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Der Diskurs des Hässlichen bei Friedrich Schlegel

von Mirta Devidi (Autor:in)
©2020 Dissertation 232 Seiten

Zusammenfassung

Zu Schlegels Zeit war die Wendung ‚mit jemandem einen Roman spielen‘ eine Redensart, die auf den Anfang einer Liebschaft hinwies. Der Terminus romantisch hat sich in der Folge so etabliert, dass er in die Literaturwissenschaft und Standardsprache Eingang gefunden hat. Solche Bezeichnungskonventionen sind jedoch nicht von – in der Natur der Sache liegenden – Gebrauchsregeln abhängig, sondern vor allem vom gesellschaftlichen Konsens. Am Beispiel Friedrich Schlegels zeigt diese Arbeit, dass und inwiefern sie einer Neubetrachtung unterzogen werden müssen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Forschugsstand
  • 1.2 Zielsetzung, Methoden und Aufbau der Arbeit
  • 1.3 Zur Theorie des Hässlichen bei Friedrich Schlegel
  • 2. Formen und Funktionen des Hässlichen bei Friedrich Schlegel
  • 2.1 Das Hässliche in den literaturtheoretischen Schriften Friedrich Schlegels (1793–1796)
  • 2.1.1 Die Theorie des Hässlichen als ästhetischer Imperativ der Bildung
  • 2.1.2 Die Theorie des Hässlichen als ethisches Korrektiv des Geschmacks
  • 2.1.3 Die Theorie des Hässlichen als Apologie der Kunst
  • 2.2 Das Hässliche in den literaturkritischen Schriften Friedrich Schlegels (1797–1801)
  • 2.2.1 Die praktische Umsetzung des Hässlichen
  • 2.2.2 Das Hässliche und verwandte (Gegen-)Begriffe
  • 2.3 Umfunktionalisierungen des Hässlichen beim späten Friedrich Schlegel (1802–1829)
  • 2.3.1 Vom „bösen Prinzip“ zur „wahren Gattung“
  • 2.3.2 Vom „geistig Schönen“ zur „christlichen Schönheit“
  • 2.3.3 Umfunktionalisierungen des Diskurses ab 1802
  • 3. Der Diskurs des Hässlichen in Friedrich Schlegels „Lucinde“
  • 3.1 Zur Rezeption von Friedrich Schlegels Roman
  • 3.1.1 Der Roman als Ereignis
  • 3.1.2 Der Roman als selbstregulierendes Zeichensystem
  • 3.2 Diskursivierungsformen des Hässlichen in Friedrich Schlegels Roman
  • 3.2.1 „Bekenntnisse eines Ungeschickten“
  • 3.2.2 „Julius an Lucinde“
  • 3.2.3 „Dithyrambische Fantasie von der schönsten Situation“
  • 3.2.4 „Charakteristik der kleinen Wilhelmine“
  • 3.2.5 „Allegorie von der Frechheit“
  • 3.2.6 „Idylle über den Müßiggang“
  • 3.2.7 „Treue und Scherz“
  • 3.2.8 „Lehrjahre der Männlichkeit“
  • 3.2.9 „Metamorphosen“
  • 3.2.10 „Zwei Briefe“
  • 3.2.11 „Eine Reflexion“
  • 3.2.12 „Julius an Antonio“
  • 3.2.13 „Sehnsucht und Ruhe“
  • 3.2.14 „Tändeleien der Fantasie“
  • 3.2.15 Bruchstücke aus dem Nachlaß
  • 3.3 Ergebnisse der Romananalyse
  • 4. Zusammenfassung der Ergebnisse
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang

