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Nachhaltigkeitsmanagement in sächsischen Betrieben

von Uta Kirschten (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 186 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhalt
  • TEIL A Konzeptionelle Beiträge
  • Nachhaltigkeitsmanagement und Nachhaltigkeitsinnovationen – Konzepte und Realitäten in sächsischen Betrieben: (Marlen Gabriele Arnold)
  • Kristallisationspunkte für Nachhaltigkeitsentwicklung in Unternehmen: (Steve Grundig und Markus Will)
  • Nachhaltige Transformationsprozesse in Betrieben: (Uta Kirschten)
  • Teil B Praxisbeispiele eines betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagements
  • Nachhaltige Druckstrategien bei FISCHER druck&medien in Großpösna: (Vanessa Buschner, Steffen Fischer und Uta Kirschten)
  • Praktisches Nachhaltigkeitsmanagement bei der Grammer AG: (Jessica Knoll und Laura Spöttl)
  • TEIL C Nachhaltige Branchenkonzepte
  • Nachhaltiges Handeln im Finanzsektor: (René Schubert)
  • Alternative Antriebskonzepte: (Jessica Knoll)
  • TEIL D Nachhaltige Verkehrskonzepte
  • Alte Trasse erfolgreich wiederbelebt – Die Vinschgerbahn: (Monique Dorsch)
  • „Muldental in Fahrt“ – Modellprojekt im Landkreis Leipzig: (Jessica Knoll und Andreas Kultscher)
  • TEIL E Arbeitsrecht
  • Mitarbeiterbindung durch nachvertragliche Wettbewerbsverbote: (Joachim Gruber)
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
  • Abbildungsverzeichnis

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Marlen Gabriele Arnold

Nachhaltigkeitsmanagement und Nachhaltigkeitsinnovationen – Konzepte und Realitäten in sächsischen Betrieben

1. Einleitung

Eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs)1, die europäische Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, die 10 Prioritäten der Europäischen Kommission zur Realisierung von Nachhaltigkeitszielen sowie die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie2 gelten mit steter Aktualisierung seit Jahren für alle gesellschaftlichen Akteure. Nachhaltige Entwicklung gilt ebenso als Leitprinzip des Freistaates Sachsen. „Im Jahr 2013, dem Jahr des 300-jährigen Jubiläums des forstlichen Nachhaltigkeitsbegriffes, hat die Sächsische Staatsregierung die erste Nachhaltigkeitsstrategie für den Freistaat Sachsen als eine Art Kompass für die zukünftige Entwicklung des Landes verabschiedet.“3 Die Nachhaltigkeitsstrategie für den Freistaat Sachsen 2018 umfasst neun Haupthandlungsfelder mit verschiedenen Schwerpunkten, Zielen und Indikatoren sowie ressortübergreifenden Ansätzen. Die Sächsische Staatsregierung stellt sich somit ihrer kommunalen Verantwortung als zentraler Akteur und treibende Kraft zur Realisierung lokaler, nationaler und globaler Nachhaltigkeitsziele.

Die Grundsätze der nachhaltigen Entwicklung adressieren das Gestalten menschlicher Systeme unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Tragfähigkeitsgrenzen (Allianz Sustainable Universities in Österreich 2014: 6). Es ist notwendig, dass die Ökosysteme der Erde in ihrer Assimilation, Pufferung und Regenerationsfähigkeit unversehrt bleiben, um menschliches Leben und Wirtschaften auf Dauer zu ermöglichen. Das beinhaltet auch das Gestalten von sozial und wirtschaftlich widerstandsfähigeren Systemen. Hinzu kommt, dass ←13 | 14→anthropogene Einwirkungen nicht nur schädliche Auswirkungen auf das Ökosystem haben, sondern Umwelthormone, sogenannte endokrine Disruptoren, die menschliche Gesundheit beeinträchtigen und uns Menschen auch dümmer machen.4 Das hat essentielle Auswirkungen auf innovative und gesellschaftliche Potentiale sowie auf die Möglichkeitenräume, Lösungen für die dringlichen ökologischen und sozialen Herausforderungen zu finden. Wie lässt sich Nachhaltigkeit zielführend in unternehmerische Aktivitäten integrieren – wie kommt die Nachhaltigkeit in Innovationen – und wie ist es um die Nachhaltigkeit in sächsischen Unternehmen bestellt?

2. Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit

Die Begriffe und Konzepte Nachhaltigkeit, nachhaltige Entwicklung, Entwicklung zur Nachhaltigkeit sind häufig mehrdeutig. Eine klare und eindeutige Definition von globaler Gültigkeit gibt es nicht – gleichwohl wird Nachhaltigkeit als Teil von Lern- und Verhandlungsprozessen verstanden (Arnold 2017). Die vielfältigen Verständnisse und Definitionen der Nachhaltigkeit zielen sowohl auf Einzelaspekte und in Teilen auch auf eine Integration von ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten. Gleichwohl haben die vielfältigen Auslegungen und Definitionen von Nachhaltigkeit und Nachhaltiger Entwicklung das Leitbild in Verruf gebracht. Die Beschreibung des BMU, was eine Nachhaltige Entwicklung bedeutet, spiegelt den aktuellen Zeitgeist sehr gut wider: „Nachhaltigkeit bedeutet, mit den Ressourcen zu haushalten. Hier und heute sollten Menschen nicht auf Kosten der Menschen in anderen Regionen der Erde und auf Kosten zukünftiger Generationen leben. Nachhaltigkeit betrifft alle Bereiche unseres Lebens und Wirtschaftens und ist folglich eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Das Leitbild verlangt nach einer gesellschaftlichen Entwicklung, die ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig ist. Wir verfügen nur über die eine Erde. Es geht darum, diese Erde auf Dauer und für alle unter lebenswerten Bedingungen bewohnbar zu erhalten. Dabei ist vor allem die Umwelt im Nachhaltigkeitskonzept der limitierende Faktor – nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene.“5

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Es ist davon auszugehen, dass Nachhaltigkeit schon immer eine Rolle spielte (früheste sinngemäße Erwähnung in China 1000 v. Chr. sowie Waldordnungen im Hochmittelalter) – obgleich spricht Vieles für neuzeitliche Wurzeln im Rahmen der Etymologie. Das englische Wort Sustainability stammt von dem lateinischen Wort ‚sustinēre‘ (aufrechterhalten, fördern, unterstützen, andauern, beschränken; Caradonna 2014) ab.6 Jon Manwood hielt 1592 erste Ideen zur Waldbewirtschaftung schriftlich fest (A Brefe Collection of the Lawes of the Forrest – später erweitert zu A Treatise and Discourse of the Lawes of the Forrest). John Evelyn verwendet 1664 in seiner Abhandlung zur Forstwirtschaft das Verb to sustain (Nisbet 2013). In den frühen 1970er Jahren gewann dann das Substantiv sustainability an Bedeutung (Caradonna 2014). Im deutschsprachigen Raum wird der Begriff Nachhaltigkeit mit der Abhandlung „Sylvicultura Oeconomica“ aus dem Jahr 1713 vom Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645–1714) eingeführt. von Carlowitz schrieb von einer nachhaltigen Forstwirtschaft: in einem Jahr sollte nicht mehr Holz gefällt werden als Bäume nachwachsen können, da sonst die wirtschaftliche Entwicklung des Waldes gefährdet sei. In der Forstwirtschaft des 18. Jh. fand der Begriff Nachhaltigkeit dann rasche Verbreitung durch den Oberlandforstmeister Georg Ludwig Hartig (ab 1811). „Unter Nachhaltigkeit ist das Streben nach Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß der Holzerträge zu verstehen.“ Hartig 1795 (zitiert nach Kurth 1994: 41). Auch in anderen Sprachen ist Nachhaltigkeit bedeutsam, zum Beispiel im Spanischen – dort wird es eng mit den Lebensweisen von indigenen und autochthonen Völkern verbunden.

Der Gedanke des nachhaltigen Wirtschaftens verhaftete im englisch- und deutschsprachigen Raum allerdings Jahrzehnte primär in der Forstwirtschaft, bis er sich ab den 1970er als ökologische, soziale und ökonomische Notwendigkeiten im Leitbild Nachhaltigkeit niederschlug. In dem 1972 veröffentlichten Bericht des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums / The Limits to Growth wurde das exponentielle ökonomische Wachstum, der Bevölkerungszuwachs und die Limitierung der Ressourcen in den Mittelpunkt gestellt. Die ←15 | 16→zunehmende Entkopplung anthropogener Aktivitäten von Zeit und Raum wird als neue globale Herausforderung erkannt. Im selben Jahr fand die erste United Nations Conference on the Human Environment (UNCHE) in Stockholm statt. Als Ergebnis ging die Stockholm Declaration hervor, welche erstmalig internationale Umweltprinzipien und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von 113 Industrie- und Entwicklungsstaaten zu Umwelt und Entwicklung festhielt (United Nations 1972).

