gehalt und Form her sind die althochdeutschen Zaubersprüche und Segen ein geradezu typisches Beispiel für die Stellung der frühen althochdeutschen Literatur zwischen Rezeption germanischer Kleindichtung und ihrer Mischung mit christlichen Zügen und neuen Stilelementen, die mit fortschreitender Zeit an Umfang gewinnt. (Sonderegger 2003: 112)

Aus den vereinzelten Zauber- und Segenssprüchen werden im Laufe der Zeit entsprechende Textsammlungen, die lange Zeit weiter tradiert werden und vielfachen Veränderungs- und Modernisierungsprozessen unterworfen sind und in dieser abgewandelten Form bis in die Gegenwart existieren.

In den kommenden Jahrhunderten des Mittelalters und der frühen Neuzeit entwickeln sich auch die deutschsprachigen Texte zu immer umfangreicheren Exemplaren, wobei kleine Texte weiterhin ihre Existenzberechtigung haben. Insbesondere im schriftsprachlichen Alltag, der im Laufe der Zeit mit der Ausbreitung von Lese- und Schreibfähigkeit einen größeren Stellenwert vor allem in den entstehenden Städten erhält, spielen sie weiterhin eine wichtige Rolle, man denke an Zettel, Notizen, Rechnungen, kurze schriftliche Informationen, Schilder, Preislisten und dergleichen mehr. Eine systematische Untersuchung dieser frühen Alltagsschriftlichkeit und ihrer kleinen Texte steht allerdings bis heute noch aus.3

2. Der Streit wird deutsch: Buchdruck, Reformation und Flugblatt

Die Geschichte des Buchdrucks mit beweglichen Lettern ist schon oft und vielfach beschrieben worden (z.B. Giesecke 1994) und soll deshalb hier nicht wiederholt werden. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass der Buchdruck in Verbindung mit der Möglichkeit, Papier in großer Menge schnell und günstig produzieren zu können, eine dieser neuen ←44 | 45→Kommunikationstechnologien darstellt. Für Giesecke löst die typographische Kommunikationstechnologie die bisherige skriptographische ab, wodurch die Entstehung von (politischer) Öffentlichkeit ermöglicht wird.

Erst der Druck aber ermöglichte es, die fixierte und konservierte Mitteilung einer größeren Menge von Menschen völlig unabhängig von einer räumlichen und zeitlichen Einheit zugänglich zu machen. Damit wäre die wesentliche Bedingung der modernen Form von Öffentlichkeit gegeben. (Schiewe 2004: 108; Hervorhebung im Original)

Als weitere wesentliche Elemente der neuen Kommunikationstechnologie müssen Schnelligkeit und Aktualität genannt werden (Schiewe 2004: 113). Schnelligkeit meint dabei nicht nur die höhere Produktionsgeschwindigkeit sowohl für das einzelne Textexemplar als auch für die Menge der Textexemplare, sondern auch ihre Verbreitung. Außerdem erlaubt die Möglichkeit der schnellen Produktion eine deutlich größere Aktualität der publizierten Texte, was sich insbesondere in der Reformationszeit zeigt. Dass kleine Texte diesem Beschleunigungsprozess der Schriftkommunikation (Diekmannshenke 2016) besonders dienlich sind, liegt auf der Hand. Diese „schnelle“ Kommunikationsform zeigt sich in den Flugblättern. Das einzelne Flugblatt, in der Regel einseitig gedruckt und vielfach mit großformatigen visuellen Darstellungen gestaltet, kann deshalb als neuer kleiner Text betrachtet werden, der schnell zu Flugblattsammlungen expandiert und ebenso schnell ein umfangreicheres Pendant, die mehrseitige Flugschrift, an seiner Seite findet (Schwitalla 1999).

Im Gefolge der Flugblätter und Flugschriften und aus ihnen heraus entwickelt sich eine neue Textsorte, die sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts als eigenständige Kommunikationsform mit eigenen kommunikativ-medialen Besonderheiten etablieren wird: die Neuen Zeitungen, die als Vorläufer der späteren Zeitungen und als Beginn des Pressewesens angesehen werden können. Hierbei handelt es sich um einzelne Flugblätter und kurze Flugschriften, die ursprünglich bei spektakulären Ereignissen als einmalige Ausgabe, sieht man von wenigen Nachdrucken ab, erscheinen. Der Umfang der ersten Neuen Zeitungen ist sehr begrenzt und umfasst meist nur wenige Seiten. Als erstes spektakuläres Ereignis politischer Art kann das sogenannte Täuferreich zu Münster (1534/35) genannt werden, denn die Neuen Zeitungen berichten neben Katastrophen, ungewöhnlichen ←45 | 46→Himmelserscheinungen und Kuriosem, z.B. einer Kuh mit zwei Köpfen, auch über spektakuläre politische Ereignisse (Abb. 2).

In der Französischen Revolution und konkret im deutschen Jakobinismus erleben vor allem politische Flugblätter eine Renaissance. Helmut G. Haasis (1988) präsentiert in seiner zweibändigen Darstellung und Materialsammlung eine ganze Reihe von Flugblättern aus den deutschen ←46 | 47→Zentren des deutschen Jakobinismus. Darüber hinaus finden sich bei ihm auch zahllose Beispiele für andere kleine Texte bzw. spezifische Textsorten kleiner Texte.

Abb. 2: Neue Zeitung über das Täuferreich zu Münster (Stadtmuseum Münster 1983: 219)

Die Erscheinungsorte dieser Literatur [gemeint ist politische Gebrauchsliteratur; HJD] waren nicht Verlage oder Buchhandlungen, sondern Türen, Bäume, Laternenpfähle, Wirtshaustische, Aborte, Stadttore, Fensterbänke, Kanzeln, Landsgemeinden, Straßen, Sammelplätze, Märkte, Kutschen, Brunnen, Haustürschwellen usw. Rebellische Volksliteratur konnte um einen Stein gewickelt erscheinen und so einem Mächtigen ins Fenster geworfen werden, oder sie wurde zwischen Buchdeckeln geschmuggelt oder in Kleider eingenäht oder in Einkaufskörben versteckt oder dicken Warenballen anvertraut. (Haasis 1988: 182)

Anschläge (Abb. 3) und Zettel werden für die aktuelle Kommunikation und in diesem Fall speziell für die politische Agitation in Teilen Deutschlands in dieser Zeit bedeutsam. Dass die meisten dieser kleinen Texte anonym sind, ist den besonderen Bedingungen der Zeit geschuldet.

An dieser Stelle soll aus Gründen der Systematik aus der chronologischen Abfolge ausgeschert werden. Eine bedeutende Rolle spielen Flugblätter, Handzettel, Aufrufe, Anschläge und andere kleine Texte noch einmal im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime, man denke an die Flugblätter der Weißen Rose, und in den politischen Bewegungen der Bundesrepublik Deutschland. Neben Flugblättern, Klebezetteln, Buttons spielen Transparente und Plakate eine wichtige Rolle, allesamt kleine ←47 | 48→Texte. Vor allem die Studentenbewegung und die Außerparlamentarische Opposition (APO) nutzen diese Kommunikationsformen intensiv (Schmitz 2001)4, außerdem erleben Flugblätter auch in der Wendezeit eine Renaissance (Pappert/Mell 2018).

Abb. 3: Münchner Anschlagzettel, September 1791 (Haasis 1988: 190)

Abb. 4 zeigt nicht nur ein Beispiel für solche Flugblätter, sondern spielt auch in subversiver Weise mit dem historischen Wissen der Betrachter*innen. Thema des Flugblatts sind die umstrittenen Waffenlieferungen der Bundesrepublik Deutschland an die griechische Militärdiktatur, der konkrete Anlass ist der CDU-Bundesparteitag in West-Berlin, der vom 4. bis zum 7. November dauerte. Der Titel Christlich-Demokratische Beobachter stellt den intertextuellen und intermedialen Bezug zum „Völkischen Beobachter“ und dessen Propaganda ebenso wie zur Besetzung Griechenlands durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg her. Für die Bezugnahme sorgen auch weitere Textelemente wie der Adler mit Hakenkreuz und dem Schriftzug CDU, die Untertitelung „Parteitagsmeldungen für die Reichshauptstadt“ oder der Hinweis auf den „81. Jahrgang“, womit ein Weiterleben der Methoden der NS-Außenpolitik suggeriert wird.

3. Dampfkraft und Eisenbahn – Postkarte und Telegramm

An der technischen Entwicklung der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert läßt sich der Prozeß der Emanzipation der modernen Produktionsweise von den Schranken der organischen Natur verfolgen. Die erste ökonomische Nutzung der Dampfkraft wird zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Newcomens atmosphärische Dampfmaschine möglich. Die Maschine wird im Kohlerevier um Newcastle eingesetzt, um das Wasser aus den immer tiefer getriebenen Schächten zu pumpen. Die Region um Newcastle kann man die erste europäische Industrielandschaft nennen in dem Sinne, daß die Kohle – der mineralische Ersatzstoff für das die europäische Wirtschaftskultur bis dahin prägende Holz – hier sowohl das Bild der Landschaft wie auch die Technik prägt, mit der sie gefördert wird. (Schivelbusch 2000: 9)

Den entscheidenden Schritt für die ‚moderne‘ Industrie stellt schließlich die Weiterentwicklung der Newcomen-Dampfmaschine zur Wattschen ←48 | 49→←49 | 50→Niederdruck-Dampfmaschine dar. Diese erlaubt nicht mehr nur Auf- und Ab-, sondern auch rotierende Bewegungen, was die Voraussetzung für den Einsatz in der Fortbewegungstechnik wird, dessen markantestes Zeichen die Eisenbahn wird. Doch zunächst werden Eisenbahn und Schienennetz ausschließlich für den Transport der Kohle eingesetzt. Ab den 1820er Jahren wird in England verstärkt darüber nachgedacht, die Eisenbahn auch für den Transport anderer Güter und damit auch von Menschen einzusetzen. Mit dem Ausbau des Schienennetzes werden deutlich höhere Transportgeschwindigkeiten als unter Einsatz von Pferd und Kutsche erreicht, 15 Meilen pro Stunde sind bereits in dieser Zeit möglich. Zudem erlaubt die mechanische Bewegung der Eisenbahn eine gleichmäßigere Fortbewegung, ebenso können größere Entfernungen deutlich schneller überwunden werden – Raum und Zeit scheinen zu schrumpfen.

Abb. 4: Flugblatt der APO von 1968 (Miermeister/Staadt 1980: 123 Abb. 3)

Mit der im 19. Jahrhundert sich entwickelnden Großindustrialisierung entstehen neben Großbritannien auch in Deutschland und Frankreich Industriezentren, die Menschen aus dem ganzen Land, aber auch aus anderen Staaten in diese Industriezentren ziehen lassen. Traditionelle Familienstrukturen werden nachhaltig verändert, Familien und Sozialverbände wie Dorfgemeinschaften werden auseinandergerissen, womit die Bedeutung (und der Bedarf) der Fernkommunikation für Teile der Bevölkerung zunimmt bzw. zum ersten Mal überhaupt relevant wird. Die Eisenbahn als neues Transportmittel auch für Mitteilungen beschleunigt die mündliche Fernkommunikation und initiiert selbst neue Kommunikationsformen und Textsorten wie z.B. Fahrpläne und Fahrkarten, aber auch die damit verbundenen infrastrukturellen Objekte wie z.B. Anzeigetafeln.5 Ausdruck dieser Beschleunigung auf dem Gebiet der Kommunikationsformen ←50 | 51→werden Postkarte, die Kato et al. (in diesem Band) als prototypische kleine Text kennzeichnen, und Telegramm (s.u. Kap. 3.2).6

3.1 Postkarte

Friedrich Kittler hat in seinem Werk „Aufschreibesysteme“ (Kittler 1987) die Bedeutung moderner Aufschreibesysteme und vor allem der Schreibmaschine7, aber auch von Phonogramm und Grammophon, für die moderne Literatur dargestellt. Es ist zu fragen, ob nicht ein ebensolcher Einfluss auf die Produktion kleiner Texte feststellbar ist. Bedeutete der Buchdruck den Übergang von der skriptographischen zur typographischen Produktionsweise, so stellt die Schreibmaschine die Privatisierung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern dar. Nun ist es auch Privatpersonen möglich, Texte maschinell zu produzieren. Neben der Entstehung neuer Berufe wie z.B. der der Stenotypistin führt diese Entwicklung zusammen mit der durch Dampfmaschine und Telegraphie ermöglichten Vergrößerung der kommunikativen Reichweite auch zu einem Anstieg der Textproduktion insgesamt. Damit kommen vermutlich immer mehr Menschen in Kontakt mit Texten und werden vertrauter im Umgang mit solchen Texten und Textsorten. Deshalb kann auch vermutet werden, dass diese Vertrautheit die Hemmschwelle zur eigenen Textproduktion senkt. Dass dann zuerst und vielfach kleine Texte produziert werden, ist offensichtlich. Die Postkarte als neue Kommunikationsform ist dafür prädestiniert.