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Vorwort

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die bearbeitete Fassung der eingereichten. Die Schrift (u.d.T. Die Relevanz von Friedrich Schlegels Hässlichkeit-Diskurs für die Frühromantik-Rezeption) ist im Rahmen der 2014 abgeschlossenen cotutelle de thèse zwischen der Unitersität Padua und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz entstanden. Zu ihrer Entwicklung haben vor allem Marco Rispoli und Ulrich Breuer beigetragen. Da sich beide seit meiner ersten Anfrage bereit erklärt haben den Entstehungsprozess dieses Beitrags mit wertvollen Diskussionen, Vorschlägen und Seminaren zu begleiten, werde ich ihnen immer dankbar bleiben. Ulrich Breuer bin ich darüber hinaus für seine bis ins formale Detail hineinreichende Präzision bei der sorgfältigen Revision jedes Teils der Arbeit zu außerordentlichem Dank verpflichtet sowie dafür, dass er mich in sein Doktoranden- bzw. Forschungskolloquium aufgenommen hat, wo ich nicht wenige Anregungen erhalten habe.

Bedanken möchte ich mich bei Günter Oesterle, der als externer Gutachter mit wertvollen arbeitsmethodischen und bibliographischen Hinweisen an diesem Verfahren teilgenommen hat, sowie bei den MitarbeiterInnen und KollegInnen des DiSLL der Universität Padua und des Deutschen Instituts der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die mit erhellenden Gesprächen und achtsamem Umgang zur Vervollkommnung der Arbeit beigetragen haben. Dem DiSLL Padua, DLA Marbach, dem DFG Graduiertenkolleg „Modell Romantik“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena und WIGS bin ich sehr dankbar, dass sie mir ermöglicht haben meine Kenntnisse in den breiteren wissenschaftlichen Dialog einbringen zu dürfen und, nicht zuletzt, die Ergebnisse meiner Forschung zu veröffentlichen. Für die Mühe und interessierte Geduld danke ich dem Lektor des Peter Lang-Verlags, Michael Rücker, sowie den Produktionshelfern, Shrikant Pande und Magdalena Kalita.

Mein besonderer Dank gilt meiner Mutter und allen anderen Familienmitgliedern und Freunden, ohne deren Unterstützung die Entstehung dieser Arbeit nicht möglich gewesen wäre. Mein Dank gilt ebenfalls Lucia Assenzi, Timothy Attanucci, Jochen A. Bär, Marija Bradaš, Christopher Busch, Erica Cecchinato, Christian Chiussini, Martina Daraio, Catherine Dedié, Matthias Emrich, Johannes Endres, Sarah Fultz, Rabia Betül Gürel, Johannes Hellrich, Andrei Ionescu, Lovisa Jakobsson, Dora Komnenović, Andreas Kranke, Edoardo Laner, Fernando Miranda, Anita Pribanić, Irene C. Schmidt, Judith Schöne, Mateja Sinčić, Raphael Stübe, Simona Tardani und Isaak Thiemer.

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„Während die Wissenschaft die unsichtbare Struktur der ideologischen Effekte aufdecke, erzeuge die Kunst innerhalb der Ideologie eine Distanz, die auf das in ihr Nicht-Gegenwärtige anspiele. Sie mache das Ideologische (der Kunst als ‚Kunst‘, des Künstlers, der Themen usw.) als Ideologie sichtbar“.2


2 Bogdal K.-M. (Hg.): Historische Diskursanalyse der Literatur. Theorie, Arbeitsfelder, Analysen, Vermittlung. Opladen/Wiesbaden 1999. S. 53.

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1. Einleitung

Der philosophisch-literarische Zusammenhang, in welchem Friedrich Schlegel (1772–1829) heutzutage wohl am häufigsten vorkommt, ist derjenige der deutschen Frühromantik. Wenn man den Autor in einem umfassenderen Kontext betrachtet, so kann man behaupten, dass er auch zu den wichtigsten Gründungspersönlichkeiten der Romantik zählt, vor allem, weil durch seine Schriften dem Begriff ‚romantisch‘ die wohl entscheidende Bedeutungsfacette verliehen wurde. Dieser Umstand, welcher Friedrich Schlegel zu einem der bekanntesten Vertreter einer theoretisch anspruchsvollen und methodisch innovativen Literaturwissenschaft weltweit prominent gemacht hat, scheint jedoch durch die ahistorische Stilisierung des Begriffs ‚romantisch‘ im größten Teil des europäischen Sprachraums vernachlässigt worden zu sein: Wenn die Verwendung und die Bedeutung des Begriffs durch den Alltagsgebrauch kontaminiert und entleert werden, erfordern andererseits seine Genese als Terminus ästhetisch-poetologischer Wertung sowie seine theoretisch-philosophische Geltungsstruktur eine gründliche Rekonstruktion.3

