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Multimodale Kommunikation im Social Web

Forschungsansätze und Analysen zu Text–Bild-Relationen

von Christina Margrit Siever (Autor)
Dissertation 495 Seiten

Inhaltsverzeichnis


Abbildungen

Sämtliche Abbildungen dieses Buches können in Farbe unter folgendem Link abgerufen werden:

URL: http://www.mediensprache.net/archiv/smi/siever_anhang.pdf ← 11 | 12 → ← 12 | 13 →

1  Einleitung

1.1  Vorbemerkungen

Thema dieses Buches ist die multimodale Kommunikation im Social Web. Es geht insbesondere um Kommunikation über Bilder(n): Die Präposition über kann laut dem großen Wörterbuch der deutschen Sprache (Duden 2012) im Akkusativ als »Inhalt oder Thema einer mündlichen oder schriftlichen Äußerung« verstanden werden. Außerdem kann die Präposition mit Dativ folgende räumliche Bedeutung aufweisen: »drückt aus, dass sich etwas unmittelbar auf etwas anderem befindet, etwas umgibt, es ganz oder teilweise bedeckt, einhüllt.« Damit sind die Schwerpunkte der vorliegenden Arbeit genannt: Es geht zum einen um Tags, die Informationen über das Bild in sprachlicher Form wiedergeben, zum andern um Notizen, die sich über dem Bild im Sinne der oben genannten Bedeutung befinden. Diese zwei am Beispiel der Social-Sharing-Community Flickr untersuchten Kommunikationspraktiken werden darüber hinaus in einen grösseren Kontext eingebettet und theoretisch verortet.

Im Alltag hat man immer wieder mit Kommunikation zu tun, die Bilder zum Thema hat. Im Urlaub verschicken wir Postkarten und nehmen Bezug auf das Bild, z. B. indem wir dem Adressaten versichern, es sei am Urlaubsort mindestens so schön wie auf der Karte abgebildet, wenn nicht gar noch schöner. Zurück zu Hause werden Bekannten die Urlaubsfotos gezeigt, sei dies in einem Album oder in einer Präsentation via Diaprojektor oder Beamer, und man erzählt darüber. Sowohl digital archivierte als auch in Alben eingeklebte Fotos werden oftmals beschriftet, sollte man sich später nicht mehr an alle Details erinnern können. Neben Fotografien können auch Werke der bildenden Kunst Anlass für Gespräche oder Texte sein. In Kunstausstellungen werden im Allgemeinen Ausstellungskataloge angeboten, in denen neben den Bildern auch Texte, mitunter ganze Essays, abgedruckt sind. In den Ausstellungen selbst werden Führungen angeboten, in denen Hintergrundinformationen zum Bild, zu den Kunstschaffenden und deren Werk gegeben werden. Nach einem Ausstellungsbesuch folgt zumeist eine Anschlusskommunikation, in denen die gesehenen Bilder besprochen und für gewöhnlich auch bewertet werden. Solche Anschlusskommunikation erfolgt auch nach dem Besuch eines Kinos und bevor man sich einen Film auswählt, liest man zuweilen Filmkritiken.

Mit dem Zunehmen der Popularität der digitalen Fotografie sind auch im Internet verschiedene Arten der Kommunikation über Bilder beliebt geworden, und zwar in Foto-Blogs, in Social-Networking- oder Social-Sharing-Communitys. ← 13 | 14 → Die Social-Networking-Community Facebook ist die Website mit der größten Bildersammlung im Internet, wobei die meisten Fotos nicht öffentlich zugänglich sind. Im Allgemeinen öffentlich zugänglich sind hingegen die Bilder in den beiden bekannten Social-Sharing-Communitys YouTube (Videos) und Flickr (Fotos).

Kommunikation, welche Bilder zum Thema hat, kann – so haben die genannten Beispiele gezeigt – in vielerlei Gestalt auftreten. Kommunikation über Bilder kann einerseits medial mündlich, andererseits auch medial schriftlich erfolgen (vgl. Koch, Oesterreicher 1994: 588). Daneben muss auch der Grad der Zugänglichkeit der Kommunikation betrachtet werden; Kommunikation über Bilder kann nicht-öffentlich (privater Dia-Abend), teilöffentlich (Facebook) oder öffentlich (Fernsehinterview mit einer Künstlerin oder mit einem Künstler über ihr bzw. sein Werk) stattfinden. Und schließlich ist die Kommunikation über Bilder so heterogen, weil die Bilder selbst sich stark voneinander unterscheiden können. So schlagen Stöckl (2004b: 87) und Klemm (2011: 12) denn auch vor, analog zu Textsorten von Bildsorten oder Bildtypen zu sprechen. Darüber hinaus kann die Modalität Bild in zwei Varianten auftreten: statisch oder dynamisch.

Kommunikation mittels eines Bildes kann heutzutage beispielsweise über den Multimedia Messaging Service (MMS) oder über WhatsApp erfolgen; eine Nachricht kann zwar ausschließlich aus einem Foto bestehen, doch überwiegend sind auch solche Bilder von Sprache begleitet. Dies gilt generell für Bilder: Nur sehr selten kommen sie ohne begleitende Texte vor (vgl. Schmitz 2003b: 250; Stöckl 2004b: 22). Ein Beispiel sind private Fotos, die noch nicht eingeklebt und beschriftet wurden. Aus rein logozentrischer Sicht würde man bestreiten, dass Kommunikation ausschließlich über Bilder überhaupt erfolgen kann (Stöckl 2004b: 280). Denn oftmals ist es so, dass Bilder »nicht ohne weiteres in eigenständiger Weise kommunikative Funktionen übernehmen« (Sachs-Hombach, Schirra 2011: 100) können. So räumt auch Stöckl (2004b: 112) ein, dass Bilder zwar ohne Texte funktionsfähig sind, dabei aber polyvalent und vage bleiben. Erst durch die Einbettung in einen sprachlichen Kontext kann ein Bild seine kommunikative Funktion vollständig wahrnehmen.

Nicht nur Bilder ohne Texte sind eine Seltenheit, auch umgekehrt gilt: »Texte ohne Bilder wirken antiquiert, hochseriös und/oder langweilig« (Schmitz 2003b: 250). Reine Texte ohne Bilder sind selten und auf bestimmte Kommunikationsformen und Textsorten beschränkt (Schmitz 2005: 195). Text-Bild-Kombinationen sind heute der Regelfall; in solchen Kommunikaten, welche die beiden Modalitäten Bild und Sprache in sich vereinen, kann der Sinn der Worte nicht gänzlich oder womöglich auch gar nicht verstanden werden, wenn der Kontext, beziehungsweise wie Schmitz (2003b: 257) es in diesem Fall nennt, das Konbild, fehlt. ← 14 | 15 → Aus diesem Grund soll und muss sich die Sprachwissenschaft, insbesondere die Text- oder Medienlinguistik, auch des Bildes annehmen.

1.2  Wissenschaftliche Relevanz

Im öffentlichen Diskurs wird immer wieder die Frage aufgeworfen, inwiefern die digitale Kommunikation einen Einfluss auf die Sprache hat, oftmals wird auch ein Sprachverfall befürchtet (vgl. Androutsopoulos 2007: 93; Moraldo 2012: 180). Da zum jetzigen Zeitpunkt ein Großteil der digitalen Kommunikation noch schriftbasiert ist, was sich aber in Anbetracht neuerer technischer Möglichkeiten wie Internet-Telefonie, Podcasts usw. in naher Zukunft durchaus ändern könnte, beziehen sich die im öffentlichen Diskurs geäußerten Befürchtungen vor allem auf einen negativen Einfluss der digitalen Kommunikation auf die Schriftlichkeit. Ortner und Sitta (2003: 10–11) führen an, dass solche Ängste vor einem Sprachverfall und allgemein eine defizitorientierte Betrachtung der Sprache darauf zurückzuführen seien, dass die Sprachwissenschaft Fragen dieser Art nicht oder nicht zufriedenstellend beantwortet und somit diese Befürchtungen nicht entkräften kann. Aus diesem Grund müssen Linguistinnen und Linguisten auf derartige Fragen eingehen und auf empirischer Grundlage Antworten liefern, wie dies beispielsweise im Zürcher Projekt Schreibkompetenz und neue Medien geschehen ist. Die Frage, ob das Schreiben in den digitalen Medien das schulische Schreiben beeinflusst, konnte durch diese Studie verneint werden.

In der digitalen Kommunikation sind Bilder, seien sie statisch oder auch dynamisch, durch verbesserte technische Möglichkeiten auf dem Vormarsch. Insbesondere im Social Web spielen Bilder eine bedeutende Rolle: Die weltweit größte Foto-Community Flickr umfasste Ende 2012 über 8 Milliarden Fotos1, auf der Social-Networking-Site Facebook wurden bis Anfang 2013 gar 240 Milliarden Fotos hochgeladen (vgl. Paukner 2013). Solche Zahlen evozieren den Topos der Bilderflut, welcher unter anderem auch Ängste der Sprachverdrängung auslösen kann. Doch gilt es mit Stöckl (2004b: 2) zu bedenken, dass keineswegs klar ist, ob Bilder tatsächlich die Sprache zurückdrängen oder ob nicht eher neue, multi-modale kommunikative Praktiken und somit neue Kombinationen von Sprache und Bildern entstehen, bei denen der Sprache eine andere Funktion zukommt. Es lässt sich also folgern: »Insofern gibt es gesellschaftlichen Bedarf an der wissenschaftlichen Erforschung der visuellen Kommunikation, auch um überzogene Befürchtungen oder Erwartungen zu relativieren« (Klemm, Stöckl 2011: 7). Ein ← 15 | 16 → Ziel der vorliegenden Arbeit ist, durch theoretische Diskussion und empirische Analysen Grundlagen zu schaffen, die als Ausgangspunkt für weitere Forschung in diesem Bereich dienen können. Ob und inwiefern Bilder unsere Kommunikation verändern, wird insbesondere auch aus einer diachronen Perspektive untersucht werden müssen.

In der Sprachwissenschaft hat man erst in den letzten Jahren damit angefangen, sich ausführlicher mit multimodaler Kommunikation zu beschäftigen. Noch im Jahr 2005 warf Schmitz (2005: 197) den Linguistinnen und Linguisten vor, sie seien »bilderblind«. Auch Holly (2009: 389) kritisiert den Umgang der Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler mit multimodalen Kommunikaten:

In Hollys Kritik klingen zwei zentrale Aspekte an: Einerseits ist ein Unwille vorhanden, die Sprache in ihrem Kontext zu analysieren, andererseits wird auch implizit darauf hingewiesen, dass die Korpuserstellung von multimodalen Kommunikaten komplexer ausfällt als bei reinen Sprachdaten.

Dass multimodale Kommunikation in letzter Zeit in der Sprachwissenschaft an Bedeutung gewonnen hat, spiegelt sich in verschiedenen Publikationen und Tagungen wider. Hervorgehoben sei an dieser Stelle die 45. Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache zum Thema »Sprache intermedial: Stimme und Schrift, Bild und Ton« (vgl. den dazugehörigen Tagungsband: Deppermann, Linke 2010b). Vom 10. bis 12. März 2009 wurde darüber referiert und diskutiert, weshalb sich Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler mit Bildern befassen (sollten). Ein weiterer wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Etablierung einer »Bildlinguistik« stellt der gleichnamige Sammelband dar (Diekmannshenke et al. 2011), in welchem aufgezeigt wird, dass die Sprachwissenschaft »sehr wohl einen genuinen Beitrag zu einer inter- und transdisziplinären Bildwissenschaft leisten kann und auch leisten sollte« (Klemm, Stöckl 2011: 11). Die Herausgeber weisen jedoch darauf hin, dass es sich bei der Bildlinguistik (noch) nicht um eine Subdisziplin wie beispielsweise die Textlinguistik handelt, sondern vielmehr »um eine spezifische Perspektive innerhalb der Text- und Medienlinguistik« (ebd.: 11). Die Bezeichnung Bildlinguistik muss laut den Herausgebern des Sammelbandes darüber hinaus metaphorisch aufgefasst werden und ist nach ihrer Auffassung nicht als Linguistik des Bildes zu verstehen, wie dies Große (2011) in ihrer kurz nach dem Sammelband erschienenen Dissertation jedoch tut. Mit Bildlinguistik ← 16 | 17 → ist vielmehr »die Betrachtung der Bezüge zwischen Sprache und Bild in Gesamttexten und die Nutzbarmachung linguistischer Konzepte, Modelle und Methoden für die Beforschung des in vorwiegend massenmediale Texte integrierten Bildes« (Klemm, Stöckl 2011: 9) gemeint. Ortner (2013: 44) schlägt dafür den Terminus Visiolinguistik vor; er sei neutraler, »weil er nicht nur auf Bilder, sondern auf ›Visuelles‹ generell referiert, d. h. auch auf typographische Elemente wie Schriftgröße oder Schriftfarbe.« Zuletzt sei darauf hingewiesen, dass in der von Ekkehard Felder und Andreas Gardt herausgegebenen Handbuch-Reihe »Sprachwissen« voraussichtlich 2016 ein Band mit dem Titel »Sprache im multimodalen Kontext« erscheinen wird, herausgegeben von Nina-Maria Klug und Hartmut Stöckl. Darin werden auch vier Beiträge enthalten sein zur digitalen, multimodalen Kommunikation, einerseits zu herkömmlichen Websites, andererseits auch zur Kommunikation im Social Web mit jeweils einem Beitrag zu Facebook, YouTube und Flickr. Dieser Sammelband kann als Anhaltspunkt dafür gesehen werden, dass multimodale Kommunikation mittlerweile zu einem in der Linguistik etablierten Forschungsgegenstand geworden ist.

Forschungsdesiderate einer wie oben erläuterten Bildlinguistik betreffen sowohl die Theorie als auch die Empirie. Neben der Entwicklung von Theorien zur multimodalen Kommunikation wären Untersuchungsmethoden zu entwickeln und eine einheitliche Terminologie anzustreben (vgl. Schmitz 2005: 208). Parallel dazu sollten anhand von Korpora möglichst viele unterschiedliche Text-Bild-Kommunikate empirisch untersucht werden (vgl. Stöckl 2011c: 66). »Empirische Fundierungen sind in den bisherigen Theorien zur Multimodalität, Hypermodalität, Bildlichkeit oder Textdesign die Ausnahme« (Bucher 2007: 67). Viele Anwendungsgebiete sind noch unerforscht, »wir wissen noch kaum etwas über Sprache-Bild-Bezüge im Internet, sei es zum Beispiel in Online-Zeitungen, You-Tube oder Social Networks« (Klemm, Stöckl 2011: 16, Herv. im Original). Doch nicht nur die multimodalen Kommunikationspraktiken in Social-Networking-und Social-Sharing-Communitys sind noch unerforscht; insgesamt liegen eher wenige sprachwissenschaftliche Untersuchungen zur Kommunikation im sogenannten Social Web, auch Web 2.0 genannt, vor (vgl. aber Siever, Schlobinski 2012). Ein weiteres Forschungsdesiderat sei an dieser Stelle erwähnt: Alltagsbilder wurden bisher nur selten untersucht (vgl. Schmitz 2005: 197). Während Werbeanzeigen und journalistische Texte sowie deren Text-Bild-Bezüge bereits analysiert wurden, liegen bislang noch kaum Untersuchungen zu Text-Bild-Kombinationen von Kommunikationslaiinnen und -laien vor.

Verbale Kommunikation über Bilder ist insbesondere auch im Bereich des Social Taggings von großer Bedeutung, denn sowohl das Suchen als auch das ← 17 | 18 → Finden von Bildern ist (noch) auf Sprache angewiesen (vgl. Stock 2007: 9). Gerade in Anbetracht der enormen Anzahl Bilder im Social Web (vgl. Kapitel 4) gewinnt die folgende Aussage noch mehr an Relevanz: »A key problem facing today’s information society is how to find and retrieve information precisely and effectively« (Weller et al. 2010: 132). Gefragt sind also in der heutigen Gesellschaft – zu Zeiten des Information Overloads – sowohl Kompetenzen im Bereich der Dokumentation als auch im Bereich des Retrievals; Daten müssen folglich sinnvoll kategorisiert und mittels kluger Suchstrategien (wieder-)gefunden werden können.

In der vorliegenden Arbeit zur Kommunikation über Bilder im Social Web, exemplifiziert am Beispiel der Foto-Community Flickr, sollen also mehrere Forschungslücken gefüllt werden: Es soll ganz allgemein ein Beitrag zur Kommunikation im Social Web geleistet werden. Darüber hinaus soll im Bereich der Bildlinguistik ein Teil des Bereichs der digitalen Kommunikation abgedeckt werden, wobei nicht professionell erstellte Text-Bild-Kommunikate untersucht werden, sondern von Laiinnen und Laien erzeugte. Barton und Lee (2013: 15) stellen fest, dass heutzutage semiotische Ressourcen anders als früher miteinander kombiniert werden und dass folglich neue Relationen zwischen der Sprache und anderen Zeichenmodalitäten entstehen. Insbesondere in den Kapiteln 7.7 und 8.2.2 werde ich deshalb eine historische Perspektive aufzeigen und diskutieren, inwiefern es sich um neue Relationen zwischen Bild und Text handelt. Eine spezielle und bisher linguistisch kaum untersuchte Art der Text-Bild-Relation liegt sowohl zwischen Tags und Bildern (vgl. Panke, Gaiser 2008: 26) als auch zwischen Notizen und Bildern vor. In der vorliegenden Analyse zum Social Tagging und zu Notizen auf Flickr werden somit auch diese Forschungsdesiderate berücksichtigt.

1.3  Forschungsfragen und Ziel der Arbeit

Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist die multimodale Kommunikation im Social Web, exemplifiziert am Beispiel der Kommunikation in der Foto-Community Flickr, wobei im empirischen Teil (vgl. Kapitel 9) eine Produktund keine Produktionsanalyse vorgenommen wird. Die Ebene der Rezeption fließt insofern in die Untersuchung mit ein, als Reaktionen von Userinnen und Usern in Form von Notizen zu einzelnen Fotos mit dazugehörigem Bildtitel, entsprechender Bildunterschrift sowie den jeweiligen Tags betrachtet werden.

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen zwei verschiedene kommunikative Praktiken: das Social Tagging und die Notizenkommunikation in Foto-Communitys. Während das Social Tagging als gängige Praxis in Social-Sharing-Communitys bezeichnet werden kann, ist die Notizenkommunikation kaum bekannt und wird auch vergleichsweise selten genutzt. Notizenkommunikation ist deshalb ← 18 | 19 → untersuchenswert, weil Kommunikation über das Bild im Bild selbst stattfindet. In diesem Zusammenhang stellt sich zum einen die Frage, wodurch sich Notizenkommunikation insbesondere auszeichnet und wie sie medienhistorisch eingebettet werden kann (vgl. Kapitel 8.2). Dies ist deshalb von Bedeutung, weil sprachliche Phänomene mitunter fälschlicherweise als neu und typisch für das Social Web eingestuft werden, wenn man historische Vorläufer außer Acht lässt (vgl. Herring 2013: 10). Im empirischen Kapitel der Arbeit sollen zum andern die Fragen beantwortet werden, welche kommunikativen Funktionen Notizen zukommen, welche pragmatischen Notiz-Bild-Relationen ausgemacht werden können und wie Notizdialoge im Bild geartet sind. Beim Social Tagging geht es um die Wissensrepräsentation, also um die Frage, wie die Inhalte von Bildern sprachlich möglichst adäquat wiedergegeben werden können. Diese Frage wird aus theoretischer Perspektive in Kapitel 5.6 nachgegangen; wie die Nutzerinnen und Nutzer von Flickr mit dieser Herausforderung in der Praxis umgehen, sprich mit welchen Tags sie ihre Bilder tatsächlich versehen, wird in Kapitel 9.2.4 untersucht. Dabei dürfen die einzelnen Tags zu einem Bild nicht isoliert betrachtet werden, sondern es müssen auch die semantischen Relationen zwischen den einzelnen Tags analysiert werden (vgl. Kapitel 5.9). Wie die Userinnen und User mit dem Problem der Basic Level Variation umgehen, d. h. auf welchen Ebenen sie die Bilder verschlagworten, wird in Kapitel 9.2.3 beantwortet. Hierbei wird auch auf die Praktik des mehrsprachigen Taggens eingegangen.

In der vorliegenden Arbeit werden zwei Hauptziele verfolgt: Erstens soll aufgezeigt werden, wie die laienhafte Dokumentation von Bildern in der Foto-Community Flickr erfolgt, wobei insbesondere Praktiken, die aus Sicht des Retrievals als problematisch erachtet werden können, eingehender diskutiert werden. Das Social Tagging wird – wie in Kapitel 5.6 erläutert wird – mittlerweile auch im Rahmen von Forschungsprojekten eingesetzt (Stichwort: Crowdsourcing2). Gerade in solchen Kontexten ist folglich von Bedeutung, dass die Taggenden für Schwierigkeiten beim Tagging bzw. beim Retrieval sensibilisiert werden. Zweitens soll mit der Analyse der Text-Bild-Relationen in der Notizenkommunikation aufgezeigt werden, wie Sprache in einem multimodalen Kontext geartet ist. Hieran ist außerdem zu zeigen, dass Termini, die bisher in der Sprachwissenschaft verwendet wurden, in multimodalen Kommunikaten teilweise inadäquat sind. Ist beispielsweise das Agens im Text, das Patiens jedoch ausschließlich im Bild reali ← 19 | 20 → siert, so kann der Text als solcher isoliert betrachtet zwar als elliptisch bezeichnet werden, doch nicht im multimodalen Kommunikat, da dort die Information nicht ausgespart, sondern in einer anderen Modalität realisiert ist.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die erste, in der Text-Bild-Relationen im Social Web betrachtet werden. Die hier gewonnenen Ergebnisse zur Kommunikation in Foto-Communitys können somit als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen in diesem Bereich dienen. Darüber hinaus werden aufgrund der Resultate im Kapitel 9.4 für Social-Sharing-Anbieter konkrete Tipps zur Verbesserung von Social-Sharing-Anwendungen gegeben.

1.4  Forschungsethische Aspekte

Mit der Forschungsmethode (vgl. Kapitel 1.6) eng verbunden sind forschungsethische Fragen (vgl. Eynon et al. 2008: 23). Vor jedem Forschungsprozess müssen sich Forschende Gedanken darüber machen, in welchem Verhältnis ihr Forschungsinteresse zu möglichen Auswirkungen auf die Erforschten3 sowie auf die Gesellschaft steht. In Fachbereichen wie Medizin, Biologie und Pharmazie ist dies von eminenter Bedeutung, doch auch in geisteswissenschaftlichen Fächern müssen Fragen nach der Verantwortbarkeit der Forschung gestellt werden. In diesem Kapitel werden forschungsethische Aspekte beleuchtet, die für die Methodik dieser Arbeit relevant sind.

Der Ausdruck Ethik geht auf das griechische Adjektiv ethikos zurück, das wiederum von ethos (Gewohnheit, Charakter, Brauch, Sitte) abgeleitet ist (vgl. Duden 2007c). Ethik kann demnach definiert werden als »eine kritische Reflexion über unsere Vorstellungen von der richtigen oder guten menschlichen Handlungsweise bzw. Lebensführung. Eine solche Reflexion liegt anscheinend besonders nahe, wenn nicht mehr selbstverständlich ist, was gut ist« (Andersen 2005: 2). Durch neue Technologien entstehen neue Möglichkeiten des Handelns, für die es noch keine ethischen Richtlinien gibt (vgl. ebd.: 3).

Für Forschende, insbesondere auch für Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler, hält das World Wide Web einerseits neue Forschungsgegenstände bereit, andererseits bietet es neue forschungspraktische Möglichkeiten (vgl. Beck 2010a: 152).4 Dabei stellen sich neue forschungsethische Fragen, die ← 20 | 21 → (noch) kontrovers diskutiert werden – nicht zuletzt deshalb, weil sich das Internet rasant weiterentwickelt und laufend neue Anwendungen hinzukommen. Das hat zur Folge, dass die ethischen Diskussionen stets der technischen Entwicklung hinterherhinken (vgl. Debatin 2010: 319). Noch existiert keine konsensuelle Bezeichnung für eine solche Ethik, die sich mit Fragen der Internetforschung auseinandersetzt. Der Terminus Medienethik ist ungeeignet, da er sich erstens auf Medien im Allgemeinen bezieht und zweitens auch oftmals als journalistische Ethik verstanden wird (vgl. Rath 2010: 139). Allenfalls könnte man argumentieren, dass sich Medienethik als Hyperonym zu New Media Ethics oder Internet Ethics verwenden ließe (vgl. Debatin 2010: 318).5 Doch auch diese Termini sind zu breit gewählt. Wie für die Medienethik allgemein gilt auch für die das Internet betreffende Ethik, dass Verantwortung sowohl auf den Ebenen der Produktion6 und Distribution als auch auf der Seite der Rezeption übernommen werden muss (vgl. Rath 2010: 139). Ethik in Bezug auf die Internetforschung kann demnach sinnvollerweise als Internetforschungsethik7 bezeichnet werden. Die Hauptfrage einer solchen Ethik lautet: Welche Daten dürfen unter welchen Bedingungen analysiert werden? Im Folgenden soll dieser Frage zunächst theoretisch, dann aber auch konkret im Hinblick auf die vorliegende Studie unter besonderer Berücksichtigung von Bildern nachgegangen werden, was darüber hinaus eine Auseinandersetzung mit rechtlichen8 Aspekten erforderlich macht.

Eine der Hauptherausforderungen der Internetforschungsethik besteht darin, dass die Reichweite des Internets zwar global ist, sich ethische Richtlinien und Gesetzgebungen sowie kulturelle Praxen jedoch landesspezifisch beträchtlich voneinander unterscheiden (vgl. Eynon et al. 2008: 38). Es kann also bei der Internetforschungsethik nicht von sogenannten Idealnormen ausgegangen werden, welche »Prinzipien [formulieren], die abstrakt sind und intersubjektive Gültigkeit ← 21 | 22 → besitzen« (Brosda, Schicha 2010: 11). Idealnormen müssen in Praxisnormen übertragen werden, welche »praktische Hilfe bei konkreten Handlungsentscheidungen liefern können« (ebd.: 11) und die historische, gesellschaftliche und individuelle Gesichtspunkte berücksichtigen.

Ein weiterer relevanter Aspekt ist auch, dass keine allgemeingültigen Normen für die Internetforschung aufgestellt werden können; stattdessen muss zwischen unterschiedlichen Anwendungen differenziert werden. So ist beispielsweise zu fragen, inwiefern Daten öffentlich zugänglich sind, denn hier rücken der Datenschutz und die Privatsphäre in das Blickfeld, die für die Zitierbarkeit relevant sind: Im Allgemeinen herrscht die Meinung vor, nicht öffentlich zugängliche Inhalte bedürften einer expliziten Einverständniserklärung der Produzierenden. Bei öffentlich zugänglichen Inhalten gibt es unterschiedliche Standpunkte: Eine Seite ist der Meinung, öffentlich zugängliche Inhalte seien zitierbar (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 49–50), die andere hingegen argumentiert, solche Inhalte seien zwar öffentlich, aber nicht dazu gedacht, über die Forschung verbreitet zu werden (vgl. Eynon et al. 2008: 26). Dabei muss natürlich auch geklärt werden, was als öffentlich zugänglich gilt und was nicht. Schmidt (2009a: 126; 2009b: 44) schlägt als ein Kriterium die Notwendigkeit einer Registrierung respektive Anmeldung vor, ohne die die entsprechenden Inhalte nicht eingesehen werden können. Meines Erachtens kann eine Registrierung, sofern sie nicht an Bedingungen geknüpft ist, jedoch nicht als Zugänglichkeitsbeschränkung angesehen werden. Wenn sich alle registrieren können, um bestimmte Inhalte zu sehen, sind diese Inhalte auch für alle zugänglich, zumal die Nutzerinnen und Nutzer wissen, dass eine Registration jedem offen steht. Als Bedingungen für Nicht-Zugänglichkeit können Bestätigungen oder Einladungen gelten: Inhalte, die sich nur abrufen lassen, wenn eine Bestätigungsanfrage positiv beantwortet wurde, können nicht als allgemein zugänglich gelten.9 Auch auf Plattformen, denen man nur über eine Einladung beitreten kann (z. B. schülerVZ10 oder Google+ in der öffentlichen Betaphase), ← 22 | 23 → können die Inhalte als nicht öffentlich zugänglich gelten und die betroffenen Personen müssen um eine Einverständniserklärung gebeten werden.

Eine weitere Frage betrifft die Anonymisierung. Vannini (2008) nennt verschiedene Möglichkeiten: Anonymisierung der Namen, keine Angabe zur URL sowie Paraphrase statt Zitate, da direkte Zitate über Suchmaschinen gefunden werden können. Für sprachwissenschaftliche Analysen kommen Paraphrasen nicht in Frage; wenn allerdings direkt zitiert wird, ist es überflüssig, die URL zu verschweigen oder die Namen zu anonymisieren, da alle Daten über Such-maschinen gefunden werden können. Zudem ist die Angabe der Adressen der analysierten Websites notwendig, um die Überprüfbarkeit der Forschung zu garantieren; darüber hinaus kann die Anonymisierung von Namen eine Verletzung der Autorenrechte bedeuten (vgl. Döring 2003: 241).

Aus den bisherigen Ausführungen wird ersichtlich, dass ethische und rechtliche Aspekte nicht kompatibel sein müssen, was eine Herausforderung für die Online-Forschenden darstellt, die sich mit solchen Dilemmata auseinandersetzen müssen. So spielt das Copyright eine wichtige Rolle, wenn Daten gesammelt werden, insbesondere aber auch dann, wenn die Forschungsresultate in einer Publikation zitiert werden. Natürlich können die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer angeschrieben und um eine Erlaubnis gebeten werden, ihren produzierten Inhalt abdrucken zu dürfen.

Doch wie kann man vorgehen, wenn die Userinnen und User nicht kontaktiert werden können (vgl. Vannini 2008)? Eine Möglichkeit wäre es, nur diejenigen Daten in ein Korpus aufzunehmen, bei denen die Urheberinnen und Urheber einer Nutzung ihrer Daten für Forschungszwecke zugestimmt haben. Doch sind auf einer einzelnen Webseite – gerade im Social Web beispielsweise bei Kommentaren – oftmals so viele Nutzerinnen und Nutzer involviert, dass ein solches Prozedere bei quantitativen Studien nicht realisierbar erscheint.

Weiterhin ist zu konstatieren, dass ethische und rechtliche Fragen bei Datensammlungen bislang vor allem Texte betrafen; da Bildern im Internet ein zentraler Stellenwert zukommt, stellen sich bei Studien wie der vorliegenden weitere Fragen. So wäre beispielsweise zu überlegen, ob auf Bildern abgebildete Personen durch Schwärzung unkenntlich gemacht werden müssten, denn unter Umständen könnten ihre Persönlichkeitsrechte tangiert sein (vgl. Branahl 2013a: 193). Da es in der vorliegenden Arbeit jedoch stets um Text-Bild-Kombinationen geht, die in der Social-Sharing-Community Flickr öffentlich zugänglich sind, können auch ← 23 | 24 → hier wiederum über die Texte die Seiten und entsprechend die Bilder über Such-maschinen ausfindig gemacht werden, weshalb eine Anonymisierung ebenfalls wenig Sinn ergibt. Darüber hinaus wird die Bilderkennungssoftware immer besser und teilweise bereits eingesetzt, was also eine Anonymisierung ad absurdum führen würde. Aus diesem Grund wurde für die vorliegende Arbeit entschieden, keine Bildbeispiele mit identifizierbaren Personen zu verwenden.11

Schließlich ist für Bilder das Urheberrecht von Bedeutung. Da Gesetze technologieneutral abgefasst werden, gelten für das Internet dieselben Regeln wie für Offline-Bereiche. Aufgrund des Gebots der Rechtsgleichheit12 ist die Wissenschaft vom Urheberrecht zwar nicht ausgenommen, doch enthält das Urheberrecht einige Erleichterungen im Hinblick auf bestimmte Werkverwendungen, sofern dies im öffentlichen Interesse ist. Eine solche Schranke des Urheberrechts ist die Zitatfreiheit, die in Art. 25 des Bundesgesetzes über das Urheberrecht und verwandte Schutzrechte13 geregelt ist:

       1)  Veröffentlichte Werke dürfen zitiert werden, wenn das Zitat zur Erläuterung, als Hinweis oder zur Veranschaulichung dient und der Umfang des Zitats durch diesen Zweck gerechtfertigt ist.

