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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

von Ulrike Schneider (Band-Herausgeber:in) Helga Völkening (Band-Herausgeber:in) Daniel Vorpahl (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 341 Seiten

Zusammenfassung

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Autoren
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • I. Semantische Einleitung und Stand der Geschwisterforschung
  • „Dann sei dir darüber im Klaren, daß du auch ein Bruder bist“. Prämissen, Implikationen und Funktionen geschwisterbezogener Terminologie, Rezeption und Metaphorik – Versuch einer disziplinübergreifenden Systematisierung (Helga Völkening)
  • Themen, Kontexte und Perspektiven sozial- und individualpsychologischer Geschwisterforschung – Ein Überblick (Helga Völkening)
  • II. Exegetische Studien zur Präsenz von Geschwisterbeziehungen in religiösen Traditionen
  • Geschwisterlichkeit als sozialethische Matrix des Volkes Israel in der Tora (Daniel Vorpahl)
  • Kinder Israels und Gottes Kinder – Geschwisterlichkeit in der Hebräischen Bibel und im Neuen Testament (Rainer Kessler)
  • Isaak und Ismael in der islamischen Überlieferung – Ein widersprüchliches Bild (Hans-Michael Haußig)
  • III. Historische Untersuchungen zur gesellschaftlichen Relevanz von Geschwisterbeziehungen
  • Zwischen Macht und Ohnmacht – Zur Bedeutung der Kaiserschwestern im Principat von Augustus bis Commodus (27 v. Chr. – 192 n. Chr.) (Sandra Kaden)
  • Adlige Geschwisterbeziehungen im 18. und 19. Jahrhundert – Ideale und gelebte Praxis (Denise von Weymarn-Goldschmidt)
  • IV. Motivgeschichtliche Analysen zur Darstellung von Geschwisterbeziehungen in Literatur, Musik und Bildender Kunst
  • „Hiermit Gott befohlen und seyd hübsch alle, ihr viere brüderlich, ihr zwei schwesterlich, getreu“ – Die Darstellung von Geschwisterbeziehungen in den Kinder- und Hausmärchen in ihrem soziokulturellen Kontext (Jenny Vorpahl)
  • Schwestern am Scheideweg – Zur Schwesternbeziehung in der Literatur der Restaurationszeit (Anna Glowacka)
  • Geschwister, Geschwisterlichkeit und Serien bei Robert Walser (Dagmar Bruss)
  • Moses und Aron in der musikalischen Rezeption Arnold Schönbergs (Yael Kupferberg)
  • Der schöne Schein – Untersuchungen zu Geschwisterdarstellungen in der Kunst des 20./21. Jahrhunderts (Constanze Musterer)
  • V. Kulturwissenschaftliche und soziokulturelle Untersuchungen zu Rezeptionen und Funktionen von Geschwistermetaphern
  • Sokrates und Mendelssohn – Zur Bedeutung der Zwillings-Metapher im Bildungskonzept von David Friedländer und Jeremias Heinemann (Uta Lohmann)
  • „Unsere Demokratie soll Ausdruck unserer Brüderlichkeit sein“ – Eine theologische Rekonstruktion von Geschwisterlichkeitskonzeptionen in katholischen Ordensgemeinschaften am Beispiel des Ordo Praedicatorum (Ulrich Engel)
  • Wie Schwestern? Freundschaft in Ann Brashares’ Sisterhood-Reihe (Katharina Gerund)
  • Verzeichnis der Autor_innen

I. Semantische Einleitung und Stand der Geschwisterforschung

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„Dann sei dir darüber im Klaren, daß du auch ein Bruder bist“1. Prämissen, Implikationen und Funktionen geschwisterbezogener Terminologie, Rezeption und Metaphorik – Versuch einer disziplinübergreifenden Systematisierung

Helga Völkening

Abstract

The present article provides a systematic overview on the diverse aspects of sibling relationships as seen from the perspective of different disciplines. Thereby it expounds the variety of definitions, etymological derivations and sociocultural influences, as well as historical and cultural receptions of sibling relations and of sibling metaphors.