Die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Werk Friedrich Schlegels tritt besonders deutlich zu Tage, wenn der um die Mitte des letzten Jahrhunderts problematisierte Kontext der Romantik im Anschluss an Schlegels Frühwerk näher beleuchtet wird. Neben den außerliterarischen und ideologisch motivierten Ansätzen, welche die historische Kontinuität zwischen dem Nationalsozialismus und der Romantik aufzeigen wollten, profilierten sich ←11 | 12→weitere Diskurse, die sich mit der Suche nach dem Ursprung des Hässlichen in der modernen Literatur beschäftigten und die aus spezifisch philologischer Sicht in Friedrich Schlegel den Bahnbrecher für die Entfaltung der „ästhetischen Modernität“ sehen wollten.4

Nach einem bemerkenswerten Anstieg des Interesses am Hässlichen bei Friedrich Schlegel in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts setzen sich heute mit der Problematisierung des Hässlichen auf internationaler und interdisziplinärer Ebene vor allem literatur- und kulturwissenschaftliche Abhandlungen auseinander,5 in welchen dem Studium-Aufsatz (1795/97) Friedrich Schlegels sowie der in ihm entworfenen „Theorie des Hässlichen“ eine zentrale Rolle für die Bestimmung und Beurteilung moderner Kunst und Literatur zugeschrieben wird.6 Laut diesen sich auf unterschiedlichen Ebenen bewegenden Ansätzen wird in Friedrich Schlegels Theorie des Hässlichen das „älteste Systemprogramm der romantischen Schule“7 verortet, welches sein poetologisches Emblem im Roman Lucinde (1799) als Inbegriff des Romantischen findet.

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Ausgehend von der Feststellung, dass sich parallel zu der um die Mitte des letzten Jahrhunderts aufgetretenen Frage nach der historischen Bedeutung der Romantik für die moderne Kunst und Literatur auch die auf einer anderen Ebene entstandene Frage nach der Rolle des Hässlichen im Frühwerk Friedrich Schlegels entwickelt hat, setzt sich die vorliegende Arbeit das Ziel, sich auf die Spuren des „Hässlichen“ in seinem Œuvre zu begeben und daraus ein übergreifendes Modell zu entwickeln. Nach diesem Modell, soll aufgezeigt werden, dass und inwiefern das Hässliche, vielmehr als das Romantische, nicht folgenlos für seine Ästhetik, Kritik und Poetik geblieben ist.

Nach einer Vorstellung des Hässlichen als Fachwort und als Wahrnehmungskategorie werden im Folgenden auf der Basis von Fachlexika und in begriffshistorischer Perspektive die spezifischen Verwendungen und Bedeutungen des Begriffs rekonstruiert. Danach, im Hauptteil der Arbeit, wird Friedrich Schlegels Verständnis des Hässlichen untersucht. Um herauszufinden, dass und inwiefern sein Begriffsverständnis von demjenigen seiner Zeitgenossen abweicht bzw. mit demjenigen seiner Zeitgenossen übereinstimmt, wird zwischen einer theoretischen und einer praktischen Auseinandersetzung unterschieden. Aufgrund dieser Unterscheidung soll sich zeigen, inwiefern Schlegels Diskurs für die Entfaltung der ästhetischen Modernität tatsächlich verantwortlich gemacht bzw. inwiefern seine Verwendung innerhalb seiner kritisch-literarischen Produktion als Alternative zum heutigen Begriffsverständnis verstanden werden soll.