       2)  Das Zitat als solches und die Quelle müssen bezeichnet werden. Wird in der Quelle auf die Urheberschaft hingewiesen, so ist diese ebenfalls anzugeben.

Es stellt sich hierbei die Frage, unter welchen Umständen der Umfang eines Zitats und insbesondere auch eines Bildzitats gerechtfertigt ist (Bildzitate sind im Schweizerischen Urheberrecht nicht separat geregelt). Laut Emanuel Meyer vom Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum gibt es deshalb Lehrmeinungen, die Bildzitate als nicht zulässig erachten, doch scheint eine Mehrheit der juristischen Literatur von einer Zulässigkeit des Bildzitats auszugehen. Wird ein Bild komplett zitiert, so ist die Rede von einem Großzitat, das »nach dem Wortlaut des Gesetzes […] zulässig [ist] bei der Aufnahme in ein selbständiges wissenschaftliches Werk (§ 51 Ziff. 1 UrhG)« (Branahl 2013b: 254). Zum zweiten Abschnitt von Art. 25 ist ← 24 | 25 → zu ergänzen, dass die Urheberschaft auch dann anzugeben ist, wenn es sich um ein Kürzel oder ein Pseudonym handelt.

Von den oben dargestellten Überlegungen ausgehend wurden für die vorliegende Studie öffentlich zugängliche Fotoseiten der Social-Sharing-Community Flickr ausgewählt. Öffentlich zugänglich bedeutet dabei, dass diese Seiten für alle abrufbar sind, d. h. die Fotoseiten können auch ohne Account bei Flickr aufgerufen werden. Daraus folgt, dass die Seiten zitierfähig sind und keine Einverständniserklärung der betroffenen Userinnen und User eingeholt wurde und auch nicht eingeholt werden muss.14 Auf eine Anonymisierung wurde aus zwei Gründen verzichtet: Einerseits können die zitierten Texte über Suchmaschinen gefunden werden, andererseits müssen die Urheberinnen und Urheber aus Gründen des Copyrights genannt werden.15 Die Urheberschaft wird jeweils mit dem Nickname angegeben. Dabei sind zwei Aspekte relevant: Es kann erstens vorkommen, dass Nutzerinnen und Nutzer ihren Klarnamen als Nickname verwenden. Auf Flickr agierten die meisten Userinnen und User bisher unter einem Nickname, doch inzwischen kann fakultativ auch der Klarname angegeben werden.16 In der vorliegenden Studie werden jedoch der Einfachheit und Einheitlichkeit halber stets die Nicknames zitiert. Zweitens muss darauf hingewiesen werden, dass Nicknames auf Flickr jederzeit verändert werden können und auch werden. Wenn also Nicknames angeführt werden, so immer in derjenigen Form, die zum Zeitpunkt der Korpuserhebung bzw. des Zitierens vorlag.

1.5  Terminologie

Die sprachwissenschaftliche Forschung, die sich mit multimodalen Kommunikaten (vgl. Kapitel 2.4) befasst, befindet sich noch in der Konsolidierungsphase, weshalb sich bislang keine einheitliche Terminologie etablieren konnte (vgl. Klemm, Stöckl 2011: 14). Auch mit der Kommunikation im sogenannten Social Web (vgl. Kapitel 3) befasst sich die Linguistik erst seit Kurzem, weshalb auch auch hier Termini vorgeschlagen und diskutiert sowie Begriffsdefinitionen vorgenommen werden müssen. Über den Sinn konsensueller Definitionen äußert ← 25 | 26 → sich Adamzik (2002: 164) wie folgt: »Erkenntnis ist bekanntlich abhängig von den gewählten Fragestellungen, Theorien und damit auch den darin benutzten Termini. Erkenntnis ist immer relativ und auch die Geeignetheit von Begriffen hängt von den jeweiligen Zielsetzungen der Forscher ab.« Gerade die Debatte zur Terminologie und Begriffsklärung kann sich für eine sich neu etablierende (Sub-) Disziplin als sehr fruchtbar erweisen (vgl. Klemm, Stöckl 2011: 14–15).

Wenn aber noch keine einheitliche Terminologie vorhanden ist und unter einigen Termini sehr Unterschiedliches verstanden wird, ist es umso wichtiger, dass die verwendete Terminologie in jeder Arbeit klar dargelegt wird. Dies erleichtert die Verständigung untereinander sowie die Verständlichkeit bei der Lektüre einzelner Texte. Darum nennt auch Stöckl (2011c: 66–67) eine vereinheitlichte und präzisierte Terminologie als eines der Forschungsdesiderate der Bildlinguistik.

Darüber hinaus ist eine Vereinheitlichung der Terminologie sinnvoll und wünschenswert, wenn man bedenkt, dass die Arbeiten zuweilen von Forschenden aus anderen Disziplinen rezipiert werden (vgl. Adamzik 2002: 165). So ist es ein Ziel der Bildlinguistik, aus sprachwissenschaftlicher Perspektive etwas zur inter- und transdisziplinären Bildwissenschaft beizutragen (Klemm, Stöckl 2011: 11), was mit einer vereinheitlichten oder zumindest in einzelnen Arbeiten klar dargelegten Terminologie besser gelingen kann. In den folgenden Kapiteln sollen demnach die für diese Arbeit relevanten Termini im Detail erläutert werden.

Da bisher erst wenige linguistische Arbeiten zum Social Web und insbesondere zum Social Sharing und noch keine zum Social Tagging vorhanden sind, werden diese Bereiche ausführlich dargestellt. In diesen Gebieten ist vieles in einem ständigen Wandel. Darum werden in der vorliegenden Arbeit der Status quo zum Zeitpunkt der Datenerhebung sowie seitherige, relevante Veränderungen dargestellt. Da die vorliegende Arbeit die erste ist, in der das Social Tagging aus sprachwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet wird, wurden Literatur und Forschungsansätze aus anderen Fachgebieten herangezogen, die für die Linguistik fruchtbar gemacht werden können. Ein großer Teil dieser Literatur ist jedoch in englischer Sprache verfasst, und so werden in der deutschsprachigen Literatur die englischen Termini oftmals unübersetzt übernommen. In der vorliegenden Arbeit wurde mit englischen Ausdrücken folgendermaßen umgegangen: Wenn es im Deutschen eine sinnvolle Entsprechung gibt, wurde jeweils diese verwendet. Fremdwörter aus dem Englischen, die bereits etabliert sind wie beispielsweise Community, werden gemäß den Regeln des Deutschen flektiert.17 Ausdrücke aus ← 26 | 27 → dem Englischen, die im Deutschen (noch) nicht gebräuchlich sind, wurden – wie alle Termini und Eigennamen – jeweils kursiv gesetzt. Für die vorliegende Arbeit zentrale Bezeichnungen wie Social Web, Social Sharing, Social Tagging etc. jedoch sind nicht durch Textauszeichnungen hervorgehoben.

1.6  Methodik und Aufbau der Arbeit

Die kommunikativen Praktiken des Social Taggings sowie des Notizenschreibens in Bildern waren bislang nicht Gegenstand linguistischer Analysen. Aus diesem Grund wurde im ersten, überwiegend theoretisch ausgerichteten Teil dieser Arbeit (Kapitel 2 bis 8) auch Literatur aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen herangezogen und diese auf ihre Brauchbarkeit im linguistischen Kontext hin geprüft und ausführlich diskutiert. An unerforschte Untersuchungsgegenstände tastet man sich meist explorativ heran, da noch nicht auf zugehörige Theorien oder Modelle zurückgegriffen werden kann. So wurde auch in dieser Studie zunächst ein Korpus für erste Analysen erhoben. Ein Teil dieser Ergebnisse liegt bereits in einem Artikel publiziert vor (Müller 2012a). Die gewonnenen Resultate dienten wiederum als Ausgangspunkt für den theoretischen Teil der Arbeit (Kapitel 9). In der Auseinandersetzung mit der relevanten Literatur wurden sodann weitere relevante Fragestellungen abgeleitet, die im Empiriekapitel beantwortet werden.

Theorie und Empirie können und sollen nicht immer strikt voneinander getrennt werden. Darum wurden auch in den überwiegend theoretisch ausgerichteten Kapiteln 2 bis 8 immer wieder konkrete Beispiele zur Veranschaulichung herangezogen. So wurden beispielsweise in den Kapiteln zur Kommunikation bei Flickr im Allgemeinen (Kapitel 4.4), zu intermodalen Relationen (Kapitel 7.6) sowie zur Kommunikation mit Notizen (Kapitel 8.2) einige Aspekte qualitativ herausgearbeitet. Insbesondere das Kapitel 7.7 zur ikonographetischen Kommunikation kann als explorative Studie aufgefasst werden. Eine solche qualitative Analyse war deshalb vonnöten, weil bisher keine Untersuchung zu diesem äußerst bedeutsamen Thema vorliegt.

Schließlich sei angemerkt, dass der Theorie- und Empirieteil dieser Arbeit nicht deckungsgleich sind. Die multimodale Kommunikation im Social Web ist ein weites Feld, von dem hier lediglich ein Ausschnitt empirisch beackert werden kann. Untersucht werden kommunikative Praktiken in der Social-Sharing-Community Flickr, weshalb diese Kommunikationsplattform in den Kapiteln 4.3 und 4.4 ausführlich erläutert wird. Im Fokus der empirischen Analyse stehen das Social Tagging sowie die Notizenkomm unikation. Aus diesem Grund bilden die Kapitel 5 und 8.2 die Grundlage für das Empiriekapitel. Insbesondere die Kapitel 5.8 und 5.9 zu den sprachlichen Herausforderungen des Social Taggings ← 27 | 28 → und den semantischen Relationen von Tags sind von zentraler Bedeutung für die in Kapitel 9.2 folgende Datenanalyse. Das Kapitel 9.3 zu den Bildnotizen basiert hauptsächlich auf den theoretischen Kapiteln 7.6 zu intermodalen Relationen und 8.2.1 zur Notizenkommunikation im Web.

In der vorliegenden Arbeit wurden induktive und deduktive Verfahren miteinander kombiniert. Für den empirischen Teil wurde zunächst ein Korpus mit Fotoseiten von 1 000 Unique Usern erstellt. Wie in Kapitel 3.3 erläutert, fällt die Partizipation im Social Web sehr unterschiedlich aus, weshalb eine Zufallsstichprobe nicht geeignet ist. In der Analyse einer Zufallsstichprobe wären idiolektale Eigenheiten von Heavy Usern übervertreten, die kaum herausgerechnet werden können. Während sich dieses Kleinkorpus für die Analyse von Tags gut eignet, enthält es für eine Analyse von Notizen zu wenig entsprechende Daten. Daher wurde ein zweites Korpus herangezogen, das einerseits die Datengrundlage für die Analyse der Notizenkommunikation, andererseits auch die Basis für statistische Angaben zur Flickr-Kommunikation bildet. Die im vorangegangenen Kapitel diskutierten forschungsethischen Aspekte flossen sowohl in die Überlegungen zur Datenerhebung als auch in die Präsentation der Ergebnisse mit ein.

Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst herausgearbeitet, wie digitale multimodale Kommunikation charakterisiert werden kann, welche Analyseebenen es gibt und welche Termini in diesem Kontext sinnvoll erscheinen. Sodann folgen drei Teilkapitel, die thematisch eng miteinander verbunden sind: Das Social Tagging (Kapitel 5) ist eine Tätigkeit, die üblicherweise in Social-Sharing-Anwendungen (Kapitel 4) ausgeübt wird; das Social Sharing wiederum ist ein wichtiger Teilbereich des Social Webs (Kapitel 3). Im daran anschließenden Kapitel 6 wird die Kommunikation im Social Web bezüglich der Aspekte Privatheit und Öffentlichkeit verortet. Hierbei sind insbesondere die Fragestellungen von Relevanz, inwiefern sich durch das Social Web die Konzepte der Öffentlichkeit und Privatheit verändern und wie sich die Veröffentlichung von Privatem durch Bilder gestaltet. Das Kapitel 7 stellt insbesondere die theoretische Grundlage für die Analyse von Notizen dar, selbstverständlich gelten viele Aspekte jedoch auch für Tags. Im Kapitel 8 schließlich wird die Flickr-Kommunikation einerseits im Bereich der Kunstkommunikation verortet, andererseits wird die Notizenkommunikation im Web analysiert und diskutiert sowie aus einer historischen Perspektive betrachtet.

Die einzelnen Kapitel des vorwiegend theoretisch ausgerichteten Teils (Kapitel 2 bis 8) sind wie folgt aufgebaut: Die relevante Forschungsliteratur wurde in die entsprechenden Teilkapitel eingearbeitet, der Forschungsstand geht also aus den jeweiligen Kapiteln hervor. Da davon ausgegangen werden kann, dass die Leserschaft über unterschiedliches Vorwissen in den für diese Arbeit relevanten ← 28 | 29 → Teilgebieten verfügt, erachtete ich es als sinnvoll, die einzelnen Kapitel mit einer Synopse abzuschließen, in der jeweils die wichtigsten Aspekte des Kapitels in komprimierter Form dargestellt werden. Zudem gebe ich in den Synopse-Kapiteln weiterführende Literaturempfehlungen zu den einzelnen Themengebieten. Wer sich also einen schnellen Überblick über die einzelnen Themengebiete verschaffen möchte, kann seine Lektüre auf die Synopse-Kapitel beschränken. Darüber hinaus sind die verschiedenen Teilkapitel so konzipiert, dass sie unabhängig voneinander gelesen werden können. Wenn es für das Verständnis nötig und sinnvoll ist, werden vereinzelt wichtige Informationen in mehreren Kapiteln gegeben, was bei einer Gesamtlektüre kleinere Redundanzen mit sich bringt. Um solche jedoch nach Möglichkeit zu vermeiden, werden Termini nur einmal erläutert, und zwar dort, wo sie für das Verständnis am wichtigsten sind. Diese Vorgehensweise bringt es mit sich, dass Termini in einigen Kapiteln bereits erwähnt, jedoch noch nicht ausführlich erläutert werden. Aus diesem Grund wurde ein Glossar der wichtigsten Termini erstellt, das vor allem auch bei einer kursorischen Lektüre zurate gezogen werden kann.18 Außerdem wird mit Verweisen auf diejenigen Kapitel gearbeitet, die für eine bestimmte Thematik vorausgesetzt werden oder die diese weiterführen.

Das empirische Kapitel ist in drei Teile gegliedert: Zunächst werden die Korpora beschrieben und im Anschluss daran zuerst die Tags und dann die Notizen analysiert und die Ergebnisse in den entsprechenden Teilkapiteln diskutiert. Da im Bereich des Social Taggings Untersuchungen aus anderen Fachbereichen vorliegen, werden die jeweiligen Ergebnisse nach Möglichkeit mit Resultaten aus anderen Studien verglichen. ← 29 | 30 → ← 30 | 31 →


1       http://blog.flickr.net/de/2012/12/12/flickr-noch-besser-nutzen-besser-navigierenund-fotos-entdecken/ (19.08.2013).

2       Unter Crowdsourcing (zu Deutsch: Schwarmauslagerung) versteht man in Analogie zum Outsourcing von Unternehmen an Drittunternehmen die Auslagerung von Arbeiten auf im Social Web tätige Userinnen und User, die auf Basis von Freiwilligenarbeit Inhalte generieren.

3       Mitgemeint sind auch von der Forschung Betroffene. In der vorliegenden empirischen Untersuchung sind dies die Urheberinnen und Urheber der analysierten Kommunikate.

4       So können beispielsweise einerseits Daten im WWW erhoben (nicht-reaktive Datenerhebung), andererseits können Daten auch über Fragebogen, die im Internet sowohl distribuiert als auch ausgefüllt werden, generiert werden (reaktive Datenerhebung). Einen Überblick über die methodischen Möglichkeiten in der empirischen Sozialforschung im Internet geben Welker und Wünsch (2010).

5       Der Titel des zitierten Artikels lautet New Media Ethics, im Text selbst ist dann jedoch die Rede von Internet Ethics.

6       Das Social Web unterliegt in der Schweiz dem Presserecht, was bedeutet, dass diejenigen, die »medienrechtliche Bestimmungen oder medienethische Standards« (Blum, Prinzing 2010: 526) missachten, sich vor Gericht verantworten müssen.

7       Es handelt sich bei dem Ausdruck um eine Übersetzung der von Eynon et al. (2008: 23; 38) verwendeten Termini ethics of Internet research bzw. Internet Research Ethics.

8       Für wichtige Hinweise und Erläuterungen zu rechtlichen Aspekten, die in dieses Kapitel eingeflossen sind, danke ich Medea Elsig Wälterlin und Emanuel Meyer vom Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum.

9       So können beispielsweise auf Twitter Tweets auf eine Weise geschützt werden, wie sie das Telekommunikations-Unternehmen Swisscom praktiziert: »Nur bestätigte Follower haben Zugriff zu den Tweets und dem vollständigen Profil von @swisscom. Klicke auf den ›Folgen‹ Button, um eine Bestätigungsanfrage zu senden.« Dasselbe Unternehmen pflegt auch eine Seite bei Facebook, die von allen Facebook-Nutzern über den Button Gefällt mir (engl. Like) hinzugefügt und eingesehen werden kann: https://www.facebook.com/Swisscom.

10     Das am 1. Mai 2013 eingestellte schülerVZ war nur per Einladung zugänglich, um den Nutzerkreis auf das Zielalter von 10 bis 21 Jahre einzuschränken. Erwachsene sind zur Plattform nicht zugelassen, was die Community für Schülerinnen und Schüler attraktiv macht.

11     Ohnehin sind auf Flickr im Vergleich zu Social-Networking-Communitys verhältnismäßig wenige Personen abgebildet.

12     Als Grundrecht unter Art. 8 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (http://www.admin.ch/ch/d/sr/101/a8.html, 31.03.2014) sowie im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland unter Art. 3 (http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html, 31.03.2014) verankert.

13     http://www.admin.ch/ch/d/sr/231_1/a25.html (31.03.2014). Diese Regelung entspricht weitgehend der Gesetzgebung in Deutschland; siehe § 51 des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (http://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__51.html, 31.03.2014).

14     Dieses Vorgehen ist auch in anderen linguistischen Arbeiten üblich: »YouTube-Kommentare gelten als uneingeschränkt öffentlich verfügbare Beiträge und werden daher mit vollen Autoren(spitz)namen zitiert« (Androutsopoulos 2012: 96, Herv. im Original).

15     Auch Baron und Lee (2013: 48) haben die Nicknames der Flickr-Nutzerinnen und Nutzer angegeben.

16     Seit dem Flickr-Relaunch vom 20. Mai 2013 ist der Klarname über dem Nickname aufgeführt, davor stand der Nickname an erster Stelle.

17     Der Plural lautet also – wie auch im Rechtschreib-Duden 2013 vermerkt – Communitys und nicht Communities, wie oft zu lesen ist.

18     In das Glossar aufgenommen wurden hauptsächlich Termini, die bisher noch keinen Eingang in Wörterbücher gefunden haben und die nicht als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können. Zudem wird bei Ausdrücken, die in der Literatur in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet werden, angegeben, was in der vorliegenden Arbeit darunter verstanden wird.

2  Kommunikation in den digitalen Medien

Neue Medien, Multimedia, Printmedien, Massenmedien, Speichermedien, Unterhaltungsmedien, Leitmedien, digitale Medien: Medien ist ein Ausdruck, der sehr häufig verwendet und unter dem ebenso oft Unterschiedliches verstanden wird.19 Gerade durch das Aufkommen der »modernen Medien«, wie Schmitz (2004d: 8) diejenigen Medien bezeichnet, die im 20. Jahrhundert erfunden wurden, konnte sich der Terminus Medium rasant ausbreiten.

In den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen existieren zahlreiche Medientheorien und -begriffe, die sich teilweise beträchtlich voneinander unterscheiden. Selbst in den einzelnen Fachgebieten wird unter Medien Verschiedenes verstanden. Zu Recht spricht Faulstich (2002: 19) von einem »Begriffswirrwarr und Metaphernsalat«. Darüber hinaus kann konstatiert werden, dass zuweilen in ein und derselben Arbeit der Terminus Medium zu wenig reflektiert und mit unterschiedlichen Begriffskonzepten verbunden wird: So werden beispielsweise in einer sprachwissenschaftlichen Monographie Text bzw. Sprache und Bild als »Medien zweier entgegen gesetzter [sic!] Zeichensysteme« (Große 2011: 14) betitelt; wenige Seiten weiter ist dann die Rede vom »audiovisuellen Medium Internet« sowie von den »dialogisch-interaktionalen Medien wie E-Mail, Newsgroups« (ebd.: 18).

Eine Ursache für die Vielfalt an Medienbegriffen sieht Stöckl (2010b: 3) in der Schwierigkeit, die verschiedenen Elemente in Kommunikationsprozessen und symbolischen Praktiken voneinander abzugrenzen: »Perzeptuelles, Materielles, Technisches, Semiotisches, Soziales und Kulturelles überkreuzen sich in der Kommunikation auf vielfache Weise und führen zu einer Verwobenheit der Praxis, der man begrifflich nur schwer gerecht werden kann.« Um eine gewisse Ordnung in die vielen unterschiedlich verwendeten Medienbegriffe zu bringen, wurden in der Forschung Klassifikationen erstellt; einige davon werden im folgenden Teilkapitel detaillierter dargestellt. Danach wird in Kapitel 2.2 die Terminologie im Bereich der digitalen Medien kritisch erörtert. Im Anschluss daran erfolgt die Charakterisierung des dieser Arbeit zugrunde gelegten semiotischen Kommunikationsbegriffs. Schließlich wird erläutert, was unter den Termini Kommunikationsform, Kommunikationsplattform, Kommunikat-Sorte, Kommunikat und kommunikativer Akt verstanden wird. Da der Multimodalität (vgl. Kapitel 7) in der vorliegenden ← 31 | 32 → Arbeit eine zentrale Rolle zukommt, beziehen sich die Ausführungen in diesem Kapitel stets auch auf die multimodale Kommunikation.

2.1  Medienklassifikationen

Medienbegriffe können nach unterschiedlichen Ordnungskriterien eingeteilt werden. So nennt Staiger (2007: 50) den Technikeinsatz, das Zeichensystem und den Sinneskanal als drei mögliche Kriterien zur Klassifikation.

Mit dem Kriterium Technikeinsatz bezieht sich Staiger auf die Klassifikation des Kommunikations- und Medienwissenschaftlers Pross (1972: 127–128), der nach der Art und Weise der Produktion und Rezeption zwischen primären, sekundären und tertiären Medien als Kommunikationsmittel unterscheidet. Unter Primärmedien versteht Pross die »Mittel des menschlichen Elementarkontaktes«, d. h. für die Kommunikation wird kein Gerät benötigt (Face-to-Face-Kommunikation). Bei Sekundärmedien ist auf Produzentenseite ein technisches Gerät erforderlich und bei Tertiärmedien sowohl auf Produzenten- als auch auf Rezipientenseite. Faulstich (2002: 25) spricht von »Menschmedien« (primär), »Schreib- und Druckmedien« (sekundär) und »elektronischen Medien« (tertiär). Er ergänzt die Klassifikation nach einem Vorschlag von Faßler (1997: 117–118) um Quartärmedien, die er auch digitale Medien nennt und bei denen das benötigte Gerät bei der Produktion und Rezeption ein Computer darstellt (vgl. Faulstich 2002: 25). Was die Unterscheidung von Tertiär- und Quartärmedien betrifft, so sei zunächst einmal darauf hingewiesen, dass die Unterscheidung zwischen elektronischen und digitalen Medien problematisch ist, zumal die Digitaltechnik ohne Elektronik nicht auskommt (vgl. Dürscheid et al. 2010: 95).

Auch Faulstich räumt indirekt ein, dass eine Unterscheidung zwischen Tertiär- und Quartärmedien nicht deutlich gezogen werden kann: Er nennt als Beispiele für Tertiärmedien beispielsweise den Hörfunk, das Fernsehen und das (Mobil-)Telefon, merkt aber zugleich an, dass diese heute oft in digitalisierter Form vorliegen (vgl. Faulstich 2002: 25). Als Beispiel für ein Quartärmedium wird der Computer genannt, wobei zu fragen ist, weshalb dann das Handy als Tertiärmedium erachtet wird. Des Weiteren wird Multimedia als ein Beispiel für Quartärmedien angeführt, doch Faulstich erläutert nirgends, was er darunter versteht. Schließlich werden die beiden Kommunikationsformen E-Mail und Chat sowie das World Wide Web und das Intranet als Quartärmedien klassifiziert. Dürscheid (2005b: 5) macht deutlich, dass unterschieden werden muss zwischen dem technischen Gerät – in diesem Falle dem vernetzten Computer (also Web oder Intranet) – und den Kommunikationsformen, welche einen vernetzten Computer voraussetzen. Es bleibt somit die Frage offen, inwiefern ← 32 | 33 → sich diese Quartärmedien von den Tertiärmedien unterscheiden und ob diese Differenzierung überhaupt sinnvoll ist. Burkart (2003: 185) erläutert, dass der Unterschied darin bestehe, dass bei den Quartärmedien die Rollen des Senders und Empfängers nicht mehr klar zu unterscheiden seien, was aber nichts daran ändert, dass beide Seiten ein technisches Hilfsgerät benötigen. Dürscheid et al. (2010: 30) stellen mit Bezug auf Dahinden und Trappel (2010) fest, dass sich die Quartärmedien lediglich durch die Art der technischen Übermittlung von den Tertiärmedien unterscheiden: Bei den letztgenannten erfolgt die Diffusion über terrestrische Übertragungen, bei den Quartärmedien über ein Netzwerk. Insgesamt überzeugt mich das Konzept der Quartärmedien nicht, denn schon die Benennung suggeriert, dass Quartärmedien auf derselben logischen Ebene wie die primären, sekundären und tertiären Medien liegen. In Wirklichkeit werden jedoch zwei Ebenen vermischt: Während bei den primären bis tertiären Medien von Relevanz ist, ob für die Produktion oder Rezeption ein technisches20 Hilfsmittel benötigt wird, ist das Unterscheidungskriterium zwischen den tertiären und quartären Medien die Art der benötigten Geräte.21 Kommunikation, bei der sowohl auf Produktions- als auch Rezeptionsseite ein Computer verwendet wird, stellt meines Erachtens demnach lediglich ein Spezialfall von Kommunikation in Tertiärmedien dar.

Die eingangs genannten Klassifizierungskriterien Zeichensystem und Sinneskanal lassen sich auf die Medienbegriffsklassifikation von Posner beziehen, wobei allerdings Staiger (2007: 50) in seiner Klassifikation den biologischen mit dem physikalischen Medienbegriff vermischt.

Tabelle 1 zeigt in Anlehnung an Posner (1985: 255–258) einen Überblick über die verschiedenen Medienbegriffe. Posner unterscheidet einen biologischen, physikalischen, technologischen, soziologischen, kultur- und kodebezogenen Medienbegriff. In der zweiten Spalte der Tabelle 1 sind in der Literatur zu findende alternative Bezeichnungen für den jeweiligen Begriff aufgelistet. ← 33 | 34 →

Tabelle 1:  Medienbegriffe

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Dem alltäglichen Verständnis von Medium entspricht in dieser Kategorisierung am ehesten der technologische oder auch der soziologische Medienbegriff (vgl. Stöckl 2010b: 2). Die Anzahl der Alternativbezeichnungen zeigt auf, welche Verwendungsweisen des Medienbegriffs mehr oder weniger kontrovers diskutiert werden. Mit Medium ist selten der physikalische Medienbegriff gemeint, er scheint für die betreffende Forschung im Gegensatz zum biologischen Medienbegriff keine Relevanz zu haben – nicht zuletzt deshalb, weil dafür in der Literatur keine Alternativbezeichnungen zu finden sind. Für den biologischen, kultur- und kodebezogenen Medienbegriff existieren Alternativen, die meines Erachtens verwendet werden können und sollten, um Präzision in die Terminologie bringen zu können. Es kann unter Medium folglich noch das soziologische und das technologische Medienkonzept verstanden werden. Zur Unterscheidung dieser beiden Konzepte können wiederum Komposita herangezogen werden: für den soziologischen Medienbegriff Medieninstitution im weitesten Sinne sowie Trägermedium für den technologischen Medienbegriff. Hier müsste man allenfalls auch eine terminologische Unterscheidung treffen für die verwendeten Apparate einerseits und deren Produkte andererseits. So scheint gelegentlich unter Träger-medium nur der technische Apparat zur Übermittlung der Nachricht verstanden zu werden. Habscheid (2000: 138) beispielsweise definiert technische Medien als »materiale, vom Menschen hergestellte Apparate zur Herstellung/Modifikation, Speicherung, Übertragung oder Verteilung von sprachlichen (und nichtsprachlichen) Zeichen (im Sinne musterhafter Äußerungen)«, welche Kommunikation über verschiedene Kommunikationsformen ermöglichen (vgl. auch Dürscheid 2005b: 5, Dürscheid 2009: 40). Der kulturbezogene Medienbegriff wird als solcher in der Medienlinguistik eher selten verwendet; je nachdem, ob es sich dabei um monologische oder dialogische Kommunikation handelt, spricht man meist von Textsorten oder kommunikativen Gattungen (vgl. Dürscheid 2005b: 14 sowie Kapitel 2.3).

Im Gegensatz zum kulturbezogenen Medienbegriff ist der kodebezogene weit verbreitet, wenn auch umstritten. Ich schließe mich hier Stöckl (2010b: 3) an, der dafür plädiert, Sprache, Bilder oder Ton nicht als Medien zu bezeichnen, sondern dafür Termini wie Zeichensystem, Zeichenmodalität oder Modalität zu verwenden. Für den biologischen Medienbegriff schließlich wird bisweilen ebenfalls der Terminus Modalität verwendet (vgl. Holly 2011b: 30). Wenn also von Multimodalität die Rede ist, muss zunächst geklärt werden, ob Sinnes- oder Zeichenmodalitäten gemeint sind. So moniert Holly (2010b: 2203), dass der Terminus Multimodalität nicht genug differenziere zwischen der Mischung von Modalitäten und der Mischung von Kodalitäten. Er schlägt eine Unterscheidung zwischen »multiko ← 35 | 36 → dal (verschiedene Zeichenarten enthaltend)« und »multimodal (mehrkanalig, verschiedene Sinne ansprechend)« (ebd.: 2203) vor (vgl. Kapitel 7.5). Stöckl (2004d: 17–18) hingegen versteht unter zentraler Modalität die Zeichenart und unterscheidet dabei mediale Varianten, zum Beispiel bei der zentralen Modalität Sprache die Varianten gesprochen (auditiv rezipiert) und geschrieben (visuell rezipiert). Multimodale Kommunikate vereinen nach Stöckl folglich unterschiedliche zentrale Modalitäten, die in verschiedenen medialen Varianten vorliegen können. Medial wird in der vorliegenden Arbeit wie in der Unterscheidung von Koch und Oesterreicher (1994: 588) als »mediale Mündlichkeit« bzw. »mediale Schriftlichkeit« verwendet. Dürscheid (2003: 39) fragt zu Recht, ob diese Terminologie in Anbetracht der Vielfalt an Medienbegriffen weiterhin eine Berechtigung haben kann. Sie führt aus, dass dies der Fall sei, wenn man das Adjektiv medial auf Medialität sprachlicher Äußerungen und nicht auf Medium beziehe. Sprache ist demnach kein Medium, liegt aber in mehreren medialen Varianten (auch: Repräsentationsformen) vor: die gesprochene, die geschriebene und die gebärdete Sprache (vgl. ebd.: 38).

