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Studien zum frühen Slavischen und zu älteren slavischen Texten

Unter Mitarbeit von Hanna Niederkofler

von Jürgen Fuchsbauer (Band-Herausgeber:in) Emanuel Klotz (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 272 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort (Jürgen Fuchsbauer, Emanuel Klotz)
  • Dieter Stern (Gent), Ungleiche Konkurrenz – Die RUKI-Regel und die analogische Verbreitung von RUKI-x im Slavischen
  • Emanuel Klotz (Innsbruck), Slavia Tirolensis: Bairischslawische Lautgeschichte im osttiroler Kontaktbereich
  • Thomas Daiber (Gießen), Vita Constantini-Cyrilli XII:1-6 and Its Greek Original
  • Татьяна ПОПОВА (Aachen), O преславском переводе Лествицы Иоанна Синайского
  • Dagmar Christians (Bonn), Ein Hymnus für zwei Patriarchen: Der Kanon für Patriarch Tarasios und seine Umwidmung auf Patriarch Methodios
  • Amber Ivanov (Gent), A Modified Diplomatic Edition of the Metaphrastic Martyr Act of Saint Thecla in Church Slavonic
  • Jürgen Fuchsbauer (Innsbruck), Zu Textüberlieferung und Autorschaft der altrussischen Draculaerzählung
  • Reihenübersicht

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VORWORT

Der Beschluss, den vorliegenden Sammelband zu veröffentlichen, wurde am 12. Altslavistentreffen, das am 29. und 30. September 2017 am Institut für Slawistik der Universität Wien stattfand, gefasst. Die 24 Teilnehmer an dieser Tagung sind an 21 verschiedenen Forschungsinstitutionen in 7 Ländern, in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Belgien, Italien, Bulgarien und Russland, tätig. Ihre Vorträge gaben vielfältige Einblicke in Ziele, Methoden und Fragestellungen der gegenwärtigen altslavistischen Forschung. In den einzelnen Beiträgen wurden urslavische Lautlehre und Onomastik ebenso behandelt wie die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte älterer slavischer Texte, Übersetzungen religiöser Werke aus dem Griechischen ebenso wie die computergestützte Aufbereitung vormodernen Schriftguts. Die thematische Vielfalt, Breite und Tiefe der Vorträge zeigte eindrucksvoll, dass die Paläoslavistik nicht nur ein einigendes Element innerhalb des Faches Slavistik darstellt, sondern auch, dass sie dieses mit benachbarten Disziplinen, zumal mit der indogermanistischen Sprachwissenschaft, der Byzantinistik, der Geschichtswissenschaft, der Theologie und der Computerphilologie, zu verbinden vermag. Innerhalb der Slavistik selbst kommt der Paläoslavistik eine zentrale Rolle zu, da sie Material für die Teildisziplinen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft liefert und aufarbeitet, indem sie ältere Sprachzustände erforscht, literarische Quellen editorisch aufbereitet und historische Entwicklungen nachzeichnet.

