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Sterben, Tod und Trauer im Bilderbuch seit 1945

von Margarete Hopp (Autor:in)
©2016 Dissertation 389 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit dem Erzählen vom Tod im Bilderbuch in historischer und gattungstheoretischer Perspektive und bildet anhand eines Textkorpus’ von 287 deutschen bzw. ins Deutsche übersetzten Titeln die Entwicklung von 1945 bis 2011 ab. Entwickelt wird ein narratologisches Modell der Bilderbuchanalyse, das unter Berücksichtigung von Erfahrungswerten der Sterbeforschung in den Einzelanalysen zur Anwendung kommt. Die Untersuchung fächert ein breites Spektrum von Motiven, von realistischen und phantastischen, religiösen und philosophischen Darstellungskonzepten auf. Eine besondere Rolle spielen Bilderbücher über das Sterben und den Tod von Kindern und die daran nachgewiesene Subgattung des psychologischen Bilderbuchs.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Editorische Notiz
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • I. Einleitung
  • II. Forschungslage
  • II.1 Das Bilderbuch im wissenschaftlichen Diskurs
  • II.1.1 Die Anfänge einer Bilderbuch-Kritik
  • II.1.2 Der bundesrepublikanische Diskurs
  • II.1.3 Die wichtigsten Bezugswissenschaften
  • II.1.3.1 Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik
  • II.1.3.2 Bildwissenschaft und Kunstwissenschaft
  • II.1.3.3 Bildungs- und Erziehungswissenschaften
  • II.1.4 Exkurs: Das Bilderbuch in der DDR
  • II.2 Sterben und Tod in der Kinder- und Jugendliteratur
  • II.2.1 Forschungslage zur Kinder- und Jugendliteratur
  • II.2.2 Historischer Rückblick
  • II.2.3 Die Enttabuisierung des Bilderbuchs und das kindliche Ich
  • III. Zur Theorie des Bilderbuchs
  • III.1 Das Verhältnis von Sprach- und Bildebene – der Ikonotext
  • III.2 Das narratologische Modell der Bilderbuchanalyse
  • III.3 Die Trias des narratologischen Modells der Bilderbuchanalyse
  • III.3.1 Die erzählerische Vermittlung
  • III.3.2 Der Erzähldiskurs – Das WIE des Erzählens
  • III.3.2.1 Layout
  • III.3.2.2 Die Erzählperspektive
  • III.3.2.3 Das WIE des Erzählens auf der Ebene des Verbaltextes
  • III.3.2.4 Das WIE des Erzählens auf der Ebene des Bildtextes
  • III.3.2.5 Inszenierungen von Sprache und Bild und ihre Interdependenzen
  • III.3.3 Die Geschichte – Das WAS des Erzählens
  • III.3.4 Rezeptions- und wirkungsästhetische Anfragen an den Ikonotext
  • IV. Thanatologische Grundlagen
  • IV.1 Thanatologie und Thanatopsychologie
  • IV.1.1 Das Kind in der Thanatopsychologie
  • IV.1.1.1 Todeskonzepte des gesunden Kindes
  • IV.1.1.2 Das sterbenskranke Kind und sein Todeskonzept
  • IV.1.2 Die Sterbephasen nach E. Kübler-Ross
  • IV.1.3 Angst vor Tod und Sterben
  • IV.1.4 Trauer
  • IV.1.4.1 Die erwachsene Trauer
  • IV.1.4.2 Die Trauer von Kindern
  • IV.1.4.2.1 Elternverlust
  • IV.1.4.2.2 Geschwisterverlust
  • IV.1.4.2.3 Verlust eines Freundes
  • IV.1.4.2.4 Verlust eines Tieres
  • IV.1.5 Zusammenfassung
  • IV.2 Religiöse Perspektiven auf den Tod
  • IV.2.1 Vorstellungen nachtodlicher Existenz
