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Familiennamen zwischen Maas und Rhein

von Peter Gilles (Band-Herausgeber:in) Cristian Kollmann (Band-Herausgeber:in) Claire Muller (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 226 Seiten
Open Access

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Grundstrukturen der luxemburgischen Familiennamenlandschaft Der Luxemburgische Familiennamenatlas (LFA)
  • Regionalismen in den Luxemburger Familiennamen
  • Les noms de famille en images: les interférences germaniques dans les noms français du ‚Luxemburgischer Familiennamenatlas‘
  • Die luxemburgischen Familiennamen entlang der historischen Grenze zu Deutschland – Projektskizze und vorläufige Ergebnisse
  • Namenvarianten an der Sprachgrenze, genealogisch überprüft
  • La „loi des deux syllabes“: une réponse structurelle à la fixation des noms de famille en Wallonie
  • Auf der Schnittstelle zwischen Germania und Romania: Die Familiennamen in Belgien
  • Deutscher Familiennamenatlas Band 6: Patronyme. Konzept und linksrheinische Beispiele
  • Das ‚Digitale Familiennamenwörterbuch Deutschlands‘ Möglichkeiten und Ziele am Beispiel regionaler Namen
  • Anschriften der Autorinnen und Autoren

← 6 | 7 → Vorwort

Erfreulicherweise kann für die Namenforschung seit einigen Jahren wieder eine rege Forschungsaktivität festgestellt werden. Für die Familiennamen manifestiert sich dies u.a. in zahlreichen europäischen Großprojekten wie dem ‚Deutschen Familiennamenatlas‘ (DFA), dem ‚Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands‘ (DFD), den ‚Familiennamen Österreichs‘ (FamOs), den ‚Family Names of the United Kingdom‘ (FaNUK) oder dem ‚Luxemburgischen Familiennamenatlas‘ (LFA). Nicht zuletzt zeugen zahlreiche Monographien, Sammelbände, Artikel und Qualifikationsarbeiten der letzten Dekade vom neu erwachten linguistischen, dialektologischen sowie sprachund kulturhistorischen Interesse an der Namenforschung, das weit über das vorherrschende genealogische Moment hinaus geht. Grob zusammengefasst lassen sich zwei aktuelle Trends beobachten: Zum einen können Namenverteilungen durch neue Visualisierungsverfahren in einem ungleich größeren Umfang kartographiert werden und mit weiteren sprachlichen, i.e. dialektologischen Isoglossen, und/oder außersprachlichen Informationen korreliert und durch quantitative Auswertungen validiert werden. Zum anderen rücken prononciertere linguistische Fragestellungen in den Fokus, die nicht nur lautgeschichtliche Herleitungen sondern insbesondere morphologische Aspekte betreffen.

Im Kontext dieser beiden Trends sind auch die Beiträge des vorliegenden Bandes angesiedelt, die auf eine Tagung der Universität Luxemburg mit dem Titel „Familiennamen zwischen Maas und Rhein. Etymologien, Sprachkontakt, Kartierung“ (21.-22. September 2011) zurückgehen. Der gemeinsame Ausgangspunkt der folgenden Studien ist demnach ein regionaler: Initiiert durch die Arbeiten am ‚Luxemburgischen Sprachatlas‘ wurde der geographische Raum zwischen den Flüssen Maas und Rhein als Maximalausdehnung eines komplexen Familiennamengeflechts identifiziert. Dieses weist historisch bedingt große Ähnlichkeiten auf, hat sich jedoch aufgrund politischer Grenzziehungen seit dem 17. Jh. mehr und mehr diversifiziert. Das Themenspektrum umfasst die Sprachgeschichte, inklusive des historischen Sprachkontakts zwischen Germania und Romania, ferner die Namenwortbildung sowie insgesamt die Kartierung von Familiennamen.

Die vorliegende Publikation enthält eine Auswahl der auf der Tagung gehaltenen Vorträge in ausgearbeiteter und teilweise modifizierter Form. Alle Beiträge wurden einem Begutachtungsverfahren unterzogen. In fünf Beiträgen liegt der Schwerpunkt auf Luxemburg und der angrenzenden Großregion (Gilles, Kollmann, C Muller, Flores, J-C Muller). In zwei weiteren Aufsätzen richtet sich der Fokus auf Belgien, wobei jeweils Wallonien (Germain) und Gesamtbelgien (Marynissen) ins Auge gefasst werden. Die Beiträge von Dräger/Kunze und Fahlbusch/Heuser schließlich erweitern den Blickwinkel des „Deutschen Familiennamenatlasses“ (DFA) auf das angrenzende Luxemburg und Belgien. Gemeinsam ist damit allen Beiträgen die grenzüberschreitende Perspektive.