‚Hässlich‘ als Ausdruck und als Konzept bietet sich heute als Beispiel dafür an, den engen Zusammenhang zwischen Gesellschafts-, Sprach- und Literaturgeschichte aufzuzeigen. Das Hässliche ist ein Fachwort, das eine Kategorie der Wahrnehmung bezeichnet. Als Terminus technicus findet das Hässliche seinen spezifischen Ort in der Literatur, in der Rhetorik, in der Ästhetik und in der Philosophie. Wenn man es als Begriff bezeichnet, so grenzt man es – wie bei Fachausdrücken üblich – von der Bedeutung – wie bei standardsprachlichen Wörtern – ab.8 Während sich Termini von anderen Wörtern dadurch unterscheiden lassen, dass es bei Meinungsverschiedenheiten über die Bedeutung eine Instanz gibt, die klären kann, wer recht hat oder nicht, entscheidet bei Wörtern über ihre Akzeptabilität die Sprachgemeinschaft.9 Während Wörter als ←13 | 14→„lexikalische Grundbausteine einer Sprache“ zu verstehen sind, sind sie als Termini die Namen der Begriffe selbst, wobei die Bedeutung eines Wortes/Terminus das ist, was durch eine sprachliche Struktur auf begriffliche Strukturen bezogen abgebildet wird. Indem sie „intermodal zugänglich“ sind, bilden Begriffe den „Gedächtnisbesitz“ und tragen demzufolge die menschlichen Sinnesorgane zu ihrer Ausbildung bei.10

Im Umgangssprachgebrauch ist ‚hässlich‘ synonym mit ‚scheußlich‘, ‚abstoßend‘, ‚nicht schön‘, ‚unästhetisch‘ und ‚politisch inkorrekt‘. Antonymisch verhält es sich zu den Attributen ‚schön‘, ‚angenehm‘ und ‚erfreulich‘. Als ‚hässlich‘ lassen sich vor allem Gegenstände oder Sachverhalte apperzipieren: ‚klein und hässlich‘ zu sein steht umgangssprachlich für ‚geduckt und armselig‘;11 ‚hässlich zu sein‘ oder ‚hässlich auszusehen‘ ist nicht als eine objektivierbare Eigenschaft von Gegenständen und Sachverhalten zu verstehen. Ob man etwas als hässlich wahrnimmt, entspricht vielmehr gesellschaftlichen Konventionen.12 Der selbe Ausdruck kann mit Adjektivattribut wie ‚erhabene Hässlichkeit‘,13 in einer Präpositionalgruppe wie ‚Mut zur Hässlichkeit‘ oder in Koordinationen wie ‚Schönheit und Hässlichkeit‘ auftreten.14 Von den Konventionen wird allerdings nicht nur das, was als hässlich wahrgenommen werden kann, geregelt, sondern auch, welche Gedanken und Gefühle eine solche Wahrnehmung begleiten. Die Bezeichnung menschlicher Gesinnung als hässlich – bzw. als eine sich auf Mitmenschen übel auswirkende Eigenschaft – kommt in der Standardsprache deutlich seltener als hässliches Aussehen vor. Die Bezeichnung menschlicher Gesinnung kommt normalerweise zum Ausdruck mit einem Genitivattribut, wie z. B. „Hässlichkeit der Welt und des Lebens“.15 Wie aufgrund der Wortgeschichte des Hässlichen im Folgenden zu zeigen sein wird, sind die Konventionen sowohl Zeitströmungen unterworfen als auch spezifisch für verschiedene soziale Gruppen.

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Im Unterschied zu der griechischen Antike, die nur ein Wort für ‚hässlich‘ kannte, das aber sowohl ästhetische als auch ethische Konnotationen hatte, bildete das Lateinische zwei Wörter aus: deformis und turpis. Anders als die europäischen Sprachen, welche deformitas beibehielten, überblendet das deutsche hässlich die beide Bereiche, den ästhetischen und den ethischen.16 Das deutsche hässlich ist von Haß abgeleitet, das vom 9. bis zum 14. Jahrhundert adjektivisch und adverbial ‚aktiv feindselig‘ bedeutete.17 In seiner Bibelübersetzung ersetzte Martin Luther (1483–1546) das als Übersetzung des lateinischen deformis anzusehende ungestalt durch hässlich.18 Erst seit dem 16. Jahrhundert hatte sich hässlich als Gegensatz zu schön eingebürgert.19 Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der Zusammenhang zwischen ungestalt und hässlich noch gegenwärtig.20 Während die sich auf den ersten Sektor beziehenden Wörter in der modernen Kommunikation immer mehr zurückgehen, um denen Platz zu machen, die der wirkungsästhetischen Dimension angehören, bleibt heute die Assoziation des Hässlichen mit dem moralisch Schlechten sowie mit dem politisch Inkorrekten, vor allem im Vergleich mit dem Schönen, höchst präsent.21 Im Vergleich zum Schönen, scheint das Hässliche in der Standardsprache weiterhin eine ←15 | 16→untergeordnete Rolle zu spielen – d. h., dass es vor allem im Vergleich zum Schönen, nicht so häufig verwendet wird.