  • IV.2.2 Das Memento-mori-Motiv und der Totentanz
  • IV.2.3 Engel
  • IV.2.4 Christliche Ritual- und Begräbniskultur
  • IV.2.5 Religionspädagogische Aspekte
  • IV.2.6 Zusammenfassung
  • V. Forschungskonzeption
  • V.1 Das Textkorpus
  • V.2 Forschungsansatz und methodische Entscheidungen
  • V.2.1 Forschungshypothesen
  • V.2.2 Methodisches Konzept
  • V.2.3 Der thanatologisch-diskursanalytische Ansatz
  • VI. Auswertungen
  • VI.1 Gattungsspezifische Differenzierungen
  • VI.1.1 Das anthropomorph-realistische Bilderbuch
  • VI.1.2 Das anthropomorph-phantastische Bilderbuch
  • VI.1.3 Das Tierbilderbuch
  • VI.1.4 Das Sachbilderbuch
  • VI.1.5 Das märchenhafte Bilderbuch
  • VI.2 Inhaltskategorien
  • VI.2.1 Die ersten Bearbeitungen des Themas im Bilderbuch zwischen 1945 und 1981
  • VI.2.2 Das religiöse Bilderbuch
  • VI.2.3 Das philosophische Bilderbuch
  • VI.2.4 Todesfälle und ihre Ursachen
  • VI.2.4.1 Großeltern
  • VI.2.4.2 Elterntod
  • VI.2.4.3 Andere Todesfälle
  • VI.2.4.4 Der Tod im Kindesalter
  • VI.2.4.5 Tiere
  • VI.2.5 Sterben und Trauern
  • VI.2.5.1 Sterbeprozesse
  • VI.2.5.2 Trauerprozesse
  • VI.2.5.3 Begegnungen mit dem personifizierten Tod
  • VI.2.5.4 Gewalt, Krieg und Drogentod
  • VI.3 Zusammenfassung der Ergebnisse
  • VII. Das Sterben von Kindern im Bilderbuch
  • VII.1 Ergebnisse der Inhaltsanalysen
  • VII.1.1 Subgattungen
  • VII.1.2 Die Anfänge des Erzählens vom Kindersterben bis 1985
  • VII.1.3 Die Spezifik der erzählerischen Vermittlung
  • VII.1.4 Das Spektrum der Inhaltsmotive im Teilkorpus Kindersterben
  • VII.1.5 Todeskonzepte, Religiosität und Jenseitsvorstellungen
  • VII.2 Das psychologische Bilderbuch zum Sterben im Kindesalter
  • VII.2.1 Sterbende Kinder
  • VII.2.1.1 Überblick
  • VII.2.1.2 Die Königin und ich (Udo Weigelt, Cornelia Haas 2011)
  • VII.2.2 Trauernde Kinder
  • VII.2.2.1 Überblick
  • VII.2.2.2 Trauer um einen Spielgefährten: Ich und du, du und ich (Angelika Kaufmann 2004)
  • VII.2.2.3 Geschwistertrauer: Die Blumen der Engel (Jutta Treiber, Maria Blazejovsky 2001)
  • VII.2.3 Trauernde Eltern
  • VII.3 Der gewaltsame Kindertod
  • VII.3.1 Mord: Kevin Kanin oder Als es dunkel wurde am Lohewald (Dagmar Krol, Pieter Kunstreich 2005)
  • VII.3.1.1 Erzählerische Vermittlung und Diskurs
  • VII.3.1.2 Die Ebene der Geschichte
  • VII.3.2 Krieg und Holocaust als Ursache für Kindersterben
  • VII.3.2.1 Figuren und Geschehen
  • VII.3.2.2 Sprach- und Bildebene und ihre Ikonotexte
  • VII.3.2.2.1 Sprachebene
  • VII.3.2.2.2 Erzählperspektive und Komplexität des Erzählens
  • VII.3.2.2.3 Bildstile und -konzepte
  • VII.3.2.2.4 Die Ästhetik des Sterbens und der Trauer – Todeskonzepte und Nachtodtheorien
  • VII.3.2.2.5 Symbolsprache, Traditionen und Rituale
  • VII.3.3 Kurzfassung der Ergebnisse zum gewaltsamen Kindertod
  • VII.4 Zusammenfassung
  • VIII. Abschließendes Resümee und Ausblick
  • IX. Literaturverzeichnis
  • IX.1 Primärliteratur – Gesamtkorpus der untersuchten Titel
  • IX.2 Weitere erwähnte Primärliteratur
  • IX.3 Sekundärliteratur
  • X. Anhang

