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Studien zum frühen Slavischen und zu älteren slavischen Texten

Unter Mitarbeit von Hanna Niederkofler

von Jürgen Fuchsbauer (Band-Herausgeber) Emanuel Klotz (Band-Herausgeber)
Sammelband 272 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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VORWORT

Der Beschluss, den vorliegenden Sammelband zu veröffentlichen, wurde am 12. Altslavistentreffen, das am 29. und 30. September 2017 am Institut für Slawistik der Universität Wien stattfand, gefasst. Die 24 Teilnehmer an dieser Tagung sind an 21 verschiedenen Forschungsinstitutionen in 7 Ländern, in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Belgien, Italien, Bulgarien und Russland, tätig. Ihre Vorträge gaben vielfältige Einblicke in Ziele, Methoden und Fragestellungen der gegenwärtigen altslavistischen Forschung. In den einzelnen Beiträgen wurden urslavische Lautlehre und Onomastik ebenso behandelt wie die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte älterer slavischer Texte, Übersetzungen religiöser Werke aus dem Griechischen ebenso wie die computergestützte Aufbereitung vormodernen Schriftguts. Die thematische Vielfalt, Breite und Tiefe der Vorträge zeigte eindrucksvoll, dass die Paläoslavistik nicht nur ein einigendes Element innerhalb des Faches Slavistik darstellt, sondern auch, dass sie dieses mit benachbarten Disziplinen, zumal mit der indogermanistischen Sprachwissenschaft, der Byzantinistik, der Geschichtswissenschaft, der Theologie und der Computerphilologie, zu verbinden vermag. Innerhalb der Slavistik selbst kommt der Paläoslavistik eine zentrale Rolle zu, da sie Material für die Teildisziplinen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft liefert und aufarbeitet, indem sie ältere Sprachzustände erforscht, literarische Quellen editorisch aufbereitet und historische Entwicklungen nachzeichnet.

Einige der in diesem Band enthaltenen Artikel beruhen auf Vorträgen, die am 12. Altslavistentreffen gehalten wurden. Die Themen der einzelnen Untersuchungen reichen zeitlich vom frühen Urslavischen bis an die Wende zur Neuzeit, räumlich von Osttirol bis in den Norden der Rus’, inhaltlich von historischer Phonologie über Quellenstudien bis zur Editorik. Darüber hinaus führen die Beiträge deutlich vor Augen, inwiefern die Erforschung des älteren Slavischen und historischer slavischer Texte für Nachbardisziplinen relevant ist. Dieter Stern schlägt die Brücke zur Indogermanistik, indem er die analogische Verbreitung ←7 | 8→der RUKI-Regel, eines Lautgesetzes des Slavischen, das eine Entsprechung nicht nur im Baltischen, sondern auch im Indoiranischen hat und deshalb sehr früh anzusetzen sein muss, untersucht. Emanuel Klotz beschäftigt sich anhand von Osttiroler Ortsnamen mit der Lautgeschichte des Slavischen und des Bairischen in diesem Kontaktgebiet und leistet dadurch von linguistischer Seite einen Beitrag zur Erforschung der Siedlungsgeschichte im ostalpinen Raum. Die erste Verschriftlichung des Slavischen durch Konstantin den Philosophen, den man als heiligen Kyrill kennt, war zweifellos ein bedeutender Wendepunkt in der Geschichte Europas. Thomas Daibers Artikel ist der wichtigsten Quelle dazu, der Vita des Heiligen, gewidmet, wobei er argumentiert, das Werk sei, obschon nur auf Slavisch überliefert, ursprünglich auf Griechisch verfasst worden. Tat’jana Popova behandelt ein zumal für die Entwicklung des östlichen Mönchtums enorm einflussreiches Werk, die Scala paradisi des Johannes Klimakos; sie bringt Argumente dafür, dessen ursprüngliche Übersetzung ins Slavische nicht bloß der Preslaver Schule als ganzer zuzuschreiben, sondern einem von deren führenden Vertretern, dem Exarchen Johannes, einem der größten hommes des lettres des Ersten Bulgarischen Reichs. Dagmar Christians Artikel ist ebenfalls für Kirchenhistoriker, aber auch für Byzantinisten relevant; sie befasst sich mit der Überlieferungsgeschichte des Kanons für den Patriarchen Tarasios, der bemerkenswerterweise umgearbeitet und für einen anderen als heilig verehrten Patriarchen, Methodios, verwendet wurde. Amber Ivanov behandelt ebenfalls einen umgearbeiteten Text, und zwar die Metaphrasis des Martyriums der Thekla, und ediert zudem deren slavische Übersetzung zusammen mit einem griechischen Vergleichstext. Jürgen Fuchsbauer schließlich untersucht die Entstehung und frühe handschriftliche Überlieferung der altrussischen Draculaerzählung, die von Relevanz für die Beurteilung des Werts dieses Werks als historische und literarische Quelle sind. In seiner Gesamtheit spiegelt dieser Band die Breite der gegenwärtigen paläoslavistischen Forschung wider.

Für die Organisation des 12. Altslavistentreffens wurden Mittel zur Verfügung gestellt von Prof. Dr. Alois Woldan (Vorstand des Instituts für Slawistik der Universität Wien), Prof. Dr. Melanie Malzahn (Dekanin ←8 | 9→der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien) sowie von der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (Projekt 06 / 15269). Um nichts weniger wichtig war die organisatorische Unterstützung durch Dr. Thomas Mikula und Victoria Reiter (Institut für Slawistik der Universität Wien).

Der Druck des vorliegenden Bandes wurde finanziell unterstützt durch Mittel der Universität Innsbruck, die von Prof. Dr. Ulrike Tanzer (Vizerektorin für Forschung), Prof. Dr. Andrea Zink (Vorstand des Instituts für Slawistik) und Prof. Dr. Sebastian Donat (Dekan der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät) zur Verfügung gestellt wurden. Hanna Niederkofler leistete Großes bei der Formatierung des Bandes. Prof. Dr. Georg Holzer (Institut für Slawistik der Universität Wien) hat freundlicherweise dessen Aufnahme in seine Reihe „Schriften über Sprachen und Texte“, die im Peter Lang Verlag erscheint, ermöglicht. Herr Michael Rücker betreute seitens des Verlags den Band in einer gleichermaßen kompetenten wie entgegenkommenden Weise. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

 

Innsbruck, im Dezember 2020

Jürgen Fuchsbauer Emanuel Klotz

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Dieter Stern (Gent)

UNGLEICHE KONKURRENZ – DIE RUKI-REGEL UND DIE ANALOGISCHE VERBREITUNG VON RUKI-X IM SLAVISCHEN

Abstract

The present paper is a review of the extant literature on the RUKI rule in Slavic and at the same time an attempt to provide an explanation for the seeming predominance of RUKI-x over s in analogical levelling. It is argued that the analogical spread of both s and x was subject to phonological restrictions that favoured a reinterpretation of the distribution of x and s along the lines of a postvocalic/-liquid vs. a postcon-sonantal allomorphic variant. It is further demonstrated that the process of analogical levelling occurred simultaneously to the RUKI rule in Slavic.

Dieter.Stern@UGent.be

1. EINLEITUNG

Als spezielle Regel des Slavischen wurde die RUKI-Regel erstmalig durch Holger Pedersen (1895) formuliert. Man sollte meinen, dass es über dieses Lautgesetz, das zum festen Bestand historischer Grammatiken des Urslavischen gehört, eigentlich nicht mehr viel zu sagen gebe, und doch kennt auch die an sich recht unstrittige Regel problematische Aspekte, die bis zum heutigen Tage noch keine abschließende Behandlung erfahren haben. Diese sollen im vorliegenden Beitrag gemeinsam behandelt werden, da sie möglicherweise enger zusammenhängen, als es zunächst scheinen mag. Es geht zum einen um die Frage nach der phonetischen Konsistenz des In- und Outputs der Regel, zum anderen um die oft nur am Rande erwähnte analogische paradigmatische Ausbreitung von RUKI-x in s-Domänen.

Die RUKI-Regel ist die einzige lautgesetzliche Quelle für originales slavisches x.1 Das Gros der übrigen Fälle von x im Slavischen scheint ←11 | 12→auf Entlehnungen zu entfallen. In nicht wenigen Fällen ist die Etymologie der slavischen Wörter mit x eher unsicher. Die Regel besagt in ihrer klassischen Formulierung, dass jedes ursprüngliche idg. s, das unmittelbar einem i, u, r oder k folgt und dem seinerseits wiederum ein Vokal folgt, sich in einen velaren Frikativ x verwandelt:

Dieses neue x sei dann in der Folge vor vorderem Vokal nach den Bedingungen der 1. Palatalisation zu š geworden (Pedersen 1985, 33). Pedersen selbst wies allerdings auch bereits darauf hin, dass slavisches x seinerseits nicht unmittelbar aus x hervorgegangen, sondern eine Zwischenstufe s > š > x anzunehmen sei (Pedersen 1895, 74). Da er aber im übrigen an der Wirkung der 1. Palatalisation auf RUKI-x festzuhalten scheint, wäre von einer Abfolge s > š > x > š auszugehen. In neuerlichen Handbüchern zur historischen Grammatik des Slavischen scheint obige Formel im Begriff, durch eine alternative Formel ersetzt zu werden, die den slavischen Lautwandel deutlicher in den weiteren Kontext ähnlicher Veränderungen im Baltischen und Indoiranischen rückt und zugleich die Rückverwandlung von x in š überflüssig macht.2 So lesen wir bei Lunt: “Baltic and Slavic reflect an innovation that is shared by Indo-Aryan and Iranian: s after r, k, i or u became dorsal š” (72001, 191).3 Die Spezifizierung des Lautwandelprodukts als š statt x trägt den Verhältnissen im Baltischen und Indoiranischen Rechnung, wiewohl im Indoarischen retroflexes und nicht dorsales š vorliegt. Hinzu kommt, dass ein unmittelbarer Übergang von s > x phonetisch wenig plausibel erscheint, so dass sich š als Zwischenstufe anbietet (Shevelov 1964, 127). Die RUKI-Regel wird damit vom slavischen, zu einem vorslavischen Lautgesetz, für das denn auch sinnvollerweise ein einheitliches Resultat angesetzt werden sollte. Die abweichenden Realisierungen ←12 | 13→slav. x und indoarisch wären dann spätere einzelsprachliche Weiter-entwicklungen. Entsprechend muss man für das Slavische nun zwei Schritte hin zum x ansetzen.4 Zunächst habe sich in voreinzelsprachlicher Zeit ein Übergang von s > š ereignet, und erst zu einem späteren Zeitpunkt habe dieses š im Slavischen eine weitere Verschiebung zu x mitgemacht, allerdings unter der einschränkenden Bedingung, dass ein hinterer Vokal folgt.5 Vor vorderem Vokal sei hingegen š unverändert bewahrt geblieben. Nach dieser Interpretation hätten Fälle von slav. š, die traditionell als Folge der 1. Palatalisation gesehen werden, gar nichts mit dieser zu tun.6 Für die historische Rekonstruktion des Urslavischen und seiner Etyma hat die Reformulierung keine weiterreichenden Folgen. Unsere eigenen Erwägungen zum möglichen Ablauf der analogischen Ausbreitung von RUKI-x setzt allerdings eine Wirksamkeit der phonetischen Rahmenbedingungen, die der RUKI-Regel zugrunde liegen, bis in die urslavische Phase hinein voraus. Dies schließt eine voreinzelsprachliche Datierung des Beginns der RUKI-Regel zwar nicht unbedingt aus, doch sollte der zeitliche Abstand zwischen Aufkommen der Regel und ihrem Ausklingen in frühurslavischer Zeit verständlicherweise nicht zu weit auseinanderliegen. Dass die phonetischen Rahmenbedingungen im Slavischen weiter fortwirkten, wird nicht zuletzt auch durch den weiteren Schritt von š > x nahegelegt. Wo-rin nun genau diese Rahmenbedingungen bestanden, soll im folgenden Abschnitt erörtert werden.

2. DIE PHONETISCHE MOTIVATION DER RUKI-REGEL

Der Form nach sieht die RUKI-Regel nicht anders aus als andere Fälle kombinatorischen Lautwandels. Doch wo bei den gängigen Fällen in der Regel eine assimilative oder dissimilative Veränderung eines distinktiven Merkmals eindeutig als Ursache des Lautwandelvorgangs benannt ←13 | 14→ werden kann, sieht man sich bei der RUKI-Regel vor dem Problem, dass weder die bedingenden Laute unter sich, noch der durch die RUKI-Veränderung bedingte Laut mit jenen eine natürliche Klasse bilden, innerhalb derer sich ein gemeinsames Merkmal als Bedingung des kombinatorischen Lautwandels indentifizieren ließe (Entwistle 1944, 33-4). Diese Merkwürdigkeit der RUKI-Regel wurde lange Zeit nicht einmal zur Kenntnis genommen. Eine Ausnahme macht nur William Dwight Whitney, der den entsprechenden Effekt der beiden Vokale i und u für selbstverständlich hält, für k und r aber eine zurückgezogene Artikulation vermutet (“a somewhat retracted position of the tongue” 1989 [1889], 61, § 180a). Auf Grundlage der artikulatorischen Phonetik lässt sich in der Tat kein einziges Merkmal benennen, das i, u, r, k sowie š, resp. x gemein haben. Townsend & Janda (1996, 43) nennen die RUKI-Regel entsprechend “a very odd sort of change”, da sie nicht den üblichen Rahmenbedingungen kombinatorischen Lautwandels entsprechen will.7 Es wurden verschiedene Versuche unternommen, doch noch eine Gemeinsamkeit hinter der Heterogenität des Inputs herauszuarbeiten, von denen wir diejenigen herausgreifen, die das Trajekt, dass die Diskussion über die Jahre durchlaufen hat, u.E. am besten exemplifizieren.8

George Shevelov (1964, 128) sah eine Lösung des Problems darin, die RUKI-Regel für das Slavische in zwei getrennte Vorgänge auseinander zu dividieren, die nur im Nachhinein den Eindruck eines einheitlichen Vorgangs erweckten. So habe der Übergang von ks > kx > x nichts mit dem Wandel zu tun, den s nach i, u, r erfuhr.9 Eine wirkliche Lösung des Problems bietet Shevelovs Vorschlag allerdings nicht. So läßt sich zwar der Übergang von ks > kx nun recht einfach als progressive Assimilation an das Merkmal [+velar] erklären, aber für die drei ←14 | 15→übrigen Laute bleibt die Frage nach der Klassenzugehörigkeit nach wie vor ohne Antwort. Hier behilft sich Shevelov mit dem vagen Hinweis, dass i, u, r ein ‘raising’ von s bewirkt hätten, ohne zu spezifizieren, warum nun gerade diese Laute einen solchen Effekt gehabt haben sollten.

Henning Andersen (1968, 174-6) beschritt einen anderen Weg, und entdeckt in dem RUKI-Geschehen einen Vorgang, den er als Markiertheitsassimilation erklärt. So ginge es nicht um die Assimilation, resp. Übertragung konkreter phonetischer Merkmale, sondern vielmehr um den relativen Status der betroffenen Laute auf einer Markiertheitshierarchie. So seien i, u innerhalb der Klasse der Vokale markiert durch das akustische Merkmal diffuse, k hinwiederum sei innerhalb der Klasse der Konsonanten als compact besonders hervorgehoben, und auch für r identifiziert Andersen ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb seiner Klasse. Da nun alle diese Laute innerhalb ihrer jeweiligen Klasse markiert seien, können (oder müssen?) auch Laute in ihrer Nachbarschaft, so diese unmarkiert sind, wie eben s, sich an deren Markiertheit assimilieren. Warum andere unmarkierte Laute in der Umgebung der fraglichen markierten Laute nicht demselben Effekt unterliegen, bleibt dabei offen. Andersen bemüht sich, seiner Idee der Markiertheitsassimilation Gewicht zu verleihen, indem er andere Fälle einer entsprechenden Assimilation anführt, die sich nur leider allesamt auch als einfache Fälle artikulatorischer Merkmalassimilation lesen lassen.

Da die artikulatorische Phonetik keinen Ausweg in der Frage bot, wandte man sich auf der Suche nach einer Antwort der akustischen Phonetik zu. Zwicky (1970) versuchte die Gruppe r, u, k, i als akustische natürliche Klasse mit den Merkmalen [–anterior, –low] zu bestimmen, schien aber selbst nicht recht überzeugt davon.10 Auch Theo Vennemans (1974) Vorstoß, r, u, k, i als ‘relative acoustic natural class’ zu bestimmen, mutet zunächst wenig überzeugend an, wiewohl er sich im Nachhinein als ein Schritt in die richtige Richtung erweisen sollte. Wie Andersen zuvor, will auch er zugleich theoretisches Neuland betreten, indem er sich dem RUKI-Problem mit dem von ihm eigens ausgearbeiteten ←15 | 16→ Konzept der ‘relativen natürlichen Klasse’ annähert. Er um-schreibt sein Konzept als jede Gruppe von Lauten, die eine natürliche Klasse bilden “by virtue of their effect on [their] environment” (1974, 93). Mit anderen Worten: Die Laute r, u, k, i bilden eine relative natürliche Klasse allein durch den Umstand, dass sie dieselbe Wirkung auf s entfalten, der da wäre ‘lowering the frequencies of the energy concentration in a following s’ (Venneman 1974, 93). Dies sieht nun nach einer klassichen Tautologie aus. Das explanandum tritt an die Stelle des explanans: die Laute r, u, k, i verändern s, weil es nun einmal Laute sind, die s verändern.

In neuerer Zeit hat jedoch Linda Longerich (1998) zeigen können, dass uns Vennemans Idee vielleicht doch mehr als eine Tautologie anbietet. In einer eingehenden akustischen Analyse hat sie die messbaren Wirkungen von r, u, k, i auf ein unmittelbar folgendes s ermittelt. Es gelang ihr nachzuweisen, dass, so wie durch Venneman vermutet, die vier Laute tatsächlich eine energetische Spitze im niederen Spektrum herbeiführen (> 3500 Hz), also genau jenem Frequenzbereich, der das energetische Zentrum des Lauts š bildet. Die näheren Ursachen für diese Wirkung sind aber für i, u andere als für k, und r entfaltet diese Wirkung einzig bei Vorliegen einer retroflexen Artikulation. So bilden also die RUKI-Laute akustisch gesehen keine eigentliche natürliche Klasse, doch ähneln sie sich in ihrer Wirkung auf ein nachfolgendes s. Allerdings haben die von Longerich beschriebenen akustischen Effekte eine universelle Gültigkeit, wie man dies von einem physikalischen Effekt ja auch nicht anders erwarten sollte. In jeder Sprache wird, jedes Mal dass ein (r) , u, k, i vor s ausgesprochen wird, das s eine Energiespitze im fraglichen Frenquenzbereich zeigen, und doch haben nicht alle Sprachen eine RUKI-Regel. Es besteht nun einmal ein signifikanter Unterschied zwischen kleinen permanenten Wechselwirkungen in Folge de Trägheit des Artikulationsprozesses, die von den Sprechern in der Regel nicht einmal wahrgenommen werden, und manifesten, für jedermann hörbaren Lautwandeln. Ungeachtet des leichten Energieanstiegs im unteren Bereich bleibt das s doch ein s mit einer besonders hohen Energiekonzentration im Bereich zwischen 4400 und 8000 Hz. Der akustische Effekt alleine scheint als Erklärung somit nicht hinreichend. Longerich bringt daher den interpretierenden Sprecher ins Spiel, dem sich durch den akustischen Effekt zwei Optionen der Interpretation von ←16 | 17→s nach (r), i, u, k anbieten: (1) als s so wie alle übrigen s in allen übrigen Kontexten, oder (2) als eine von den übrigen Fällen abweichende Variante von s. In Fall (1) bleibt der hohe Frequenzbereich maßgeblich für die perzeptive Lautidentifikation und wird entsprechend in der Lautproduktion hervorgehoben. In Fall (2) verschiebt sich der Fokus der Lautidentifikation auf den niedrigeren Frenquenzbereich, so dass in der Lautproduktion dieser Bereich auf Kosten des hohen Frequenzbereichs deutlicher herausgearbeitet wird. Lautwandel wird hier ansprechend als Wechselwirkung von universellen akustischen Effekten und kontingenten Sprecherentscheidungen modelliert. Die Frage bleibt jedoch auch hier, warum wir den RUKI-Effekt dann nicht öfter sehen. Überdies greift das Modell für r nur unter der Bedingung einer besonderen, retroflexen Artikulation. Beide Bedenken lassen sich miteinander in Einklang bringen durch die Vermutung einer zeitweiligen besonderen Koartikulation, die sich auf alle vier RUKI-Laute erstreckte, und eben nicht nur auf r. Die besondere Koartikulation wäre dann die Bedingung, die die Reinterpretation des nun unter dem verstärkenden akustischen Effekt der Koartikulation deutlicher veränderten s nahezu unausweichlich machte und zugleich alle vier Laute über das koartikulative Merkmal in einer klassischen artikulatorischen natürlichen Klasse vereinigte.

In diesem Sinne hat Charles Prescott (2011) die Vermutung geäußert, dass sich die Laute r, u, k, i auf dem Wege vom Indogermanischen zum Urslavischen in einer ausgedehnteren Dialektzone ein koartikulatives Merkmal zuzogen, dass er als retracted tongue root (RTR) identifiziert. RTR hat sehr markante Auswirkungen auf die Artikulation. Für die Vokale i und u darf Zentralisierung und im Falle von u möglicherweise auch Entrundung vermutet werden. Für r ist die wahrscheinliche Folge eine deutliche retroflexe Artikulation, so wie sie ja bereits durch Whitney und später Longerich für das RUKI-r vermutet wurde.11 Für k darf eine eher uvulare Artikulation in Richtung q angenommen werden. RTR scheint überdies auch deutlich hörbare Wirkungen auf benachbarte Laute zu haben. Die Übertragung des Merkmals RTR auf ein unmittelbar nachfolgendes s könnte eine retroflexe Aussprache des s als geradezu erzwungen haben. Ein unmittelbarer Übergang s > x scheint hingegen unter dem Einfluss von RTR weniger wahrscheinlich, sodass ←17 | 18→Prescotts Hypothese die Annahme einer Zwischenstufe s > š > x für das Slavische stützt.

Auch Prescotts Hypothese, die sich im übrigen kaum je unwiderleg>bar beweisen lassen wird, wirft Fragen auf. Warum zogen sich nur die vier RUKI-Laute und keine anderen RTR zu? Die Frage nach der Gemeinsamkeit von r, u, k, i ist durch Prescotts Ansatz eigentlich nur verschoben, und nicht wirklich aufgehoben. Eine zweite Frage ist, warum nur s und keine anderen Laute in RTR-Nachbarschaft einem Lautwandel unterliegt. Für Labiale fällt die Antwort leicht, da sie nicht mit der Zunge artikuliert werden. Die Velare gehören ohnehin zum input der RUKI-Regel. Es verbleiben also Dentale und die idg. Palatale. Für die Palatale muss ich eine Antwort schuldig bleiben, aber für die übrigen Dentale – außer s sind dies t, d, n – kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch sie, ebenso wie im übrigen im Indoarischen, retro-fligiert wurden, nur dass die Lautveränderung hier keine bleibenden Folgen hinterließ, und die ursprüngliche Artikulation zu einem späteren Zeitpunkt wiederhergestellt wurde.12

3. DIE PHONOLOGISIERUNG DES S-ALLOPHONS X IM SLAVISCHEN

Als Ergebnis eines kombinatorischen Lautwandels blieb der neue Laut š, resp. x im Slavischen zunächst als allophonische Variante an s, mit dem es sich in komplementärer Distribution befand, gebunden.13 Die Verselbständigung gegenüber s kann aber als eine wo nicht notwendige, ←18 | 19→so doch begünstigende Voraussetzung zur dauerhaften Verankerung des neuen Lauts im Lautrepertoire des Slavischen gesehen werden. Möglich wurde die Phonologisierung des x durch spätere Lautgesetze, die die einstigen RUKI-Kontexte überlagerten und den Bereich der möglichen Umgebungen für x, aber auch für s erweiterten, so dass beide Laute nunmehr in freie, bedeutungsunterscheidende Konkurrenz zueinander treten konnten. Der vermutlich erste Schritt in diese Richtung ist die Reduktion der Gruppe ks > kx > x, wodurch x nunmehr in beliebigen vokalischen Umgebungen, also auch nach Urslavisch a, ā, e, ē auftreten konnte. Einen vergleichbaren Effekt hatte die allerdings deutlich spätere Liquidametathese, durch die die Anzahl von x nach a(o), e(ě) nochmals deutlich erhöht wurde. Aus Gründen, die es noch näher zu erläutern gilt, gehen wir davon aus, dass die Reduktion kxV > xV (nebst ksC > sC) unabhängig von und vermutlich noch vor der allgemeinen Clusterreduktion stattfand. Die Satemisierung, also der vermutlich erst in urslavische Zeit datierende Übergang des idg. Palatals k’ > s ließ ein neues s entstehen, dass wie das Minipaalpaar pisati vs. pixati zeigt, nicht auf RUKI reagierte, da der RUKI-Wandel zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr wirkte, und damit s in RUKI-Umgebungen möglich machte.14 Mit diesen beiden frühen Schritten waren die ←19 | 20→wesentlichen Voraussetzungen zur Phonologisierung bereits erfüllt, da x nun in s-Umgebungen und s in x-Umgebungen vorkommen konnte. Die Phonologisierung ist auch die Voraussetzung der paradigmatischanalogischen Ausbreitung von x, wie wir sie bei verschiedenen Flexionsformen konsequent umgesetzt sehen. Zugleich wird die sichtbare Phonologisierung durch die analogische Ausbreitung noch weiter vorangetrieben. Doch geben gewisse Asymmetrien der analogischen Ausbreitung Grund zu der Annahme, dass sie nicht unter den Bedingungen einer vollständigen, sondern einer nur partiellen Phonologisierung stattfand. Die analogische Ausbreitung von x findet zwar regelmäßige Erwähnung in einschlägigen Handbüchern, doch wurde sie meines Wissens bisher nur durch Henning Andersen (1968, 176-180) eines eingehenderen Blickes gewürdigt. Im folgenden wollen wir den Gang der analogischen Ausbreitung von x nochmals in seinen wesentlichen Zügen nachzeichnen, um am Ende ein von Andersen abweichendes Szenario vorstellen zu können.