Wörter wie hässlich, Lexeme wie atonal, Expressionismus, und Wörter wie schön oder romantisch, unterscheiden sich dadurch, dass über die Zulässigkeit von ihren Zuschreibungen befindet, wer zuständig ist.22 Wenn zum Beispiel jemand ein Gemälde als hässlich bezeichnet, kann man an seinem Geschmack zweifeln, aber nicht zugleich behaupten, dass er das Adjektiv „inkorrekt“ verwendet, weil man mit ihm nicht auf dieses Bild Bezug nehmen kann.23 Anders ist es bei expressionistisch: Man kann sowohl bestreiten, dass ein Gemälde expressionistisch genannt werden darf, als auch sagen, dass nur ein Experte beurteilen kann, ob man auf ein bestimmtes Bild mit dem Adjektiv expressionistisch Bezug nehmen kann.24

Wenn es dagegen um Termini wie das ‚Hässliche‘ geht, die bestimmte mentale Konstrukte bezeichnen, welche aber gleichzeitig ihren Sinn nicht durch genaue Explikation in bestimmten Sinnzusammenhängen erhalten, über welche Fachexperten verfügen, dann werden Neologismen und synthetische Definitionen lanciert, indem sie im Rahmen einer neuen Theorie bzw. in einen spezifischen Diskurszusammenhang gestellt werden. So greift Friedrich Schlegel im deutschen Sprachraum die Theorie des Hässlichen und das Konzept der erhabenen Hässlichkeit, wie er es u. a. im System der Ästhetik (1790) Heydenreichs oder in den Ästhetischen Vorlesungen (1792/93) Schillers mit den Fachwörtern „freie“ und „gemischte Hässlichkeit“ einerseits oder „Freiheit in der Erscheinung“ und „verletzte Freiheit“ andererseits diskutiert findet,25 in den Lexemen des Hässlichen und der Hässlichkeit auf, und stellt ←16 | 17→sie in einen intrinsischen Zusammenhang mit seiner Theorie und seinem Konzept des Hässlichen. Ähnlich wie bei seiner Theorie des Romantischen, stellt Friedrich Schlegel die um das ‚Hässliche‘ zentrierten Lexeme in den extrinsischen Zusammenhang des damaligen ästhetisch-literarischen Diskurses. Das liegt nicht zuletzt daran, weil das so lancierte Paar von Theorie und Konzept des Hässlichen von seinen Zeitgenossen, etwa von A. W. Schlegel (1767–1845) und von Novalis (1772–1801), nicht übernommen und auf seinen intrinsischen Sinnzusammenhang hin diskutiert wurde, weshalb sich im extrinsischen Sinnzusammenhang auch keine expliziten Auffassungsunterschiede über das Wesen des Hässlichen ergeben konnten.26

Obwohl sich kein auffälliger bzw. expliziter Spezialdiskurs über das Hässliche, wie beispielsweise über das Romantische, im Rahmen eines weiteren Diskurses über Schlegels Ästhetik, Kritik und Poetik ausgebildet hatte, gab es sowohl in den literaturtheoretischen Schriften Friedrich Schlegels als auch in seinem Roman bestimmte Merkmale, die aufeinander verweisen und aufgrund dessen miteinander vergleichbar sind, insofern auf dieselben Konzepte Bezug genommen wird. Denn wie die Bedeutung eines Wortes zu einer bestimmten Zeit auch Ort dieses Wortes im jeweiligen „semantischen Netz“ des Textes ist, so werden diese Merkmale miteinander vergleichbar, unter der Bedingung, dass ihre Denotate dieselben bleiben.27 Es ist demzufolge notwendig zwischen den Konventionen, welchen der Text als Zeichen unterworfen wird, und dem literarischen Text zu differenzieren.