Folgt man den Überlegungen Heinemanns (2000) zur Klassifikation von Alltagstexten, so kann die Postkarte ohne Zweifel zu ihnen gerechnet werden.

Texte des Alltags dienen vorrangig der Kontakterhaltung und -festigung (teils auch der Kontaktherstellung), dem Austausch von persönlichen und sachlichen Informationen, dem Ausdruck von subjektiven Einstellungen. (Heinemann 2000: 608)

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Dies alles leistet bisher der Brief, er ist aber überformt von strengen Regeln und Konventionen, die große Teile der Bevölkerung mehr oder weniger von der aktiven und regelmäßigen Teilhabe an der Briefkommunikation ausschließen. Die von Heinemann aufgeführten wesentlichen Funktionen von Alltagstexten äußern sich vielfach in eher knappen sprachlichen Äußerungen, denen die Postkarte, wie noch gezeigt werden wird, die entsprechende Textfläche bietet.

Es ist der preußische Geheime Postrat und spätere deutsche Generalpostmeister Heinrich von Stephan, der am 30. November 1865 in einer Denkschrift auf der 5. Postvereins-Konferenz in Karlsruhe vorschlägt, zur Erleichterung und Vereinfachung der schriftlichen Fernkommunikation eine noch Postblatt genannte, offen versendete Karte für den Postverkehr einzuführen. Zwar ist es schließlich Österreich, das als erstes Land am 1. Oktober 1869 offiziell die Correspondenzkarte einführt, doch bereits kurze Zeit später, am 26. April 1870, führt auch der Norddeutsche Bund die Correspondenzkarte in Deutschland ein. Da die Postkarte trotz aller Veränderungen der Kommunikation am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch zu unserem kommunikativen Alltag gehört, soll auf sie beispielhaft für die Merkmale und Eigenschaften kleiner Texte eingegangen werden.

Abb. 5: Correspondenz-Karte

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Ursprünglich ist die Correspondenzkarte (Abb. 5) als reine Schriftkarte konzipiert, die eine Anschriftseite und eine weiße Rückseite besitzt, wobei die ersten Exemplare noch eine Art ‚Gebrauchsanweisung‘ am unteren Rand enthalten, in der den bislang noch ungeübten Nutzer*innen der neuen Kommunikationsform erklärt wird, was zu tun ist: „2) Der obige Vordruck ist deutlich und vollständig auszufüllen. […] 6) Der Absender ist nicht verpflichtet sich namhaft zu machen“, ist dort zu lesen.

Anders als im Brief ist bei der Postkarte die beschreibbare Fläche genau begrenzt und lässt keinen Platz für umfangreiche schriftliche Kommunikation, wodurch bei der Postkartenkommunikation ausnahmslos kleine Texte entstehen. Für längere Texte steht in der Privatkommunikation weiterhin der Brief zur Verfügung. Einerseits erlaubt dies nun auch un- oder wenig geübten Schreiber*innen, Postkarten zu verschicken, andererseits führt die Postkarte auch zu einer Beschleunigung der Schriftkommunikation, indem der geringere Schreibaufwand und die geringere Textmenge im Vergleich zum Brief ein schnelleres Kommunizieren begünstigt. Holzheid (2011) führt in ihrer Darstellung zur Entwicklung der Postkarte mehrere Beispiele dafür an, wie innerhalb von Briefwechseln durch das Einschieben von einzelnen Postkarten in den Kommunikationsakt dieser aufrecht erhalten und damit auch beschleunigt werden kann. Bereits in den ersten Tagen werden tausende von Karten verkauft und nur 10 Jahre nach ihrer Einführung, 1880, werden 141 Millionen Postkarten im deutschen Postgebiet befördert. Kleine Texte werden damit zum integralen Bestandteil der schriftlichen Alltagskommunikation.

Der begrenzte „Raum für Mitteilungen“, anfangs noch die gesamte Rückseite, die bald durch das Postkartenbild eingeschränkt wird, später dann die heute noch übliche linke Seite neben dem Feld für die Anschrift, erlaubt keine umfangreichen Texte und befreit damit sowohl die ungeübten Schreiber*innen, die sich bislang nur in Ausnahmefällen des Briefs bedient haben, als auch die versierten Briefschreiber*innen, die sich nun auf knappe, oft stereotype und/oder musterhafte Formulierungen zusätzlich zu Anrede und Grußformel beschränken können, von aufwendiger Schreibarbeit. Daraus resultiert das methodische Problem der Analyse dieser stark musterhaft geprägten Texte, die zudem durch ein hohes Maß an „Vertrautheit“ geprägt sind (einen methodischen Zugang hierzu präsentieren Kato et al. in diesem Band).

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Abb. 6: Gruß vom Schieß-Platz Wahn

Gleichzeitig eröffnen sich damit neue Anlässe für die Textproduktion und mit ihnen entstehen die entsprechenden Postkarten-Textsorten. Es handelt sich um diejenigen Anlässe, die bisher zu trivial erscheinen, um einen entsprechend aufwendig gestalteten Brief zu schreiben. Waren ein Sonntagsnachmittagsausflug, der Besuch von Sehenswürdigkeiten aller Art in der näheren Umgebung oder ein Abstecher in die benachbarte Großstadt bislang keinen eigenen Brief wert, so ändert sich dies nun.

Ein kurzer, vergleichsweise unverbindlicher Gruß, der keine Antwort zwingend erfordert, wird zum wesentlichen Kennzeichen der Postkartenkommunikation, das Grüssen zur dominierenden Texthandlung. Damit erlangt eine Handlung, die vor allem im Alltagsgespräch eine wichtige Funktion zur Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen spielt, eine zentrale Rolle in der schriftlichen Kommunikation, die bislang vor allem durch den Brief realisiert wurde. Ist dies im Brief mitunter recht ausführlich und umfangreich, wird das Grüssen auf der Postkarte knapp gehalten, wobei im obigen Beispiel (Abb. 6) diese Handlung schon auf der Bildseite sprachlich explizit erfolgt. Auf vielen Ansichtskarten wird diese Sprechhandlung dem Schreiber zudem noch abgenommen, was bei genauerer ←54 | 55→Betrachtung zur Redundanz von Postkartentext (als dem vom Schreiber individuell verfassten Text) und dem Text auf der Bildseite führt. Allerdings hat diese ‚Bagatellisierung’ des Schreibanlasses auf Dauer zur Folge, dass solche kommunikativen Akte bei entsprechendem Anlass nun auch erwartet werden: Die Karte aus dem Urlaub an Verwandte, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen wird nun zur oft sogar als lästig empfundenen Pflicht, andererseits stellt sie für viele auch ein wichtiges und mitunter sogar geschätztes Ritual dar, welches untrennbar mit den Vorstellungen von Urlaub verbunden ist (Cantauw-Groschek 1993: 167).

Vor allem bietet die Postkarte eine kommunikative Alternative zum stilistisch streng normierten Brief, womit auch weniger gewandte Schreiber*innen „eine erlösende Befreiung aus Stilzwängen“ (von Polenz 1999: 61) erfahren. Mit dem massenhaften Versenden von Postkarten einher geht die Entwicklung eines neuen Korrespondenzstils, welchem – bedingt durch die Öffentlichkeit der Mitteilung – „Andeutung, Abkürzung, Unvollständigkeit, das Fragmentarische, eigentümlich“ (Wietek 1977: 8) sind. Typisch für diesen Stil sind der häufige Wegfall des Subjektpronomens („Sind gut angekommen“, „Liegen den ganzen Tag am Strand“ und ähnliche Formulierungen) und damit elliptische Sätze sowie eine große Nähe zur Alltagsmündlichkeit. Ebenso begünstigt diese Kommunikationsform die Herausbildung stereotyper und musterhafter Formulierungen wie z.B. „Schöne Grüße aus X. senden Euch Eure Y.“ oder im amerikanischen Raum „Wish You were here“ (Diekmannshenke 2011: 34).

Gerade bei ungeübten Schreiber*innen findet sich allerdings noch lange ein Stilmix, der sich teilweise an den Konventionen des Briefs orientiert, dann aber wieder mit diesen bricht. So finden wir im Gegensatz zum Brief einen vergleichsweise sorglosen Umgang mit orthographischen Normen: „Endlich bekomst eine Karte von mier hoffendlig gefält sie Dier Gruß an Alle H.Hund“ (Postkarte von 1906; zit. n. Grosse et al. 1989: 103). Das Spannungsverhältnis zwischen Textsortenkonventionen und individueller Befreiung hiervon zeigt sich manchmal auf ein und derselben Postkarte, wobei man sich in diesem Fall an Einträge in Poesiealben oder Gästebücher erinnert fühlt:

L.G. Lieblich wie auf Blumenwegen Möchst Du durch das Leben ziehn. Und des Himmels rechter Segen Möge Dir zur Seite Stehn. Sei herzlich gegrüßt von Die. Gretchen Teile Dir eben mit das wir einen kleinen Jungen am 3 d.M. bekommen ←55 | 56→haben Alles gesund nur unsere Maria hat die Lungenetzündung Gruß an Mutter u Schwester. (Postkarte von 1900; zit. n. Grosse et al. 1989: 102)

Die wesentliche Mitteilung folgt in diesem Beispiel dem stilisierten Gruß und wirkt fast unpassend.

Deutlich wird dabei auch der sprachliche Stilbruch, wobei der Nachsatz als konzeptionell mündlich (entsprechend dem bekannten Modell von Koch/Oesterreicher 1985; Dürscheid 2003) bezeichnet werden kann, während sich der eigentliche Kartengruß an entsprechenden konzeptionell schriftlichen (gereimten) Mustertexten orientiert. Wesentlich stärker der Brieftradition verpflichtet ist hingegen die folgende Postkarte aus dem Jahr 1905: „Lieber Freund Albert. Mein Vater ist Dienstag in Oberhausen gestorben, wird nach hier überführt und Morgen Freitag 11 Uhr von hier (Bahnhof) aus Beerdigt. Mit frl Gruß Ang. Weber“. Wäre diese informative Mitteilung zum Tod des Vaters und dem Ablauf der Beerdigung jedoch in einem Brief erfolgt, hätte die Konvention eine elaboriertere Form und einen umfangreicheren Text erwarten lassen. Die Postkarte hingegen erlaubt einen knapperen und damit sachlicheren Stil. Dies wird vor allem in der Schlussformel deutlich. Zugleich erlaubt die Mitteilung per Postkarte dem Adressaten, selbst zu entscheiden, ob und in welcher Form er kondolieren möchte. Ein Brief anstelle der Postkarte hätte wiederum einen entsprechenden Kondolenzbrief erfordert.

Als besonderes Merkmal für die Postkartenkommunikation kann das Zusammenspiel von Bild- und Textseite angesehen werden, was mit dem Aufkommen der Bildpostkarte (ab 1885 ist es offiziell erlaubt, bebilderte Karten zu verschicken) eine neue Qualität der Kommunikation darstellt. Blickt man auf die Flugblätter zurück, dann konnte man schon bei vielen von ihnen ein äußerst produktives Zusammenspiel von sprachlichen und visuellen Elementen beobachten. Gerade für kleine Texte wird seitdem dieses Zusammenspiel auf solchen „Sehflächen“ (Schmitz 2011) typisch, da der Einsatz von visuellen Mitteln als einer komplexen Mitteilungs- und Wahrnehmungsform zu einer Komprimierung des zu Kommunizierenden führt. Zusammen mit der Musterhaftigkeit bei der Produktion des Postkartentextes erleichtert die Komprimierung, also die Textkürze, die Rezeption des Kommunikats und führt auf dem Wege der leichteren Beherrschbarkeit der Textsortenkonventionen und der Erwartung ←56 | 57→der Rezipient*innen möglicherweise zu einem Anstieg solcher kleiner Texte.8

Auf der Postkarte enthält die Bildseite wesentliche Elemente des Kommunikats, wobei diese schnell erfasst werden kann. Der durch das Postkartenformat und die Gestaltung der Karte stark begrenzte Mitteilungsraum erfährt auf diesem Weg eine Optimierung, was wiederum von den Schreiberinnen und Schreibern möglichst effektiv für die eigenen kommunikativen Bedürfnisse genutzt wird.

