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Wissen, Medium und Geschlecht

Frauenzimmer-Studien zu Lexikographie, Lehrdichtung und Zeitschrift

von Nikola Roßbach (Autor:in)
Monographie 246 Seiten
Open Access

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • I. Wissen – Medium – Geschlecht. Eine kurze Einführung
  • Lexikographie
  • II. Weibliche Versehen. Zur (Dis-)Kontinuität medizinischen Wissens in Lexika und Enzyklopädien
  • 1. Was wäre wenn. Experiment in Literatur und Medizin
  • 2. Diskurse weiblichen Versehens
  • 3. Popularisierung und Präsenz von Wissen
  • 4. Korpus
  • 4.1 Aufschreiben, Umschreiben. Der Versehens-Diskurs bei Johann Hübner: Curieuses Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon (1712)
  • 4.2 Lemmatisierung. Der Versehens-Diskurs bei Gottlieb Siegmund Corvinus: Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon (1715, 1739, 1773)
  • 4.3 Bestätigen, Behandeln, Begründen, Benutzen. Der Versehens-Diskurs bei Georg Heinrich Zincke: Allgemeines Oeconomisches Lexicon (2 Bde. 1731)
  • 4.4 Medizinische Neugier und Prävention. Der Versehens-Diskurs bei Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste (68 Bde. 1731–1754)
  • 4.5 Debatte und Diskontinuität. Der Versehens-Diskurs bei Johann Georg Krünitz: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft (242 Bde. 1773–1858)
  • 5. Fazit
  • III. Literatur macht Leserinnen. Textinterne Rezeptionsdirektiven in der frühneuzeitlichen Frauenzimmer-Lexikographie
  • 1. Wissen und Geschlecht im 18. Jahrhundert
  • 2. Medien der Auseinandersetzung über Frauen, Gelehrsamkeit und Bildung
  • 3. Frauenzimmer (und) Lexika: Kontext und Konkurrenz
  • 4. Gottlieb Siegmund Corvinus und sein Lexikon
  • 4.1 Emanzipation oder Kontrolle? Thesen zur Funktion des Frauenzimmer-Lexicons
  • 4.2 „Die unentbehrlichen weiblichen Wissenschaften“: Selektivität der Wissensinhalte
  • 4.3 „Eine Frauenzimmer-Bibliothek darf nicht zahlreich seyn“: Quantität der Wissensinhalte
  • 4.4 „wie große Kinder behandelt“? Vermittlung des Wissens
  • 4.5 Transportierte Geschlechtermodelle
  • 5. Die Performativität von Geschlecht
  • Lehrdichtung
  • IV. „Je suis sçavante!“ Zum Verhältnis von weiblicher Gelehrsamkeit und Kulturtransfer am Beispiel der deutschen Übersetzungen von Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes
  • 1. Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes
  • 1.1 Verführung zur Gelehrsamkeit?
  • 1.2 Popularisierung
  • 1.3 Wahrheit
  • 1.4 Performanz und Macht
  • 2. „ein deutscher Fontenelle“
  • 2.1 Ehrenfried Walther von Tschirnhaus übersetzt Gespräche von Mehr als einer Welt zwischen einem Frauen-Zimmer und einem Gelehrten (1698)
  • 2.2 Johann Christoph Gottsched übersetzt Herrn Bernhards von Fontenelle Gespräche von Mehr als einer Welt zwischen einem Frauenzimmer und einem Gelehrten (1726, 1730, 1738, 1751, 1760, 1771)
  • 2.3 Wilhelm Christhelf Mylius übersetzt Bernhard von Fontenelle Dialogen über die Mehrheit der Welten. Mit Anmerkungen und Kupfertafeln von Johann Elert Bode (1780, 1789, 1798)