Zusammenfassend kann man festhalten, dass der Terminus Medium sinnvollerweise nicht für mehrere Medienbegriffe verwendet werden sollte. Aus Tabelle 1 sowie den dazugehörigen Erläuterungen ist ersichtlich, dass es zahlreiche alternative Bezeichnungen gibt, anhand derer sich die verschiedenen Konzepte voneinander abgrenzen lassen. Es sind dies einerseits spezifizierende Komposita, andererseits andere Termini wie Zeichen, kommunikative Gattung, Textsorte oder Modalität (vgl. dazu auch Habscheid 2000: 139). In der vorliegenden Arbeit wird der Ausdruck Medium als Trägermedium im Sinne des technologischen Medienbegriffs von Posner verwendet, wobei mit Medien lediglich die Apparate und nicht die durch sie zustande kommenden Produkte gemeint sind. Für einen solch engen Medienbegriff spricht auch seine Etablierung in der deutschsprachigen Linguistik (vgl. Schneider, Stöckl 2011b: 22). Wenn in der vorliegenden Arbeit Bezug genommen wird auf Literatur, in der andere Medienbegriffe zugrunde gelegt werden, wird entsprechend darauf hingewiesen.

2.2  Digitale Medien

Medien im technologischen Sinne können nach den historischen Phasen ihrer Nutzung klassifiziert werden, wobei ältere Medien meist nicht verdrängt, sondern durch neuere ergänzt werden, d. h. neuere Medien können zu Leitmedien werden (vgl. Habscheid 2000: 138). Unter Leitmedium versteht man die Dominanz eines Einzelmediums in der gesellschaftlichen Kommunikation in einer bestimmten historischen Zeitspanne, wie beispielsweise die Flugschrift im ausgehenden Mit ← 36 | 37 → telalter und der frühen Neuzeit oder der Computer Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts (vgl. Schanze 2002: 194). Der Terminus neue Medien hat sich seit den 1980er Jahren als »Sammelbezeichnung für verschiedenartige neue technische Entwicklungen zur Speicherung und Übertragung von Informationen« (Schmitz 1995b: 13) eingebürgert. Zunächst waren damit beispielsweise Kabel- und Satellitenfernsehen sowie das Faxgerät gemeint, inzwischen auch über das Internet vernetzte Computer und Mobiltelefone (Burkart 2003: 185). Die Bezeichnung neue Medien ist suboptimal, da die Attribuierung neu eine relative ist: Jedes Medium war in der Epoche seiner Entstehung neu (vgl. Schmitz 1995b: 13). Darum muss die Bezeichnung präzisiert werden. Beispiele für Begriffspräzisierungen sind »die gegenwärtig Neuen Medien« (Rusch et al. 2007: 39) oder »computerbasierte ›Neue Medien‹» (Habscheid 2000: 139).22 Spätestens bei der Entwicklung neuerer Technologien wird man sich wiederum Gedanken machen müssen, wie man diese bezeichnet und wie man sie terminologisch von den heute als neu bezeichneten Medien abgrenzen kann. So bezeichnen beispielsweise Dürscheid und Frick (2014: 151) die SMS-Kommunikation als »alte neue Kommunikationsform« und WhatsApp als »neue neue Kommunikationsform«.

Schmitz (2004d: 8) verwendet den auch nicht inhaltsreicheren Terminus moderne Medien und meint damit alle Medien, »die im 20. Jahrhundert neu erfunden oder wesentlich weiterentwickelt wurden. Neben dem Telefon zählen dazu insbesondere Massenmedien und computergestützte neue Medien.« Es muss allerdings angefügt werden, dass Schmitz (2004d: 12) an anderer Stelle ergänzt, die Unterscheidung von Massenmedien und neuen computergestützten Medien sei rein mediengeschichtlich begründet und darum fragwürdig. Es wäre demzufolge zwischen massenmedialer Kommunikation, die in herkömmlichen Massenmedien stattfindet, sowie solcher in Computernetzen zu unterscheiden. Massenmediale Kommunikation liegt dann vor, »wenn eine Mitteilung durch technische Vervielfältigung allgemein zugänglich wird und als Produkt zahlreiche anonym bleibende und heterogene Rezipienten an unterschiedlichen geographischen und sozialen Orten erreicht« (Habscheid 2005: 51). So ist denn auch die von Habscheid (2005) gestellte Frage, ob das Internet oder das WWW ein Massenmedium sei, äußerst plakativ gestellt, da selbstverständlich im Internet sowohl Massenkommunikation als auch interpersonale Kommunikation stattfinden kann. ← 37 | 38 →

Nach Schmitz (2004d: 12) wären die neuen Medien also eine Teilmenge der modernen Medien, die immer wieder auch elektronische Medien genannt werden (vgl. Burkart 2003: 185; Faulstich 2002: 25; Sager 2001: 202–203). Der Terminus neue Medien wird oftmals auf diejenigen Medien angewandt, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts als neu bezeichnet werden und Daten digital speichern und übertragen. Dazu gehören beispielsweise der vernetzte Computer oder das Handy. Neben dem Ausdruck »neue Medien«23 existieren alternative Bezeichnungen wie »digitale Medien«24, »Onlinemedien«25 oder – wie bereits im Kapitel 2 erwähnt – »quartäre Medien«26. Der Terminus Onlinemedien wird selten gebraucht und der Nachteil der Bezeichnung digitale Medien besteht darin, dass der Ausdruck sich auch auf herkömmliche Medien wie beispielsweise Fernsehen, Radio, Foto- und Filmkameras beziehen kann, bei denen die Daten als digitale Signale gespeichert und übermittelt werden. Letztere werden allerdings gelegentlich ebenfalls zu den neuen Medien gerechnet (vgl. Dürscheid 2009: 42), weshalb die Frage gestellt werden muss, welche Medien den neuen Medien zugerechnet werden.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich trotz der Allgegenwärtigkeit der digitalen Medien weder in der Umgangssprache noch in der Fachliteratur ein exakter Terminus etabliert hat (vgl. Knaus 2009: 10). Für die Bezeichnungen in der Wissenschaft kann folgende Tendenz ausgemacht werden: Während einst vor allem von neuen Medien die Rede war, wird in letzter Zeit immer häufiger und auch von vielen Linguistinnen und Linguisten der Terminus digitale Medien verwendet und auch in der vorliegenden Arbeit präferiert. Dieser gewählte technologische Medienbegriff ist relativ weit gefasst und umfasst sämtliche Träger ← 38 | 39 → medien, bei denen die Übermittlung digital abläuft. Bei der Charakterisierung digitaler Kommunikation sollte jedoch selbstverständlich präzisierend ergänzt werden, ob es sich um digitale Massenkommunikation oder »interpersonale digitale Kommunikation« (Androutsopoulos 2007: 75) handelt.

2.3  Kommunikation, Kommunikations-(platt-)formen und Kommunikat-Sorten

Rund die Hälfte der online verbrachten Zeit wird für Kommunikation genutzt, wobei jeweils rund ein Drittel auf Social-Networking-Communitys, E-Mail sowie Foren entfällt (vgl. van Eimeren, Frees 2010: 342).27 Kommunikation spielt im Social Web also eine zentrale Rolle, weshalb im Folgenden erläutert werden soll, welcher Kommunikationsbegriff in dieser Arbeit verwendet wird und was unter Kommunikationsformen und -plattformen zu verstehen ist.

So unterschiedlich Kommunikation ausfallen kann, so unterschiedlich sind auch ihre Definitionen. Merten (1977: 35) hat bereits vor über dreißig Jahren 160 verschiedene Definitionen von Kommunikation aus unterschiedlichen Disziplinen analysiert. Im Zusammenhang mit multimodaler Kommunikation erscheint es sinnvoll, dieser Arbeit einen Kommunikationsbegriff zugrunde zu legen, wie er auch in der Semiotik vertreten wird. Nöth (2000b: 235) unterscheidet beispielsweise zu weit und zu eng gefasste Definitionen von Kommunikation: Als »zu weit« ist für Nöth der Kommunikationsbegriff gefasst, wenn er als Synonym zu Semiose28 verwendet wird, als »zu eng«, wenn darunter ausschließlich menschliche und intentionale Kommunikation gefasst wird. In der Semiotik beschäftigt man sich sowohl mit verbaler als auch mit nonverbaler, mit menschlicher und animalischer sowie mit auditiver und visueller Kommunikation, wobei »ein Kommunikator, ein Zeichen bzw. eine Botschaft und ein Rezipient oder Interpret des Zeichens beteiligt sind« (ebd.: 235, Herv. im Original). In der vorliegenden Arbeit geht es ausschließlich um menschliche, visuelle Kommunikation, berücksichtigt werden dabei Bilder und Schrift.29 ← 39 | 40 →

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie Kommunikation in den digitalen Medien einerseits benannt werden soll, andererseits aber auch, wie sie charakterisiert werden kann. Ein geläufiger und weitgehend konsensueller Terminus für die Kommunikation in den digitalen Medien ist computervermittelte Kommunikation (CVK), auf Englisch computer mediated communication (CMC) (vgl. Ebersbach et al. 2011: 185; Jucker, Dürscheid 2012: 39).30 Herring (2007: 1) versteht darunter »predominantly text-based human-human interaction mediated by networked computers or mobile telephony«, schließt also Kommunikation über Mobiltelefone explizit mit ein. Jucker und Dürscheid (2012: 39) führen allerdings gegen den Ausdruck CMC ins Feld, er schließe Kommunikation über Mobiltelefone aus, da Handys nicht als Computer erachtet werden. Diesem Argument ist zweierlei entgegenzuhalten: Erstens ist nach der Bedeutung des Begriffs Computer zu fragen. Im großen Fremdwörterbuch ist unter dem Lemma Folgendes zu lesen: »universell einsetzbares elektron. Gerät zur automatischen Verarbeitung von Daten« (Duden 2007b). Darunter könnte auch ein Handy gefasst werden. Zweifelsohne wird Computer natürlich von vielen mit dem Personal Computer assoziiert, worunter in erster Linie ein Desktop-Computer verstanden wird, jedoch auch tragbare Geräte wie Laptops, Netbooks und Tablet-Computer. Zweitens verfügen Tablet-Computer teilweise über eine Telefonfunktion und es stellt sich die Frage, inwiefern sich Smartphones von Tablet-Computern unterscheiden bzw. ob eine Unterscheidung überhaupt noch gerechtfertigt ist.31 Auch eine Differenzierung in »mobil- und computervermittelte Kommunikation« (Moraldo 2012: 180) erscheint nicht länger sinnvoll, da die neueren Mobiltelefone ← 40 | 41 → in der Regel internetfähig sind.32 Im Zuge der technischen Medienkonvergenz ist vielmehr in Zukunft eine Vereinigung von Hörfunkempfänger, Fernsehgerät, Telefon und Computer in einem Multifunktionsgerät zu erwarten (vgl. Marcinkowski 2013: 211).33 Wenn demnach heutzutage von Mobiltelefonen die Rede ist, so ist zwischen herkömmlichen Handys (sogenannte »Feature Phones« (Willemse et al. 2012: 31) und Smartphones zu differenzieren. Der Anteil an Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzern hat in letzter Zeit rapide zugenommen.34

Ein weiteres Indiz für eine mittlerweile nicht mehr sinnvolle Unterscheidung in Kommunikation via Computer bzw. Handy kann in der Rubrikenbezeichnung auf dem Portal mediensprache.net gefunden werden: Beim Relaunch der Website vom 28.01.2013 wurden die Rubriken websprache und handysprache zugunsten von digitale Kommunikation aufgegeben. Einen neuen Terminus zu prägen, der als Überbegriff neben der Kommunikation mittels Computer auch die Kommunikation mittels Mobiltelefonen umfasst, wäre vor 10 oder 20 Jahren noch sinnvoll gewesen, meines Erachtens heute jedoch nicht mehr.

Die von Jucker und Dürscheid vorgeschlagene alternative Bezeichnung »keyboard-to-screen communication« (KSC) wird für Kommunikationsformen verwendet, die 1) hauptsächlich textbasiert sind, 2) entweder für One-to-one- oder One-to-many-Kommunikation verwendet und 3) über Handys, Smartphones, Tablet-Computer oder vernetzte Computer vermittelt werden (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 40–41). Die Bezeichnung keyboard-to-screen communication wurde deshalb gewählt, da alle genannten Geräte als gemeinsamen Nenner eine Tastatur (materiell oder virtuell) sowie einen Bildschirm besitzen. Selbst wenn man sich der Argumentation anschließen würde, dass eine Unterscheidung in Kommunikation via Mobiltelefon bzw. solche via Computer nach wie vor gerechtfertigt und deshalb ein umfassenderer Terminus notwendig sei, muss man dem entgegenhal ← 41 | 42 → ten, dass der neu geprägte Terminus gleichzeitig wiederum sehr einschränkend ist, da gesprochene Sprache explizit ausgeschlossen wird.35 Jucker und Dürscheid (2012: 41) argumentieren, dass bisher vor allem die geschriebene Sprache im Zentrum der computervermittelten Kommunikation stand, konzedieren gleichzeitig jedoch auch, dass die Relevanz der geschriebenen Sprache künftig wohl sinken wird. Tatsächlich ist davon auszugehen, »dass die Zukunft nicht der geschriebenen, sondern der gesprochenen Sprache gehört« (Siever 2012a: 65). Darüber hinaus hat die gesprochene Sprache bereits heute in den digitalen Medien einen nicht zu negierenden Stellenwert, so beispielsweise in der Internet-Telefonie36 via Skype oder Viber, die teilweise parallel zum Instant Messaging stattfindet, oder im Versand von Video- und Audiodateien in der Instant-Messaging-Anwendung WhatsApp für Smartphones. Neben der genannten Mensch-Mensch-Kommunikation sei auch ein Beispiel von Mensch-Maschine-Kommunikation erwähnt: Die von der Firma Apple entwickelte Software Siri (Speech Interpretation and Recognition Interface) erkennt und verarbeitet gesprochene Sprache. Die keyboard-to-screen communication schließt Mensch-Maschine-Kommunikation37 allerdings explizit aus, wie das auch bei der computer mediated communication der Fall ist (vgl. Herring 1996: 1).

Bezüglich des Ausschlusses der medial mündlichen Sprache in der keyboard-to-screen communication muss Folgendes konstatiert werden: Gerade in Zeiten, in denen multimodale Kommunikation an Bedeutsamkeit gewinnt, ist es meiner Meinung nach nicht sinnvoll, einen Terminus für eine bestimmte Art von Kommunikation zu definieren, der nur eine mediale Variante der zentralen Modalität Sprache einschließt. Adamzik (2008: 159) erachtet die Dichotomie von gesprochener und geschriebener Sprache im Hinblick auf das multimodale Zeitalter, in dem unterschiedliche Modalitäten sowie deren Verknüpfungen an Relevanz gewonnen haben, als anachronistisch.

Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt ist die Unterscheidung zwischen Massen- und Individualkommunikation. Computervermittelt und somit digital übermittelt ist nämlich nicht nur die interpersonale Kommunikation, bei der ← 42 | 43 → hauptsächlich zwei Personen oder kleinere Gruppen synchrone oder asynchrone Dialoge führen (vgl. Schmitz 2004d: 12). Auch Kommunikate von Institutionen der Massenmedien wie Presse, Hörfunk, Fernsehen, von denen mittlerweile ein Großteil auch im Internet präsent ist, werden digital vermittelt, so beispielsweise in Form von Online-Zeitungen, Audio- und Video-(Live-)Streaming sowie -Podcasts. Unter dem Terminus computervermittelte Kommunikation wird jedoch teilweise lediglich interpersonale (vgl. Döring 2013: 424), zum Teil jedoch auch massenmediale Kommunikation verstanden (vgl. Beck 2013: 136; Strauch, Rehm 2007: 120). Aus diesem Grund ist mitunter präzisierend von computervermittelter interpersonaler Kommunikation die Rede (vgl. Beck 2010b: 26; Jöckel, Schumann 2010: 470). Computervermittelte Kommunikation als Oberbegriff für computer-vermittelte Massen- und Individualkommunikation erscheint deshalb sinnvoll, weil die Unterscheidung zwischen Massen- und Individualkommunikation inzwischen ohnehin nicht mehr so eindeutig vorgenommen werden kann wie vor dem digitalen Zeitalter (vgl. Schmitz 2004d: 35).

Das Attribut computervermittelt präsupponiert stets auch digital (vgl. Strauch, Rehm 2007: 120). Da jedoch der Terminus computervermittelte Kommunikation38 in der bisherigen Forschung oftmals nur auf textbasierte Kommunikation angewendet wurde, könnte man nun stattdessen allgemeiner von digitaler Kommunikation sprechen. Darunter ist jegliche Kommunikation in Tertiärmedien zu fassen, die digital übermittelt wird.39 »Dass die Kommunikation selbst digital genannt wird, ist aber keine sprachliche Nachlässigkeit, sondern bringt zum Ausdruck, dass die Kommunikation über digitale Medien eine andere wird« (Grimm 2005: 1). Der Terminus digitale Kommunikation40 hat den Vorteil, dass er nicht auf bestimmte Medien wie Handys oder vernetzte Computer festgelegt ist. Vielmehr wird die Art der Übermittlung in den Vordergrund gerückt; außerdem kann darunter auch Mensch-Maschine-Kommunikation gefasst werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass auch im Englischen der Ausdruck Digital Communication verwendet wird (vgl. Tagg 2015). Ein Nachteil jedoch ist die bereits anderweitige Verwendung des Terminus. So sprechen Watzlawick et al. (2011: 70–72) von analoger ← 43 | 44 → und digitaler Kommunikation: Analoge Kommunikation basiert auf Ähnlichkeit, digitale Kommunikation auf Arbitrarität und Konventionalität.

Digitale Kommunikation wiederum ist eine spezielle Form von medialer Kommunikation, bei der nach Kübler (2000: 15)

So kann digitale Kommunikation als Spezialfall medialer Kommunikation verstanden werden, bei der das Merkmal digitale Übermittlung als Parameter gesetzt ist.

Die bei Kübler genannten weiteren Merkmale fallen je nach Kommunikationsform unterschiedlich aus. Bevor auf die einzelnen möglichen Merkmale von Kommunikationsformen eingegangen werden soll, wird geklärt, was unter einer Kommunikationsform verstanden wird. Schmitz (2004d: 57) grenzt Medium und Kommunikationsform41 wie folgt voneinander ab: »Medien (z. B. Rundfunk) sind Kommunikationsmittel. Ihre technischen Bedingungen ziehen jeweils bestimmte Kommunikationsformen (z. B. Rundfunksendung) nach sich.« Allerdings sei angemerkt, dass es sowohl Kommunikationsformen gibt, die mit technischen Hilfsmitteln zustande kommen (in den sekundären oder tertiären Medien), als auch solche, die ohne technische Hilfsmittel auskommen und somit den primären Medien zuzuordnen sind (vgl. Dürscheid 2005b: 5). Holly weist in seiner Definition auf die soziale und kulturelle Determiniertheit von Kommunikationsformen und auf deren Wandelbarkeit hin; Kommunikationsformen sind demnach »die medial, historisch und sozial verankerten kommunikativen Dispositive, die sich auf der Basis verfügbarer medialer und kultureller Möglichkeiten allmählich herausbilden und weiterentwickeln, bis sie durch neue technische und soziale Entwicklungen obsolet oder so stark verändert werden, dass das Ergebnis der Entwicklung als ›neu‹ empfunden wird« (Holly 2011b: 38). An anderer Stelle bezeichnet Holly (2011c: 155) Kommunikationsformen als »medial bedingte kulturelle Praktiken« und betont, dass kulturelle Faktoren bei der Analyse von Kommunikationsformen neben der Charakterisierung durch formal-strukturelle Merkmale, die seit ← 44 | 45 → der Untersuchung Ermerts (1979) üblicherweise in einer Matrix notiert werden (vgl. Holly 2011c: 150), berücksichtigt werden müssten. Kommunikationsformen werden ausschließlich über textexterne bzw. situative Merkmale wie Zeichentyp (gesprochene oder geschriebene Sprache, statisches oder dynamisches Bild, Musik und Ton), Sinneskanal (visuell, auditiv), Kommunikationsrichtung (monologisch vs. dialogisch), Anzahl der Kommunikationspartner (one-to-one, one-to-many, many-to-many), Zugänglichkeit (öffentlich, teilöffentlich, nicht-öffentlich), Kommunikationsmedium (z. B. Computer, Smartphone), räumliche Dimension (Nähe vs. Distanz) und zeitliche Dimension (synchron, quasi-synchron, asynchron) bestimmt (vgl. Dürscheid 2003: 40; Holly 2011c: 153).

Kommunikationsformen können wiederum von Textsorten und kommunikativen Gattungen abgegrenzt werden: »Die Kommunikationsformen sind […] multifunktional, während die Textsorten nach unserer Definition immer an eine bestimmte (dominierende) kommunikative Funktion (die Textfunktion) geknüpft sind« (Brinker 2010: 128). Dies bedeutet, dass in einer bestimmten Kommunikationsform unterschiedliche Textsorten realisiert werden können und eine Textsorte wiederum in verschiedenen Kommunikationsformen auftreten kann (vgl. Ziegler 2002: 22). Textsortenfamilien42 nennt Holly (2011c: 157) Kommunikate, die zwar über eine gemeinsame Funktion wie beispielsweise kommerzielle Werbung verfügen, die aber in unterschiedlichen Kommunikationsformen auftreten und somit kommunikationsformspezifische Varianten einer Textsorte sind.

Von Textsorten zu unterscheiden sind kommunikative Gattungen, die sich durch Dialogizität auszeichnen. So ist hauptsächlich medial mündliche Kommunikation Untersuchungsgegenstand der Gattungsanalyse, medial schriftliche Kommunikation ist es lediglich dann, wenn Texte in einem Interaktionszusammenhang betrachtet werden (vgl. Dürscheid 2005b: 8). Kommunikative Gattungen können definiert werden als »verfestigte Formen kommunikativen Handelns, auf die Interagierende zurückgreifen können, um wiederkehrende soziale Situationen zu bewältigen. [...] Gattungen stellen also verfestigte Lösungen von wiederkehrenden kommunikativen Problemen dar« (Ayaß 2011: 278–279).43 Im Gegensatz zu Textsorten, die sich an bestimmten kommunikativen Funktionen ← 45 | 46 → festmachen lassen, ist es »in der anthropologisch-linguistischen Gattungsanalyse […] das Zusammenspiel von binnen- und außenstrukturellen Elementen und interaktiver Realisierung, das bei der Zuordnung zu einer kommunikativen Gattung zu berücksichtigen ist« (Dürscheid 2005b: 14). Aus diesem Grund können Textsorten und kommunikative Gattungen nicht gleichgesetzt werden.

Davon einmal abgesehen ist die Kommunikation in den digitalen Medien häufig multimodal, weshalb der Terminus Textsorte in diesem Bereich inadäquat ist. Die Termini »Text-Bild-Sorte« (Schmitz 2011b: 37; Stöckl 2011a: 177) und »bimodale Textsorte« (Stöckl 2004b: 114) sind aufgrund ihres linguozentrischen Blickwinkels abzulehnen. Unter Linguozentrismus wird in der vorliegenden Arbeit die präsupponierte Überlegenheit der Sprache über das Bild verstanden. Weshalb linguozentrische Metaphorik in der Terminologie vermieden werden sollte, wird ausführlich in Kapitel 7.2 erörtert. Während Demarmels (2010: 253) Fan-Videos auf YouTube als Textsorte bezeichnet, was meines Erachtens in Anbetracht des in Videos wichtigen auditiven Sinneskanals unangebracht ist, bezeichnen Marten und Sperfeld (2008: 116) TV-Werbespots als »Kommunikatsorte«. Jakobs (2011a: 89–90) verwendet diesen Terminus ebenfalls, und zwar »um kommunikative Muster erfassen zu können, die aus den Beschreibungsrahmen von Text-, Gesprächs-, Hypertextsorten herausfallen.« Kommunikat-Sorten umfassen nach Jakobs (2011a: 89) Teilbereiche »wie Textsorten, Hypertextsorten […] und andere, augenblicklich in Entstehung begriffene Muster neuerer Kommunikationsformen (wie Twitter).« Jakobs erwähnt multimodale Kommunikat-Sorten somit nicht explizit, sie sollten nach meinem Dafürhalten jedoch ebenfalls als weiterer Teilbereich aufgefasst werden. Multimodale Kommunikat-Sorten sind »konventionell geltende Muster für komplexe semiotische Handlungen und lassen sich als jeweils typische Verbindungen von kontextuellen, kommunikativ-funktionalen und strukturellen (grammatischen und visuellen) Merkmalen beschreiben« (Schmitz 2011b: 37).44

Kommunikationsplattformen schließlich können Social-Web-Communitys genannt werden, bei denen den Nutzerinnen und Nutzern verschiedene Kommunikationsformen wie Nachrichten, Chat, Pinnwandeinträge oder Kommentare zur Verfügung gestellt werden. Es ist der Trend zu beobachten, dass Kommunikationsplattformen gegenüber herkömmlichen Diensten bevorzugt werden, die ← 46 | 47 → lediglich eine einzige Kommunikationsform anbieten.45 Beispielsweise hat die Nutzung von Instant Messaging in Programmen wie etwa ICQ oder Windows Live Messenger im Vergleich zum Vorjahr um 7 % auf nur noch 18 % abgenommen, da diese Kommunikationsform jetzt in Social-Web-Communitys genutzt wird (vgl. van Eimeren, Frees 2012: 368). Auch die Kommunikation per E-Mail ist rückläufig, wobei eine funktionale Ausdifferenzierung zu beobachten ist: Während für geschäftliche Kommunikation oftmals noch E-Mails verwendet werden, verlagert sich die private Kommunikation zu einem großen Teil in Social-Web-Communitys. Während noch im Jahr 2010 84 % aller Internetnutzerinnern und -nutzer mindestens einmal wöchentlich mailten, waren es 2011 noch 80 % und 2012 nur noch 79 % (vgl. van Eimeren, Frees 2011: 339, van Eimeren, Frees 2012: 369).

Neue Kommunikationsformen erfordern immer auch die Modifizierung von bisherigen Kategorien und Termini für linguistische Analysen, so auch bei Kommunikationsformen im Internet sowie insbesondere bei solchen auf Kommunikationsplattformen (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 39). Darum werden im folgenden Teilkapitel Kommunikate sowie kommunikative Akte und Sequenzen kommunikativer Akte behandelt. Die beiden letztgenannten Ausdrücke schlagen Jucker und Dürscheid (2012: 39) vor, da bei der Analyse von Kommunikation in digitalen Medien nicht mehr ohne Weiteres von Dichotomien wie gesprochen vs. geschrieben oder Text vs. Äußerung ausgegangen werden kann.

2.4  Kommunikate und kommunikative Akte

Bei der Analyse von Kommunikation unterscheidet man produkt-, produktionsund rezeptionsorientierte Analysemethoden. Es handelt sich dabei um »komplementäre Verstehenszugänge, die sich konsistent miteinander verbinden lassen« (Schneider, Stöckl 2011b: 21). Produktions- und Rezeptionsprozesse von multi-modaler Kommunikation dienen insbesondere dazu, die »in der Produktanalyse nahe gelegte Lesart anzureichern, zu verifizieren oder zu modifizieren« (Stöckl 2006: 35). In der medienlinguistischen Forschung wurden bisher hauptsächlich Produktanalysen vorgenommen, systematische Produktions- und Rezeptionsanalysen stellen in vielen Bereichen ein Forschungsdesiderat dar (vgl. Stöckl 2012a: 21).

Bei Produktanalysen stellt sich zunächst die Frage nach der Benennung der Produkte multimodaler Kommunikation. Im Kontext der Kommunikation auf ← 47 | 48 → Flickr geht es dabei insbesondere um die Bezeichnung von Kombinationen aus Bild und Text. Wie in Kapitel 7.2 noch genauer ausgeführt wird, kennt die Forschung dafür Termini wie Gesamttext, bi- oder multimodaler Text sowie Supertext, die jedoch aufgrund der linguozentrischen46 Perspektive zu vermeiden sind. Um neben der Sprache auch das Bild zu berücksichtigen, wurden zahlreiche unterschiedliche Determinativkomposita gebildet. Allein für das Determinans »Text-Bild« konnten in der Literatur47 zwölf verschiedene Varianten ausgemacht werden:

         »Text-Bild-Kombinationen« (Ballstaedt 2005: 63; Bucher 2011b: 150; Demarmels 2007: 152; Große 2011: 75–77; Holzheid 2011: 16; Hoppe et al. 2004: 157; Luginbühl 2011: 258; Muckenhaupt 1986: 4; Nöth 2000a: 493; Schmitz 2001a: 429)

         »Text-Bild-Konstellationen« (Bucher 2011b: 131; Hoffmann 2001: 132; Nöth 2000b: 484; Voßkamp, Weingart 2005: 16)

         »Text-Bild-Konglomerate« (Runkehl 2005: 207; Schmitz 2003b: 250, Schmitz 2004d: 113–114)

         »Text-Bild-Gefüge« (Schmitz 2003b: 255, Schmitz 2004d: 114, Schmitz 2004c: 73, Schmitz 2005: 208, U. Schmitz 2006a: 193; Wetzchewald 2012: 83)

         »Text-Bild-Komposition« (Ballstaedt 2005: 69; Schmitz 2004b: 161)

         »Text-Bild-Gemenge« (Schmitz 2004c: 72, Schmitz 2005: 190, U. Schmitz 2006b: 93)

         »Text-Bild-Cluster« (Steinseifer 2011a: 179)

         »Text-Bild-Koalition« (Schmitz 2004b: 163)

         »Text-Bild-Zusammenstellung« (Steinseifer 2009: 430)

         »Text-Bild-Produkt« (Gnach, Perrin 2011: 221)

         »Text-Bild-Ensemble« (Storrer 2008: 321)

         »Text-Bild-Kommunikat« (Diekmannshenke 2008: 97)

Forschende hingegen, die von einem weiten Textbegriff ausgehen und Kombinationen aus schriftlicher Sprache und Bild als Gesamttext betrachten, bevorzugen oftmals den linguozentrischen Ausdruck Sprache-Bild-Text. Darüber hinaus konnten jedoch auch sechs weitere Varianten mit dem Determinans Sprache-Bild gefunden werden, in denen ein neutrales Determinatum verwendet wird:

         »Sprache-Bild-Kombination« (Klemm, Stöckl 2011: 10–11; Luginbühl 2011: 258; Stöckl 2004b: 230)

         »Sprache-Bild-Verknüpfung« (Stöckl 2011c: 56)

         »Sprache-Bild-Verbindung« (Stöckl 2004b: 250)

         »Sprache-Bild-Komplex« (Große 2009: 154, Große 2011: 52)

         »Sprache-Bild-Koppelung« (Stöckl 2004b: 120)

         »Sprache-Bild-Gefüge« (Große 2009: 150) ← 48 | 49 →

Die genannten Kombinationen mit dem Kopulativkompositum vermeiden zwar die linguozentrische Bezeichnung Text, doch impliziert die Reihenfolge der Konstituenten eine Rangfolge, was wiederum als Linguozentrismus gewertet werden kann. Den zahlreichen genannten Varianten, die stets die Sprache bzw. den Text an erster Stelle anführen, stehen lediglich vier Komposita gegenüber, die das Bild im Determinans zuerst nennen: »Bild-Text-Kombination« (Nöth 2000b: 484; Eichinger 2013: 10), »Bild-Sprache-Komplex« (Klemm, Stöckl 2011: 13), »Bild-Text-Kommunikat« (Holzheid 2011: 286) und »Bild-Sprache-Kommunikat« (Klemm, Stöckl 2011: 14).