In einem Interview für den Berliner Tagesspiegel konstatiert die Autorin Charlotte Link anlässlich ihrer 2014 erschienenen Publikation Sechs Jahre – Der Abschied von meiner Schwester2:

Dabei ist mir aufgefallen, dass man über Schwestern gar nicht so viel redet. Nicht, weil man sie schamhaft verschweigt. Aber wenn es eine gute Beziehung ist, ist das etwas Selbstverständliches im Leben. Man redet über Probleme mit Partnern, Eltern, Kindern. Schwestern kommen nicht vor. Vermutlich, weil sie so stabile Größen sind.3

Diese persönliche Einschätzung korrespondiert mit einer anhaltend marginalen Thematisierung von Geschwisterbeziehungen auf wissenschaftlicher Ebene. Erst seit kurzer Zeit wird diese mangelnde Reflexion vereinzelt problematisiert und angesichts der außergewöhnlichen Relevanz der Geschwisterrelationen für persönliche Biographien wie für die gesamte Kultur- bzw. Geistesgeschichte als Defizit bewertet. In der Kritik stehen nicht nur die lediglich sporadischen Fokussierungen der Geschwisterbeziehung innerhalb der Psychologie4 und Soziolo ← 15 | 16 gie5, sondern vor allem ihre ausbleibende oder seltene Behandlung respektive inadäquate Gewichtung in den Fachbereichen der Anthropologie6, Ethnologie und Pädagogik7 sowie in der Kunst-, Musik-, Medien-, Literatur- und Geschichtswissenschaft8. Letztlich beziehen sich die Vorwürfe somit auf nahezu alle human-, kultur- bzw. geisteswissenschaftlichen Disziplinen9, einschließlich der Theologie, Religions- und Rechtswissenschaft10. Bestenfalls wird einzelnen Fachvertreter_innen in diesem Zusammenhang zugestanden, dieses Desiderat ansatzweise erörtert und Schritte zur Kompensation präsentiert bzw. eingeleitet zu haben.

Konkret liegen bisher lediglich in der Individual- und Sozialpsychologie11 sowie bezüglich der Begriffsgeschichte12 umfangreichere, richtungsweisende Untersuchungen vor. Zugleich lässt sich eine zunehmende Präsenz der Thematik in den Medien feststellen: Neben einer Vielzahl aktueller Reportagen innerhalb der Tages- und Wochenpresse13 behandeln auch zahlreiche literarische Publika ← 16 | 17 tionen14 oder Kino- und Fernsehfilme15 in den letzten Jahren vermehrt Geschwisterbeziehungen.

Vor allem hinsichtlich der zuvor besonders vernachlässigten Schwesternbeziehung werden gegenwärtig seitens Kultur-, Literatur- und Sozialwissenschaftler_innen sowohl das Potenzial als auch die fächerübergreifende Prädisposition der Thematik betont16 und erste Ansätze eines interdisziplinären Dialogs initiiert17. Um diese nicht nur zusammenzuführen, sondern in jeweils möglichem Rahmen auch einen tatsächlichen, beflügelnden Austausch und nachhaltige Synergismen zu befördern, bedarf es jedoch der Ausweitung zu einem breiteren, fächerübergreifenden Diskurs sowie einer Systematisierung der Gegenstandsbereiche. Hierbei müssen nicht nur die unterschiedlichen methodischen Zugangsweisen, Erkenntnisinteressen und -grenzen der jeweiligen Wissenschaftsdisziplinen stets reflektiert und berücksichtigt werden. Auch unterschiedliche terminologische Prämissen und Definitionen – auf fachspezifischer Ebene oder infolge lokaler und kultureller Spezifika – bedürfen der expliziten Darlegung und Erörterung. Birgt doch die strukturelle Einbindung in fachinterne Konventionen ebenso wie der Sachverhalt, dass die Begriffe ,Geschwister‘, ,Bruder‘ oder ,Schwester‘ aus dem allgemeinen Sprachgebrauch vertraut sind und ihre inhaltliche Bedeutung selbstverständlich erscheint, die Gefahr, vorschnell eine ← 17 | 18 allgemeine semantische Übereinstimmung bzw. Übereinkunft vorauszusetzen, die keiner näheren Erläuterung oder Reflexion bedarf.18 Bei detaillierterem Blick auf die (Fach-)Literatur unterschiedlicher Provenienz und Betrachtung der jeweils tatsächlichen Anwendung bzw. Nichtverwendung der Termini in verschiedenen Ethnien und Kulturen19, zeitgeschichtlichen oder sozialen Kontexten lässt sich jedoch schnell eine durchaus heterogene Verwendung der Begriffe feststellen. Die folgende Zusammenführung der Geschwisterdefinitionen innerhalb verschiedener Sachgebiete soll daher einen ersten Überblick über disparate terminologische Prämissen und inhaltliche Implikationen ermöglichen.