3.1. Phonologisierung durch grammatische Analogie

Von der analogischen Ausbreitung von x sind drei grammatische Morpheme betroffen: (1) das präteritale Tempuszeichen * -s-, das uns im Aorist, aber auch im Imperfekt begegnet; (2) der Ausgang des Lokativ pl. - ; (3) der Ausgang der 2. Person sg. des Präsens -ši. Alle drei Morpheme enthalten ein idg. s, dass in Abhängigkeit vom Stammausgang, an den es trat, der RUKI-Regel unterlag und entsprechend zu x, resp. š(ṣ) mutierte. Die RUKI-Regel erzeugte also nicht nur Allophone, sondern zugleich auch Allomorphe. Am Beginn dürften *- s- vs. *- x- beim Aorist, * -su vs. * -xu im Lokativ, sowie * -sei vs. *- xei bei der 2. sg. prs. nach den Maßgaben der komplementären phonetischen Distribution, wie sie durch die RUKI-Regel herbeigeführt wurde, nebeneinander gestanden haben. In der weiteren Folge sehen wir allerdings analogische Ausgleichsbewegungen, die bei allen drei Morphemen dieselbe Richtung einschlagen, – ein deutlicher Hinweis, dass wir es mit einem simultanen Vorgang zu tun haben.

(1) Die Analogie beim Aorist vollzieht sich nicht innerhalb des Aoristparadigmas selbst, sondern zwischen stammbildungsabhängigen allomorphischen Varianten. Dabei scheint sich zwischen den verschiedenen ←20 | 21→Aoriststammbildungen allenthalben das Allomorph x durchzusetzen, wo dies phonotatkisch möglich ist, also ausschließlich in prävokalischen Umgebungen. Präkonsonantische Umgebungen scheinen einen Schutzraum für das ursprünglichere Allomorph -s- zu bieten (siehe allerdings unten). Numerisch gesehen ist dabei die Ausgangsbasis für x gar nicht einmal besonders stark. Es erfasst die kleine Gruppe von Verben, bei denen das Tempuszeichen im Aorist unmittelbar an den Stamm tritt, der auf i, u, r oder k ausgeht, – wobei einzelne Verben wie byti oder rešti sich allerdings durch eine hohe Textfrequenz auszeichnen – sowie die ungleich größere Gruppe der Verba mit dem Stammausgang - i (Leskiens Klasse IV). Den Weg für die analogische Ausbreitung des x bereiteten dabei wohl die Verben auf -k, resp. -g (rek- ‘sagen’, tek- ‘laufen’, sěk- ‘hacken’, žeg- ‘brennen’), indem sie durch einen anzunehmenden frühen Schwund des k das neue x auch außerhalb von RUKI-Kontexten ermöglichten. Angelpunkt für die analogische Übertragung dürfte die äußerliche Parallelität zwischen den lautgesetzlich veränderten Verba auf -k und den Verba auf , resp. gewesen sein. Dies gilt allerdings nicht für die 2./3. sg., wo die ursprünglichen Formen, die durch die Verba auf -i und -u gedeckt waren, beibehalten wurden:

An diesem Schema richten sich alle Verba, die auf Vokal ausgehen und keine RUKI-Bedingungen aufweisen, aus:

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Die analogische Ausbreitung der x-Formen erfasste jedoch längst nicht alle Aoristbildungen, wie regelmäßige Reliktformen im Altkirchenslavischen nahelegen. Ursprüngliches s scheint demnach regelmäßig in Verben bewahrt, wo das Tempuszeichen s unmittelbar auf einen Konsonanten folgte15 (ausgenommen, natürlich, Velar oder r):

Diese Bildungen sind im AKSL rezessiv und werden durch Bildungen mit x/š, wie etwa 1. sg. jęxъ oder 3. pl. jęšę, oder durch Formen des um einen Stammvokal erweiterten neuen Aorists ersetzt, wie in pogrěbošę für pogrěsę. Shevelov (1964, 132) beurteilte den analogischen Ausbrei-tungsprozess von x-Elementen beim Aorist denn auch als langwierige Entwicklung, die selbst zum Ende des Gemeinslavischen noch nicht zu ihrem Abschluss gekommen war. Die fraglichen Reliktformen gelten ihm als untrügerisches Zeichen, dass der analogische Prozess zu Zeiten des Altkirchenslavischen noch im vollen Gange war. Doch ist eine andere, letztlich exaktere Interpretation des Prozesses als zwei voneinander unabhängige Vorgänge von erheblicher zeitlicher Differenz möglich.

Wir gehen von einer ersten analogischen Ausbreitungswelle von x-auf Kosten von s- Varianten aus, die sich aufgrund phonotaktischer Restriktionen zunächst nicht auf alle Aoristbildungen erstrecken konnte. Dabei vermuten wir, dass unmittelbar vorausgehende Konsonanten ←22 | 23→die analogische Ausbreitung von x- Varianten blockierte, sodass der freie Wettbewerb zwischen x und s zunächst auf postvokalische Kontexte begrenzt blieb. Das x-Allomorph konnte sich also zunächst nur bei den allerdings recht zahlreichen Verbstämmen auf -a- und -ě- ausbreiten. In diesen Kontexten war der Erfolg der x-Variante durchschlagend und kannte keinerlei Ausnahmen. In postkonsonantischen Umgebungen dürfte sich jedoch in dieser ersten Welle kein x eingeschlichen haben. Bildungen wie die 1. sg. jęxъ, die 3. pl. jęšę oder die 3. pl. pogrěbošę gehen unseres Erachtens erst aus einer zweiten, sehr viel rezenteren Ausgleichsbewegung hervor, die in altkirchenslavischer Zeit gerade erst in Gang gekommen zu sein scheint, und die mit der ursprünglichen Analogie, wie wir sie bei znaxъ sehen, gar nichts zu tun hat. Wenn wir allerdings annehmen, dass vorausgehende Konsonanten die Ausbreitung von x verhinderten, dann ergibt sich hieraus eine deutliche relativ-chronologische Implikation. Die erste analogische Ausgleichsbewegung musste bereits zu einem Zeitpunkt abgeschlossen sein, als die fraglichen Konsonanten noch nicht im Zuge der Öffnung der Silben getilgt waren, mithin also noch in urslavischer Zeit (siehe auch Andersen 1968, 179). RUKI-k hingegen war zum Zeitpunkt, als die anderen Konsonantengruppen noch vorhanden waren und einen Schutzraum für s boten, bereits geschwunden. Anders hätte die analogische Ausbreitung gar nicht erst in Gang geraten können. Wir legen folgende relative Chronologie zugrunde: (i) kx > x, (ii) analogische Ausbreitung von x, (iii) Cs > s (ts > s, ps > s, …).16

←23 | 24→

Auch im Imperfekt, das vom slavischen s-Aorist abgeleitet ist, findet sich das analogische x, wiewohl innerhalb des Paradigmas aufgrund des dem Tempuszeichen -s- regelhaft vorangestellten Suffixkomplex - ěa- keinerlei RUKI-Kontexte entstehen konnten, die als Basis für eine analogische Verdrängung von vormaligen s-Formen hätten dienen können. Da die analogische Verdrängung also nicht innerhalb des Imperfektparadigmas selbst ihre Ursache haben kann, scheint die Annahme einer analogischen Fernwirkung über die Grenzen grammatischer Kategorien hinweg unumgänglich. Die äußere Ähnlichkeit von Imperfekt- und Aoristformen wie auch deren innerer Zusammenhang mag hierbei den Weg der analogischen Beeinflussung des Imperfekts durch den Aorist geebnet haben. Dabei konnte sich die x- Variante im Imperfekt mit noch größerer Konsequenz ausbreiten, da ihr anders als beim Aorist keine blockierenden Kontexte im Wege standen. Wo man nun die Möglichkeit einer analogischen Fernwirkung in Betracht zieht, stellt sich die Frage nach den Einzelheiten des Vorgangs. Dabei ist von zwei Konstellationen auszugehen: (1) man unterstellt, dass das Imperfekt eine deutlich spätere Derivation eines älteren s-Präteritums, das dem späteren Aorist entspricht, sei. Die Entstehung des Imperfekts fiele dabei in die Zeit nach RUKI und der analogischen Verbreitung von x. In diesem Fall wäre von einer schematischen Übertragung des bereits fertigen analogisch verbreiteten Aorist-Paradigmas auf das neue Imperfekt auszugehen. Man erhielte die selben Formen wie im Aorist jeweils mechanisch um das Suffix - ěa- erweitert. Die Verteilung der x- Varianten [ x, š] im Paradigma des Imperfekts läßt sogleich erkennen, dass eine direkte nachträgliche Übertragung des bereits fertigen Aorist-Schemas auf den Imperfekt ausgeschlossen werden kann. Bliebe Konstellation (2), in der das Imperfekt zur Zeit der analogischen Verbreitung von x schon voll ausgebildet wäre. In dieser Situation wäre davon auszugehen, dass die x-Varianten überall dort eingesetzt wurden, wo sie auch im Aorist allgemein und ausnahmslos vordrangen, nämlich in der Umgebung ←24 | 25→ nach nicht-hohem Vokal und vor Vokal, was für das Imperfekt mit seinem dem -s- vorangestellten Aspektzeichen - ěa- und dem folgenden Themavokal - o/e- bedeutete, dass die x-Varianten überall eingesetzt werden mußten:

Im Falle des Imperfekts drängt sich dabei im Unterschied zum Aorist der Gedanke, von einem Abschluss des Analogiegeschehens noch vor der Aufspaltung des RUKI-Allomorphs in x vs. š ausgehen zu müssen, schon förmlich auf. Es ist schwierig, wenn auch nicht unmöglich, sich eine rein analogische Substitution vorzustellen, die in exakter Imitation die Verhältnisse bereits abgeschlossener Lautgesetze reproduziert.

(2) Ähnlich wie mit dem Aorist verhält es sich auch mit der Endung des Lok. pl., der unter der RUKI-Regel eine Verschiebung von idg. * -su > GSL *- erfuhr. Auch hier ist es das RUKI-Allomorph, dass sich allgemein durchsetzt. Lautgesetztlich findet die Umsetzung von s > x zunächst bei den i-, u- und o-Stämmen statt. Bei letzteren tritt bekanntlich zwischen den Stammvokal -o- und die eigentliche Endung des Lok. pl. ein Element - i-. So erhalten wir aus * orb-o-i-su, * sūn-u-su, * gast-i-su Gemeinslavisch und auch Altkirchenslavisch rab-ě-chъ, syn-ъ-chъ, gost-ь-chъ. Von dort wird das Allomorph - xu analogisch auf die übrigen Stammklassen übertragen, namentlich auf die konsonantischen und die a- Stämme. So erhalten wir voda-chъ statt lautgesetzlich zu erwartendem *voda-sъ. Dabei scheint die Durchsetzung des x-Allomorphs im Lok. pl. noch weitaus konsequenter als beim Aorist. Das ältere s- Allomorph sehen wir im Altkirchenslavischen wie auch in allen modernen slavischen Einzelsprachen nur noch bei den Formen des Per-sonalpronomens der 1. und 2. Person nasъ und vasъ (< PSL * nās-su, * vās-su). Darüberhinaus sind aus Quellen des 11.-13. Jahrhunderts ←25 | 26→einige alttschechische Ortsnamen im Lokativ bewahrt, die eine Endung -s erkennen lassen. Es geht dabei durchweg um Ortsnamen auf - áne (Flajšhans 1926), wie etwa in der Stiftungsurkunde der Ordenskirche in Litoměřice (1055-60): Wlah dal gest Dolas zemu bogu ‘Wlach gab das Land in Dolane an Gott’, mit Dolas statt zu erwartendem * Dolánech.

Ein auffälliges Merkmal der betreffenden Lokativbildungen ist, dass der Ausgang -s unmittelbar an das Stammsuffix -n- angefügt ist. Zubatý bemerkte hierzu: “Diese bemerkenswerthen Formen sind auf dem baltoslavischen Gebiet die einzigen Ueberbleibsel von Casibus mit con-sonantischen Endungen, denen wirklich consonantische Stämme zugrunde liegen; sonst finden wir nur nach i- oder o-Stämmen (z. B. kamenьchъ, kameny) gebildete Formen” (1893, 498). Demnach wäre für Formen wie Dolas folgender lautgesetzlicher Werdegang anzunehmen: Urslavisch * j-ān-sŭ > * j-ēn-sŭ > Gemeinslavisch *-j-ę-sъ > Alttschechisch ’-á-s (Flajšhans 1926, 30). Auch hier sieht es danach aus, dass postkonsonantische Umgebungen die analogische Ausbreitung des RUKI-Allomorphs blockierten. Die vollständige Durchsetzung des RUKI-Allomorphs beim Lok. sg., den wir sonst allenthalben sehen, verdankt sich daher nur dem Umstand, dass die konsonantischen Stämme mit Ausnahme der n-stämmigen Ortsnamen in einem Reliktgebiet, aus dem später das Tschechische hervorging, bereits zu einem frühen Zeitpunkt mit den i-Stämmen verschmolzen. Der besonders archaische Charakter der alttschechischen Ortsangaben mit Ortsnamen auf -áne erweist sich im Übrigen zusätzlich auch darin, dass diese im Unterschied zu allen anderen Ortsangaben in den nämlichen alttschechischen Quellen stets mit präpositionslosem Lokativ konstruiert sind (Flajšhans 1926, 21).

(3) Auch die allgemeine Verbreitung der Endung für die 2. Person sg. prs. -ši verdankt sich der analogischen Ausbreitung eines RUKI-Allomorphs auf Kosten der ursprünglichen Endung -si. Ausgangspunkt sind hier die Verbalstämme auf -i, wo die Endung den lautgesetzlichen Erfordernissen entspricht: * madlei-sei > Urslavisch * madleixei > Gemeinslavisch * modliši (Aksl. moliši). Von dort fand das RUKI-Allomorph auf analogischem Wege Eingang in die übrigen Verbalstämme: * ĝnājesei > Gemeinslavisch * znaješi statt lautgesetzlichem ** znajesi. Einzig bei den athematischen Verben hat sich das ältere s-Allomorph erhalten: Aksl. věsi ‘du weißt’ (< Ursl. * vaid-sei), Aksl. dasi ‘du gibst’ ←26 | 27→(< Ursl. * dād-sei) und Aksl. jasi ‘du ißt’ (< Ursl. * ēd-sei). Hiervon ausgenommen ist allerdings GSL * jьmaši ‘du hast’. Die athematischen Stämme sind dann auch naturgemäß die einzigen, wo die Endung unmittelbar an die in der Regel konsonantisch auslautende Wurzel treten konnte, ohne dass ein Themavokal dazwischentreten musste. Es zeigt sich ein weiteres Mal, dass ein unmittelbar vorausgehender Konsonant die Ausbreitung des RUKI-Allomorphs effektiv verhinderte. Die einzige echte Ausnahme von der allgemeinen Verbreitung der x-Variante ist das hoch frequente, und damit für Ausgleichsbewegungen weniger anfällige jesi ‘du bist’, wo kein konsonantisches Ausbreitungshindernis bestand.

3.2. Phonologisierung mittels lexikalischer Analogie

Analogie ist in aller Regel ein morphologischer Prozess, der über den Ausgleich zwischen paradigmatischen Mustern gesteuert wird. Lautgesetzlich bedingte Allomorphie kann aber selbstredend auch Wurzelmorpheme erfassen, so dass auch hier mit Ausgleichsbewegungen gerechnet werden darf. Dies scheint auf das Verb xod-iti ‘gehen’ zuzutreffen. Es ist dies das einzige originär slavische Wort mit anlautendem # x-, wo sich keine metathetische Anlautgruppe idg. * sk- > ursl. * ks- plausibel machen lässt. Das slavische Wort schließt außerslavisch an eine Reihe von Etyma an, für die idg. * sod- anzusetzen ist: griechisch ὁδός ‘Weg’, sanskrit ā-sad- ‘sich nähern’, ut-sad- ‘weggehen’, aves-tisch apa-had- ‘weggehen’. Es wird landläufig vermutet, dass die Wurzel, wie das indoiranische Material nahelegt, vornehmlich in präfigierten Umgebungen Verwendung fand, so dass enstprechende Präfixe mit RUKI-Ausgängen als lautgesetzliche Quelle für einen RUKI-Allomorphen in Betracht kommen: * per-sad-, * prei-sad-, * au-sad- > gsl. * per-xod-iti, * pri-xod-iti, * u-xod-iti (Meillet 1916, 299; Shevelov 1964, 134; Gołąb 1973, 130).

Gegen diese etymologische Herleitung hat unlängst Bičovský (2008, 38-9) Einwände geltend gemacht.17 So weist er zunächst darauf hin, ←27 | 28→dass eine idg. Wurzel * sod- im Slavischen Winters Gesetz unterworfen sein müsste, sodass wir statt ursl. * sad- (gsl. *xod-) eigentlich ursl. **sād- (gsl. ** xad-) zu gewärtigen hätten. Doch wäre dies nicht die erste und einzige Ausnahme von Winters Gesetz. Überdies gelingt es Bičovský nicht, eine überzeugende etymologische Alternative anzubieten. Schwerer wiegt ein weiterer Einwand Bičovskýs. Er weist darauf hin, dass xod- die einzige Verbalwurzel wäre, die Spuren einer allomorphischen Konkurrenz im Anlaut aufweist, wiewohl es doch offensichtlich sehr viel mehr Verbalwurzeln mit initialem # s- gebe, wo man ähnliche Effekte erwarten dürfe. Es reicht hier gewiss nicht der Hinweis, dass die Richtung des analogischen Wettbewerbs im Grunde ja offen sei, und sich im Falle der anderen Wurzeln mit initialem # s- am Ende eben die s-Variante durchgesetzt hätte. Zunächst stimmt dies nicht zu den anderen Fällen, wo der analogische Ausgleich konsequent die x-Variante bevorzugt, und überdies bliebe die Frage des Ungleichgewichts zwischen einem einzigen Fall von verallgemeinertem x vs. zahlreichen Fällen von verallgemeinertem s. Eine Lösung des Problems deutet sich aber möglicherweise in dem bereits erwähnten Umstand an, dass * sod- als Verbalwurzel in erster Linie in präfigierten Umgebungen nachgewiesen werden kann und etwa im Indoiranischen überhaupt nicht als verbum simplex vorzukommen scheint. Hier ließe sich vermuten, dass das Wort auch im Slavischen anfänglich auf präfigierte Umgebungen beschränkt war und dass überdies Präfixe mit RUKI-Ausgängen überwogen haben mögen. Dies wird sich wohl nie effektiv nachweisen lassen, doch bietet es immerhin ein denkbares Szenario, das den besonderen Gang der Entwicklung hin zu xoditi plausibel erklären könnte. In Ermangelung einer besseren Etymologie scheint es einstweilen ohnehin geboten, an der etablierten Etymologie für xoditi festzuhalten, sodass sich die analogische Erfolgsgeschichte von x mit einem wieteren Fallbeispiel untermauern lässt. Man hätte dann von einer anfänglichen Konkurrenz zwischen den Wurzelallomorphen PSL -xad- vs. -sad- auszugehen, die sich unter den nämlichen Bedingungen wie in ←28 | 29→den bereits besprochenen Fällen vollzog und schließlich in der allgemeinen Durchsetzung der x-Variante ihren Abschluss fand. Wir vermuten, dass an diesem Wettbewerb kein verbum simplex beteiligt war, das die s-Variante als Referenzgröße hätte unterstützen können. Das Simplex xoditi halten wir für eine spätere Rückbildung.

4. WARUM IMMER X, UND STIMMT DAS DENN AUCH?

In der Gesamtschau der an sich unabhängigen und dennoch gleichförmigen Analogiebewegungen bei Aorist, Lok. pl., 2. sg. prs. sowie der Wurzel *- xod- drängt sich am Ende die Frage auf: Warum ist es immer x, das den Sieg im analogischen Wettbewerb davonträgt? Bereits George Shevelov (1964, 131) zeigte sich verwundert über dessen durchschlagenden Erfolg: “It is striking that in all the morphological categories where s and x occurred concurrently for a certain time and then one form was generalized, x was favored.” Mit Bezug auf die Wurzelallomorphen -sod- vs. -xod- vermutete Shevelov vorsichtig, dass der Erfolg des RUKI-Allomorphs schlicht eine Folge der absoluten Frequenz sein könne: “as prefixes are used in verbal forms, that is, where the x-forms more easily crowded out the s-forms” (1964, 134). Diese Vermutung hat einiges für sich und schließlich weisen ja auch unsere eigenen Erwägungen zur Wurzelalternante -sod-/ -xod- bereits in diese Richtung. Doch scheint sie auf den Aorist nicht ohne weiteres über-tragbar, wo die lautgesetzlichen RUKI-Varianten ungeachtet einzelner hochfrequenter Verben wie byti doch eher eine quantité negligible darstellen, zumal in Relation zu den konsonantischen Aoriststämmen, bei denen die Ausbreitung des x effektiv blockiert war. Derselbe Vorbehalt lässt sich auch für die Endung der 2. sg. prs. geltend machen, während für den Lok. pl. ein ungefähres numerisches Gleichgewicht vorliegen dürfte. Das Argument der größeren Häufigkeit der RUKI-Alternanten lässt sich außer bei xod/sod daher eher nicht geltend machen.

Aber selbst wenn sich eine erhöhte Frequenz der x-Varianten für alle Fälle wahrscheinlich machen ließe, entscheidet sich der Wettbewerb zwischen sprachlichen Alternanten nicht logisch und notwendig über die Zeichenhäufigkeit, wie die nicht wenigen Fälle dokumentieren, in denen zunächst marginalisierte Alternanten verlorenes Terrain wieder ←29 | 30→gutgemacht und sich schließlich sogar weit über ihren historischen Geltungsbereich haben ausdehnen können (Janda 1996). Grundsätzlich ist der Wettbewerb sprachlicher Alternanten frei, und die Richtung, die er einschlägt, liegt nicht im Vorhinein fest. Somit hätte sich durchaus in dem einen oder anderen Falle auch die s-Variante durchsetzen können. Es ist daher mit Faktoren zu rechnen, die den Wettbewerb verzerrten und ihm eine Vorzugsrichtung gaben. Nach dem bisher Dargelegten ist es aber ausgerechnet x, dass einer den Wettbewerb verzerrenden Beschränkung seiner analogischen Bewegungsfreiheit unterliegt, wo man dies in Anbetracht der Wettbewerbsresultate eher für s erwarten sollte. Wir vermuten daher, dass nicht allein die Bewegung von x, sondern auch die von s einschränkenden Bedingungen unterlag, und dass beide Bedingungen zusammengenommen ein Verteilungsmuster erzeugten, dass eine Reinterpretation des Distributionsmusters von x vs. s wo nicht erzwang, so doch nahe legte.