Es muss zudem konstatiert werden, dass sich keines der dreigliedrigen Komposita bisher durchsetzen konnte. Die Länge der Ausdrücke und die somit fehlende Prägnanz stellen neben dem Linguozentrismus weitere Nachteile dar. Als Alternativen kommen folgende Ausdrücke in Frage:

Die genannten Termini unterscheiden sich von den davor genannten dadurch, dass sie weiter gefasst sind, denn bi- oder multimodal sagt nichts über die Art der verwendeten Modalitäten aus. In letzter Zeit ist die Tendenz auszumachen, dass der Ausdruck »multimodales Kommunikat« (Bucher 2011b: 135; Diekmannshenke 2011: 162; Habscheid 2005: 60; Holly 2011b: 49; Schneider, Stöckl 2011b: 15, Schneider, Stöckl 2011b: 29) konsensueller wird und sich womöglich durchsetzt.

Insbesondere Adamzik (2002: 174) hat sich für den Terminus Kommunikat anstelle eines erweiterten Textbegriffes stark gemacht.48 Sie hat den Ausdruck von Nussbaumer (1991: 34) übernommen, der allerdings die spezifischere Bezeichnung »sprachliches Kommunikat« verwendet, welche lediglich medial mündliche und medial schriftliche Kommunikate, nicht aber multimodale Kommunikate umfasst. Kommunikat wird auch in der vorliegenden Arbeit favorisiert und kann ← 49 | 50 → definiert werden als »die Gesamtmenge der in einer kommunikativen Interaktion auftretenden Signale« (Adamzik 2004: 43), wobei Kommunikate mono- oder multimodal ausfallen können.49 Adamzik (2004: 43) versteht unter monomodalen Kommunikaten lediglich sprachliche Kommunikate, doch müsste beispielsweise auch ein Bild oder ein Musikstück als monomodales Kommunikat bezeichnet werden können. Die einzelnen Elemente eines multimodalen Kommunikats wiederum können »Kommunikatteile« (Schneider, Stöckl 2011b: 29) genannt werden.

Auch Jucker und Dürscheid (2012: 46) erachten es als sinnvoll, in Zeiten der digitalen Kommunikation nicht mehr zwischen Text und (mündlicher) Äußerung zu unterscheiden, sondern vielmehr einen Terminus zu verwenden, der beides inkludiert: »communicative act«. Der Terminus bezieht sich einerseits – wie auch Kommunikat – auf das Produkt der Kommunikation; gleichzeitig verweist er andererseits auch auf den Kommunikationsprozess, denn die Jucker und Dürscheid verstehen unter einem kommunikativen Akt jegliche intentionale Kommunikation, sei diese sprachlich oder nonverbal.50 Ein Vorteil des Ausdrucks ist darin zu sehen, dass er auch auf sprachliche Einheiten angewendet werden kann, die nicht ohne Weiteres als Text oder Äußerung klassifiziert werden könnten. Als Beispiele nennen Jucker und Dürscheid Chat-Beiträge, Statusmeldungen bei Facebook, Kommentare oder Tweets sowie nonverbale Aktivitäten wie beispielsweise bei Facebook die Funktionen like oder poke (vgl. ebd.: 47). Wenn kommunikative Akte nicht isoliert, sondern in einer Reihe auftreten, liegt eine »communicative act sequence« vor.51 Die Dichotomie monologisch-dialogisch haben Jucker und Dürscheid (2012: 47) durch eine Aufnahmeerwartungs-Skala ersetzt: Kommunikative Akte verfügen über unterschiedlich große Wahrscheinlichkeiten, dass sie Reaktionen evozieren und dass somit eine Sequenz kommunikativer Akte entsteht. Die Schwierigkeit der Analyse von Sequenzen kommunikativer Akte ← 50 | 51 → besteht darin, dass gerade auf Kommunikationsplattformen solche Sequenzen über mehrere Kommunikationsformen verteilt sein können (vgl. ebd.: 48). Daraus kann resultieren, dass Forschende unvollständige Sequenzen kommunikativer Akte analysieren (müssen).

2.5  Synopse

Abbildung 1 gibt einen Überblick über die in diesem Kapitel dargestellten Ebenen der Kommunikation in digitalen Medien. Im Folgenden werden die wichtigsten Termini nochmals rekapituliert und voneinander abgegrenzt.

Abbildung 1:  Ebenen der Kommunikation in den digitalen Medien

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Die Ausführungen in den vorangegangenen Teilkapiteln haben gezeigt, dass für die vorliegende Arbeit hauptsächlich der technologische, der kulturbezogene sowie der biologische und kodebezogene Medienbegriff relevant sind. Dieser Arbeit liegt der technologische Medienbegriff zugrunde, mit Medien sind stets Trägermedien gemeint und zwar insbesondere solche mit digitaler Übermittlung. Die digitalen Medien stellen eine Subkategorie der Tertiärmedien dar, bei denen so ← 51 | 52 → wohl für die Produktion als auch für die Rezeption ein technisches Gerät benötigt wird. In den digitalen Medien wiederum existieren Kommunikationsformen52, die entweder einzeln oder gemeinsam mit anderen Kommunikationsformen auf Kommunikationsplattformen vorkommen. In Bezug auf Abbildung 1 muss demnach präzisierend ergänzt werden, dass im Fall von Kommunikationsplattformen eine Ebene mehr anzusetzen ist als bei einzeln auftretenden Kommunikationsformen. Letztere sind stets geprägt von den technischen Bedingungen und werden ausschließlich über textexterne bzw. situative Merkmale definiert. In Kommunikationsformen lassen sich verschiedene Kommunikat-Sorten realisieren. Von kulturbezogenem Medienbegriff ist deshalb zuweilen die Rede, weil bei Kommunikat-Sorten insbesondere historische, kulturelle und soziale Faktoren eine wichtige Rolle spielen.53 Kommunikate wiederum sind spezifische Ausprägungen von Kommunikat-Sorten. In Anlehnung an Brinkers (2010: 128) Textdefinition können Kommunikate definiert werden als »eine begrenzte Folge von [...] Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert.« Kommunikate bestehen aus einzelnen Kommunikatteilen oder auch kommunikativen Akten, die wiederum im Falle von multimodalen Kommunikaten verschiedene Zeichenmodalitäten enthalten (vgl. Kapitel 7.5).

Die in den digitalen Medien stattfindende Kommunikation wurde bis anhin zumeist als computervermittelt bezeichnet, wobei der Terminus hauptsächlich auf schriftbasierte sowie interpersonale Kommunikation mittels zweier herkömmlicher Computer angewandt wurde. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Trägermedien jedoch nehmen immer mehr ab, so dass man zwar bei allen Geräten von Computern und folglich von computervermittelter Kommunikation sprechen könnte, doch durch die steigende Relevanz der mündlichen Sprache oder der Bilder ist es angebracht, einen Terminus zu wählen, der keine Modalitäten exkludiert: digitale Kommunikation. Der für diese Arbeit gewählte, breite und in letzter Zeit populärer gewordene Terminus umfasst sämtliche Trägermedien, bei denen die Übermittlung digital abläuft. Digitale Kommunikation ist demnach eine spezifische Variante medialer Kommunikation, wobei die Parameter Zugänglichkeit, zeitliche Dimension, Kommunikationsrichtung sowie die Anzahl der Kommunikationspartner variieren können. ← 52 | 53 →

Digitale Kommunikation umfasst – wie bereits erwähnt – auch multimodale Kommunikation. Folglich liegt es auf der Hand, die Produkte multimodaler Kommunikation als multimodale Kommunikate zu bezeichnen. Der Vorteil der Bezeichnung besteht darin, dass sie nicht durch linguozentrische Metaphorik geprägt ist (vgl. Kapitel 7.2). Es soll allerdings auch nicht der Nachteil verschwiegen werden, dass der Ausdruck zuweilen zu allgemein sein könnte, da die konkret beteiligten Modalitäten nicht genannt werden. Diese müssen infolgedessen jeweils zusätzlich aufgeführt oder aus dem Kontext erschlossen werden.

Zu allen genannten Themenbereichen der Kommunikation in den digitalen Medien sei im Folgenden auf weiterführende Literatur verwiesen. Als Einstieg in die Medienlinguistik können zwei Standardwerke empfohlen werden. Bei Burger und Luginbühl (2014) liegt der Schwerpunkt auf den traditionellen Massenmedien, doch findet sich darin auch ein Kapitel zu digitalen Medien.54 Auch bei Schmitz (2004d: 8) werden neben den digitalen Medien die analogen, herkömmlichen Medien ausführlich behandelt. Wie die Publikationsdaten der beiden Bücher bereits verraten, konnten Kommunikationsformen des Social Webs noch nicht berücksichtigt werden; Literaturhinweise dazu finden sich in Kapitel 3.6. Zum Medienbegriff sei auf die vielzitierte Arbeit von Posner (1985) verwiesen; eine neuere, empfehlenswerte Arbeit, in der Medienklassifikationen und Medienbegriffe ausführlich diskutiert werden, stammt vom Deutschdidaktiker Michael Staiger (2007). Zu Kommunikationsformen im Allgemeinen seien insbesondere ein Aufsatz von Dürscheid (2005b) sowie zwei Aufsätze von Holly (2011b; 2011c) hervorgehoben. Zu einzelnen digitalen Kommunikationsformen gibt es inzwischen zahlreiche Untersuchungen; für einen umfassenden Überblick zum Forschungsstand sei auf die Kapitel 3.4 und 3.6 verwiesen. Exemplarisch seien an dieser Stelle eine Monographie und zwei Sammelbände genannt: Beißwenger (2007) befasst sich mit der Chat-Kommunikation, der von Ziegler und Dürscheid (2002) herausgegebene Band versammelt Beiträge zur Kommunikationsform E-Mail und derjenige von Moraldo (2009a) umfasst darüber hinaus auch Studien zu neueren Kommunikationsformen wie Weblogs und Microblogs. Zum Begriff des Kommunikats bzw. des kommunikativen Akts können die Aufsätze von Adamzik (2002) und Jucker und Dürscheid (2012) als grundlegend erachtet werden. ← 53 | 54 → ← 54 | 55 →


19     Diese Feststellung ist »schon fast zu einem Topos in Arbeiten zur Medienwissenschaft, Medienlinguistik und Publizistik geworden« (Dürscheid 2011a: 88).

20     Der Ausdruck technisch wird hier im weitesten Sinne gebraucht, er ist zum Beispiel auch auf Papier und Bleistift in der Briefkommunikation anwendbar.

21     Die Art des benötigten Gerätes wird bei den primären, sekundären und tertiären Medien nicht berücksichtigt. So nennt Pross (1972: 128) als Beispiele für sekundäre Medien die Kommunikationsformen Brief, Buch und Zeitung, für deren Herstellung unterschiedliche Werkzeuge wie Stift, Schreibmaschine, Computer oder Druckmaschine genutzt werden können.

22     Dass das Adjektiv in Neue Medien großgeschrieben wird, deutet – wie auch das Setzen von Anführungszeichen – auf ein Verständnis der Bezeichnung als Name hin, mit dem ausschließlich die zu Beginn des 21. Jahrhunderts neuen Medien bezeichnet werden.

23     In den Titeln folgender Arbeiten sind die »neuen Medien« erwähnt: Androutsopoulos 2007; Beck 2008; Bucher et al. 2010a; Burger, Luginbühl 2014; Dürscheid 2011b; Dürscheid et al. 2010; Gabriel 1997; Kallmeyer 2000; Kleinberger Günther, Wagner 2004; Kurzrock 2003; Lackner 2012; Müller, Siever 2011; Schmitz 1995a; Schmitz, Wenzel 2003; Storrer 2001b; Storrer, Wyss 2003 sowie Strauch, Rehm 2007.

24     Adamzik 2004: 90; Albert 2013: 52; Androutsopoulos 2007: 74; Burkart 2003: 185; Csanyi et al. 2012; Dang-Anh et al. 2013: 72; Dürscheid et al. 2010: 29; Ebersbach et al. 2011: 26; Faulstich 2002: 25; Herzig 2008; Holly, Jäger 2011: 153; Knaus 2009: 13; Köhler, Neumann 2011; Mandel et al. 2010; Müller, Siever 2011: 44; Münker 2005: 244; Rusch et al. 2007: 39, 63; Sager 2001: 202; Schlobinski 2005: 139; Schmitz 2004d: 112, Schmitz 2004a: 222, U. Schmitz 2006b: 89; Steinseifer 2011b: 54; Storrer 2010: 2212; Vogelgesang 2014; Ziefle 2013 sowie Zorn 2011.

25     Bedijs, Heyder 2012a: 9; Bucher 2006: 212, Bucher 2011b: 139; Burkart 2003: 185; Dang-Anh et al. 2013: 76; Döring 2003: 241; Dürscheid et al. 2010: 95; Kübler 2000: 16; Moraldo 2012: 191; Siever 2011a: 91 sowie Wichter 2011: 14.

26     Burkart 2003: 185; Dürscheid et al. 2010: 29; Faulstich 2002: 25 sowie Thaler 2007: 148.

27     Diese Angabe gilt für deutschsprachige Onlinenutzer ab 14 Jahren. Auch in der JIMStudie konnte für Jugendliche zwischen 12 und 19 konstatiert werden, dass 45 % der im Internet verbrachten Zeit für Kommunikation verwendet wird (vgl. JIM-Studie 2012: 32).

28     Unter Semiose versteht Nöth (2000b: 227) einen »Prozeß, in dem ein Zeichen seine Wirkung entfaltet.«

29     Folglich wird auditive (im Unterschied zu visueller) Kommunikation zwar nicht behandelt, was jedoch nicht bedeutet, dass auditive Kommunikation vom Kommunikationsbegriff ausgeschlossen werden soll.

30     Abgekürzt werden die Termini mit CVK oder CMC, wobei die Abkürzung des englischen Terminus (i. e. CMC) in deutschsprachigen Publikationen häufiger zu finden ist als CVK. Weitere gebräuchliche Termini sind digitale Kommunikation, Online-Kommunikation, Netzkommunikation und Cyberkommunikation (vgl. Strauch, Rehm 2007: 120) sowie electronically mediated communication (EMC), digitally mediated communication (DMC), Internet-mediated communication und Internet-based communication (IBC) (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 39) und internetbasierte Kommunikation (Freyermuth 2006: 10).

31     Vielmehr könnte eine Differenzierung aufgrund der Eingabeart von Relevanz für die sprachliche Ebene sein. Während sowohl Smartphones als auch Tablets zumeist über eine virtuelle Tastatur (auch Bildschirmtastatur) verfügen, sind es bei Net- und Notebooks sowie bei Desktop-Computern meist (noch) physische Tastaturen. Bei Bildschirmtastaturen werden ähnlich wie bei T9 Systeme zur vereinfachten Texteingabe verwendet, so beispielsweise die Autovervollständigung, bei der Nutzereingaben sinnvoll ergänzt, oder der Autotext, bei welchem über die Schreibhilfefunktion Tippfehler korrigiert werden können.

32     In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie sich die beiden Kommunikationsformen E-Mail und SMS zueinander verhalten und wie ihr Verhältnis sich entwickeln könnte: Wenn jedes Handy über einen Internetzugang verfügt, könnten SMS überflüssig werden.

33     Auch Schlobinski (2006a: 30) bezeichnet das Internet als Technologie, in die herkömmliche Medien integriert sind; aus diesem Grunde wird das Internet in der Forschung auch Multimedium oder Hybridmedium genannt.

34     In Europa (gemeint sind Spanien, Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland) lag der Anteil der Smartphone-Besitzerinnen und Besitzer im Verhältnis zu allen Mobiltelefonnutzern im Dezember 2010 noch bei 31 %, im Juli 2012 wurde die 50-%-Marke überschritten und im Oktober 2012 wurde ein Wert von 54,6 % erreicht (vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/219258/umfrage/anteil-smartphonenutzer-an-mobilfunknutzern, 13.05.2013).

35     Der Ausdruck der computervermittelten Kommunikation umfasst sowohl medial schriftliche als auch mündliche Sprache; dies kommt bei Herring (1996: 1) implizit zum Ausdruck, da sie den Fokus auf text-based CMC legt. An anderer Stelle jedoch definiert Herring (2007: 1) CMC ebenfalls als überwiegend textbasiert.

36     Auch bekannt unter Voice-over-IP-Telefonie (kurz: VoIP).

37     Gemeint ist insbesondere die Interaktion mit Chatbots, also mit artifiziellen Dialogagenten. Diese Interaktion kann textbasiert sein oder über Sprachausgabe und Spracherkennung erfolgen (vgl. Lotze 2012: 27).

38     Einerseits wird in Arbeiten medial mündliche Sprache per definitionem ausgeschlossen, andererseits werden auch erweiterte Formulierungen wie »text-based computer-mediated communication« (Barton, Lee 2013: 4–5) verwendet.

39     Statt von Quartärmedien zu reden, sollte vielmehr bei den Tertiärmedien eine Unterscheidung zwischen analoger und digitaler Übertragung vorgenommen werden.

40     Schlobinski (2006a: 30) verwendet den Terminus »digitalisierte Kommunikation«, ohne jedoch auf sein Verständnis dieses Ausdrucks einzugehen.

41     Der Terminus wurde laut Thaler (2007: 152) erstmals von Ermert (1979) in seiner Untersuchung zu Briefsorten verwendet.

42     Holly (2011c: 157) geht von einem weiten Textbegriff aus.

43     Diese Definition stimmt inhaltlich praktisch mit folgender Definition von Textsorten überein: »Sie [Textsorten, CMS] repräsentieren flexible konventionell in Sprachgemeinschaften vereinbarte Gebrauchsmuster zur Lösung wiederholt auftretender kommunikativer Aufgaben« (Jakobs 2004: 234). Folgt man diesen beiden Definitionen, so können kommunikative Gattungen von Textsorten, wie erwähnt, lediglich durch die Dialogizität voneinander unterschieden werden.

44     Die an Brinkers Definition von Textsorten angelehnte Definition bei Schmitz bezieht sich auf den von ihm verwendeten Terminus Text-Bild-Sorte.

45     Jucker und Dürscheid (2012: 47–48) unterscheiden zwischen »single-tool platforms« mit nur einer einzigen Kommunikationsform und »multiple-tool platforms« mit mehreren Kommunikationsformen.

46     Vergleiche zum Terminus Kapitel 7.2.

47     Die angeführten Belegstellen sind als exemplarische Nennungen und nicht als exhaustive Auflistung zu verstehen.

48     Der Terminus wurde bereits früher verwendet, so beispielsweise bei Werbeanzeigen, die als »gemischtkodale Kommunikate« (Geiger, Henn-Memmesheimer 1998: 66) bezeichnet wurden. Auch Stöckl (1998: 78) spricht von »Kommunikat« und »Gesamtkommunikat«, favorisiert aber insgesamt den Textbegriff für multimodale Kommunikate.

49     Der Terminus des Kommunikats wird bisweilen auch anders verstanden, so beispielsweise von Wichter (2011: 14), der unter einem Textkommunikat sowohl die Produktion als auch die Rezeption eines Textes versteht. Der Fokus liegt dabei also auf dem Kommunikationsprozess und nicht auf dem Kommunikationsprodukt.

50     Folglich impliziert der Terminus kommunikativer Akt die Möglichkeit der Multimodalität. Van Leeuwen (2005: 120) spricht explizit von »multimodal communicative acts«.

51     Auch Wichter geht von einem »Ebenenbereich der Reihen als Folgen von Kommunikaten und/oder Kommunikatsegmenten« (Wichter 2011: 1, Herv. entfernt) aus. Der Ebenenbereich unterhalb der Kommunikate umfasst Sprechakte und Sprechaktsequenzen. Adamzik (2011: 370) benennt die drei Ebenen von Wichter »Superkommunikate«, »Kommunikate« und »Subkommunikate«.

52     Androutsopoulos (2007: 72) beschreibt digitale Kommunikationsformen, digitale Texte, digitale Textsorten, digitale Schriftlichkeit, einen digitalen Sprachgebrauch sowie einen digitalen Sprachstil.

53     Zur Kulturspezifik von Textsorten siehe beispielsweise Fix et al. (2001) oder Zhao (2011), zum Textsortenwandel Linke (2001; 2009).

54     Für das Buch ist für 2014 eine Neuauflage in Planung; darin soll das Kapitel »Neue Medien« komplett neu geschrieben werden.

3  Social Web

Bei den Stichworten Web 2.0, Social Media oder Social Web denken viele wahrscheinlich zunächst an Facebook, YouTube oder Wikipedia, da diese Communitys im Zentrum der öffentlichen Diskussion stehen.55 Diese Vermutung wird von einer Studie zur Nutzungsfrequenz der genannten Social-Web-Angebote bestätigt: Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2012 waren 43 % der Onliner in Social-Networking-Communitys wie Facebook aktiv, 59 % besuchten Videoportale wie YouTube und 72 % benutzten Wikipedia (vgl. Busemann, Gscheidle 2012: 388). Darüber hinaus existieren jedoch neben den genannten Marktführern zahlreiche weitere Anwendungen (vgl. Schmidt 2013b: 331), darunter auch Flickr. Für das Jahr 2012 wurde die Nutzung von Foto-Communitys in der ARD/ZDF-Online-studie nicht erhoben, doch lagen die Anteile in den Jahren 2007 bis 2011 zwischen 15 und 25 %, also bedeutend niedriger als bei den zuvor genannten Communitys (vgl. Busemann, Gscheidle 2012: 387). Noch geringer fallen die Werte bei Twitter (2012: 4 %), Weblogs (2012: 7 %) und Social-Bookmarking-Diensten (2010: 2 %) aus (vgl. ebd.: 387).

In diesem Kapitel wird zunächst erläutert, was unter dem Terminus Social Web verstanden wird und was typische Merkmale des Social Webs sind (Kapitel 3 und 3.2). In Kapitel 3.2 werden die zentralen Communitys des Social Webs beleuchtet und kategorisiert und in Kapitel 3.3 wird ein Blick auf die Akteure und ihre Aktivitäten im Social Web geworfen. Die in diesen Teilkapiteln diskutierten technischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen sind für das Verständnis der im Social Web stattfindenden Kommunikationsprozesse unabdingbar: »Die sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit sich ausdifferenzierenden Schreibkonventionen in unterschiedlichen Domänen, Medien und sozialen Gruppen kann […] nicht ohne interdisziplinäre Bezüge zu den Sozial- und Kulturwissenschaften« (Albert 2013: 11–12) sowie den Medienwissenschaften auskommen. Und auch umgekehrt gilt, dass das Social Web interdisziplinär untersucht werden muss: »Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft sind ebenso notwendig wie politikwissenschaftliche, psychologische, juristische und soziologische Konzepte; nicht zu vergessen die Perspektiven von Betriebswirtschaftslehre ← 55 | 56 → und Wirtschaftsinformatik sowie die Reflexion von praktischen Erfahrungen aus Medienwirtschaft, Industrie, Politik sowie Markt- und Meinungsforschung« (Zerfaß et al. 2008: 11). Dass die Linguistik unerwähnt bleibt, kann möglicherweise darauf zurückgeführt werden, dass die Forschung in diesem Bereich noch in den Anfängen steckt.56 So bedauern auch Herring et al. (2013a: 23–24), dass Social-Networking-Communitys und Microblogs in ihrem Handbuch noch nicht berücksichtigt werden konnten, und sie konstatieren, dass ein Handbuch zur Pragmatik des Social Webs ein Desiderat darstellt.

Gerade weil das Social Web und insbesondere das Social Sharing in der linguistischen Forschung erst ansatzweise berücksichtigt worden sind, werden in diesem Kapitel die technischen und sozialen Grundlagen ausführlicher dargestellt. Wer sich ausschließlich für die Kommunikation im Social Web interessiert, kann zum Kapitel 3.4 übergehen. Dort werden die aus linguistischer Perspektive relevanten Merkmale der digitalen Kommunikation im Allgemeinen und der Kommunikation im Social Web im Besonderen diskutiert. Im Kapitel 3.5 schließlich folgt ein Ausblick auf das Social Semantic Web.

Umgangssprachlich wird der Terminus Internet (Kurzwort aus engl. international und network) häufig als Synonym zu World Wide Web verwendet, v. a. in den gekürzten Formen Web oder WWW. Dies rührt daher, dass das Hypertext Transfer Protocol (HTTP → WWW) neben dem Simple Mail Transfer Protocol (SMTP → E-Mail) das meistgenutzte Protokoll des Internets ist: »Das WWW stellt den multimedialen57 Teil des Internets dar. Per HTTP werden i. d. R. Hypertext-Dokumente von einem Web-Server geladen, die in einem Browser angezeigt werden. Möglich ist neben Text auch Bild, Film und Ton« (Wörterbuch der Medien(sprache)).

Mit Web 2.0, Social Web oder Social Media schließlich wird derjenige Teil des WWWs bezeichnet, der »sich z. B. durch Partizipation der Nutzer und deren Zusammenarbeit untereinander auszeichnet. Im Gegensatz zu einem hypothetischen ›Web 1.0‹ sind Nutzer des ›Web 2.0‹ nicht passiv, sondern aktiv« (Wörterbuch der Medien(sprache)). Zum ersten Mal öffentlich verwendet hat den Terminus Web 2.0 Eric Knorr im Dezember 2003 im CIO-Magazin (einem Fachmagazin für IT-Manager) mit dem Titel Fast-Forward 2010 – The Fate of IT. Ende 2004 trug ← 56 | 57 → eine Konferenz den Titel Web 2.0 und im Jahr 2005 gewann der Terminus durch einen im Internet publizierten Essay des amerikanischen Verlegers Tim O’Reilly (2005) an Popularität. In dem Essay wird beschrieben, inwiefern sich das Web 2.0 von früheren Phasen des WWWs unterscheidet (Schmidt et al. 2010: 256).

Web 2.0 ist als Marketing-Schlagwort entwickelt worden (vgl. Bettel 2009: 24) und wurde in kurzer Zeit äußerst populär, weshalb das Attribut 2.0 auch auf andere Bereiche übertragen wurde und erstaunlich oft auch in Titeln wissenschaftlicher Arbeiten verwendet wird. So findet man zum Beispiel die Wortschöpfungen »Lernen 2.0« (Hauschke, Stabenau 2010; Schön et al. 2011) oder »E-Learning 2.0« (Mayrberger 2010; Dittler 2009) für webbasiertes Lernen im Social Web, »Privatsphäre 2.0« (Reinecke, Trepte 2008), »Öffentlichkeit 2.0« (Bendrath, Sifft 2011), »Online-Dating 2.0« (Kleinschnittger 2011; Wirtz 2011), »Begrüßungen 2.0« (Graffe 2014), »Liebesbetrug 2.0« (Marx 2012), »Erinnerungskultur 2.0« (Mitterhofer 2013), »Bibliothek 2.0« (Danowski, Heller 2006; Bergmann, Danowski 2010) sowie »Katalog 2.0« (Kneifel 2010), »Literaturverwaltung 2.0« (Döbeli Honegger 2010), »Arbeitsorganisation 2.0« (Bergmann, Plieninger 2013), »Anschlusskommunikation 2.0« (Eble 2011), »Schlüsselqualifikationen 2.0« (Rolf 2011), »Rechtsextremismus 2.0« (Nieland, Anastasiadis 2009), »Wahlkampf 2.0« (Pape, Quandt 2010), »Wahlkampfführung 2.0« (Schwalm 2013) bzw. »Obamania 2.0« (Sieg 2009) für den von Barack Obama erfolgreich geführten Online-Wahlkampf. Mit dem Zusatz 2.0 wird in den genannten Beispielen zumeist auf die Möglichkeit der Partizipation und der Interaktivität verwiesen. Nicht zuletzt wird sogar von »Discourse 2.0« (Tannen, Trester 2013), »Kommunikation 2.0« (Arens 2014) oder von »Sprache 2.0«58 gesprochen, wenn der Frage nachgegangen wird, ob das Web 2.0 einen Einfluss auf den Sprachgebrauch hat. Eine weitere Übertragung und Steigerung des Schlagworts ist in der Bezeichnung »Deutsch 3.0« zu finden für »eine Initiative des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Duden, dem Institut für Deutsche Sprache und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.«59 Das Attribut 3.0 verweist auf die Zukunft, wie auch der Untertitel der Initiative deutlich macht: »Debatten über Sprache und ihre Zukunft«.