Einige der in diesem Band enthaltenen Artikel beruhen auf Vorträgen, die am 12. Altslavistentreffen gehalten wurden. Die Themen der einzelnen Untersuchungen reichen zeitlich vom frühen Urslavischen bis an die Wende zur Neuzeit, räumlich von Osttirol bis in den Norden der Rus’, inhaltlich von historischer Phonologie über Quellenstudien bis zur Editorik. Darüber hinaus führen die Beiträge deutlich vor Augen, inwiefern die Erforschung des älteren Slavischen und historischer slavischer Texte für Nachbardisziplinen relevant ist. Dieter Stern schlägt die Brücke zur Indogermanistik, indem er die analogische Verbreitung ←7 | 8→der RUKI-Regel, eines Lautgesetzes des Slavischen, das eine Entsprechung nicht nur im Baltischen, sondern auch im Indoiranischen hat und deshalb sehr früh anzusetzen sein muss, untersucht. Emanuel Klotz beschäftigt sich anhand von Osttiroler Ortsnamen mit der Lautgeschichte des Slavischen und des Bairischen in diesem Kontaktgebiet und leistet dadurch von linguistischer Seite einen Beitrag zur Erforschung der Siedlungsgeschichte im ostalpinen Raum. Die erste Verschriftlichung des Slavischen durch Konstantin den Philosophen, den man als heiligen Kyrill kennt, war zweifellos ein bedeutender Wendepunkt in der Geschichte Europas. Thomas Daibers Artikel ist der wichtigsten Quelle dazu, der Vita des Heiligen, gewidmet, wobei er argumentiert, das Werk sei, obschon nur auf Slavisch überliefert, ursprünglich auf Griechisch verfasst worden. Tat’jana Popova behandelt ein zumal für die Entwicklung des östlichen Mönchtums enorm einflussreiches Werk, die Scala paradisi des Johannes Klimakos; sie bringt Argumente dafür, dessen ursprüngliche Übersetzung ins Slavische nicht bloß der Preslaver Schule als ganzer zuzuschreiben, sondern einem von deren führenden Vertretern, dem Exarchen Johannes, einem der größten hommes des lettres des Ersten Bulgarischen Reichs. Dagmar Christians Artikel ist ebenfalls für Kirchenhistoriker, aber auch für Byzantinisten relevant; sie befasst sich mit der Überlieferungsgeschichte des Kanons für den Patriarchen Tarasios, der bemerkenswerterweise umgearbeitet und für einen anderen als heilig verehrten Patriarchen, Methodios, verwendet wurde. Amber Ivanov behandelt ebenfalls einen umgearbeiteten Text, und zwar die Metaphrasis des Martyriums der Thekla, und ediert zudem deren slavische Übersetzung zusammen mit einem griechischen Vergleichstext. Jürgen Fuchsbauer schließlich untersucht die Entstehung und frühe handschriftliche Überlieferung der altrussischen Draculaerzählung, die von Relevanz für die Beurteilung des Werts dieses Werks als historische und literarische Quelle sind. In seiner Gesamtheit spiegelt dieser Band die Breite der gegenwärtigen paläoslavistischen Forschung wider.

Für die Organisation des 12. Altslavistentreffens wurden Mittel zur Verfügung gestellt von Prof. Dr. Alois Woldan (Vorstand des Instituts für Slawistik der Universität Wien), Prof. Dr. Melanie Malzahn (Dekanin ←8 | 9→der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien) sowie von der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (Projekt 06 / 15269). Um nichts weniger wichtig war die organisatorische Unterstützung durch Dr. Thomas Mikula und Victoria Reiter (Institut für Slawistik der Universität Wien).

Der Druck des vorliegenden Bandes wurde finanziell unterstützt durch Mittel der Universität Innsbruck, die von Prof. Dr. Ulrike Tanzer (Vizerektorin für Forschung), Prof. Dr. Andrea Zink (Vorstand des Instituts für Slawistik) und Prof. Dr. Sebastian Donat (Dekan der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät) zur Verfügung gestellt wurden. Hanna Niederkofler leistete Großes bei der Formatierung des Bandes. Prof. Dr. Georg Holzer (Institut für Slawistik der Universität Wien) hat freundlicherweise dessen Aufnahme in seine Reihe „Schriften über Sprachen und Texte“, die im Peter Lang Verlag erscheint, ermöglicht. Herr Michael Rücker betreute seitens des Verlags den Band in einer gleichermaßen kompetenten wie entgegenkommenden Weise. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

 

Innsbruck, im Dezember 2020

Jürgen Fuchsbauer Emanuel Klotz

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Dieter Stern (Gent)

UNGLEICHE KONKURRENZ – DIE RUKI-REGEL UND DIE ANALOGISCHE VERBREITUNG VON RUKI-X IM SLAVISCHEN

Abstract

The present paper is a review of the extant literature on the RUKI rule in Slavic and at the same time an attempt to provide an explanation for the seeming predominance of RUKI-x over s in analogical levelling. It is argued that the analogical spread of both s and x was subject to phonological restrictions that favoured a reinterpretation of the distribution of x and s along the lines of a postvocalic/-liquid vs. a postcon-sonantal allomorphic variant. It is further demonstrated that the process of analogical levelling occurred simultaneously to the RUKI rule in Slavic.