Im Anschluss an die Ressourcendiskussion, trat die Bedürfnisdiskussion in den Vordergrund. Der im Jahre 1987 von der World Commission on Environment and Development (WCED) publizierte Bericht Our Common Future (auch Brundtland-Bericht) thematisiert auch intra- und intergenerationale Gerechtigkeit: „Humanity has the ability to make development sustainable to ensure that it meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs. The concept of sustainable development does imply limits – not absolute limits but limitations imposed by the present state of technology and social organization on environmental resources and by the ability of the biosphere to absorb the effects of human activities. But technology and social organization can be both managed and improved to make way for a new era of economic growth.“7 Ökologie, Gesellschaft, Wirtschaft und Technologie werden im Konzept einer nachhaltigen Entwicklung miteinander verbunden. Diese eher generischen Aussagen führten zu einer bis zur heutigen Zeit andauernden Debatte über Interpretationen und Operationalisierungen. Die Vielzahl an analytischen und konzeptionellen Fragen sowie Kontroversen, die mit Blick auf das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung geführt werden, sind zum einen auf den normativen Charakter (Jörissen 1999) zurückzuführen und zum anderen bedingt durch systemgenerierte Trade-Offs zwischen Ökonomie und Ökologie sowie Sozialem.

Im Ökonomischen wird das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung als Austauschverhältnisse der vorhandenen Kapitalarten Sachkapital (Produktionsmittel, Transport, Infrastruktur etc.), Humankapital (vorhandenes Wissen, soziale Institutionen etc.) und Naturkapital (natürliche Umwelt, Tiere, Pflanzen, Rohstoffe etc.)8 sowie Weitergabe des Gesamtkapitals an zukünftige ←16 | 17→Generationen modelliert. Der theoretische Ursprung der schwachen Nachhaltigkeit ist in der neoklassischen Betrachtungsweise zu verorten. Im Vordergrund steht ein anthropozentrisches Weltbild, welches Menschen und der Befriedigung ihrer Bedürfnisse eine privilegierte Rolle einräumt (Hampicke 1992). Naturkapital kann durch andere Kapitalformen substituiert werden – gleichwohl soll das Gesamtkapital erhalten werden (Nutzinger/Radke 1995, Corsten/Roth 2012). Die starke Nachhaltigkeit geht von einer weitgehenden Komplementarität zwischen Natur- und Sachkapital aus (Daly 1999). Auf Basis einer ökozentrischen Sichtweise werden der Mensch und seine Bedürfnisse als Teil des gesamten Ökosystems betrachtet, so dass sich der Mensch in dieses einzupassen hat (Eckersley 1992). Gefordert werden Erhalt und Schutz des ökologischen Systems, welches die Grundlage für die Entwicklung aller Lebewesen bietet. Im Spannungsfeld dieser beiden Polausrichtungen hat sich weiterhin die kritische oder gemäßigte Nachhaltigkeit herausgebildet. Vertreter*innen dieser Position nehmen eine öko-anthropozentrische Sicht ein, nach der Naturkapital teilweise substituierbar ist, jedoch das ‚kritische‘ Naturkapital niemals unterschritten werden darf bzw. stets erhalten werden muss, um Entwicklung zu ermöglichen.

Spätestens die Erkenntnisse zu den Planetary Boundaries9 sollten deutlich gemacht haben, dass es – anders als im Brundtland-Bericht dargelegt – absolute Limits gibt, insbesondere im ökologischen Bereich, welche die menschengemachten Entwicklungen berücksichtigen, insbesondere im Anthropozän, und entsprechend einhalten muss. Die kritische Nachhaltigkeit oder gar die starke Nachhaltigkeit gewinnen erneut an Bedeutung; sie zeigt sich ebenso im Nachhaltigkeitsverständnis des BMU (siehe Definition oben).

Der 2019 von der UN publizierte Bericht Global Sustainable Development Report, GSDR, zeigt auf: “Co-benefits, trade-offs and tough choices are at the heart of sustainable development but have not always been appreciated as such. Initial interpretations that emphasized three distinct dimensions of sustainability – economic, environmental and social – tended to reinforce decision-making in thematic silos. The result, typically, was to prioritize immediate economic benefits over social and environmental costs that would materialize over the longer term. However, such an approach also continually deferred consideration of the difficult choices that needed to be made – indeed, the very usefulness of the concept of sustainable development came under question.”10 Die ←17 | 18→Autor*innen adressieren einen systemischen Ansatz, betonen die Verlinkungen der 17 Nachhaltigkeitsziele untereinander und machen deutlich, dass wir unsere Form des Wirtschaftens und unseren Lebensstil grundlegend ändern müssen.