  • 2.4 R… übersetzt Herrn von Fontenelle Unterredungen über die Mehrheit der Welten. Ein astronomisches Handbuch für das schöne Geschlecht (1794, 1795)
  • 3. Polyphonie der Übersetzung
  • V. Der Bergmann Sidonia Hedwig Zäunemann. Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung
  • 1. Ein gelehrtes Frauenzimmer
  • 2. „Ich will, ich muß ein Bergmann seyn“
  • 3. Montane Räume und Texte
  • 4. Erlebter und verdichteter Raum im Lehrgedicht: „Das Ilmenauische Bergwerk“
  • 4.1 „So fahr ich in das Tiefste ein.“ Raum – Bewegung – Wissen
  • 4.2 „nun bin ich ganz verkleidt!“ Strategie der Maskulinisierung
  • 4.3 „Beglücktes Bergwerk!“ Nutzen und Ästhetik der Arbeit
  • 5. Der Untergang der wilden Reiterin
  • Zeitschrift
  • VI. Mediale Präsenz, mediales Produkt: „die berühmte thüringische Tichterin, die Jungfer Zäunemannin“ in den Hamburgischen Berichten von neuen Gelehrten Sachen
  • 1. Kohl und seine Blätter
  • 2. Die Dichterin und ihr Medium
  • 3. Die Texte von und über Zäunemann
  • 3.1 Hamburgische Berichte 1734
  • 3.2 Hamburgische Berichte 1735
  • 3.3 Hamburgische Berichte 1736
  • 3.4 Hamburgische Berichte 1737
  • 3.5 Hamburgische Berichte 1738
  • 3.6 Hamburgische Berichte 1739
  • 3.7 Hamburgische Berichte 1741
  • VII. Blumen und Gemüse. Frauenbildungskonzepte in Sophie von La Roches Zeitschrift Pomona
  • 1. Blumen pflücken. Bilder und Bildung
  • 1.1 Zur Pomona. Zwischen Emanzipation und Anpassung
  • 1.2 Botanische Wissensmetaphorik: Vorüberlegungen
  • 1.2.1 Topographie des Wissens
  • 1.2.2 Florilegiumsstruktur
  • 1.2.3 Metaphorizität des Diskurses von Wissen und Geschlecht
  • 1.3 Botanische Wissensmetaphorik: Textuntersuchungen
  • 1.3.1 Nelke Lina
  • 1.3.2 Damenkränze
  • 1.3.3 Biene, Naturalienkabinett, blumenlose Landschaft
  • 1.3.4 Blumen/Wissen
  • 1.3.5 Blumen, Mangel, Macht
  • 1.3.6 Blumen/Nichtwissen?
  • 1.4 Frauenbildung verblümt
  • 2. Gemüse pflanzen. Garten und Erziehung
  • 2.1 Gartenwisse im 18. Jahrhundert
  • 2.2 Lustgarten und Nutzgarten
  • 2.3 „Ich sehe lieber einen Gärtner als einen Juwelier“ – Gärten in der Pomona
  • 2.3.1 Garten als Metapher
  • 2.3.2 Garten als fiktionaler Handlungs- und Ereignisraum
  • 2.3.2.1 Garten als Ort der Menschlichkeit und Liebe
  • 2.3.2.2 Garten als Ort der Bildung und Erziehung
  • 2.3.3 Garten als Gegenstand des Wissens
  • 2.3.3.1 Linas Gemüßgarten
  • 2.3.3.2 „von 50 Gatt. Salat ist der beste, der von Versailles“
  • VIII. Mediokrität und Medialität. Eine spätaufklärerische Frauenzeitschrift
  • 1. Die Mitte
  • 1.1 Masse, Medium
  • 1.2 Semantik der Mitte
  • 1.3 Mittelmaß
  • 1.4 Misslingen
  • 2. Georg Carl Claudius: Frauenzimmerbibliothek
  • 2.1 Programmatik
  • 2.2 Diskurse der Mitte
  • 2.2.1 Wissen/Bildung
  • 2.2.2 Ästhetik
  • 2.2.3 Politik
  • 2.2.4 Moral
  • 2.2.5 Religion
  • 3. Die Präsenz der leeren Mitte
  • IX. Bibliographie
  • 1. Quellen
  • 2. Forschung
  • Reihenübersicht