← 7 | 8 → An dieser Stelle möchten wir allen Kolleginnen und Kollegen, insbesondere dem Gutachter, für ihre konstruktive Mitarbeit an der Erstellung dieses Bandes danken. Für die Mitarbeit bei der Gestaltung des Bandes danken wir Mara Bilo, Benoît Junk und Caroline Döhmer.

← 8 | 9 → Grundstrukturen der luxemburgischen Familiennamenlandschaft Der Luxemburgische Familiennamenatlas (LFA)

Peter Gilles

Abstract

Der folgende Beitrag resümiert ausgewählte Ergebnisse des Projekts ‚Luxemburgischer Familiennamenatlas (LFA)‘. Nicht nur durch die Randlage im historischen germanophonen Sprachgebiet hat sich in Luxemburg eine charakteristische Namenlandschaft herausgebildet, die durch vielfältige Sprachkontakte mit (hoch-)deutschen und romanischen Sprachen/Varietäten gekennzeichnet ist. Die Analyse bezieht sich auf räumliche Verteilungsmuster von Namen und Namentypen sowie auf sprachhistorische Aspekte. Die Projektergebnisse werden in Form eines Namenbuches und eines Namenatlasses publiziert.

Nach einer Vorstellung von Methodik und Datengrundlage (Kap. 1) folgt eine Präsentation ausgewählter Ergebnisse (Kap. 2).

1 Methodik und Datengrundlage des LFA

Innerhalb der Zielsetzung des LFA1 erfolgt die Beschreibung der luxemburgischen Familiennamenlandschaft in kartographischer und sprachhistorischer, i.e. etymologischer und phonologischer Perspektive. Dabei ist der Fokus primär auf Luxemburg gerichtet. Aufgrund der geographischen Ausdehnung, der Randlage an der germanisch-romanischen Sprachgrenze und vielfältiger historischer Gebietsveränderungen erscheint es jedoch unverzichtbar, die angrenzenden Regionen systematisch in die Analyse mit einzubinden. Vielfältige Sprachkontakte mit deutsch- und romanisch-sprachigen Regionen und natürlich auch die massive Immigration im Verlauf des 20. Jh. verliehen der luxemburgischen Familiennamenlandschaft ihre charakteristischen Züge. In der Sicht dieser grenzüberschreitenden Familiennamenkunde werden also neben Luxemburg, Belgien (besonders Wallonien mit seinen historisch deutschsprachigen Gebieten um Arel, St. Vith und Eupen), Frankreich (besonders die Départements Moselle und Meurthe-et-Moselle) und Deutschland (besonders Saarland, Rheinland-Pfalz, Teile von Nordrhein-Westfalen) in die Untersuchung einbezogen. Als forschungspraktische Maximalausdehnung des Untersuchungsgebietes hat sich die Region zwischen Rhein und Maas als eine brauchbare Grundeinheit herausgestellt, innerhalb derer sich die meisten ← 9 | 10 → für Luxemburg relevanten Namenstrukturen beschreiben lassen. Methodisch wie inhaltlich schließt sich der LFA damit an vergleichbare Vorhaben zu Deutschland (DFA, Steffens 2013) und Belgien (Herbillon/Germain 1996, Marynissen 1994, Marynissen/Nübling 2010) an.

Die Hauptdatenbasis stammt aus Telefonbuchdaten, Geburts- und Melderegistern: Für Luxemburg handelt es sich um die Telefonbuchdaten des editus-Verlags von 2009, für Deutschland um die Telefonbuchdaten der Deutschen Telekom von 2009, für Belgien um das Melderegister von 2008 und für Frankreich um die kumulierten Geburtenregister des ‚Institut national de la statistique et des études économiques (INSEE)‘ für die Jahrgänge 1920 bis 1970. Die deutlich geringere Anzahl verschiedener Namen in den französischen Daten erklärt sich daraus, dass alle Namen mit einer Häufigkeit unter 30 nicht zur Verfügung gestellt wurden. Trotz der teilweise unterschiedlichen Struktur der Daten ist aufgrund der sehr hohen Anzahl die Vergleichbarkeit gewährleistet.2 Über die quantitative Zusammensetzung gibt Tab. 1 Aufschluss.