Der traditionelle Briefwechsel erlebt durch die Postkarte Veränderungen. So nutzen auch versierte Briefschreiber*innen Postkartenformate für die schnelle, knappe Kommunikation im Rahmen eines Briefwechsels, wenn für den längeren, ausführlicheren Brief keine Zeit bleibt. Die folgende Postkarte schreibt Theodor Storm am 5.5.1883 an Gottfried Keller:

Lieber Freund Gottfried, mich verfolgt wespenartig ein beunruhigender Gedanke, und deshalb muß ich diese Karte schreiben: nemlich der, dß es mit meinem Briefe v 14 März an Sie wieder einmal nicht recht richtig sein könne, daß er zu dick oder, Gott weiß was gewesen. Bitte, schonen Sie mich nicht, sondern lassen mir auch die fürchterlichste Wahrheit auf der Antwortkarte breviter et distincte zukommen. Gewißheit geht doch über Alles. […] Ich grüße Sie herzlich. ThStorm. (zit.n. Holzheid 2011: 230)

Als Massenprodukt hergestellt, kennzeichnen Bildklischees die Postkarten, die sich mit dem veränderten Zeitgeschmack wandeln und die zugleich diesen Zeitgeschmack belegen. Nicht viel anders verhält es sich mit den Texten. Auch hier finden sich entsprechend den jeweiligen Anlässen stereotype Formulierungsmuster, die durch den begrenzten Raum für den Text noch verstärkt werden.

3.2 „Ankomme Freitag den 13.“: Telegramm

Neben der Erfindung von Dampfmaschine und speziell der Eisenbahn trägt die Erfindung der Telegraphie9, die ursprünglich der organisatorischen Kommunikation im Eisenbahnbetrieb diente, zur Beschleunigung ←57 | 58→der Schriftkommunikation bei und generiert eine Kommunikationsform, die anders als die Postkarte keine explizite Raumbegrenzung mit sich bringt, durch die jedoch im Vergleich zu Brief und Postkarte deutlich höheren Kosten bei der Nutzung in der Regel nur kleine oder besonders kleine Texte produziert werden, das Telegramm. Zugleich führt diese Komprimierung zur Herausbildung eines typischen „Telegrammstils“, der nicht nur nicht durch Weitschweifigkeit und Ausführlichkeit, sondern vielmehr durch Reduzierung auf das kommunikativ Notwendige gekennzeichnet ist. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (und sogar noch darüber hinaus) stellt das Telegramm die schnellste Form der Schriftkommunikation dar und wird vor allem für dringende Mitteilungen genutzt. Anders als bei anderen Kommunikationsformen und Textsorten kleiner Texte ist die Lebenszeit des Telegramms sehr begrenzt. Als eine der wenigen Kommunikationsformen kann das Telegramm heute als weitgehend verschwunden angesehen werden. Während eine Reihe von Staaten die Kommunikationsform Telegramm aus dem Schrift-Verkehr genommen hat, gibt es in der Bundesrepublik Deutschland allerdings noch immer die Möglichkeit, Telegramme – vor allem als Grußtelegramme, die entsprechend gestaltet sind –, zu versenden. Der Grund für das Verschwinden muss vor allem in der Entwicklung der Kommunikationstechnik gesehen werden. So wie die technischen Entwicklungen neue Kommunikationsformen, worunter auch immer kleine Texte zu finden sind, begünstigen, können sie auch das Verschwinden alter Kommunikationsformen herbeiführen. In diesem Fall ist die Verbreitung des Telefons vor allem im Privatbereich die entscheidende technische Voraussetzung.

Es kann sicher nicht als Zufall angesehen werden, dass Postkarte und Telefon fast zeitgleich Einzug in das Kommunikationssystem am Ende des 19. Jahrhunderts nehmen. 1876 meldet Alexander Graham Bell sein Telefongerät zum Patent an, 1877 führt auch von Stephan erste Versuche mit dem neuen Gerät in Deutschland durch. Es dauert allerdings noch bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis das Telefon zu einem Alltagsgegenstand geworden und damit allgegenwärtiges Kommunikationsmittel ist.

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4. Moderne Massenkommunikation: Die Welt der kleinen Texte

Das Aufkommen und die Ausbreitung moderner Massenkommunikationsmedien insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem Hörfunk und Fernsehen, prinzipiell aber schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, begünstigen die verstärkte Nutzung und Verbreitung kleiner Texte. Um nicht den Rahmen dieser kurzen Geschichte kleiner Texte zu sprengen, sollen einige Vertreter nur beispielhaft genannt werden. Plakate, die in den unterschiedlichsten Vorläuferformen eine lange Geschichte haben (Kamps 1999), gehören seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den immer beliebter werdenden Kommunikationsformen, insbesondere als Ernst Litfaß im Jahr 1854 die nach ihm benannte Plakatsäule im öffentlich Raum etabliert. Auch bei Plakaten lassen sich parallele Entwicklungen wie bei der Postkarte beobachten. Dominiert in der frühen Phase der Schrifttext, gewinnen schließlich visuelle Elemente immer mehr an Bedeutung und führen vielfach zu einer Verringerung der Menge des Schriftlichen. Will man diese schriftlichen Teile eines solchen multimodalen Kommunikats als eigenständige (kleine) Texte betrachten, dann kann die These aufgestellt werden, dass mit der wachsenden Bedeutung multimodaler Kommunikation eine Tendenz zur Verkleinerung ursprünglich größerer und auch bereits kleiner Texte einhergeht.

Eine ähnliche Entwicklung kann auch in der Anzeigenwerbung beobachtet werden, eine Reduzierung des Anteils der sprachlichen Elemente bei einem gleichzeitigen Anstieg der visuellen. Zugleich führt dies zu einer stärkeren Modularisierung vieler Kommunikationsformen und Textsorten. So finden sich in Zeitungen, Zeitschriften, sogenannten Anzeigenblättchen und ähnlichen Publikationen Kleinanzeigen, Familienanzeigen, Inserate usw., die als kleine Texte betrachtet werden können. Viele dieser genannten Textsorten sind durch eine hohe Musterhaftigkeit und spezifische Formelhaftigkeit gekennzeichnet (die auch typisch für die Postkartenkommunikation sind). Stein/Stumpf (2019: 141ff.) zeigen dies in ihrer Untersuchung beispielhaft an ausgewählten Todesanzeigen. Die dort formulierten Erkenntnisse können auf viele andere kleine Texte übertragen werden. Die aus unterschiedlichen Gründen bedingte Begrenzung des Textes begünstigt die Verwendung formelhaften Sprachgebrauchs, was sowohl aus Sicht der Schreiber*innen die Textproduktion vereinfacht und damit beschleunigt, als auch aus Sicht der Rezipient*innen das Textverstehen erleichtert.

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In die ganzseitige Aufnahme des Flyers (Abb. 7) sind kleine Texte integriert, die den modularen Charakter solcher Kommunikate verstärken und die präsentierten Speisen von den anderen Angeboten abheben (siehe auch den Beitrag von Schmitz in diesem Band).

Eine entsprechende Begründung würde auch für die immer stärkere Verbreitung von kleinen Texten auf Verpackungen10 (Kerschensteiner 2019), T-Shirts (siehe den Beitrag von Staubach in diesem Band sowie Staubach 2017), Gebäudein- und -aufschriften, Schildern im öffentlichen Raum, Abfalleimern (Abb. 8) usw. herangezogen werden können. Gerade die neueren Untersuchungen auf dem Gebiet der linguistic landscape (Auer 2010) bieten vielfache Beispiele und entsprechendes Anschauungsmaterial.

5. Kommunikationsbeschleunigung 3.0: Computer und Internet

Die bisher beschriebene Tendenz von kommunikationstechnologischem Wandel, der Entstehung neuer Kommunikationsformen und Textsorten und den damit verbundenen kleinen Texten wird im 20. Jahrhundert durch Computer und Internet sowie Handy und Smartphone fortgesetzt, wobei soziale Netzwerke eine große Rolle spielen (Castells 2017). Veränderte die Eisenbahn die Wahrnehmung und Erfahrung von Zeit und Raum in Richtung einer eindeutigen Beschleunigung, so sorgen der Computer und damit verbunden das Internet für einen weiteren Zugewinn an Geschwindigkeit. Wiederum entstehen neue Kommunikationsformen und Textsorten, so z.B. E-Mail, Chat oder Foren sowie in jüngerer Zeit Kommunikationsplattformen und Netzwerke wie Blog, Twitter, Facebook oder Instagram, um nur einige zu nennen, und neuerdings die sogenannten Apps für Smartphone und Tablet.

Die Geschwindigkeit des Kommunizierens steigert sich ein weiteres Mal, sodass Quasi-Synchronizität gleichsam zum Normalfall auch der Schriftkommunikation wird oder zumindest erwartet wird. Diese erneute Beschleunigung begünstigt erneut das Entstehen kleiner Texte, beginnend mit der E-Mail und der SMS (in der Handykommunikation). Vielfach ist auch ein Prozess zu beobachten, der als kommunikative Hybridisierung ←60 | 61→←61 | 62→bezeichnet werden kann. Als Beispiel dafür soll die E-Mail-Kommunikation betrachtet werden. Es findet sich – wie in vielen anderen Fällen auch – noch lange eine Orientierung an traditionellen Kommunikationsformen und Textsorten, in diesem Fall an der des Briefes. So orientieren sich Schreiberinnen und Schreiber von E-Mails als einer lange Zeit und heute im Rahmen beruflicher und institutioneller Kommunikation vermutlich meistgenutzten internetbasierten Kommunikationsform11 noch stark an den Brieftraditionen, indem sie – vor allem bei formellen E-Mails – Anrede, einen davon deutlich abgesetzten thematischen Teil sowie eine Schlussformel einschließlich der Namensnennung realisieren, bei einer unmittelbaren Antwort des jeweiligen Empfängers auf eine E-Mail findet sich jedoch oft ein Wechsel des kommunikativen Modus, der der Beschleunigung des kommunikativen Handelns geschuldet ist und vielfach kleine Texte innerhalb eines E-Mail-Wechsels generiert.

Abb. 7: Werbeflyer (Foto HD)

Abb. 8: Zwei Abfallbehälter in Innsbruck (Foto HD)

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Hallo [Vorname],

hier die Bahnverbindungen, die in Frage kämen:

Koblenz ab 11.13

Bonn       ab 11.44

Essen       an 12.57

(man muss in Köln umsteigen, aber nur von Gleis 4 auf Gleis 5, sollte also machbar sein)

Koblenz ab 12.13

Bonn       ab 12.44

Essen       an 13.57

(ohne Umsteigen, dafür kämen wir ca. 20 Min. zu spät)

Was meinst du??

Schnee-ige Grüße aus der Palz,

[Vorname]

(private E-Mail)

Der Informationsaustausch orientiert sich noch stark an der Brieftradition, indem Anrede- und Schlussformel vollständig realisiert werden, die Namensnennung erfolgt, obwohl dies nicht notwendig wäre, da dies prinzipiell bereits durch die Adressierung der E-Mail geleistet wird, zudem werden die orthographischen und syntaktischen Normen befolgt. Während Brief und Postkarte durch die Übermittlungsbedingungen des Systems der Post bestimmt werden und damit einer zeitlichen Verzögerung unterliegen, wird diese durch internetbasierte Kommunikationsbedingungen weiter reduziert. Erfolgt der klassische Briefwechsel verzögert, so ergibt sich bei der E-Mail-Kommunikation die Möglichkeit einer Annäherung an kommunikative Synchronizität.

Erfolgt der Wechsel von E-Mails in einer schnellen Folge, z.B. weil beide Kommunikationspartner*innen gleichzeitig online sind, so lässt sich oft ein Wechsel in einen Kommunikationsmodus beobachten, der Ähnlichkeiten mit dem kommunikativ schnelleren turntaking in Gesprächen oder dem Wechsel der Chatbeiträge in Webchats aufweist und vielfach zu einer Verknappung der Kommunikation und der Textlänge führt.