Definitionen

Biologische Definition

Die genetische Abstammung von gemeinsamen Eltern gilt historisch und kulturübergreifend als das nächstliegende Kriterium, Geschwister zu bestimmen.20

Gemäß (des Grades) ihrer übereinstimmenden biologischen Herkunft wird im deutschsprachigen Sprachgebrauch zwischen „vollbürtigen“ bzw. „leiblichen“ Geschwistern, die gemeinsame Eltern haben, und „halbbürtigen“ Geschwistern mit nur einem übereinstimmenden Elternteil (Halbgeschwister) unterschieden.21 Eine Sonderstellung nehmen in diesem Zusammenhang eineiige ← 18 | 19 Zwillinge ein, da sie nicht nur dieselben Eltern aufweisen, sondern auch genetisch identisch sind.22

Dieser genetisch-genealogischen Grundlegung zufolge wird die geschwisterliche Relation somit vorgefunden bzw. vorgegeben und impliziert keine Wahlfreiheit oder Entscheidungsoption hinsichtlich des Beginns oder auch der Aufhebung der Geschwisterbeziehung bzw. der eigenen geschwisterlichen Identität.

Juristische Definition

Auch im Bürgerlichen Gesetzbuch wird zwischen vollbürtigen und halbbürtigen Geschwistern differenziert (§ 1307 BGB). Generell gelten Geschwister als in der Seitenlinie verwandt, da sie von (mindestens) einer gemeinsamen dritten Person abstammen.23 Der juristische Geschwisterbegriff ist somit ebenfalls primär biologisch-genetisch bzw. genealogisch determiniert.

Darüber hinaus lässt sich eine rechtliche Ausweitung des Geschwisterbegriffs feststellen, da adoptierten Kindern die gleiche rechtliche Stellung, mit entsprechenden Rechten und Pflichten, zugesprochen wird wie leiblichen Abkömmlingen der/s annehmenden Eltern/-teils.24 Folglich fällt beispielsweise eine Heirat oder eine eheähnliche bzw. sexuelle Verbindung zwischen angenommenen oder adoptierten und leiblichen Abkömmlingen mindestens eines Elternteils unter das Inzestverbot, sofern die Annahme in der Kindheit erfolgt ist. Während allerdings in diesem Fall die Möglichkeit besteht, das Eheverbot durch Auflösung des Annahmeverhältnisses zu umgehen (§ 1308 BGB), sieht die Gesetzgebung keine vergleichbare Option bei Personen gemeinsamer genetischer Abstammung vor – selbst wenn diese aufgrund einer Adoption oder einer anderwärtigen Annahme während der Kindheit nicht im selben Umfeld aufgewachsen sind und ihr Verwandtschaftsverhältnis folglich im rechtlichen Sinne erloschen ist.25 Die genetische Geschwisterbestimmung bleibt somit irreversibel konstitutiv und rechtsbindend. ← 19 | 20

Grundsätzlich wird folglich in deutschen Gesetzestexten terminologisch zwischen Halb-, Stief-, Adoptiv- und Pflegegeschwistern unterschieden, rechtlich gelten sie jedoch als (nahezu) gleichgestellt.