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I.   Einleitung

MORS CERTA, HORA INCERTA. Der Tod ist gewiss, nicht aber die Stunde – nichts ist sicherer als dies. Die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens und seinen Ungewissheiten bleibt aber in einer Gesellschaft, in der Jugendlichkeit und Vitalität die maßgeblichen Indikatoren für Lebensqualität sind, oft aus. Noch bis ins 20. Jahrhundert hatten Sterbeprozesse, Todesfälle und Trauerrituale in der abendländischen Gesellschaft ihren selbstverständlichen Platz im Leben, heute aber ist das natürliche Sterben längst kein kollektives Erlebnis mehr (vgl. Mischke 1996, 40ff.). Es findet zumeist in Krankenhäusern, Altenheimen und Hospizen statt, in jedem Fall aber möglichst fern vom kindlichen Erfahrungsradius. So verschwinden Menschen recht schnell und vor allem aus dem Blickfeld von Kindern, denen oftmals weder Krankenhausbesuche noch ein Abschied vom Sterbenden oder die Teilnahme am Begräbnis gestattet werden. Die erwachsene Abwehr und Sprachlosigkeit dem Tod gegenüber spiegeln sich darin ebenso wie das Bestreben, Kinder zu schonen.

Der Tod ist das Faszinosum, und er ist das Tremendum. Der Gedanke an ihn bringt uns in existenziellen Schrecken und zwingt uns zu existenzieller Neugier. Ihn anzuschauen, ihn zu fliehen, sind zwei Grundimpulse. (Schmidt-Henkel 1990, 209; H. i. O.)

Aber Kinder haben Fragen zum Tod, das „ist heute in der psychologischen Literatur sehr gut belegt“ (Dinges 1990, 3), doch sie erhalten nicht immer ehrliche Antworten darauf. Beschönigungen und Heimlichkeiten aus einer um Schonung bemühten Haltung heraus können jedoch bei Kindern phantasiegeprägte Ängste und Unsicherheiten hervorrufen, die nachhaltige Folgen für einen späteren Umgang mit Verlusterfahrungen haben können (vgl. Furman 1977, 161f.). Alle klinischen und empirischen Beobachtungen zeigen, dass in nahezu allen Lebensbereichen die Verdrängung nicht heilt, sondern pathologische Effekte eher noch befördert, und für die Verarbeitung eines Beziehungsverlusts wahrheitsgemäße Information und emotionale Unterstützung im Kindesalter grundsätzlich die wichtigsten Determinanten sind (vgl. ebd.). Bilderbücher können dazu einen Beitrag leisten, denn Kinder erwerben ihr Weltwissen nicht nur über soziale und kommunikative Interaktionen in und mit ihrem direkten Lebensumfeld, sondern auch in der Beschäftigung mit Literatur. Dass Bilderbücher im allgemeinen wie im literarischen Sozialisationsprozess bedeutsame Funktionen erfüllen, ist common sense, auch oder gerade im Zeitalter der Medienschwemme, wobei neben den pädagogischen und kognitiven Effekten der Unterhaltungswert ebenso ← 19 | 20 → wie die Befriedigung von elementaren Bedürfnissen nach Nähe, Geborgenheit und Orientierung nicht zu unterschätzende Größen darstellen.

Bilderbücher gelten als das für Kinder „adäquateste Informations- und Unterhaltungsmedium“ (Thiele 2003a, 11) und können als Mittler zwischen fragenden Kindern und sprachlosen Erwachsenen wirksam sein. Dazu bedarf es eines Angebots, das sich nicht auf die Darstellung einer stereotyp fröhlich-heilen Welt beschränkt, sondern Kinder ernst nimmt, Kindererleben authentisch aufgreift und breite literarästhetische Erfahrungen ermöglicht. Da sich auch der Bilderbuchsektor wie insgesamt die Kinder- und Jugendliteratur (KJL) in vielfältiger Weise den ehemals mit Tabu belegten Themen Sterben und Tod geöffnet hat, was schon allein die Nominierungs- und Preisträgerlisten des Deutschen Jugendliteraturpreises (DJLP) der letzten Jahre belegen, ist von Interesse, auf welche Weise und in welchem Umfang das Bilderbuch des 20. und 21. Jahrhunderts diesem Anspruch gerecht wurde bzw. wird.