I.Wissen – Medium – Geschlecht. Eine kurze Einführung

Wissen ist immer an kulturelle, soziale und sachliche Kontexte gebunden, an Zeit und Raum. Es ist dynamisch, diachron wie synchron veränderbar und daher immer nur vorläufig wahr. Es ist etwas Gemachtes, ein unter bestimmten Voraussetzungen in bestimmten Kontexten entstandenes Konstrukt – und diese Feststellung bleibt auch dann gültig, wenn man unter Wissen (weiterhin) ein gerechtfertigtes oder verlässliches Meinen versteht, das auf Prämissen beruht, begründbar und überprüfbar ist.

Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts erfand das Wissen neu. Das beanspruchte sie zumindest für sich. Dass die Aufklärung vor allem sich selbst erfunden hat, also eine Art Diskursgeburt ist, hat die Forschung inzwischen erkannt. Zwar ist es auch weiterhin nicht falsch, sie allgemein als „Umwälzungs- und Reformprozeß (auch als Säkularisation, Rationalisierung, Modernisierung, bürgerliche Emanzipation usw. beschrieben)“ zu charakterisieren, der sich „politisch-gesellschaftlich als Selbstbestimmung […], wissenschaftlich und philosophisch als Befreiung von ‚Vorurteilen‘ und unbefragt verbindlichen Traditionen (zugunsten von Empirie, Deduktion und Selbstbegründung), theologisch als Ablösung des Offenbarungsglaubens durch vernunftmäßig begründbare Überzeugung“ (Zelle 1997, Bd. 1, S. 160) auswirkt. Wichtig ist es aber auch zu erkennen, dass das homogene Bild einer rationalen, kritischen, skeptizistischen, toleranten, heterodoxen, emanzipierten und emanzipierenden Aufklärung vor allem Ergebnis einer selbststilisierenden, stereotypisierenden Rede über das 18. Jahrhundert ist. Die Pluralität der Aufklärung(en) wahrzunehmen ist eine Aufgabe, der sich die Aufklärungsforschung in den letzten Jahren intensiv gewidmet hat (Meyer 2010, S. 20 u. a.).

Dieser Diskurs der Aufklärung über sich selbst behauptet eine Distanzierung vom barocken Gelehrtentum und dessen ebenso trocken-theoretischem wie exklusivem Wissen. Es sollen nicht mehr nur wenige eingeweihte Gelehrte tradierte Wissensschätze aus dicken Folianten heben. Stattdessen soll ein vielschichtiges und verstärkt empirisch-pragmatisches Wissen in popularisierter Form an Angehörige verschiedener Schichten, verschiedenen Geschlechts und Alters weitergegeben werden.

Um das zu erreichen, wurden diverse, zum Teil neu entstehende Medien eingesetzt. Die sich immer stärker ausdifferenzierende Medienlandschaft lässt sich als geradezu konstitutiv für die Wissenspolitiken des 18. Jahrhunderts beschreiben. Medien, Formen und auch Inhalte des Wissens verändern sich; zugleich bedingen und prägen die medialen Formen die Inhalte des Wissens ← 9 | 10 → selbst, sie transportieren nicht einfach nur ein zuvor vorhandenes Objekt durch einen neutralen Informationskanal weiter:

Medien treten dazwischen. Zwischen die Kommunizierenden, und zwischen sie und die Welt. Wie alle Mittler sind die Medien freundlich-verbindliche Diener und unüberwindliche Trennung/Barriere. Sphäre der Moderation, der Verständigung und des Ausgleichs, machtvoll/unumgängliche Zwischeninstanz, Ort der Verfälschung, Umleitung, des Mithörens und der Zensur. (Winkler 2008, S. 39)

Sind Medien also immer konstitutiv für die (Wissens-)Kultur einer Zeit? Besonders nahe liegt die Annahme einer medialen Konstituierung historischer Ereignisse bei Phänomenen wie Gutenbergs Erfindung der Drucktechnik mit beweglichen Lettern, die für die Durchsetzungskraft der Reformation entscheidende Bedeutung hatte. Pauschale Aussagen sind allerdings genau zu prüfen. Faulstichs These beispielsweise, ohne Medienteilhabe habe man nicht zum Bürgertum des 18. Jahrhunderts gehört, erscheint wohl doch zu pointiert: „Zum Bürger wurde, wer medienkulturell integriert war, d. h. wer an den Medien Zeitschrift, Buch, Zeitung, Brief in irgendeiner Form produktiv, distributiv oder rezeptiv beteiligt war.“ (Faulstich 2006, S. 19)

Angemessener als diese nicht eigentlich nachgewiesene und daher auch umstrittene Behauptung ist es, ein vernetztes Bedingungs- und Funktionsgefüge anzusetzen. Nicht nur hat das Medium ‚den Bürger‘ gemacht, sondern auch ‚der Bürger‘ das Medium: Erst in bestimmten soziokulturellen sowie technologisch-industriellen Konstellationen konnten sich die medial bedingten Kommunikations- und Lektüremodelle (Tagespresse, Briefverkehr etc.) des bürgerlichen Zeitalters ausdifferenzieren. Wenn also Medien konstitutive Faktoren von Kultur sind, wenn die zu einer Zeit dominierenden Wissensmedien nicht nur die Kommunikationsverhältnisse, sondern auch Weltbild und Wahrnehmungsmuster prägen, dann kann eine mediendifferenzierende Perspektive auf die Wissenskultur(en) des 18. Jahrhunderts aufschlussreich sein.

