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Leben im Wort

Dichterinnen in bedrohlicher Zeit

von Therese Chromik (Autor:in)
Monographie 182 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch stellt fünf unterschiedliche deutsch-jüdische Schicksale unter der Verfolgung zur Zeit Hitlers dar, die in der Dichtung gespiegelt sind: Jähes Ende und totale Vernichtung oder Flucht und Emigration als Ausweg zum Überleben – mit der ruhelosen Suche nach Heimat, die sich in der Sprache findet. Dichten wird als lebensnotwendig erlebt. Die Mitteilung des kaum Mitteilbaren ist die Aufgabe der Lyrik. Die Dichterinnen übernehmen diese stellvertretend für viele. "Es geht nicht mehr allein um die Selbstbegegnung des Dichters mit sich, sondern um die Selbstbegegnung von andern (...) ". (Domin)
Um deutlich zu machen, wie Leben und Dichtung ineinandergreifen, werden Gedichte immer wieder in die biografischen Situationen eingefügt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • „… dass der Tod meines Volkes an mir leuchtet.“
  • „Ich bin eine Dichterin, das weiß ich.“
  • „Ich lebe im Mutterland Wort“
  • Augenblicke der Freiheit
  • Der Traum lebt mein Leben zuende

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Nelly Sachs (1891–1970)

„… dass der Tod meines Volkes an mir leuchtet.“

Abb. 1. Nelly Sachs

„Die Sprache ist das einzige, was du jetzt besitzt, denke daran!“, soll ein Freund zu Nelly Sachs gesagt haben, als sie Deutschland verließ und nach Schweden emigrierte. Sie hat es getan, wie Olof Lagercrantz7 in seinen Studien über Nelly Sachs erwähnt. „Sie sah verzweifelt den ganzen „Wortschatz des Sprachgartens“ ←11 | 12→dahinwelken. Das ist eine der Ursachen, weshalb sie von einer Sprache ohne Worte träumte …“8 Und doch:

Nelly Sachs ist die „Dichterin des jüdischen Schicksals“9, die sich wie keine andere in ihrer Lyrik der Holocaust-Opfer in ihrem unfassbaren Leid angenommen hat. Erinnern, leiden, klagen, ohne in Hass zu verfallen, Worte finden für ein Verbrechen, wofür es kaum noch Worte geben kann, das geht nur von der Seite der Opfer her, Schmerz und Leid nachfühlen, spiegeln im Wort. Wer ist diese Dichterin, die die Kraft hat, dieses zu tun?

Wenn Hilde Domin meint, es müsse dem Dichter unter die Haut gehen, was er verdichten wolle, so trifft das auf Nelly Sachs voll und ganz zu. Aber ist da nicht auch eine Grenze im Reservoir eigener seelischer Kräfte? Die Kraft, eine Vorstellung, ein Bild und nicht ein fiktives, sondern reales Bild auszuhalten und die Kraft, dieses in dichterische eindringliche Sprache zu verwandeln, eine schier unvorstellbare Leistung, die Nelly Sachs sich abverlangt hat. Dass dieser anstrengende Vorgang auch eine „Befreiung“ sein kann, wissen wir von Hilde Domin und ahnen es auch bei Nelly Sachs, sie hat das hin und wieder in ihrem Werk thematisiert: Schreiben als „Atemhilfe“. Ihr halfen die „Buchstaben, in denen ich reise“. Und doch, wir wissen nicht, wieweit ihre nervlichen Einbrüche mit dieser unmenschlichen Anforderung an sich selbst, das Leben der Opfer so hautnah mitzuerleben und sich einzufühlen, zu tun haben, abgesehen von der eigenen Gefahr für Leib und Leben, die sie mit ihrer Mutter durchlebte.