Ist ja richtig gefährlich bei euch da oben: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bombenalarm-in-bonn-spuren-fuehren-in-die-salafistenszene-a-872351.html

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Sag mal, wie machst du das denn immer mit der Abrechnung der Bahn Tickets (GAL)? Wartest du bis zur nächsten Beiratssitzung oder schickst du [Vorname Name] die Unterlagen zu?

Herzliche Grüße aus der sonnigen Pfalz,

[Vorname]

Am 08.12.2012 12:49, schrieb [programmgenerierter Vorname Name]:

    Siehste *g*

[programmgenerierter Vorname Name] schrieb:

Ach, deswegen bist du gestern im Abteil erstmal an mir vorbei gelaufen. Du hast nach einem roten Mützchen Ausschau gehalten! Das erklärt alles.

Am 07/12/2012 09:12, schrieb [programmgenerierter Vorname Name]:

Prima – und setz ein rotes Mützchen auf. Mal sehen, ob die Bahn dem Schnee
standhält.

Herzliche Grüße
[Vorname]

[programmgenerierter Vorname Name] schrieb:

HO HO HO!
Klar, kann ich machen.
Immerhin ist ja Weihnachten und nicht Ostern – sonst hätte ich dich
suchen lassen…
Bis „später“,
[Vorname]

Am 06/12/2012 06:49, schrieb [programmgenerierter Vorname Name]:

Moin [Name],

du kannst mir morgen ja eine SMS schicken, in welchem Wagen du sitzt, dann steige ich entsprechend ein.

Herzliche Schnee-Lausi-Grüße
[Vorname]

(private E-Mail-Korrespondenz)

Während die erste E-Mail (am Ende stehend) sich noch an Mustern der Briefkommunikation orientiert, werden im weiteren Verlauf einige dieser Musterelemente wie z.B. Anrede und Verabschiedung suspendiert. Durch Computer und Internet erfährt die Schriftkommunikation erneut eine ←64 | 65→deutliche Beschleunigung. Grundsätzlich gilt für die E-Mail-Kommunikation zwar weiterhin, dass es sich wie beim Brief um eine Form der zerdehnten Kommunikation, wie Konrad Ehlich es einmal genannt hat, handelt, allerdings kann es wie im obigen Beispiel illustriert passieren – und in vielen Fällen ist es auch so –, dass es zu einer fast-synchronen Kommunikation (Dürscheid 2003) kommt, die wiederum die Entstehung kleiner Texte befördert.

Noch stärker als die E-Mail hat vermutlich die SMS als handy- bzw. smartphonegestützte Kommunikationsform zur Beschleunigung und Verknappung der Schriftkommunikation beigetragen. Der Bonner Friedhelm Hillebrand entwickelte die SMS 1984 für die damalige Deutsche Bundespost. Aufgrund der Übertragung mittels des sogenannten Steuerkanals, der geringere Kapazitäten als der sog. Sprachkanal hatte, war eine Begrenzung der maximal übermittelbaren Zeichenmenge notwendig. Wie Hillebrand vor kurzem in einem Interview erklärte, habe er sich bei der Begrenzung auf 160 Zeichen an der durchschnittlichen Textlänge auf Ansichtskarten orientiert (Bonner General-Anzeiger v. 1./2.12.20012). Inzwischen können umfangreichere SMS verschickt werden, eine Entwicklung, die auch bei früheren kleinen Textsorten beobachtet werden kann. Zwischenzeitlich ist die SMS vielfach an die Stelle der Postkarte getreten. Um einen schnellen Gruß aus dem Urlaub zu verschicken, oder um Freunden oder Verwandten zum Geburtstag zu gratulieren, nutzen viele inzwischen die SMS, die den Empfänger oder die Empfängerin nur wenige Augenblicke nach dem Abschicken auch schon erreicht. Zumindest ist das die Erwartung der meisten Handy-Nutzer*innen. Verloren geht dabei allerdings die ‚Bildseite‘ der Postkarte, was zwar durch unterschiedliche Angebote (z.B. durch das Erstellen von postkartenähnlichen Gruß-E-Mails an speziellen E-Mail-Terminals in manchen Urlaubsorten) kompensiert werden soll, sich aber offensichtlich nicht erfolgreich etablieren konnte.

Eine weitere Reduktion des für den jeweiligen kommunikativen Akt nutzbaren Zeichen-Raums stellt Twitter dar. Handelte es sich bei Postkarte, E-Mail und SMS um 1:1-Kommunikation, so stellt das Twittern eine 1: Viele-Kommunikation dar, bei der ursprünglich eine Begrenzung auf 140-Zeichen (was gegenüber der SMS noch einmal eine Verknappung um 20 Zeichen bedeutete) vorhanden war, die allerdings 2017 auf 280 Zeichen erhöht wurde. Ein Twitter-Account scheint heute fast ein Muss ←65 | 66→zu sein, wenngleich es einige Prominente gibt, die nicht twittern, Angela Merkel gehört z.B. zu ihnen. Für viele Prominente aus Fernsehen, Sport, Unterhaltung und Politik ist Twitter eine wichtige Plattform für die eigene Imagepflege geworden (vgl. Thimm/Einspänner/Dang-Anh 2012; Diekmannshenke 2013).

Aktuell erfreut sich die Nutzung von WhatsApp großer Beliebtheit. Laut der JIM-Studie von 2019 rangieren WhatsApp und Instagram nach YouTube sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen an zweiter (36%) bzw. dritter Stelle (35%) der Internetangebote (mpfs 2020: 27).

Die Varianz an liebsten Angeboten im Netz fällt bei Mädchen deutlich größer aus als bei Jungen. Während Mädchen zu vergleichbaren Anteilen YouTube (55 %), Instagram (49 %) und WhatsApp (46 %) als Favoriten benennen, liegt bei den Jungen YouTube mit deutlichem Abstand auf Platz 1 (71 %). WhatsApp (28 %) und Instagram (22 %) sind vergleichsweise weniger relevant. (mpfs 2020: 27)

Deutlich erkennbar ist bei der WhatsApp-Nutzung eine höhere Interaktivität und Multimodalität gegenüber E-Mail und SMS (vgl. Abb. 9).

Abb. 9: Private WhatsApp-Mitteilungen

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Die Kürze vieler WhatsApp-Mitteilungen begünstigt ähnlich wie bei der Postkarte die Verwendung von musterhaften Formulierungen, verbunden mit der Verwendung von visuellen Elementen, insbesondere von Emoticons bzw. Emojis, die wiederum die Textverknappung fördern (vgl. Pappert 2017). Ebenso ist die Integration von Videos und Audiodateien möglich (Abb. 9). Das kann allerdings dann auch dazu führen, dass solche Texte für Außenstehende unverständlich werden und eine Form der Insiderkommunikation darstellen. Ein ähnliches Phänomen ist auch in Online-Computerspielen, z.B. den sogenannten MMORPGs (Massivly Multiplayer Online Role-Playing Games) oder auch Ego-Shootern, zu beobachten, wie der folgende Chat-Ausschnitt aus „World of Warcraft“ zeigt:

[Gilde][Theftkiller]: und högni troll?

[Gilde][Garibaldy]: ja

[Gilde][Garibaldy]: azhe = untot

[Gilde][Wolfseye]: Guten Morgen Gilde

[Gilde][Joleen]: moin

[Gilde][Garibaldy]: gestern hatten wir jindo auf 7%,-(so ein mist

[Gilde][Garibaldy]: frage ist ein verzauberer hier der mir 22 int auf waffe machen kann?

Chatbeiträgen vergleichbar können die einzelnen Beiträge jeweils als kleine Texte betrachtet werden, die sich nach und nach zu einem kommunikativen Ganzen summieren.12

Es gibt noch eine Vielzahl von kleinen Texten in der Internetkommunikation und besonders in sozialen Netzwerken, man denke an einzelne Textmodule in Blogs, an die Bewertungen in den verschiedenen Bewertungsportalen, Kommentare zu einzelnen Produkten auf den Seiten der großen (und kleinen) Internetanbieter, Posts auf allen möglichen Seiten und vieles mehr. Sowohl aus Platz- als auch aus inhaltlichen Gründen muss auf die weitere Darstellung und Untersuchung dieser Erscheinungen verzichtet werden, denn es geht in diesem Beitrag um die Geschichte und weniger um die Gegenwart kleiner Texte.

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6. Schluss: Die erträgliche Langsamkeit des Schriftlichen

Ziel dieses Beitrags war es zu zeigen, dass und wie Kommunikationstechnologien, angefangen mit der Verschriftlichung der deutschen Dialekte in althochdeutscher Zeit über die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und die Dampfmaschine bzw. Eisenbahn hin zu Computer und Internet, Handy und Smartphone aufgrund technischer Bedingungen zur Entstehung neuer Kommunikationsweisen und Textsorten führen, wobei stets auch kleine Texte entstehen. Als Beispiele wurden vor allem die ahd. Glossen und Glossare, Flugblätter, Postkarten, das Telegramm sowie eine Reihe von Internetkommunikationsweisen überblicksartig betrachtet. Als neueste Entwicklung nach dem Erreichen einer Fast-Synchronizität in vielen internetbasierten Kommunikationsweisen zeichnen sich nun Prozesse der Hybridisierung ab, die sowohl Kommunikationsformen als auch einzelne Textsorten betreffen und die möglicherweise zur Herausbildung neuer Formen führen. Diese Entwicklung korrespondiert mit der Entstehung von Hybridgeräten, von denen Smartphones momentan sicherlich die beliebtesten sind. Je schneller die konkrete Kommunikation funktional sein soll und kann, umso stärker bieten sich kleine Texte mit einer ausgeprägten Musterhaftigkeit als geeignete Kommunikationsmittel an. Die Nutzung visueller (und weiterer Elemente) begünstigt darüber hinaus die Entstehung multimodaler Kommunikate, in denen sich kleine (und oft auch sehr kleine) Texte als modulare Elemente finden. Dass eine solche Modularisierung dabei einhergeht mit kleinen Texten, ist alles andere als überraschend.

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Literatur

Auer, Peter, 2010: „Sprachliche Landschaften. Die Strukturierung des öffentlichen Raums durch die geschriebene Sprache“. In: Deppermann, Arnulf/Linke, Angelika (Hrsg.): Sprache intermedial. Stimme und Schrift, Bild und Ton. (Jahrbuch 2009 des Instituts für Deutsche Sprache). De Gruyter: Berlin, New York, 271–298.

Ayaß, Ruth 2020: „Schreibapparate. Die Rolle von Tastaturen für Schreiben und Schrift“. In: LILI. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 50 (1), 115–146.

Braune, Wilhelm/Ebbinghaus, Ernst A., 1979: Althochdeutsches Wörterbuch. 16. Aufl. Niemeyer: Tübingen.

Cantauw-Groschek, Christiane, 1993: „‚Liebe Kolleginnen und Kollegen …‘ Urlaubspostkarten an die Arbeitsstelle“. In: Kramer, Dieter/Lutz, Ronald (Hrsg.): Kultur-Tourismus – Tourismus-Kultur. LIT: Münster, Hamburg, 143–169.

Castells, Manuel, 2017: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Das Informationszeitalter: Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Bd. 1, 2. Aufl. Springer VS: Wiesbaden.

Cremer, Johanna, 2018: „Daheim auf dem Rhein. Mit dem Dampfschiff vom Rheinwaldhorn zur Nordsee“. In: Cremer, Johanna (Hrsg.): Bretter, die die Welt bedeuten. Spielend durch 2000 Jahre Köln. Begleitband zur Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum vom 5. Mai bis zum 26. August 2018. Kölnisches Stadtmuseum: Köln, 67–74.

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1In diesem Beitrag wird der Blick ausschließlich auf die Text(sorten)geschichte des Deutschen geworfen. Es wäre interessant, die hier skizzierte Entwicklung mit der in anderen Sprachen in Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu vergleichen.

An dieser Stelle möchte ich den Gutachter*innen für viele konstruktive Anregungen und Hinweise danken.

2Zur theoretischen Diskussion von kleinen Texten sei exemplarisch auf Hausendorf (2009) und Janich (2015) sowie die Beiträge in diesem Band hingewiesen.

3Einerseits muss dies überraschen, besteht auch heute noch der Alltag aus einer Vielzahl solcher Texte, andererseits muss weiterhin konstatiert werden, dass gerade sogenannte Alltagstexte (Heinemann 2000) erst in geringem Maße linguistische Aufmerksamkeit erfahren haben. Sicherlich ist die „Flüchtigkeit“ solcher Texte ein wichtiger Grund hierfür, denn in welchem Archiv werden Rechnungen, Flugblätter, Werbeprospekte u.a. systematisch gesammelt?