Soziokulturelle bzw. ethnologische Definition

Die juristische Geschwisterdefinition berücksichtigt neben der genetischen Disposition bereits zugleich die soziale Komponente des gemeinsamen Aufwachsens, der parallelen Erfahrung, Sozialisation und Prägung innerhalb des primären familialen Umfelds (oder weiterer übereinstimmender Kontexte). Dies korrespondiert mit der sozialwissenschaftlichen Akzentuierung der gesellschaftlichen Determinierung der Geschwisterdefinition,26 wonach Geschwister in erster Linie „als soziale Gruppe und als gesellschaftliches Produkt sozialhistorischer Prozesse“27 verstanden und analysiert werden. Hierbei wird vor allem betont, dass es sich bei dem Geschwisterverhältnis um ein Konstrukt bzw. um eine kulturelle Kategorie handelt, das/die durch soziokulturelle Festlegung, Beeinflussung sowie Ausgestaltung konstituiert und bestimmt wird. Die Feststellung, wer als Geschwister gilt bzw. wie sich die Geschwisterbeziehung definiert und charakterisiert, erweist sich demzufolge als Resultat einer innergesellschaftlichen Zuschreibung, Übereinkunft oder Erwartung.28 Sie ist somit in erster Linie sozial- und kulturgeschichtlich oder ethnisch geprägt und variabel, da die Begrenzungen oder Ausweitungen des Geschwisterbegriffs an die jeweiligen historischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Umstände, Kontexte, Erfahrungen und Werte gebunden sind.29 Demgemäß gehen Ethnologen gegenwärtig insbesondere der Frage nach, wie bzw. wann Verwandtschaft und hier konkret Geschwisterschaft konstruiert wird, welche sozialen Praktiken und Normen realiter dazu führen, dass sich Individuen als Geschwister wahrnehmen bzw. gesellschaftlich als solche definiert werden. In diesem Kontext werden neben der biologischen Herkunft insbesondere gemeinsame Erfahrungen30 (vor allem innerhalb der Kindheit bzw. Sozialisation, aber auch aufgrund spezifischer, Nä ← 20 | 21 he schaffender, prägender Momente)31 als potenziell übergreifende, transkulturelle bzw. transethnische Übereinstimmung mit ihren jeweiligen kulturellen oder lokalen Spezifika und Ausprägungen in den Blick genommen.

Gerade das Moment der (nicht-)geteilten Erfahrung und Sozialisation stellt sich jedoch in den (gegenwärtig) verbreiteten Patchworkfamilien32 respektive Stieffamilien als Problem dar: Da die neuen Familienmitglieder zumeist „keine gemeinsame Historie“33 haben, fehlen ihnen Gemeinschaftserfahrungen. Zumindest in der Anfangszeit des Zusammenlebens ist somit von einer gewissen Distanz unter den neu konstituierten Stief- oder Halbgeschwistern auszugehen, welche den gesellschaftlichen Zuschreibungen und Erwartungen an eine familiale Vertraut- und Verbundenheit (noch) nicht entspricht.34 Grundsätzlich bedarf es somit auch hier einer Differenzierung zwischen leiblichen Geschwistern und Halb-, Stief- oder Pflegegeschwistern sowie anderer sozialer Geschwisterbindungen.35

Individualpsychologische und -soziologische Definition

Auf individueller Ebene werden Geschwister bzw. Geschwisterbeziehungen in der Psychologie, Pädagogik und Sozialforschung insbesondere als persönlichkeitsprägende Faktoren verstanden. Entwicklungs- und Individualpsycholog_innen analysieren in erster Linie, inwieweit und auf welche Weise die Geschwisterkonstellation die emotionale, intellektuelle und soziale Entwicklung sowie Charakterbildung des Einzelnen beeinflusst und durch welche Momente ← 21 | 22 sie konkret geprägt wird (Rivalität, Verbundenheit etc.).36 Betont wird dabei in jüngeren Untersuchungen neben der Ambivalenz vor allem die Konstanz und Dynamik der Geschwisterbeziehung im Lebenszyklus.

Ulrich Schmidt-Denter definiert Geschwisterbeziehungen entsprechend als horizontale Beziehungen, die nicht freiwillig gewählt, sondern schicksalhaft sind. Sie gehörten zu den „verfügbarsten, intensivsten und dauerhaftesten sozialen Erfahrungen“37.