Die nachfolgenden Nachhaltigkeitsprinzipien können dafür einen Rahmen bieten (siehe Tabelle A1.1). Prinzipien können als Leitlinien für menschliches Verhalten und Handeln angesehen werden (Zucchella/Urban 2014). In der Forstwirtschaft und im Wassersektor wurden mehrere Prinzipien entwickelt und sind inzwischen weitgehend akzeptiert (Grambow 2013). Aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse lassen sich Prinzipien auch weiterentwickeln und ergänzen. Nur so ist ein effektiver Umweltschutz möglich. Die drei Nachhaltigkeitsprinzipien Vorsorge, Verursacherprinzip und Kooperationsprinzip haben längere Traditionen. Das Vorsorgeprinzip, als Beispiel, basiert auf der Risikoaufklärung und ermöglicht ein schnelles Eingreifen und staatliches Handeln zum Schutz der Umwelt oder der Ressourcen (Johnston et al. 2007, González-Laxe 2005).

Tabelle A1.1: Nachhaltigkeitsprinzipien

Nachhaltigkeitsprinzipien
Prinzip Erläuterung
Intergenerations- und Gerechtigkeitsprinzip Grundlegendes ethisches Prinzip der Sorge um die Nachkommenschaft und Ausgleich für die Mitlebenden
Vorsorge- und Reversibilitätsprinzip Gemäß Umweltethik vorausschauende Risikobetrachtung notwendig. Grenzwerte so niedrig ansetzen, dass das Risiko vertretbar ist. Maßnahmen sollten reversibel sein
Verursacherprinzip Verursacher trägt Kosten. Wichtig für die Internalisierung der Kosten. Wirtschaftliches Instrument, im besten Falle selbstregulierend
Integrationsprinzip Integration der triadischen Belange sowie sektoral, lokal und zeitlich übergreifend
Regionalitäts- und Subsidiaritätsprinzip Regionale Ressourcenkreisläufe sind i.d.R. nachhaltig, insbes. bei Ernährung und Wasserwirtschaft, regionale Lösungen
Solidaritätsprinzip Ergänzt das Regionalitätsprinzip, Oberlieger- Unterliegerverhältnis, Wasserausgleich zwischen Einzugsgebieten
Kooperations- und Partizipationsprinzip Fundamentaler Ansatz: Beteiligung der Stakeholder im Sinne der Good Governance
Iterations- und Dynamikprinzip Nachhaltigkeitsbezogene Entscheidungen müssen während der Planung und auch später wiederkehrend überprüft werden
Transparenzprinzip Nur Transparenz ermöglicht die Kontrolle und Weiterentwicklung i.S.d. Iteration und Partizipation sowie der Qualitätssicherung
Effizienzprinzip und Konsistenzprinzip Emissionen bereits an der Quelle vermeiden, keine kritischen Stoffe einsetzen, Effiziente Nutzung, Wasser & Energie sparen, Reinigung am Ort des Entstehens, Verwendung umweltfreundlicher Stoffe
Suffizienz- und Substitutionsprinzip Aspekt der Genügsamkeit bzw. Ersatz durch nachhaltigere Ressourcen
Resilienzprinzip Erhalt der Stabilität des Gesamtsystems, Optimierung und gezielte Redundanzen bzw. Sicherheitsabstände zu kritischen Zuständen nötig

Quelle: modifiziert nach Grambow 2013

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Die Anwendung der Nachhaltigkeitsprinzipien sollte in allen drei Dimensionen der Nachhaltigkeit zur Geltung kommen: Ökologie, Soziales und Ökonomie sowie deren Integration.11 Hinsichtlich der Anzahl, Rangordnung und bildlichen Darstellung lässt sich eine große Vielfalt in der Literatur finden. Neben den drei Dimensionen spielen Technologie (auch der Ökonomie zugeordnet) und Kultur (u.a. bei Soziales integriert) eine zentrale Rolle. In der Darstellungsform haben neben dem Drei-Säulen-Modell (Spindler 2012) das Schnittmengenmodell (Clausen et al. 2002) sowie das Vorrangmodell (Ökologie als größter Kreis, Raworth 2018) Verbreitung gefunden. Das Vorrangmodell trifft den Kern der (kritischen) Nachhaltigkeit (auch der BMU-Definition) am Ehesten – gleichwohl findet es nicht primäre Verbreitung. Die Nachhaltigkeitsprinzipien finden ebenso Eingang in den drei Nachhaltigkeitsstrategien Suffizienz, Konsistenz und Effizienz. Diese drei Strategien leisten konzeptionell-analytisch große Dienste – in der Praxis sind sie häufig miteinander verwoben.