Dieter.Stern@UGent.be

1. EINLEITUNG

Als spezielle Regel des Slavischen wurde die RUKI-Regel erstmalig durch Holger Pedersen (1895) formuliert. Man sollte meinen, dass es über dieses Lautgesetz, das zum festen Bestand historischer Grammatiken des Urslavischen gehört, eigentlich nicht mehr viel zu sagen gebe, und doch kennt auch die an sich recht unstrittige Regel problematische Aspekte, die bis zum heutigen Tage noch keine abschließende Behandlung erfahren haben. Diese sollen im vorliegenden Beitrag gemeinsam behandelt werden, da sie möglicherweise enger zusammenhängen, als es zunächst scheinen mag. Es geht zum einen um die Frage nach der phonetischen Konsistenz des In- und Outputs der Regel, zum anderen um die oft nur am Rande erwähnte analogische paradigmatische Ausbreitung von RUKI-x in s-Domänen.

Die RUKI-Regel ist die einzige lautgesetzliche Quelle für originales slavisches x.1 Das Gros der übrigen Fälle von x im Slavischen scheint ←11 | 12→auf Entlehnungen zu entfallen. In nicht wenigen Fällen ist die Etymologie der slavischen Wörter mit x eher unsicher. Die Regel besagt in ihrer klassischen Formulierung, dass jedes ursprüngliche idg. s, das unmittelbar einem i, u, r oder k folgt und dem seinerseits wiederum ein Vokal folgt, sich in einen velaren Frikativ x verwandelt:

Dieses neue x sei dann in der Folge vor vorderem Vokal nach den Bedingungen der 1. Palatalisation zu š geworden (Pedersen 1985, 33). Pedersen selbst wies allerdings auch bereits darauf hin, dass slavisches x seinerseits nicht unmittelbar aus x hervorgegangen, sondern eine Zwischenstufe s > š > x anzunehmen sei (Pedersen 1895, 74). Da er aber im übrigen an der Wirkung der 1. Palatalisation auf RUKI-x festzuhalten scheint, wäre von einer Abfolge s > š > x > š auszugehen. In neuerlichen Handbüchern zur historischen Grammatik des Slavischen scheint obige Formel im Begriff, durch eine alternative Formel ersetzt zu werden, die den slavischen Lautwandel deutlicher in den weiteren Kontext ähnlicher Veränderungen im Baltischen und Indoiranischen rückt und zugleich die Rückverwandlung von x in š überflüssig macht.2 So lesen wir bei Lunt: “Baltic and Slavic reflect an innovation that is shared by Indo-Aryan and Iranian: s after r, k, i or u became dorsal š” (72001, 191).3 Die Spezifizierung des Lautwandelprodukts als š statt x trägt den Verhältnissen im Baltischen und Indoiranischen Rechnung, wiewohl im Indoarischen retroflexes und nicht dorsales š vorliegt. Hinzu kommt, dass ein unmittelbarer Übergang von s > x phonetisch wenig plausibel erscheint, so dass sich š als Zwischenstufe anbietet (Shevelov 1964, 127). Die RUKI-Regel wird damit vom slavischen, zu einem vorslavischen Lautgesetz, für das denn auch sinnvollerweise ein einheitliches Resultat angesetzt werden sollte. Die abweichenden Realisierungen ←12 | 13→slav. x und indoarisch wären dann spätere einzelsprachliche Weiter-entwicklungen. Entsprechend muss man für das Slavische nun zwei Schritte hin zum x ansetzen.4 Zunächst habe sich in voreinzelsprachlicher Zeit ein Übergang von s > š ereignet, und erst zu einem späteren Zeitpunkt habe dieses š im Slavischen eine weitere Verschiebung zu x mitgemacht, allerdings unter der einschränkenden Bedingung, dass ein hinterer Vokal folgt.5 Vor vorderem Vokal sei hingegen š unverändert bewahrt geblieben. Nach dieser Interpretation hätten Fälle von slav. š, die traditionell als Folge der 1. Palatalisation gesehen werden, gar nichts mit dieser zu tun.6 Für die historische Rekonstruktion des Urslavischen und seiner Etyma hat die Reformulierung keine weiterreichenden Folgen. Unsere eigenen Erwägungen zum möglichen Ablauf der analogischen Ausbreitung von RUKI-x setzt allerdings eine Wirksamkeit der phonetischen Rahmenbedingungen, die der RUKI-Regel zugrunde liegen, bis in die urslavische Phase hinein voraus. Dies schließt eine voreinzelsprachliche Datierung des Beginns der RUKI-Regel zwar nicht unbedingt aus, doch sollte der zeitliche Abstand zwischen Aufkommen der Regel und ihrem Ausklingen in frühurslavischer Zeit verständlicherweise nicht zu weit auseinanderliegen. Dass die phonetischen Rahmenbedingungen im Slavischen weiter fortwirkten, wird nicht zuletzt auch durch den weiteren Schritt von š > x nahegelegt. Wo-rin nun genau diese Rahmenbedingungen bestanden, soll im folgenden Abschnitt erörtert werden.