Konkretion

Etymologische Annäherung

1.    Geschwister, Bruder und Schwester

Der Begriff ,Geschwister‘38 geht auf westeuropäische Ursprünge zurück und wird bis zum Spätmittelalter ausschließlich als Plural zum Substantiv ,Schwester‘ verwendet.39 Ab dem 16. Jahrhundert ist er zudem im heute gebräuchlichen Sinne belegt, welcher ebenfalls Brüder einbezieht.40

Die Bezeichnung ,Schwester‘ wird gemeinhin auf die indoeuropäische Wurzel simagesēsor zurückgeführt.41 Die primäre Bedeutung lässt sich nicht mehr exakt bestimmen.42 Allerdings erwägt der Philologe Richard Kannicht einen sozialen Grundgehalt, insofern er annimmt, der Begriff habe sich ursprünglich auf ein ,weibliches Mitglied einer Gruppe‘ bezogen und somit zunächst kein biologisches Verwandtschaftsverhältnis vorausgesetzt.43 ← 22 | 23

Der äquivalente männliche Terminus leitet sich ebenfalls begriffsgeschichtlich von einer indoeuropäischen Wurzel her: bhrâter oder bhrātor.44 Während im Etymologie-Lexikon des Duden als Grundbedeutung „Bruder und Blutsverwandter“45 angeführt ist, mutmaßt Richard Kannicht auch hier, der Begriff habe sich im ersten Jahrtausend v.d.Z. ursprünglich auf ein „Mitglied einer clanartig organisierten sozialen Gruppe: eben eine ,Bruderschaft‘“46 in Griechenland bezogen. Ähnlich geht auch Schieder von einer Bezeichnung für einen „ursprünglich wohl religiöse[n] Verband mehrerer Familien“47 aus.

Eine genuin biologische Geschwisterschaft implizieren demgegenüber die gebräuchlichen frühgriechischen Termini ἀδελφός (adelphọs: „Bruder“) bzw. ἀδελφή (adelphæ: „Schwester“): „aus demselben Mutterleib (entsprossen)“, „denselben Uterus geteilt“.48 Sie verweisen folglich auf die gemeinsame leibliche Abkunft von einer Mutter, wobei die maskuline Pluralform ἀδελφοί (adelphoi) Schwestern mit einbezieht.49

2.    Bruderschaft und Brüderlichkeit, Schwesternschaft sowie Schwesterlichkeit

Im Rahmen der emanzipatorischen Bemühungen des Philanthropen Joachim Heinrich Campe, fremdsprachige Ausdrücke durch deutsche Synonyme zu ersetzen, erhielt auch die Übersetzung der französischen Revolutionsmaxime ,fraternité‘ mit dem Terminus ,Brüderlichkeit‘ Einzug in den deutschen Sprachgebrauch.50 Bereits Johann Kaspar Lavater (1776) hatte den Begriff der ,Brüder ← 23 | 24 lichkeit‘ in Abgrenzung zum gebräuchlichen Terminus ,Brüderschaft‘ (,Bruderschaft‘ oder ,Verbrüderung‘) verwendet.51 Während letzterer traditionell und fortan speziell eine institutionelle gesellschaftliche Organisationsform, konkret einen Personenverbund,52 bezeichnete, impliziert(e) der Neologismus ,Brüderlichkeit‘ nun in erster Linie eine konkrete Gesinnung in politischer, sozialer oder religiöser Hinsicht: eine als brüderlich identifizierte Grundhaltung, Programmatik bzw. Verhaltensweise.53

Campe führte in diesem Zusammenhang jedoch mit dem Terminus ,Schwesterlichkeit‘ auch den im französischen (und englischen) Sprachgebrauch fehlenden, äquivalenten weiblichen Begriff in den deutschen Sprachraum ein.54 Das zugehörige Adjektiv ,schwesterlich‘ wird sodann im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm ebenfalls auf die positiv konnotierte „Gesinnung und Eigenart“ „Empathie, Nähe und Hilfe“55 bezogen, ohne jedoch den politischideologischen Bezugsrahmen, der dem männlichen Pendantbegriff ,Brüderlichkeit‘ zugeordnet ist, einzuschließen. Er wird meist in Abgrenzung zum Terminus ,Schwesternschaft verwendet, welcher die biologische Abstammung von gemeinsamen Eltern56 oder soziale Institutionen bezeichnet. ← 24 | 25