Doch ehe wir diesen Faktor identifizieren können, müssen zunächst einmal die Bedingungen benannt werden, die die analogische Verbreitung der zunächst in komplementärer Distribution gefangenen Allophone x und s überhaupt erst ermöglichten. Die komplementäre Distribution muss zumindest in Teilen aufgehoben sein, bevor eine analogische Bewegung einsetzen kann. Andersen (1968, 176) erkannte in der Satemisierung, durch die ein neues s aus idg. ƙ entstand, das auch in RUKI-Umgebungen auftreten konnte, den entscheidenden ersten Schritt, den analogischen Wettbewerb in die Wege zu leiten. Doch verschafft die Satemisierung zunächst nur dem s Freizügigkeit, während x, – auch wenn durch neues s in RUKI-Umgebungen die Umgebungsbedingungen für x im Verhältnis zu s verwaschen werden –, in seinen RUKI-Kontexten gefangen bliebe. Der Wettbewerbsvorteil liegt hier eindeutig auf Seiten der vormals allophonischen s-Alternante. Wie es unter diesen Bedingungen zu einem allgemeinen Siegeszug der x-Alternanten hätte kommen können, bliebe ein Rätsel. Andersen vermutet daher eine tiefenstrukturelle morphonologische Restrukturierung, der die x-Alternante generativ über die s-Alternante stellt: “as a consequence of the merger of * ƙ with s1 [i.e. originales idg. s — DS], s ~ x alternations were predictable from an underlying x, but not from an underlying s. In other words, in all such categories the basic morpheme shapes contained x” (Andersen 1968, 180). So wäre durch die Satemisierung ←30 | 31→ ein Oberflächen- x nicht mehr aus einem tiefenstrukturellen s vorhersagbar, da die Regel s > x |i, u ,r (k) _ nun nicht mehr uneingeschränkt gilt. Umgekehrt kann aber nach wie vor ein Oberflächen- s aus einem tiefenstrukturellen x anhand der Regel x > s |e, ē, a, ā, C _ generiert werden. Durch den Wechsel von einer tiefenstrukturellen Repräsentation des Phonems von [S] nach [X] seien die x- Allomorphe dann entsprechend als Basisformen an die Stelle der s-Allomorphe getreten. Entsprechend wurde überall x erzeugt, wo dies phonotaktisch möglich war. Wir hätten es also demnach nur dem äußeren Anschein der sprachlichen Oberfläche nach mit einer Konkurrenz zu tun, wo auf der Repräsentationsebene die Dominanz der x-Derivate dem systemischen Zwang einer veränderten Erzeugungsregelkonstellation unterlag. Hier stehen sich freie Reinterpretation der oberflächlichen Distributionsverhältnisse durch die Sprecher und die Alternativlosigkeit einer Spracherzeugungsmaschine unvereinbar gegenüber. Die allgemeine Durchsetzung von x-Alternanten ließe sich nach Andersen nur durch die Annahme einer sich unabhängig von unserer freien interpretativen Verarbeitung der sprachlichen Verhältnisse operierenden Regelmaschinerie begreifen. Die Durchsetzung der x-Alternanten wäre zugleich im Zirkelschluss Bestätigung der bisher unbewiesenen und womöglich auch unbeweisbaren generativen Tiefenstrukturen. Wo man ohne die Hilfsannahme von Tiefenstrukturen zu einer befriedigenden Antwort auf die uns interessierende Frage gelangen will, wird man bei Andersen nicht Halt machen können. Wir wollen denn auch im Folgenden ein Erklärungsmodell vorschlagen, dass ohne Tiefenstrukturen auskommt.

Wichtiger als die Satemisierung scheint mir zunächst der Übergang von ks > kx > x, der x wortinitial sowie in allen postvokalischen Kontexten möglich macht. Ich gehe dabei Shevelov (1964, 128) folgend davon aus, dass die Elision von k vor neuem x noch vor die allgemeine urslavische Reduktion von Konsonantenclustern nach den Maßgaben der steigenden Sonorität stattfand und mit diesem systematischen Vorgang späterer Zeit tatsächlich nichts zu tun hat.18 Die Vereinfachung ←31 | 32→von kx > x befreit x effektiv von den RUKI-Kontexten, doch bedeutet dies natürlich nicht, dass x auch wirklich in alle Umgebungen vordringen konnte. Unmittelbar vorausgehende Konsonanten (außer Liquiden) erwiesen sich als effektive Barriere. Somit erstreckte sich die gewonnene Freiheit zunächst nur auf postvokalische Umgebungen und nur hier vollzog sich denn auch die Erfolgsgeschichte von analogischem x. Sollte man mit Andersen allerdings davon ausgehen, dass s durch die Satemisierung bereits eine gleichrangige Bewegungsfreiheit erlangt hätte und nun seinerseits in RUKI-Kontexte hätte vordringen können, hätten wir eine ungleiche Konkurrenzsituation, in der s einerseits durch vorangehende Konsonanten vor analogischem x geschützt wäre, seinerseits aber in alle x-Domänen frei vordringen könnte. Die Dominanz der x-Alternanten wäre unter diesen Umständen tatsächlich rätselhaft, wo man keine Tiefenstrukturen aus dem Hut zaubern möchte.

Ich gehe daher davon aus, dass zu Zeiten der analogischen Verbreitung von x die Satemisierung noch nicht abgeschlossen war und dass überdies s sowieso noch nicht in RUKI-Umgebungen vordringen konnte, da die RUKI-Regel noch wirksam war und jedes s sogleich in x (oder doch wohl eher š) umgewandelt worden wäre. Die analogische Ausbreitung von x im s-Aorist, bei der 2. sg. prs., im Lok. pl., und bei xod-iti hätte sich unserer Auffassung nach also in etwa zeitgleich mit der RUKI-Regel vollzogen. Die Satemisierung ist demgegenüber ein späteres Ereignis, das in einen Zeitraum fällt, als die RUKI-Regel bereits ihre Wirksamkeit verloren hatte, sodass * peiƙ- > * peis- > pis- ‘schreiben’ möglich wurde.

Unter dieser Annahme sind sowohl x als auch s mit einem Handicap für die analogische Ausbreitung versehen. Der Raum für den analogischen Wettbewerb wird damit effektiv auf die Umgebung nach den protoslavischen Vokalen a, ā, e, ē, (=GSL o, a, e, ě) eingeschränkt. ←32 | 33→Durch die Entwicklung von ks > x war hinter diesen Vokalen ein Raum entstanden in dem weder s noch x phonetisch oder anderweitig vorhersagbar waren und in denen sich anfänglich ein regelloses Nebeneinander von Formen mit x neben solchen mit s als historisches Residuum manifestierte: * rěxъ, *těxъ, *sěxъ, *žěxъ (später * žaxъ) (< * reks-, *teks-, *seks-, *žegs-) vs. *viděsъ, *vъzьrěsъ, * znasъ usw. In allen übrigen Kontexten gab es demgegenüber keine freien, unvorhersagbaren Alternanten und damit auch keine Veranlassung zum analogischen Ausgleich, denn weder konnte ein x hinter ein C treten, noch ein s hinter i, u, r, — k war ja als möglicher Kontext gänzlich weggefallen. Da eine Uniformierung durch vollständige Rückdrängung einer der beiden Alternanten wegen der bestehenden phonetischen Schutzräume ausgeschlossen war, bot sich nur eine regulierende Anordnung der frei flot-tierenden Allomorphe durch eine Reinterpretation an, die den vorhandenen phonetischen Schutzräumen Rechnung trug. Die bestehende Regellosigkeit der Verteilung von x und s nach nicht geschlossenen Vokalen galt es in eine neue Regelmäßigkeit zu überführen. Die jeweiligen Restriktionen für x (nach r, u, i) und s (nach C) suggerierten eine einfache Redistributionsregel, derzufolge s als postkonsonantische Alternante von allgemein postvokalischem und überdies postliquidem x aufgefasst wurde. Dementsprechend wurde x die bevorzugte Variante nach allen Vokalen und Liquiden. Es drang somit analogisch bei *viděsъ, *vъzьrěsъ, * znasъ > *viděxъ, *vъzьrěxъ, * znaxъ, aber auch nach der Liquida l vor: cf. aksl. mlěchъ, klachъ < gsl. * melchъ, * kolchъ < ursl. * melsu, * kolsu (zu mlěti ‘mahlen’, klati ‘schlachten’; Andersen 1968, 180). Die hier vorgestellte Reinterpretation der Verteilungsregel für x und s vermag alle Fälle von s, in denen analogische Verdrängung durch x stattfand, vorauszusagen, und kommt dabei ganz ohne ominöse Geschehnisse unter der wahrnehmbaren Sprachoberfläche aus.

Für die Endung der 2. sg. prs. könnte indes tatsächlich das numerische Übergewicht der x-Alternanten ins Gewicht fallen, da eine sehr große Gruppe von thematischen Verben auf -i einer sehr kleinen Gruppe athematischer Verben, bei denen allein sich die alte s- Form behaupten konnte, gegenübersteht. Doch gilt auch hier, dass die Reinterpretation der Verteilungsregel für x vs. s den entscheidenden Impuls für die analogische Ausbreitung von x gegeben haben dürfte.

←33 |
 34→

Anders stellt sich die Erfolgsgeschichte von x allerdings beim Lokativus pluralis dar. Hier sind die alten Konsonantstämme – möglicherweise schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt – unter massiven Einfluss der i-Stämme geraten, so dass sich s tatsächlich nur in einigen sehr wenigen Reliktzonen behaupten konnte. Gerade beim Lokativus pluralis sehen wir eine sehr konsequente Übernahme der transparenten i-stämmigen Ausgänge, wo bei lautgesetzlicher Fortsetzung der konsonantischen Ausgänge in hohem Maße idiosynkratische Formen zu gewärtigen wären: ** dęsъ statt dьnьxъ, ** kamęsъ statt kamenьxъ, ** pečasъ statt pečatьxъ. Ob die konsonantischen Formen bereits vor dem analogischen Geschehen unter den Einfluss der i-Stämme geraten waren, oder erst infolge der späteren idiosynkratischen Entwicklung durch die transparenteren i-stämmigen Varianten ersetzt wurden, sei dahingestellt. So oder so, waren es am Ende nur die a-Stämme, bei denen sich x analogisch zu behaupten hatte.

5. SCHLUSS

Sofern die analogische Ausbreitung von RUKI-x simultan zur RUKI-Regel erfolgte, wäre dies ein Argument, die RUKI-Regel im Slavischen als eine vom Indoiranischen und Baltischen unabhängige, einzelsprachliche Entwicklung zu sehen. Die Zwischenstufe s > š > x wäre somit möglicherweise nicht mehr haltbar. Walter Porzig (1954, 164-5) wies bereits darauf hin, dass die Regel im Baltischen ohnehin nur bei r konsequent angewendet sei, und dass sie sich im Indoarischen auch bei ein-zelsprachlichem i, das den idg. Laryngal fortsetzt, sowie bei r < idg. l finde. Wiewohl dies alles auf eine einzelsprachliche Genese ähnlicher, aber am Ende doch unabhängiger RUKI-Regeln zu deuten scheint, besteht für Porzig selbst kein Zweifel an dem gemeinsamen, voreinzelsprachlichen Ursprung der Regel. Ihre unvollständige Umsetzung im Baltischen ließe sich immerhin als typische Erscheinungsform lautgesetzlicher Peripherien interpretieren, die die Einheit der RUKI-Regel ←34 | 35→letztlich nicht in Frage zu stellen vermag.19 Die indoiranischen Daten suggerieren hingegen eine relative Chronologie, die die RUKI-Regel nach den spezifisch indoiranischen Synkretismen von einerseits Schwa indogermanicum und kurzem i sowie andererseits von idg. r und l situ-iert. Für Shevelov (1964, 129) reicht dies als Nachweis dreier zwar ähnlicher, aber doch unabhängiger RUKI-Regeln, doch scheint mir dieser Schluss keineswegs zwingend. Denkbar wäre etwa ein Auftreten der RTR-Koartikulation – und damit der Beginn der RUKI-Regel – in voreinzelsprachlicher Zeit, die sich erst in einzelsprachlicher Zeit, und dann möglicherweise zu unterschiedlichen Zeitpunkten wieder verlor. Auf diesem Wege ergibt auch der vermutete Zwischenschritt über š für das Slavische Sinn. Aufgrund der längeren Bewahrung der RTR-Koartikulation im Slavischen konnte dort die RUKI-Regel weitergehende Effekte, wie eben die weitere Rückziehung des anfänglichen š (vielleicht auch retroflexes ) auf die velare Position von x vor Hintervokalen bewirken.

Folgt man diesem Szenario, so ergibt sich eine Datierung der analogischen Vorgänge in die Anfangsperiode des Urslavischen. Sie läge möglicherweise noch vor demjenigen Lautgesetz, dass in gewissem Sinne den eigentlichen Beginn der spezifisch slavischen Entwicklung einläutet, i.e. der 1. Palatalisation, wiewohl sich hierfür kein eindeutiger relativ-chronologischer Beweis erbringen lässt. Gehen wir von einer Zwischenstufe š aus, so lassen sich RUKI-Regel und 1. Palatalisation ohnehin nicht mehr relativ-chronologisch aufeinander beziehen. Aber auch, wo man auf dem Primat des x besteht, und die entsprechenden Formen mit š vor Vorvokal als sekundär durch die 1. Palatalisation bedingt sehen muss, ist die Annahme der analogischen Ausbreitung vor der 1. Palatalisation nicht zwingend, wiewohl ein Analogieprozess, bei dem sich ein Paradigma mit nur zwei Alternanten (x, s) statt dreien (x, š, s) gegenüber dem älteren Paradigma, das nur einförmiges s kannte, behaupten musste, besser mit der Reinterpretation der Distributionsverhältnisse, so wie wir sie als steuerndes Prinzip der analogischen Ausbreitung vorgestellt haben, harmoniert. Um dem Siegeszug der RUKI-Variante ←35 | 36→im analogischen Wettstreit eine noch höhere Plausibilität zu verleihen, sähe man sicherlich gerne, dass x nicht auf den Kontext vor Vokal beschränkt wäre. So scheint man hinnehmen zu müssen, dass ein einfaches Gesamtparadigma des Aorists mit einheitlichem s in allen Formen durch ein komplexeres Paradigma mit wechselnden Allomorphen analogisch verdrängt worden sein soll, – also ein Analogieprozess, der ein geradezu antianalogisches, da Komplexität erhöhendes Resultat herbeiführt. Hier lohnt es sich am Ende doch, der Annahme der Zwischenstufe s > š > x den Vorzug zu geben und für die Phase der analogischen Ausbreitung von š statt von x als RUKI-Variante auszugehen. Martinet (1951, 92-3) legt überzeugend dar, dass auch im Slavischen anfänglich s vor Konsonant der RUKI-Regel unterlag und zu š wurde, dass dieses š jedoch in der Folge durch Wechselwirkungen mit anderen Veränderungen (Satemisierung, Dissimilation von -tt-) in s rücküberführt worden sei. Seine phonetische Argumentation setzt allerdings primäres š statt x im Slavischen voraus. Nach Martinet hätte es zu Zeiten der RUKI-Regel tatsächlich nur eine enzige RUKI-Variante š gegeben, die sowohl prävokalisch als auch präkonsonantisch, mithin also in allen Positionen des Aoristparadigmas auftreten konnte. Wo man nun den skizzierten analogischen Prozess in die Zeit verlagert, als die einzige RUKI-Variante š sich durch das gesamte Aoristparadigma ausbreiten konnte, erhält man eine Situation, in der ein einfaches Paradigma mit s in allen Formen durch ein ebenso einfaches Paradigma mit š in allen Formen analogisch aus dem Feld gedrängt wurde. Damit wäre allerdings der fragliche Analogieprozess tatsächlich in einer sehr frühen Phase des Slavischen anzusetzen.

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1Frühere Versuche, slavisches x aus idg. * kh herzuleiten, sollen hier angesichts der zweifelhaften Stellung der tenues aspiratae im System der idg. Rekonstruktion nicht weiter erörtert werden; s. auch Meillet (1922, 84ff) und Gołąb (1973, 130). Weitere Fälle von affektivem x sind wohl original slavisch, aber eben nicht lautgesetzlich.

2Siehe Meillet (1922, 84ff), Martinet (1951), Martinet (1955, 237ff), Collinge (1985, 143), Poljakov (1995, 123).

3Cf. auch Schenker (1993, 65-66), Townsend & Janda (1996, 42-43). Kortlandt (2016, 356) zählt noch das Armenische und das Albanische hinzu.

4Cf. auch Schenker (1993, 65-66).

5So erstmalig in aller Deutlichkeit Martinet (1951, 93-4).

6Da nun nahezu alle Fälle von x > š vor Vordervokal nach der 1. Palatalisation einen RUKI-Hintergrund zu haben scheinen, böte sich hier sogar die Möglichkeit der Reformulierung der 1. Palatalisation. Dem steht aber u.a. das Lehnwort aksl. šlěmъ (aus german. * helma-) entgegen.

7Ähnlich auch Shevelov (1964, 127): “{…} it is unclear why exactly k, r, u, i, four sounds articulated quite differently and having quite different functions brought about the same mutation of s.”

8Für weitere Einzelheiten und Literatur zur Frage des heterogenen Inputs vgl. Collinge (1985, 142).

9Einen ähnlichen Vorschlag machte Zwicky (1970, 553-4) für das Sanskrit, indem er eine k-Regel einer von dieser unabhängigen Regel für r, u, i gegenüberstellt: “the two processes are different rules, not subrules of the same rule.” Cf. auch Allen (1954).

10Ähnlich bereits Martinet (1951, 91-2). Bičovský (2008, 23), der die Gruppe als “anterior closed oral phonemes” etikettiert, scheint der einzige, der Zwickys Ansatz aufgreift.

11Und ferner noch Bičovský (2006, 23-4).

12Die Annahme eines Vor- oder Protoslavischen retroflexen wie im Indoarischen ließe sich im Übrigen auch gut mit den tatsächlichen Gegebenheiten des Gemeinslavischen vereinbaren. Retroflexes , dessen Artikulationsstelle zwischen velarem x und postalveolarem š liegt, wäre der ideale Ausgangspunkt für einen split von (i) > š vor vorderem Vokal und (ii) > x vor hinterem Vokal.

13Um den Leser nicht durch den Anblick unorthodoxer Rekonstruktionsformen zu verwirren, haben wir uns entschieden, in der nun folgenden Darlegung der klassichen Formulierung der RUKI-Regel zu folgen, die x und nicht š als primäres Resultat der Regel sieht, wiewohl einiges für die Annahme von š als primäres Resultat spricht. Für den Gang der Argumentation ist es letztlich irre-levant, welche Form als primär angesetzt wird.

14Selbiges sehen wir auch im Iranischen (Avestischen), wo s < idg. ƙ nicht der RUKI-Regel unterliegt (Dishington 1974, 460). Matasović (2005, 149) vertritt entgegen landläufigen Auffassungen die Ansicht, dass die vollständige Satemisierung im Slavischen der RUKI-Regel vorausgegangen sei. Er stützt sich dabei auf gemeinslavisch * osь ‘Achse’ < idg. *aƙsi- und * des(ь)nъ ‘rechts’ < idg. deƙsino-, die bei zeitlich vorausgehender RUKI-Regel ** ašь und ** děšьnъ hätten ergeben müssen. Das Argument beruht letztlich auf der Gleichsetzung von idg. Velaren und Palatalen vor s im Baltoslavischen: da ein idg. Palatal ebenso wie ein idg. Velar RUKI bewirkt habe, sei anzunehmen, dass dieser bereits selbst zu s geworden sei, bevor sich die RUKI-Effekte bemerkbar machen konnten. Doch sind Palatale nun einmal keine Velare und haben daher entsprechend andere Wirkungen auf folgendes s. Anders als ein Velar verfügt ein Palatal nun einmal nicht über die von Longerich (1998) für Velare nachgewiesenen Energiespitzen im Niedrigfrequenzbereich und kann daher schlicht keinerlei RUKI-Wirkungen entfalten. Dass die Gruppe - ƙs- einen Sonderfall lautlicher Entwicklung darstellt, der nicht zur Beurteilung allgemeinerer Vorgänge herangezogen werden sollte, erhellt im Übrigen auch aus den Ausführungen bei Shevelov (1964, 141).

15Cf. Arumaa (1985, III, 304) und Lunt (2001, 104).

16Wir gehen auch davon aus, dass sich die x- Ausbreitung eher zu einem Zeitpunkt ereignete, als das RUKI-Allomorph noch nicht weiter in zwei Suballomorphe x vs. š aufgespalten war, da sonst ein einfacheres Paradigma mit nur s in einem mutmaßlich freien Wettbewerb durch ein komplexeres mit x + š (und letztlich auch + s) verdrängt worden wäre. Ausgeschlossen ist dies natürlich nicht, doch dürfte die Annahme, dass zur Zeit des analogischen Ausgleichs nur ein einziges RUKI-Allomorph vorlag, unsere Glaubensbereitschaft am Ende weniger in Anspruch nehmen, wiewohl auch dann immer noch ein uniformes s-Paradigma einem Paradigma mit zwei Allomorphen (x, s) gegenübergestanden hätte. Wo man sich dabei nun für die klassische RUKI-Formel entscheidet und von einem Paradigma ausgeht, dass nur x und s, nicht aber š als dritten Allomorph umfasst, würde man allerdings eine Datierung der ersten Analogiewelle vor die 1. Palatalisation, also vor den eigentlichen Beginn des Urslavischen annehmen müssen. Die Wahl der Reformulierung der RUKI-Regel mit š als Zwischenschritt hätte demgegenüber den Vorteil, keine relativ-chronologische Festlegung zu erzwingen. Dass sich am Ende überhaupt ein komplexeres gegen ein einfacheres Schema durchsetzen konnte, mag als Hinweis dienen, dass die Wettbe-werbsbedingungen weniger frei waren, als angenommen, und dass die analogische Ausbreitung von s auf Kosten von x seinerseits phonotaktischen Beschränkungen unterlag.

17Vgl. auch Bičovský (2013), wo zusätzlich der etymologische Verband zwischen xod-iti und suppletivem šьd- in Partizipia von iti ‘gehen’ in Abrede gestellt wird. Bičovský weist wohl zurecht auf die lautgesetzlich schwierige Differenz des Wurzelvokalismus zwischen beiden Formen, doch kann sein Ansatz einer Metanalyse * vys-jьdlъ > vy-sjьdlъ, die dann in der Folge analogisch verallgemeinert worden sein soll, kaum überzeugen, da es anderweitig nicht bezeugtes und phonotaktisch unmotiviertes wortinternes Auftreten von prothetischem # j- vor der eigentlichen Wurzel * ьd- voraussetzt.

18Wiewohl die gelegentlich als kompensatorische Ersatzdehnung angesprochene Vokallänge ě im Aorist, insofern es sich tatsächlich um eine Ersatzdehnung handeln sollte, eine Gleichzeitigkeit der Clusterreduktionsvorgänge bei *-kx-einerseits und den übrigen Clustern aus Wurzelkonsonant und Aorist- s andererseits nahezulegen scheint: rěxъ, těxъ < * rek-s-, *tek-s-, so wie něsъ, věsъ, grěsъ, basъ, čisъ < * nes-s-, *ved-s-, *gred-s-, *bod-s-, *čьt-s-. Da die Erscheinung bei Clusterreduktionen außerhalb des Aorists (vgl. etwa ursl. *apsā > gsl. *osa) unbekannt ist, wird sie von Schenker (1993, 99) als morphonologischer Vorgang eingestuft. Tatsächlich handelt es sich aber um eine rein morphologische Erscheinung, nämlich die Dehnstufe des Ablauts, wie er seit indogermanischer Zeit für die aktiven Formen des sigmatischen Aorists kennzeichnend ist, wie Parallelen aus dem Sanskrit und dem Lateinischen zeigen (Meillet 1964, 213; Szemerényi 31989, 304; Trunte 2003, 100).

19In diesem Sinne Endzelin (1911, 73); vgl. auch Andersen (1968, 188-190), der Baltisch und Slavisch auf anderem Wege ungeachtet der bestehenden Differenzen einander anzunähern versucht.

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Emanuel Klotz (Innsbruck)

SLAVIA TIROLENSIS BAIRISCH-SLAWISCHE LAUTGESCHICHTE IM OSTTIROLER KONTAKTBEREICH

Abstract

In this article, the author analyzes names of Tyrolean municipalities for which a Slavic origin can be proven. All the affected municipalities are located in the district of Lienz. By evaluating the chronology of sound changes of both German and Slavic, the author shows how it is possible to estimate the approximate time when the names were borrowed into German. As it turns out, almost all names were integrated between 770 and 1050 AD, approximately half of them even before 900. The earliest borrowing still has Slavic a instead of younger o and must hence be dated before 830.

Zavleček

V članku avtor analizira imena občin na Tirolskem, za katera je mogoče dokazati slovanski izvor. Vse te občine se nahajajo na okrožju Lienz. Na osnovi kronologije glasovnih sprememb tako v nemškem kot tudi slovanskem jeziku autor oceni, da je bila večina slovanskih krajevnih imen prevzeta v nemščino met letoma 770 in 1050 n. št., polovica že pred letom 900. Najzgodnejša sposojenka še vedno vsebuje a namesto kasnejšega o-ja, kar kaže, da je prevzem tega imena v nemščino starejši od leta 830.