2. DIE PHONETISCHE MOTIVATION DER RUKI-REGEL

Der Form nach sieht die RUKI-Regel nicht anders aus als andere Fälle kombinatorischen Lautwandels. Doch wo bei den gängigen Fällen in der Regel eine assimilative oder dissimilative Veränderung eines distinktiven Merkmals eindeutig als Ursache des Lautwandelvorgangs benannt ←13 | 14→ werden kann, sieht man sich bei der RUKI-Regel vor dem Problem, dass weder die bedingenden Laute unter sich, noch der durch die RUKI-Veränderung bedingte Laut mit jenen eine natürliche Klasse bilden, innerhalb derer sich ein gemeinsames Merkmal als Bedingung des kombinatorischen Lautwandels indentifizieren ließe (Entwistle 1944, 33-4). Diese Merkwürdigkeit der RUKI-Regel wurde lange Zeit nicht einmal zur Kenntnis genommen. Eine Ausnahme macht nur William Dwight Whitney, der den entsprechenden Effekt der beiden Vokale i und u für selbstverständlich hält, für k und r aber eine zurückgezogene Artikulation vermutet (“a somewhat retracted position of the tongue” 1989 [1889], 61, § 180a). Auf Grundlage der artikulatorischen Phonetik lässt sich in der Tat kein einziges Merkmal benennen, das i, u, r, k sowie š, resp. x gemein haben. Townsend & Janda (1996, 43) nennen die RUKI-Regel entsprechend “a very odd sort of change”, da sie nicht den üblichen Rahmenbedingungen kombinatorischen Lautwandels entsprechen will.7 Es wurden verschiedene Versuche unternommen, doch noch eine Gemeinsamkeit hinter der Heterogenität des Inputs herauszuarbeiten, von denen wir diejenigen herausgreifen, die das Trajekt, dass die Diskussion über die Jahre durchlaufen hat, u.E. am besten exemplifizieren.8

George Shevelov (1964, 128) sah eine Lösung des Problems darin, die RUKI-Regel für das Slavische in zwei getrennte Vorgänge auseinander zu dividieren, die nur im Nachhinein den Eindruck eines einheitlichen Vorgangs erweckten. So habe der Übergang von ks > kx > x nichts mit dem Wandel zu tun, den s nach i, u, r erfuhr.9 Eine wirkliche Lösung des Problems bietet Shevelovs Vorschlag allerdings nicht. So läßt sich zwar der Übergang von ks > kx nun recht einfach als progressive Assimilation an das Merkmal [+velar] erklären, aber für die drei ←14 | 15→übrigen Laute bleibt die Frage nach der Klassenzugehörigkeit nach wie vor ohne Antwort. Hier behilft sich Shevelov mit dem vagen Hinweis, dass i, u, r ein ‘raising’ von s bewirkt hätten, ohne zu spezifizieren, warum nun gerade diese Laute einen solchen Effekt gehabt haben sollten.