Die vorliegende Studie geht dieser Frage mit einer umfassenden und systematischen, literaturwissenschaftlich begründeten Erfassung und Erschließung der thematisch einschlägigen deutschsprachigen Bilderbücher aus den Jahren 1945 bis 2011 nach. Zentrale Forschungsfragen sind u. a., welche motivischen Schwerpunkte und Entwicklungslinien nachweisbar sind, wie nah kindliche Protagonisten an die Geschehnisse und Rituale im Zusammenhang mit Sterbeprozessen und Trauerbewältigung herangelassen werden, welche Rolle Religiosität spielt, wie mit Kinderfragen und dem Bedürfnis nach Erklärungs- und Trostbildern umgegangen wird und letztlich auch, inwieweit Bilderbücher einen Beitrag zur Ausbildung eines altersgerechten bzw. reifen Todeskonzepts, d. h. eines Verständnisses vom Tod und seiner Determinanten leisten können. Diesen Fragestellungen ist die Forderung nach der Authentizität von Erzählkonzepten inhärent, die sich auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse und Grundlagen der Thanatologie beruft.

Die Thanatologie ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das mit dem Begriff Sterbeforschung nur unzureichend umrissen ist, denn es subsumiert kulturwissenschaftliche, psychologische, soziologische und theologische Perspektiven auf den Tod, stellt Fragen zum gesellschaftlichen Umgang damit, nach verschiedenen Todesvorstellungen und Bewältigungsstrategien u. a. m. (vgl. Wittkowski 1990, 6ff.). Insbesondere die Erkenntnisse aus dem Bereich der Thanatopsychologie, einer Subdisziplin dieses Feldes, deren „Interesse […] dem Erleben und Verhalten gegenüber Sterben und Tod“ (ebd., 8) gilt, sind für die Erschließung und die Bewertung der Erzählkonzepte in den themenbezogenen Bilderbüchern, die nicht nur kindlichen Adressaten Identifikationsangebote machen, von Bedeutung. Ein Überblick über die wichtigsten Aspekte der Thanatopsychologie ← 20 | 21 → (Kap. IV.1) und religiöse Perspektiven auf den Tod (IV.2) bilden die Grundlage für die themen- und motivbezogene Kategorisierung und Aufbereitung des recherchierten Textmaterials, das eines diskursiven, an thanatologischen und erzähltheoretischen Gesichtspunkten orientierten Forschungskonzepts bedarf.

Das Forschungsinteresse ist verbunden mit dem Ziel, eine theoriegeleitete, an einschlägigen wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Konzeption zur Beurteilung der literarästhetischen Qualität von Bilderbüchern zur Trias Sterben, Tod und Trauer im Speziellen und ihre Übertragbarkeit auf Bilderbücher im Allgemeinen zu generieren, wohl wissend, dass es keine universale Gebrauchsanweisung für das Erschließen aller Tiefenstrukturen des Erzählens im Bilderbuch geben kann. Vor dem Hintergrund des Methodenpluralismus der literatur- und kulturwissenschaftlichen Textanalyse1 und angesichts der noch unbefriedigenden Forschungslage zur Theorie des Bilderbuchs wird hier ein analytischer Zugang zum Gegenstand entwickelt, der auf die Kategorien strukturalistischer und narratologischer Textanalyse2 rekurriert und diese um die Bildanalyse ergänzt. Dafür wurden narratologische Grundprinzipien in ein dreidimensionales narratologisches Modell der Bilderbuchanalyse (Kap. III) überführt, das die Mehrfachcodierung des Erzählens in Wort und Bild und ihre Synergieeffekte abbildet.

Zunächst zeigt ein Überblick über die vom Interesse am Bilderbuch sich von den Anfängen der KJL-Forschung bis heute stetig ausgestaltende Forschungslandschaft, dass das Bilderbuch gegenwärtig wie kaum eine andere Gattung im Fokus steht (Kap. II). Die Ansätze mehrerer Bezugswissenschaften, deren wichtigste die Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik, die Kunst- und Bildwissenschaften und die Bildungs- und Erziehungswissenschaften sind, belegen und begründen in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit einer interdisziplinär anzugehenden Erforschung des Bilderbuchs und seiner Theorie. Da die Ära der getrennten literarischen Entwicklungen im geteilten Deutschland in den Untersuchungszeitraum der vorliegenden Studie fällt, stellte sich zudem die Frage nach der DDR-Bilderbuchkultur und dem dortigen Forschungsdiskurs, dessen Umfang und Ergiebigkeit aber lediglich einen kurzen Exkurs zum Abschluss des Kapitels zur Forschungslage rechtfertigen.