4In den letzten Jahren ist die sogenannten 1968er Generation stärker in den Fokus der Linguistik gerückt. Ohne auf die verschiedenen Publikationen eingehen zu wollen, sei hier auf die Bibliographie von Mell/Pappert (2018) sowie den Sammelband von Kämper/Scharloth/Wengeler (Hrsg. 2012) hingewiesen.

5Gerade die mit der Dampfmaschine unmittelbar verbundene Entwicklung des modernen Tourismus und seiner Infrastruktur bringt eine Vielzahl von neuen Textsorten hervor, unter denen sich viele kleine Texte finden wie z.B. Reiseplakate, Kofferaufkleber (Simon 2005), Werbeanzeigen von Reiseanbietern und Destinationen, Hotels und Pensionen, Eintrittskarten zu Sehenswürdigkeiten aber auch die beliebten Reisespiele, deren Spielpläne als kleine Texte angesehen werden können (Cremer 2018).

6Ein wesentliches Element des sich entwickelnden modernen Postwesens ist die Briefmarke, die ein komplexes Sprache-Bild-Kommunikat und eine kleine Textsorte darstellt. Die Linguistik hat die Briefmarke als Untersuchungsgegenstand bislang übersehen, sieht man von der Untersuchung von Hamisch-Wolfram (2006) ab, die allerdings einer speziellen Fragestellung folgt.

7Eine ausführliche Darstellung der Bedeutung der Schreibmaschine für die weitere Medien- und Kommunikationsgeschichte findet sich z.B. bei Ayaß (2020).

8Diese anregende Überlegung verdanke ich Dorothee Meer.

9Standage (1999) stellt die vielleicht als provokant empfundene These auf, bei der Telegraphie handele es sich um das erste mediale soziale Netzwerk und damit um einen Vorläufer des Internet.

10Hausendorf (2009) zeigt eine Reihe von Beispielen aus der Gegenwart für solche kleinen Texte.

11Im privaten Bereich ist die E-Mail inzwischen möglicherweise durch WhatsApp-Mitteilungen abgelöst worden.

12Eine genauere Darstellung der kommunikativen Prozesse in diesen Spielen findet sich bei Stertkamp (2017).

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Hiloko Kato, Marcel Naef, Kyoko Sugisaki & Nicolas Wiedmer

„Wie ihr seht, hat es hier nicht mehr Platz zum Schreiben“ – Eine text- und korpuslinguistische Untersuchung der Lesbarkeitsquellen kleiner Texte am Beispiel der Ansichtskarte

Abstract: In this paper, we present a study on holiday picture postcards from the 1950s to the 2010s which can be seen as prototypic representatives of small texts, found in everyday life with specific characteristics regarding their material dimensions, verbal complexity and scope of purposes and familiarity. With an initial text linguistic approach, we focus on pragmatic observations concerning the perceptible and knowledge-based characteristics of holiday picture postcards. Based on these first considerations, we follow up with a data-driven analysis of the [anko] (Ansichtskartenkorpus ’picture postcard corpus’) consisting of 12,380 cards written in Standard and Swiss German holiday picture postcards. The primary objective of our study is to carve out the gains of this exceedingly pragmatic approach in combination with corpus linguistic methods. It takes the importance of non-verbal features of postcards into account therefore giving new insights in primarily verbal and core-linguistic matters, allowing for these findings to be transferred to small texts in general.

Keywords: holiday picture postcardstext linguisticscorpus-based approachstoryline-based approachsmall textsmultimodalitymaterialitycommonsense knowledgetextualization cuesvacation communicationaccommodativity

1. Einleitung: Das Problem der Lesbarkeitsquellen kleiner Texte

Kleine Texte sind sprachliche Erscheinungsformen, die allgegenwärtig in unserem Alltag anzutreffen sind, jedoch aufgrund ihrer Merkmale nur mitgelesen oder leicht überlesen werden.1 Auch wenn sie alle Attribute von Lesbarkeit (Hausendorf et al. 2017) besitzen, tragen sie diese nicht wie ←73 | 74→andere prototypische Texte wie etwa Bücher oder Zeitungen „zur Schau“ (Hausendorf 2009: 7), weshalb sie auch unter den Radar linguistischer Forschung geraten. Aus textlinguistischer Perspektive zeichnen sich kleine Texte im Wesentlichen dadurch aus, dass sie ihre Lesbarkeit zu einem substanziellen Teil aus den Quellen der Wahrnehmbarkeit und der Vertrautheit schöpfen (vgl. Hausendorf 2009: 16, zu den Lesbarkeitsquellen vgl. Hausendorf et al. 2017: 69–105), also aus Nichtsprachlichem (Fix 2008). Dass der Quelle der Sprachlichkeit somit scheinbar eine untergeordnete Rolle zukommt, ist für die Linguistik methodologisch nicht unproblematisch: Durch das Zurücktreten der Sprache hinter Vertrautheit und Wahrnehmbarkeit scheint der Linguistik ihre disziplinäre Zuständigkeit bei kleinen Texten bis zu einem gewissen Grad abhanden zu kommen.

Die Ansichtskarte ist aufgrund der engen Begrenztheit des Schreibfeldes ein prototypischer Vertreter kleiner Texte.2 Wir verstehen sie in ihrer schriftlich lesbaren, aber auch materiell wahrnehmbaren Erscheinungsform und somit in ihrer vorliegenden Gesamtheit aus sich hochgradig bedingenden Modalitäten (Bild, vorgedruckte Schrift und Handschrift) und Einheiten (Bildseite, Mitteilungs- und Adressfeld) als Text.3 Trotz aller Möglichkeiten zur Variation ist die Kommunikation über das Medium der ←74 | 75→Ansichtskarte hochgradig rekurrent, was verdeutlicht, dass es sich dabei um musterhaft-typische Lösungen auf die im Urlaub stets anfallenden und wiederkehrenden Formulierungsaufgaben handelt. Diese sprachlichen Muster stehen dabei in einem engen Wechselverhältnis zu der Knappheit des Schreibplatzes innerhalb einer ebenso einflussreichen typisch-materiellen Erscheinungsform des Textträgers sowie den allgemeinen Vorstellungen darüber, wie diese kleinen Texte produziert, geschrieben und gelesen werden. Warum wir Ansichtskarten verstehen, hängt also nicht einfach und allein von dem Geschriebenen ab, sondern aus der Gesamtheit dessen, was sich aus einem Zusammenspiel aller drei Lesbarkeitsquellen Wahrnehmbarkeit, Vertrautheit und Sprachlichkeit ergibt.

Im vorliegenden Artikel wollen wir deshalb am Beispiel der Ansichtskarte darlegen, wie sich der Zugriff auf nichtsprachliche Lesbarkeitsquellen in analytisches Potenzial für die Rekonstruktion sprachlicher Lesbarkeitshinweise ummünzen lässt. Wir sind also der Meinung, dass es sich bei den drei Lesbarkeitsquellen Wahrnehmbarkeit, Vertrautheit und Sprachlichkeit um analytische Ressourcen handelt, die je nach Textsorte oder „Ethnokategorie“ (Adamzik 2004: 74; Luginbühl/Perrin 2011) von Text unterschiedlich stark ausgeprägt sind und „von Fall zu Fall sehr unterschiedlich in Anspruch genommen [werden]. In welchem Maße sich Lesbarkeit auf Schriftsprachlichkeit, auf das in einer Lektüresituation Wahrnehmbare und auf das aus dem Lektürekontext Vertraute stützt, ist deshalb eine empirische Frage, die sofort in die Welt der Texte führt“ (Hausendorf et al. 2017: 73). Konkret wird mittels einer Kombination textlinguistischer und korpuslinguistischer Verfahren, bei denen wir uns von den unmittelbar wahrnehmbaren und uns vertrauten Charakteristiken der Ansichtskarte leiten lassen, die Ressource der Sprachlichkeit an der empirisch zugänglichen Oberfläche ausfindig gemacht.

Als Grundlage dient uns das Zürcher Ansichtskartenkorpus [anko], bestehend aus 12’380 seit 1898 gelaufenen Ansichtskarten. Das Korpus wurde zwischen 2009 und 2016 erstellt und mittels manueller Transkription der Handschriften digitalisiert.4 Die Ansichtskarten wurden ←75 | 76→von Privatpersonen aus Urlaubsorten, vor allem aus der Schweiz, Italien, Deutschland und anderen europäischen Ländern, versendet, und sie sind hauptsächlich in Standarddeutsch verfasst (95%, 11’803 Karten, 584’015 Token). Im Korpus sind die Paragraphen, Sätze und Token automatisch segmentiert und in XML-Repräsentation dargestellt (vgl. Sugisaki et al. 2018).

Im Folgenden zeigen wir zunächst, wie die Quelle der Wahrnehmbarkeit als analytische Ressource bei der textlinguistischen Untersuchung von Ansichtskarten dienen kann und wie die Berücksichtigung der Wahrnehmbarkeit bestimmte sprachliche Phänomene der Ansichtskarte überhaupt erst in den empirischen Fokus rücken lassen. Es geht dabei nicht nur um sehr prominent wahrnehmbare Charakteristiken der Ansichtskarte wie die Beidseitigkeit aus Bildseite und Mitteilungsseite (Kap. 2.1), sondern auch um Rückschlüsse von der Gliederung des Mitteilungsfeldes zu den textuellen Funktionen. Dazu soll uns der Blick auf die „kürzesten“ Karten im Korpus, also die Karten, die am wenigsten sprachliche Mitteilungen enthalten, weitere Aufschlüsse geben (Kap. 2.2). In Kontrast dazu und als weiterer Zugang über die Wahrnehmbarkeit nehmen wir dann auch die „längsten“ Karten5 im Korpus unter die Lupe (Kap. 2.3), die besonders eindrücklich vor Augen führen, dass eine grundlegende Eigenschaft der „Kleinheit“ von Ansichtskarten in der Knappheit der Ressource „Platz“ zu suchen ist. Im Gegensatz zu den kürzesten Karten sind diese besonders dicht beschrifteten Exemplare eher atypische Formen, die gerade deshalb einiges über die Prototypik der Textsorte verraten. Sie bilden im Kontext dieser prototypischen Musterhaftigkeit daher auch das Scharnier zum dritten Kapitel, worin wir die besondere Rolle diskutieren, die der zweiten nichtsprachlichen Lesbarkeitsquelle, der Vertrautheit, bei der Rekonstruktion von Lesbarkeitshinweisen in Ansichtskarten zukommt. Ausgehend von diesen langen Karten, die in ihrer Textualität kaum mehr als „klein“ zu bezeichnen sind, fokussieren wir auf temporale Gliederungs- und Verknüpfungshinweise, um Unterschiede zwischen langen und kurzen Karten hinsichtlich ihrer musterhaften Konstituierung als kleine Texte herauszuarbeiten (Kap. 3.1). ←76 | 77→Vertrautheitsbasiert kommen Kategorien des „Urlaubsframes“ (Diekmannshenke 2008: 90) dazu, die wir hier auf ihren Beitrag zur Entfaltung thematischer Verknüpfungen hin analysieren (Kap. 3.2). Zum Schluss fassen wir die Ergebnisse der Studie zusammen und diskutieren punktuell die mögliche Übertragbarkeit der Erkenntnisse auf andere kleine Texte.

2. Lesbarkeitsquelle Wahrnehmbarkeit: Abgrenzungs- und Gliederungshinweise auf der Ansichtskarte

In diesem Abschnitt wollen wir zeigen, was sich alles über die Lesbarkeit von Ansichtskarten erfahren lässt, wenn wir uns der Textsorte zunächst nur über wahrnehmbare Erscheinungsformen nähern, die bei kleinen Texten und der Konstituierung ihrer Lesbarkeit von tragender Bedeutung sind. In den Fokus rücken hier also Phänomene, die (sowohl bei der Lektüre als auch bei der Analyse) durch die bloße Betrachtung des Textes erkennbar sind und häufig bereits vor dem Anwerfen des sprachlichen Leseprozesses mit Schrift beginnen. Wahrnehmbarkeit ist als Lesbarkeitsquelle in erster Linie an materielle und typographische Komponenten von Texten geknüpft. Bei den „großen“ Texten – Texte im Buchformat oder auf Papier – läuft deren Wahrnehmung automatisch mit und bleibt beim Lesen im Alltag weitgehend unbeachtet. Ansichtskarten gehören jedoch als kleine Texte zu einem Typus, bei dem Materielles, Typographisches und alles, was primär Wahrnehmbarkeit als Ressource voraussetzt, sehr stark in den Vordergrund tritt.