Vita

Nelly Sachs wurde am 10. Dezember 1891 in Berlin geboren. Sie starb am 12. Mai 1970 in Stockholm. Nelly war das einzige Kind des Ingenieurs, Erfinders und Fabrikanten Georg Wilhelm Sachs und seiner Frau Margarethe, geb. Karger. Sie wuchs in einer assimilierten jüdisch-großbürgerlichen Atmosphäre auf. Die Familie wohnte in einer schönen Villa im Tiergartenviertel. Nelly wurde von Privatlehrern unterrichtet und konnte sich im musischen Bereich schon in jungen Jahren entwickeln; sie begann früh zu tanzen, zu musizieren und zu ←12 | 13→ dichten. „Sie hatte sich romantischen Vorstellungen hingegeben, für die christlichen Legenden des Mittelalters geschwärmt und vom blauen Norden der Windrose10 geträumt.“ 11Mit fünfzehn Jahren war sie so begeistert von Selma Lagerlöfs Roman Gösta Berling, dass sie einen Briefwechsel mit der schwedischen Schriftstellerin begann, der über fünfunddreißig Jahre andauerte und ihr später das Leben rettete. Mit siebzehn Jahren begann sie Gedichte zu schreiben, aber auch Legenden und Erzählungen. 1921 half ihr Stefan Zweig, den ersten Band mit dem Titel „Legenden und Erzählungen“ herauszugeben. Diese neuromantisch beeinflussten Gedichte kreisen thematisch um die Natur und Musik und wurden von Nelly Sachs nicht in ihrer späteren Ausgabe der gesammelten Werke aufgenommen.

Gegen Ende der zwanziger Jahre wurden Gedichte von ihr gelegentlich in verschiedenen Berliner Zeitungen gedruckt.

1930 starb ihr Vater; das war ein sehr schmerzhafter Verlust für Nelly. Mutter und Tochter bewohnten nun ein Mietshaus im Hansaviertel, wo sie sehr zurückgezogen lebten. Als die Nazis an die Macht kamen, lebten sie unter zunehmender Bedrohung; Ende der dreißiger Jahre hatten fast alle Verwandten Berlin verlassen.

Nelly Sachs blieb ledig; ihr Vater hatte ihre Beziehung zu einem geschiedenen Mann unterbunden, was sie möglicherweise nie verwunden hat. In ihren späteren Gedichten ist von einem „Bräutigam“ die Rede, der in einem Konzentrationslager umgekommen sei. Diesem Freund, der von der Gestapo verhört und gefoltert wurde und für den auch sie zur Aussage bestellt wurde, blieb sie treu in ihrer Trauer, äußerte sich aber nie konkret über diese Beziehung und die Identität des Mannes.

Sie begann, sich mit ihrer jüdischen Zugehörigkeit auseinanderzusetzen, wobei ihr Martin Bubers Rosenzweig-Übersetzung des „Jesaia“ und seine Legenden des Baalschem eine neue Welt erschlossen, die ihr in bedrängter Zeit Trost und Hilfe bedeutete.

1940, in letzter Minute, als der Befehl für die Deportation in ein Lager schon eingetroffen war, floh Nelly Sachs mit ihrer Mutter mit dem Flugzeug aus Deutschland nach Schweden. Diese Rettung hatte sie Selma Lagerlöf zu ←13 | 14→ verdanken, die allerdings bei ihrer Ankunft nicht mehr lebte. Nach schwerem Anfang erhielt Nelly Sachs 1953 die schwedische Staatsbürgerschaft. Sie hatte Schwedisch gelernt und übersetzte nun moderne schwedische Lyrik ins Deutsche.12 Das hatte Auswirkungen auf ihren eigenen Schreibstil, der sich vom Romantischen weg entwickelte und Wahrhaftigkeit an die Stelle setzte. Ihr großes Vorbild war Selma Lagerlöf. Ihr, der sie ihre Rettung verdankte, hat sie ihre Gedichte gewidmet. Aber auch der Eingabe Walter Harlans13 beim Bruder des Schwedenkönigs (Eugen) hat Nelly Sachs es zu verdanken, dass sie mit ihrer Mutter nach Schweden emigrieren konnte.