Emanuel.Klotz@uibk.ac.at

 

In meinem Beitrag untersuche ich das Zusammenspiel der Lautgeschichte des Slawischen und Bairisch-Deutschen in der Slavia Tirolensis — jenem Teil des früher slawischsprachigen Gebietes, der sich heute im Bundesland Tirol befindet. In Tirol wird dieses Gebiet einzig vom Bezirk Lienz, der Region Osttirol, umfasst. Am Beispiel der slawischen Ortsnamen möchte ich zeigen, wie man das Wissen über die Lautentwicklungen von Geber- und Nehmersprache wissenschaftlich ←39 | 40→nutzen kann, um zu datieren, wann ungefähr ein Wort von der einen Sprache in die andere übergewechselt ist.

Dass in Osttirol einmal Slawen gelebt haben, spiegelt sich in der Ortsnamenlandschaft ganz deutlich wider: 14 der 33 Gemeindenamen sind sehr wahrscheinlich slawischen Ursprungs oder enthalten, im Falle von Doppelnamen oder solchen mit einer Zusatzangabe, einen slawischen Anteil. Mein Beitrag hat zum Ziel, diese Namen lautgeschichtlich zu untersuchen und dadurch zu entscheiden, wann ungefähr sie ins Deutsche gelangt sein müssen. Wie ich zu diesen Entscheidungen gekommen bin, erläutere ich ab Punkt 1. Dass ich mich auf die Gemeindenamen beschränke, hat einzig den Grund, dass ich aus der Fülle des Materials eine Vorauswahl zu treffen hatte, deren Umfang es erlaubt, in einem Beitrag behandelt zu werden.

Sozusagen als Nebeneffekt meiner Untersuchung hat sich gezeigt, dass manche der traditionellen Etymologien den Lautgesetzen nicht oder nur schwer standhalten. Wo dies der Fall ist, habe ich mich um eine neue Deutung des Namens bemüht, die ohne diese Unzulänglichkeit auskommt. Der Beitrag schließt mit einem Glossar der Gemeindenamen, in dem – Wandel für Wandel – die einzelnen lautgeschichtlichen Entwicklungsstadien des betreffenden Namens illustriert sind. Das Vorbild ist dabei Georg Holzers Glasovni razvoj hrvatskoga jezika, in dem unter anderem die romanischen Lehnwörter des Kroatischen auf ähnliche Weise untersucht sind.

Von den insgesamt 33 Gemeindenamen sind die folgenden mit großer Sicherheit slawisch1: Amlach (traditionell: «jamľaxъ» ‚bei den Grubenbewohnern‘, mein Vorschlag: «ǫbľaxъ» ‚bei den Leuten vom Brunnen, von der Quelle‘), Assling («asenьnikъ» ‚Eschenort‘), (Nuss-dorf-)Debant («děvino (selo?)» ‚Jungfrauendorf‘), Dölsach («dolьčaxъ» ‚bei den Bewohnern des Tälchens‘), Kals (am Großglockner; «kalьcь» ‚Sümpfchen‘), Leisach («ľubišaxъ» traditionell: ‚bei den Leuten des Ľubišь‘), Prägraten (am Großvenediger; «prěgradъ» oder «prěgrada» ‚Vorburg‘), Schlaiten («slatina» ‚Sumpf‘), (Iselsberg-) Stronach («strańaxъ» ‚bei den Bewohnern der Leite‘), Tristach («trьsťaxъ» ‚bei den Schilfbewohnern‘) und Virgen (traditionell: «brěgъ» ←40 | 41→‚Berg‘, mein Vorschlag: «bьrgъ» ‚Schutz(gebiet)‘). Slawisch ist außerdem der Name des Defereggentals, wie er in den Ortsnamen St. Jakob, St. Veit und Hopfgarten im Defereggen enthalten ist (zu einem Personennamen «Dobriťь» ‚Sohn des Dobrъ‘).

1. VORBEMERKUNGEN UND METHODE

Wird ein Wort wie z. B. ein Ortsname von einer Sprache in die andere entlehnt, so macht es bis zum Entlehnungszeitpunkt die Lautentwicklung der Gebersprache durch, nach dem Entlehnungszeitpunkt dann die der Gebersprache und die der Nehmersprache in zwei separaten Strängen. Im Falle des Slawischen in Osttirol haben wir es mit einer Gebersprache zu tun, die hier inzwischen lange ausgestorben ist und keinerlei Schriftlichkeit hinterlassen hat. Damit endet einer der beiden Stränge, und das Wort erfährt fortan nur mehr die Lautwandel der Nehmersprache:

Abbildung 1

←41 |
 42→

Je mehr nehmersprachliche Lautwandel ein entlehntes Wort erfährt, desto mehr ähnelt es einem Erbwort der Nehmersprache; und irgendwann ist ein Zustand erreicht, an dem man ihm seine fremde Herkunft gar nicht mehr ansieht. Niemand ohne sprachwissenschaftliche Kenntnisse würde Namen wie Debant, Dölsach oder Assling heute als fremd, geschweige denn als slawisch einstufen.

Dass wir aber trotzdem sagen können, Debant, Dölsach und Assling seien slawisch, verraten uns alte Urkunden. Dort scheinen die genannten Ortsnamen als Devino, Dolischac und Aznik auf, also in Formen, die wir Slawisten verstehen können, denn sie sind eindeutig aus slawischen Wortbausteinen gebildet. Natürlich kann man sich hierin auch irren, denn es ist ein nicht unwesentlicher Interpretationsspielraum gegeben, wie wir im Beispiel Leisach sehen werden. Sehr gut stehen die Chancen allerdings, wenn die Bedeutung der slawischen Bildung zu etwas passt, das den Ort oder seine unmittelbare Umgebung zum damaligen Zeitpunkt ausgezeichnet hat – und vielleicht immer noch auszeichnet. Beispielsweise ist die Burg, auf die sich Prägraten («prěgradъ» ‚Vorburg‘) bezieht, wohl die heutige Ruine Rabenstein.2

Slawische Wörter konnten frühestens mit Beginn des slawisch-bairischen Sprachkontakts zu uns gelangen. Man weiß, dass Slawen und Baiern im Drautal erstmals 592 aufeinander trafen und 595 und 610 erneut3; jedoch waren diese Begegnungen kriegerischer Natur und boten wohl kaum Anlass zum gegenseitigen Austausch von Wörtern. Im großen Stil begann dies erst, als das slawische Fürstentum Karantanien, zu dem Osttirol damals gehörte, in das Herzogtum Bayern eingegliedert wurde und mit der darauf einsetzenden bayrisch-fränkischen Kolonisation. Das geschah in der Mitte des 8. Jahrhunderts.4

Nur wenig später, um 900, beginnt die slawische Sprache in Osttirol allmählich auszusterben.5 Bis zum 13. Jahrhundert war dieser Prozess bereits so weit fortgeschritten, dass es „höchstens noch Reste slaw. Haussprache im Iselraum gab.“6

←42 | 43→

Für die Zwecke dieses Aufsatzes können wir somit den Schluss ziehen, dass die Osttiroler Namen slawischer Herkunft ungefähr in der Zeit von 750 bis 1300 ins Deutsche gekommen sind — in den meisten Fällen ist das Enddatum wohl wesentlich früher anzusetzen. Peter Wiesinger geht davon aus, dass „slaw. Gewässer- und Siedlungsnamen […] im Alpenraum […] hauptsächlich vom 10. bis 12. Jh. mit Restgebieten bis ins 14. Jh.“ integriert wurden.7

Mit den Techniken der Sprachwissenschaft kann man den Zeitraum für den gesuchten Namen weiter einschränken, und zwar auf Basis seines Lautstandes: Solche, in denen mehr oder ältere deutsche Lautwandel gewirkt haben, sind früher entlehnt worden als solche, in denen weniger oder jüngere deutsche Lautwandel gewirkt haben. Entscheidend dabei ist nicht die absolute Zahl der vollzogenen Lautwandel, sondern ob jene Wandel, für die die Bedingungen irgendwann gegeben waren, vollzogen wurden oder nicht. So zeigt zum Beispiel Dölsach den Umlaut o > ö, Kals jedoch nicht den Umlaut ā > ǟ, obwohl beide einmal den Umlautauslöser i in der Folgesilbe hatten (nachursl. *doličjā˙xu, *kā˙liťi). Dölsach ist demnach früher entlehnt worden als Kals.

Da ja bis zur Entlehnung slawische Lautwandel gewirkt haben, sind auch diese für die Auswertung relevant: Kann man in einem Namen einen slawischen Wandel nachweisen, so muss die Übernahme ins Deutsche nach diesem Wandel stattgefunden haben. Ist ein slawischer Wandel ausgeblieben, obwohl die Bedingungen für ihn gegeben gewesen wären, so ist der Name ins Deutsche „abgezweigt“ worden, bevor der Wandel im slawischen eintreten konnte.

Von vielen Lautwandeln ist nun die Wirkungszeit bekannt – einmal genauer, einmal weniger genau. Der slawische Wandel a > o hat beispielsweise ungefähr um 830 stattgefunden, wie wir aus historischen Dokumenten wissen.8 Hat eine slawische Entlehnung im Deutschen o (oder daraus entstandenes ö), kann sie erst nach 830 ins Deutsche gelangt sein ‒ z. B. Dölsach. Hat sie hingegen noch a für späteres o wie etwa Amlach9, so geschah die Entlehnung vor 830.

←43 | 44→

Da aber entlehntes a auch slawisches langes ā reflektieren kann - dieses hätte sich nie zu o entwickeln können - ist nicht jede Entlehnung mit a im Deutschen automatisch vor 830 zu datieren.

Die vollständige zeitliche Eingrenzung ergibt sich anhand vierer Eckdaten: dem letzten noch vollzogenen und dem ersten nicht mehr vollzogenen slawischen Lautwandel, sowie dem letzten noch nicht vollzogenen und dem ersten bereits vollzogenen deutschen Lautwandel.

Abbildung 2

Die Gegenüberstellung dieser Eckdaten wird in Kapitel 4 vorgenommen.

1.1. ZUM URSLAWISCHEN

Die Slawen, auf die die Baiern zwischen 592 und 610 stieβen, sprachen noch die Urform der slawischen Sprachen, das sogenannte Urslawische. Georg Holzer ist es gelungen, diese Ursprache auf der Grundlage von Lehnbeziehungen zu rekonstruieren.10 Wenn im vorliegenden Aufsatz vom „Urslawischen“ die Rede ist, so ist das Holzersche Urslawisch gemeint. Das Wort mit der Bedeutung ,Sümpflein‘, auf das der Name Kals zurückgeht, lautet nach dieser Rekonstruktion *ka əliku - die ←44 | 45→Unterstreichung steht für die Betonung und der Hochpunkt für den Akut, eine Art Tonverlauf.

In diesem Aufsatz gibt es keinen Namen, der direkt aus dem Urslawischen entlehnt wäre. Das passt zur obigen Feststellung, dass slawische Lehnwörter erst lange nach 600 ins Deutsche gekommen sind. Die Namen hier haben alle bereits etwas jüngere Züge, sind also nachurslawisch.

Die traditionelle, früher übliche Rekonstruktion urslawischer Wortformen schreibe ich wie Holzer zwischen spitzen Anführungsstrichen, z. B. für das ‚Sümpflein‘ «kalьcь». In vielen Fällen kann man sich unter dieser Gestalt die Lautung der Wortform im ausgehenden 9. Jahrhundert vorstellen. Man nennt diesen Zustand auch gemeinslawisch. Ich setze die traditionelle Rekonstruktion hier überhaupt immer so an, dass zwischen dem Urslawischen und den heutigen Lautungen Kontinuität gegeben ist, also z. B. «prěgradъ» für heutiges Prägraten aus ursl. *pergar˙du ‚Vorburg‘ und nicht «pergordъ» wie sonst üblich. Während «prěgradъ» (mit süd- und westslawischer Liquidametathese) eine tatsächlich gesprochene Vorform von Prägraten ist, ist «pergordъ» rein fiktiv11. Die Osttiroler slawischen Gemeindenamen sind zumeist in einer Gestalt entlehnt worden, die der gemeinslawischen Darstellung ähnelt.

Wo Holzer t´, d´, l´ usw. für palatalisiertes t, d, l usw. verwendet, schreibe ich ť, ď, ľ, damit jeder Laut durch ein einziges Schriftzeichen wiedergegeben ist. Dies erleichtert das computergesteuerte Suchen. Mit diesen Zeichen sind palatale, nicht palatalisierte Laute gemeint. — Wie Holzer (2020) verwende ich aus typographischen Gründen für langes slawisches „Jat“ das Zeichen ê. Zwar wird so auch mhd. langes ē bezeichnet, Verwirrungen sollten aber durch Angabe der jeweils gemeinten Sprache ausgeschlossen sein.

Eine dritte Rekonstruktion, die sogenannte morphematische, wird mit dem hochgestellten Kreis eingeleitet.12 In ihr ist die urslawische Wortlautung nach Wortbausteinen segmentiert, wobei alle allomorphischen Alternationen beseitigt sind. Das ‚Sümpflein‘ sieht morphematisch nicht viel anders aus als in der phonetischen urslawischen Rekonstruktion: ←45 | 46→° kā˙l|ik|u; sichtbarer wird der Unterschied aber z. B. in ° per|èé˙|-gard|u ‚Vorburg‘, wo Segmente wie è und é˙ vorkommen, die es nur in dieser Rekonstruktionsvariante gibt. Nur diese Darstellung verrät, dass ° per und ° gard normalerweise unbetont bzw. nicht akutiert sind und erst sekundär, im Rahmen der Ableitung, durch è betont bzw. durch é˙ akutiert werden.

Im Glossarteil, in dem die Namen einzeln behalndelt werden, sind immer alle drei Rekonstruktionsvarianten angeführt.

1.2. ZUR DEUTUNG DER BELEGKETTE

Damit man die Herkunft von Ortsnamen untersuchen kann, muss man zuerst in historischen Dokumenten nach Nennungen des Namens suchen. Für die Osttiroler Gemeindenamen (und überhaupt alle Gemeindenamen Tirols) sind diese Nennungen bereits gesammelt, nämlich in Die Gemeindenamen Tirols (Anreiter/Chapman/Rampl 2009), und liegen als Belegketten vor – also in chronologischer Reihenfolge. Wann immer in diesem Aufsatz Belege zitiert werden, so stammen sie aus diesem Werk und sind dort unter dem betreffenden Gemeindenamen zu finden, außer es ist anders vermerkt.

Eine Belegkette darf nicht zwangsläufig so verstanden werden, dass eine Nennung die sprachliche Fortsetzung der jeweils älteren Nennung ist. Oft mischen sich darin unterschiedliche Entlehnungsstadien oder auch die Sprachen, aus denen die Nennung stammt. Hierzu zwei Beispiele:

Dölsach ist zum ersten Mal 1197 in der Form Dolischac belegt, ansonsten finden sich unter den Belegen fast nur Formen mit s (z. B. 1242 Dolsach). Weil s überwiegt und sich bis heute gehalten hat, ist die Form mit sch diejenige, für die eine Erklärung nötig ist. Und weil außerdem kein lautgesetzlicher Weg von Dolischac zu Dölsach führt (sch hätte in dieser Position nicht zu heutigem s werden können), kann Dölsach nicht aus der Form Dolischac entstanden sein.

Nun gibt es folgende Möglichkeiten der Deutung:

(1) Die Form mit sch ist nicht deutsch, sondern der Versuch eines deutschen Schreibers, die zeitgenössische slawische Aussprache *dolь-č(j) ax(ъ) abzubilden. Die Schreibung sch wäre dann eine Substitution für das fremde č(j) — einen Laut, den das Deutsche um 1197 nicht ←46 | 47→kannte.13 Solange die Bevölkerung Dölsachs noch zum Teil slawisch war, gab es den Namen in zwei lautlichen Ausprägungen: Einer deutschen, die nun den deutschen Lautgesetzen folgt, und einer slawischen, die nach wie vor den slawischen Lautgesetzen folgt. Dieser Sachverhalt lässt sich bildlich so darstellen:

Abbildung 3

Während der zweisprachigen Zeit können sowohl die deutsche als auch slawische Variante des Ortsnamens niedergeschrieben werden.

(2) Die Form mit sch ist eine erneute Entlehnung auf Basis der slawischen Aussprache *dolьč(j) ax(ъ), die noch keine sichtbaren deutschen Lautwandel mitgemacht hat und die sich am Ende nicht durchgesetzt hat.

(3) Es handelt sich um eine Fehlschreibung, denn schließlich lässt sich auch nicht erklären, warum der Erstbeleg auf - c endet und nicht, ←47 | 48→wie zu erwarten wäre, auf - ch. Dem ist entgegenzuhalten, dass sich für sch lautgeschichtlich schlüssige Argumente finden lassen – nämlich (1) und (2). Zudem ist es wahrscheinlicher, dass der Schreiber einen Buchstaben am Wortende vergisst, als dass er in der Wortmitte willkürlich zwei einfügt.

Technisch sind die Szenarien (1) und (2) nicht voneinander zu unterscheiden, denn auch im Fall (1), dem mit einem deutschen Schreiber und einer slawischen Auskunftsperson, handelt es sich ja um eine Entlehnung, nämlich um eine, die an Ort und Stelle entstanden ist. Der Schreiber bzw. diejenigen, die den Namen neu entlehnten, hatten offenbar keine Kenntnis davon, dass der Name bereits in deutschem Mund war, und zwar in der Form *Döliṡach oder einem ihrer Fortsetzer.

Dass aber Variante (2) die wahrscheinlichere ist, zeigt die parallele Lage in der Geschichte des Namens Hochosterwitz in Kärnten: Die Nennung Astrauuiza (860) muss aus deutschem Munde stammen, weil man weiß, dass der Wandel a > o im Slawischen um 860 schon vorüber war (zur Datierung siehe 2.1, § 23). Die heute gültige Lautung mit o dagegen geht auf eine zweite Entlehnung nach diesem Wandel zurück. Hier hat also, umgekehrt wie im Fall Dölsach, die jüngere Entlehnung die ältere ausgestochen.

Für Variante (2) spricht auch, dass 1197 reichlich spät für die Aufnahme originalslawischer Rede wäre. Wie Bergmann berichtet, darf man zwar trotz der Durchzugslage noch im späten 11. Jh. mit Slawen im Lienzer Becken rechnen, weil in einer Urkunde aus dieser Gegend und Zeit die Personenamen Bithina, Gotislau und Prezla aufscheinen – nach Kronsteiner als «Bъdina», «Godislavъ» und «Prěslavъ» zu deuten.14 Dass aber 1197, hundert bis zweihundert Jahre später, in Dölsach immer noch Slawisch gesprochen worden wäre, ist fraglich.

Das zweite Beispiel für eine inhomogene Belegkette ist Debant. Hier zeichnen sich nicht zwei, sondern sogar drei Stränge ab:

(1) Entlang des ersten Stranges sind die Belege mit - o angeordnet (1197 Dewino – 1269 Devvino). Es handelt sich dabei wohl durchwegs um geschriebene slawische Wiedergaben des Namens mit der neutralen Nominalendung - o. Hätten wir es mit einem Lehnwort im Deutschen zu ←48 | 49→tun, wäre die Endung abgefallen, weil sie im damaligen Deutschen keine Entsprechung hatte (das ist Substitution § b, siehe Abschnitt 2.3).

(2) Den zweiten Strang bilden die Belege auf - n (1201 Dewîn – 1493 in der Debein). Sie gehen auf die Eindeutschung der Nennungen mit - o zurück. In ihnen lässt sich die Diphthongierung ī > ei nachvollziehen.

(3) Der dritte Strang ist der, aus dem sich letztlich schriftdeutsches Debant entwickelt hat. Ihm gehören Debem (1460), Debant (1479) und vielleicht das merkwürdige Dobant (1500) an ‒ alle mit kurzem Vokalismus in der zweiten Silbe. Zwar tauchen diese Nennungen erst sehr spät auf, was zum Schluss verleitet, dass sie aus einer Art „Reduktion“ der Lautungen Dewîn, Debein u. dgl. (Punkt 2) zu verstehen seien. Lautgeschichtlich geht diese Annahme aber nicht auf, weil die Kürzung der unbetonten Langvokale (ī > i) vor der Diphthongierung (ī > ei) stattgefunden hat. Anders ausgedrückt: Einmal diphthongiertes ī kann nicht mehr gekürzt werden. Ich halte diesen Strang wegen seines Lautstandes für den ältesten. Dass die Formen erst so spät verschriftlicht worden sind, mag daran liegen, dass sie vielleicht die bodenständigere Bezeichnung widerspiegeln als Dewein und daher den früheren Schreibern weniger bekannt waren.

Im „Entlehnungsstammbaum“ lässt sich die Situation wie folgt darstellen:

Abbildung 4 – Beispielhafte Darstellung (Anm.: Der zweite Strang könnte theoretisch auch von derselben Lautung wegführen wie der erste.)

←49 |
 50→

Im Glossarteil (Punkt 3) werden die übrigen Entwicklungen erklärt, z. B. das Anwachsen von - t und der Wechsel von w zu b, die zur heutigen Schriftlautung Debant geführt haben.

Dass manche Namen zu verschiedenen Zeiten wiederholt entlehnt worden sein müssen, berichtet auch Kranzmayer am Beispiel des Kärntner Gramilach.15

1.3. Zu Lautwandeln und Substitutionen

Wie die Ortsnamen zu deuten sind, ist vor allem deshalb nicht von vorn-herein klar, weil im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Lautwandel eintreten, die den Namen äußerlich verändern und so seine Herkunft verschleiern.

Ein Lautwandel ist ein Prozess, in dem ein Laut sich zu einem anderen Laut entwickelt. Dieser Prozess kann allgemeingültig sein – dann betrifft er den gegebenen Laut in jeder Position im Wort – oder kontextabhängig – dann betrifft er den Laut nur in bestimmten Positionen im Wort. Jeder Lautwandel bewirkt, dass Laute aus dem Inventar der Sprache verschwinden – sei es gänzlich oder eben nur in bestimmten Positionen.

Laute, die es in der Gebersprache, aber nicht in der Nehmersprache gibt, müssen durch einen anderen Laut ersetzt werden, der dem fehlenden möglichst nahekommt. Man spricht dann von Substitutionen. Welche Substitutionen bei der Übernahme der hier behandelten slawischen Namen zum Zug kommen, ist in Punkt 2.3 geschildert.

Da sich Geber- und Nehmersprache in ständigem lautlichen Wandel befinden, sind auch Substitutionen nur eine gewisse Zeit lang gültig: In der Nehmersprache kann etwa ein Laut entstehen, der eine Substitution plötzlich hinfällig macht, oder ein Laut verschwinden, wodurch eine Substitution erst notwendig wird. Ebenso kann die Gebersprache Laute entwickeln, die der Nehmersprache fremd sind, sodass die Nehmersprache zu einer Substitution greifen muss.

Recht kompliziert wird es bei Lautwandeln in der Nehmersprache, die nur in bestimmten Kontexten wirken – etwa dem deutschen Umlaut. Durch diesen wurden Sequenzen wie oi, ui u. dgl. zu öi, üi u. dgl. gewandelt. Wenn nach diesem Wandel ein slawisches Wort mit z. B. ←50 | 51→oi entlehnt wird, muss es den neuen Verhältnissen angepasst werden, bis durch einen weiteren deutschen Wandel wieder oi möglich ist. Näheres siehe unter Kapitel 2.3, § h.

2. CHRONOLOGIE DER LAUTWANDEL

Wie bereits erwähnt, lassen sich Entlehnungen mithilfe von vier Eckdaten datieren: dem letzten vollzogenen und dem ersten nicht mehr vollzogenen gebersprachlichen Lautwandel, sowie dem letzten noch nicht vollzogenen und dem ersten vollzogenen nehmersprachlichen Lautwandel:

Abbildung 5

In diesem Kapitel stelle ich vor, welche Lautwandel in den Osttiroler Gemeindenamen slawischer Herkunft gewirkt haben, und unterteile sie in drei Gruppen: Erstens die slawischen Lautwandel (2.1). Sie haben gewirkt, bevor der jeweilige Name ins Deutsche gelangt ist. Zweitens die deutschen/bairischen Lautwandel (2.2), die gewirkt haben, nachdem der Name entlehnt wurde. Dazwischen haben Substitutionen (2.3) gewirkt. Mit ihrer Hilfe wird ein nicht bekannter fremder Laut durch einen ähnlichen Laut ersetzt, den die Nehmersprache kennt. Substitutionen können auch auf der Ebene der Akzentologie oder der Morphologie zum Zug kommen, z. B. wenn die Gebersprache (wie das frühe Slawische) Tonverläufe unterscheidet und die Nehmersprache (wie das Deutsche) nicht, oder wenn ein Flexionsmorphem der Gebersprache in der Nehmersprache keine Funktion hat und daher ←51 | 52→durch ein anderes (z. B. ø = Null) ersetzt wurde. Auch Substitutionen können ihrer Natur gemäß erst nach der Entlehnung eintreten. Substitutionen unterscheiden sich von den anderen Lautwandeln der Nehmersprache einzig dadurch, dass sie nur in Lehnwörtern wirken können, weil sie nur hier ihre Inputs vorfinden.16

Darüber hinaus behandle ich Lautwandel, die sich zwar nicht direkt in einem Ortsnamen nachweisen lassen, die aber zur Änderung des Substitutionsverhaltens führen oder wegen „Feedings“ wichtig sind. Unter die Substitutionen reihe ich zudem identische Wiedergaben, also gewissermaßen „Substitutionen“, in denen Input und Output gleich sind (etwa slaw. ē ‣ dt. ē, § g), und zwar dann, wenn diese Gleichung erst durch Lautgesetze verursacht wird: In einer der beiden Sprachen entsteht ein Laut, der in der anderen bereits vorhanden war. Solche „identischen Wiedergaben“ beenden immer „echte“ Substitutionen (im obigen Fall ēẹ̄) und sind daher wichtig für die relativchronologische Einordnung von Entlehnungen: Hat ein bestimmtes Lehnwort noch ẹ̄ (> ie) für slaw. ē/ ê, so ist es älter als eines, in dem ē durch ē (= mhd. ê) wiedergegeben ist. — Im Übrigen benutze ich im gesamten Aufsatz das Symbol ‣ statt >, wenn ich die Übernahme der betreffenden Form ins Deutsche anzeigen will.