Henning Andersen (1968, 174-6) beschritt einen anderen Weg, und entdeckt in dem RUKI-Geschehen einen Vorgang, den er als Markiertheitsassimilation erklärt. So ginge es nicht um die Assimilation, resp. Übertragung konkreter phonetischer Merkmale, sondern vielmehr um den relativen Status der betroffenen Laute auf einer Markiertheitshierarchie. So seien i, u innerhalb der Klasse der Vokale markiert durch das akustische Merkmal diffuse, k hinwiederum sei innerhalb der Klasse der Konsonanten als compact besonders hervorgehoben, und auch für r identifiziert Andersen ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb seiner Klasse. Da nun alle diese Laute innerhalb ihrer jeweiligen Klasse markiert seien, können (oder müssen?) auch Laute in ihrer Nachbarschaft, so diese unmarkiert sind, wie eben s, sich an deren Markiertheit assimilieren. Warum andere unmarkierte Laute in der Umgebung der fraglichen markierten Laute nicht demselben Effekt unterliegen, bleibt dabei offen. Andersen bemüht sich, seiner Idee der Markiertheitsassimilation Gewicht zu verleihen, indem er andere Fälle einer entsprechenden Assimilation anführt, die sich nur leider allesamt auch als einfache Fälle artikulatorischer Merkmalassimilation lesen lassen.

Da die artikulatorische Phonetik keinen Ausweg in der Frage bot, wandte man sich auf der Suche nach einer Antwort der akustischen Phonetik zu. Zwicky (1970) versuchte die Gruppe r, u, k, i als akustische natürliche Klasse mit den Merkmalen [–anterior, –low] zu bestimmen, schien aber selbst nicht recht überzeugt davon.10 Auch Theo Vennemans (1974) Vorstoß, r, u, k, i als ‘relative acoustic natural class’ zu bestimmen, mutet zunächst wenig überzeugend an, wiewohl er sich im Nachhinein als ein Schritt in die richtige Richtung erweisen sollte. Wie Andersen zuvor, will auch er zugleich theoretisches Neuland betreten, indem er sich dem RUKI-Problem mit dem von ihm eigens ausgearbeiteten ←15 | 16→ Konzept der ‘relativen natürlichen Klasse’ annähert. Er um-schreibt sein Konzept als jede Gruppe von Lauten, die eine natürliche Klasse bilden “by virtue of their effect on [their] environment” (1974, 93). Mit anderen Worten: Die Laute r, u, k, i bilden eine relative natürliche Klasse allein durch den Umstand, dass sie dieselbe Wirkung auf s entfalten, der da wäre ‘lowering the frequencies of the energy concentration in a following s’ (Venneman 1974, 93). Dies sieht nun nach einer klassichen Tautologie aus. Das explanandum tritt an die Stelle des explanans: die Laute r, u, k, i verändern s, weil es nun einmal Laute sind, die s verändern.