Im schwedischen Exil entstand unter dem Eindruck der Verfolgungen, denen die Juden ausgesetzt waren, die Lyrik, die Nelly Sachs bekannt und berühmt gemacht hat. In Schweden befasste sich Nelly Sachs mit der Kabbalistik und dem Chassidismus. Die Kabbalah, d.h. das „Überlieferte“, die mystische Tradition des Judentums, war Nelly Sachs ja nicht aus ihrer Kindheit bekannt, zumal es sich hier nicht um eine Dogmatik oder einen Lehrinhalt handelt, sondern um eine geistig-religiöse Haltung: die Suche nach einer Erfahrung und Beziehung zu Gott. In der Nachkriegszeit entstanden die sehr bewegten und bewegenden Gedichte über den Holocaust. Über manchen ihrer Gedichte finden sich Sprüche aus dem Buch Sohar, dem Hauptwerk der jüdischen Kabbalah. Der Gedanke des „En-Sofar“ im Sohar, welches soviel wie das „Nichts“ ist und zugleich das Unendliche, begegnete ihr auch bei Jacob Böhme. Auch mit dem Chassidismus14, einer religiösen Bewegung, und seiner mystischen Ausprägung war sie nicht in ihrer Jugend in Berührung gekommen. Sie lernte die chassidischen Legenden von Martin Buber kennen. Die Beschäftigung mit diesen Strömungen bestärkte sie im Wörtlichnehmen der Sprache. Die Befreiung des Wortes aus dem Klischee, aus den verbrauchten Sprachgewohnheiten geschieht bei Nelly Sachs mit religiöser Emphase.

Sie zeigt sich zum Beispiel in der Rückführung entleerter Begriffe auf ihr einst lebendiges Bild, durch das Wörtlichnehmen verblasster Sprichwörter und Redewendungen und dem Spiel mit der Doppelbedeutung der Wörter (Wurzel, Ader, Muschel, Aufbruch etc.).

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Anfang 1950 starb Nelly Sachs Mutter, was sie schwer traf. In den fünfziger Jahren begann sie mit Paul Celan zu korrespondieren und 1960 besuchte sie ihn in Paris, mit dem sie sich durch ihr Schicksal sehr verbunden gefühlt hat. Peter Hamm kommentierte ihre Freundschaft so: „Dichtung war für beide ein über dem Abgrund der Vergangenheit gespanntes Rettungsseil aus nichts als Worten“.15

Sie schrieb, wie sie sagte, um zu überleben. Das Schreiben, das war die Insel, die sie erfand, im Sturm, in dem sie sonst untergegangen wäre.

Schreiben als Leben und Überleben, als Weg zur Ich-Findung der Dichterin, das gilt auch für Nelly Sachs; Sprache ist aktive Lebensbewältigung.

Das innere Erleben verlangt nach befreiender Aussage, die Nelly Sachs allein im gestalteten Wort findet. „Nur in Gedichten vermag ich mein Herz zu öffnen“, schreibt sie an Selma Lagerlöf am 17.11.192416. Das ist „Atemhilfe“, das sind Augenblicke der Befreiung. Dabei erfüllt ihre Dichtung das, was Hilde Domin vom Poeten fordert, „das Nichtwort ausgespannt zwischen Wort und Wort“ zuzulassen und zugleich die Genauigkeit des Wortes zu prüfen, ob „Ding und Wort“ die „gleiche Körperwärme“ haben. Hilde Domin urteilt denn auch, diese Gedichte „gehören zum Bedeutendsten, was der deutschen Sprache abverlangt wurde; zumindest in diesem Jahrhundert.“17

Erst gegen Ende der fünfziger Jahre wurde Nelly Sachs in der Bundesrepublik „entdeckt“. Nun suchte man sie zu ehren; die ersten Preise18 wurden ihr in Abwesenheit verliehen, da sie sich noch scheute, nach Deutschland zu kommen; ihre Angst saß zu tief. Als sie 1960 den Droste-Preis in Meersburg bekommen sollte und sie nun nach zwanzig Jahren Deutschland wieder betrat, brach sie nach ihrer Rückkehr nach Schweden zusammen. Sie verbrachte drei Jahre mit Unterbrechungen in einer Nervenheilanstalt bei Stockholm.

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1961 schuf die Stadt Dortmund den Nelly Sachs-Preis, deren erste Preisträgerin sie selbst war. Als erste Frau erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und an ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag schließlich wurde ihr zusammen mit Samuel Joseph Agnon den Literaturnobelpreis aus der Hand des schwedischen Königs Gustavs VI. Adolf verliehen.