Dies kommt bei Ansichtskarten besonders deutlich in den Abgrenzungshinweisen zum Ausdruck: Da ist zunächst die Textualität der Beidseitigkeit (Hausendorf 2008: 329) mit einer auch haptisch erkenn- bzw. greifbaren, voneinander klar separierten Bild- und Mitteilungsseite.6 Es handelt sich also um eine sehr spezifische Art des Sehlesens (Schmitz 2007), die zwar ←77 | 78→faktisch nie simultan stattfindet,7 bei der jedoch weder die Bild- noch die Schriftseite „in Isolation“ (Klemm/Stöckl 2011: 9) rezipiert bzw. analysiert werden können. Gegenbeispiele, bei denen eine Miniatur der Bildseite auf der Mitteilungsseite reproduziert wird, sind erstens selten und zweitens deutlich als Abweichung erkennbar: Unser erstes Beispiel (Abb. 1) ist genau so ein abweichender Fall. Hier wird sehr schön sichtbar, wie die Karte auf ihrer Mitteilungsseite mit dieser Erwartbarkeit des Betrachtens der Bildseite und dem dadurch notwendig werdenden Wenden der Karte spielt: In unserer Abbildung ist die Bildseite auf der Mitteilungsseite unten links nochmals als kleine Miniatur abgebildet, so dass sie die für Ansichtskarten typische Praxis des Wendens obsolet macht.

Abb. 1: Wahrnehmbarkeitsbasierte Abgrenzungs- und Gliederungshinweise ([anko] 80081)

Beidseitigkeit wie Wendbarkeit implizieren Bezüge zwischen Mitteilungs- und Bildseite. In diesem Beispiel geschieht der sprachliche Bezug ←78 | 79→von der Mitteilungsseite auf das zweifach vorhandene Bild ebenfalls gleich mehrfach: Zunächst auf explizit selbstreferenzielle Weise (s’Bild), dann den Wahrheitsanspruch belegend (isch kein bschiss…) und zuletzt als Beschreibung im Abgleich vom Bild zur tatsächlich erlebten Urlaubswelt (Es hät Palme bis zum abwinke). Aber auch ohne eine in diesem Fall ausnahmsweise verdoppelte Miniatur auf der Mitteilungsseite werden Bezüge auf das Bild allein aufgrund seiner umseitigen materiellen Präsenz und als existierende Vorlagefunktion für das Schreiben hochgradig erwartbar gemacht, insbesondere weil ja bekanntlich auch das Auswählen der Karte – üblicherweise eine von zahlreichen zur Auswahl stehenden Exemplaren – die Erwartung auf Beziehbares und Erzählenswertes über den eigenen Urlaub via Bild zur Schreibpraxis von Ansichtskarten dazugehört. Die unterschiedlichen Formen von Bild-Mitteilungs-Bezügen bilden daher auch unseren Einstieg in die Analyse wahrnehmbarkeitsbezogener Hinweise, in der wir aufzeigen, wie sich Bildbezüge einerseits als Nutzbarmachung der Ressource „Bild“ in Anbetracht der knappen Ressource „Platz“ entpuppen und wie sich über Bildbezüge Rückschlüsse auf die Textfunktion der Ansichtskarte ziehen lassen (s.u. Kap. 2.1).

Dass Wahrnehmbarkeit an typo- und chirographische Komponenten gekoppelt ist, zeigt sich bei Ansichtskarten insbesondere in der kompositionalen Gliederung. Es finden sich auf der Mitteilungsseite zahlreiche Elemente, die klare Richtlinien zur Schreib- und Lektürepraxis von Ansichtskarten vorgeben: Das Mitteilungs- und Adressfeld werden mittels Trennstrich voneinander abgetrennt, wobei in unserem ersten Beispiel (s.o. Abb. 1) etwa diese Trennlinie mit Copyrightangaben substituiert wird. Solche Informationen sind neben weiteren Impressumangaben und Legenden auch häufig an den Rändern der Mitteilungsseite anzutreffen und gehören zu den Elementen, die bereits vorgedruckt sind. Hier wird offensichtlich, was die Textualität von Ansichtskarten grundlegend auszeichnet: Sie bestehen aus einem Nebeneinander von Druck-, Handschrift (manchmal auch Skizziert-Gemaltem), Aufgeklebtem und („Ab“-)Gestempeltem, welche als typographisches bzw. chirographisches Dispositiv wirken,8 und dazu ←79 | 80→führen, dass Leser*innen die Ansichtskarte rein aufgrund der Wahrnehmbarkeit der entsprechenden Textsorte zuordnen können. Diese Elemente dokumentieren gleichsam den mehrstufigen Handlungsprozess, damit die Ansichtskarte überhaupt zu dem lesbaren Etwas werden kann, das der Empfänger irgendwann in den Händen hält. Dabei haben alle „Phasen“ ihre jeweils eigenen Verteilungs- und Gliederungsmuster: Die vorgedruckten Beschriftungen befinden sich mehrheitlich an den Rändern. Das gilt gleichermaßen für die gestempelte Briefmarke wie auch für weitere postalische Aufdrucke (in diesem Beispiel besonders schön zu sehen an dem Strichcode am unteren Rand, der vorgängig durch ein Beschreibverbot do not write in space below ausgezeichnet wurde). Aber auch das manuell Geschriebene wird einer typographischen Gliederung unterworfen, wodurch zentrale Sprechhandlungen und Funktionen auf den ersten Blick erkennbar werden. In unserem – in dieser Hinsicht prototypischen – Beispiel oben (Abb. 1) sind dies die Anrede (Juhu Anka), der Gruß (bis bald), die Unterschrift (Jeanne + Remo) und die Mitteilung dazwischen.9 In unserer anschließenden Analyse zeigen wir ein Verfahren zur Rekonstruktion der Textfunktion auf, das sich u. E. nur bei kleinen Texten in dieser Form praktizieren lässt. Wir gehen der Frage nach, welche dieser typographischen Gliederungseinheiten als conditio sine qua non einer Ansichtskartenmitteilung bezeichnet werden kann und welche Schlussfolgerungen sich dadurch für die pragmatische Nützlichkeit von Ansichtskarten ergeben (s.u. Kap. 2.2). Hier stehen die kürzesten Exemplare aus unserem Korpus im Mittelpunkt des Interesses, in denen sich die textuellen Funktionen auf das notwendige Minimum kondensieren.

Hinsichtlich der materiellen Abgrenzung gehört die Ansichtskarte zu einer Gruppe von kleinen Texten, bei denen sich das Wortmaterial (im Gegensatz zu den meisten „großen“ Texten) auf einen einzigen Textträger beschränkt und sich typo- bzw. chirographisch an dessen vorgegebene ←80 | 81→materielle Begrenzung anpasst. Dies trifft primär für alle kleinen Texte mit Aufschriftcharakter zu wie Türschilder, Zigarettenverpackungen oder Einkaufstaschen:10 Der Textträger ist in seiner Größe bzw. seinen Platzverhältnissen bereits bestimmt, u.U. sogar normiert (Ansichtskarten: A6-Format) und die Schrift passt sich daran an. Gegenbeispiele wären etwa Briefe, deren Inhalte sich den (seitlichen) Seitenrändern anpassen, jedoch auf beliebig vielen weiteren Seiten fortgeführt werden können, oder Kassenzettel, bei denen es möglich ist, ihren Textträger „nach unten“ zu erweitern.

Wir schlagen für diesen an sich unspektakulären Befund, dass sich der schriftliche Inhalt strikt an die Grenzen eines Textträgers anpasst, den Begriff akkommodativ vor. Dieses Phänomen zeigt sich bei Ansichtskarten in einer auffälligen Form und dient uns als Leitgedanke, den wir für unsere Analysen fruchtbar machen können: Anders als bei bereits vorgedruckten und singulären kleinen Texten (Türschild, Zigarettenverpackungen oder Plastiktüten) ließe sich – rein materiell gedacht und in Analogie zu anderen handschriftlich geschriebenen Texten – das Wortmaterial sehr leicht auf mehrere Karten verteilen. Tatsächlich gibt es aber in unserem Korpus kein einziges Beispiel, in dem sich eine Mitteilung auf mehr als eine Karte ausdehnt – die Ränder der Karte werden so zu den Rändern der (Urlaubs-)Welt.

Natürlich gibt es (gelegentlich) Intertextualitätshinweise, die sich auf bereits versandte oder gelesene Karten beziehen, aber es kommt nicht vor, dass eine Mitteilung gleichsam unterbrochen und auf einer nächsten Karte wieder aufgenommen wird.11 Darin kommt eine in erster Linie auf Vertrautheit basierende, textsortentypische Praxis zum Ausdruck, die sich direkt in der materiell-wahrnehmbaren Ausformung von Ansichtskarten niederschlägt: Statt eine weitere Karte zu nehmen, wird die Schrift maximal klein gehalten, oder es werden sogar die noch verbliebenen freien Stellen mit dem noch fehlenden Wortmaterial akkommodativ ausgefüllt. Was dieses Auffüllen der Karte bzw. des freien Schreibplatzes angeht, zeichnen sich Ansichtskarten durch eine hohe Variabilität aus. Die Spannweite der Anzahl Token reicht von 1 bis 348! Auch wenn das kleine Format auf kurze Mitteilungen ausgelegt ist und dies auch häufig praktiziert wird – der ←81 | 82→Mittelwert beträgt 50 Token – gibt es jedoch zahlreiche Vertreter, die diese materielle Vorgabe wortwörtlich an ihre Grenzen treiben. Auch wenn oder gerade weil der Schreibplatz exakt vorgegeben und spärlich ist, scheint dadurch nicht selten der Zwang ausgelöst zu werden, ihn auch wirklich zur Gänze aufzufüllen. Dass diese Akkommodativität der Ansichtskarte zahlreiche Facetten hat, welche sich sogar auf den relativ abstrakten Ebenen des Urlaubs-Frames und der intratextuellen Verknüpfung auswirken, belegen wir anhand von atypischen Extrembeispielen, nämlich den Ansichtskarten in unserem Korpus mit den längsten Mitteilungen (s.u. Kap. 2.3). Was zunächst nach einer analytischen Spielerei aussieht, wird sich auch für unseren zweiten, vertrautheitsabhängigen Zugang als besonders fruchtbar erweisen (s.u. Kap. 3); gerade von solchen atypischen Exemplaren ausgehend können Aussagen über die Prototypik bzw. vertrautheitsbasierte Musterhaftigkeit einer Textsorte gemacht werden.

2.1 Das Bild als Ressource der Mitteilung

Unser erstes Beispiel (s.o. Abb. 1) hat vorgeführt, welche Zugzwänge, aber auch: welche Ressourcen Bildseiten für die Bewältigung der Aufgabe der Mitteilung ausüben bzw. zur Verfügung stellen können, auch wenn sie i. d. R. nicht auf der Mitteilungsseite nochmals abgebildet werden. Die Belege aus unserem Korpus lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass das Bild eine wichtige, wenn nicht sogar die primäre Ressource für die Mitteilung darstellt. Das Bild „enthebt die SchreiberInnen der Mühe, selbst ein solches herzustellen oder eigenständige Bild-Beschreibung vorzunehmen“ (Diekmannshenke 2008: 89). Dessen ungeachtet sind eindeutige sprachliche Bezüge, die von der Mitteilungsseite auf das Bild verweisen, selten anzutreffen. Es scheint, dass diese Relevanz des Bezugs aufgrund der textsortenspezifischen Gegebenheit aus Bildseite und Schriftseite vertrautheitsbedingt unterstellt werden kann. Bezüge zwischen Bild und Mitteilung laufen also primär über die Ressource der beidseitigen (Mit-)Wahrnehmung, die in ihrer Verschränkung von Bild und Mitteilung ein rückbezügliches Feld konditioneller Relevanzen eröffnet, in welcher ein Ausbleiben eines eindeutigen oder angedeuteten Bildbezugs in der Mitteilung bereits als Aussage (‚officially absent‘) verstanden werden kann. Wir wollen im Folgenden aufzeigen, welche Mechanismen zu Tage treten, wenn Bezüge ←82 | 83→sprachlicher Natur zum Zug kommen und damit nicht Wahrnehmbarkeit, sondern Lesbarkeit im engeren Sinne adressieren.