Anders als der außerliterarische Sprachgebrauch, erweist sich der literarische Text durch rhetorische Figuren und durch die Anwendung spezifischer Terminologie als solcher. Dabei wird unter ‚Diskurs‘ eine Sammlung von Schlegels Schriften verstanden, für die es einerseits ein inhaltliches Merkmal gibt, das die Schriften verbindet, und andererseits ein äußerliches Merkmal, nach dem sich die Schriften aufeinander beziehen.28 Aus Gründen, die im ersteren Hauptteil ←17 | 18→der Arbeit nachgezeichnet werden, erfuhr das Hässliche bei Friedrich Schlegel eine gründliche Transformation. Im Folgenden wird der Diskurswandel bei Friedrich Schlegel genauer beleuchtet, wodurch es auch möglich wird zu zeigen, dass und inwiefern das geschichtsmächtige Transformationspotential, das in einer bestimmten Zeit- bzw. Lebensphase enthalten ist, aktiviert werden kann; beispielsweise als Friedrich Schlegel vom Revolutionär zum Monarchisten, vom Ironiker zum Konservativen und vom Freigeist zum Gläubigen wurde.29

Um auf die eingangs erwähnte Fragestellung zurückzukommen ist hier erneut zu fragen: Wenn sich das Hässliche bei Friedrich Schlegel anstatt des Romantischen durchgesetzt hätte, das seinerseits im Medium deutschsprachiger Literaturgeschichte zur performativen Nationalkonstitution im europäischen Rahmen führte, hätte es dann im Anschluss an eine ästhetische auch eine ethische Modernität gegeben?30

Um das etwas ‚sichtbarer‘ zu machen, zeigen die im DWDS entstandene Veralufskurven zu „Hässlich“ und „Romantisch“, dass die Thematisierungsereignisse der „Hässlichkeit“ (a) und die des „Romantischen“ (b) im Zeitraum 1600–2010 synchron interagierten, sowie, dass sie sich während der späteren Lebensphase Friedrich Schlegels (1810–1819) proportional zueinander verhielten.31 Die Kurven (a) und (b) weisen nicht nur darauf hin, dass die diskursiven Elemente des Hässlichen und des Romantischen untereinander nicht neutral waren, sondern vor allem, dass sie in der gleichen Zeitperiode durch die stärksten Wandlungen ←18 | 19→gingen (c): als 1810–1819 die Häufigkeit der „Hässlichkeit“ plötzlich mehr als das Doppelte zurückging, stieg mit fast ebenso verdoppelter Anzahl die des „Romantischen“ auf, bis sie sich schließlich, wie in der Zeitperiode 1920–1929, weitgehend annäherten.32