Im Anschluss an die Vorstellung des narratologischen Modells der Bilderbuchanalyse (Kap. III) wird in Anlehnung an die bereits erwähnten thanatologischen Grundlagen (Kap. IV) die Forschungskonzeption (Kap. V) erläutert, die zwei Abschnitte umfasst. Datenerhebung und Analyse bedienen sich der Methoden ← 21 | 22 → der quantitativ-qualitativen Inhaltsanalyse, die sich hier als an das narratologische Modell der Bilderbuchanalyse angelehnte, narratologische Diskursanalyse darstellt und die oben beschriebenen, thematisch bedingten Anfragen an das Textkorpus impliziert. Die Aufteilung wird von dem Anliegen bestimmt, das Spektrum der Darstellungsvarianten des recherchierten Korpusmaterials von 287 Bilderbüchern sowohl gattungstheoretisch (Kap. VI.1) als auch hinsichtlich einzelner motivischer Entwicklungslinien (Kap. VI.2) zu differenzieren und zu kategorisieren und diesen zunächst weiten Blick in einem zweiten Schritt auf die Darstellungen der konkreten Problematik des Sterbens im Kindesalter (Kap. VII) zu fokussieren. Dieser Untersuchungsschwerpunkt gründet auf der Annahme, dass das Erzählen vom Kindertod sowohl für die Autoren und Illustratoren als auch für die Rezipienten eine besondere Herausforderung darstellt und im Bilderbuch erst eine Erscheinung jüngeren Datums ist, was zu belegen sein wird. Neben dem Auffächern der gattungs- und inhaltsspezifischen Erzähldimensionen wird der Bogen zu rezeptionsästhetischen Überlegungen gespannt. Im Zentrum steht dabei das psychologische Bilderbuch, dessen Darstellungsformen – in Anlehnung an die des modernen, psychologischen Kinderromans – in der Psychologisierung und Subjektivierung des Erzählens liegen und dieses mit besonderer Emotionalität belegte Textkorpus auszeichnen.

Schließlich wird mit der Dissertation auch die Frage nach der Ausgestaltung von Kindgemäßheit auf der thematischen und gestalterisch-formalen Ebene im Bilderbuch aufgeworfen. Eine verbindliche Antwort kann die Verfasserin jedoch nur schuldig bleiben, denn das dem Kind Gemäße ist nur am jeweils einzelnen Gegenstand und dem mit ihm interagierenden Kind festzumachen. Grundsätzlich gilt deshalb, dass bei der Auswahl von Bilderbüchern nicht erwachsene Perspektiven das Maß aller Dinge sein sollten, sondern mehr und vor allem die kindlichen Erfahrungen, Interessen und Fragen und das damit verbundene Bedürfnis nach Erklärungen. Dafür bietet der Bilderbuchmarkt mittlerweile eine inhaltliche und ästhetische Vielfalt, die es wahrzunehmen gilt, um den kindlichen Blick nicht vorzeitig zu verengen und auf tradierte, mehr der Bewahrhaltung verpflichtete und von Erwachsenen bevorzugte Seh- und Erzählmuster festzulegen. Die pädagogische und die didaktische Praxis bezeugen eine grundsätzliche Offenheit von Kindern für alles Neue. Es ist deshalb wichtig, weitere Kontraste zu setzen zu den niedlichen und bunten Heile-Welt-Darstellungen, die sicher ebenso ihre Berechtigung haben wie alles, was Kindergedanken- und -erlebniswelten anregt, entlastet und erweitert. Dass das Bilderbuch zum Thema Tod ein breites Spektrum gestalterischer Facetten aufweist, die das Kind im Blick haben und mehr oder weniger deutlich auch eine Mehrfachadressierung implizieren, wird im Folgenden gezeigt.