Der Terminus Web 2.0 wird allerdings von verschiedenen Seiten kritisiert (vgl. Androutsopoulos 2010b: 420; Ebersbach et al. 2011: 27; Kilian et al. 2008: 4; ← 57 | 58 → Schmidt 2008: 19). Die Kritik bezieht sich auf die Zahl 2.0, denn diese Bezeichnung stammt aus der Software-Entwicklung. Dort erhalten aktuellere Versionen eines Programms eine neue Versionsnummer (vgl. Schmidt et al. 2010: 256). Während die Nachkommastellen auf kleinere Veränderungen hinweisen, bezeichnet die Zahl vor dem Komma grundlegende Modifikationen. Dieses Bild passt jedoch nicht zum WWW, da das sogenannte Web 2.0 nicht trennscharf von der vorangegangenen Phase des World Wide Webs unterschieden werden kann. Doch gerade die »Suggestion von Fortschritt« durch die Versionsnummer hat laut Runkehl (2011: 53) dem Terminus Web 2.0 zum Erfolg verholfen. Wenngleich ein Fortschritt zweifelsohne vorhanden ist, handelt es sich nicht um eine abrupte Veränderung des WWWs (und schon gar nicht um eine ganzflächige), sondern um eine graduelle Weiterentwicklung (vgl. Kilian et al. 2008: 8; Schmidt 2008: 18). Neben einigen technischen Neuerungen zwischen dem Web 1.0 und dem Web 2.0 wie asynchrone Webseiten oder der starke Einsatz von Datenbanken, Skriptsprachen und Frameworks »spielt der Begriff auf eine gefühlte Veränderung des WWW während der letzten Jahre an« (Ebersbach et al. 2011: 27), d. h. auf eine veränderte Wahrnehmung des WWWs. Der Unterschied besteht hauptsächlich in neuen Kommunikationsmöglichkeiten sowie bisher noch nicht aufgetretenen Nutzungspraktiken des Internets. So existieren im Web 2.0 »neuartige Anwendungen […], [die] es jedem interessierten Teilnehmer ungewöhnlich leicht machen, die Rezipientenrolle gegen die Produzentenrolle zu tauschen und sich aktiv in das mediale Geschehen einzumischen« (Wehner 2008: 197). Darüber hinaus wird am Terminus Web 2.0 moniert, dass oftmals unklar bleibt, was alles unter Web 2.0 zu fassen und verstehen sei (vgl. Androutsopoulos 2010b: 420; Kilian et al. 2008: 4). Mit Blick in die Zukunft wäre darüber hinaus die Überlegung anzustellen, wie man – wenn eine Periodisierung des Webzeitalters vorgenommen werden soll – die kommenden Phasen benennen müsste. Statt von Web 3.0 oder Web 4.0 zu sprechen, wäre es sinnvoller, mit Bezug auf die typischen Merkmale des entsprechenden Zeitraums vom xy-Web oder yz-Web zu sprechen, also beispielsweise vom Semantic Web. Für die Verwendung des Terminus Web 2.0 spricht, dass man »den Anschluss linguistischer Überlegungen an interdisziplinäre und öffentliche Diskurse über Technologie, Gesellschaft und Kommunikation« (Androutsopoulos 2010b: 420) gewährleisten könnte. Allerdings scheint die Bezeichnung Web 2.0 nach einem Höhepunkt der Verwendung im Jahr 2007 mittlerweile rückläufig zu sein, wenn man sich beispielsweise die Daten von Google Trends ansieht, einem Service, der anzeigt, wie oft bestimmte Suchbegriffe in der marktführenden Internet-Suchmaschine Google eingetippt wurden. Dahingegen ist die Popularität des Terminus Social Media von 2009 an rasant gestiegen (vgl. Abbildung 2). ← 58 | 59 →

Abbildung 2:  Social Web, Social Media und Web 2.0 bei Google Trends60

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Gegen die Bezeichnung Social Media spricht, dass der Terminus Medium ins Spiel gebracht wird, handelt es sich doch bei den neueren Anwendungen des WWWs nicht um Medien im technologischen Sinne, wie der Medienbegriff in dieser Arbeit verwendet wird, sondern um Kommunikationsformen und Kommunikationsplattformen. Damit entspricht die Bezeichnung am ehesten einem kulturbezogenen Medienbegriff (vgl. Kapitel 2), der allerdings eher unüblich ist. Ebenso wenig kann man sagen, dass das WWW ein Medium ist; das Medium im technologischen Sinne ist der durch das Internet vernetzte Computer, das WWW ist lediglich ein – wenn auch der bedeutendste – Dienst des Internets. Der Terminus Social Media wird aus diesem Grund abgelehnt. Wie andere Wissenschaftler präferiere auch ich die Bezeichnung Social Web61 (vgl. Ebersbach et al. 2011: 27; Schmidt 2008: 22; Schmidt et al. 2010: 256), da er die oben aufgeführten Nachteile der Termini Web 2.0 und Social Media nicht aufweist und darüber hinaus impliziert, dass eine wichtige Komponente des Social Webs soziale Aktivitäten der Nutzerinnen und Nutzer sind, beispielsweise das Social Networking und das Social Sharing (vgl. Kapitel 3 und 3.2). Zuletzt sei noch erwähnt, dass Ebersbach et al. (2011: 32) das Social Web als Teilbereich des Web 2.0 ansehen. Unter Social Web verstehen sie die neuartigen Interaktionen und sozialen Strukturen der Userinnen und User, wohingegen der Terminus Web 2.0 auch die technischen Neuerungen miteinbezieht. Diese Spezifizierung ist jedoch unüblich und wird deshalb in dieser Arbeit nicht verwendet. ← 59 | 60 →

3.1  Typische Merkmale des Social Webs

Während Kilian et al. (2008: 7) postulieren, dass das Web 2.0 »Internet-Anwendungen und -Plattformen« umfasse, verstehen Ebersbach et al. (2011: 34) darunter nur Anwendungen des WWWs (d. h. im Browser funktionierende Angebote) und keine Applikationen, die eigene Software benötigen. Diese Einschränkung erscheint schon deshalb sinnvoll, weil die Termini Web 2.0 und Social Web sich auf das WWW beziehen. Dies bedeutet, dass beispielsweise virtuelle Welten, die üblicherweise softwarebasiert sind, nicht zum Social Web gerechnet werden können.62 Auch Programme für Instant Messaging oder Internet-Telefonie wie Skype können deshalb nicht zum Social Web gezählt werden. Dass aber auch hier die Trennlinie nicht ganz scharf gezogen werden kann, zeigen neuere technische Entwicklungen. So existieren mittlerweile etliche Programmier-Schnittstellen für verschiedene Kommunikationsplattformen wie beispielsweise Facebook und Skype. Damit können in einfachster Weise eine webbasierte und eine softwarebasierte Anwendung miteinander verknüpft werden (siehe Abbildung 3). Dadurch ist es mittlerweile möglich, dass eine Person bei Facebook eingeloggt und eine andere bei Skype angemeldet ist und sie miteinander chatten können, sofern das Skype-Programm mit dem Facebook-Account gekoppelt worden ist. Derart beschaffene Kommunikation sollte sicherlich auch zur Kommunikation im Social Web gezählt werden.

Abbildung 3:  Schnittstelle zwischen Skype und Facebook (Screenshot vom 08.11.2011)

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Neben der Kopplung von Kommunikationsplattformen sind auch Rekombinationen von Inhalten solcher Plattformen ein besonderes Merkmal des Social Webs, sogenannte Mashups63: »So können beispielsweise Fotos und Videos von Foto- und Videocommunity-Angeboten wie Flickr oder YouTube leicht in eigene ← 60 | 61 → Websites eingebettet werden oder mit Karten- oder Satellitenaufnahmen von Google Maps und entsprechenden Geodaten kombiniert werden« (Gerhards et al. 2008: 132, Herv. CMS).

Das Social Web umfasst also verschiedene webbasierte Anwendungen sowie die dabei entstehenden Daten und Beziehungsnetze der Nutzerinnen und Nutzer des Social Webs (vgl. Ebersbach et al. 2011: 37). Zweck des Social Webs sind der »Informationsaustausch, […] Beziehungsaufbau und deren Pflege, die Kommunikation und die kollaborative Zusammenarbeit« (ebd.: 38). Kilian et al. (2008: 7) betonen als wichtigen Aspekt des Social Webs die Rolle der Userinnen und User, die aktiv an der Wertschöpfung »durch eigene Inhalte, Kommentare, Tags oder auch nur durch ihre virtuelle Präsenz« beteiligt sind. Diese Art von Wertschöpfung wird auch User Generated Content (nutzergenerierte Inhalte) genannt, und sie ist typisch für das sogenannte Social Sharing, der zweiten wichtigen Komponente des Social Webs neben dem Social Networking (vgl. auch Kapitel 3.2); beide Komponenten setzen eine Partizipation voraus. Vor allem im Zusammenhang mit dem Social Sharing kann das Social Tagging als prototypische Praktik des Social Webs genannt werden, welche dem Informationsmanagement dient und durch die kollektive Wissensordnungen erstellt werden (vgl. Schmidt 2009a: 157).64 Ein weiteres Merkmal des Social Webs ist die Interaktivität, wobei damit sowohl die »sprachliche Interaktion von Individuen« als auch die »Reaktion des Computers auf menschliche Eingaben« (Jakobs 2011b: 74) gemeint ist.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das Social Web aus webbasierten Anwendungen (vgl. Kapitel 3.2) sowie den dadurch entstehenden Daten und sozialen Netzwerken65 besteht. Konstitutive Elemente des Social Webs sind die Interaktivität, die Partizipation und die Verknüpfungen einzelner Elemente, seien dies 1) Kommunikationsplattformen, 2) Inhalte (Mashups) oder 3) Modalitäten (vgl. Kapitel 7.5). ← 61 | 62 →

3.2  Zentrale Social-Web-Communitys

Betrachtet man die zehn meistbesuchten Websites nach der Statistik von Alexa66, so fällt auf, dass davon die Hälfte Anwendungen des Social Webs sind: Face-book (2), YouTube (3), Wikipedia (5), Blogger.com (7) und Twitter (9); das Social Web spielt demzufolge im WWW eine bedeutende Rolle. Mit den oben erwähnten Communitys sind die bekanntesten Vertreter des Social Webs genannt; Abbildung 4 zeigt hingegen, dass das Social Web aus unzähligen Anwendungen besteht, die teilweise ähnliche Ziele verfolgen und somit auch miteinander konkurrieren.

Abbildung 4:  Communitys des Social Webs nach Thematik67

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In Tabelle 2 sind zwei Übersichten zu Social-Web-Communitys68 nach Busemann und Gscheidle (2010: 361), Ebersbach et al. (2011: 37) und Kilian et al. (2008: 14) aufgeführt, die ich um die primären Tätigkeiten und typischen Vertreter der jeweiligen Communitys ergänzt habe. Der bereits erwähnte und im Jahr 2006 gegründete Microblogging-Dienst Twitter69 fehlt noch in den Aufstellungen von Ebersbach et al. (2008: 33) und Kilian et al. (2008: 14), wurde aber in der zweiten Auflage von Ebersbach et al. (2011: 37) nachgetragen.

Tabelle 2:  Social-Web-Communitys (ergänzt um primäre Tätigkeiten und typische Vertreter)

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Es stellt sich nun die Frage, nach welchen Kriterien die Anwendungen des Social Webs kategorisiert werden können. Laut Ebersbach et al. (2011: 37) wird in der Literatur häufig eine Dreiteilung anhand der Kriterien Information, Beziehung und Kommunikation vorgenommen. Der Kritik von Ebersbach et al., dass Kommunikation kein distinktives Merkmal darstellt, ist grundsätzlich beizupflichten. Allerdings ist anzufügen, dass der Kommunikation nicht in allen Social-Web-Anwendungen derselbe Stellenwert zukommt, weshalb die Relevanz der Kommunikation durchaus gewichtet werden kann: Kommunikation spielt in Social-Networking-Communitys eine zentrale, in Social-Gaming-Communitys eine periphere Rolle. Was den Aspekt der Beziehung betrifft, so wird dieser noch weiter differenziert in Identitätsmanagement70 (= Präsentation der eigenen Person) und Beziehungsmanagement71 (= Pflegen und Knüpfen von Kontakten) (vgl. Schmidt et al. 2010: 261). Meines Erachtens ist Ebersbach et al. (2011: 37) zuzustimmen, dass diese beiden Aspekte einander bedingen. Unter Informationsmanagement schließlich ist das »Auffinden, Rezipieren und Verwalten von relevanten Informationen« (Schmidt et al. 2010: 261) zu verstehen; dass das Social Tagging eine wichtige Rolle im Bereich des Informationsmanagements spielt, wird in Kapitel 5 zu zeigen sein.

Als Zwischenfazit lässt sich Folgendes festhalten: Während in Social-Networking-Communitys das Identitätsmanagement und das Beziehungsmanagement im Vordergrund stehen, ist bei Social-Sharing- und Social-Collecting-Communitys das Informationsmanagement von eminenter Bedeutung (vgl. Tabelle 3). ← 64 | 65 →

Tabelle 3:  Handlungskomponenten im Social Web (Schmidt 2010: 261)

Handlungskomponente

Tätigkeiten

Beispiele

Identitätsmanagement

(selektives) Präsentieren von Aspekten der eigenen Person (Interessen, Meinungen, Wissen, Erlebnisse…)

Ausfüllen einer Profilseite

Beziehungsmanagement

Pflege von bestehenden und Knüpfen von neuen Kontakten

Bestätigen oder Annehmen von Kontaktgesuchen; Verlinken von anderen Weblogeinträgen

Informationsmanagement

Auffinden, Rezipieren und Verwalten von relevanten Informationen

Einordnen von Informationen aus Wikis; Taggen einer Website; Abonnieren eines RSS-Feeds; Bewerten eines Beitrags (z. B. durch Punktevergabe oder Kommentieren)

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Ebersbach et al. (2011: 38–39) verorten die verschiedenen Anwendungen des Social Webs in einem Dreieck mit den Eckpunkten Beziehungspflege, Information und Kollaboration. Kommunikation ist als Basis stets in allen Bereichen mitgedacht (vgl. Griesbaum 2013: 563). Mit Informationsaustausch ist das Publizieren und Teilen von Information, also das Social Sharing gemeint, während unter Kollaboration das gemeinsame Sammeln und Generieren von Wissen verstanden wird (vgl. Ebersbach et al. 2011: 38). Eine ähnliche Einteilung nimmt Röll (2014: 269) in themenbezogene, austauschbezogene, transaktionsbezogene und unterhaltungsbezogene Anwendungen vor.72

In Abbildung 5 sind die genannten Bereiche nochmals aufgelistet, um den Aspekt der Unterhaltung ergänzt und den verschiedenen Arten von Communitys zugewiesen. Die in Tabelle 1 aufgeführte Consumer-Community73 und die Blogosphäre als weitere Kategorien des Social Webs sind in Abbildung 5 nicht explizit erwähnt. Meiner Ansicht nach ist es sinnvoll, diese beiden Communitys als spezi ← 65 | 66 → fische Ausprägungen der Social-Sharing- und der Social-Collecting-Communitys anzusehen. In Blogs wird im weitesten Sinne auch Wissen gesammelt und geteilt, und es erscheint gerechtfertigt, die Blogosphäre, d. h. sämtliche existierenden Weblogs als Community zu bezeichnen, da die Bloginhalte kommentiert werden und die Blogs mittels sogenannter Trackbacks74 via Backlinks untereinander vernetzt werden können (vgl. J. Schmidt 2006: 14). Am Beispiel der Blogs wird auch deutlich, dass sowohl der Informationsaustausch als auch die Kollaboration nicht strikt voneinander getrennt werden können; beides sind Elemente des Informationsmanagements. In Consumer-Communitys tauscht man Wissen über unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen aus; es handelt sich um Meinungsportale, bei denen Empfehlungen oder kritische Beurteilungen ausgesprochen und von anderen Nutzerinnen und Nutzern rezipiert werden können, Beispiele hierfür sind Ciao oder Epinion (vgl. Kilian et al. 2008: 14). Onlineshops wie Amazon sowie Marktplätze wie Ebay bieten oft mals ebenfalls Funktionen an, die für Consumer-Communitys typisch sind (Bewertungen, Rezensionen, Social Tagging).

Abbildung 5:  Kategorisierung der Social-Web-Communitys

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Abbildung 5 macht deutlich, dass das Social Web aus Communitys und deren Aktivitäten besteht. Die den einzelnen Communitys attribuierten Aktivitäten stellen ← 66 | 67 → selbstverständlich lediglich Schwerpunkte dar; die jeweils den anderen Communitys zugeordneten Hauptaktivitäten spielen daneben zwar ebenfalls eine Rolle, jedoch eine untergeordnete. Als Online-Communitys bezeichnen Ebersbach et al. (2011: 170) Gruppen von aktiven Mitgliedern einer Social-Web-Anwendung, die gemeinsame Ziele und Interessen verfolgen. Zahlreiche Studien belegen, dass es sich bei den Mitgliedern von Social-Networking-Communitys überwiegend um Offline-Bekanntschaft en handelt, die über das WWW zusätzlich gepflegt werden (vgl. Boyd, Ellison 2007: 221, Ebersbach et al. 2011: 108, Neuberger 2011: 59). Darüber hinaus existieren aber auch virtuelle Communitys. Damit bezieht man sich auf soziale Gruppen, die sich im Netz gebildet haben – die Bekanntschaft en wurden somit online geschlossen. Mit Online-Communitys sind in dieser Arbeit sowohl virtuelle als auch nicht-virtuelle Communitys gemeint. Es muss jedoch angemerkt werden, dass eine strikte Trennung zwischen virtuellen und nichtvirtuellen Gemeinschaft en häufig gar nicht möglich ist, sondern dass auch hier Mischformen existieren. Als Community können die Mitglieder einer einzelnen Anwendung des Social Webs wie beispielsweise der Social-Sharing-Site Flickr bezeichnet werden. Außerdem ist folgende Unterscheidung zu treff en: Th eoretisch ist es möglich, sich mit allen Userinnen und Usern dieser Community zu verbinden, praktisch bilden sich aber auf den Plattformen verschiedene Subcommunitys, die sich nach unterschiedlichen Interessen gruppieren.

Unter einer Online-Community kann auch die technische Umgebung selbst verstanden werden, welche die Entstehung solcher Benutzergruppen und deren Aktivitäten ermöglicht (vgl. Herring 2008). Zuweilen wird statt des Terminus Online-Community in der letztgenannten Bedeutung auch derjenige des Social Networking verwendet. So zählen zum Beispiel Boyd und Ellison (2007: 212) neben Facebook auch Twitter, Flickr und YouTube zu den »Social Network Sites« (SNS), was also bedeutet, dass keine Unterscheidung zwischen Social Sharing und Social Networking vorgenommen wird.75 Boyd und Ellison (2007: 216) sprechen von »›passion-centric‹ SNS« und sehen Social-Sharing-Communitys folglich als eine Subkategorie von Social-Networking-Communitys an. Auch Röll (2014: 265) fasst alle oben genannten Anwendungen unter dem Terminus soziale Netzwerke, er diff erenziert aber zwischen sozialen Netzwerken im engen und weiten Sinne. Unter sozialen Netzwerken im engen Sinne versteht er Communitys mit gemeinsamen Zielen und Interessen, bei denen Mitglieder im Allgemeinen unter Pseudonymen auft reten, was in meiner Terminologie den Social-Sharing-, den ← 67 | 68 → Social-Collecting- und Social-Gaming-Communitys entspricht. Als Netzwerke im weiten Sinne erachtet Röll Communitys, in denen Userinnen und User mit ihrem realen Namen agieren. Diese bezeichne ich als Social-Networking-Communitys (vgl. Abbildung 5).76 Während Röll unter dem Begriff soziale Netzwerke alle Arten von Online-Communitys zusammenfasst, wird in dieser Arbeit der Terminus Social-Web-Community als Hyperonym zu Social-Sharing-, Social-Networking-, Social-Collecting-, und Social-Gaming-Communitys verwendet.

Im Folgenden werden diese vier Typen von Communitys definiert und erläutert. Es muss vorab erwähnt werden, dass die Grenzen zwischen den Typen fließend sind (vgl. Schneider 2008: 118); die Nummerierung zeigt den Verbreitungsgrad77 der Communitys in absteigender Reihenfolge an:

1)  Social-Networking-Communitys:

     Bisweilen wird zwischen »Social Network Sites« und »Social Networking Sites«78 unterschieden. So argumentieren beispielsweise Boyd und Ellison (2007: 211), dass der Terminus Networking hauptsächlich für das Kennenlernen von Fremden verwendet werde, was aber oftmals in Social-Networking-Communitys nicht der Fall ist. Wenn hier der Terminus Social-Networking-Community genutzt wird, dann in der Bedeutung, die unter Networking im großen Wörterbuch der deutschen Sprache zu finden ist: »das Knüpfen und Pflegen von Kontakten, die dem Austausch von Informationen [und dem beruflichen Fortkommen] dienen« (Duden 2012, Herv. CMS). So ← 68 | 69 → cial-Networking-Communitys lassen sich in Business- und Fun-Communitys unterteilen (vgl. Döring 2003: 501, Kilian et al. 2008: 13, Röll 2014: 269). Eine häufig zitierte Definition von Social-Networking-Sites ist diejenige von Boyd und Ellison (2007: 211). Sie verstehen darunter webbasierte Anwendungen, welche es Individuen erlauben, »to (1) construct a public or semi-public profile within a bounded system, (2) articulate a list of other users with whom they share a connection, and (3) view and traverse their list of connections and those made by others within the system.« Ähnlich führen auch Ebersbach et al. (2008: 79) die Registrierung, die Erstellung von Profilseiten sowie die Beziehungen zu anderen Menschen, die man überwiegend aus dem Offline-Leben kennt, als Merkmale von Social-Networking-Communitys an. Boyd und Ellison erläutern weiter (2007: 219): Social-Networking-Communitys »are primarily organized around people, not interests.« Genau auf dieser Feststellung fußt die Unterscheidung zwischen Social-Sharing- und Social-Networking-Communitys, denn gerade bei Flickr geht es um das gemeinsame Interesse an der Fotografie oder an Bildern. Trotzdem zählen Boyd und Ellison – wie bereits oben erwähnt – auch solche Anwendungen zu den Social-Networking-Communitys, die ich den Social-Sharing-Communitys zurechne.

     Die Social-Networking-Communitys können auch als Kommunikationsplattformen bezeichnet werden, da Kommunikation in solchen Communitys eine weitaus größere Rolle spielt als in den anderen Social-Web-Anwendungen. Kommunikationsformen wie E-Mail (Messaging), Chat oder Pinnwandeinträge, die vor der Zeit des Social Webs einzeln verwendet wurden, sind auf solchen Kommunikationsplattformen vereint, was auch zu einem Multitasking der Community-Mitglieder führt. Für die Userinnen und User bedeutet dies, dass sie unkompliziert und auf verschiedenen Wegen miteinander kommunizieren können; für Forschende werden dadurch Datenerhebungen komplizierter, da sich Sequenzen von kommunikativen Akten auf mehrere Kommunikationsformen und gar auf mehrere Social-Web-Communitys verteilen können (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 48), die teilweise öffentlich zugänglich sind, zum Teil aber auch nicht.

2)  Social-Sharing-Communitys:

     In Social-Sharing-Communitys79 können Userinnen und User Inhalte unterschiedlicher Art (z. B. statische und dynamische Bilder, Audiodateien) mit ← 69 | 70 → anderen Community-Mitgliedern und auch passiven Benutzerinnen und Benutzern der Plattform teilen. Diese Ressourcen können anonym (d. h. unter einem Nickname) zur Verfügung gestellt und von anderen aktiven Nutzerinnen und Nutzern geordnet und bewertet werden. Schließlich ist eine Unterteilung in öffentliche, teilöffentliche und nicht-öffentliche80 Inhalte möglich (vgl. Ebersbach et al. 2011: 119). Den einzelnen Userinnen und Usern stehen viele Möglichkeiten mit dem Umgang ihrer Inhalte zur Verfügung. So kann beispielsweise festgelegt werden, ob die Inhalte nur rezipiert oder auch heruntergeladen werden können. Darüber hinaus können auch über sogenannte Creative-Commons-Lizenzen81 die Rechte an den Inhalten durch die Nutzerinnen und Nutzer selbst festgelegt werden. Die bereitgestellten Daten werden im besten Fall von den Userinnen und Usern der Community mit Metainformationen wie Tags oder Beschreibungstexten versehen, damit einzelne Inhalte auch über die Suchfunktion gefunden werden können. Dieses sogenannte Social Tagging (vgl. Kapitel 5) ist ein Grund dafür, dass auch von Social Sharing gesprochen wird, das von Lerman und Jones (2007: 1) benannte Social Browsing ist ein weiterer. Unter Social Browsing verstehen die Autorinnen, dass in Social-Sharing-Communitys die Inhalte von Kontakten rezipiert werden. In ihrem Beitrag zeigen sie, dass das Social Browsing den größten Teil der User-Aktivitäten ausmacht; dies wiederum bedeutet, dass dem Social Tagging keine entscheidende, dem Social Networking hingegen eine große Relevanz zukommt: »This is best explained by social browsing, which predicts that the more reverse contacts a user has, the more likely his or her images are to generate views« (Lerman, Jones 2007: 6). Ein Ziel von Userinnen und Usern von Social-Sharing-Communitys besteht darin, dass möglichst viele andere Mitglieder der Community ihre Inhalte rezipieren und wenn möglich auch kommentieren oder bewerten. Dahinter steht der Wunsch nach sozialer Anerkennung in der Community (vgl. Griesbaum 2013: 571). Auf den meisten Social-Sharing-Sites werden mittels eines Algorithmus, der die sogenannten Page Impressions und User-Aktivitäten auswertet, interessante Inhalte ermittelt und präsentiert. Social Browsing hat demnach zur Folge, »that images by photographers with large social networks are more likely to be selected for Flickr‘s front page« (Lerman, Jones 2007: 2). So bezeichnen Lerman und Jones ← 70 | 71 → (2007: 1) die Kontakte in einer Social-Sharing-Community als »the social network backbone of social media sites«. Das Social Networking ist folglich eine Conditio sine qua non für das Social Sharing und so verfügen Social-Sharing-Sites ebenfalls über die Möglichkeit, Profilseiten und Kontaktlisten zu erstellen, plattforminterne Nachrichten zu verschicken oder in Foren zu diskutieren. Aufgrund dieser Kommunikationsmöglichkeiten, die für Social-Networking-Sites typisch sind, postulieren Boyd und Ellison (2007: 216), dass die Social-Sharing-Sites zu Social-Networking-Sites geworden seien. Tatsächlich gibt es die oben aufgeführten Gemeinsamkeiten zwischen den zwei Arten von Communitys, dennoch unterscheiden sie sich, wie bereits ausgeführt, durch ihre Ziele und die primären Tätigkeiten ihrer Userinnen und User, weshalb es sinnvoll erscheint, zwischen Social-Networking- und Social-Sharing-Communitys zu differenzieren. Für Social-Networking-Sites (noch) nicht, für Social-Sharing-Sites hingegen typisch ist auch die Unterscheidung zwischen kostenlosen Accounts und Premium-Accounts82, welche gegen Bezahlung zusätzliche Funktionen bieten (z. B. zusätzlicher Speicherplatz, Einsicht in Besucherstatistiken, keine Werbung, Kennzeichnung als Premium-Mitglied etc.).83

3)  Social-Collecting-Communitys:

     Der Terminus Social-Collecting-Community kann als Synonym zu der bisher in der Literatur verwendeten Bezeichnung Knowledge-Community aufgefasst werden, denn gesammelte Daten entsprechen normalerweise einem bestimmten zusammengetragenen Wissen.84 Der englische Ausdruck collecting kann etymologisch auf lateinisch colligere für sammeln zurückgeführt werden. Ebenfalls auf colligere geht das Adjektiv kollektiv zurück, und in diesem doppelten Sinne ist der Terminus Social Collecting auch zu verstehen: Gemeinschaftlich werden Informationen gesammelt. Man mag einwenden, dass von Userinnen und Usern publiziertes Wissen nicht zwangsläufig gesammelt sein ← 71 | 72 → muss, sondern auch selbst generiert sein kann. Selbst hervorgebrachtes Wissen zählt selbstverständlich ebenfalls zum Social Collecting, denn auch dieses Wissen wird in einer Community gesammelt und allenfalls weiterverbreitet. Zu Social-Collecting-Communitys werden Anwendungen wie Wikis und Bookmarking-Dienste gezählt, bei denen die Mitglieder der Community kollaborativ Wissen zusammentragen (vgl. Kilian et al. 2008: 13). Ein bekanntestes Beispiel für eine Social-Collecting-Community ist das Wiki Wikipedia, das als eine der wichtigsten Anwendungen des Social Webs überhaupt gilt (vgl. Klebl, Borst 2010: 243). Während Wikis überwiegend auf der Zeichenmodalität Sprache beruhen und Bilder lediglich der Illustration dienen, gewinnen mittlerweile Social-Collecting-Communitys an Bedeutung, bei denen Bilder im Mittelpunkt stehen. Ein prominenter Vertreter ist die Anwendung Pinterest, bei der meist fremde Bilder auf sogenannten Pinboards gesammelt und mit einem kurzen Text von maximal 500 Zeichen versehen werden: »Das angesprochene Integrieren von fremden Bildern in eigene Fotoalben ist – (fast) unbeschadet von geltendem Urheberrecht – längst eine übliche Praxis geworden« (Walser, Neumann-Braun 2013: 164). Die Abgrenzung von Social-Collecting- zu Social-Sharing-Communitys beruht also auf der Unterscheidung, ob Inhalte selbst erstellt oder lediglich zusammengetragen werden, wobei eine solche Differenzierung selbstredend nicht immer ganz klar gezogen werden kann. Bei der Einordnung von Anwendungen jedoch kann beurteilt werden, welche Aktivität in der Community vorherrscht.

4)  Social-Gaming-Communitys:

     Social-Gaming-Communitys spielen eine untergeordnete Rolle im Social Web. So wurden beispielsweise virtuelle Spielwelten wie Second Life 2008 lediglich von 5 % aller Nutzerinnen und Nutzer jemals besucht (vgl. Fisch, Gscheidle 2008: 358). Streng genommen können hier nur Communitys dazugezählt werden, in denen Spiele im WWW angeboten werden: sogenannte Browserspiele. Es werden allerdings oftmals auch Massively Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPG) wie beispielsweise World of Warcraft dazu gezählt, bei denen sehr viele Nutzerinnen und Nutzer gemeinsam über das Internet spielen85, oder auch die erwähnte virtuelle Welt Second Life, in der keine eigentliche Spielhandlung86 vorhanden ist (vgl. Kilian et al. 2008: 14). ← 72 | 73 → Für World of Warcraft und auch für Second Life muss allerdings ein Programm (ein sogenannter Client) installiert werden, weshalb diese Anwendungen nicht zum Social Web gezählt werden können. Allerdings stellt sich die Frage, ob nicht im Zuge des sogenannten Cloud Computing87 bald auch solche Software browserbasiert ausgeführt wird, wodurch diese Spiele zu Browserspielen mutieren würden und dann ebenfalls zum Social Web gezählt werden könnten.

Es ist im Zusammenhang mit den erwähnten Schwerpunkten der einzelnen Social-Web-Communitys (vgl. Abbildung 5) wichtig zu erwähnen, dass einerseits bei den Anwendungen des Social Webs, bei denen User Generated Content produziert wird, die Kommunikation eine wichtige Rolle für die Generierung der Inhalte oder die Diskussion über diese spielt. Andererseits werden auch in Social-Networking-Communitys, bei denen die Kommunikation einen zentralen Platz einnimmt, Inhalte geteilt. Der Unterschied zwischen Social-Networking-Communitys und Social-Sharing- oder Social-Collecting-Communitys besteht darin, dass Social-Networking-Communitys nicht ergebnisorientiert sind.