Wir können zunächst einmal beobachten, dass Bezüge auf die Bildseite zumeist am Anfang der Mitteilung gesetzt werden. Dies ist u. E. der Tatsache geschuldet, dass das Bild auch als Themaeinführung fungiert und damit – auch zusammen mit den detaillierten Beschreibungen – gleichzeitig die Origo des/der Schreiber*in vermittelt wird (Auf diesem Zeltplatz schliefen wir diese Nacht, [anko] 302245).12 Als funktionale Beschreibung der sprachlichen Bezüge stellen wir im Folgenden die Kategorien explizit (Lokaldeiktika wie umseitig, selbstreferenzielle Ausdrücke wie Karte), implizit (Formen von „sehen“) und indirekt (mittels Demonstrativpronomina dies*) vor: Wie unser erstes Beispiel zeigt, kann explizit auf die Bildseite verwiesen werden (s’Bild, insgesamt 70x im Korpus). Explizit sind zudem Ausdrücke wie Vorderseite (15x im Korpus) oder Rückseite (4x),13 dazu auch lokaldeiktische Bezeichnungen wie vorne, umseitig (beide 15x), die als Textbeachtungs- und -gebrauchsanweisungen fungieren (Hausendorf/Kesselheim 2008: 80f.). Es sind metakommunikative Spezialformen von Textdeiktika, die nicht wie bei sonstigen Texten auf ein Oben und ein Unten der Lesefläche referieren (es gibt keine Verweise wie „obig“ oder „unten“) oder gar auf ein Vorher oder Nachher im Lektüreprozess (es fehlen Ausdrücke wie „später“ oder „noch“) (vgl. ebd.): Alles konzentriert sich exklusiv auf eine unmittelbar vollziehbare Wendbarkeit der Karte mit erwartbaren Referenzen von der Mitteilungsseite auf das Bild, was auch folgende Beispiele illustrieren:

Heute sieht es tatsächlich aus wie auf der Postkarte – herzliche Grüsse aus den Skiferien Daniel Annemarie Martin Tobias ([anko] 10205)

26. 3. 93. Meine Lieben Leider ist das Wetter nicht wie auf dem Bild Es ist wie im Winter, Schnee und sehr kalt. Trotzdem geniesse ich die paar freien Tage. Ich grüsse Euch ganz herzlich Monika ([anko] 100627)

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17. 09. 85 Hola Mama Uns geht es gut. Wir sind in Can-Cun (Yukatan). Morgen gehen wir nach Chichenitza. (siehe vorne oben links). Dort hat es viele Ausgrabungen. Dann weiter in den Süden. Das Wetter ist sehr tropisch. Viele Grüsse Hasta loego Roland ([anko] 90727)

Liebe Brigitta siehst Du uns auf der Karte? Wir verschwinden grad im Selfridges… Love Eli ([anko] 230289)

Diese expliziten Bezüge variieren in ihrem semantischen Gehalt wie auch in ihrer Funktion; wie auch Diekmannshenke (2008: 91) bemerkt, haben Bildbezüge nicht bloß illustrierenden Charakter ([anko] 90727), sondern sie dienen dazu, zwischen der Ansicht und der realen Urlaubserlebniswelt zu vergleichen: Das Wetter sieht tatsächlich aus wie auf der Postkarte oder eben gerade nicht wie auf dem Bild ([anko] 10205 und 100627). Damit wird deutlich, dass „Postkartenkommunikation sich im Spannungsfeld von Erwartung (schöner Urlaubsort) und Erfüllung (oder manchmal auch Nichterfüllung) dieser Erwartungen bewegt“ (ebd.: 94). Darüber hinaus findet immer auch eine mehr oder weniger kritische Reflexion zu der auf der Ansicht immerzu perfekten Urlaubsidylle statt. Davon Abweichendes wird dementsprechend auch kommentiert (Leider ist das Wetter nicht wie auf dem Bild. Es ist wie im Winter, Schnee und sehr kalt [anko] 100627, man sieht Mattsee im Salzburgerland in satten Sommerfarben).14

Eine ungewöhnliche Art, explizit auf die Bildseite zu verweisen, besteht darin, mit der (Un-)Möglichkeit zu spielen, selber in persona auf der Karte abgebildet zu sein,15 (siehst Du uns auf der Karte? [anko] 230289).16 Damit wird aber sehr deutlich ein über die allgemeine Darstellungsfunktion hinausgehender Verweis auf die Echtheit als Hinweis auf die Belegfunktion (vgl. Hausendorf/Kesselheim 2008: 151–154 und Hausendorf et al. 2017: 236ff.) signalisiert, der sogar zeitlich vergegenwärtigt werden ←84 | 85→soll: Wir sind in diesem Augenblick – wenn nicht auf der Karte – so doch tatsächlich da. Eine Strategie, die weniger Echtheit signalisiert als vielmehr dem/der Leser*in das Urlaubsgeschehen näher bringt und daran partizipieren lässt, läuft über Markierungen im Bild: Es werden etwa das Hotel mit einem Pfeil markiert oder gar das Zimmerfenster angekreuzt. Bemerkungen wie Es ist ein schönes Haus, leider hatte es keine Karte auf der es abgebildet war ([anko] 100747) lassen darauf schließen, dass es ein Bedürfnis ist, nicht irgendein beliebiges Bild des Ferienortes zu versenden, sondern gezielt eines daraufhin ausgewählt wird, einen persönlichen Bezug herzustellen und zu vermitteln.

Ausgehend von diesen ersten expliziten Bezügen auf die Bildseite lassen sich weitere Formen des Bezugs festmachen. Ein prominent wiederkehrendes Element ist der Vergleichs-Junktor „wie“, worüber man auf die expliziten Ausdrücke Karte oder Bild Bezug nehmen kann (s.o. [anko] 10205 und 100627). Eine weitere auffällige Kombination geht dieses „wie“ mit „sehen“ ein, um den/die Leser*in anzusprechen und so die phatische Funktion zu betonen: Wie Du siehst, hat es mit meinen Canada Ferien geklappt ([anko] 10355) oder Hallo Ihr zwei, wie Ihr seht sind wir vom Ausflugsvirus befallen! ([anko] 230437). Dieses „sehen“ in der 2. Person – vor allem in Kombination mit „wie“, aber auch allein stehend wie in PS: Ihr seht unser Hotel, direkt am Strand! ([anko] 120401, insgesamt haben wir über 80 Belege ermittelt) – ist u. E. insbesondere deshalb interessant, weil mit diesem Verb der Wahrnehmung das Partizipieren in einer eigentümlichen Schwebe gehalten wird. Ein direkter Vergleich mit dem Gegenbeispiel „schauen“ – wie Schau mal so viele Lampions hängen in den Strassen ([anko] 90949), sie sind jedoch an einer Hand abzählbar – macht den Unterschied deutlich: Es geht bei „sehen“ nicht um ein Zeigen und Anschauen (Leser*in in der Agensrolle), sondern um ein Teilhaben-Lassen (Leser*in in der Experiensrolle) an der Urlaubswelt, an der man ja eben Dank der Ansichtskarte partizipieren soll. Diese distanzierende Vermitteltheit lässt sich freilich überbrücken, indem man mithilfe von zusätzlichen Details den/die Leser*in in die Urlaubswelt versetzt: Auf der Karte siehst Du, Brigitta, unser Cavasträndli, das wir durch ein schmales mit Schilf und Kakteen gesäumtes Wegli erreichten. ([anko] 220441). Dieses Hineinversetzen wird noch zusätzlich betont, indem „sehen“ in der ←85 | 86→2. Person in den meisten Fällen zu Beginn auftaucht und somit als eine Art einleitende Floskel genutzt wird.17

Eine weitere Art des sprachlichen Bezugs auf das Bild erfolgt indirekt mithilfe des Verknüpfungshinweises dies*. Häufig wird das Demonstrativpronomen mit expliziten (z.B. mit selbstreferenziellen Bezeichnungen wie Karte) oder impliziten (mittels „sehen“) Ausdrücken kombiniert (z.B. So wie auf dieser Karte sah es heute abend aus […] [anko] 20813), es finden sich aber auch isolierte Vorkommnisse wie die Beispiele Aus dieser herrlichen Gegend senden wir Euch recht herzliche Feriengrüsse ([anko] 300367) oder Jeden Tag schwimme ich in diesem schönen Schwimmbad ([anko] 301841) zeigen. Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass auch hier in erster Linie die Belegfunktion im Vordergrund steht. Wenn wie in dem letzten Beispiel mittels Demonstrativpronomen auf ein konkretes Detail im Bild verwiesen wird (Zeltplatz oder auch Schwimmbad, Haus, Kirche, etc.), kommt wiederum der Aspekt ins Spiel, dass eine Art Individualisierung angewendet wird, um den belegenden Verweis angesichts der massenhaft hergestellten Urlaubsansicht auf den Karten noch etwas persönlicher zu gestalten: Es ist keine allgemeine Ansicht, sondern eine, die tatsächlich mit dem eigenen Urlaub etwas zu tun hat.18

Insgesamt haben wir in unseren korpuslinguistischen Auswertungen nur etwa 350 Fälle von expliziten (Lokaldeiktika wie umseitig, selbstreferenzielle Ausdrücke wie Karte), impliziten (Formen von „sehen“) und indirekten (dies*) Bezügen ermittelt. Wenn die große Mehrheit der Bezüge von der Mitteilung auf die Bildseite stillschweigend erfolgt und die Urlaubsansicht demnach als Gegebenes mitläuft, so wird die Bildseite ökonomisch als Ressource genutzt, um die Urlaubswelt darzustellen: Man lässt also quasi das ‚Bild sprechen‘. Zudem ist die Beziehung zwischen Fotografie und ←86 | 87→Handschrift an sich bereits „eine Beteuerung; sie suggeriert: ‚Es-ist-so-gewesen‘ “ (Neef 2008: 43).19 In denjenigen Fällen, in denen der Bezug durch Sprache realisiert wird, kommt es zu einer Verdichtung sowohl was die phatische (Selbst-)Inszenierung der Schreibenden in der Urlaubswelt wie auch diesem Beleg- bzw. Beteuerungscharakter der Ansichtskarte angeht. Das Wahrgenommene bleibt nicht mehr nur betrachtbar, sondern wird auch im engeren Sinne durch eindeutig beziehbares handschriftliches Wortmaterial lesbar gemacht: „Sieh mal! Ich war, wie Du lesen kannst, wirklich hier.“

2.2 Von der Gliederung zur Funktion

In diesem Abschnitt stellen wir exemplarisch ein methodologisches Verfahren vor, in dem wir ausgehend von der typographischen bzw. chirographischen Gliederung des Mitteilungsfeldes (s.o. Kap. 2) in einer Kombination aus text- und korpuslinguistischen Mitteln die pragmatische Nützlichkeit der Ansichtskarte rekonstruieren. Es ist uns wichtig hervorzuheben, dass der Zusammenhang zwischen Gliederung und Funktion u. E. für kleine – insbesondere akkommodative (s.o. Kap. 2.) – Texte charakteristisch ist und dass dieses hier am Beispiel der Ansichtskarte demonstrierte Verfahren u. E. auch auf andere kleine Textsorten übertragbar ist.20 Darauf aufbauend zeigen wir, dass es aus korpuslinguistischer Perspektive Hinweise darauf gibt, dass Mitteilung und die umrandenden Anrede- und Grußformeln funktional in einem hochgradig interdependenten Umkehrverhältnis stehen, insofern ihre jeweiligen Expansionen direkten Einfluss auf den noch zur Verfügung stehenden Schreibplatz für die anderen Einheiten haben.

Auf dem Mitteilungsfeld von Ansichtskarten lassen sich in der Regel fünf prominente Untereinheiten ausmachen, die durch typographische Einheitenhinweise kenntlich gemacht werden, also bereits vor dem Anlaufen ←87 | 88→des Lesens wahrgenommen werden können: 1. Signatur (12’073 = 98%),21 2. Gruß (11’787 Karten = 95%), 3. Mitteilung (10’583 Karten = 85%), 4. Anrede (8’888 Karten = 72%),22 5. handgeschriebenes Datum (5’605 Karten = 45%).