In neuerer Zeit hat jedoch Linda Longerich (1998) zeigen können, dass uns Vennemans Idee vielleicht doch mehr als eine Tautologie anbietet. In einer eingehenden akustischen Analyse hat sie die messbaren Wirkungen von r, u, k, i auf ein unmittelbar folgendes s ermittelt. Es gelang ihr nachzuweisen, dass, so wie durch Venneman vermutet, die vier Laute tatsächlich eine energetische Spitze im niederen Spektrum herbeiführen (> 3500 Hz), also genau jenem Frequenzbereich, der das energetische Zentrum des Lauts š bildet. Die näheren Ursachen für diese Wirkung sind aber für i, u andere als für k, und r entfaltet diese Wirkung einzig bei Vorliegen einer retroflexen Artikulation. So bilden also die RUKI-Laute akustisch gesehen keine eigentliche natürliche Klasse, doch ähneln sie sich in ihrer Wirkung auf ein nachfolgendes s. Allerdings haben die von Longerich beschriebenen akustischen Effekte eine universelle Gültigkeit, wie man dies von einem physikalischen Effekt ja auch nicht anders erwarten sollte. In jeder Sprache wird, jedes Mal dass ein (r) , u, k, i vor s ausgesprochen wird, das s eine Energiespitze im fraglichen Frenquenzbereich zeigen, und doch haben nicht alle Sprachen eine RUKI-Regel. Es besteht nun einmal ein signifikanter Unterschied zwischen kleinen permanenten Wechselwirkungen in Folge de Trägheit des Artikulationsprozesses, die von den Sprechern in der Regel nicht einmal wahrgenommen werden, und manifesten, für jedermann hörbaren Lautwandeln. Ungeachtet des leichten Energieanstiegs im unteren Bereich bleibt das s doch ein s mit einer besonders hohen Energiekonzentration im Bereich zwischen 4400 und 8000 Hz. Der akustische Effekt alleine scheint als Erklärung somit nicht hinreichend. Longerich bringt daher den interpretierenden Sprecher ins Spiel, dem sich durch den akustischen Effekt zwei Optionen der Interpretation von ←16 | 17→s nach (r), i, u, k anbieten: (1) als s so wie alle übrigen s in allen übrigen Kontexten, oder (2) als eine von den übrigen Fällen abweichende Variante von s. In Fall (1) bleibt der hohe Frequenzbereich maßgeblich für die perzeptive Lautidentifikation und wird entsprechend in der Lautproduktion hervorgehoben. In Fall (2) verschiebt sich der Fokus der Lautidentifikation auf den niedrigeren Frenquenzbereich, so dass in der Lautproduktion dieser Bereich auf Kosten des hohen Frequenzbereichs deutlicher herausgearbeitet wird. Lautwandel wird hier ansprechend als Wechselwirkung von universellen akustischen Effekten und kontingenten Sprecherentscheidungen modelliert. Die Frage bleibt jedoch auch hier, warum wir den RUKI-Effekt dann nicht öfter sehen. Überdies greift das Modell für r nur unter der Bedingung einer besonderen, retroflexen Artikulation. Beide Bedenken lassen sich miteinander in Einklang bringen durch die Vermutung einer zeitweiligen besonderen Koartikulation, die sich auf alle vier RUKI-Laute erstreckte, und eben nicht nur auf r. Die besondere Koartikulation wäre dann die Bedingung, die die Reinterpretation des nun unter dem verstärkenden akustischen Effekt der Koartikulation deutlicher veränderten s nahezu unausweichlich machte und zugleich alle vier Laute über das koartikulative Merkmal in einer klassischen artikulatorischen natürlichen Klasse vereinigte.

In diesem Sinne hat Charles Prescott (2011) die Vermutung geäußert, dass sich die Laute r, u, k, i auf dem Wege vom Indogermanischen zum Urslavischen in einer ausgedehnteren Dialektzone ein koartikulatives Merkmal zuzogen, dass er als retracted tongue root (RTR) identifiziert. RTR hat sehr markante Auswirkungen auf die Artikulation. Für die Vokale i und u darf Zentralisierung und im Falle von u möglicherweise auch Entrundung vermutet werden. Für r ist die wahrscheinliche Folge eine deutliche retroflexe Artikulation, so wie sie ja bereits durch Whitney und später Longerich für das RUKI-r vermutet wurde.11 Für k darf eine eher uvulare Artikulation in Richtung q angenommen werden. RTR scheint überdies auch deutlich hörbare Wirkungen auf benachbarte Laute zu haben. Die Übertragung des Merkmals RTR auf ein unmittelbar nachfolgendes s könnte eine retroflexe Aussprache des s als geradezu erzwungen haben. Ein unmittelbarer Übergang s > x scheint hingegen unter dem Einfluss von RTR weniger wahrscheinlich, sodass ←17 | 18→Prescotts Hypothese die Annahme einer Zwischenstufe s > š > x für das Slavische stützt.