Sozial- und kulturgeschichtliche Rahmenbedingungen

1.    Sprachgeschichtliche Kontexte

Bereits in frühgriechischen Quellen finden sich Belege für die Anwendung geschwisterlicher Vokabeln wie Bruder (ἀδελφός: adelphọs) sowie Schwester (ἀδελφή: adelphæ) hinsichtlich weiterer Verwandter (Cousins, Cousinen, Schwägerinnen, Schwäger).57 Auch im mittelalterlichen europäischen Sprachgebrauch wurden Schwägerinnen oder Schwäger zuweilen als Schwester bzw. Bruder bezeichnet.58 Hier liegt insbesondere bezüglich der Frau die Prämisse zugrunde, dass diese mit der Eheschließung in einen anderen Hausstand übergeht, d.h. von ihrer Herkunftsfamilie zu einer neuen Kernfamilie wechselt, in welche sie vollständig integriert wird.59

Vor allem seit dem Mittelalter lässt sich eine erweiterte Verwendung geschwisterlicher Metaphern in vielfältigen gesellschaftlichen Kontexten feststellen.60 Gabriela Signori konkludiert sogar, keine andere Metapher sei „im Mittelalter wirkungsmächtiger“ gewesen, „der Nähe zwischen zwei Personen Ausdruck zu verleihen, als die Begriffe Bruder oder Schwester“61. So seien insbesondere im Spätmittelalter enge Freunde als Schwestern oder Brüder bezeichnet worden.62 Signifikant sind auch die vielzähligen religiös-spirituellen und berufsstandbezogenen Schwestern- und Bruderschaften im mittelalterlichen Europa, deren Angehörige sich selbst als Schwester und Brüder angeredet haben bzw. von außen entsprechend bezeichnet worden sind.

2.    Sozialhistorische und soziokulturelle Konstellationen sowie Konsequenzen

Die oft als Novum und Charakteristikum der Postmoderne betrachtete Patchworkfamilie war in vorindustrieller Zeit und in späteren Jahrhunderten noch vor ← 25 | 26 allem in Adelsfamilien63 weit verbreitete Lebenswirklichkeit. Aufgrund der hohen Sterblichkeit der (Ehe-)Partner sind die Kinder, so Vera Bollmann, seltener als zumeist angenommen in stabilen Großfamilien, sondern zu einem großen Teil in neu gebildeten Stieffamilien aufgewachsen.64 Als weitere Folge der hohen Geburts- und Mortalitätsrate müsse der zu dieser Zeit nicht ungewöhnliche große Altersabstand zwischen den (Stief-)Geschwistern Berücksichtigung finden. Dieser habe des Öfteren einer egalitären Geschwisterbeziehung entgegengestanden und hierarchische Verhältnisse der Fürsorge und Belehrung protegiert.65 Zudem sei aufgrund des zeitlich durchschnittlich früheren Auszugs älterer Geschwister bei Beginn einer beruflichen Ausbildung, zwecks standesgemäßer Erziehung66 oder infolge der Gründung eines eigenen Hausstands der Auf- oder Ausbau einer nahen geschwisterlichen Beziehung zusätzlich erschwert gewesen.67 Insgesamt bestanden somit „schlechte Voraussetzungen für die Herausbildung einer als einheitlich wahrnehmbaren sozialen Gruppe und einer engen sozialen Beziehung zwischen Geschwistern“68. Bollmann folgert daraus, „dass Geschwister als soziale Beziehungen ein eher neuzeitliches Phänomen darstellen.“69 Erst im 17. Jahrhundert habe sich das Familienleben in gehobenen Schichten „mit der Verbreitung von schulischen und universitären Einrichtungen“70 grundlegend gewandelt.

Ab dem 18. Jahrhundert entstanden im Rahmen des nun in den Mittelpunkt gerückten Gesellschaftsmodells der bürgerlichen Familie, welche der öffentlichen Außenwelt als privater, intimer Gegenpol entgegengestellt wurde,71 sowie infolge der ,Entdeckung der Kindheit’ im 17. Jahrhundert als eigenständige, zu ← 26 | 27 berücksichtigende Lebensphase auch neue Konditionen für die Konstituierung einer (engeren) Geschwisterbeziehung in bürgerlichen bzw. gehobenen Kreisen. Exemplarisch nennt Bollmann in diesem Zusammenhang die Trennung der Arbeits- und Familienbereiche im 18. und 19. Jahrhundert als Folge der Industrialisierung sowie die damit verbundene Einführung von Kinderzimmern, in denen Kinder „mit ihren Geschwistern, fern und unabhängig von der Erwachsenenwelt, viel Zeit zusammen verbrachten und eine eigenständige Beziehung zueinander aufbauen konnten.“72