Jeder der drei Blöcke von Wandeln beginnt mit einer Tabelle, in der die Wandel chronologisch nach dem ungefähren Datum des Eintretens geordnet sind. Kommen zwei Wandel auf dieselbe Datierung, so ist die Reihung unter ihnen zufällig. Durch einen Halbgeviertstrich getrennte Jahreszahlen in den Tabellen (z. B. 634–827) stehen nicht etwa für Wir-kungsdauern, sondern Spannen zwischen dem terminus ante quem non und dem terminus post quem non. 634–827 bedeutet also: Der Lautwandel kann nicht vor 634 und nicht nach 827 stattgefunden haben.

Die Zeitangaben beziehen sich zumeist auf die Durchführung in anderen Teilen des slawisch- bzw. deutschsprachigen Raums und müssen freilich nicht im selben Maße für Osttirol gültig sein. Im hier behandelten Material haben sich allerdings keinerlei Indizien dafür ergeben, dass man die Wandel davon abweichend datieren müsste.

Jeder Wandel trägt zur Wiedererkennung eine Sigle: Slawische haben entsprechend Holzers Usus arabische Zahlen, deutsche kodiere ich mit Großbuchstaben und Substitutionen bei der Übernahme vom Slawischen ins Deutsche mit Kleinbuchstaben.

←52 | 53→

Nach den Tabellen stelle ich die einzelnen Wandel in Paragraphen vor. Dort sind genauere Informationen wie Beispiele und Literaturangaben zu finden. Ich benutze in den Ausführungen die folgenden Symbole und Abkürzungen:

Angesichts der großen Zahl der Lautgesetze ist es nicht immer leicht, den Überblick zu bewahren. Diesem Umstand versuche ich Rechnung zu tragen, indem ich im Glossarteil die Entwicklung jedes Namens Lautwandel für Lautwandel nachzeichne und so die Mechanik des lautgesetzlichen „Apparats“ in Kapitel 2 an jedem Beispiel einzeln durchlaufen lasse.

2.1. Lautwandel des Slawischen

Wie einleitend erwähnt stammen die hier behandelten Gemeindenamen nicht mehr aus dem Urslawischen selbst, sondern aus einer etwas jüngeren Sprachstufe. Vom Urslawischen trennen sie die folgenden bereits durchgeführten Lautwandel:

(1) Die Dritte Palatalisierung (§ 1 nach Marka), weil in Kals die von ihr „gefeedete“ Assibilierung (§ 13) ť > c bereits vollzogen ist: Die Wortform wurde in der Gestalt *kālə o. ä., also schon mit c und nicht mehr mit k oder ť, übernommen.

(2) Der slawische Umlaut (§ 2) und die Monophthongierung (§ 3), weil in Leisach die von ihnen „gefeedete“ Hebung von ō > ū (§ 17) bereits vollzogen ist: Die Wortform wurde in der Gestalt *ljūbīsjā˙xъ o. ä. entlehnt, weil die Belege - iu- (= dt. [ ǖ]) zeigen und damit umgelautetes langes ū voraussetzen.

←53 |
 54→

(3) Alle weiteren Wandel bis zur l-Epenthese (§ 8), dem vielleicht frühesten Lautwandel, der in einem Osttiroler Gemeindenamen nicht nur durch Feeding nachweisbar ist.

Tabelle 1: Lautwandel des Slawischen

Als Quelle dient mir wie erwähnt Marka 2013, siehe dort auch zu den Einzelheiten. Im Weiteren möchte ich nur auf den Mechanismus und die Datierung der Wandel eingehen. Die urslawischen Wortformen und ihre slowenischen Fortsetzungslautungen habe ich meinem Wörterbuch (Klotz 2017) entnommen, es sei denn, es ist anders vermerkt.

§ 8 l-Epenthese

Zwischen labialen Konsonanten und j wurde l eingefügt. Die Wirkungszeit lässt sich nur grob zwischen der Zeit des Urslawischen und der Jotierung eingrenzen (z. B. lj > ľ, § 33).

←54 |
 55→

Diese Chronologie widerspricht Kranzmayers Vermutung, die Jotierung wäre „um die Jahrtausendwende vor sich gegangen“17. Die von ihm genannten Belege 1023 Domiahc und 1148 Domelache (= Diemlach, Steiermark) können auch Zeugnisse zweier getrennter Übernahmen aus dem Slawischen sein, wobei die ältere verloren gegangen wäre. Genauso deutet er übrigens einige Zeilen später die Diskrepanz zwischen 1251 Podobiach und der modernen Lautung Podeblach.18 Vergleiche hierzu die chronologisch umgekehrte Situation in der Belegkette von Debant unter 1.2; dort hat sich die älteste Entlehnung durchgesetzt.

Beispiele sind ursl. *pjuwā˙tēj, *zemjā˙ > sln. pljəváti ‚spucken‘, zémlja ‚Erde‘. Nach dem Wandel entlehnt ist, wenn die traditionelle Etymologie stimmt, nachursl. *ā˙mjā˙xu > *ā˙mljā˙xu ‣ *ǟmljach > Amlach, siehe aber meine neue Etymologie im Glossareintrag.

§ 13 Assibilierung

Die Assibilierung wandelte die durch die Dritte Palatalisierung entstandenen Palatale ť und ď zu c und dz. Beispiele sind (ursl. *lejka, *stigā˙ >) *lejťa, *stiďā˙ > *līce, *stidzā˙ > sln. líce ‚Gesicht‘, stəzà ‚Fußweg‘. Nach dem Wandel entlehnt ist (ursl. *kā˙liku > *kā˙liťu >) *kā˙lici ‣ dt. *kālez (> kålz = Kals), denn k wäre als k übernommen worden und ť als ‹gg› (siehe § m).

Das genaue Datum des Eintretens ist unbekannt. Mit c [ʦ] entstand durch den Wandel ein Laut, der dem damaligen Deutschen bereits eigen war: Er war dort durch die Zweite Lautverschiebung aus germ. *t entstanden. Somit löste der Wandel die „identische Wiedergabe“ c(t)z (§ e) aus.

§ 16 Wandel ū > ȳ

Ursl. ū wurde zu ȳ entrundet. Der Wandel lässt sich ist zwischen die ahd. Tenuesverschiebung (zweites Drittel des 7. Jh.19) und den Wandel ō > ū (§ 17, vor 777) datierten, denn altes ū fiel nicht mit neuem zusammen („Bleeding“). Beispiele sind: ursl. *mū˙, *rū˙bā˙ > *, *rȳ˙bā˙ > sln. ‚wir‘, ríba ‚Fisch‘. Durch den Wandel entstand ein dem Deutschen fremder Laut, der durch ū, ī wiedergegeben wurde (Substitution § f). Der Wandel ū > ȳ „feedete“ den Wandel ȳ > ī (§ 38).

←55 | 56→
§ 17 Hebung ō > ū

Nach § 16 gab es im Slawischen kein ū mehr. Aus nachursl. ō (monophthongiert aus ursl. aw, āw) entstand nun ein neues ū. Der Wandel kann wegen des Beleges Taliup vor 777 datiert werden.20 Nach der Hebung, also schon mit ū, ist entlehnt (nachursl. *ljōbīsjā˙xu >) *ljūbīsjā˙xu ‣ dt. *ljǖbīṡjach (> Leisach), weil hier nicht mehr ō zu ȫ umgelautet wurde, sondern ū zu ǖ.

§ 20 Liquidametathese

Die slawische Liquidametathese wandelte die Sequenzen al, el, ar, er in tautosyllabischer Stellung zu , , und . Der Wandel wird auf das letzte Viertel des 8. Jahrhunderts datiert.21 Beispiele sind ursl. *bal˙ta, *gardu, *bergu, *mel˙tēj > sln. blátọ ‚Sumpf‘, grȃd ‚Stadt‘, brẹ̑g ‚Ufer, Berg‘, mlẹ́ti ‚mahlen‘. Nach dem Wandel – also schon mit Langvokal nach Liquida – sind entlehnt (ursl. *pergar˙du oder *pergar˙dā˙ ‚Vorburg‘ >) *prēgrā˙du oder - ā˙ ‣ dt. *prēgrād- (> *prēgråt- = Prägraten) ¶ (nachursl. *sal˙tī˙nā˙ ‚Sumpf‘ >) *slātīnā˙ ‣ dt. *ṡlǟtīn (> Šlāten = Schlaiten).

§ 21 j-Prothese

Anlautenden ā, e, ē, i und wurde j vorangestellt. Zur absoluten Datierung ist nichts bekannt. Beispiele sind ursl. *ā˙seni, *esenu > sln. jásen, jésen ‚Esche‘. Vor dem Wandel – also noch ohne anlautendes j – sind entlehnt nachursl. *ā˙se(ni)nīku ‣ dt. *ǟßenīk (→ Assling) ¶ nachursl. *ā˙mljā˙xu ‣ dt. *ǟmljach (> Amlach, herkömmliche Etymologie; zu meinem Vorschlag siehe im Glossareintrag).

←56 | 57→
§ 23 Wandel a > o

Der Wandel kann recht genau zwischen die Belege Tagazino (827, noch a) und Colomezza (832, schon o) datiert werden.22 Ein Beispiel ist ursl. *pataku > sln. pótok ‚Bach‘. Vor dem Wandel entlehnt ist, wenn meine Etymologie stimmt, nachursl. *ambljā˙xu ‣ dt. *ämbljach (> Amlach), weil sonst o zu ö umgelautet worden wäre und nicht a zu ä (ä wird im Bairischen wieder zu a, siehe § R). Nach dem Wandel entlehnt ist nachursl. (*daličjā˙xu >) *doličjā˙xu ‣ dt. *döliṡach (> Dölsach), weil eben schon ö (< o) vorliegt.

§ 25 Wandel i, u > ь, ъ

Die ursl. Vokale i und u wurden zu ь und ъ zentralisiert, was wohl dem Lautwert [ɪ] bzw. [ʊ] entspricht. Der Wandel „feedet“ § 27 und § 39. Die Belege ecbratonas «eťь bratъ našь» ‚noch ein Bruder von uns‘ und tagazino «togo synъ» ‚dessen Sohn‘ legen nahe, dass ъ durch dt. o substituiert wurde.23

Georg Holzer weist mich telefonisch darauf hin, dass slawische Personnenamen auf - ъ in lateinischen Texten generell in die Deklinationsklasse Cicerō, Cicerōnis überführt werden und ihr - o hiervon beziehen.24 Ich bin jedoch der Meinung, dass diese Überführung nicht die Ursache, sondern die Folge des auslautenden - o ist: Wörter werden nicht aus Willkür einer bestimmten Flexionsklasse zugeordnet, sondern nach lautlichen oder morphologischen Erwägungen, und bei Slawismen auf - ъ gab wohl die Aussprache - o den Ausschlag, Samo oder Tesco wie Cicerō zu deklinieren. Der sichtbare Quantitätsunterschied - o : - ō stört nur aus klassisch-lateinischer Perspektive; im Romanischen hatte sich bereits längst der Quantitätenkollaps ereignet.

Für die Auswertung der Entlehnungen wäre interessant zu wissen, ob bereits zentralisiertes und anschließend entlehntes ь noch palatal genug war, die Umlautsubstitution (§ h) auszulösen, doch dies ist leider nicht festzustellen. Die schriftliche Vertretung von ь durch i und e in den Freisinger Denkmälern werte ich als ə, siehe § 39.

←57 | 58→
§ 27 Entstehung der silbischen Liquiden

Tautosyllabische Sequenzen aus einem „Jerlaut“ (ь, ъ) und Liquida wurden zu silbischen Liquiden kontrahiert. Beispiele sind ursl. *wirbā˙ > sln. vŕba ‚Weide‘, ursl. *bluxā˙ > *bl̥̄xā˙ > sln. bólha ‚Floh‘. Zur absoluten Datierung des Wandels im Slowenischen gibt es bisher nur vage Hinweise25, im Kroatischen ist er vermutlich mitte des 9. Jahrhunderts eingetreten26. Eine ähliche Datierung für das Slowenische legt der Lautstand der Entlehnung Virgen (< ursl. *birgu) nahe: Er zeigt, dass die Substitution bf (§ j) älter ist als die Entstehung der silbischen Liquiden: f ist schon da (hier geschrieben ‹v›), aber ir oder ьr ist noch ir. Weil der Beginn der Substitution auf 770 datiert wird, weiß man nun, dass die silbischen Liquiden des Slawischen danach entstanden sind. Ebenso vor dem Wandel entlehnt ist nachursl. *tristjā˙xu ‣ dt. Trištach (= Tristach).

Es ist theoretisch auch möglich, dt. - ir- und - ri- als Reflex von r̥̄ zu werten, doch wäre der Zufall groß, hätte das Deutsche mit der Qualität und der Position des Sprossvokals genau jene Sequenz hervorgebracht, aus der slaw. r̥̄ zuvor entstanden war: Die Reihenfolge von i und r ist zwischen den Formen verschieden (*trist-, *birg-) und beide Male stimmen das Deutsche und das Urslawische darin überein.

§ 28 Entstehung der Nasalvokale

Tautosyllabische Sequenzen aus Vokal und Nasal wurden zu nasalen Vokalen kontrahiert. Beispiele sind ursl. *rankā˙, *ren˙du > rǭkā˙, rę̄dъ > sln. róka ‚Hand‘, rę̑d ‚Reihe‘. Den Wandel hat verpasst, wenn meine Etymologie stimmt, nachursl. *ambljā˙xu ‣ dt. ämbljach (> Amlach).

§ 33 Jotierung

Sequenzen aus Konsonant und nachfolgendem j wurden zunächst zu palatalen Konsonanten kontrahiert und dann auf verschiedene Weise weiterentwickelt. Im Altkirchenslawischen ist bereits der Zustand nach der Jotierung verschriftlicht: čaša, svěšta, žьvati, dateľь, dъždь, rybaŕь u. dgl. aus ursl. *čjā˙sjā˙, *swajtjā˙, *dā˙telju, *duzdju, *rū˙bārju. Die Jotierung wurde also vor ca. 860 durchgeführt. Sicher vor der Jotierung ←58 | 59→entlehnt ist nachursl. *ambljā˙xu ‣ *ämbljach (> Amlach), weil j den Umlaut a > ä ausgelöst hat und dazu noch vorhanden gewesen sein muss. Nach der Jotierung entlehnt ist (nachursl. *dobrī˙tj-, >) *dobrī˙ť- ‣ dt. *döfrike (= Defereggen, zur Substitution ťk ‹gg› siehe § m), weil tj nicht hätte ersetzt werden müssen.

§ 38 Wandel ȳ > ī

Das durch § 16 entstandene ȳ fiel im Südslawischen wahrscheinlich um 1000 mit ī zusammen.27 Beispiele sind *, *rȳ˙bā˙ > sln. ‚wir‘, ríba ‚Fisch‘. Der Wandel beendete die Substitution ȳū, ī (§ f), weil das dem Deutschen fremde ȳ nun einen Lautwert angenommen hatte, den das Deutsche in seinem ī wiederfand. Das Durchführungsdatum um 1000 zeigt, dass die traditionelle Etymologie von Leisach (< nachursl. *ljūbȳšjā˙xu) lautgeschichtlich nicht aufgeht (mehr dazu im Glossareintrag).

Nach Ausweis der Freisinger Denkmäler ist dieser Wandel jünger als der Zusammenfall von ь und ъ28, bei Marka ist dieser Zusammenfall aber als § 39 vermerkt, also nach § 38. Um die Nummerierung Markas nicht zu stören, verzichte ich hier aber auf einen Tausch der Siglen.

§ 39 Zusammenfall von ь und ъ

Die beiden „reduzierten“ Vokale ь und ъ fielen im 10. Jh. zu einem Laut zusammen.29 Wie dieser neue Laut ausgesprochen wurde, kann man über ihre Schreibung in den Freisinger Denkmälern erschließen, denn in ihnen sind „die asl. Laute in althochdeutscher Aussprache dar[gestellt]“30. Wenn nun dort beide Laute ь und ъ unterschiedslos mit ‹e› ~ ‹i› notiert werden31 und diese graphische Variation dieselbe ist, wie Szulc sie für /ɛ/ (= [ɛ, ə], hier /ë/) in den abgeschwächten Flexionssilben ←59 | 60→feststellt32, kann man vielleicht annehmen, dass der Lautwert von ь, ъ nach deren Zusammenfall eben [ɛ, ə] o. ä. gleichkam. In den Freisinger Denkmälern kam also jener Ersatz zum Zug, der in diesem Aufsatz als Substitution § k beschrieben ist: ə wird durch e~ ə (geschrieben ‹e› ~ ‹i›) ersetzt. Der neue Laut ə löste im Deutschen keinen Umlaut mehr aus, weil er dazu nicht mehr palatal genug war.

Nach Marka fallen beide Laute ь und ъ zunächst in ь zusammen. Durch einen späteren Wandel stellt sich der Lautwert ə ein. Ich fasse hier die beiden Wandel aus den oben angeführten Gründen zu einem zusammen und rechne mit einer direkten Entwicklung zu ə.

Beispiele sind (ursl. *stigā˙, *duzdju >) *stьzā˙, *dъžďь > sln. stəzà ‚Fußweg‘, də̀ž ‚Regen‘. Ohne Umlaut und daher nach dem Wandel ь, ъ > ə entlehnt ist (nachursl. *kālьcь >) *kālə ‣ *kālez (> kålz = Kals).

§ 41 Kapovićs Zwei-Moren-Gesetz

Langvokale wurden gekürzt, wenn sie vor der betonten Silbe standen und auf sie zwei oder mehr Moren folgten. Ein Langvokal hatte zwei Moren, Kurzvokale eine und Jer (hier ə) eine halbe. Wie mir Kapović schriftlich mitteilt, erfolgte die Kürzung in gemeinslawischer Zeit, vielleicht im 9. oder 10. Jahrhundert.33

Vor dem Wandel entlehnt sind wegen ihrer erhaltenen Länge nach- ursl. *dēβīno ‣ dt. *dēwīn (→ Deawent = Debant) ¶ *ljūbīsjā˙xu ‣ dt. *ljǖbīṡjach (> Leisach) ¶ *prēgrā˙du oder - ā˙ ‣ dt. *prēgrād (→ Prägraten)

Nicht jede gekürzte slawische Länge ist durch Kapovićs Zwei-Moren-Gesetz entstanden: In den Beispielen *ā˙se(ni)nīku ‣ *ǟßenīk (> ÄßnikAssling) ¶ *kāləkālez (> kålz = Kals) hätte der Wandel etwa gar nicht wirken können, weil der lange Vokal selbst betont war (*ā˙se(ni)nīku) bzw. weniger als zwei Moren nach dem zu kürzenden Vokal standen (*kālə). Ihre heutige Kürze haben diese beiden Namen im Rahmen der deutschen Kürzung betonter Langvokale (§ Y, siehe dort) ←60 | 61→erhalten. Beispiele mit vollzogenem Zwei-Moren-Gesetz gibt es unter den hier behandelten Namen nicht.

§ 50 Ausfall der schwachen Jerlaute

In sogenannter „schwacher” Position fiel das Fusionsprodukt von ь und ъ (siehe § 39) aus. Nach Greenberg war „the loss of weak jers […] substantially in progress by the end of the 10th c and completed shortly thereafter.”34 Beispiele sind *dьnь, *mъxъ *rūdьnīkъ > sln. dȃn ‚Tag‘, mȃh ,Mohn‘, rȗdnik ‚Erzberg‘.

§ 57 Slowenische Akzentretraktion („primary retraction“)

Im Slowenischen wurden Oxytona je nach Kontextbedingung zu verschiedenen Zeiten beseitigt. Nach Marka erfolgte die Erste Akzentretraktion (§ 58) nur in Wortformen mit auslautenden geschlossenen Silben, die Zweite (§ 59) in solchen mit auslautenden offenen Silben. Greenberg hingegen unterscheidet die beiden Retraktionen nach der Quantität des Vokals in der Pänultima: Die „primary retraction“ wirkte zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert und erfasste Oxytona mit Langvokalen in der Pänultima (z. B. *zīma > zíma)35, die „secondary retraction“ wirkte viel später, nämlich im 15. oder 16. Jahrundert, und erfasste oxytonierte Wortformen mit kurzer Pänultima (z. B. *potok > pótok ‚Bach‘)36.

In Kals wurde der Akzent möglicherweise erst im Slowenischen zu-rückgezogen, und da der ehemals vortonige Vokal lang war, ist nach Greenberg allenfalls die „primary retraction“ zum Zug gekommen: (ursl. *kā˙liku >) *kāləc > *kā.ləc ‣ *kālez > *kålz.

2.2. Lautwandel des Deutschen/Bairischen

Der älteste deutsche Lautwandel, der in den Osttiroler Gemeindenamen slawischer Herkunft nachgewiesen werden kann, ist der j-Schwund (§ H). Die Lautgeschichte beginne ich hier jedoch einige Wandel vorher, nämlich mit solchen, die wichtige Substitutionen auslösen oder in einem ←61 | 62→ „Feeding“-Verhältnis zu einem späteren Wandel stehen. Zur Erinnerung: Die Lautwandel sind chronologisch nach dem vermuteten Durchführungsdatum gereiht.

Tabelle 2: Lautwandel des Deutschen/Bairischen

←62 |
 63→

Vor § A, also ungefähr im beginnenden 8. Jahrhundert, hatte das angehende Althochdeutsche das folgende Lautinventar:37

Vorausgesetzt ist dabei bereits ein Teil der Wirkung der Hochdeutschen Lautverschiebung. Sie hat allem Anschein nach gestaffelt stattgefunden:38 Zuerst erfolgte im Bairischen zwischen 600 und 650 die kontextunabhängige Tenuesverschiebung von p und t sowie die inlautende Verschiebung von k. Die Lenesverschiebung erstreckte sich zwischen 700 und 800 und erfasste zuerst d, dann b, und zuletzt g. Die Verschiebung von anlautendem k wird zwischen 740 und 780 datiert. Berücksichtigt ist in der Darstellung die Verschiebung von p, t, d sowie von inlautendem k.

Das dargestellte System wurde durch die nachfolgenden Lautwandel schrittweise verändert.

§ A Hebung ē, ō > ẹ̄, ọ̄

Unter dem Druck der sich anbahnenden Monophthongierung ai, au > ē, ō (§ B) wurden die alten Monophthonge ē, ō zu ẹ̄, ọ̄ gehoben: *hēr > *hẹ̄r (> ahd. hier) ¶ *mōter > *mọ̄ter (> ahd. muoter). Dies verhinderte, ←63 | 64→dass die alten ē, ō mit den neuen aus der Monophthongierung zusammenfielen. Wie in den Beispielen sichtbar wird, fallen die gehobenen Vokale später der Diphthongierung (§ F) zu.

§ B Monophthongierung ai > ē, au > ō

Vor h, r, w wurde ai zu ē gewandelt, vor h oder Dental au zu ō, und zwar im 7. oder 8. Jahrhundert:39 vahd. *mairo > ahd. mēro ‚mehr‘ ¶ vahd. *taud > *tōd > ahd. tōt. Diesen ē und ō entsprechen in klassischer Notation mhd. ê, ô. Nach dem Wandel entlehnt sind nachursl. *dēβīno ‣ *dēwīn (→ Deawent = Debant) und *prēgrā˙du oder *- ā˙ ‣ *prēgrād- (→ Prēgråten = Prägraten), weil ihr Wurzelvokal sich wie mhd. ê verhält und sich daher diesem angeschlossen haben muss: ê wird im Südbairischen generell zu ea, in manchen Gebieten wie dem hinteren Iseltal ist er durch monophthongisches ē vertreten. Mehr zur dialektalen Entwicklung der verschiedenen e-Laute in § M (Anmerkungen zu , e), § Q und § V.