Zielgruppe der beschriebenen aufgeklärten Wissensmissionierung, die sich in schöner Literatur ebenso wie in Lehrbüchern und Lexika, in Zeitungen, Zeitschriften und Kalendern vollziehen konnte, waren bekanntlich das Volk, die Kinder – und die Frauen. Letzteres bedeutet, dass Wissen, Wissensvermittlung und Wissensliteratur als gendermarkiert erscheinen. Das soll natürlich nicht im Umkehrschluss heißen, dass vor dem 18. Jahrhundert, also vor der zuweilen als Feminisierung der Kultur beschriebenen ‚Entdeckung‘ der Frau als Textrezipientin oder gar -produzentin, die Wissensgeschichte geschlechtsneutral gewesen wäre.

Wichtig ist beim aufklärerischen Einsatz für weibliche Bildung und Gelehrsamkeit in verschiedensten Medien und Textgenres die geschlechtsspezifische Verteilung der Subjektpositionen. Weibliche Akteurinnen stellen in diesem ← 10 | 11 → Feld Ausnahmen dar. Es waren Männer, die sich Frauenuniversitäten ausdachten, um sie desto deutlicher im Bereich des Utopischen zu verorten, wie Gottscheds Vision von einer Frauenrepublik inklusive weiblicher hoher Schule in den Vernünftigen Tadlerinnen exemplarisch zeigt (dazu Bovenschen 1979, S. 101–107; Wiede-Behrendt 1987, S. 95 f.). Es waren Männer, die die Mehrheit in Damengesellschaften stellten und dort ihre Ehefrauen belehrten und kontrollierten (Brandes 1992, 1994), die Exempelsammlungen, Leselisten und Schriften zur weiblichen Bildung verfassten. Die Moralische Wochenschriften herausgaben und, zum Teil unter weiblichem Pseudonym, ein Publikum belehrten, welches sie als weiblich imaginierten – allerdings waren offenbar nur 10 % der Lesenden der Moralischen Wochenschriften Frauen (Wiede-Behrendt 1987, S. 117). Und schließlich war es auch ein Mann, Siegmund Gottlieb Corvinus, der als erster vielfältiges Wissen in lexikographischer Form für eine weibliche Leserschaft publizierte.

Frauenzimmer-Studien: Die folgenden Untersuchungen wollen dem intrikaten Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Es geht um typische Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexikon, Lehrdichtung, Zeitschrift –, die unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten neu zu betrachten sind.

In das Buch sind mehrere Aufsätze in stark überarbeiteter und erweiterter Form eingegangen, die zuvor in anderen Kontexten erschienen sind ( IX., Roßbach 1–6). Erste, unveröffentlichte Überlegungen zum weiblichen Versehen wurden am 10.10.2013 auf der Marburger Tagung „Imaginationen des Ungeborenen. Kulturelle Konzepte pränataler Prägung von der Frühen Neuzeit zur Moderne“ (Burkhard Dohm, Urte Helduser) präsentiert. Einige Passagen zur Damenphilosophie ( IV.) basieren auf der von mir 2007 erstellten Originalfassung des Wikipedia-Artikels ‚Damenphilosophie‘; ggf. noch vorhandene Formulierungs- und Inhaltsübereinstimmungen sind daher keine Plagiate. ← 11 | 12 → ← 12 | 13 →

LEXIKOGRAPHIE

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II Weibliche Versehen. Zur (Dis-)Kontinuität medizinischen Wissens in Lexika und Enzyklopädien

1. Was wäre wenn. Experiment in Literatur und Medizin

Was wäre eigentlich, wenn das wirklich stimmen würde mit dem weiblichen Versehen? Wenn also der schon in der Antike geläufige, aber im 18. Jahrhundert zunehmend umstrittene Gedanke wahr wäre, dass die Einbildung der schwangeren Frau physische Prägekraft auf den Fötus ausüben kann?

Wenn nun ihre Einbildungskraft, von einer heftigen Leidenschaft in Bewegung gesetzt, in der That das Vermögen haben sollte, der Frucht Flecke zu machen: man bedenke einmahl, was würde sodann aus der Welt werden? Die meisten Menschenkinder würden mit den Farben der Schmetterlinge, und so bunt zur Welt kommen, als die Paradiesvögel. (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 375 f.)