Dass die primäre Tätigkeit in Social-Networking-Communitys die Kommunikation ist, sei sie nun verbal oder nonverbal88, kommt auch deutlich in der Erläuterung der Community auf der Facebook-Startseite zum Ausdruck: »Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.«89 Bei diesen Inhalten kann es sich sowohl um Text als auch um statische oder dynamische Bilder handeln, die über den Button »Teilen« (vgl. Abbildung 6) publiziert werden können (in der englischen Version ist der Button allerdings mit »Post«90 beschriftet). ← 73 | 74 →

Abbildung 6:  Teilen von Inhalten auf der Social-Networking-Site Facebook91

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Auf der Social-Sharing-Site Flickr wird mit dem ehemals verwendeten Werbeslogan »Share your photos. Watch the world« oder dem aktuellen »Share your life in photos« ebenfalls die primäre Tätigkeit des Sharings hervorgehoben.92

Wenn Arten von Communitys durch die primären Tätigkeiten ihrer Userinnen und User unterschieden werden, stellt sich bei der Zuordnung einzelner Anwendungen zu den vier verschiedenen Arten von Communitys natürlich stets die Frage, was denn tatsächlich die primäre Tätigkeit einer Anwendung darstellt. Als Beispiel seien die Nightlife-Communitys genannt, die im Folgenden kurz skizziert werden:

      »In der Schweiz gehören Nightlife-Communitys zu den beliebtesten virtuellen Handlungskontexten (post-)adoleszenter Jugendlicher. Die wichtigen Portale tragen aussagekräftige Namen wie Tilllate, Partyguide, Usgang, Festzeit sowie Lautundspitz. Sie sind in der Gesamtschweiz und teilweise darüber hinaus tätig. In ihrem Namen ziehen Fotografen wie Paparazzi von einer Party zur nächsten und stellen Porträt-Bilder der Gäste her, die sich im Internet betrachten lassen. Die passive Nutzung der Portale erlaubt das Betrachten von Party-Fotografien und Veranstaltungskalendern.« (Neumann-Braun, Astheimer 2010: 10, Herv. CMS)

Für die aktiven Nutzerinnen und Nutzer wiederum »stellt die Pflege eigener Profile, das Hinzufügen von Freunden und das Betrachten der Profile anderer Mitglieder zentrale Handlungsroutinen in Nightlife-Communitys dar, die stark an die Praktiken innerhalb von Social Network Sites wie Facebook, Netlog, StudiVZ oder MySpace erinnern« (ebd.: 11, Herv. CMS). Darüber hinaus erinnern die Nightlife-Communitys aber auch an Foto-Communitys, die typische Vertreter von Social-Sharing-Communitys sind. Im Zentrum der Kommunikation stehen Fotos, die allerdings nicht von den Userinnen und Usern, sondern von den durch die Betreibenden der Nightlife-Communitys angestellten Partyfotogra ← 74 | 75 → finnen und -fotografen hochgeladen werden; allerdings ist es den Community-Mitgliedern auch möglich, eigene Fotos im Profil zu veröffentlichen. Es kann demzufolge nicht von Social Sharing im engen Sinne gesprochen werden, doch können Nightlife-Communitys auch nicht als Social-Networking-Communitys bezeichnet werden. Neumann-Braun und Wirz (2010: 171) konnten zwar für die Nightlife-Community Festzeit eine an sich nicht vorgesehene Nutzung als Social-Networking-Community feststellen, denn Party-Themen rückten in den Hintergrund und die 5,5 Millionen Privatbilder dominieren die 250.000 offiziellen Partybilder. Trotzdem wird von den Plattform-Betreibenden auf die Implementierung von typischen Funktionen der Social-Networking-Communitys verzichtet.93 Das Beispiel der Nightlife-Communitys zeigt deutlich, dass es Communitys gibt, die Eigenschaften verschiedener Social-Web-Communitys aufweisen und folglich nicht eindeutig einer bestimmten Art von Community zugeordnet werden können.

Zum Schluss sei auf die Tendenz verwiesen, dass es den Userinnen und Usern immer häufiger möglich gemacht wird, verschiedene Social-Web-Communitys, die sie nutzen, miteinander zu verknüpfen. Kauft man beispielsweise bei Amazon ein, so kann ein gekauftes Produkt nicht nur getaggt, bewertet und rezensiert werden, sondern man kann auch via Facebook oder Twitter mitteilen, welche Produkte man erworben hat (vgl. Abbildung 7).

Abbildung 7:  Getätigte Einkäufe bei Amazon auf Facebook oder Twitter mitteilen (14.11.2011)

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Immer häufiger können auch Accounts einer Anwendung für eine andere verwendet werden, so ist es beispielsweise möglich, sich einen Flickr-Account auf Basis eines Google- oder Facebook-Kontos zu erstellen (vgl. Abbildung 8). ← 75 | 76 →

Abbildung 8:  Schnittstelle zwischen Flickr und Google bzw. Facebook94

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Da Nutzerinnen und Nutzer oft Mitglieder verschiedener Communitys sind, ist es zeitintensiv, die aktuellen Aktivitäten der Kontakte in allen Communitys zu verfolgen. Es erscheint daher naheliegend, dass mehrere Anwendungen in einer übergeordneten gekoppelt werden, dass also »Meta Social Networks« (Ebersbach et al. 2008: 97) entwickelt werden. Es existieren bereits erste Formen; so kann beispielsweise im Personal Information Manager Outlook der Firma Microsoft ein sogenannter Outlook Social Connector installiert werden. Neben den E-Mails werden nach der Installation in Outlook auch die Neuigkeiten von Kontaktpersonen aus Facebook, dem Windows Live Messenger oder aus den Business-Communitys LinkedIn, XING und Viadeo angezeigt. Eine solche Entwicklung von »Meta Social Networks« scheint evident zu sein in Anbetracht der neu entstandenen Social-Networking-Site Google+ des Unternehmens Google sowie des Dienstes So.cl des Microsoft-Konzerns, die beide in Zukunft eine Konkurrenz für den Marktführer Facebook darstellen könnten. Da die Nutzerinnen und Nutzer kaum gewillt sind, sich in drei verschiedenen Social-Networking-Communitys aktiv zu beteiligen, können diese neuen Social-Networking-Sites jedoch nur erfolgreich sein, wenn es eine einzige Oberfläche geben wird, über die unterschiedliche Anwendungen abgerufen werden können, bzw. wenn die Daten verschiedener Plattformen synchronisiert werden.95 Ob man sich bei Google+, bei So.cl oder bei Facebook einloggt, ist dann bloß noch eine Frage der persönlichen Vorliebe, vergleichbar mit den heutigen unterschiedlichen Präferenzen bei der Wahl von E-Mail-Programmen.96 ← 76 | 77 →

Ein weiterer Grund, der für das Entstehen von »Meta Social Networks« spricht, ist, dass nicht nur das Abrufen von Daten unterschiedlicher Anwendungen, sondern auch das Einspeisen von Neuigkeiten in den verschiedenen Communitys aufwändig ist. So wird bei Twitter vorgeschlagen: »Poste Tweets auf Deinem Face-book-Profil«97, oder bei Flickr hochgeladene Fotos können automatisch auch bei Facebook angezeigt werden, was folglich die Kommunikation über automatische Mechanismen vervielfacht. Durch offene Schnittstellen (APIs = Application Programming Interfaces) können überdies verschiedene Anwendungen des Social Webs zu sogenannten Mashups kombiniert werden (vgl. Schmidt 2008: 23).

Als knappes Fazit dieser Ausführungen bleibt festzuhalten: Die wichtigsten Communitys des Social Webs bilden Social-Networking-Communitys, gefolgt von Social-Sharing- und Social-Collecting-Communitys, wohingegen reine98 Social-Gaming-Communitys weniger populär sind, wie auch das Fehlen dieser Art von Communitys im Alexa-Ranking (vgl. Fußnote 66) zeigt. Die Erläuterung zu den einzelnen Formen von Communitys hat gezeigt, dass Grenzziehungen nicht immer eindeutig möglich sind und dass es im Bereich der Ziele von Community-Mitgliedern sowie bei den primären Tätigkeiten Überschneidungen gibt.

Im folgenden Kapitel wird erläutert, inwiefern sich die Nutzerinnen und Nutzer von Anwendungen des Social Webs aufgrund ihrer Tätigkeiten voneinander unterscheiden.

3.3  Akteure im Social Web

Das Social Web wird gelegentlich auch als »Mitmach-Netz« bezeichnet (vgl. z. B. Ebersbach et al. 2011: 29, Sutter 2010: 56, Meier 2009: 187). So ist es allen Nutzern des WWWs möglich, sich in den im vorangegangenen Teilkapitel präsentierten Communitys zu beteiligen. Dies gelingt umso besser, je einfacher und intuitiver die Anwendungen des Social Webs bedient werden können (vgl. Kilian et al. 2008: 10). Das entsprechende Stichwort ist hier Usability (vgl. dazu grundlegend Nielsen, Loranger 2006), welches den deutschen Ausdrücken »Nutzbarkeit, Brauchbarkeit und Nutzerfreundlichkeit« (Bucher 2001: 46) entspricht.

Die Usability ist also Grundlage für eine breite Partizipation, doch nutzen die Userinnen und User die Social-Web-Anwendungen tatsächlich aktiv? Verschie ← 77 | 78 → dene Studien zeigen, dass die aktiven Nutzerinnen und Nutzer einen geringen Prozentsatz ausmachen: Von den Bloggerinnen und Bloggern sind es 75 %, die ausschließlich rezipieren und nicht selbst Beiträge produzieren; bei der freien Enzyklopädie Wikipedia haben nur 6 % der Nutzerinnen und Nutzer bereits einmal einen Text(-baustein) verfasst (vgl. Sutter 2010: 50). Auch bei YouTube sind es lediglich 7 % der Userinnen und User, die selbst Videos hochladen (vgl. Schmidt et al. 2010: 258). Die Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 fielen ähnlich aus: Nur 3 % der Nutzerinnen und Nutzer haben Wikipedia-Beiträge bearbeitet und 7 % haben schon einmal Videos hochgeladen (vgl. Busemann, Gscheidle 2011). Diese Zahlen sagen jedoch nichts über die Aktivitätsfrequenz aus (vgl. für Ergebnisse zu Flickr das Kapitel 9.1). Für die meisten Social-Web-Communitys gilt für den Partizipationsgrad die sogenannte 90:9:1-Regel: 90 % sind Lurker99 und produzieren niemals eigene Inhalte, 9 % der Nutzerinnen und Nutzer tun dies nur gelegentlich, während lediglich 1 % die Mehrzahl aller Inhalte verfasst (vgl. Griesbaum 2013: 567).

Bei der aktiven Nutzung des Social Webs bestehen also zwischen den verschiedenen Userinnen und Usern beträchtliche Unterschiede. Gerhards et al. (2008: 129) verorten den Mitgestaltungsgrad im Social Web »auf einem Kontinuum von rein betrachtender Nutzung bis hin zur Herausgabe von Inhalten.« Rezeption und Produktion sind folglich Pole, zwischen denen sich die verschiedenen Userinnen und User bewegen, wobei es zu bedenken gilt, dass auch die rezeptive Nutzung ein produktives Element in sich birgt (vgl. Wehner 2008: 210–211). So wird die Popularität von Inhalten auf Social-Sharing-Sites unter anderem über die Seitenaufrufe (Page Impressions) ermittelt. Und auch Bublitz (2012: 165) stellt fest: »It is not by chance that the metacommunicative term user is generally ambivalent between passivity and activity« (Herv. im Original). Nutzende von Social-Web-Anwendungen können wiederum verschiedene Rollen auf dem Kontinuum zwischen aktiv-gestaltender und passiv-rezipierender Nutzung einnehmen. Hierfür wurde das Portmanteau-Wort Prosument gebildet, eine Kombination aus Produzent und Konsument; die englischsprachige Variante lautet Produser, gebildet aus production und user (vgl. Schmidt et al. 2010: 258). Von Produsage schließlich spricht man, wenn Userinnen und User Inhalte rezipieren und diese wiederum nutzen, um Inhalte zu produzieren. Es geht also um das »Aufgreifen, Zitieren, Kommentieren und Weiterverbreiten von Inhalten anderer Personen« (vgl. Schmidt 2008: 35). ← 78 | 79 →

Aus diesen verschiedenen Nutzungsvarianten lassen sich Typologien von Social-Web-Nutzerinnen und -Nutzern ableiten. Gerhards et al. (2008: 138–147) unterscheiden aufgrund von Nutzungsmotiven acht verschiedene Typen von Nutzerinnen und Nutzern des Social Webs: 1) Produzenten, 2) Selbstdarsteller, 3) Spezifisch Interessierte, 4) Netzwerker, 5) Profilierte Nutzer, 6) Kommunikatoren, 7) Infosucher und 8) Unterhaltungssucher. Diese Nutzertypen definieren Gerhards et al. (2008: 138–147) wie folgt:

       1)  Produzenten publizieren Inhalte mit einem Anspruch auf künstlerischen (z. B. Musikerinnen und Musiker, Fotografinnen und Fotografen) oder journalistischen Gehalt.

       2)  Selbstdarsteller publizieren im Gegensatz zu den Produzenten Inhalte, bei denen die eigene Person im Vordergrund steht.

       3)  Spezifisch Interessierte nutzen das Social Web, um sich mit anderen über spezielle Interessen oder Hobbys auszutauschen.

       4)  Netzwerker haben das Ziel, im Social Web Kontakte zu knüpfen oder bestehende zu pflegen, im Vordergrund steht also der Austausch mit anderen Menschen.

       5)  Profilierte Nutzer nutzen das Social Web in idealtypischer Weise, indem sie sich selbst darstellen, mit anderen Menschen Kontakte pflegen und knüpfen, Inhalte (Texte, Bilder oder Musik) veröffentlichen, oftmals verbunden mit einem spezifischen inhaltlichen Interesse.

       6)  Kommunikatoren verwenden das Social Web nicht um Inhalte oder sich selbst zu präsentieren, sondern um mit Menschen zu kommunizieren; dabei geht es in erster Linie aber nicht um das Knüpfen und Pflegen von Kontakten, sondern um die Kommunikation über Inhalte, die jedoch weniger eng themengebunden sind als bei den spezifisch Interessierten.

       7)  Infosucher nutzen das Social Web überwiegend passiv zur Informationssuche.

       8)  Unterhaltungssucher legen Wert auf Unterhaltungsaspekte, im Gegensatz zur Nutzergruppe der Infosucher, bei denen Informationsaspekte im Zentrum stehen. Zu den Unterhaltungssuchern gehören beispielsweise Nutzer, die sich Filme in der Video-Community YouTube ansehen, ohne sie zu kommentieren.

Es bleibt unklar, worin Gerhards et al. einen Nutzen in der Unterscheidung zwischen spezifisch Interessierten und Kommunikatoren sehen. Meines Erachtens können die Kommunikatoren zu den spezifisch Interessierten gezählt werden. Auch die Definition des profilierten Nutzers erscheint mir fragwürdig. Einen eigenen Nutzertyp für Userinnen und User anzusetzen, die all den genannten Aktivitäten im Social Web nachgehen, ist nicht vonnöten. Es ist vielmehr festzuhalten, dass die überwiegende Mehrheit der Userinnen und User nicht einem einzigen Nutzertypen, sondern zumeist mehreren zugeordnet werden können und müssen, weshalb – wie bereits erwähnt – der Terminus Produser geprägt wurde. Die Nutzerinnen und Nutzer des Social Webs bewegen sich nicht selten auch in verschiedenen Communitys mit jeweils unterschiedlichen Motiven. Aus ← 79 | 80 → diesem Grund ist die Bezeichnung Rollen von Ebersbach et al. (2011: 124) sehr gut gewählt: So wie Schauspielerinnen und Schauspieler in unterschiedliche Rollen schlüpfen können, so kann ein User oder eine Userin des Social Webs heterogene Verhaltensmuster an den Tag legen und somit Charakteristika mehrerer Nutzungstypen aufweisen. Abbildung 9 veranschaulicht die Nutzungsmotive, die den Aktivitäten der verschiedenen Nutzertypen zugrunde liegen.

Abbildung 9:  Nutzertypen und ihre Nutzungsmotive im Social Web

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Bezogen auf Social-Sharing-Communitys, zu denen auch die in dieser Arbeit untersuchte Plattform Flickr gezählt wird, haben Ebersbach et al. (2011: 124–125) drei verschiedene Rollen unterschieden, welche die Nutzerinnen und Nutzer ausfüllen können: Produzierende, Rezipienten sowie Bewerter. Die Produzierenden entsprechen dem von Gerhards et al. definierten Nutzertypen des Produzenten, die Rezipienten sind den Unterhaltungssuchern gleichzusetzen. Die Bewerter sind dazwischen angeordnet: Sie stellen keine eigenen Inhalte ins Netz, helfen aber Inhalte von anderen zu organisieren, indem sie diese kategorisieren (beispielsweise durch das sogenannte Social Tagging), kommentieren oder bewerten.

Damit eine Social-Sharing-Community funktionieren kann, müssen also stets Userinnen und User die Rollen der Produzierenden einnehmen. Ihnen müssen die Bewertenden folgen, die ihre Tätigkeit erst aufnehmen können, sobald Inhalte verfügbar sind. Rezipienten schließlich sind für das Funktionieren einer Community nicht von primärer Bedeutung. Stegbauer und Rausch (2001) bezeichnen im Titel ihres Aufsatzes die passiven Teilnehmenden, sogenannte Lurker, als »schweigende Mehrheit«. Laut Stegbauer und Rausch (2001: 48; 55) sind die Lurker in ← 80 | 81 → allen virtuellen Kommunikationsräumen in der Überzahl; dennoch werden sie von aktiven Userinnen und Usern als Trittbrettfahrer und Voyeure diffamiert, da sie zur Entwicklung und zum Fortbestehen einer Community nichts beitragen. Doch es gilt zu bedenken, dass es zu einem Information Overload kommen könnte, wenn auch die Rezipienten die Rolle der Produzierenden einnehmen würden (vgl. ebd.: 50). Darüber hinaus kann auf den Vorwurf des Voyeurismus entgegnet werden, dass Lurker neben den Bewertenden das Publikum darstellen, auf das die Produzierenden angewiesen sind: »Ein Autor, der Material auf einer Sharing-Plattform zur Verfügung stellt, erwartet auch ein gewisses Publikum. Es ist daher Aufgabe und auch geldwertes Ziel, hohe Besucherzahlen zu haben« (Ebersbach et al. 2011: 124). Allerdings erlangen nur wenige Inhalte ein großes Publikum. Der größte Teil des User Generated Content erreicht nur wenige Personen, d. h. die Aufmerksamkeitsverteilung folgt dem sogenannten Power Law (vgl. Schmidt 2011: 77 sowie Abbildung 19 auf Seite 106).

Abschließend kann konstatiert werden, dass sich im Social Web die starren Grenzen zwischen Produzierenden und Rezipierenden aufgeweicht haben. Die Userinnen und User können zahlreiche Rollen auf einer Skala zwischen aktiver und passiver Nutzung einnehmen, wobei die Mehrheit zu wenig aktivem Verhalten tendiert. Damit einher geht auch die Auflösung der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem (vgl. Sutter 2010: 49), was in Kapitel 6.4 genauer ausgeführt wird.

3.4  Typische Merkmale der Kommunikation im Social Web

Die Kommunikation im Social Web stellt einen Teilbereich der digitalen Kommunikation dar, welche wiederum ein Spezialfall medialer Kommunikation ist (vgl. Kapitel 2.3). Es kann im Social Web zwischen bekannten, veränderten und komplett neuen Phänomenen unterschieden werden (vgl. Herring et al. 2013a: 14). Folglich trägt die Kommunikation im Social Web auch Züge der Web(-1.0)-Kommunikation. Im vorliegenden Kapitel wird deshalb zunächst auf typische Merkmale digitaler Kommunikation im Allgemeinen eingegangen, bevor konkret auch spezifische Charakteristika der Kommunikation im Social Web näher beleuchtet werden. Um die Kommunikation im Social Web zu charakterisieren, müssen einerseits die Kommunikationsbedingungen wie beispielsweise technische oder situative Faktoren betrachtet werden. Andererseits sind auch die sprachlichen Merkmale darzustellen – Bieswanger (2013: 463) spricht von »micro-linguistic structural features« – und es ist zu fragen, inwiefern diese von den Kommunikationsbedingungen determiniert sind. ← 81 | 82 →

Herring (2007: 11) weist darauf hin, dass die von ihr genannten Kommunikationsbedingungen nicht zwangsläufig einen Einfluss auf die sprachliche Realisierung haben müssen (sogenannter technologischer Determinismus), dass sie jedoch zumindest in manchen Fällen einen Einfluss haben. Die zehn für die digitale Kommunikation relevanten, kommunikationsform-spezifischen Faktoren100 sind laut Herring (2007: 13) Synchronizität, Nachrichtenübertragung101, Persistenz102, Zeichenbegrenzung, Zeichenmodalitäten, Anonymität, Zugänglichkeit, (aktives) Blocking103, Zitierfunktion und Nachrichtenlayout104. Außerdem müssen situative Faktoren wie die Anzahl der Kommunikationspartner und die Kommunikationsrichtung, soziolinguistische Faktoren der Kommunikationsteilnehmenden, das Kommunikationsziel, der Kommunikationsinhalt, Kommunikationsnormen105 und verwendete Sprachen oder Varietäten berücksichtigt werden (vgl. ebd.: 18–19).

Die Vielzahl von Variablen hat zur Folge, dass »keine verallgemeinernden Aussagen zum Auftreten bestimmter sprachlicher Mittel« (Dürscheid 2004: 148) abgegeben werden können, d. h. es gibt genauso wenig eine Internetsprache wie eine Sprache der E-Mails (vgl. Androutsopoulos 2006: 420). Dessen ungeachtet hält sich insbesondere in den Massenmedien hartnäckig der »Mythos von der Netzsprache« ← 82 | 83 → (Dürscheid 2004: 149). Bis zu einem gewissen Maß ist dieser Mythos den frühen wissenschaftlichen Arbeiten der 1990er-Jahre zur digitalen Kommunikation geschuldet, die teilweise noch von der Annahme einer Internetsprache ausgingen (vgl. Bieswanger 2013: 465). Wenn wir uns noch einmal die in Abbildung 1 (auf Seite 35) aufgeführten Ebenen der Kommunikation in den digitalen Medien vor Augen führen, so wird deutlich, dass die Ebene der Kommunikationsformen für Analysen sprachlicher Merkmale zu unspezifisch ist; vielmehr sollten Untersuchungen zu bestimmten Kommunikat-Sorten innerhalb einer Kommunikationsform durchgeführt werden. Erst in einem weiteren Schritt lassen sich verschiedene Kommunikat-Sorten in einer Kommunikationsform vergleichen oder die Realisierung derselben Kommunikat-Sorte in unterschiedlichen Kommunikationsformen. Doch selbst innerhalb ein und derselben Kommunikationsform sowie Kommunikat-Sorte gibt es große interindividuelle Variation, wie beispielsweise für die Verwendung von Emoticons, Inflektiven und Aktionsbeiträgen106 im Chat gezeigt werden konnte (vgl. Storrer 2013: 351). Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass die typischen sprachlichen Merkmale selbstverständlich auch in erheblichem Maße von der verwendeten Einzelsprache abhängig sind, weshalb auch sprachvergleichende Studien von Interesse sind (vgl. etwa Siever, Schlobinski 2013).

Wenn also von typischen Merkmalen der Kommunikation im Social Web die Rede ist, so sind damit Merkmale gemeint, die frequent und in mehreren Kommunikat-Sorten des Social Webs auftreten, nicht aber in allen zwangsläufig vorkommen müssen. Dies gilt auch für die vier typischen »micro-linguistic structural features of computer-mediated communication« (Bieswanger 2013: 463). Bieswanger (2013: 464) bietet einen aktuellen und umfassenden Überblick über Arbeiten, in denen solche Merkmale beschrieben werden, und zwar Emoticons, Nonstandardschreibung, Abkürzungen107 und Nonstandardinterpunktion. Androutsopoulos (2007: 84) nennt ebenfalls vier typische Charakteristika digitaler Kommunikation: Versprechsprachlichung, mimisch-kinesische Kompensation, Ökonomisierung und Graphostilistik. Die Kategorien der beiden Autoren ergänzen sich teilweise, überschneiden sich jedoch auch. Unter mimisch-kinesischen ← 83 | 84 → Kompensierungsverfahren fasst Androutsopoulos Emoticons, Inflektive und Abkürzungen108 zusammen und hält fest, dass diese Kompensierungsverfahren »vermutlich die einzige wirklich internetspezifische Innovation« (ebd.: 82) darstellen. Graphostilistische Aspekte sind ein Teilbereich der Nonstandardschreibung – der Terminus von Bieswanger (2013: 472) ist demzufolge weiter gefasst als derjenige von Androutsopoulos. Bieswanger subsumiert unter Nonstandardschreibung zusätzlich orthographische sowie typographische Fehler, konsequente Groß- oder Kleinschreibung und »the representation of spoken language«109 (ebd.: 473). Abkürzungen schließlich können als Teilbereich der Ökonomisierung erachtet werden, doch inkludiert die Ökonomisierung weitere Aspekte wie die konsequente Kleinschreibung (vgl. Androutsopoulos 2007: 83). Im Folgenden werden nun die einzelnen Merkmale im Detail diskutiert.

Was Abkürzungen in der digitalen Kommunikation betrifft, so können folgende Gründe für ihre Verwendung ausgemacht werden: Der Tippaufwand soll verringert und somit die Tippgeschwindigkeit erhöht werden, insbesondere in der (quasi-)synchronen Kommunikation. Darüber hinaus kann das kreative Spiel mit der Sprache als eine Ursache für Abkürzungen gelten (vgl. Bieswanger 2013: 476).110 Es muss allerdings konstatiert werden, dass beträchtliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Einzelsprachen auszumachen sind, wobei das Englische zwar die meisten Abkürzungen aufweist, bei weitem jedoch nicht in dem Ausmaß, wie oftmals durch Medieninstitutionen suggeriert wird (vgl. ebd.: 476).

Auch für das Deutsche stellt Bieswanger (2013: 475) mit Blick auf die Forschungsliteratur zur SMS- und Instant-Messaging-Kommunikation fest, dass die Häufigkeit von Abkürzungen derart gering ausfällt, dass in Frage gestellt werden muss, ob Abkürzungen überhaupt als typisches Merkmal dieser Kommunikationsformen gelten können. Auch in der von Bieswanger nicht berücksichtigten Monographie zur Sprachökonomie von Siever (2011c) wird dieser Befund bestätigt. In einer empirischen Analyse wurden Texte aus verschiedenen, stark raumbegrenzten Kommunikationsformen verglichen: Alpenpanorama111, Fahrgastfernsehen, Nachrichtenticker, Kleinanzeigen der deutschen Tagespresse, Kassenbons sowie SMS-Mitteilungen. Interessant ist nun der Befund, dass das ← 84 | 85 → SMS-Korpus im Vergleich mit den anderen verwendeten Korpora mit 0,9 % den zweitgeringsten Anteil an Kurzwörtern112 aufweist (vgl. ebd.: 198); bei den Kurzwort-Wortbildungen113 steht das SMS-Korpus mit 0,1 % gar an letzter Stelle (vgl. ebd.: 213). Auch die quantitative Ökonomie durch Morphemreduktion114 (vgl. ebd.: 233), durch Wortgruppenellipsen (vgl. ebd.: 375), durch Wortkreuzung (vgl. ebd.: 258) und durch Vermeidung von Numeralia bis Zwölf (vgl. ebd.: 251) sind im SMS-Korpus im Vergleich zu den anderen Korpora am seltensten anzutreffen. Bei der quantitativen Ökonomie durch Abkürzungen steht das SMS-Korpus ebenfalls an zweitletzter Stelle (vgl. ebd.: 343).

Folgende drei Formen der quantitativen Ökonomie hingegen sind im SMSKorpus vergleichsweise frequent, doch können sie nicht als Abkürzungen im Sinne von Fußnote 107 gelten: Bei der quantitativen Ökonomie durch Logogramme und ikonische Zeichen liegt das SMS-Korpus im mittleren Bereich (vgl. ebd.: 362) und bei derjenigen durch nicht-native Lexik wird das SMS-Korpus nur vom Alpenpanorama-Korpus übertroffen (vgl. ebd.: 309). Bei der quantitativen Reduktion durch Spatium-Tilgung steht das SMS-Korpus ebenfalls an zweiter Stelle. Insgesamt lässt sich folglich feststellen, dass Abkürzungen in der interpersonalen digitalen Kommunikation zwar vorkommen, allerdings im Vergleich mit anderen Merkmalen nicht besonders frequent und folglich auch nicht typisch sind.

Während bei Bieswanger (2013: 473) – wie bereits erwähnt – die konzeptionelle Mündlichkeit als Teilbereich der Nonstandardschreibung klassifiziert wird, stellt bei Androutsopoulos (2007: 81–82) die »Versprechsprachlichung« eine eigene Kategorie dar – und dies aus gutem Grund, wie sich noch zeigen wird. Gemeint ist damit die konzeptionelle Mündlichkeit in medial schriftlichen Texten, die von der medialen Mündlichkeit unterschieden werden muss: »Nur mediale Mündlichkeit bezieht sich auf die phonische Realisierung von Sprache, konzeptionelle Mündlichkeit dagegen meint die in einer Äußerung gewählte Ausdrucksweise« (Dürscheid 2011b: 179). Koch und Oesterreicher (2008: 200), auf die das Modell der medialen und konzeptionellen Mündlichkeit und Schrift ← 85 | 86 → lichkeit zurückgeht115, nennen die Prozesse der konzeptionellen Verschiebungen Vermündlichung bzw. Verschriftlichung.116 Dürscheid (2011b: 179) betont, dass die Ausdrücke Gespräch, gesprochene Sprache und Mündlichkeit klar voneinander abgegrenzt werden sollten: Der am engsten gefasste Terminus ist derjenige des Gesprächs, der dialogische, gesprochene Sprache meint, wohingegen gesprochene Sprache darüber hinaus auch monologische Sprache einschließt. Mündlichkeit schließlich umfasst sowohl mediale als auch konzeptionelle Mündlichkeit. Folglich erscheint es sinnvoll, den von Koch und Oesterreicher (2008: 200) vorgeschlagenen Terminus Vermündlichung demjenigen der Versprechsprachlichung vorzuziehen. Für konzeptionell mündliche Texte hat U. Schmitz (2006a: 192) den Ausdruck sekundäre Schriftlichkeit geprägt.117 Androutsopoulos spricht in Bezug auf digitale Medien präzisierend von der »Orientierung schriftbasierter Netzkommunikation an Strukturen und Organisationsmustern informeller gesprochener Sprache« (Androutsopoulos 2007: 81, Herv. CMS). Anders gesagt: Wenn von Vermündlichung die Rede ist, so sind Merkmale des – insbesondere informellen – Gesprächs gemeint, die in medial schriftlichen Texten verwendet werden. Ein Grund dafür, dass konzeptionell mündliche Texte verfasst werden, besteht darin, dass Nachrichten in den digitalen Medien »nur minimal zeitversetzt hin und her wechseln können, […], als befände man sich in einem Gespräch. Daraus resultiert auf Produktionsseite eine konzeptionell mündliche Ausdrucksweise, auf Rezeptionsseite eine Toleranz gegenüber diesem informellen Schreiben« (Dürscheid 2011b: 183). Das Zitat bezieht sich auf SMS-Kommunikation, die als asynchrone Kommunikationsform einzustufen ist. Quasisynchrone oder ← 86 | 87 → synchrone digitale Kommunikationsformen sind nochmals stärker an der konzeptionellen Mündlichkeit ausgerichtet als asynchrone (vgl. Dürscheid 2004: 155; Storrer 2010: 2219).

Merkmale der konzeptionellen Mündlichkeit sind laut Storrer (2010: 2219) eine variationsarme Lexik, ein parataktischer Satzbau sowie eine kommunikative Grundhaltung, die sich am Alltagsgespräch orientiert. Zum Bereich der Lexik zählt Storrer nicht nur umgangssprachliche und dialektale Ausdrücke sowie ein häufiger Gebrauch von Partikeln, Interjektionen und Floskeln, sondern auch Akronyme, Inflektive und Emoticons. Meines Erachtens können jedoch Emoticons nicht der Lexik zugerechnet werden, bzw. höchstens dann, wenn man den Terminus weit fasst und darunter ebenfalls Bildzeichen versteht, wie sie in Onlineforen, Skype oder WhatsApp neuerdings verfügbar sind (vgl. Bieswanger 2013: 470 sowie Kapitel 7.7). Solche Bildzeichen können dann anstelle eines Lexems stehen und aus diesem Grund allenfalls der Lexik zugeordnet werden. Akronyme können im Gegensatz zu den Inflektiven zwar zur Lexik gezählt werden, doch weder Akronyme noch Inflektive sind Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit.