§ C i-Umlaut

Der althochdeutsche i-Umlaut wandelte a, o, u, ā, ō, ọ̄, ū, ai, au, iu zu ä, ö, ü, ǟ, ȫ, ø, ǖ, äi, äü, vor unbetontem i, ī und j.40

o > ö: In Erbwörtern kann ö nur durch Analogie erklärt werden, weil es o, aus dem es hätte entstehen müssen, im Ahd. nur vor Silben mit a, e, o geben konnte.41

ọ̄ > ø > Die Diphthongierung ọ̄ > (letztlich) uo beginnt im Bairischen ab 800 (siehe § F), also erst nach dem Umlaut. Daher ist im Bairischen ọ̄ noch monophthongisch anzusetzen, und ebenso das unmittelbare Ergebnis seines Umlauts, ø. Dieses Zeichen habe ich aus typographischen und kosmetischen Gründen gewählt; man stelle sich einen Laut zwischen ȫ und ǖ vor. Die ahd. Diphthongierung (§ F) wandelte anschließend ẹ̄, ọ̄ und ø zu ie, uo und üö.

au > äü: Die Assimilation von au > ou (§ G) ist vermutlich wenige Jahrzehnte jünger als der Umlaut. Folglich musste durch den Umlaut zuerst äü entstehen und erst daraus im Zuge der genannten Assimilation öü.

ai > äi: Wenn es den Umlaut au > äü gab, muss man der Konsequenz halber auch jenen von ai > äi ansetzen. Die Unterscheidung zwischen ai und äi ist jedoch weiter ←64 | 65→nicht relevant, weil ai später ohnehin zu ei gehoben wird (§ G) und auf diesem Weg äi wieder absorbiert.

iu > : In bestimmten bairischen Dialekten, darunter auch im Tirolischen, muss man mit einem eigenen, umgelauteten Diphthong rechnen, der sich verschieden von iu entwickelt und nicht wie überall sonst mit ǖ aus umgelautetem ū zusammenfällt:42

Der Umlaut erfasste alle Vokale und Diphthonge gleichzeitig zu Beginn der althochdeutschen Periode.44

Alle Inputs des Wandels haben genau einen Output (z. B. ū > ǖ), bis auf kurzes a: Aus diesem wird grundsätzlich ä, wenn nicht unmittelbar darauf einfaches h (im Oberdeutschen) oder Konsonantenverbindungen wie hs oder ht folgten – in diesem Fall kam es zur Hebung von ä zu .45 Dieses ist von altem e verschieden, weshalb ich es auch graphisch eigens markiere.

Unterschiedliche Lautkombinationen haben den Umlaut überhaupt verhindert, so etwa r und w bei iu (vgl. tiuri > tirol. tuier ‚teuer‘)46, oder, unter vielen anderen, velare Konsonanten bei u (vgl. bair. Bruggn ‚Brücke‘, Muggn ‚Mücke‘, Kuchl ‚Küche‘).47

Wenn der Umlaut tatsächlich in einem Zug erfolgte, so ist die traditionelle Annahme, der i-Umlaut wäre in einen „Primär-“, „Sekundär-“ und „Restumlaut“ gestaffelt gewesen, lautgeschichtlich nicht zutreffend; ←65 | 66→bezogen auf ihr Erscheinen in der Schreibung behalten die Begriffe aber ihre Gültigkeit.

Wiesinger beobachtet, dass „bei eingedeutschten slawischen Namen slaw. ь, i, j keinen Primärumlaut zu ahd. e, sondern bloß Sekundärumlaut zu ä auslösen konnten“48. Ich halte dem entgegen, dass in seinen Beispielen Fladnitz, Gafring, Safen und Sarming ursprünglich langes ā vorlag (< ursl./nachursl. *blā˙tinī˙cā˙, *gā˙brinī˙kā˙, *ā˙bī˙nā˙, *džā˙binī˙kā˙). Langes ā hatte wie alle anderen Umlautinputs außer a nur einen Output, und dieser war ǟ und niemals e. Übrig bleiben nur Palt, Palten und Garsten [gāštn]49 (< ursl. *ba̲͟l˙tī˙nā˙, *garišťej˙nā˙ oder *garišťī˙nā˙50) mit echt kurzem a, die deshalb kein e haben, weil vor einer Folge aus Liquida + Konsonant „Sekundärumlaut“ zu ä eintritt, wie Wiesinger selbst andernorts schreibt51.

Gleiches gilt für Romanismen wie *Adula, *Agira, *Maduca, *Glasia, *Vallacia, Plānitia,52 die wohl alle noch im Romanischen die Dehnung in offener betonter Silbe mitmachten53, wenn a nicht schon wie im letzten Beispiel von Haus aus lang war. Somit liegt auch hier überall ā vor, das niemals dem „Primärumlaut“ zu e hätte unterliegen können. Übrig bleiben *Carrīna, *Carsiānum, *Daciānum, *Planicia, wobei auch in den ersten beiden wieder eine Folge aus Liquida + Konsonant nach dem umzulautenden Vokal steht, die ja den „Sekundärumlaut“ zu ä auslöst. Hinzu kommt bei allen vier Beispielen, dass sich der Umlautauslöser in betonter Silbe befindet, was Schulzes Umlautbedingungen widerspricht. Vielleicht sind die Beispiele, zumindest einige von ihnen, so zu werten, dass sie nach der Rundung a > å, also nach ca. 1200 ins Bairische gelangt sind, sodass a durch ä substituiert werden musste. Die fehlende Akzentretraktion in *Planicia (> Planitschen) deutet ja ohnehin auf eine Entlehnung nach 1050 hin.

Dass es aus dem Slawischen keinerlei Ortsnamen mit „Primärumlaut“ a > gibt, ist schlicht auf das äußerst enge Zeitfenster zurückzuführen, in dem der Sprachkontakt zwar schon hergestellt war, slaw. a aber noch nicht o war, d. h., zwischen 750 und 830. In den wenigen Fällen, die es in dieser Zeit doch ins Deutsche geschafft haben, konnten dem Primärumlaut leicht die Eigenheiten der slawischen Ortsnamenbildung ←66 | 67→in die Quere kommen: Man denke an das Suffix «- jane» (= ° hjā˙ne54 in morphematischer Darstellung), das später nach Labialen die l-Epenthese auslöste. Die Epenthese wiederum schafft ungünstige Konsonantenverbindungen für den Primärumlaut, sodass die entsprechenden Beispiele an seiner Stelle den Sekundärumlaut zeigen.

Wie in § h dargelegt sind Slawismen mit deutschem Umlaut nicht zwangsläufig vor § C entlehnt. Möglicherweise wirklich vorher entlehnt sind nachursl. *ambljā˙xuämbljach > Amlach, wenn meine Etymologie stimmt ¶ *ā˙sen(in)īkuǟßenikAssling ¶ nachursl. *ljūbīsjā˙xuljǖbīṡjach > Leisach.

§ D Wandel s >

In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts wurde s zu gewandelt.55 Der Wandel löste die Substitution § i aus (siehe dort).

§ E Wandel b > p und k > kch

In der letzten Phase der Zweiten Lautverschiebung wandelte sich im Bairischen zwischen 740 und 780 b in allen Positionen zu p und k im Anlaut zu kch.56 Das Slawische kannte b weiterhin, und wenn dieses nun über ein Lehnwort ins Deutsche gelangte, wurde es durch f ersetzt (Substitution § j, mehr siehe dort). Inlautend wurde b > p um ca. 1050 wieder rückgängig gemacht57, sodass auch die Susbstitution hinfällig wird.

§ F Althochdeutsche Diphthongierung

Durch die althochdeutsche Diphthongierung wandelten sich ẹ̄, ọ̄, ø zu letztlich ie, uo, üö (s. § C, Anmerkungen). Dies geschah im späten 8. ←67 | 68→Jh.58 Beispiele sind *hẹ̄r, *mọ̄ter, *bøßen > ahd. hier, muoter, *büößen ‹buoʒen›59 ‚büßen‘.

§ G Hebung ai, äi > eiau > ouäü > öü

Die Monophthongierung ai, au (§ B) wirkte kontextbedingt und ließ damit ai, au in gewissen Positionen unberührt. In den verbleibenden Diphthongen ai und au sowie in den inzwischen aus dem Umlaut (§ C) entstandenen äi, äü wurde der erste Bestandteil durch Hebung an den zweiten assimiliert, sodass ei, ou und öü entstanden. Die Hebung wird auf 800 datiert60 und ist somit von der mindestens hundert Jahre älteren Monophthongierung ai, au (§ B) gesondert zu betrachten – und nicht als das verunglückte Ergebnis derselben totalen Assimilation, wie sie eine Monophthongierung naturgemäß darstellt61.

§ H j-Schwund

In einer Sequenz aus CjV entfällt j. Beispiele aus Erbwörtern sind: *suntja, *burgjo, *mukkja, *hōrjan > *sünta, *bürgo, *mükka, *hȫran = ‹sunta›, ‹burgo›, ‹mucca›, ‹hōren› (9. Jh.).62 Weil j noch den Umlaut auslösen konnte, ist sein Schwund nach den Umlaut zu datieren („Counterbleeding“). Vor dem Schwund verursachte j die Verdoppelung des vorausgehenden Konsonanten, wenn unmittelbar vor diesem ein Kurzvokal stand63, vgl. das Beispiel *mükka oben.

Vor Durchführung der Jotierung (§ 33) konnten Sequenzen mit CjV über slawische Entlehnungen ins Deutsche gelangen.

←68 | 69→

Vor dem Schwund entlehnt ist nachursl. ambljā˙xu ‣ *ämbljach > Amlach, denn ohne j wäre es in diesem Beispiel nicht zum Umlaut gekommen. j muss also zum Entlehnzeitpunkt noch da gewesen sein.

§ I Kürzung unbetonter Langvokale

Unbetonte Langvokale wurden um ca. 900 gekürzt.64 Beispiele sind D. Pl. zungōn > *zungon > zungun ¶ Komp. liupōr > liupor ¶ Konj. Präs. helfēs > helfesēwīc > ēwic.65

Vor dem Wandel entlehnt sind nachursl. *dēβīno ‣ *dēwīn > *dēwin (→ Deawent = Debant) ¶ *prēgrā˙du oder - ā˙ ‣ *prēgrād > *prēgrådPrägraten ¶ *slātīnā˙‣ *ṡlǟtīn > *ṡlǟtin (> Šlāten = Schlaiten), denn in ihnen wurde der Langvokal der unbetonten zweiten Silbe gekürzt. Entlehnungen mit dem Suffix ursl. ° in|ejk66 (> ° in|īk) wie Leibnig (< nachursl. *lī˙pinīku) zeigen, dass die Kürzung vor der Diphthongierung stattgefunden hat: Die Kürzung der Nebensilbe verhindert, dass - nīk zu - neik diphthongiert wird („Bleeding“), während in der Tonsilbe Leib-die Diphthongierung regelgemäß eintritt. Nach der Kürzung, aber vor der Diphthongierung entlehnt ist nachursl. *dēβīno ‣ *dēwīn > *Dēwein (Länge rekonstruiert), eine Nennung in der Belegkette von Debant: Das ei im Nachton ist nur über langes ī erklärbar. Vgl. hierzu den die Parallele Diwein (sl. Devin, aus dem Maskulinum *dēβīnu), ital. Duino.67

§ J Wandel der Endsilbenvokale zu e~ ə

Um ca. 1050 ist zunächst a, o, u in Endsilben bereits mit e zusammengefallen; später folgt auch i.68 Ausgenommen hiervon sind die Fremd-suffixe - nik und - ach, weil sie wohl ihren suffixalen Charakter im Deutschen bewahren konnten.69 Eine weitere Ausnahme bildet Prägraten mit seinem a in der zweiten Silbe (sie stand ursprünglich auch im Auslaut): Hier ist der Wandel zu e~ ə wohl deshalb nicht eingetreten, weil die Bildung *prēgrad als Kompositum verstanden wurde, denn augenscheinlich ←69 | 70→behielten die lexikalischen Morpheme ihre Vokalqualität in unbetonter Silbe, so lange sie als solche wiedererkannt wurden, vgl. mhd. âbentrôt, wîzbrôt > nhd. Abendrot, Weißbrot und ûzrîzen > ausreißen70. War das betreffende lexikalische Morphem verblasst, so trat regelgemäß die Schwächung ein: ahd. wer- ald (eigentlich ‚Menschen-Alter‘, ‚Menschen-Zeit‘71) > mhd. werlt > nhd. Welt. In Prägraten ist gewissermaßen ein „Kompromisszustand“ reflektiert: Das ā wurde zwar nach § I gekürzt, nicht aber zu e abgeschwächt.

Entlehnungen, die die Kürzung der unbetonten Langvokale (§ I) durchlaufen haben, durchlaufen in der Regel auch diesen Wandel (zur Ausnahme Prägraten s. o.): nachursl. *dēβīno ‣ *dēwīn > *dēwin > *dēwen (→ Deawent = Debant) ¶ *slātīnā˙‣ *ṡlǟtīn > *ṡlǟtin > *ṡlǟten (> Šlāten = Schlaiten).

§ K Wandel sk > š

Mitte des 11. Jahrhunderts wandelte sich sk zu š (geschrieben ‹sch›).72 Beispiele sind ahd. drëskan, tisk, scoup > drëschen, tisch, schoup ‚dre-schen‘, ‚Tisch‘, ‚Bündel‘.73 Von diesem Wandel wurden keine der Gemeindenamen erfasst, aber er löste die Substitution § n aus.

§ L Neuhochdeutsche Diphthongierung

Die Neuhochdeutsche Diphthongierung erfasste ī, ū und ǖ und wandelte sie zu ei, ou und öü. Der Wandel muss sich bereits vor ca. 1100 ereignet haben, denn ab dieser Zeit tauchen die ersten diphthongischen Schreibungen in Südtirol auf74; wenige Jahrzehnte später folgen Nachweise im Donauraum75. Ein Beispiel mit allen drei Vokalen ist *mīn nǖwes hūs > *mein nöüwes hous. Entlehnungen, die durch die Umlautsubstitution (§ h) ein ǖ erhalten haben, erfahren auch die Diphthongierung: *ljūbīsjā˙xu ‣ *ljǖbīṡjach > *löübiṡach (> Leisach).

←70 | 71→
§ M Neuhochdeutsche Dehnung

Unmittelbar vor der Neuhochdeutschen Dehnung gab es an Kurzvokalen i, , e, ä, a, ö, o, ü, u. Diese wurden in betonten offenen Silben ge-längt76, wobei zunächst keiner von ihnen mit einer bereits bestehenden Länge – das waren damals ē, ǟ, ā, ȫ, ō – zusammenfiel. Der Wandel geschah im Bairischen im 12. Jahrhundert.77

i, ü, u: Die Langvokale ī, ǖ, ū gab es wegen der Diphthongierung (§ L) nicht mehr, daher kam es zu keinem Zusammenfall: mhd. *mīn, *ṡiben > mein, sīben ‚sieben‘.

, e: Das aus dem Primärumlaut entstandene wurde unter Längung zu geschlos-senem ẹ̄, e aus germ. e hingegen zum offenen ë̄, beide verschieden von altem ē aus germ. ai und von ǟ aus umgelautetem ā: *lẹgen, *regen, *ṡnē, *zǟhe > *lẹ̄gen, *rë̄gen, *ṡnē, *zǟhe > *lẹ̄gen, *rë̄gen (bis heute in den konservativen Mundarten ver-schieden78), (> § Q) šnea, (> § R) zāch. Wegen dieser Opposition braucht es für gedehntes e auch ein eigenes Graphem (hier ë̄ nach Kranzmayer).

a: Wie aus zeitgenössischen Urkunden hervorgeht, blieb auch neu gedehntes ā zu-nächst verschieden von altem ā; später fielen aber im Bairischen beide Laute zusammen.79 Dieser Zusammenfall hat sich vor dem Wandel a, ā > å, ǡ (§ N) ereignet, weil beide ā-Laute diesem Wandel unterschiedslos anheimfallen: blāsen, Hasen > blǡsen, Hǡsen. Ich rechne daher in diesem Aufsatz vereinfachend mit einem sofortigen Zusammenfall.

ä: Auch neu gedehntes ǟ war zuerst noch verschieden von altem ǟ, wie die getrennte Behandlung in bairischen Sprachinseln zeigt, sonst sind die beiden Laute aber zusammengefallen.80 Der Zusammenfall „feedet“ den Wandel § R: zǟhe, Stäblein > zāch, Stābl. Daher rechne ich auch hier vereinfachend mit einem sofortigen Zusammenfall.

o: o wurde unter Längung zu ọ̄ und blieb damit verschieden von altem ō aus germ. au (§ B). Offenes ō erfährt im Gegensatz zum geschlossenen ọ̄ die Südbairische Diphthongierung § Q: (mhd. *brōt, *hoṡen >) Brōt, Họ̄ṡen > Broat, Hōsen.

ö: Der Kurzvokal ö kam selten vor, zumal er in Erbwörtern ausschließlich durch Analogie entstanden ist81, und umso seltener ist das Dehnungsprodukt ȫ (> ø, zum Symbol s. § C, Anmerkungen). Durch die Entrundung fiel dieses ø später mit ẹ̄ zusammen. Beispiele sind *blöd, *höfe, *vögel > *blød, *høfe, *vøgel > blẹ̄d, Hẹ̄f, Fẹ̄gl.

←71 | 72→

Zwar zeigt keiner der hier behandelten Gemeindenamen die Neuhochdeutsche Dehnung, doch ist es wichtig, die Ergebnisse und ihre Reflexe zu kennen, damit man sie von jenen der alten Langvokale unterscheiden kann, siehe die Beispiele oben in den Anmerkungen unter , e.

Zwischenbilanz

Mit dem Wandel § M hat das damalige Bairische sein vielfältigstes Vokalinventar erreicht: Es verfügte über 9 Kurzvokale, 12 Langvokale, 6 Diphthonge und drei Elemente unbekannter Ausprägung.

Tabelle 382

Das Konsonanteninventar hingegen hat sich seit dem Althochdeutschen nur wenig geändert:

Tabelle 483

←72 | 73→

Die darauffolgende Periode der Sprachgeschichte ist gekennzeichnet durch das Bestreben, die Überlast und die Asymetrie im Vokalismus abzubauen. Der erste Schritt in diese Richtung ist der Wandel a, ā > å, ǡ (§ N). Durch ihn wird die unterrepräsentierte Reihe der Hintervokale gestärkt. Es folgen fünf weitere Lautwandel, die das Vokalninventar radikal vereinfachen: Die gesamtbairische Entrundung der Vordervokale (§ P), die Südbairische Diphthongierung von ē und ō (§ Q), der gesamtbairische Wandel ä, ǟ > a, ā (§ R), der nicht überall erfolgte Zusammenfall von e und ē (in Tabelle 3 noch ë̄) mit und ẹ̄ (§ V) sowie die gesamtbairische Diphthongierung von ē und ō (in Tabelle 3 noch ë̄, ẹ̄ bzw. ọ̄, siehe § W).

§ N Wandel a, ā > å, ǡ

Charakteristisch für das Bairische ist die Vertretung von mhd. a, ā durch å, ǡ. Dieser Wandel fand im 12. oder 13. Jahrhundert statt.84 Vor dem Wandel entlehnt sind nachursl. *prēgrā˙du oder - ā˙ ‣ *prēgrād > *prēgråd (= Prägraten) und kālə ‣ *kālez > *kǡlez > Kålz (= Kals).

Es fällt auf, dass das Suffix dt. - ach, das nachurslaw. ° hjā˙|xu aufgefangen hat, niemals der Rundung a > å anheimfällt. Dies kann zwei mögliche Gründe haben: Entweder wirkte der Wandel nicht in unbetonten Silben, und wegen der Initialbetonung konnten Suffixe im Deutschen ja nur in solchen Silben vorkommen. Oder aber das Suffix lautete *- äch, zumal es ja aus *- ahi stammt (siehe § d). Gegen die letzte Möglichkeit spricht, dass die Belege ein solches ä niemals ausweisen.85

§ O Synkope

Vokale im Wortinneren wurden getilgt, wenn sie in der Silbe unmittelbar nach der betonten standen.86 Beispiele sind87 ahd. birihha > nhd. Birkediutisc > deutschhẹrizogo > Herzogkẹbis(a) > Kebsekẹlich > Kelchpelliz > Pelzkiricha, chirihha > Kircheweralt > mhd. we(r)lt > nhd. Welt ¶ ahd. hêriro > mhd. herre ‚Herr‘. Von den in ←73 | 74→diesem Beitrag besprochenen Namen haben den Wandel erfahren: *Dö̲liṡach > Dölsach ¶ *Lǖbiṡach > Löübsach (> Leisach).

Die Synkope ist vor die Konsonantenvereinfachung (§ X) zu datieren, weil sie ihr Inputs zuführt, indem sie die Konsonantenverbindungen erst erzeugt („Feeding“), z. B. ahd. werald > werlt > nhd. Welt. Verschriftlicht ist die Synkope in Tiroler Ortsnamen ab dem 13. Jahrhundert: 1165–1170 Liubesach, 1264 Livbsach ¶ 1197 Dolischac, 1201 Tolsach ¶ außerhalb Osttirols: 1231–1234 Anegehterperch, 1279–1284 Angeht(er)p(er)ch, 1294 Angahterberge (> Angerberg, Bez. Kufstein) ¶ ~1152~1169 Galecîns 1212–1242 Galzyns (> Gallzein, Bez. Schwaz) ¶ 1060 Larinmos, 1288 Lermos (> Leermos, Außerfern) ¶ 1101–1120 (Kopie 15. Jh.) Pinezwanc, 1312 Pinswank (> Pinswang, Außerfern) ¶ 1239 Bruttes, 1242 Prutç (> Prutz, Bez. Landeck) ¶ 12. Jh. Svates, 1233 Swats (> Schwaz) ¶ 1175 Trunnes, 1180–1183 Drunse, ca. 1234 – ca. 1239 Truns (> Trins, Bez. Innsbruck-Land).

Früher nachweisbar ist die Synkope in 977–981 Zirala, 1050–1065 Zirla (> Zirl, Bez. Innsbruck-Land) ¶ 769 Anarasi, 1050–1065 Anras (Osttirol) ¶ 1143 Vmiste, 1147–1155 Vmste (= *Ümṡte > Imst) ¶ 12. Jh. Phanese, Phanes – 1050 Phans (> Pfons, Bez. Innsbruck-Land). Die Synkope erfolgte also vermutlich gestaffelt je nach lautlicher Umgebung, wobei aber an den genannten Beispielen keine entsprechenden Muster auszumachen sind.

§ P Entrundung

Ein weiteres Kennzeichen des Bairischen ist die Entrundung der vorderen gerundeten Vokale und Diphthonge ö, ȫ, ø, ü, ǖ, öü, üö zu e, ē, ẹ̄, i, ei, ie. Die Ergebnisse fielen allesamt mit bereits bestehenden Vokalen und Diphthongen zusammen.

ö fiel mit aus § C (i-Umlaut) zusammen:88 *dörfer, *mẹnneš ‚Mensch‘ > dẹrfer, mẹnš

ȫ mit ē aus § B (Althochdeutsche Monophthongierung):89 *bȫser ṡnē > *bēser ṡnē > § Q südbair. beaser šnea

ø mit ẹ̄ aus § M (Neuhochdeutsche Dehnung): *høfe, *lẹ̄gen > hẹ̄f, lẹ̄gen

ü mit seit germanischer Zeit unverändertem i:90 *hütten, *bitten > hitten, bitten

←74 | 75→

ǖ mit ī aus § M: *ǖbel līgen > ībel līgen

öü mit ei aus § L (Neuhochdeutsche Diphthongierung):91 *meine höüser > *meine heiser > maine haiser

üö mit ie aus § F (Althochdeutsche Diphthongierung):92 *liebe hüöte > *liebe hiete > liabe hiat(e).

Der Wandel wird in der Literatur zwischen der Mitte des 12. Jahrhunderts und dem 13. Jahrhundert datiert93, er muss jedoch vor der Südbairischen Diphthongierung stattgefunden haben, wie die Gleichheit der Diphthonge in beaser šnea zeigt, die andernfalls nicht zustande gekommen wäre („Feeding“).

Entlehnungen, die nach der Umlautsubstitution (§ h) einen gerundeten Vordervokal erhalten haben, erfahren letztlich auch die Entrundung: nachursl. *ljūbīsjā˙xu ‣ *ljǖbīṡach > *löübṡach > *leibṡach > Leisach ¶ *dobriť- > *döfrike > Defreggen (= Defereggen).