Bereits aus dieser Aufstellung lassen sich mehrere Besonderheiten der Ansichtskarte ablesen: Eine erste Auffälligkeit besteht darin, dass ein bemerkenswert hoher Anteil der Ansichtskarten (fast jede siebte!) keine Mitteilung aufweist. Dies widerspricht unserem alltäglichen Verständnis, aber auch textlinguistischen Auffassungen über den Mitteilungstext, der gemeinhin als Essenz einer schriftlichen Botschaft verstanden wird, während Anrede, Gruß und Unterschrift bei vergleichbaren Textsorten der Charakter eines formellen Rahmens beikommt, der die eigentliche Mitteilung umschließt. So konstatiert Hausendorf am Beispiel der Zuschrift: „Mitteilung: Was ist die Botschaft? Das typische Verfahren, um die (eigentliche) Botschaft zu übermitteln, ist der TEXT im engeren, emphatischen Sinn; das, was zwischen ANREDE und GRUSS als gebundene Rede erscheint“ (Hausendorf 2000: 216), und: „Der TEXT ist das, was vorgibt, die eigentliche Botschaft, die ,message‘, zu enthalten bzw. zu sein (während das andere der Rahmen ist)“ (ebd.: 217). Die Möglichkeit der Absenz der typographischen Gliederungseinheit „Mitteilungsfeld“ auf Ansichtskarten kann bis zu einem gewissen Grad durch zwei Aspekte erklärt werden, die wiederum hochgradig wahrnehmungsorientiert sind: Erstens werden im Fall der Ansichtskarte grundlegende Inhalte des Mitteilungsfeldes, wie die Darstellung des Urlaubsortes, die Frage nach dem Aufenthaltsort und teilweise sogar die Beschreibung von Aktivitäten bereits auf der Bildseite (vgl. Kap. 2.1) behandelt, so dass diese darstellenden bzw. informierenden Angaben (Darstellung von Welt) nicht eigens angeführt werden. Zweitens führt die Akkommodativität (s.o. Kap. 2) und die damit einhergehende Knappheit der Ressource „Platz“ dazu, dass Mitteilungsbotschaften und Gruß häufig nicht in separat gegliederten Textblöcken verfasst werden, sondern in einer einzigen Gliederungseinheit ←88 | 89→verwoben sind. Die Grußbotschaften sind in diesen Fällen angereichert mit thematischen Hinweisen, welche bereits über das Wetter, das Befinden der Schreibenden oder den Ort Auskunft geben (Bonnes saluto Kevin [anko] 31141 oder Sonnige Grüsse vom Meer Sara [anko] 20767). Mitunter kommt es sogar zu beinahe beliebig langen Expansionen, bei denen auf elaborierte Weise die Möglichkeit genutzt wird, Thematisch-Informatives mittels vorangestellte Präpositionalkonstruktionen in den verbalen Gruß einmünden zu lassen: Vom herrlichen OSTER-Weekend in LONDON mit vielen interessanten Erlebnissen senden herzliche Grüsse Paul und Walti ([anko] 170333), Aus meinen Skilager-Ferien, welche leider durch mädchensticheleien und Schneegestöber etwas getrübt sind sende ich Dir die herzlichsten Grüsse Greti W. ([anko] 10959) oder gar Aus einem sturmumtobten u. völlig verregneten Baden-weiler, aber auch praktisch aus dem wärmenden Dauerthermalbad – fast schon mit Schwimmhäuten u. zwischenzeitlich gewachsenen Kiemen – aber auch unter Zahnweh sende ich Euch herzliche Grüsse! Euer Günter ([anko] 302063).

Diese Erklärungsansätze vermögen aber die – selbst unter Berücksichtigung dieser Fälle nach wie vor – hohe Anzahl an Ansichtskarten ohne Mitteilungsblock nicht hinreichend aufzuschlüsseln. Sie untermauern vielmehr eine zweite Auffälligkeit der numerischen Auszählung der typographischen Gliederungsfelder, nämlich dass dem Gruß und der Signatur in Ansichtskarten – anders als der Mitteilung – eine konstitutive Rolle zuzukommen scheint. Das teilweise kontraintuitive Häufigkeitsverhältnis der Gliederungskomponenten auf Ansichtskarten lässt sich unseres Erachtens nur erklären, wenn man die pragmatische Nützlichkeit der Ansichtskarte in die Überlegungen miteinbezieht. Dazu sind die Gliederungseinheiten des Mitteilungsfeldes als Ausdruck einer funktionalen Differenzierung zu verstehen, die der typographischen Aufteilung als ordnendes Prinzip zugrunde liegt: Beim Mitteilungsblock steht die Darstellungsfunktion im Vordergrund, Anrede, Gruß und Signatur (in ihrer Funktion als Absendernennung) sind demnach klassische Ausdrucksformen phatischer Kommunikation. Das Datum und die Signatur (in ihrer Funktion als Unterschrift) schließlich haben belegenden sowie „in einer charmant unauffälligen Weise“ (Holzheid 2011: 114) selbstdarstellenden Charakter. Die oben ausgewiesene numerische Verteilung ist für uns als Hinweis zu lesen, ←89 | 90→dass – in Analogie zu den Befunden bei den Bild-Mitteilungs-Bezügen – bei Ansichtskarten die Beleg- und die Kontaktfunktion dominant sind.23

Ein weiterer Hinweis auf die Dominanz der Beleg- und Kontaktfunktion bei Ansichtskarten lässt sich durch einen Blick auf die kürzesten Karten des Korpus ziehen. Bei diesem Vorgehen steht die Überlegung im Hintergrund, dass die fünf Gliederungseinheiten jeweils eine andere Funktion dominant setzen. Die auf den Kürzestkarten übrig bleibenden Gliederungseinheiten offenbaren dann sozusagen die conditio sine qua non bezüglich der Textfunktion.24 In unserem Korpus zeigt sich deutlich, dass ←90 | 91→zwar die Minimalform der Ansichtskarte aus einem einzigen Token – der Signatur – besteht (Erna [anko] 110157, wo es bezeichnenderweise nicht entscheidbar ist, ob nun die Beleg- [Unterschrift] oder die Kontaktfunktion [Nennung des Absenders um überhaupt in Kontakt treten zu können] im Vordergrund steht), die Mehrheit der kürzesten Mitteilungen aber Kombinationen aus Gruß und Signatur sind. Diese funktionale Ambivalenz der Ansichtskarte zwischen Beleg und Kontakt ist u. E. nicht weiter auflösbar sondern fester Bestandteil der Textsorte.

Eine essentielle Charakteristik der Ansichtskarte besteht bezüglich dem Verhältnis von Gliederung und Funktion darin, dass das Verhältnis der einzelnen Gliederungseinheiten bzw. Funktionen nicht primär voneinander abhängig ist, sondern vom beschränkten Platz, also akkommodativ strukturiert wird. Damit kommt es für sämtliche Expansionsvarianten der Minimalform immer zu einer spezifischen Ausprägung der funktionalen Hierarchieverhältnisse, die aufgrund der Akkommodativität negativ mit allen anderen Ausprägungen korreliert: Expandiert also ein/e Schreiber*in zu Beginn die Kontaktfunktion (Hoi Papi! Wie geht es Dir? Uns geht es sehr gut. Wie blüht es auf dem Balkon? [anko] 300703), wird der Schreibplatz für weitere Funktionen reduziert, so dass sich Funktionsverhältnisse umkehren können. So findet beispielsweise in der Minimalexpansion Viele Grüsse Papa ([anko] 30473) im Vergleich zur Minimalform mit bloßer Signatur bereits eine leichte Dominanzverschiebung hin zur Kontaktfunktion statt.

Mit korpuslinguistischen Auswertungen lassen sich diese reziproken Gewichtungen im funktionalen Hierarchieverhältnis bei Ansichtskarten als strukturelles Ordnungsmuster ausweisen, welche sich mit zunehmendem Wortmaterial durch musterhafte Gewichtungsverschiebungen auszeichnen. Dazu betrachten wir die story time in den Karten, d.h. wir segmentieren die Karte in fünf Erzähleinheiten, die mechanisch segmentiert sind. Die erste Sektion (0.0–0.2) beinhaltet somit den ersten Fünftel des Textmaterials der entsprechenden Karten, die zweite Sektion (0.2–0.4) das zweite Fünftel, etc..25 Wenn wir nun die Verteilung der Personalpronomen betrachten, lässt sich eine Fokusverschiebung von der 1. Person ←91 | 92→←92 | 93→zur 2. Person feststellen: In der Regel geht es also am Anfang mehr um den Schreibenden (Beleg) und gegen Ende mehr um das Gegenüber (Kontakt) (Graphik 1). Vergleicht man nun diese Verteilung aufgeschlüsselt nach Länge der Karten, so lässt sich feststellen, dass die Kurve der 1. Person Singular bei sehr langen Karten (> 100 Wörtern) sehr viel stärker einbricht (Graphik 2). Dies passt jedoch gleichzeitig zum häufigeren Vorkommen der 3. Person Singular, womit bei längeren Karten also ein deutlicheres Hervortreten der Darstellung der Urlaubswelt („Es“) gegenüber der Selbstdarstellung („Ich“) bemerkbar ist. Gegen Ende der Karten nehmen beide Kurven wieder den üblichen Verlauf ein (im Vergleich bleibt der Kurvenverlauf der 3. Person Plural praktisch identisch, Graphik 1 und 2). Allgemein kann den Auswertungen abgelesen werden, dass innerhalb der Mitteilung (also außerhalb von Anrede und Gruß) ein mit steigendem Wortmaterial stets ausgeprägterer Konvexitätsgrad der Personalpronomen der 1. und 2. Person ausgemacht werden kann. Hinsichtlich der pragmatischen Nützlichkeit kommt hier noch eine dritte Zugkraft ins Spiel, nämlich die Darstellungsfunktion, welche bei expandierten Karten im Zentrum dieser sequenziellen Struktur stehen. Es ist also bei längeren Karten eine Bewegung vom „ICH“ über das „ES“ zum „DU“ feststellbar.26

Graphik 1: Personalpronomen und Story Time bei weniger als 50 Token

Graphik 2: Lemma „Familie“ im Verhältnis zur Story Time

Obwohl dieses „ES“, wie die Befunde aus dem Ansichtskartenprojekt zeigen, bezüglich der Themahinweise über keinerlei chronologische oder sequenzielle Struktur verfügt, können wir mithilfe des Zugriffs über die aus den kürzesten Karten ermittelten Grundfunktionen (Kontakt und Beleg) und der daraus motivierten Frage nach der Verteilung von Personalpronomen nachweisen, dass in den Mitteilungs- bzw. story-time-Zonen musterhafte Gewichtungsverschiebungen in Bezug auf die Funktion zumindest schemenhaft vorhanden sind: Exemplarisch zeigt sich dies an den Verlaufskurven der ←93 | 94→←94 | 95→darstellungsorientierten Lemmagruppe „Wetter“ inkl. „Schnee“, „regnen“, „sonnig“, welches in der mittigen Textzone konkav kulminiert (vgl. Grafik 3), während die kontaktorientierte Lemmagruppe „Familie“ (wie „Onkel“, „Mutter“, „Eltern“) den gegenteiligen Verlauf nimmt (vgl. Grafik 4).27

Graphik 1: Personalpronomen und Story Time bei mehr als 100 Token

Graphik 2: Lemma „Wetter“ im Verhältnis zur Story Time

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass das Mitteilungsfeld bei Ansichtskarten drei Grundfunktionen hat, deren hierarchisches Verhältnis je nach Länge eine andere Dominanzstruktur aufweist. Bei kurzen Ansichtskarten steht die Belegfunktion zusammen mit der Kontaktfunktion im Vordergrund. Sämtliche materiell-akkommodativen Expansionsvarianten zeigen sich im Zusammenspiel mit den Gliederungseinheiten als Variationen dieser beiden Grundfunktionen, die sich bereits in den Minimalformen präsentieren. Bei langen Karten kommt es zunächst zu einer Verschiebung hin zur Belegfunktion (ICH) zusammen mit einem erwartungsgemäß stärkeren Hervortreten der Darstellungsfunktion.

Details

Seiten
352
ISBN (PDF)
9783631841266
ISBN (ePUB)
9783631841273
ISBN (MOBI)
9783631841280
ISBN (Buch)
9783631812471
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
Textualität Multimodalität Schriftlichkeit Textverstehen Textdidaktik Visuelle Kommunikation
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 352 S., 37 farb. Abb., 45 s/w Abb., 6 Tab.

Biographische Angaben

Steffen Pappert (Band-Herausgeber) Kersten Sven Roth (Band-Herausgeber)

Steffen Pappert ist Privatdozent für Germanistische Linguistik. Er lehrt und forscht an der Universität Duisburg-Essen. <B> Kersten Sven Roth</B> ist Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Linguistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

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Titel: Kleine Texte