Landert und Jucker (2011: 1428) zählen im Zusammenhang mit Onlinekommentaren zu Zeitungsartikeln typische Merkmale der Sprache der Nähe sowie der Sprache der Distanz auf der Ebene der Lexik, der Syntax, der Pragmatik und der Orthographie auf (vgl. Tabelle 4).118

Tabelle 4:  Typische Merkmale der Sprache der Nähe/Distanz (nach Landert/Jucker 2011: 1428)

Sprache der Nähe

Sprache der Distanz

umgangssprachliches Vokabular

formelles, wissenschaftliches Vokabular

Satzfragmente

vollständige Sätze

einfache Syntax

komplexe Syntax

informelle Anredeformen (Nicknames/Kosenamen)

formelle Anredeformen (Titel und Nachnamen)

Nonstandardinterpunktion

Standardinterpunktion

Nonstandardschreibung

Standardorthographie ← 87 | 88 →

Was die Bereiche der Lexik, der Syntax und der Pragmatik betrifft, so entspricht die Sprache der Nähe beim Schreiben in den digitalen Kommunikationsformen der konzeptionellen Mündlichkeit, die Sprache der Distanz der konzeptionellen Schriftlichkeit. Die von Bieswanger (2013: 464) ebenfalls erörterten Aspekte der Nonstandardschreibung und der Nonstandardinterpunktion gehören dem informellen Sprachgebrauch an, der für viele Kommunikationsformen des Social Webs typisch ist. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass Abweichungen von der Standardinterpunktion und -orthographie unterschiedliche Ursachen haben können und demzufolge nicht in jedem Fall ein Zusammenhang mit der konzeptionellen Mündlichkeit besteht. In der Literatur wird zumeist unterschieden zwischen Rechtschreib- und Tippfehlern sowie weiteren Arten von Nonstandardschreibung wie beispielsweise graphostilistischen Schreibungen, auch wenn oftmals nicht eindeutig entschieden werden kann, ob hinter der Normabweichung eine Intention steckt (vgl. ebd.: 472). Kurze Planungszeiten, die charakteristisch sind für die genannte, am Alltagsgespräch orientierte kommunikative Grundhaltung (vgl. Storrer 2010: 2219), können wiederum als Grund für Tipp- und teilweise auch Rechtschreibfehler angesehen werden. Auch bei der Nonstandardinterpunktion existieren unterschiedliche Varianten auf einem Kontinuum zwischen dem gänzlichen Fehlen von Satzzeichen und exzessiven Satzzeicheniterationen (vgl. Bieswanger 2013: 476).

Es bleibt abschließend festzuhalten, dass die aktuelle Tendenz der Zunahme von konzeptionell mündlichen Texten nicht auf die digitalen Medien zurückgeführt werden kann. Vielmehr ist »die Tendenz zur Vermündlichung der geschriebenen Sprache […] eines der herausragenden Merkmale der neueren Sprachgeschichte« (Sieber 1998: 53).119 Es kann allerdings angenommen werden, dass die genannte Entwicklung hin zur konzeptionellen Mündlichkeit durch die digitalen Medien verstärkt wird (vgl. Storrer 2010: 2220).

Wie in Kapitel 3 erläutert, handelt es sich beim Übergang vom »Web 1.0« zum Social Web um eine graduelle Weiterentwicklung, weshalb auch anzunehmen ist, dass darin die diskutierten typischen sprachlichen Merkmale der Kommunikation nicht grundlegend voneinander abweichen.120 Sofern die technischen und situativen Bedingungen identisch sind, wird sich ein Chat-Log eines Facebook-Chats nicht wesentlich von einem Instant-Messaging-Log unterscheiden. Es ist ← 88 | 89 → allerdings anzumerken, dass im Social Web auch neue Kommunikationsformen wie Status-Updates, Kommentare zu Videos und Fotos, Tags oder Bearbeitungsseiten auf Wikipedia entstanden sind (vgl. Herring et al. 2013a: 13). Doch auch bei neuen Kommunikationsformen gilt es zu fragen, ob sie nicht Analogien zu herkömmlichen Kommunikationsformen aufweisen. Neu ist allerdings, dass die Kommunikationsplattformen des Social Webs verschiedene Kommunikationsformen in sich vereinen, was dazu führen kann, dass Sequenzen kommunikativer Akte über mehrere Kommunikationsformen verteilt sind. Darüber hinaus können Tendenzen beobachtet werden, dass sich charakteristische Merkmale für die Kommunikation im Social Web herausbilden, die zu einem bestimmten Teil auf die technischen Veränderungen zurückgeführt werden können:

Diese technische Vereinfachung sowie die Zunahme an Breitbandanschlüssen121 ermöglichen es mittlerweile vielen Menschen122, in den digitalen Medien multi-modal zu kommunizieren. So nennen auch Barton und Lee die Multimodalität als einen von zehn Gründen, weshalb Forschung im Bereich der digitalen Medien notwendig ist: »People combine semiotic resources in new ways and they invent new relations between language and other modes of meaning making« (Barton, Lee 2013: 15). Eine vergleichsweise neue Art der multimodalen Kommunikation stellt die Notizenkommunikation im Bild dar (vgl. Kapitel 8.2.1), Grundlegendes zur Multimodalität ist in Kapitel 7 nachzulesen. Weitere aktuelle Tendenzen der digitalen ikonographetischen Kommunikation werden in Kapitel 7.7 erläutert.

Neben der Multimodalität spielt auch der Multilingualismus123 im Social Web eine zentrale Rolle. Dennoch sind Aspekte der Mehrsprachigkeit wie beispiels ← 89 | 90 → weise Code-Switching im Vergleich zu anderen sprachlichen Merkmalen der digitalen Kommunikation bisher kaum untersucht worden (vgl. Androutsopoulos 2013: 667). Paolillo (2011: 1) konstatiert, dass die digitale, multilinguale Kommunikation erst in Ansätzen erforscht wurde. Auch Morel et al. (2012: 262) stellen für die Kommunikationsform SMS fest, dass erst wenige Studien hierzu vorliegen. Sie konstatieren zudem, dass in den bisherigen Studien zu Code-Switching formale Aspekte vernachlässigt wurden, d. h. es wurde nicht analysiert, zwischen welchen Spracheinheiten (Morphemen, Lexemen, Redewendungen, einzelnen oder mehreren Sätzen) gewechselt wurde (vgl. ebd.: 262).

In Communitys wie Flickr treffen Userinnen und User aus verschiedenen Ländern und entsprechend verschiedenen Sprachen mit unterschiedlichen Kompetenzen aufeinander. Ammon (2010: 103) spricht von interlingualer Kommunikation, wenn Kommunikationsteilnehmende verschiedener Sprachen miteinander kommunizieren. Er differenziert zwischen symmetrischer und asymmetrischer inter-lingualer Kommunikation, wobei asymmetrisch die Kommunikation zwischen Muttersprachlern und Nicht-Muttersprachlern meint. Symmetrisch könne einerseits heißen, dass die gewählte Sprache als Lingua franca verwendet wird und von keinem Kommunikationsteilnehmenden die Muttersprache ist. Andererseits liege symmetrische interlinguale Kommunikation bei polyglotten Dialogen vor, bei denen die Beteiligten aktiv ihre Muttersprache verwenden und passiv die jeweils anderen Sprachen verstehen. Sowohl die symmetrische als auch die asymmetrische interlinguale Kommunikation setzt Multilingualismus bei mindestens einem oder einer Kommunikationsteilnehmenden voraus, doch Multilingualismus innerhalb einer sozialen Gemeinschaft liegt nur dann vor, wenn – wie beispielsweise bei polyglotten Dialogen – mehrere Sprachen in der Kommunikation verwendet werden. Von Interesse sind dabei einerseits Dialoge, bei denen Sprachwechsel in Sequenzen kommunikativer Akte vorkommen, andererseits auch das Code-Switching innerhalb einzelner kommunikativer Akte.

Androutsopoulos (2013: 671–672) unterscheidet in Bezug auf die digitale Kommunikation fünf verschiedene Formen von Multilingualismus:

Für die vorliegende Arbeit ist der Multilingualismus in verschiedener Hinsicht relevant. Da in erster Linie der Gebrauch der deutschen Sprache in der multilingualen Community Flickr analysiert werden sollte, musste für die Datenerhebung eine Teilcommunity ausgewählt werden, in der möglichst viele deutschsprachige Texte zu finden waren (vgl. Kapitel 9.1). Auch bei der Analyse der Tags spielt der Multilingualismus eine Rolle: Es stellt sich zum Beispiel die Frage, unter welchen Umständen eine Zeichenfolge einer bestimmten Sprache zugerechnet werden kann (vgl. Kapitel 9.2.2). Bezüglich der Untersuchung von Folksonomien (vgl. Kapitel 5.3) sind intersprachliche semantische Relationen wie beispielsweise Übersetzungen von Bedeutung, insbesondere auch aus der Perspektive des Retrievals (vgl. Kapitel 5). Ebenso lassen sich bei Notizen mehrsprachige Dialoge finden, vgl. beispielsweise Tabelle 29 auf Seite 287. Da in der vorliegenden Arbeit der Untersuchungsschwerpunkt jedoch nicht auf der multilingualen Kommunikation liegt, bleibt das von Androutsopoulos (2013: 688) formulierte Forschungsdesiderat weitgehend bestehen, Code-Switching-Phänomene in Social-Networking- und Social-Sharing-Communitys zu analysieren. Großes Potential bieten diesbezüglich auf Flickr sicherlich die Kommentare zu den Fotos, die sich einerseits auf vorangegangene Kommentare, andererseits auf den Bildtitel oder die Bildbeschreibung beziehen und dementsprechend sprachlich angepasst werden können.

Als ein weiteres Merkmal der Kommunikation im Social Web kann die Nonverbalität genannt werden. Gemeint sind damit Aktivitäten wie das Anklicken des Like-Buttons124, des Poke-Buttons, des Share-Buttons oder das Versenden und Beantworten von Freundschafts-Anfragen, die auch als »Ein-Klick-Kom ← 91 | 92 → munikation« (Neumann-Braun, Wirz 2010: 165) bezeichnet werden können. Im Gegensatz zu Kommentaren, die getippt werden müssen und daher einen gewissen Aufwand darstellen, ist das Drücken eines Buttons äußerst ökonomisch125. Der Like-Button wird nicht nur verwendet um auszudrücken, dass man vom Inhalt begeistert ist. Teilweise wird er auch benutzt um zu signalisieren, dass ein bestimmter Inhalt rezipiert wurde. In anderen Communitys gibt es analoge Möglichkeiten, auf Google+ beispielsweise den +1-Button oder auf Flickr und Twitter die Kennzeichnung als Favorit mittels eines Sterns. Neuerdings wird in vielen Anwendungen ein Herz-Symbol in der Funktion des Like-Buttons verwendet, so in Pinterest, Foursquare, Airbnb, Tumblr und Instagram (vgl. Steinschaden 2013). Neben solchen einfachen Ratings kann User Generated Content teilweise auch mittels Anklicken von Sternen auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet werden (vgl. Ebersbach et al. 2011: 121). In der Nightlife-Community Partyguide kann man Bilder mit einem Klick beurteilen, indem man ein lachendes oder ein weinendes Emoticon auswählt. Davor gab es ebenfalls eine Ein-Klick-Bewertung, bei der man von den Attributen cool, genial, witzig, süss, langweilig, sexy, heiss, traurig und doof eines auswählen konnte. Die Auswahlmöglichkeiten machen deutlich, dass die Attribute sich auf den Bildinhalt und nicht auf die Qualität oder Entstehungsart des Fotos beziehen. Eine ähnliche Ein-Klick-Bewertung findet sich in der Kunst-Sharing-Community deviantART (vgl. Kapitel 4.2), wobei dort die Wirkung des Kunstwerkes auf den Betrachter im Vordergrund steht: love, joy, wow, mad, sad, fear und neutral stehen zur Auswahl.

Bei der Poke-Funktion wird ein Kontakt in einer Community – wie das englische Wort bereits sagt – angestupst, d. h. er erhält eine Nachricht, dass er angestupst wurde.126 Es handelt sich dabei um eine effiziente Möglichkeit, um mit Menschen (wieder) in Kontakt zu treten oder ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.127 Sowohl die Like- als auch die Poke-Funktion sind phatischer Natur ← 92 | 93 → und werden genutzt, um Nähe zu signalisieren oder die Aufmerksamkeit des Kommunikationspartners auf sich zu ziehen (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 59–60). Share-Buttons schließlich – auf Twitter nennt sich die Funktion retweet – werden dazu genutzt, fremde Inhalte an die eigenen Freunde oder Follower weiterzuleiten. Herring (2013: 12) postuliert, dass Retweets kein neues Phänomen des Social Webs seien, sondern »a modern form of the older practice in textual CMC of ›quoting‹ in asynchronous messages.« Dem kann nur bedingt zugestimmt werden: Beim Retweeten oder Teilen von Inhalten kann zwar ein eigener Kommentar hinzugefügt werden, er muss aber nicht unbedingt Bestandteil sein. Das Weiterleiten von Nachrichten ohne eigenen Kommentar ähnelt eher Kettenbriefen, wie sie einst auch via E-Mail populär waren: Texte oder Bilder sollen an andere weitergeleitet werden.

Die Folgen der genannten kommunikativen Praxen sind die Multiplizierung und Quantifizierung von Inhalten. Die beschriebenen Arten der nonverbalen Kommunikation können als (teil-)automatisierte Kommunikation bezeichnet werden: Das Anklicken des Like- oder Share-Buttons generiert in der Timeline automatische Nachrichten wie »Nutzername gefällt XY« bzw. »Nutzername hat XY geteilt«: »Auf die durchschnittliche Anzahl an ›Freunden‹ umgelegt sind mit einem einzigen Klick 130 kommunikative Teilprozesse verbunden, für die der/die Klickende nichts veranlassen muss« (Siever 2011b). Was diese Art von Multiplizierung betrifft, so handelt es sich um eine Huhn-Ei-Frage: Wird durch diese (teil-)automatisierte Kommunikation versucht, des »communication overload« (Siever 2013: 14) Herr zu werden, oder wird der Communication Overload durch die (teil-)automatisierte Kommunikation verursacht?

Die Multiplizierung von Nachrichten kann nicht nur innerhalb einer Community, sondern auch über Community-Grenzen hinweg stattfinden: Postings einer Community kann man sich automatisch auch in einer anderen anzeigen lassen, was das Kommunikationsaufkommen nochmals erhöht. Neben der bereits genannten Verknüpfung verschiedener Konten können dazu auch Dienste wie IFTTT (if this then that)128 verwendet werden. Mit IFTTT können 64 verschiedene Anwendungen129 gekoppelt werden und es werden unter bestimmten, vom Nutzer festzulegenden Bedingungen Aktionen ausgeführt. So können Fotos, die man in die Dropbox lädt, automatisch auf Flickr hochgeladen werden, Flickr-Fotos getweetet werden, mit einem bestimmten Tag versehene Fotos auf Flickr auto ← 93 | 94 → matisch bei Tumblr publiziert werden, bei Tumblr eingestellte Fotos automatisch auf Facebook gepostet werden und so weiter. Folglich kommt im Social Web der Quantifizierung eine bedeutendere Rolle zu: Die Aufmerksamkeit, die bestimmte Inhalte erzielen, wird auf Social-Web-Sites immer häufiger quantifiziert angegeben, beispielsweise in der Anzahl der Besucher, der Anzahl der (positiven) Bewertungen und der Häufigkeit des Teilens.

3.5  Social Web versus (Social) Semantic Web

Sowohl das Social Web als auch das sogenannte Semantic Web130 sind Formen des WWWs, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufkamen. Beider Ziel war eine qualitative Verbesserung des Webs; während das Social Web schnell populär wurde, fand die »Vision vom Semantic Web dagegen […] trotz vielfältiger und durchaus produktiver Aktivitäten bislang vergleichsweise selten den Weg aus dem akademischen Bereich und den Forschungslabors großer Unternehmen […] in die Medienrealität« (Schneider 2008: 114–115). Dieser Zusammenhang spiegelt sich auch in Google Trends wider: Zunächst ist zwar der Suchbegriff Semantic Web populärer, doch um die Jahre 2007 und 2008 herum kehrt sich die Gewichtung um (vgl. Abbildung 10).

Abbildung 10:  Social Web und Semantic Web bei Google Trends131

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Die Idee des Semantic Webs lautet, Daten im Web semantisch derart zu annotieren, d. h. mit Metadaten zu versehen, dass Computer dazu fähig sind, Infor ← 94 | 95 → mationen bedeutungsvoll zu kombinieren (vgl. Weller 2010: 53) bzw. semantisch zu deuten. Somit können Software-Agenten Aufgaben für Nutzerinnen und Nutzer erledigen (vgl. Ngonga Ngomo 2012: 11). Es handelt sich dabei um eine »intelligente Suche, welche von Suchmaschinen zu Antwortmaschinen führt« (Stanoevska-Slabeva 2008: 36). Diese Antwortmaschinen sind semantische Such-maschinen, die nicht aufgrund der einzelnen Suchbegriffe Resultate liefern, sondern eine natürlichsprachige Frage semantisch zu interpretieren versuchen.132 So können »auch Dokumente gefunden werden, in denen der Suchbegriff gar nicht vorkommt, vielleicht aber ein Synonym davon oder der englischsprachige Ausdruck dafür« (Blumauer, Pellegrini 2006: 21). Gibt man beispielsweise die Frage »Wie alt ist die Tochter des Präsidenten von Amerika?« in eine herkömmliche Suchmaschine ein, muss man sich die Antwort in den Treffern selbst suchen. Eine semantische Suchmaschine hingegen würde ermitteln, wer aktuell Präsident oder Präsidentin der USA ist, ob er bzw. sie eine Tochter hat und falls ja, wann diese geboren ist. Als Resultat bekäme man den Namen der Tochter, deren Geburtsdatum sowie das automatisch berechnete Alter oder die Auskunft, dass der aktuelle Präsident oder die aktuelle Präsidentin keine Tochter habe. Die wohl bekannteste Anwendung in diesem Bereich ist Siri von Apple, die seit Ende 2011 auf dem iPhone verfügbar ist. Der virtuellen Agentin Siri kommt die Funktion einer persönlichen Assistentin zu: Natürlich gesprochene Sprache wird verarbeitet, es werden Fragen beantwortet und Anweisungen ausgeführt. Auf die Frage »Brauche ich morgen einen Regenschirm?« reagiert Siri mit der Bereitstellung der Wettervorhersage, auf die Frage »Wo kann ich hier in der Nähe Pizza essen?« mit dem Vorschlag einiger italienischer Restaurants im Umkreis. Analog funktioniert die Social-Graph-Suche bei Facebook, die erst als Betaversion verfügbar ist, mit der man aber zukünftig Suchresultate für Anfragen wie »Restaurants in London, die meine Freunde besucht haben« oder »Personen, die gerne Fahrrad fahren und in Seattle, Washington wohnen« bekommen soll.133

Sowohl beim Semantic als auch beim Social Web spielt die Wissensorganisation eine eminente Rolle: Bei beiden geht es um die Bewertung von Inhalten. Während im Social Web die inhaltliche Klassifizierung in Folksonomien134 durch die verschiedenen Nutzerinnen und Nutzer bottom-up vor sich geht, wird die Klassifikation im Semantic Web von Expertinnen und Experten top-down in ← 95 | 96 → Form von sogenannten Ontologien vorgenommen (vgl. Kap 5.4 sowie Schneider 2008: 124). In Ontologien werden Informationen so zueinander in Beziehung gesetzt, dass eine automatische Auswertung möglich wird.

In Anlehnung an den Terminus Web 2.0 für das Social Web wird beim Semantic Web zuweilen auch vom Web 3.0 gesprochen.135 Der Ausdruck Social Semantic Web (sozio-semantisches Web136) schließlich bezeichnet »die Vereinigung von umfangreichen Wissensdatenbanken, die von der Internet-Gemeinschaft kollaborativ erstellt werden, mit der Ausdrucksmächtigkeit und den Inferenzmechanismen des Semantic Web« (Gurevych 2010: 544). Die Forschung in diesem Bereich geht einerseits der Frage nach, was die Technologien des Semantic Webs vom Social Web lernen können, und evaluiert andererseits, wie die Techniken des Semantic Webs genutzt werden können, um die Werte von Social-Web-Angeboten zu erhöhen (vgl. Weller 2010: 78).

3.6  Synopse

Das Social Web zeichnet sich zum einen durch unscharfe Grenzziehungen, zum andern durch vielfältige Vernetzungen aus. So lässt sich das Social Web weder klar von einem früheren Stadium des WWWs noch von anderen Diensten des Internets wie beispielsweise internetbasierten Client-Anwendungen unterscheiden. Das Social Web umfasst verschiedene Communitys, den darin entstehenden User Generated Content sowie die sich bildenden sozialen Netzwerke zwischen den Nutzerinnen und Nutzern. Auch bei der Einordnung von Userinnen und Usern hinsichtlich ihrer Aktivität gibt es keine klaren Grenzen zwischen Produktion und Rezeption; die Nutzenden sind Prosumentinnen und Prosumenten und handeln sowohl produzierend als auch konsumierend. Sie nehmen dabei Rollen ein, die teils näher am Pol der Produktion, teils näher an demjenigen der Rezeption liegen. Obwohl das Social Web immer wieder als »Mitmachnetz« bezeichnet wird, führt diese Bezeichnung in die Irre: Zwar können sich theoretisch alle beteiligen, doch in der Praxis wird die Möglichkeit der Partizipation nur von wenigen genutzt. Die schweigende Mehrheit der Lurker liegt in vielen Social-Web-Communitys bei über 90 %. Würden jedoch die Rezipierenden zu Produzierenden, so könnte ← 96 | 97 → aufgrund eines Information Overloads nur ein Bruchteil des Publizierten rezipiert werden. Die Kategorisierung der Social-Web-Communitys hat gezeigt, dass keine strikte Grenzziehung zwischen den einzelnen Communitys möglich ist. Die Aspekte der Beziehungspflege, des Informationsaustauschs, der Kollaboration und der Unterhaltung spielen in den verschiedenen Communitys eine unterschiedlich große Rolle. Zudem kann man konstatieren, dass sich die Communitys zukünftig auch deshalb immer stärker aneinander angleichen werden, weil Funktionen, die in bestimmten Communitys bekannt und beliebt sind, in anderen ebenfalls implementiert werden.137 Als Beispiel hierfür kann die Einführung des Hashtags auf Facebook genannt werden: Das Social Tagging ist an sich eine typische Aktivität von Social-Sharing-Communitys und nicht von Social-Networking-Communitys. Bei den Letztgenannten stehen die Nutzerinnen und Nutzer sowie deren Profile und Freundschaftsnetzwerke im Zentrum. Social-Networking-Communitys sind Kommunikationsplattformen, auf denen die Userinnen und User zwischen verschiedenen Kommunikationsformen wählen können. Sowohl bei den Social-Sharing- als auch den Social-Collecting-Communitys sind hingegen die Inhalte am wichtigsten. Der Unterschied zwischen den beiden Arten von Communitys besteht darin, dass in Social-Sharing-Communitys überwiegend selbst erstellte Inhalte publiziert werden, wohingegen es bei Social-Collecting-Communitys hauptsächlich um das kollaborative Sammeln und kreative Zusammenstellen von fremden Inhalten geht. Dies gilt auch für die Wikipedia: Das in den Artikeln niedergeschriebene Wissen basiert zumeist auf zusammengetragenen Quellen. Reine Social-Gaming-Communitys spielen im Social Web eine äußerst geringe Rolle. Gespielt werden oftmals auch in Social-Networking-Communitys bereitgestellte Spiele.

Was die Vernetzung im Social Web betrifft, so wurden bereits die Vernetzung der Individuen sowie die Kombination von Kommunikationsformen auf einer Kommunikationsplattform erwähnt. Inzwischen können auch Communitys miteinander verknüpft werden, damit Kommunikate automatisch auch auf anderen Plattformen publiziert werden. Die veröffentlichten Inhalte wiederum sind häufig Rekombinationen von User Generated Content. Aus linguistischer Sicht ist insbesondere von Interesse, dass die Kommunikate oftmals multimodal sind, das heißt aus einer Verbindung von unterschiedlichen Modalitäten bestehen und die Bedeutung des Textes abnimmt (vgl. Kapitel 7.7). Nicht zuletzt sei erwähnt, dass auch die Kombination von verschiedenen Einzelsprachen, also der Multilingualismus, ein typisches Merkmal der Kommunikation im Social Web ist, das sich aus der Globalisierung und weltweiten Vernetzung ergibt. ← 97 | 98 →

Die genannten Aspekte der Multimodalität und des Multilingualismus sowie der Nonverbalität können als Charakteristika der Kommunikation im Social Web bezeichnet werden. Nicht, dass diese Faktoren in Prä-Social-Web-Zeiten nicht existiert hätten – dennoch kann eine enorme quantitative Zunahme dieser Phänomene beobachtet werden. Bei den weiteren im Kapitel 3.4 besprochenen typischen sprachlichen Merkmalen der digitalen Kommunikation wäre es lohnend zu untersuchen, inwiefern sich deren Gebrauch im Social Web von der früheren Phase des WWWs unterscheidet. Hierzu wären umfassende empirische Studien – nach Möglichkeit anhand von Big-Data-Korpora (vgl. Boyd, Crawford 2012: 663) – vonnöten, welche unterschiedliche Kommunikationsformen und darin wiederum verschiedene Kommunikat-Sorten berücksichtigen müssten und bei denen folglich kommunikationsform-spezifische Faktoren wie beispielsweise die zeitliche (Synchronizität, zeichen- oder beitragsweise Nachrichtenübermittlung, Persistenz), die räumliche (Zeichenbegrenzung, Nachrichtenlayout, Zitierfunktion und Zugänglichkeit) oder die semiotische Dimension (Zeichenmodalitäten) als Variablen konstant gehalten werden müssten. Bei vergleichenden Studien müssten zudem Situationsfaktoren wie die Anzahl der Kommunikationspartner und die Kommunikationsrichtung, soziolinguistische Aspekte der Kommunikationsteilnehmenden sowie Kommunikationsziele, -inhalte und -normen übereinstimmen. Kontrastiert man auf diese Weise Kommunikat-Sorten und Kommunikationsformen des Social Webs mit herkömmlichen, so könnte empirisch herausgearbeitet werden, welche sprachlichen (oder auch nicht-sprachlichen) Merkmale für die Kommunikation im Social Web typisch sind. Neben den diskutierten Phänomenen wie Emoticons, Inflektive, sprachökonomische Formen, Nonstandardschreibungen, Graphostilistik und Aspekte der konzeptionellen Mündlichkeit würden sich je nach Untersuchungsgegenstand weitere Aspekte finden lassen, die es zu berücksichtigen gilt. Treten einzelne Merkmale in mehreren Kommunikat-Sorten und Kommunikationsformen in unterschiedlichen Communitys auf, so können diese als typisch für das Social Web bezeichnet werden.

Während die digitale Kommunikation der Prä-Social-Web-Phase mittlerweile sprachwissen-schaftlich in extenso erforscht wurde, ist die Anzahl der Publikationen zur Kommunikation im Social Web recht überschaubar. Da die sprachlichen Merkmale im Social Web oftmals denjenigen der herkömmlichen digitalen Kommunikation ähneln, seien hier in aller Kürze die wichtigsten Titel der germanistischen Literatur genannt.138 Seit den frühesten Arbeiten zur deutschsprachigen digitalen Kommunikation wie dem Sammelband von Weingarten (1997) und ← 98 | 99 → der Monographie von Runkehl, Schlobinski und Siever (1998: 90) sind unzählige Detailanalysen erschienen.139

Vor allem die Kommunikationsformen Chat und E-Mail sind umfassend untersucht worden (vgl. Storrer 2010: 2218). Zum Chat sind die Arbeiten von Beißwenger (2000: 37; 2004; 2005; 2007; 2010; 2013) und die von ihm bzw. ihm und Storrer herausgegebenen Sammelbände (Beißwenger 2002a, 2002b; Beißwenger, Storrer 2005) hervorzuheben. Namentlich die Thematik der konzeptionellen Mündlichkeit im Chat zog das Interesse der Forschenden auf sich (Bader 2002: 52; Dürscheid 2003; Dürscheid, Brommer 2009; Hess-Lüttich, Wilde 2003: 167; Storrer 2001a: 452; Thaler 2007: 147). Gut untersucht ist auch der Gebrauch von schweizerdeutschen Dialekten im Chat (Aschwanden 2001; Gerber 2006; Siebenhaar 2005a, Siebenhaar 2005b, Siebenhaar 2006a, Siebenhaar 2006b, Siebenhaar 2006c). Darüber hinaus lassen sich Analysen zu den verschiedensten Themengebieten finden, so beispielsweise eine Stilanalyse des Chats (Luckhardt 2009), ein Aufsatz zum Thema Sprachstil und Sprachvariation im Chat (Storrer 2013), eine diachrone Studie (2000–2010) zur Verwendung von Inflektivkonstruktionen (Henn-Memmesheimer, Eggers 2010), die kommunikative Handlung des Streitens (Luginbühl 2003) oder auch Arbeiten zu spezifischeren Themen wie der kontrastiven Untersuchung von deutschen und schwedischen Gesprächspartikeln (Nilsson 2013) sowie der Analyse der innovativen Schriftlichkeit im Chat mit besonderem Fokus auf den Gebrauch der modalen Verben (Albert 2013). Zum Instant Messaging gibt es nur vereinzelt Studien, was wahrscheinlich auf die schwierigere Datenerhebung zurückgeführt werden kann. Genannt sei für das Deutsche die Arbeit von Kessler (2008) und ergänzend der aktuelle Hand-buchartikel von Baron (2013) für das Englische.

Zur Kommunikationsform E-Mail sei in erster Linie der Sammelband von Ziegler und Dürscheid (2002) erwähnt, in dessen Beiträgen verschiedene Aspekte der E-Mail-Kommunikation analysiert wurden. Dürscheid (2002a; 2005a; 2006; 2009) hat sich zudem in mehreren Beiträgen der E-Mail-Kommunikation gewidmet. Als frühe Publikationen zur beruflichen wie auch privaten E-Mail-Kommunikation können die Aufsätze von Janich (1994), Günther und Wyss (1996) und Pansegrau (1997) genannt werden. Hervorgehoben sei schließlich der Beitrag von Elspaß (2002: 27), in dem Analogien zwischen E-Mails und Auswandererbriefen des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufgezeigt werden. Diese Studie macht deutlich, ← 99 | 100 → dass nicht nur Vergleiche verschiedener digitaler Kommunikationsformen von Interesse sind, sondern auch solche mit analogen. Wenn beispielsweise Sprachökonomie als typisches Merkmal der digitalen Kommunikation angeführt wird, so muss gefragt werden, ob es nicht vielmehr ein typisches Merkmal raumbegrenzter Textsorten darstellt. So konnte Siever (2011c: 398) in seiner Analyse folgende Reduktionsskala für raumbegrenzte Textsorten aufstellen: »Bons (54 %) > Kleinanzeigen 2005 (34 %) > Kleinanzeigen 1955 (32 %) > Alpenpanorama (21 %) > SMS-Mitteilungen (14 %) > Newsticker (6 %) > Fahrgastfernsehen (6 %)«. Hieran zeigt sich deutlich, dass das Vergleichsobjekt entscheidend ist: Im Vergleich mit anderen raumbegrenzten Textsorten liegen SMS-Nachrichten im Mittelfeld, zieht man aber Zeitungsartikel (3 %) zum Vergleich heran, so erscheinen SMS natürlich als Texte mit einem hohen Anteil an sprachökonomischen Formen.