§ Q Südbairische Diphthongierung94

Aufgrund der Neuhochdeutschen Dehnung (§ M) war es zu einer Überlast an mittleren Langvokalen gekommen. Diese wurde ab 1200 auf verschiedene Weise aufgelöst. Im Südbairischen, dem unser Untersu-chungsgebiet angehört, wurden die langen Mittelvokale ē, ō (= mhd. ê, ô) zu ea, oa diphthongiert. Beispiele sind: *brōt, *ṡnē > broat, ṡnea (> šnea) ¶ nachursl. *dēβīno ‣ *dēwīn > Deawent (= Debant).

Nach den Beobachtungen von Maria Hornung aus den Jahren 1957–1959 ist mhd. ê nur in Villgraten, im Pustertal bis Assling und im Osttiroler Lesachtal durch ea vertreten, sonst durch ē.95 Kranzmayer berichtet von mehreren Einsprengseln im südbairischen Raum mit (rückgebildeten) monophthongischen Reflexen; in Osttirol ist ihm zufolge nur das obere Iseltal betroffen.96 Da Kranzmayers Untersuchungen ←75 | 76→älter sind als jene Hornungs, ist der Befund am wahrscheinlichsten so zu deuten, dass sich in Osttirol das ē-Gebiet zwischenzeitlich zu Gunsten des ea-Gebietes ausgedehnt hatte.

Monophthongische Aussprache für ê pflegen meine Auskunftspersonen Michael Weiskopf (Prägraten, *1983) und Brigitte Huber (Nußdorf, *1962), etwa in den Wörtern Schnee, Weh, Klee (ẹ̄), während sie gedehntes e und ë als ei sprechen (leigŋ, reidn, reigŋ, leibm). Dass in Nußdorf vor wenigen Generationen noch ea gepflegt wurde, zeigt die Lautung Deawent (< *dēβīno), in der slaw. ē als ea wiedergegeben ist. Der Diphthong kann im Talboden sonst nur aus der Folge er entstanden sein, und diese Möglichkeit entbehrt jeder Grundlage. Es handelt sich also ziemlich sicher um ein Relikt des alten Diphthongs. In Prägraten hingegen liegt die Rückbildung ea > ē offenbar schon länger zurück, denn sie hat auch den Gemeindenamen erfasst; Näheres im Glossareintrag.

Nach diesem Wandel schreibe ich ē für ë̅ und ō für ọ̄ (beide aus § M), weil keine Notwendigkeit mehr besteht, sie graphisch auseinanderzu-halten.

§ R Wandel ä, ǟ > a, ā

Nach § N gab es im Bairischen kein a und ā mehr. Ab 1200 begannen ä, ǟ diese frei gewordene Position einzunehmen.97 Auch Entlehnungen, die durch die Umlautsubstitution (§ h) ǟ oder ä erhalten haben, erfahren diesen Wandel: (nachursl. *ambljā˙xu ‣ *ämbljach >) *ämlach > Amlach ¶ (*ā˙se(ni)nīku ‣) *äsnikAssling.

§ S Wandel mb, mp > m(m)

Beispiele für diesen Wandel sind: mhd. tump > nhd. dumm ¶ ahd. hum-bal > nhd. Hummelkamb > Kamm ¶ mhd. klimben > nhd. klimmenlamp > Lammzimber > Zimmer.98

Nach Kranzmayer hat der Wandel im Bairischen nicht stattgefunden, dialektale Aussprachen mit mm seien alle entlehnt.99 Das ist prinzipiell unbestritten, ich weise aber auf *Umbhausen > Umhausen (im Ötztal, ab 1295 ohne b und bis 1667 mit b) hin. Sollte es sich hierbei so verhalten, dass die normierte Schriftlautung in die Mundart übernommen wurde, handelt es sich bei mb > mm eben um ein spontan „entlehntes“ ←76 | 77→Lautgesetz. Es könnte aber auch so sein, dass der Wandel im Bairischen z. B. nur unmittelbar vor Konsonant wirkte. Ein Beispiel aus den Osttiroler Gemeindenamen würde dies nahelegen: (*ämbljach >) *ämblach > *ämlach (> Amlach, ab 1251 nur noch ohne b).

§ T Dissimilation ei, ou, ie, uo > ai, au, ia, ua

Im 13. Jahrhundert wurden die Diphthonge ei, ou zu ai und au dissimiliert.100 Im Bairischen sind diese Diphthonge genetisch verschieden von ahd. ai, au > mhd. ei, ou, denn diese haben sich hier zu oa, ā101 entwickelt. In der Schriftsprache sind sie hingegen zusammengefallen: mhd. einsdrî, boumhûs > bair. oans – drai, BāmHaus; nhd. einsdrei, BaumHaus. Der Wandel ist vor die Gesamtbairische Diphthongierung (§ W) zu datieren, weil daraus entstandene ei, ou nicht mehr dissimiliert werden („Counterfeeding“): dreilẹ̄gen, HausHọ̄sen > drai – leigen, HausHousen.

An diese Dissimilation lässt sich technisch auch die Entwicklung ie, uo > ia, ua anschließen, wenn man das gesamte Lautgesetz folgendermaßen formuliert: „In einem Diphthong mit einem hohen Vokal wurde der nicht hohe Bestandteil zu a gewandelt.“ Ob beide Paare zur gleichen Zeit verändert wurden, ist mir jedoch nicht bekannt.

Zwischenbilanz: Vokalische Lautwandel

§ V ist der erste vokalische Wandel, der nicht auf dem gesamten südbairischen Gebiet Tirols gewirkt hat. Daher ist nach § T gewissermaßen ein „gemeintirolisches“ Vokalinventar erreicht, dessen Entstehung ich in der folgenden Abbildung illustrieren möchte. Der Vollständigkeit halber sind in der Grafik auch die Wandel io > ie, > ǖ sowie die Entwicklung der mhd. Diphthonge ei, ou, öü und iu berücksichtigt. Da die Zwischenetappen der genannten Wandel unklar ist, sind sie mit einem Fragezeichen versehen.

←77 | 78→

Abbildung 6

←78 |
 79→

Abbildung 7

←79 |
 80→
§ U Auslautverhärtung

Eine Art der Verstimmlosung lässt sich bereits seit Beginn der althochdeutschen Schriftlichkeit beobachten102, etwa im 790 entstandenen Vocabularius Sancti Galli (uualt ‚Wald‘, nidic ‚neidig‘), im altbairischen Muspilli von 870 (mittilagart, lant) oder im Freisinger Vaterunser (ca. 800; kip, princ).

Auf eine spätere Auslautverhärtung deutet die Belegkette von Prägraten hin: Das heutige t ist sekundär, denn in den Belegen scheint der Name bis 1471 noch mit Lenis auf (Pregraden). Es wurde aus dem Auslaut, wo es lautgesetzlich entstanden war, in den Inlaut übertragen. Formen mit Fortis (z. B. Pregrat) sind ab 1278 verschriftlicht.

§ V Zusammenfall und e bzw. ē und ẹ̄

In von den Kranzmayer so bezeichneten „ ĕ-Mundarten“ sind die Reflexe von mhd. und e bzw. ē und ẹ̄ miteinander zusammengefallen.103 Zu dieser Gruppe gehören die Mundarten in Oberkärnten und Osttirol mit Ausnahme des Pustertales sowie jene des bayerischen Lechrains und Nordtirols mit Ausnahme des Wipptals und des Gebiets um Kitzbühel.104

Als Auskunftsperson für das konservative Pustertal, allerdings für die Südtiroler Seite (St. Sigmund), kann ich Patrick Abfalterer (*1986) heranziehen. Tatsächlich hält er beide Laute auseinander und spricht für ẹ̄ geschlossenes und für ē offenes langes e: lẹ̄(i)gŋ, rẹ̄(i)dn, kẹ̄(i)gel vs. rȩ̄gŋ, lȩ̄bm, zȩ̄n (< vahd. *lagjan, *raþjōn, *kagila- vs. ahd. *regan, lebān, zehan). In meiner Familie (Innsbruck) wird einheitlich ẹ̄ gesprochen.

Die Ergebnisse dieses Wandels werden hier e und ē geschrieben; es entfallen also die Diakritika, weil nur mehr ein e-Laut übrig ist.

§ W Gesamtbairische Diphthongierung105

Gegen 1300 wurden im Bairischen die neuen Diphthonge ei und ou gebildet. Vorderes ei ist in den „ ĕ-Mundarten“ aus vereinheitlichtem ē entstanden (siehe § V), in den Dialekten, die ẹ̄ bewahren, nur aus disem. ←80 | 81→Hinteres ou ist in allen bairischen Dialektgruppen aus ō entstanden. Beispiele sind legen, Hosen > lẹ̄gen, Họ̄sen > leigen, Housen. In vielen Gegenden ist der Wandel wieder zurückgenommen worden, etwa entlang der gesamten Isar-Donau-Straße. Auch in der Innsbrucker Mundart meiner Familie heißt es bis zum Großvater zurück lẹ̄gen, Họ̄sen.

§ X Konsonantenvereinfachungen

Infolge der Synkope war es im Deutschen zu Konsonantenhäufungen gekommen, manche gab es aber bereits vorher, z. B. in lustsam. Diese wurden nun auf verschiedene Weise vereinfacht, meist aber, indem der erste Konsonant getilgt wurde. Beispiele sind ahd. weralt > mhd. werlt > nhd. Welt ¶ ahd. lustsam > mhd. lussam106. Unter den hier behandelten Gemeindenamen hat den Wandel erfahren: Laibṡach > *Laisach (= Leisach, bis 1342 fast nur mit b, ab 1366 ohne b) ¶ außerhalb Osttirols lässt sich nennen: *Hütpach > *Hüppach (> Hippach, im Zillertal; 1354 in beiden Formen belegt, nach 1354 nur noch ohne t). Diese Art der Konsonantenvereinfachung ist von dem Wandel mb > m(m) gesondert zu betrachten, weil sie nach Ausweis der Belege später stattgefunden hat.

§ Y Kürzung betonter Langvokale

Auf dem Weg zum Neuhochdeutschen wurden betonte Langvokale in geschlossenen Silben gekürzt. Die Kontextbedingungen für den Lautwandel unterscheiden sich zwischen den Mundarten; am konsequentesten ist dieser Wandel im Mitteldeutschen durchgeführt.107

Beispiele aus den Osttiroler Gemeindenamen sind ursl. *ā˙sen(in)īkuAssling, *kā˙likuKals und nachursl. *ā˙mljaxuAmlach nach der traditionellen Etymologie (siehe aber meine neue im Glossar unter Amlach). Ihnen ist gemeinsam, dass der zu kürzende Vokal zum Wirkungszeitpunkt in geschlossener Silbe stand. Betont sind die betreffenden Vokale spätestens seit der Substitution § c.

Keine Kürzung ist erfolgt, wo der Vokal in offener Silbe stand, z. B. *dēβīno ‣ *dēwīn (→ Deawent = Debant) und *prēgrā˙du oder *- ā˙←81 | 82→*prēgrād- (→ Prēgråten = Prägraten; zur sehr wohl erfolgten Kürzung in der Nachtonsilbe siehe § I) ¶ *slātīnā˙ ‣ *ṡlǟtīn (> Šlāten = Schlaiten).

§ Z Wandel > š, s108

Der Zwischenlaut wurde im Bairischen Binnenland völlig beseitigt: Im Anlaut vor Konsonant und im Inlaut in den Verbindungen rṡ, mṡ, ṡp und ṡt wurde er zu š, sonst zu s. Er fiel also mit š aus sk (§ K) oder mit ß aus der Zweiten Lautverschiebung zusammen, für das ich für Zustände nach dem Wandel in § Z stillschweigend s oder ss schreibe. Der Wandel erreichte das Südbairische im 15. oder 16. Jahrhundert, ver-schonte aber zum Teil die bairischen Außenmundarten: Im Zimbrischen ist der Zustand vor dem Wandel vollständig bewahrt, vgl. waßßer, żwain109, ṡtǫan, viß̌ ‚Fisch‘ < mhd. *waßer, *ṡwîn, *ṡtain, *viš.

2.3. Substitutionen

Die folgenden Substitutionen sind bei der Integration slawischer Wörter ins Deutsche eingetreten:

Tabelle 5

←82 | 83→

Einzelne der hier behandelten Substitutionen werden durch die Schreibung des Slowenischen in den Freisinger Denmälern bestätigt, etwa ťk oder die Substitution der Zischlaute.110

§ a Tilgung der slawischen Toneme

Da sie im Deutschen keine Entsprechung haben, werden allfällige Toneme ‒ das sind der urslawische und nachurslawische Akut (˙) und der nachurslawische Neoakut (‧) ‒ getilgt.

§ b Tilgung der slawischen Nominalendungen

Slawische Wörter mussten bei der Übernahme der deutschen Morphologie angepasst werden. Hierzu wurden Nominalendungen wie - ā, - a, - u, - i, bzw. - a, - o, - ъ, - ь getilgt.

§ c Initialbetonung

Bis um 1050 wurden alle Entlehnungen den deutschen Betonungsverhältnissen angepasst, indem sie mit einem Initialakzent versehen wurden.111 Zweifelsfreie Beispiele sind solche, die im Slawischen zum Entlehnungszeitpunkt auf keinen Fall initialbetont sein konnten: gsl. *dolьčā˙xъ ‣ dt. *döliṡach (> Dölsach) ¶ *ljūbīsjā˙xu ‣ *lǖbiṡach (> Leisach) ¶ *prêgrā˙dъprēgrād (→ Prägraten) ¶ *tristjā˙xu ‣ *triṡtjach (> Tristach) – alle unabhängig davon, ob die Betonung der ersten Silbe des Suffixes beteits generalisiert wurde.112 Es könnte sich schließlich über eine Entlehnung herausstellen, dass dies erst im Nachurslawischen geschehen ist.

Außerdem waren im Slawischen Osttirols niemals initialbetont: *dēβīno ‣ *dēwīn (→ Debant) ¶ *slātīnā˙ ‣ *ṡlǟtīn (> Šlāten = Schlaiten).

In zwei Beispielen, die ich hier behandle, kommt (auch oder nur) bereits slawische Initialbetonung infrage: In Amlach dann, wenn die traditionelle Etymologie ‚bei den Grubenbewohnern‘ zutrifft und das Suffix ° jā˙ne noch kein betonungstilgendes ° h aufwies, die Form also phonetisch ←83 | 84→*ā˙mjā˙xu lautete. Assling war zweifellos erstbetont: *ā˙seninejku.

Wortformen, die in ur- und nachurslawischer Zeit keine Betonung hatten,113 erhielten sie im Zug dieser Substitution, z. B. *birgu > Virgen.

§ d Umdeutung des Suffixes nachursl. ° hjā˙|xu114

Viele der slawischen Ortsnamen im Süden Österreichs enden auf - ach und setzen damit ein Ethnikon auf ° hjā˙n im Lokativ Plural fort (‚bei den Leuten von X‘).115 Die Endung lautete in allen hier behandelten Fällen bereits ° hjā˙|xu (oder sogar ° hjā˙|xъ) und nicht mehr ° hjā˙n|su wie noch im Urslawischen116. Die analogische Umgestaltung nach dem Vorbild der anderen Stammklassen ist also zwischen dem Urslawischen und der frühesten hier behandelten lokativischen Entlehnung zu datieren.

Dieses nachurslawische ° hjā˙|xu (in phonetischer Gestalt *- jā˙xu) wurde im Deutschen offenbar als Suffix erkannt, denn nur Suffixe konnten ihre Vokale trotz der Unbetontheit bewahren (siehe § J). Dass es im Deutschen ein (quasi) gleichlautendes Kollektivsuffix - ach (< *- ahi)117 gab, das ebenso in Siedlungsnamen vorkommen konnte (z. B. in Weidach, Forchach), erleichterte wohl die Integration von ° hjā˙|xu. Womöglich kam es sogar zu einer volksetymologischen Einblendung dieses ererbten Suffixes.

Zu bemerken ist, dass das einleitende j des slawischen Suffixes bei diesem Anschluss erhalten geblieben ist, wie der Umlaut zeigt, den es auslöste, bevor es dem j-Schwund (§ H, siehe dort) zufiel.

←84 | 85→

Im Nominativ Plural hatte das slawische Suffix die Gestalt ° hjā˙n|e.118 Von diesem sind z. B. die zahlreichen tschechischen Ortsnamen auf - any (mit geneuertem Auslautvokal) gebildet, z. B. Nýřany, Dobřany, Rokycany bei Pilsen. Im Slowenischen konnte diese Gestalt zu *- je119 verkürzt werden, z. B. Trnje, Lešje, Gorje Batuje statt erwartetem *Trnjani, *Lešani, *Gorjani, *Batujani.120

§ e Identische Wiedergabe c(t)z

Diese „identische Wiedergabe“ trat in Kraft, als das Slawische durch die Assibilierung (§ 13) den Laut c [ʦ] entwickelte, wie ihn das Deutsche bereits kannte. Für [ʦ] schreibe ich der deutschen Gewohnheit gemäß tz oder z. Damit dieses z nicht mit dem ebenso kodierten slawischen stimmhaften Reibelaut verwechselt wird, gebe ich die jeweils gemeinte Sprache an oder verwende das Symbol ‣ und zeige damit den Wechsel vom Slawischen ins Deutsche an.

Die Substitution war in allen Positionen121 und von ihrer Entsehung an zu allen Zeiten wirksam. Von ihr erfasst wurde nachursl. *kālьcь ‣ *kālez (> Kals).

§ f Substitution ȳī, ū

Das Slawische hatte mit ȳ (zunächst wohl [ɯː]122) einen Vokal heraus-gebildet, der dem Deutschen fremd war. Er wurde nach Labialen durch ū ersetzt, sonst durch ī.123 Die Substitution dient in diesem Aufsatz als Nachweis, dass der Umlaut in der traditionellen Etymologie von Leisach (*ľūbȳšā˙xъ ‣ *ljǖbīṡach) allenfalls durch den slawischen Wandel ȳ > ī (§ 38) ermöglicht wurde und nicht durch eine Substitution im Deutschen, denn hier wäre nach Labial ū zum Einsatz gekommen (# lǖbūṡach) und nicht ī.

←85 | 86→

Laut Holzer muss man ab einer gewissen Zeit auch nach Labial mit einer Eindeutschung ȳī rechnen, weil für den Namen Feisterbach (Steiermark, < nachursl. *bȳ˙str-) ein Beleg Visterbach vorliegt, was zeigt, dass heutiges ei auf ī zurückgeht.124 Dabei könnte es sich aber problemlos um eine Entlehnung nach dem slawischen Wandel ȳ > ī (§ 38) handeln.

§ g Identische Wiedergabe ē/ êē

In den ältesten Entlehnungen wurde slaw. ē (> ê) noch durch das geschlossene dt. ẹ̄ (> ie) substituiert, z. B. ursl. *bēlā˙ ‚die weiße“ > Pielach.125 Dies änderte sich, als neues ē (= mhd. ê) aus ai (§ B) entstand, spätestens aber mit der ahd. Diphthongierung (§ F) Ende des 8. Jahrhunderts, als ẹ̄ zu ie geworden war und nicht mehr als Substitut zur Verfügung stand: Fortan kam nur mehr ê als Substitut in Frage, oder, wenn man Wiesinger folgt, kurzes e aus dem Primärumlaut.126

Im hier behandelten Material kann ich aber nur ēê nachweisen, und das zweimal: Debant heißt bodenständig Deawent und zeigt regulär die Südbairische Diphthongierung (§ Q). Wäre Dehnungs- e (§ M) zum Zug gekommen, hieße es heute # Deiwent mit gesamtbairischer Diphthongierung (§ W). Ebenso kann das heute lange monophthongische ē in Prägraten nur auf mhd. ê zurückgehen, denn sonst hieße es heute # Prei- in der ersten Silbe. In Prägraten ist § Q rückgängig gemacht worden oder nie eingetreten, siehe dort. Näheres zur dialektalen Entwicklung der verschiedenen e-Laute siehe auch unter § V.

§ h i-Umlaut

Unmittelbar nach der Wirkung des Umlauts (§ C), nach 750, herrschte im Deutschen folgende phonotaktische Distribution: Umgelautete ä, ö, ü, ǟ, ȫ, ǖ usw. gab es nur vor einer Silbe mit i oder j – sie hatten also keine phonologische Relevanz –, und a, o, u, ā, ō, ū usw. nur vor Silben ohne i oder j. Wurde in dieser Zeit ein Wort mit a, o usw. vor einer Silbe mit i oder j entlehnt, so musste es diesen Verhältnissen angepasst werden, indem der betreffende Vokal umgelautet wurde.

Daraus folgt, dass Lehnwörter mit umgelauteten Vokalen nicht unbedingt so zu werten sind, als wären sie vor dem Wirken des Umlauts ←86 | 87→ins Deutsche gelangt — im Falle von slawischen Lehnwörtern mit heutigem ö ist dies sogar relativchronologisch unmöglich: Das o im Slawischen entsteht erst im 9. Jahrhundert aus a, also zu einer Zeit, da der deutsche Umlaut schon gewirkt hatte. Entlehnungen mit ö in Osttirol haben stattdessen eine kontextbedingte Substitution o > ö mitgemacht, die zwar den Umlaut repliziert, aber zeitlich von diesem zu trennen ist. Ein Beispiel für o > ö ist gsl. *dolьčā˙xъ ‣ dt. *döliṡjach (> Dölsach). Die Substitution blieb im Südbairischen bis ca. 1300 wirksam.127

Die Phonemisierung der Umlautvokale allein ist technisch kein Hindernis dafür, dass die Umlautsubstituion weiterhin wirkt: Zwar standen etwa nach dem j-Schwund (§ H) umgelautete Vokale plötzlich vor Hintervokalen (*sünta, *bürgo, *mükka, *hȫran) und waren somit Phoneme, umgekehrt folgten aber unbetonte Silben mit i oder j ausschließlich Silben mit Vordervokalen. Dies ist das Muster, nach dem die Sprecher des Althochdeutschen die Slawismen anglichen. Erst als dieses Muster nicht mehr gültig war, konnte die Umlautsubstitution aufhören zu wirken, und dieser Zustand war vermutlich mit dem Wandel

der aus dem Umlaut entstandenen ä, ǟ zu a, ā (§ R) erreicht.

§ i Substitution č, š, ž und s, zz (= ts) ~ ß128

Der Wandel s > (§ D) brachte die Substitution der Zischlaute durcheinander: Das neue war nicht mehr dental genug, dass es slaw. s, z auffangen konnte – dafür trat nun dt. z~ ß ein, – aber palatal genug, dass es fortan statt dt. z slaw. č vertrat. An den übrigen Verhältnissen änderte sich nichts: Slaw. c wurde weiter in allen Positionen durch (t)z wiedergegeben, š und ž durch (vor § D war dessen Vorläufer s das Substitut). Bei der Entscheidung zwischen z und ß galt gemäß den damaligen deutschen Distributionsregeln: z kam nur im Anlaut und nach Konsonant vor, ß überall sonst, d. h., in- und auslautend nach Vokal.129

Es stellt sich die Frage, wie in dieser Zeit s und z im Silbenanlaut vor l, n und t behandelt wurden. Eigentlich ist nicht zu erwarten, dass diese durch z~ ß ersetzt ←87 | 88→wurden, denn die Reflexe von germ. t gab es in dieser Position nicht.130 Andererseits ist mit Zlâtina (904, für Schladnitzdorf und Schladnitzbach in der Steiermark, zu «slatьnica»)131 genau eine solche Substitution belegt, wenn auch rein graphisch. Vor t steht in ähnlichen Belegen aber anlautendes s: 860 Strazinolun (> Straßengel, Bezirk Graz-Umgebung)132, 892–903, 902/903 ad Stiuinnam («stьbьna», Stiefern, Bezirk Krems-Land)133, vor 1014 Stederach («strěďaxъ»; Stöttera, Bez. Mattersburg)134 und nicht z. Ich gehe trotz Zlâtina davon aus, dass Silbenanlaute wie slaw. sl, zl, sn, st u. dgl. nach dem Wandel s > durch + Konsonant substituiert wurden, erstens, weil man ansonsten nur für diese Fälle einen eigenen, späteren Wandel zl > šl usw. annehmen müsste, während im Anlaut vor Konsonant ohnehin zu š wird (siehe § Z), und zweitens, weil nachursl. *slātīnā˙ ‣ dt. *ṡlǟ̲tīn > Šlā̲ten (= Schlaiten) zwischen der Liquidametathese (775) und der Nebensilbenkürzung (900) entlehnt wurde – also genau in der Wirkungszeit der Substitution sz, und eben heute mit š anlautet. — Anlautende Sequenzen aus t und anderen Konsonanten, etwa tw, waren im Germanischen durchaus möglich, weshalb slaw. «sv-», «zv-» ohne Probleme durch lautverschobenes zw- ersetzt werden konnten, z. B. Zwettl zu «světьla»135.