Bildete die bürgerliche Kernfamilie73 vor allem im 19. Jahrhundert bis Mitte oder Ende des 20. Jahrhunderts (1950er und 1960er Jahre) ein Ideal und die meist als selbstverständlich vorausgesetzte sowie praktizierte Lebensform in den westlichen Industrienationen, so charakterisieren und prägen Individualisierung der Lebensentwürfe und Pluralität der Lebenswelten die Postmoderne. Neben nicht selten temporären und variablen Konstellationen innerhalb des Familienlebens74 ist die Haushaltsgröße insgesamt gesunken. Hatte sich die Kinderzahl ab Ende des 19. Jahrhunderts bereits auf zumeist drei bis vier reduziert und betrug in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchschnittlich zwei bis drei,75 so ist bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts ein weiterer Rückgang festzustellen: Seit Ende der 1990er Jahre beträgt die jährliche Geburtenrate in Deutschland relativ konstant 1,4 Kinder pro Frau.76 Laut Erhebung des Statistischen Bundesamts wuchs 2012 in 42 Prozent der Familien in Deutschland ein Kind allein auf (Ein-Kind-Familien). In 43 Prozent der Familien lebten zwei und in 15 Prozent drei oder mehr minderjährige Kinder.77 Trotz Zunahme von Ein-Kind-Familien78 ← 27 | 28 überwiegt somit noch immer die Sozialisation mit einem oder mehreren Geschwister(n), so dass auf demographischer Basis zwar ein Rückgang, aber noch keine ,geschwisterlose Gesellschaft konstatiert werden kann.79 Zudem verbringen Geschwister gegenwärtig durchschnittlich mehr Zeit gemeinsam,80 da sich der Auszug aus dem Elternhaus vor allem aufgrund verlängerter Ausbildungszeiten81 (vielleicht auch wegen des größeren, zur Verfügung stehenden privaten Wohnraums und zumeist liberalerer Erziehungsmethoden) zeitlich nach hinten verschiebt. Infolge der statistisch höheren Lebenserwartung dehnt sich der Zeitraum der Geschwisterbeziehung zudem bezüglich der gesamten Lebensspanne weiter aus.82

Auf persönlichkeitsbezogener Ebene wird derzeit vermehrt der Einfluss der Geschwistererfahrung und -beziehung auf die soziale Entwicklung des Einzelnen bzw. auf die individuelle Sozialisation (beispielsweise hinsichtlich des Erlernens und Eingehens sozialer Beziehungen und der Übernahme spezifischer Rollen83) untersucht. Fokussiert werden dabei neben den insgesamt heterogenen familialen Ausgangssituationen84 und dem zumeist längeren Verbleib innerhalb der Kernfamilie auch veränderte demographische Entwicklungen in Industrieländern wie Deutschland oder innerhalb von Ländern mit restriktiver politischer Reglementierung der Bevölkerungszahl (z.B. die Ein-Kind-Politik in China). Hier stehen neben der Reflexion über die Auswirkungen einer verminderten Geschwisteranzahl oder gänzlich fehlender Geschwister auf gesamtgesellschaftliche Verhältnisse vor allem die Konsequenzen für die individuelle persönliche bzw. soziale Entwicklung im Vordergrund: So wird beispielsweise der Frage ← 28 | 29 nachgegangen, welche Konsequenzen sich aus dem Sachverhalt ergeben, dass Kindern bzw. Jugendlichen ohne Geschwister das soziale ,Übungsfeld‘ auf horizontaler Ebene fehlt, sie somit unter Umständen Kompetenzen, sich gegenüber anderen zu behaupten, Konflikte auszutragen bzw. zu bewältigen sowie Rollenidentitäten auszubilden, nicht entwickeln können.85