Auch zur SMS-Kommunikation sind zahlreiche Artikel erschienen.140 Besonders hingewiesen sei an dieser Stelle auf das internationale Projekt sms4science, in dem für das Deutsche ein Teilprojekt zur SMS-Kommunikation in der Deutsch-schweiz durchgeführt wird.141 Sowohl die SMS- als auch die E-Mail-Kommunikation ist mittlerweile rückläufig. Stattdessen werden Kommunikationsplattformen des Social Webs oder Apps wie WhatsApp verwendet. Auch in diesem Bereich sind demnach diachrone Studien ein Desiderat.

Zur digitalen Kommunikation in Prä-Social-Web-Zeiten sei abschließend auf weitere Sammelbände zum Thema (Androutsopoulos et al. 2006; Beißwenger et al. 2004; Siever et al. 2005; Schlobinski 2006b) sowie auf das kürzlich erschienene Handbuch »Pragmatics of Computer-Mediated Communication« (Herring et al. 2013b) verwiesen, welches überwiegend einen Überblick über die englischsprachige Forschung, jedoch in manchen Beiträgen auch über die deutschsprachige gibt (Androutsopoulos 2013; Bieswanger 2013; Dürscheid, Frehner 2013; Gruber 2013; Paolillo, Zelenkauskaite 2013; Thurlow, Poff 2013). Im Handbuch konnte allerdings die Kommunikation im Social Web nicht berücksichtigt werden; eine Ausnahme bildet der Beitrag zum Blogging (Puschmann 2013).

Nennenswerte Arbeiten der germanistischen Linguistik zur Kommunikation im Social Web sind in dem von Siever und Schlobinski (2012) herausgegebenen Sammelband sowie im Deutschunterricht-Themenheft »Sprache und Kommunikation im Web 2.0« (Schlobinski, Siever 2012) zu finden. In dem von Bedijs und ← 100 | 101 → Heyder (2012b) publizierten Sammelband ist der Beitrag von Kallweit (2012) zu graphostilistischen Schreibvarianten hervorzuheben, die der Autor in historische Schreibtraditionen einordnet. Für das Englische sind insbesondere zwei Werke interessant, einerseits der von Tannen und Trester (2013) edierte Sammelband zum »Discourse 2.0«, andererseits die Monographie von Barton und Lee (2013), in der die Kommunikation im Social Web im Zentrum steht. Jucker und Dürscheid (2012: 39) schließlich konstatieren, dass neue Kommunikationsformen neue Analysetools benötigen und schlagen eine Terminologie vor, die die Realität der aktuellen digitalen Kommunikation adäquater beschreibt.

Zum Themenbereich Social-Networking-Sites ist die Studie von Tuor (2009) nennenswert, in der Pinnwandeinträge in den Communitys studivz, Seniorweb, XING und Facebook analysiert wurden. Brommer und Dürscheid (2012) haben die Kommunikation von Jugendlichen bei Facebook untersucht und auch in Dürscheid et al. (2010: 138–141) sind Texte von Jugendlichen in den Social-Networking-Communitys Facebook und Netlog auf graphischer und stilistischer Ebene analysiert worden. Im Zusammenhang mit der Diskussion um private und öffentliche Kommunikation betrachtet Dürscheid (2007) auch die Kommunikation auf MySpace. Thelwall (2009) hat eine Studie zu englischsprachigen MySpace-Kommentaren vorgelegt. Pérez-Sabater (2012) hat englischsprachige Pinnwandeinträge auf Facebook-Präsenzen verschiedener Universitäten bezüglich der (In-)Formalität der Sprache analysiert. Am Beispiel des Konzepts Freund schließlich haben Dürscheid und Brommer (2013) Überlegungen zum Sprachwandel durch Social-Networking-Communitys angestellt.

Zu Weblogs und Microblogs liegen je eine internationale, sprachvergleichende Studie (vgl. Schlobinski, Siever 2005; Schlobinski, Siever 2013), zum Microblogging einige Analysen zu deutschsprachigen (vgl. Demuth, Schulz 2010; Moraldo 2009b, Moraldo 2012; Siever 2012b) sowie englischsprachigen Tweets (vgl. Honeycutt, Herring 2009; Lee 2011) vor. Zu Wikipedia sind zwei Beiträge zum textorientierten bzw. interaktionsorientierten Schreiben auf Wikipedia erschienen (Storrer 2012, Storrer 2013), in denen Artikelseiten mit Diskussionsseiten verglichen wurden. Kallass (2012) hat den kollaborativen Schreibprozess auf Wikipedia untersucht. Zum Sprachgebrauch in Consumer-Communitys liegt meines Wissens nur eine einzige Arbeit vor: Imo (2012) hat anhand von Produktbeschreibungen in einem Online-Auktionshaus konstatiert, dass das informelle Schreiben nicht als Indikator für Sprachverfall gewertet werden kann.

Zu Social-Sharing-Communitys gibt es noch kaum sprachwissenschaftliche Untersuchungen. Frobenius (2011; 2013) hat Eröffnungssequenzen und Zeigegesten in ← 101 | 102 → Video-Blogs auf YouTube analysiert, Demarmels (2010) zeigt an FanVids142 auf You-Tube die multimodale kulturelle Praxis des Mashups auf. Androutsopoulos (2010a; 2010b) schließlich beschreibt den Dialektgebrauch auf YouTube. Auch linguistische Arbeiten zu Foto-Communitys wie Flickr liegen noch kaum vor. Untersucht wurde bisher Flickr als multilinguale Community (vgl. Lee, Barton 2011; Barton, Lee 2013: 45–48), der metasprachliche Diskurs über Englisch-Kompetenzen von Nicht-Muttersprachlern auf Flickr (vgl. Lee 2013), der Diskurs über das Lernen auf Flickr (Barton 2012) sowie das Stancetaking143 im Tourismus-Diskurs auf Flickr (Thurlow, Jaworski 2011). In diesen Untersuchungen wurde vor allem das Englische berücksichtigt, in den Studien zur multilingualen Kommunikation zusätzlich das Spanische und Chinesische. Zum Deutschen liegen bisher lediglich zwei Publikationen zur Notizen-Kommunikation vor (vgl. Müller 2010, Müller 2012a).

Abschließend kann man konstatieren: Das Social Web beeinflusst und verändert »die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Realität nachhaltig« (Runkehl 2012: 9). Da sich im digitalen Zeitalter mit der Gesellschaft auch die kommunikativen Praktiken grundlegend verändern, ist weitere (linguistische) Forschung in diesem Bereich von großer Relevanz. »Wandel ist für die Wissenschaft gleichzeitig Notwendigkeit und Herausforderung« (Podschuweit, Roessing 2013: 1). So ist es für die Linguistik ein Segen, dass neue Kommunikationsformen, neue kommunikative Praktiken und somit auch neue Untersuchungsobjekte entstehen, doch gleichzeitig ist es auch ein Fluch, da die Forschung mit den aktuellen Veränderungen kaum mithalten kann. Um aktuelle linguistische Forschung betreiben zu können, scheint eine Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftsdisziplinen deshalb zwingend geboten: »Die adäquate Auseinandersetzung mit sich schnell und drastisch verändernden kommunikativen Haushalten erfordert nicht zuletzt Offenheit für die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen im Sinne von Multi-, Inter- und Transdisziplinarität« (Jakobs 2011a: 92). Forschung, die möglichst auf dem neuesten Stand ist, ist nicht zuletzt deshalb notwendig, weil Wandel oftmals zugleich als Fortschritt und auch als Bedrohung wahrgenommen wird. Aufgrund von soliden, empirischen Analysen können Ängste in Bezug auf Veränderungen rationalisiert, relativiert und vielleicht überwunden werden. ← 102 | 103 →


55     YouTube und Wikipedia haben bereits den Eintrag in den Duden geschafft, auch twittern ist – im Gegensatz zu Facebook – im großen Wörterbuch der deutschen Sprache verzeichnet (vgl. Duden 2012). In der 2013 erschienenen 26. Auflage des Rechtschreib-Dudens ist jedoch auch ein Lemma zu Facebook zu finden (vgl. Duden 2013).

56     Auch in weiteren Disziplinen sind Forschungslücken vorhanden. Neuberger (2011: 35) weist darauf hin, dass Social-Networking-Communitys bislang hauptsächlich aus sozialpsychologischer und pädagogischer Sicht empirisch untersucht worden sind.

57     Unter Multimedia wird im Wörterbuch der Medien(sprache) Folgendes verstanden: »Computer-Systeme bzw. computergesteuerte Systeme oder Geräte, die Audio, Video und Daten (Text, Grafik, Töne) integrieren bzw. als/zur Darstellung vereinen.«

58     Vgl. beispielsweise Runkehl (2011: 104) oder den Titel einer Veranstaltung des Europäischen Forums Alpbach: »Sprache 2.0: Wie neue Medien unsere Sprache verändern«, http://www.alpbach.org/de/vortrag/sprache-2-0-wie-neue-medien-unsere-spracheverandern/ (18.08.2013).

59     http://www.goethe.de/lhr/prj/d30/ive/deindex.htm (23.09.2014). Für diesen Hinweis danke ich Christa Dürscheid.

60     http://www.google.de/trends?q=social+web%2C+social+media%2C+web+2.0&ctab=0&geo=all&date=all&sort=0 (24.06.2013).

61     Ein Nachteil dieses Terminus kann allerdings darin gesehen werden, dass es keinen entsprechenden Ausdruck für das Web 1.0 gibt.

62     Als bekannter Vertreter für eine virtuelle Welt sei Second Life genannt.

63     »Der Begriff ›Mashup‹ (von engl. mash: vermischen) kommt aus dem Musikgeschäft und bezeichnet die Erstellung eines Remix, einer Mischung aus bereits bestehenden Liedern, die neu miteinander kombiniert werden. Übertragen auf das Internet ist damit eine Applikation gemeint, auf der Informationen aus verschiedenen Webressourcen bzw. Sites zusammengestellt und daraus ganz eigene Kreationen entwickelt werden« (Ebersbach et al. 2011: 154).

64     Schmidt (2013a: 138–144) unterscheidet drei typische Praktiken des Informations-managements im Social Web: 1. Das Bereitstellen und Verbreiten von Informationen, 2. das kollaborative Bearbeiten von Informationen und 3. das soziale Filtern von Informationen, wobei das Social Tagging dem sozialen Filtern zuzurechnen ist. Die genannten Praktiken sind sowohl durch die technischen Bedingungen als auch durch soziale Normen und Erwartungen geprägt und tragen »zu einem Strukturwandel von Öffentlichkeit bei, indem zur professionellen Vermittlung von Informationen auch die partizipative und die technisierte Intermediation tritt« (Schmidt 2013a: 148).

65     Gemeint sind hier soziale Netzwerke im soziologischen Sinne. Meines Erachtens ist es sinnvoll, den Anglizismus Social-Networking-Community für soziale Netzwerke im Internet zu verwenden, den deutschen Terminus hingegen für den Begriff aus der Soziologie.

66     http://www.alexa.com/topsites (08.11.2011). Im Alexa-Ranking werden die weltweit 100 000 meistbesuchten Domains ermittelt.

67     http://www.ethority.de/weblog/social-media-prisma/ (13.08.2013).

68     Social-Web-Community und Social-Web-Anwendung werden in der vorliegenden Arbeit quasisynonym verwendet, wobei Social-Web-Community den Aspekt der Gemeinschaft stärker in den Vordergrund rückt, Social-Web-Anwendung sowie Social-Web-Site beziehen sich mehr auf die technischen Aspekte.

69     Twitter kann sowohl als Social-Sharing- als auch als Social-Collecting-Community angesehen werden, je nachdem, ob die eingebundenen Bilder oder verwendeten textuellen Inhalte selbst erstellt oder lediglich gesammelt und geteilt werden.

70     Zur Identitätsarbeit in einem weiteren Sinne am Beispiel von Facebook siehe Bolander, Locher 2010.

71     Zuweilen ist auch von »Kontaktmanagement« (Kneidinger 2010: 50) die Rede.

72     themenbezogen = Knowledge-Communitys; austauschbezogen = Social-Sharing-Communitys; transaktionsbezogen = Social-Networking-Community und unterhaltungsbezogen = Social-Gaming-Communitys. Auch Stanoevska-Slabeva (2008: 17) unterscheidet zwischen content- und beziehungsortientierten Plattformen sowie virtuellen Welten, d. h. bei ihr sind Social-Collecting- und Social-Sharing-Communitys in einer Kategorie zusammengefasst.

73     Schneider (2008: 118) bezeichnet diese Kategorie als Social Commerce.

74     Unter Trackbacks versteht man eine Art von Zitationssystem, bei dem eine Verfasserin oder ein Verfasser automatisch benachrichtigt wird, sobald jemand seinen Text zitiert.

75     Auch in Jucker und Dürscheid (2012: 48) wird Twitter zu den Social-Networking-Sites gezählt.

76     Die Attribuierungen eng bzw. weit sind meines Erachtens kontraintuitiv gewählt, da das Beziehungsmanagement vor allem in Social-Networking-Communitys und nicht in Social-Sharing- oder Social-Collecting-Communitys von Bedeutung ist. In den letztgenannten spielt die Beziehungspflege eine geringere Rolle, weshalb solche Communitys – wenn überhaupt – als soziale Netzwerke im weiteren Sinne bezeichnet werden sollten.

77     Vergleiche dazu auch Kapitel 4.

78     Der englische Terminus wird aus folgenden Gründen verwendet: 1) Der Terminus ist gebräuchlicher als die deutschen Varianten Vernetzungsplattformen oder soziale Netzwerke, 2) soziales Netzwerk hat weitere Bedeutungen, beispielsweise in der Soziologie (vgl. Fußnote 65), was einen Zusatz wie online, virtuell o. Ä. zur Spezifizierung notwendig macht, z. B. Computer-Supported Social Networks (Frohner 2010: 123) oder Soziale Online-Netzwerke (Griesbaum 2013: 565); durch die Verwendung des englischen Terminus im Deutschen soll deutlich gemacht werden, dass webbasierte Netzwerke gemeint sind, 3) für Social-Sharing-Site existiert keine geeignete deutschsprachige Entsprechung (die Bezeichnung »objektzentrierte Software« (Ebersbach et al. 2008: 33) ist ungebräuchlich); es ist sinnvoll, deshalb analog zu dieser Nomenklatur auch von Social-Networking-Sites zu sprechen.

79     Andere Bezeichnungen, die man dafür in der Literatur findet, sind video hosting web-sites (Frobenius 2011: 815), File Sharing Communitys (Kilian et al. 2008: 13), social media sites (Lerman, Jones 2007: 1), Mediaplattformen, content sharing sites oder media sharing sites (Androutsopoulos 2010b: 422).

80     Terminologie nach Dürscheid (2007), vgl. Kapitel 6.

80     Vgl. Weitzmann (2010) oder Kapitel 4. Bei Abbildung 4 auf Seite 43 handelt es sich um ein Creative-Commons-Bild. Unten rechts sind Piktogramme zu sehen, welche bedeuten, dass der Name des Urhebers oder der Urheberin genannt werden muss und eine Weitergabe nur unter gleichen Bedingungen möglich ist.

82     Bei Twitter wird zwischen verifizierten und nicht-verifizierten Userinnen und Usern unterschieden, um die Authentizität von Twitterern garantieren zu können: http://support.twitter.com/articles/313322-das-neue_twitter-uber-verfizierte-konten (25.06.2013).

83     Siehe z. B. http://www.flickr.com/upgrade oder http://www.ipernity.com/pro (13.08.2013) sowie Kapitel 4.2.

84     Der Terminus Social-Collecting-Community wird bevorzugt, da in der Kategorisierung der Social-Web-Communitys die Aktivität der Nutzer und nicht die generierten Produkte aus diesen Aktivitäten in den Vordergrund gestellt werden soll (vgl. Abbildung 5).

85     Eine medienlinguistische Analyse von Online-Spielen haben Diekmannshenke und Lohoff (2012) vorgelegt.

86     Das meisterverkaufte PC-Spiel überhaupt ist Die Sims, das auch keine eigentliche Spielhandlung hat; die Onlineversion dieses Spiels ist wegen mangelnden Erfolgs eingestellt worden (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Sims, 11.07.2013).

87     »Unter Cloud Computing wird im Allgemeinen das Auslagern von Daten, Software und Programmierumgebungen ins Internet – in die metaphorische ›Datenwolke‹ – verstanden. Statt die Programme auf der Festplatte des eigenen Computers zu installieren, bezieht sie der Anwender oder die Anwenderin aus dem Web. Die Dateien werden ebenfalls im Internet abgelegt; dadurch kann mit verschiedenen Endgeräten von überall her darauf zugegriffen werden« (Rey 2011: 4).

88     Beispiele für nonverbale Kommunikation bei Facebook sind der Button »Gefällt mir« (englisch: Like) oder der Poke-Button, mit welchem man einer Person mitteilen kann, dass man an sie denkt (vgl. dazu ausführlicher Kapitel 3.4).

89     https://www.facebook.com (14.11.2011). Neuerdings wird jedoch stärker der Aspekt des Social Networkings betont: »Verbinde dich mit Freunden und deiner Umgebung auf Facebook« (25.06.2013).

90     Auch im Deutschen existiert das Verb »posten« und könnte statt »Teilen« verwendet werden: »pos|ten <lat.-it.-fr.-engl.>: (EDV) sich mit Fragen, Antworten, Kommentaren bei Newsgroups im Internet beteiligen« (Duden 2007a). Mittlerweile heißt es jedoch auch in der deutschen Version von Facebook »Posten« (28.02.2013).

91     https://www.facebook.com (29.11.2011).

92     http://www.flickr.com (14.11.2011).

93     Gemeint sind konkret Statusmeldungen, plattforminterne Nachrichten und Pinnwandeinträge (vgl. Pfeffer et al. 2011: 129).

94     http://www.flickr.com/ (24.10.2011). Die Formulierung »Flickr liebt Sie« mischt zwei heutzutage inkompatible Aspekte. Die Liebe als Teil des Familienlebens oder Sexual-verhaltens kann als privater Kommunikationsinhalt gewertet werden (vgl. Kapitel 6), wohingegen die formelle Anredeform dem Nicht-Privaten zuzuordnen ist. Gerade im Internet ist eine solche Formulierung besonders absurd, da es dort bekanntlich üblich ist, sich zu duzen (vgl. Dürscheid 2007: 38). Abgesehen davon enthält die Formulierung einen skurrilen Anthropomorphismus.

95     Ein Beispiel dafür ist Joinbox, eine Anwendung, über welche E-Mails, Twitter- und Facebook-Aktivitäten eingesehen werden können (weitere Communitys wie Google+, LinkedIn und XING hätten in Zukunft auch abrufbar sein sollen, mittlerweile wurde die Anwendung jedoch wieder eingestellt), vgl. dazu http://futurezone.at/produkte/7678-joinbox-schweizer-bauen-die-ultimative-inbox.php#vor (07.07.2013).

96     Für diesen Hinweis danke ich Torsten Siever.

97     https://twitter.com/settings/profile (07.07.2013).

98     Allerdings können auch auf der Social-Networking-Site Facebook Spiele gespielt werden; so ist die beliebteste Facebook-Anwendung das Spiel FarmVille mit einem Höchst-stand von 80 Millionen Nutzern im Februar 2010 (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/FarmVille, Version vom 15.04.2013).

99     Etymologisch kann das Wort vom Englischen to lurk (belauschen) hergeleitet werden.

100   In Herrings (2007: 13) Terminologie: »medium factors«. Die Übersetzungen der einzelnen Faktoren wurden relativ frei anhand der Erläuterungen in Herrings Artikel und in Anlehnung an Termini der deutschsprachigen Literatur vorgenommen. Die englischen Bezeichnungen lauten wie folgt: Synchronicity, Message transmission, Persistence of transcript, Size of message buffer, Channels of communication, Anonymous messaging, Private messaging, Filtering, Quoting und Message format (Herring 2007: 13).

101   Gemeint ist damit, ob Nachrichten zeichenweise oder beitragsweise übermittelt werden. In der deutschsprachigen Literatur ist die Unterscheidung in synchron und quasi-synchron üblich (vgl. Dürscheid 2003: 44). Meines Erachtens müssen die Faktoren Synchronizität und Nachrichtenübertragung nicht einzeln aufgeführt werden, sondern können – wie auch die Persistenz – der zeitlichen Dimension zugerechnet werden.

102   Eine Kommunikationsform mit äußerst geringer Persistenz ist die seit Kurzem populäre Anwendung Snapchat: Die Nachrichten werden je nach Einstellung nach 1 bis 10 Sekunden automatisch gelöscht.

103   Im Englischen heißt es Filtering, gemeint ist aber – folgt man Herrings Erläuterungen – das Blocking. In der Umgangssprache werden Filtern und Abblocken häufig synonym verwendet, doch sind es eigentlich inverse Gegenstücke: Unter Filtering versteht man Software, die aus einer Informationsmenge die gewünschten Informationen extrahiert (herausgefiltert), während beim Blocking Unerwünschtes abgewehrt wird (vgl. Kuhlen 2004: 197).

104   Gemeint sind die räumliche Anordnung und insbesondere auch die Gegebenheit, ob die Informationen chronologisch oder umgekehrt chronologisch aufgeführt werden.

105   Beispielsweise Netiquetten (vgl. Frehner 2008: 41–43).

106   Darunter versteht man Kommunikationsbeiträge, die in einigen Chats, insbesondere in Plauderchats, generiert werden können und mit denen die Chattenden sich selbst in der 3. Person Handlungen, Einstellungen oder Zustände zuschreiben können.

107   Die Termini abbreviations und shortenings verwendet Bieswanger (2013: 474) synonym und versteht darunter »all lexical forms that are made up by fewer characters than the full form of a word or a combination of word«, und zwar »initialisms, clippings, contractions, letter/number-homophones, phonetic spellings, and word-value characters« (Bieswanger 2007: 3–4).

108   Als Beispiel angeführt ist das Initialkurzwort »LOL« (Laughing Out Loud), das neuerdings auch im Duden (2012) mit der diatechnischen Angabe »EDV-Jargon« zu finden ist: »drückt [meist in geschriebenem Text] große Heiterkeit aus«.

109   In der deutschsprachigen Literatur meist als konzeptionelle Mündlichkeit bezeichnet.

110   Die Kreativität jedoch spielt genauso bei gänzlich unökonomischen Formen eine wichtige Rolle (vgl. Siever 2006: 78).

111   TV-Sendung mit Kurzinformationen zu live präsentierten Kamerabildern in den Alpen.

112   Kurzwörter können als »Prototypen sprachlicher Ökonomie schlechthin betrachtet werden« (Siever 2011c: 100) und sind von Abkürzungen dadurch abzugrenzen, dass Letztere nur graphisch, Erstere auch phonisch realisiert werden können.

113   Diese sind definiert als »Komposita, deren erste Konstituente ein bereits existierendes KURZWORT mit einem eigenen BL [= Basislexem, CMS] ist, z. B. Uni-Alltag oder WAA-Gegner« (Kobler-Trill 1994: 23–24, Herv. im Original).

114   Die Morphemreduktion umfasst die Determinansreduktion, die Reduktion auf das Determinans sowie Klammerformen (vgl. Siever 2011c: 198).

115   Der ursprüngliche Beitrag wurde noch vor dem Beginn des Internetzeitalters publiziert (vgl. Koch, Oesterreicher 1985). Insbesondere in der Forschung zu digitalen Medien wurde das Modell häufig rezipiert, kritisiert und erweitert (z. B. Dürscheid 2003, Dürscheid 2004; Landert, Jucker 2011; Reeg 2011; Thaler 2007). Koch und Oesterreicher gehen in zwei neueren Publikationen (2007: 358–359; 2011: 14) auf die Rezeption im Zusammenhang mit den digitalen Medien und die diesbezüglich vorgeschlagenen Erweiterungen ihres Modells – im Gegensatz zu einem 2008 publizierten Beitrag – kurz ein und konstatieren, dass das Modell auch in Zeiten der digitalen Medien seine Gültigkeit behält. Albert (2013: 55–66) ist diesbezüglich anderer Meinung. Sein Hauptkritikpunkt lautet, dass ohne stichhaltige Indizien Phänomene digitaler Schriftlichkeit auf die konzeptionelle Mündlichkeit zurückgeführt werden und dass »Sprachwandelprozesse bzw. innovative Entwicklungen in der Schriftsprachlichkeit […] so von vorneherein nicht adäquat erfasst und beschrieben werden« (Albert 2013: 65) können.

116   Die Prozesse der medialen Transkodierung hingegen nennen sie Verlautlichung bzw. Verschriftung.

117   Bisher hat sich der Terminus nicht durchgesetzt, für eine Kritik an der Terminologie siehe Wetzchewald (2012: 132).

118   Bei Koch und Oesterreicher (1985: 23) ist von »Sprache der Nähe« und »Sprache der Distanz« die Rede, Landert und Jucker (2011) sprechen von »language of immediacy« und »language of distance«. Dürscheid (2003: 50–51) stellt jedoch überzeugend dar, dass diese Terminologie unglücklich gewählt ist – insbesondere in Anbetracht der Anwendung des Modells auf digitale Kommunikationsformen.

119   Sieber (1998) zeigt in seiner Monographie unter dem Terminus Parlando Vermündlichungstendenzen in schulischen Texten auf. Parlando ist aber, wie Dürscheid (2011b: 182–185) gezeigt hat, nicht mit konzeptioneller Mündlichkeit gleichzusetzen.

120   Mit einer diachronen Studie könnte empirisch untersucht werden, ob und inwiefern sich die sprachlichen Merkmale verändert haben.

121   Mitte 2012 verfügten 72,9 % aller Haushalte in Deutschland über einen Breitbandanschluss von mindestens 16 Mbit/s, womit sogar eine Übertragung von HD- und 3-D-Videos möglich ist (vgl. Martens, Herfert 2013: 111).

122   Vergleiche dazu die Ausführungen in Kapitel 6.4 zum Digital Divide.

123   Unter Multilingualismus wird der »Zustand einzelner Personen oder einer sozialen Gemeinschaft [verstanden], die sich bei der täglichen Kommunikation mehrerer unterschiedl. Spr.n bedienen« (Glück 2010: 445). Mit multilingualer Kommunikation ist in der vorliegenden Arbeit gemeint, dass man sich in einer Community in mehreren Sprachen verständigt, wobei der Multilingualismus einzelner Personen dafür natürlich unabdingbar ist.

124   Der Like-Button wurde am 9. Februar 2009 bei Facebook eingeführt, man erkennt ihn am Daumen-hoch-Symbol und er stellt den berühmtesten Vertreter für ein sogenanntes Social Plugin dar. Dies bedeutet, dass der Button nicht nur bei Facebook angeklickt, sondern auf jeder beliebigen Website implementiert werden kann (vgl. Steinschaden 2010: 200).

125   Ökonomisch kann hier sowohl im Sinne von kommunikativer Effizienz als auch in Bezug auf die Wirtschaft verstanden werden: Durch die intensiv genutzte Ein-Klick-Kommunikation können beträchtliche Datenmengen über die Nutzerinnen und Nutzer gesammelt werden, die für den Werbemarkt von großer Bedeutung sind.

126   Mittlerweile ist von Facebook sogar eine App namens Poke verfügbar, mit der sich sowohl Pokes als auch Fotos, Videos und Sprachnachrichten versenden lassen und die als Konkurrenz zu Snapchat verstanden werden kann (vgl. http://futurezone.at/digitallife/13139-poke-facebook-macht-anstupsen-zur-app.php, 25.06.2013).

127   Diese Funktion ist bereits vom Instant Messaging bekannt: Meldet sich ein Kommunikationspartner längere Zeit nicht zu Wort, kann man mit einem Klick die Aufmerksamkeit gezielt auf sich lenken.

128   https://ifttt.com/wtf (04.07.2013).

129   Beispielsweise Delicious, Dropbox, Evernote, Facebook, Flickr, Instagram, LinkedIn, Tumblr, Twitter, WordPress oder You-Tube (vgl. https://ifttt.com/channels, 04.07.2013).

130   Vgl. auch Kapitel 5.4, in dem im Zusammenhang mit dem Social Tagging detaillierter auf das Semantic Web eingegangen wird.

131   http://www.google.com/trends/explore#q=social%20web%2C%20semantic%20web&cmpt=q(01.10.2012).

132   Die marktführende Suchmaschine Google kündigte im März 2012 an, in Zukunft ebenfalls semantische Suche zu ermöglichen (vgl. Ihlenfeld 2012).

133   https://www.facebook.com/about/graphsearch (11.07.2013).

134   Gemeint ist damit die Gesamtheit aller innerhalb eines Systems vergebenen Tags, vgl. Kapitel 5.3.

135   Evans (2009: 15) weist darauf hin, dass der Terminus Web 3.0 nicht nur in dieser Bedeutung, sondern auch für dreidimensionale Informationsräume wie beispielsweise Second Life verwendet wird. Schließlich wird auch das Social Semantic Web als Web 3.0 bezeichnet (vgl. Weller 2010: 78).

136   Zuweilen werden auch die Termini »Semantic Social Web« (Cena et al. 2013: 2) oder »Social Adaptive Semantic Web« (ebd.: 6) verwendet.

137   Ebersbach et al. (2011: 277) vermuten, dass die Trennung in die einzelnen Social-Web-Communitys nicht nur aufgeweicht, sondern gar komplett aufgehoben wird.

138   Der Artikel von Bieswanger (2013) bietet einen umfassenden Überblick über die gesamte sprachwissenschaftliche Forschung in diesem Gebiet.

139   Auf http://www.mediensprache.net/de/literatur/sind über zweieinhalbtausend Titel zur digitalen Kommunikation zu finden, überwiegend aus der Sprachwissenschaft, teils auch aus anderen Fachgebieten.

140   Exemplarisch seien genannt: Dittmann et al. 2007; Döring 2002; Dürscheid 2002a, Dürscheid 2002b; Dürscheid, Stark 2011; Günthner 2011; Schlobinski 2001; G. Schmidt 2006; Siever 2005 und Siever 2012b.

141   Auf der Website des Projekts sind auch sämtliche Publikationen aufgelistet: http://www.sms4-science.uzh.ch/research/publikationen_en.html (27.06.2013).

142   Unter Fan-Videos wird Folgendes verstanden: »Fans schneiden aus dem Bildmaterial ihrer Lieblingsfernsehserien eigene Filme zusammen. Meist bleibt das Filmmaterial nicht so bestehen, wie es im Original ausgestrahlt wurde, sondern Bild und Ton werden zu Gunsten ästhetischer Effekte verändert« (Demarmels 2010: 253).

143   »Stancetaking entails the various ways people position themselves with respect to the things they say or do themselves, or with respect to the things other people say or do. This positioning is typically associated with evaluative comments or behaviours which may be explicit […] or implicit« (Thurlow, Jaworski 2011: 231).

Details

Seiten
495
ISBN (PDF)
9783653044201
ISBN (ePUB)
9783653986280
ISBN (MOBI)
9783653986273
ISBN (Buch)
9783631651612
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (September)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 495 S., 127 s/w Abb., 29 Tab.

Biographische Angaben

Christina Margrit Siever (Autor)

Christina Margrit Siever war Forschungsstipendiatin im Modul «Öffentliche und private Kommunikation in den neuen Medien» des Pro*Doc «Sprache als soziale und kulturelle Praxis» des Schweizerischen Nationalfonds. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Medienlinguistik, Multimodalität, Sprachdidaktik und Dialektologie.

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Titel: Multimodale Kommunikation im Social Web