§ j Substitution bf

Durch den bairischen Lautwandel b > p (§ E) verschwand gegen 770 der stimmhafte bilabiale Verschlusslaut b aus dem Bairischen. Entlehntes b wurde danach bis ca. 1050 durch f substituiert, zu diesem Zeitpunkt entstand nämlich inlautend aus diesem p wieder b (siehe § E).136 Nachweisbar ist die Substitution in Virgen: nachursl. *birgu ‣ *firg (→ Virgen) ¶ Defereggen: *dobriť- ‣ *döfrike (> *defreke).

Nicht gewirkt hat die Substitution in den Namen Leisach < nachursl. *ljūbīsjā˙xu und Amlach < *ambljā˙xu. Heute ist dieses - b- nicht mehr sichtbar, in den frühen urkundlichen Schreibungen scheint es aber noch auf: Beide Namen können problemlos vor dem Wirken der Substitution, also vor 770 entlehnt worden sein, hat z. B. Amlach doch noch a für späteres o.

←88 | 89→

Nach Kranzmayer137 kam die Substitution b ‣ f nicht zum Zug, wenn b palatalisiert war (das heißt, wenn darauf ein j folgte) oder ein r in der Umgebung stand. Aus Kärnten nennt er die Beispiele Loibl, Prebl, Preliebl (zu nachursl. *ljūbj- > § 8 *ljublj-), Eberndorf (zu *dobr- ‚gut‘), Dombra und Deblach (zu *dǫbr- ‚Eiche‘). Der Einschränkung mit r widersprechen aber die beiden Beispiele Virgen und Defereggen.

§ k Substitution əe

Als nach § 39 ь und ъ zusammenfielen, entstand im Slawischen der Laut ə. Dieser entsprach dt. ə, einem Allophon von /ë/138.

§ m Substitution ťk

Hinweis: § l (= Minuskel von L) wird wegen der Gefahr der Verwechslung mit § 1 (= Ziffer ‚eins‘) übersprungen.

Slawisches ť entstand durch die Jotierung (§ 33) aus tj. Es hatte im Deutschen keine Entsprechung und wurde deshalb durch einen velaren Verschlusslaut ersetzt.139 Unter den in diesem Aufsatz behandelten Namen und Namenteilen ist die Substitution in *dobriť- ‣ *döfrike > *defreke (Defereggen) zum Zug gekommen. Der heutigen Aussprache nach handelt sich beim Substitut ‹gg› (so in den Belegen) um einen unaffrizierten Verschlusslaut /k/ – verschieden von bair. /kch/ aus germ. /k/.140 Die Substitution ist auch in den Freisinger Denkmälern zu beobachten (dort: ‹k›)141 und außerdem im steirischen Ortsnamen Peggau (< nachursl. *peťā˙xъ)142.

§ n Substitution č, š, žš

Der Wandel sk > š (§ K) erzeugte einen Laut, der sich besser für die Substitution der slawischen palatalen Zischlaute č, ž, š eignete als ahd. ←89 | 90→, daher wurden die drei Laute fortan durch š ersetzt.143 Kranzmayer zufolge wurde allerdings č nach § K durch dt. č identisch wiedergegeben.144 Die Substitution c, s, z > ts(~ ß) blieb weiter wirksam, vermutlich auch die Einschränkungen, die unter § i formuliert sind.

Zusammenfassung: Die Substitution der Zischlaute

Die komplexesten Substitutionsverhältnisse findet man bei den slawischen Zischlauten. Die Verhältnisse gerieten jedesmal durcheinander, wenn entweder das Slawische oder das Deutsche sein Inventar an Zischlauten veränderte. Die unterschiedlichen Stadien sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:145

Tabelle 6

3. GLOSSAR

In diesem Kapitel sind die einzelnen Gemeindenamen in einer Art Glossar zusammengefasst. Den Kern der Einträge bildet ein typographisch abgesetzter Block, in dem ich zuerst die urslawische Form in phonetischer, morphematischer und traditioneller Rekonstruktion anführe, z.B. *ambljā˙nsu ° ambl|hjā˙n|su «ǫbľaxъ», gefolgt von der Bedeutungsangabe und einer morphologischen Analyse. Anschließend illustriere ich die Lautentwicklung der betreffenden Entlehnung Wandel für Wandel. Nicht alle der angegebenen slawischen Lautwandel sind in diesem Aufsatz erwähnt, sie werden aber trotzdem bei der Darstellung der Entwicklung ←90 | 91→berücksichtigt und genauso wie die erwähnten Lautwandel mit einer Paragraphenzahl gekennzeichnet. Unter diesem Paragraphen findet man den jeweiligen Lautwandel in Marka 2013.

Amlach

Traditionell wird hinter diesem Ortsnamen das Etymon «jama» ‚Grube‘ vermutet, wobei der Name vor der j-Prothese ins Deutsche gelangt sei.146 Die Voraussetzung hierfür ist, dass das Wort nicht bereits ein etymologisches j- hatte, dass also ursl. *ā˙mā˙ und nicht # jā˙mā˙ vorliegt. Doch genau so, nämlich mit altem *j, ist es bei Holzer rekonstruiert, offenbar nach Snoj 2003.

In den etymologischen Werken herrscht Uneinigkeit: Das ERHJ setzt uridg. *h1og-meh2 an147 (hieraus durch Winters Gesetz, Laryngal-schwund und Laryngalverhärtung *ōʔgmāʔ), Snoj uridg. *i̯am-/ i̯ām-148, das ĖSSJa verzeichnet beide Etymologien, hält aber die ohne j- für wahrscheinlicher149, bei Skok wird uridg. *i̯am-/ i̯ām- und (unter Berufung auf Lidén), *ōu̯ma > *ōma (beide sic) angeführt150.

Wie auch immer man sich entscheiden mag, für den Ortsnamen Amlach kommt nur ein Etymon mit vokalischem Anlaut infrage, und man muss nun entweder nach einem anderen Etymon suchen oder aber das Grubenwort im Urslawischen anders rekonstruieren. Auf weitere Szenarien, die technisch zwar möglich wären, jedoch nur spekulativen Charakter hätten – wie etwa das eines regionalen Ausfalls von j- im Slawischen Osttirols – möchte ich lieber verzichten.

Studiert man die frühesten Belege genauer, so findet man unter ihnen Formen mit - b-: 1155–1164 Amblach, 1177 und 1213 Lemblach, 1216 Amblache, 1352 Nemblach. Bislang sind diese so gewertet worden, als wäre hier - b- nachträglich hinzugekommen151; es fällt jedoch auf, dass die Formen mit der vermeintlichen Epenthese vor allem zu Beginn der Überlieferung häufiger sind, während die Formen ohne - b- erst ab der ←91 | 92→zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts überwiegen. Es drängt sich also der Gedanke auf, dass es sich bei - b- vielmehr um einen Archaismus handelt. Diese Annahme macht es zudem möglich, den Namen an ursl. *amblu «ǫblъ» ~ *ambelu «ǫbelъ» ‚Brunnen, Quelle‘ (> nšt. ȕbao, G. Sg. ȗbla, bulg. въбел)152 anzuknüpfen ‒ und das Problem der j-Prothese gar nicht erst aufkommen zu lassen. Amlach wäre demnach ein Reflex von ursl. *ambljā˙nsu «ǫbľaxъ» ‚bei den Leuten vom Brunnen, von der Quelle‘ und hätte eine exakte Entsprechung im griechischen Slawismus Ἄμπλιανη (Ortsname, Eurytanien)153.

Quer durch den Ort verläuft tatsächlich eine Brunnenstraße. Nach schriftlicher Auskunft des Amlacher Dorfchronisten Alois Micheler vom 4. April 2020 bezieht sich der Name auf zwei Brunnen, die es schon „seit urdenklichen Zeiten gibt“.

Unter Annahme dieses Etymons sieht die Entwicklung des Namens wie folgt aus:

  ursl. *ambljā˙nsu ° ambl|hjā˙n|su «ǫbľaxъ» ‚bei den Leuten vom Brunnen‘ ¶ L. Pl. zu *ambljā˙ne, Ethnikon zu *amblu ‘Brunnen’.

  → *ambljā˙xu (nicht mehr erfolgt: > § 23 ombljā˙xu)

  ‣ §§ a, b, c, d dt. *ambljach > § C (oder erst: § h) *ämbljach > § H *ämblach (verbaut in Lemblach, 1177 und 1213) > § S *amblach > § R Amlach.

Sollte *ambljā˙nsu tatsächlich das hier vorliegende Etymon sein, muss die Eindeutschung sehr früh erfolgt sein, nämlich vor dem Wandel a > o und somit vor ca. 830, denn sonst hieße der Ort heute schriftdeutsch # Ömlach. Gestützt wird die Annahme einer frühen Entlehnung durch die exponierte Lage des Ortes im Lienzer Talboden. Es wäre dann sogar möglich, dass der Name den Umlaut selbst und nicht erst die zugehörige Substitution durchgemacht hat. Die Lautentwicklung zeigt außerdem, wieder einzig unter Annahme dieses Etymons, dass die Umbildung der Endung des L. Pl. von *- ā˙nsu zu *- ā˙xu zwischen der Zeit des Urslawischen und dem Entlehnungszeitpunkt stattgefunden haben muss, also ungefähr zwischen 600 und spätestens 830.

Der Illustration halber soll hier auch die Lautgeschichte der traditionellen Etymologie durchgespielt werden:

←92 | 93→

  ursl. *ā˙mjā˙nsu ° ā˙m|hjā˙n|su «jamľaxъ» ‚bei den Grubenbewohnern‘ ¶ L. Pl. zu *ā˙mjā˙ne, Ethnikon zu *ā˙mā˙ ‚Grube‘.

  (vor der Entlehnung erfolgt: → *ā˙mjā˙xu > § 8) *ā˙mljā˙xu > § 12 āmljā˙xu (nicht mehr erfolgt: > § 21 *jāmljā˙xu)

  ‣ §§ a, b, c, d *āmljach > § C (oder bereits: § h) *ǟmljach > § H *ǟmlach > § R *āmlach > § Y Amlach.

Assling

Dieser Ortsname wird als Reflex von ursl. *ā˙seninejku ‚Eschenort‘ (zu ursl. *ā˙seni ‚Esche‘) gedeutet.154 Auch hier begegnen wir wieder einem lautlichen Problem: Bereits 1022‒1039 ist der Name als Aznik belegt, wozu inzwischen zwei Silben geschwunden sein müssen, sieht man von der Endung ab. Der Schwund von - in- lässt sich gut durch eine Quasi-Haplologie aus einer bereits monophthongierten Form *ā˙seninīku > *ā˙senīku erklären.155 Das Fehlen von - e- lässt darauf schließen, dass vor der Überlieferung die Synkope gewirkt hat. Das ist überraschend früh, denn normalerweise tritt sie in den Belegen erst nach 1200 ein (siehe § O). Vielleicht begünstigte in *ā˙senīku der Langvokal der ersten Silbe diese frühe Erscheinung. Die einzigen Belege mit - e- scheinen interessanterweise ausgerechnet in der Zeit auf, in der in der die Synkope normalerweise nachzuweisen ist: 1240 Açenic, 1241 Azenich. Diese Formen sind dann als archaisierend zu werten und hatten wohl keinen Rückhalt in der bodenständigen Aussprache mehr. In Ermangelung an Alternativen nehme ich an, dass - e- tatsächlich früh synkopiert wurde. Man kann sich die lautgeschichtliche Entwicklung wie folgt vorstellen:

  ursl. *ā˙seninejku ° ā˙sen|in|ejk|u «jasenьnikъ» ‚Eschenort‘ ¶ Nomen Loci zu ursl. *ā˙seni ‚Esche‘.

  (vor der Entlehnung erfolgt: > § 3 *ā˙seninīku, daraus durch quasi-Haplologie:) *ā˙senīku (nicht mehr erfolgt: > § 21 *jā˙senīku)

  ‣ §§ a, b, h, i *ǟßenīk > § I *ǟßenik > § O *ǟßnik > § R *āßnik > § Y *aßnik, mit Einblendung des Suffixes - lingAssling.

←93 | 94→

Der Ersatz von - nik durch - ling ist häufig, vgl. Lasörling (Oronym in der Gemeinde Prägraten, 1670 Lasernik)156, Messling (*mačinejku «močьnikъ»)157, Tscharniedling (< *čir˙nī˙dlinejku «čьrnidlьnikъ»)158.

Assling ist vor der j-Prothese ins Deutsche gelangt, aber nach dem Wandel s > (§ D, ca. 780): In den Belegen ist slaw. s gemäß der Substitution § i durch dt. ß (urkundlich ‹z›, ‹ç›) wiedergegeben, nicht durch (das wäre urkundlich ‹s›). Im Deutschen kam noch die Nebensilbenkürzung § I zum Zug, weshalb sich eine Entlehnungszeit zwischen 780 und 900 ergibt.

Debant

Debant, aus nachursl. *dēβīna (n.) ‚Jungfrauen-‘, diente eingangs als Beispiel für einen Ort mit inhomogener Belegkette. Wichtig für die Interpretation der Belege ist, dass der Name in alteingesessener Aussprache Deawent lautet159. Dies zeigt, dass das geschriebene - ba- nicht ursprünglich ist, und außerdem, dass in der ersten Silbe ursprünglich mhd. ê vorliegt, denn nur dieses hat sich im Südbairischen zu ea entwickelt. Meiner Einschätzung nach geht b statt w auf eine graphische Hyperkorrektur zurück (b wird inlautend im gesamten Bairischen zu w160). Der Ausgang - ant ist wohl nach dem gegenüberliegenden Lavant (bodenständig Lauent, wie mir meine Auskunftspersonen mitteilen) umgestaltet. Von diesem muss Debant auch sein weibliches Genus erhalten haben: Man sagt die Deawent oder (heute vermehrt nach der Schrift) die Dēbant ebenso wie die Lauent. Das slawische Ursprungswort «děvino», aus dem der Name hervorgegangen ist161, war ja eigentlich ein sächliches, attributiv verwendetes Eigenschaftswort.

   ursl. *dē˙wejna (sela?) ° dē˙w|ejn|a (sel|a) «děvino (selo)» ‚Jungfrauen-(Dorf?)‘ ¶ Possessivadjektiv zu *dē˙wā˙ ‚Jungfrau‘162.

←94 | 95→

  (vor der Entlehnung erfolgt: > § 3) *dē˙wīna > § 6 *dē˙βīna > § 11 *dē˙βīna > § 12 *dēβīna > § 23 *dēβīno > § 24 *dêβīno (nicht mehr erfolgt: > § 41 *děβīno)

  ‣ §§ b, c, g *dēwīn > § I *dēwin > § J *dēwen > § Q *deawenDeawent.

Die heutige mundartliche Aussprache geht also auf eine Entlehnung zurück, die zwischen der Monophthongierung ai > ē (§ B) und der Nebensilbenkürzung (§ I) stattgefunden hat: Vor ai > ē hätte es ē noch nicht gegeben, und nach der Nebensilbenkürzung wäre das ī der zweiten Silbe lang geblieben. Es ergibt sich damit ein Entlehnungszeitraum von 600 bis 900 n. Chr. Das ē musste übrigens von den Baiern als lang, also vor Kapovićs Zwei-Moren-Kürzung vernommen worden sein, weil kurzes e letztlich zum Diphthong ei (aus § W) geführt hätte.

Eine spätere Entlehnung desselben Etymons ist die urkundliche Nennung Dewein: In der Lautgeschichte dieser Form ist die deutsche Nebensilbenkürzung (9. Jh.) nicht mehr eingetreten. Das ī zweiten Silbe blieb deshalb lang und machte später die um 1100 beginnende neuhochdeutsche Diphthongierung (§ L) mit:

  nachursl. *dēβīno > § 24 *dêβīno (vorausgehende Lautentwicklung wie oben; > § 41 *děβīno nicht mehr erfolgt)

  ‣ §§ b, c, g *dēwīn > § L *dēwein (†)

Zum Zeitpunkt der Nebensilbenkürzung (9. Jh.) war a schon zu o gewandelt (§ 23, ca. 830). Als die Kürzung bereits vorüber war, konnte die Entlehnungslautung also kein - a mehr haben. Bei der Lautung, die zu Deawent geführt hat, wäre ein Auslaut - a chronologisch denkbar. Übrigens ist es sogar möglich, dass Deawent und Dewein dieselbe slawische Lautung *dêβīno fortsetzen, zumal diese immerhin die Zeitspanne von 17 slawischen Lautwandeln überdauerte (nämlich jene zwischen § 24 – dem Wandel ē > ê – und § 41 – der Kapovićschen Kürzung) und entsprechend lange aufrecht gewesen sein muss.

Defereggen

Der Name Defereggen wird auf slaw. *Dobrik’e zurückgeführt, eine Ableitung von einem Personennamen auf *Dabr-, «Dobr-» ‚gut‘.163 Auch wenn Pohl keine morphologische Deutung vornimmt, ist sein *Dobrik’e wohl als nach „slowenischer Manier“ gekürztes «dobriťane» ←95 | 96→zu verstehen164. Georg Holzer teilt mir aber telefonisch mit, dass das Suffix *- jane seines Wissens nicht an Personennamen antreten kann und die Form daher anders zu interpretieren sei. Außerdem wäre dies der einzige uns beiden bekannte Fall einer „slowenischen Verkürzung“ *- jane > *- je außerhalb Sloweniens.

Der Ansatz einer Ableitung von ursl. *dabru erscheint mir als lautlich alternativlos. Die Silbe ik’/ könnte das Patronymika bildende Suffix ° ī˙tj165 fortsetzen, sodass als Wortstamm des zugrunde liegenden Etymons *dabrī˙tj- ° dabr|ī˙tj| «dobriť-» anzunehmen wäre. Da ich nicht imstande bin, Wortform genauer zu bestimmen, gehe ich in der Illustration der Lautgeschichte von diesem Stamm aus und lasse den Ausgang der Wortform offen.

Zu erwähnen ist noch, dass das zweite - e- in der heutigen Schreibung Defereggen sekundär ist und mundartlich nicht ausgesprochen wird.166 Auch in den frühen Belegen scheint der Name mit einer zusätzlichen Silbe auf: Tobereche, Touireck (beide 1155–1164), Tophirich (ca. 1164–1178); es sieht also aus, als wäre altes - e- bzw. - i- später der Synkope (§ O) zum Opfer gefallen und in der heutigen amtlichen Schreibung restituiert worden. Rätselhaft ist dann aber, woher dieses - e- bzw. - i- kommen hätte sollen, denn das slawische Etymon *dabrī˙tj-, wie ich es hier ansetze, hatte zwischen b und r keinen Laut. Möglicherweise sind diese Schreibungen hyperkorrigiert worden nach Fällen, in denen die Synkope lautgesetztlich zustande gekommen ist – und diese Hyperkorrektur wäre dann bis in die heutige Schreibung fortgesetzt. Die Annahme würde aber voraussetzen, dass die Synkope bereits Mitte des 12. Jh. wirksam war, also um einige Zeit früher als sonst allgemein nachweisbar (siehe § O; vgl. aber die frühe Durchführung in Assling). Andererseits eignet sich lautlich keine andere slawische Form als zugrunde liegendes Etymon, zumindest keine, die das Problem der zweiten Silbe lösen würde.

Unter den genannten Annahmen wäre die Lautgeschte des Namens wie folgt anzusetzen:

←96 | 97→

  ursl. *dabrī˙tj- ° dabr|ī˙tj| «dobriť-» ‚irgendetwas mit Bezug zum Personennamen *Dabrī˙tju‘ ¶ *Dabrī˙tju ist ein Patronymikon zu *Dabru ‚der Gute‘ und kommt seinerseits von *dabru ‚gut‘.

  (vor der Entlehnung erfolgt: > § 11 *dabrī˙tj- > § 23 *dobrī˙tj- > § 33) *dobrī˙ť- > § 43 *dobriť- (nich mehr erfolgt: § 71 dobrič-)

  ‣ §§ c, h, j, m *döfrike > § J *döfreke > § P *defreke, davon heute gesprochenes Defreggen.

Die Entlehnung fällt in eine Zeit zwischen der slawischen Jotierung (§ 33) und der deutschen Schwächung von unbetontem i zu e (§ J): Die Baiern müssen bereits ť und nicht mehr tj vernommen haben, damit die Substitution durch k ‹gg› (§ m) wirken konnte.

Dölsach

  ursl. *daličjā˙nsu ° dal|ik|hjā|su «dolьčaxъ» ‚bei den Bewohnern des Tälchens‘167 ¶ L. Pl. zu *daličjā˙ne, Ethnikon zu *daliku ‚Tälchen‘, Diminutiv zu *dalu ‚Tal‘.

  (vor der Entlehnung erfolgt: → *daličjā˙xu > § 23) *doličjā˙xu > § 25 *dolьčjā˙xъ > § 33 *dolьčā˙xъ (nicht mehr erfolgt: > § 39 *doləčā˙xə)

  ‣ §§ a, b, c, d, h, i > dt. *döliṡjach > § H (oder bereits entlehnt als:) *döliṡach > § O *dölṡach > § Z Dölsach.

Der Name ist vor dem Zusammenfall der Jerlaute (§ 39, spätestens 1000) ins Deutsche gekommen, weil nach der Entwicklung *dolьčā˙xъ > § 39 *doləčā˙xə die letzte Bedinung für den Umlaut verschwunden wäre, und außerdem nach dem Wandel a > o (§ 22, ca. 830). Der erste mit Sicherheit vollzogene deutsche Wandel ist die Umlautsubstitution (750–1300). Die Substitution - č(j)- > (> s) weist auf eine Entlehnung zwischen 780 und 1050 hin. Insgesamt kommen wir somit auf einen Zeitraum von 830 bis 1000.

Kals

  ursl. *kā˙liku ° kā˙l|ik|u «kalьcь» ‚Sümpflein‘168 ¶ Diminutiv zu ursl. *kā˙lu169 ‚Sumpf‘.

←97 | 98→

  (vor der Entlehnung erfolgt: > §1 *kā˙liťu > § 2 *kā˙liťi > § 11 *kā˙liťi > § 12 *kāliťi > § 13 *kālici > § 25 *kālьcь > § 36 *kālь > § 39) *kālə > § 50 *kāləc > § 58 *kā.ləc

  ‣ (§§ a, b, c,) i, k dt. *kālez > § N *kǡlez > § O *kǡlz > § Y Kålz (so die bodenständige Aussprache170).

In der amtlichen Schreibung ist eine Vereinfachung von - lts zu - ls reflektiert. Der Name zeigt keine Umlautsubstitution (§ h) mehr und ist daher vergleichsweise spät eingedeutscht worden. Die Substitution konnte wohl nicht mehr wirken, weil das frühere ь bereits zu ə gewandelt war (§ 39, 10. Jh.) und nicht mehr palatal genug war, die Substitution auszulösen. Dass die Substitution schon vorüber war, ist nicht möglich, weil sie bis ca. 1300 wirkte (siehe § h), der Akzent aber durch die deutsche Initialbetonung (§ c, bis 1050) oder durch die „primary retraction“ des Slowenischen (§ 5, 10.–12. Jh.) auf die Initialsilbe zurückver-legt wurde. Die Entlehnung muss daher vor dem Wirken dieser Wandel integriert worden sein. Der erste nehmersprachliche Lautwandel ist ā > ǡ (§ N, 12. oder 13. Jh.). Die Entlehnung fand also zwischen dem 10. Jahrhundert und spätestens 1200 statt.

Leisach

Traditionell wird dieser Name auf den Personennamen #«Ľubišь» zurückgeführt171, korrekt ist aber «Ľubyšь», denn das Personennamen bildende Suffix lautete gsl. *172. Diese korrigierte Form scheidet aber als Ursprung aus, weil ȳ nach Labial im Deutschen durch ū substituiert worden wäre und so für den Umlaut l(j)ūb > lǖb (> löub > leib > laib) in der ersten Silbe das notwenige i nicht vorhanden gewesen wäre. Erst gegen 1000 wandelt sich slaw. ȳ zu ī (§ 38) und hätte die erste Silbe umlauten können – aber mit diesem neuen ī konnte der Name aus mehreren Gründen nicht übernommen worden sein:

Details

Seiten
272
ISBN (PDF)
9783631851043
ISBN (ePUB)
9783631851050
ISBN (MOBI)
9783631851067
ISBN (Buch)
9783631847435
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juni)
Schlagworte
Urslavisch Sprachgeschichte Hagiographie Altrussische Draculaerzählung Editionen Übersetzungsliteratur Textgeschichte Ortsnamen
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 272 S., 13 s/w Abb., 13 Tab.

Biographische Angaben

Jürgen Fuchsbauer (Band-Herausgeber) Emanuel Klotz (Band-Herausgeber)

Jürgen Fuchsbauer ist Professor für slawische Sprachwissenschaft an der Universität Innsbruck. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt in der slawischen Altphilologie und Balkanistik. Emanuel Klotz arbeitet als Postdoc-Assistent am Institut für Slawistik der Universität Innsbruck. Er beschäftigt sich insbesondere mit der frühen Geschichte des Slawischen sowie mit Onomastik.

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Titel: Studien zum frühen Slavischen und zu älteren slavischen Texten