Auch Prescotts Hypothese, die sich im übrigen kaum je unwiderleg>bar beweisen lassen wird, wirft Fragen auf. Warum zogen sich nur die vier RUKI-Laute und keine anderen RTR zu? Die Frage nach der Gemeinsamkeit von r, u, k, i ist durch Prescotts Ansatz eigentlich nur verschoben, und nicht wirklich aufgehoben. Eine zweite Frage ist, warum nur s und keine anderen Laute in RTR-Nachbarschaft einem Lautwandel unterliegt. Für Labiale fällt die Antwort leicht, da sie nicht mit der Zunge artikuliert werden. Die Velare gehören ohnehin zum input der RUKI-Regel. Es verbleiben also Dentale und die idg. Palatale. Für die Palatale muss ich eine Antwort schuldig bleiben, aber für die übrigen Dentale – außer s sind dies t, d, n – kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch sie, ebenso wie im übrigen im Indoarischen, retro-fligiert wurden, nur dass die Lautveränderung hier keine bleibenden Folgen hinterließ, und die ursprüngliche Artikulation zu einem späteren Zeitpunkt wiederhergestellt wurde.12

3. DIE PHONOLOGISIERUNG DES S-ALLOPHONS X IM SLAVISCHEN

Als Ergebnis eines kombinatorischen Lautwandels blieb der neue Laut š, resp. x im Slavischen zunächst als allophonische Variante an s, mit dem es sich in komplementärer Distribution befand, gebunden.13 Die Verselbständigung gegenüber s kann aber als eine wo nicht notwendige, ←18 | 19→so doch begünstigende Voraussetzung zur dauerhaften Verankerung des neuen Lauts im Lautrepertoire des Slavischen gesehen werden. Möglich wurde die Phonologisierung des x durch spätere Lautgesetze, die die einstigen RUKI-Kontexte überlagerten und den Bereich der möglichen Umgebungen für x, aber auch für s erweiterten, so dass beide Laute nunmehr in freie, bedeutungsunterscheidende Konkurrenz zueinander treten konnten. Der vermutlich erste Schritt in diese Richtung ist die Reduktion der Gruppe ks > kx > x, wodurch x nunmehr in beliebigen vokalischen Umgebungen, also auch nach Urslavisch a, ā, e, ē auftreten konnte. Einen vergleichbaren Effekt hatte die allerdings deutlich spätere Liquidametathese, durch die die Anzahl von x nach a(o), e(ě) nochmals deutlich erhöht wurde. Aus Gründen, die es noch näher zu erläutern gilt, gehen wir davon aus, dass die Reduktion kxV > xV (nebst ksC > sC) unabhängig von und vermutlich noch vor der allgemeinen Clusterreduktion stattfand. Die Satemisierung, also der vermutlich erst in urslavische Zeit datierende Übergang des idg. Palatals k’ > s ließ ein neues s entstehen, dass wie das Minipaalpaar pisati vs. pixati zeigt, nicht auf RUKI reagierte, da der RUKI-Wandel zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr wirkte, und damit s in RUKI-Umgebungen möglich machte.14 Mit diesen beiden frühen Schritten waren die ←19 | 20→wesentlichen Voraussetzungen zur Phonologisierung bereits erfüllt, da x nun in s-Umgebungen und s in x-Umgebungen vorkommen konnte. Die Phonologisierung ist auch die Voraussetzung der paradigmatischanalogischen Ausbreitung von x, wie wir sie bei verschiedenen Flexionsformen konsequent umgesetzt sehen. Zugleich wird die sichtbare Phonologisierung durch die analogische Ausbreitung noch weiter vorangetrieben. Doch geben gewisse Asymmetrien der analogischen Ausbreitung Grund zu der Annahme, dass sie nicht unter den Bedingungen einer vollständigen, sondern einer nur partiellen Phonologisierung stattfand. Die analogische Ausbreitung von x findet zwar regelmäßige Erwähnung in einschlägigen Handbüchern, doch wurde sie meines Wissens bisher nur durch Henning Andersen (1968, 176-180) eines eingehenderen Blickes gewürdigt. Im folgenden wollen wir den Gang der analogischen Ausbreitung von x nochmals in seinen wesentlichen Zügen nachzeichnen, um am Ende ein von Andersen abweichendes Szenario vorstellen zu können.