Trotz des Zusammenhangs der Thematisierungsereignisse zwischen den beiden Verlaufskurven scheint es nicht plausibel Friedrich Schlegel für den Hauptverantwortlichen der direkt proportionalen Annäherung zwischen den beiden Diskursen zu halten. Dennoch wirft die graphische Darstellung der Schönheits-Kurve (d), die laut dem DWDS-Ergebnis seit der Mitte des 18. Jahrhundert immer weiter herabzusinken scheint, nicht weniger beunruhigende Fragen auf.33 Wenn sich daraus ablesen lässt, dass „Schönheit“ im historischen Verlauf der Aussageereignisse immer häufiger als „Hässlichkeit“ vorkommt, dann verweist die Tatsache, dass der Gebrauch von „Schönheit“ in Texten immer seltener wird, entweder darauf, dass die Wahrnehmungskategorie des Schönen zunehmend fremd geworden ist, oder dass „Schönheit“ durch einen funktional bewirkten Wandel ging. Die durch das Hässliche intrinsisch erfolgende Kontrastverstärkung des Schönen dagegen, die seit jeher vor allem in Märchen und Sagen wirkte, schien bis vor nicht allzu langer Zeit immer noch vorherrschend gewesen zu sein.34 Die positiven Effekte, die sie dabei bewirkte waren umso größer, je ←19 | 20→schlimmer das Vorausgehende war.35 Wenn es nicht die kathartische Wirkung des Hässlichen ist, die durch ihren Verfremdungseffekt zur Erhöhung und Verstärkung der Schönheit beitragen kann, wie wird es dann möglich sein zwischen schön und hässlich, wahr und falsch oder gut und böse zu unterscheiden?36 Zunächst wird es um eine Annäherung an die Begriffsgeschichte des Hässlichen gehen, dessen Wirkung bereits in der griechischen Antike eingesetzt wurde und das seit Aristoteles als Mittel einer befreienden Lust definiert wurde – wie z. B. als Furcht, Mitleid und Abscheu – die beim Rezipienten eine reinigend-desillusionierende oder kritisch-bewusstmachende Wirkung zu erzielen suchten.

Im Unterschied zum Stichwort Häszlichkeit, im Sinne von turpitudo oder Unsittlichkeit, zeigt Jacob Grimms Artikel im Deutschen Wörterbuch zu häszlich, dass der Terminus in adjektivischer und adverbialer Bedeutung im Sinne von „feindselig“ und „hassenswert“, oder „hasz erregend“ auftritt.37 Unter „Häßlichkeit“ wird in J. C. Adelungs Wörterbuch J. G. Sulzer (1720–1779) zitiert: „Die Hässlichkeit entsteht vornehmlich aus dem Widersprüche der Theile, die ein Ganzes ausmachen“.38 Unter „häßlich“ ist aber keine Bedeutungsbeschreibung auffindbar, die auf seine Kontrastwirkung verweist. Es fehlt außerdem der Hinweis, dass Hässlichkeit das kathartische Gefühl bezeichnet, das sich bei der Konfrontation mit der Rezeption des Hässlichen einstellen kann. Im Unterschied zu den in diesen Wörterbüchern auffindbaren Bestimmungen des Hässlichen wird dagegen im Historischen Wörterbuch der Philosophie (HWPh), dem Historischen Wörterbuch der Rhetorik (HWRh), dem Historischen Wörterbuch ästhetischer Grundbegriffe (ÄG) und im Metzler Literatur Lexikon (MLL) mehr über die Eigenschaft gesagt, die das Konzept im 18. Jahrhundert gewonnen hat. Erst wenn die Verwendungsgeschichte von „hässlich“ und „Hässlichkeit“ im zugehörigen Diskurs philologisch nachgezeichnet worden ist, wird sich auch klären lassen, was genau das Hässliche als Fachwort um die Wende des 18. und 19. Jahrhundert bedeutete und welche Rolle speziell das Hässliche bei Friedrich Schlegel spielte.39

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Die Frage nach dem Hässlichen als wissenschaftliches Fachwort wird erstmals von G. E. Lessing (1729–1781) behandelt. Im Anschluss an J. G. Sulzer, bei dem das Hässliche als integrales Moment des Ganzen systematisiert wurde, wird es bei Lessing ebenso als ein Ganzes bestimmt, dessen Harmonie jedoch durch mehrere Teile gestört und zur Disharmonie verdreht wird.40 Genauso wie bei Aristoteles, von welchem zwischen „schön“ und „hässlich“ ein bis in die neuzeitliche Kunsttheorie leitender „metaphysisch ausschließender Gegensatz“ konstruiert wurde, wird bei Lessing die abstoßende Wirkung natürlicher Hässlichkeit erst durch ihre künstlerische Nachahmung als aufhebbar behandelt.41 Das heißt, dass nach Lessings Ansicht das „Hässliche“ nur als aufhebbarer Bestandteil in der Kunst als legitim behandelt werden kann.