Ihr Preisgeld verschenkte sie zur Hälfte an Bedürftige, die andere Hälfte bekam Gudrun Harlan. Sie zog sich immer mehr zurück, musste auch ihr Nervenleiden wieder behandeln lassen.

1970 starb Nelly Sachs in einem Stockholmer Krankenhaus an Krebs; es war der Tag von Paul Celans Beerdigung. Sie wurde auf einem Friedhof in Stockholm beigesetzt.

Auch nach ihrem Tod wurde sie auf verschiedenste Weise geehrt: Das Jüdische Alten- und Pflegeheim in Düsseldorf wurde auf Betreiben der Heimbewohnerin Rose Ausländer in „Nelly Sachs-Haus“ umbenannt. Gymnasien und Straßen in verschiedenen Städten sind nach ihr benannt worden, die Bundespost gab Marken mit ihrem Porträt heraus, eine Silbermünze wurde für sie geprägt aus Anlass ihres 125. Geburtstages mit der Titelzeile eines Gedichts: „Kommt einer von ferne.“ Viele Vertonungen ihrer Texte gibt es und die Menge der Publikationen, die sich mit der Interpretationen ihrer Gedichte und der Analyse lyrischer Mittel befasst und ihre anderen Werke erläutert, ist beträchtlich gewachsen.

Eine Poetologie wie Hilde Domin hat Nelly Sachs nicht verfasst.

Sie thematisiert den Umgang mit Sprache in einem ihrer Gedichte auf eine Weise, deren Aussage an Hilde Domins Gedicht „Ich will dich“19 erinnert, worin sie ihre dichtungstheoretische Aussage auf Konfuzius stützt:

„Freiheit Wort

Das ich aufrauen will“.

„Nichts weiter sagt er

ist vonnöten:

Nennt das Runde rund

Und das Eckige eckig.“

So heißt es bei Hilde Domin.

„O dass nicht Einer Tod meine, wenn er Leben sagt –

und nicht Einer Blut, wenn er Wiege spricht.“

So heißt es bei Nelly Sachs.

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Gerade das folgende Gedicht, in dem es um die Sprache geht, hat Hilde Domin erläutert. Es findet sich in Reich Ranickis Band „Frauen dichten anders“.20 Hilde Domin, die sich nicht nur theoretisch, sondern auch poetisch in Gedichten über die

Sprache äußert, stellt fest, dass dieses Gedicht das einzige Gedicht von Nelly Sachs sei, „das sich ausschließlich mit der Sorge um die Sprache befaßt. Das Wort wie der Atem (das Pneuma) ist das Leben selbst: der die Schöpfung in Gang setzende Logos, ‚Das atemverteilende Weltall‘ wird es daher auch genannt.“21

Völker der Erde

ihr, die ihr euch mit der Kraft der unbekannten

Gestirne umwickelt wie Garnrollen,

die ihr näht und wieder auftrennt das Genähte,

die ihr in die Sprachverwirrung steigt

wie in Bienenkörbe,

um im Süßen zu stechen

und gestochen zu werden −

Völker der Erde,

zerstöret nicht das Weltall der Worte,

zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses

den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde.

Völker der Erde,

O daß nicht Einer Tod meine, wenn er Leben sagt −

und nicht Einer Blut, wenn er Wiege spricht −

Völker der Erde,

Details

Seiten
182
ISBN (PDF)
9783631770627
ISBN (ePUB)
9783631770634
ISBN (MOBI)
9783631770641
ISBN (Hardcover)
9783631770047
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Deutsch-jüdische Lyrikerinnen Sprache als Heimat Verfolgung unter Hitler Lyrik trotz Auschwitz Emigration
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 182 S., 5 s/w Abb.

Biographische Angaben

Therese Chromik (Autor:in)

Therese Chromik studierte Philosophie, Germanistik, Geographie und Kunst und promovierte an der Universität Wroclaw (Breslau). Sie ist freie Autorin. Für ihre Lyrik erhielt sie unter anderem den Nikolaus Lenau Preis und den Andreas Gryphius Preis. Zuletzt verfasste sie eine Biografie über Ida Dehmel.

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Titel: Leben im Wort