Tab. 1: Quantitative Zusammensetzung des Familiennamenbestandes

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Die Type/Token-Ratio beträgt für Luxemburg 4,5, d.h. auf einen Namen (‚type‘) entfallen durchschnittlich 4,5 Namenträger/Telefonbucheinträge (‚token‘). Im Vergleich dazu beträgt die Type/Token-Ratio für Deutschland 21 und für Belgien 33. In Luxemburg gibt es also deutlich mehr seltener vorkommende Namen als in den Nachbarländern. Genauere Einsichten in die luxemburgischen Namendaten gewährt Abb. 1, wo eine Aufteilung in Häufigkeitsklassen vorgenommen wird. Zur Abschätzung von historischen Veränderungen finden sich rechts die entsprechenden Daten von 1880, die aus Volkszählungsdaten gewonnen wurden (Müller 1887). In Bezug auf die Types ist zu erkennen, dass heute ca. 90 % der Namen mit den geringsten Häufigkeiten von 1 bis 10 vorkommen, während dieser Anteil 1880 nur bei 65 % lag. Bezogen auf die Tokens bedeutet dies, dass heute ca. 38 % aller erfassten Personen einen Namen der untersten Häufigkeitsklasse tragen. Diese Häufigkeitsverteilung illustriert die starke Diversifizierung des Luxemburger Familiennamenbestandes und ist auf den hohen Anteil der nicht-luxemburgischen Wohnbevölkerung (ca. 44 %) zurückzuführen.

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Abb. 1: Aufteilung der luxemburgischen Familiennamen von 2009 und 1880 in Häufigkeitsklassen

Als zusätzliche Quellen, insbesondere zur historischen Sondierung, wurden neben den bereits erwähnten Volkszählungsdaten von 1880 (Müller 1887), Feuerstättenverzeichnisse von 1561, 1611, 1656 (Oster 1965) und als älteste greifbare Schicht die Rechnungsbücher (1388–1500) der Stadt Luxemburg (Moulin/Pauly 2007ff.) herangezogen, deren Namenbestand von Gniffke (2010) in einem Namenbuch zusammengestellt wurde. Darüber hinaus wurden auch genealogische Datenbanken3 konsultiert, in deren stetig wachsenden Datenbeständen aus Geburts- und Heiratsregistern sich wichtige Hinweise über die Transmission und Veränderung von Familiennamen im generationellen Wechsel aufspüren lassen. Innerhalb dieser historischen Quellendaten nehmen die Volkszählungsdaten von 1880 die wichtige Funktion eines Filters ein: Da es das Ziel des LFA ist, die historische Struktur der Luxemburger Familiennamenlandschaft zu erfassen, bleiben alle Namen, die nach 1880 überwiegend durch Immigration hinzugekommen sind, aus der Untersuchung ausgeblendet. Dies betrifft überwiegend portugiesische und italienische Einwanderernamen wie da Silva (239, Rang 41), dos Santos (178, Rang 66), Ferreira (202, Rang 58) oder Rossi (67, Rang 321). Die Untersuchung konzentriert sich also ausschließlich auf Namen, die bereits 1880 anzutreffen waren.

← 11 | 12 → Zur Verwaltung und Bearbeitung des Namenbestandes wurde eine internetbasierte Datenbank entwickelt,4 in der alle relevanten Informationen eingegeben werden. Zur Namenklassifikation und -beschreibung wurden folgende Kriterien berücksichtigt:

• Name

• Lemma oder Variante

• wenn Lemma: Angabe des Basisnamens

• wenn Variante: Angabe des zugehörigen Namens

Zusammenfassung

Die Familiennamen im Gebiet zwischen den Flüssen Maas und Rhein stellen infolge der komplexen politisch-historischen Grenzziehungen und durch ihre Lage in der Kontaktzone zwischen Germania und Romania eine besonders vielfältige Quelle für die Namenforschung dar. Der Band umfasst komparative und systematische Beiträge zu den Familiennamenlandschaften in den Grenzregionen von Luxemburg, Belgien, Deutschland und Frankreich, die aus sprachhistorischen, kontaktlinguistischen und kartographischen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Artikelsammlung richtet sich damit sowohl an Sprachhistoriker wie auch an Kulturhistoriker.

Details

Seiten
226
ISBN (PDF)
9783653041880
ISBN (ePUB)
9783653992977
ISBN (MOBI)
9783653992960
ISBN (Buch)
9783631646793
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Februar)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 226 S., 111 farb. Abb., 17 s/w Abb., 9 Tab.

Biographische Angaben

Peter Gilles (Band-Herausgeber:in) Cristian Kollmann (Band-Herausgeber:in) Claire Muller (Band-Herausgeber:in)

Peter Gilles ist Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Luxemburg. Seine Forschungsgebiete sind Phonetik und Phonologie sowie Variationslinguistik und Dialektologie insbesondere des Luxemburgischen. Cristian Kollmann und Claire Muller sind Wissenschaftliche Mitarbeiter am Forschungsprojekt «Luxemburgischer Familiennamenatlas (LFA)».

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Titel: Familiennamen zwischen Maas und Rhein