Im Unterschied zu Lessing bestimmte Friedrich Schlegel das „Hässliche“ als den „reinen Gegensatz von der Idee des Schönen“, wonach sowohl das Schöne als auch das Hässliche als „unzertrennliche Korrelate“ systematisiert und der Objektivität, die die Rückkehr der Künste zu ihrer klassischen Form beanspruchte, untergeordnet werden.42 Als Folge dieses Gegensatzes, – der schon seit A. G. Baumgarten (1714–1762) in der Ästhetik besteht –, wird das Hässliche, im Unterschied zu anderen Theorien, als „dem Wirklichen der Idee“ widersprechendes Kennzeichen „einer schöneren Welt“ bezeichnet.43 Im Gegensatz zum Schönen, das als Erscheinungsform des Guten Genuss bereitet, verursacht das ←21 | 22→Hässliche in der Systematisierung Schlegels den Schmerz, der zur ästhetischen Sittlichkeit, bzw. zur Schönheit, führen soll.44

Mit dem Begriff „erhabene[r]; Hässlichkeit“45 wird von Schlegel eine spezifische Kategorie bezeichnet, deren Musterbeispiele die am besten gelungenen Werke der Moderne sind. Mit „Dürftigkeit“ werden andererseits die Produkte der „gemeineren Kunst“46 bezeichnet, die sich an die Bequemlichkeit des Rezipienten anpassen, ohne von ihm eine Distanz bzw. eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung zu verlangen. Das Hässliche ist nach Friedrich Schlegel zur Vollendung der „modernen Poesie“ „unentbehrlich“ und durch eine geschichtsphilosophische Konstruktion aus der Kontrastposition zum Schönen zur Kategorie des ästhetischen Interregnums bzw. der ästhetischen Modernität erhoben, welche vorläufigen Charakter hat.47

Im Unterschied zu Baumgarten, bei welchem das Hässliche etwas Mangelhaftes bleibt, behandelt es Hegel (1770–1831) als eigentümliches Moment der christlichen Kunst. Die nachhegelsche Ästhetik, aber auch C. H. Weiße (1726–1804), A. Ruge (1802–1880), Th. Vischer (1807–1887) und M. Schasler (1819–1903), hat entsprechend das Hässliche, im Element des Komischen einerseits und des Erhabenen andererseits als aufhebbar bestimmt, während es bei K. Rosenkranz (1805–1879) zum Ausdruck des Negativen wird, welchem eine Funktion in der Kunst zugebilligt wird, und zwar nur unter der Bedingung, dass „das reine Bild des Schönen“ hervorgetrieben wird.48 Erst seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, wird dem Hässlichen wegen seiner von der Tradition verworfenen und desillusionierenden Kraft zur Beschreibung einer als absurd erfahrenen Welt die Rolle einer in polemischer Absicht eingesetzten Kategorie explizit zuerkannt.49

Details

Seiten
232
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631820728
ISBN (ePUB)
9783631820735
ISBN (MOBI)
9783631820742
ISBN (Hardcover)
9783631818138
DOI
10.3726/b16891
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
Romantik Diskurswandel Ästhetische Modernität Literaturrezeption 1800 Frauenemanzipation Revolution Modell Lucinde Geschlechterververhältnisse
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 232 S., 10 s/w Abb., 3 Tab.

Biographische Angaben

Mirta Devidi (Autor:in)

Mirta Devidi hat Deutsche und Englische Sprach- und Literaturwissenschaft an den Universitäten Triest und Wien studiert. Darauffolgend legte sie eine Doppelpromotion in Germanistik an den Universitäten Padua und Mainz ab. Während der Promotion war sie Assistentin an der Universität Padua und Gastwissenschaftlerin an der Friedrich Schiller-Universität Jena. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft, ästhetische und poetologische Konzepte, Narratologie, Metaphorologie und literaturgeschichtliche Rezeptionsforschung. Die Autorin ist Mitglied der Friedrich Schlegel-Gesellschaft, des Deutschen Germanistenverbandes und der Internationalen Vereinigung für Germanistik

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