3.1. Phonologisierung durch grammatische Analogie

Von der analogischen Ausbreitung von x sind drei grammatische Morpheme betroffen: (1) das präteritale Tempuszeichen * -s-, das uns im Aorist, aber auch im Imperfekt begegnet; (2) der Ausgang des Lokativ pl. - ; (3) der Ausgang der 2. Person sg. des Präsens -ši. Alle drei Morpheme enthalten ein idg. s, dass in Abhängigkeit vom Stammausgang, an den es trat, der RUKI-Regel unterlag und entsprechend zu x, resp. š(ṣ) mutierte. Die RUKI-Regel erzeugte also nicht nur Allophone, sondern zugleich auch Allomorphe. Am Beginn dürften *- s- vs. *- x- beim Aorist, * -su vs. * -xu im Lokativ, sowie * -sei vs. *- xei bei der 2. sg. prs. nach den Maßgaben der komplementären phonetischen Distribution, wie sie durch die RUKI-Regel herbeigeführt wurde, nebeneinander gestanden haben. In der weiteren Folge sehen wir allerdings analogische Ausgleichsbewegungen, die bei allen drei Morphemen dieselbe Richtung einschlagen, – ein deutlicher Hinweis, dass wir es mit einem simultanen Vorgang zu tun haben.

(1) Die Analogie beim Aorist vollzieht sich nicht innerhalb des Aoristparadigmas selbst, sondern zwischen stammbildungsabhängigen allomorphischen Varianten. Dabei scheint sich zwischen den verschiedenen ←20 | 21→Aoriststammbildungen allenthalben das Allomorph x durchzusetzen, wo dies phonotatkisch möglich ist, also ausschließlich in prävokalischen Umgebungen. Präkonsonantische Umgebungen scheinen einen Schutzraum für das ursprünglichere Allomorph -s- zu bieten (siehe allerdings unten). Numerisch gesehen ist dabei die Ausgangsbasis für x gar nicht einmal besonders stark. Es erfasst die kleine Gruppe von Verben, bei denen das Tempuszeichen im Aorist unmittelbar an den Stamm tritt, der auf i, u, r oder k ausgeht, – wobei einzelne Verben wie byti oder rešti sich allerdings durch eine hohe Textfrequenz auszeichnen – sowie die ungleich größere Gruppe der Verba mit dem Stammausgang - i (Leskiens Klasse IV). Den Weg für die analogische Ausbreitung des x bereiteten dabei wohl die Verben auf -k, resp. -g (rek- ‘sagen’, tek- ‘laufen’, sěk- ‘hacken’, žeg- ‘brennen’), indem sie durch einen anzunehmenden frühen Schwund des k das neue x auch außerhalb von RUKI-Kontexten ermöglichten. Angelpunkt für die analogische Übertragung dürfte die äußerliche Parallelität zwischen den lautgesetzlich veränderten Verba auf -k und den Verba auf , resp. gewesen sein. Dies gilt allerdings nicht für die 2./3. sg., wo die ursprünglichen Formen, die durch die Verba auf -i und -u gedeckt waren, beibehalten wurden:

An diesem Schema richten sich alle Verba, die auf Vokal ausgehen und keine RUKI-Bedingungen aufweisen, aus:

Biographische Angaben

Jürgen Fuchsbauer (Band-Herausgeber:in) Emanuel Klotz (Band-Herausgeber:in)

Jürgen Fuchsbauer ist Professor für slawische Sprachwissenschaft an der Universität Innsbruck. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt in der slawischen Altphilologie und Balkanistik. Emanuel Klotz arbeitet als Postdoc-Assistent am Institut für Slawistik der Universität Innsbruck. Er beschäftigt sich insbesondere mit der frühen Geschichte des Slawischen sowie mit Onomastik.

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Titel: Studien zum frühen Slavischen und zu älteren slavischen Texten