Suffizienz zielt auf „Änderungen in Konsummustern, die helfen, innerhalb der ökologischen Tragfähigkeit der Erde zu bleiben, wobei sich Nutzenaspekte des Konsums ändern“ (Fischer/Grießhammer 2013, S. 10). Das umfasst sowohl die quantitative Reduktion von Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen, wie „Verzicht auf oder die Reduzierung von besonders ressourcenintensiven ←19 | 20→Güterarten (z.B. Fernseher, Fleisch), ein Weniger an Größe, Funktionen oder Komfort (eine kleinere Wohnung, ein Auto ohne Klimaanlage)“ (Fischer/Grießhammer 2013, S. 9) bzw. ein Weniger an Volumen und Fläche etc. als auch das Ersetzen von Produkten und Dienstleistungen durch qualitativ andere, d.h. umweltfreundlichere und ggf. sozialfreundlichere Optionen (z. B. Fahrrad statt Auto), Nutzungsdauerverlängerungen, seltenere Nutzung (z. B. von elektrischen bzw. umweltwirksamen Geräten), Eigenproduktionen und auch die gemeinsame Nutzung von Produkten und Dienstleistungen. Ohne Suffizienz wird keine Nachhaltigkeit erreichbar sein bzw. werden. Insbesondere mit Blick auf die Klimagasemissionen kommen wir als Individuen und folglich als Gesellschaft um einen Verzicht nicht umher. Gleichwohl trifft Suffizienz noch immer nicht auf ausreichende Akzeptanz: „Suffizienz von Unternehmen zu fordern ist in einer Marktwirtschaft widersinnig.“ (Schmidt 2008, S. 15) Vor dem Hintergrund dieser Aussage muss die Frage gestellt werden, ob die Marktwirtschaft und der Kapitalismus in den heutigen Ausprägungen geeignete Systeme sind, eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit überhaupt zu ermöglichen.

Zusammenfassung

Die nachhaltige Entwicklung von Betrieben, das heißt die ökologisch verträgliche, sozial gerechte und wirtschaftlich leistungsfähige Gestaltung der betrieblichen Tätigkeit gehört zu den zentralen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen unseres Jahrhunderts. Hierfür spielt das betriebliche Nachhaltigkeitsmanagement eine besonders wichtige Rolle, weil die Betriebe mit der Gestaltung ihrer Leistungs- und Produktionsprozesse sowie der angebotenen Produkte und Dienstleistungen darüber entscheiden, welche Ressourcen sie einsetzen, woher die Ressourcen kommen und unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen sie gewonnen werden, aber auch wie umweltbelastend oder umweltverträglich die Produktionsprozesse und die angebotenen Produkte und Dienstleistungen sind. Daher haben gerade die Betriebe eine besondere Verantwortung für die Entwicklung und Umsetzung eines betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagements.
Dieser Band eröffnet die Schriften des Instituts für Betriebswirtschaft der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Der Band umfasst konzeptionelle Ansätze und Strategien eines betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagements, aber auch spannende Praxisbeispiele zum Nachhaltigkeitsmanagement aus Betrieben und Branchen, innovative Verkehrskonzepte und einen arbeitsrechtlichen Exkurs.

Biographische Angaben

Uta Kirschten (Band-Herausgeber:in)

Uta Kirschten ist seit 2013 Professorin für Personalmanagement an der Westsächsischen Hochschule in Zwickau. Von 2007 bis 2013 war Frau Kirschten Professorin für Human Resources Management an der privaten AKAD Hochschule Leipzig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeit 4.0, Nachhaltiges Personalmanagement, Innovation und Arbeit, Frauen in Führungspositionen, Change Management und Wissensmanagement. Seit 2007 leitet sie das Hallesche Institut für nachhaltiges Management (HANAMA) in Halle und verfügt über eine langjährige Berufspraxis in Forschung, Beratung und Lehre.

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Titel: Nachhaltigkeitsmanagement in sächsischen Betrieben