Es ist ein Mediziner, der im Jahr 1773 die Paradiesvogel-Vision entwirft – und diese Vision wird noch 1805 in Johann Georg Krünitz’ monumentaler Oekonomischer Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- u. Landwirthschaft (1773–1858) unter dem Lemma ‚Mutter-Mahl‘ aufgegriffen (Krünitz, Bd. 99, S. 371–379). Derartige Konditionalstrukturen sind eigentlich typisch für literarische Entwürfe. Fiktionale Literatur ist genuin dadurch charakterisiert, dass sie Möglichkeitswelten entwirft: wahrscheinliche und unwahrscheinliche, realistische und surrealistische. Literatur stellt ein Probehandeln dar, ein experimentelles Tun, das ganz verschieden (zum Beispiel mit affirmierender, konterkarierender, progressiver, reaktionärer Stoßrichtung) auf ‚Wirklichkeit‘ refererieren kann.

Die Literatur/Wissen-Forschung betont, dass gerade jene Experimentalität etwas Literatur und Naturwissenschaft Verbindendes darstellt (Pethes 2007, 2013; Borgards 2013; Vasset 2013). Für das Wissen vom weiblichen Versehen trifft das unbedingt zu. Hier ist neben einer breiten medizinischen Fallgeschichtentradition ein historisches Experimentalhandeln signifikant, das sprachlich dokumentiert und diskutiert wird. Auch der oben zitierte ‚Visionär‘, der praktische Arzt Friedrich August Weiz (1739–1815), der 1773 in der von ihm verfassten „medicinisch-physikalischen Monathsschrift“, dem Chursächsischen Landphysikus (1772–1774), seine Beobachtungen und Überzeugungen publiziert, berichtet von Experimenten, die er persönlich zum weiblichen Versehen durchgeführt hat: Der aus Hamburg stammende, in Sachsen wirkende Mediziner hat mit schwangeren Bekannten experimen ← 15 | 16 → tiert, die er mit toten Mäusen und heißen Pfeifenköpfen erschreckt hat – der Befund war immer negativ.

Die wissenschaftliche Praxis des Experiments bedient der Allgemeinmediziner mithin ebenso wie die narrative: Den Konditionalis des ‚Was wäre wenn‘ setzt Weiz polemisch ein, um die Absurdität eines seiner Überzeugung nach überholten medizinischen Wissens vor Augen zu führen und dessen Ablösung einzufordern. Zugleich allerdings ruft diese Kritik die Präsenz des Wissens wieder mit auf den Plan: Dass der Mediziner jene Vision entwirft – wenn auch natürlich ironisch –, dokumentiert nicht nur seine Skepsis gegenüber dem fraglichen Phänomen. Es zeigt trotz alledem, dass jenes immer noch aktuell genug war, um es der Auseinandersetzung und Widerlegung für nötig zu erachten.

Zusammenfassung

Das Buch will dem Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Die Autorin unternimmt eine neue Betrachtung der Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexika, Lehrbücher, Zeitschriften – unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten. Im Einzelnen geht es um:
• das weibliche «Versehen» im lexikographischen Diskurs (von Hübner bis Krünitz)
• textinterne Leserinnenkonzepte in der Frauenzimmer-Lexikographie (Corvinus)
• weibliche Gelehrsamkeit und Kulturtransfer (Fontenelle)
• Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung (Zäunemann)
• mediale Präsenz und Produktion weiblicher Autorschaft im Medium der Gelehrtenzeitschrift (Zäunemann und die Hamburgischen Berichte)
• Bildungskonzepte und Mediokrität in spätaufklärerischen Frauenzeitschriften (La Roches Pomona, Frauenzimmerbibliothek).

Details

Seiten
246
ISBN (PDF)
9783653058727
ISBN (ePUB)
9783653963304
ISBN (MOBI)
9783653963298
ISBN (Hardcover)
9783631665398
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (August)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 246 S., 5 farb. Abb., 14 s/w Abb.

Biographische Angaben

Nikola Roßbach (Autor:in)

Nikola Roßbach forscht und lehrt zur Literatur-, Kultur- und Wissensgeschichte vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Sie ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Kassel und Sprecherin des DFG-Graduiertenkollegs Dynamiken von Raum und Geschlecht der Universitäten Kassel und Göttingen.

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