Kulturgeschichtliche Rezeption

Geschwisterliche Ideal- und Leitbilder

Stereotype und Idealvorstellungen hinsichtlich der Geschwisterbeziehung scheinen einerseits kultur- und zeitübergreifende Kontinuität zu besitzen, andererseits werden diese jeweils lokal oder zu unterschiedlichen Zeiten betont bzw. einzelne Momente erhalten eine verstärkte Relevanz, Priorität oder Modifikation. Letztlich kommt ihnen eine zweifache Funktion zu: Sie sind Ausdruck der sozio- bzw. kulturgeschichtlichen Situation und prägen diese zugleich.86 So spiegelte der ab 1800 in vielen deutschsprachigen literarischen bzw. künstlerischen Werken enthaltene Topos der Geschwisterliebe einerseits das Aufklärungsideal oder konkret das neue bürgerliche Familienbild, andererseits beeinflusste es als zeitgenössisches Leitbild selbst die kulturellen Werte sowie die Lebensorientierungen der Zeitgenossen.87

1.    Die Bruder-Schwester-Beziehung

Der lateinische Grammatiker Verrius Flaccus erörtert in seinem einflussreichen Glossar De verborum significatu88 die Geschwisterbeziehung anhand des Begriffs der amita, der Tante väterlicherseits. Dabei fokussiert er die besondere affektive Nähe und Harmonie zwischen Bruder und Schwester (zwischen Vater und Tante aus Sicht der Nachkommen). Diese sieht er bereits terminologisch ← 29 | 30 verankert, da er amita – linguistisch zweifelhaft – von amata, Geliebte/Freundin (des Bruders), herleitet.89 Ann-Cathrin Harders resümiert:

Ausgehend von diesen Überlegungen kann also festgestellt werden, dass ein römischer Diskurs zu fassen ist, der der Bruder-Schwester-Beziehung eine zentrale Rolle in der Familienordnung zuweist. Dabei ist erstens zu konstatieren, dass dem geschwisterlichen Verhältnis eine besondere affektive Nähe zugesprochen wird. Affektivität darf dabei nicht mit Emotionalität gleichgesetzt werden; sie ist vielmehr als Rollenverhalten zu begreifen. Die enge Beziehung, wie sie in der römischen Gesellschaft zwischen Bruder und Schwester erwartet wird, mag demnach konstruiert sein, um spezielle Funktionen zu erfüllen, wie sie sich auch in anderen, die agnatischen Grenzen überspringenden Verwandtschaftsbeziehungen in Rom feststellen lassen: In diesem Fall interfamiliale Verantwortung und Kooperation.90

Schon die altgriechische Literatur (Herodot), aber auch frühe buddhistische Schriften enthalten darüber hinaus das Motiv der Schwester, die ihren Bruder bevorzugt, wenn sie gezwungen wird, lediglich eine Person auszuwählen, die gerettet werden kann. Sie entscheidet sich – so die übereinstimmende Quintessenz – weder für ihren Ehemann noch für ihre Kinder, weil nur der Bruder für sie nicht ersetzbar ist. Einen Ehemann könne sie demgegenüber ebenso erneut finden wie Kinder bekommen.91 Besondere Relevanz und Verbreitung erhielt dieser Topos sodann in seiner Antigone-Ausgestaltung innerhalb der Tragödie des Sophokles, der in der Literatur- und Kunstgeschichte vielfältig adaptiert worden ist: Antigone widersetzt sich dem Verbot, ihren Bruder Polyneikes zu bestatten und wird zur Strafe lebendig begraben. ← 30 | 31

In Märchen wie Brüderchen und Schwesterchen oder Hänsel und Gretel wird dann entsprechend des Öfteren der besondere Zusammenhalt, die Fürsorge, Verbundenheit und Ergänzung aufgrund komplementärer Fähigkeiten und Lösungsansätze – jenseits von entzweiender Polarität und Rivalität – betont.92

Details

Seiten
341
ISBN (PDF)
9783653041750
ISBN (ePUB)
9783653988123
ISBN (MOBI)
9783653988116
ISBN (Hardcover)
9783631650578
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juni)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 341 S.

Biographische Angaben

Ulrike Schneider (Band-Herausgeber:in) Helga Völkening (Band-Herausgeber:in) Daniel Vorpahl (Band-Herausgeber:in)

Ulrike Schneider ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik/Jüdische Studien und Religionswissenschaft sowie Koordinatorin des Studiengangs Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Helga Völkening ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft (Schwerpunkt Christentum) an der Universität Potsdam. Daniel Vorpahl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Hebräische Bibel und Exegese an der School of Jewish Theology am Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam.

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Titel: Zwischen Ideal und Ambivalenz