1 S. dazu: Nünning/ Nünning 2010a, 2010b.

2 S. dazu: Sommer 2010, 91ff.

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II.   Forschungslage

II.1   Das Bilderbuch im wissenschaftlichen Diskurs

Die allgemeine Literaturwissenschaft, die schon die Kinder- und Jugendliteratur insgesamt „nur zögerlich“ und quasi als „Sonderfall“ aufgenommen hat (Thiele 2007b, 13f.), tut sich nach wie vor schwer, dem Bilderbuch einen festen Platz in der Forschungskultur des Fachs einzuräumen. Die Erarbeitung einer grundlegenden Bilderbuchtheorie fehlt bis heute. Forschungsdesiderate und Neue Impulse der Bilderbuchforschung (Thiele 2007a) bündelte z. B. die wissenschaftliche Tagung der Forschungsstelle Kinder- und Jugendliteratur der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Olfoki) 2006 unter der Leitung von Jens Thiele, der resümierte, es existierten mehr „Mutmaßungen“ als gesicherte Erkenntnisse zur „Erscheinungsform, Funktion, Rezeption und Wirkung des Bilderbuchs“ (Thiele 2007b, 7f.). In jüngster Vergangenheit zeigen nun zunehmend mehr universitäre Einrichtungen mit einer beträchtlichen Anzahl an Tagungen und einschlägigen Publikationen ein deutliches Interesse am literarisch-ästhetischen Potenzial des Bilderbuchs, dem als ernst zu nehmendem Gegenstand einer an Bild und Text orientierten Lehr-Lern-Kultur wichtige Funktionen für literarisches und „kulturelles Lernen im Dialog“ (Hurrelmann 2010, 7) bescheinigt werden. Obwohl der Schwerpunkt der fachlichen Auseinandersetzung eindeutig im Bereich der didaktischen und pädagogischen Disziplinen3 liegt, zeigt sich die Forschungslandschaft mittlerweile vielgestaltig. Es ist evident, dass das Bilderbuch literatur-, bildungs-, kunst- und kulturwissenschaftliche Aspekte in sich vereint, weshalb mit den weiter unten aufgeführten Bezugswissenschaften lediglich die verschiedenen perspektivischen Schwerpunkte herausgestellt werden, keinesfalls aber eine Abgrenzung intendiert ist. Dafür sprechen ebenso die Publikationen der ← 23 | 24 → Tagungsinhalte und -ergebnisse mehrerer interdisziplinär ausgerichteter Tagungen, die verschiedene wissenschaftliche Zugangswege zum Bilderbuch aufzeigen.

Im Folgenden wird der Prozess der sich langsam entwickelnden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Bilderbuch historisch und im Kontext seiner Bezugswissenschaften aufgefächert.

II.1.1   Die Anfänge einer Bilderbuch-Kritik

Die lange zurückhaltende Bereitschaft zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Bilderbuch dürfte einerseits von der Schwierigkeit bestimmt sein, literatur-, kunst- und bildwissenschaftliche Ansätze zusammenzubringen, andererseits auch vom Duktus der Kindgemäßheit, mit dem vielfach noch immer die Vorstellung von notwendiger, bewahrpädagogischen Ansprüchen geschuldeter Simplizität im Bilderbuch einhergeht.

Eine der ältesten Stellungnahmen zu Gestaltungskriterien von Bilderbüchern (S. S. 1890)4 findet sich in der Zeitschrift Der Kunstwart. Aus psychologisch-pädagogischer Perspektive sollte das Bilderbuch „einfach und verständlich“ und zudem „dem Betrachter ein ständiger Begleiter sein und nicht bereits nach einmaligem Durchsehen den erzieherischen Wert für das Kind verloren haben“ (ebd., 81f.). Umfangreichere Bilderbuch-Besprechungen erschienen kurz darauf von Konrad Lange (1893) und Heinrich Wolgast (1892, 1894). Wolgasts viel diskutierte Schriften Bilderbuch und Illustration (1894) und Das Elend unserer Jugendliteratur (1896) markieren die Anfänge einer Kinderliteraturkritik, die noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zunächst Sache der Pädagogen blieb. Wolgast, Lehrer und Mitbegründer des Jungendschriftenausschusses, beschäftigte sich als Erster auf einem theoretischen Niveau mit den literarischen und künstlerischen Dimensionen der Bildkultur im Kinder- bzw. Jugendbuch und war damit der Impulsgeber für eine neue wissenschaftliche wie auch öffentliche Wahrnehmung der KJL. Die Ambivalenz seines streitbaren und zugleich widersprüchlichen Plädoyers für eine künstlerische Qualität im Kinderbuch5, mit dem er einerseits dem Kind die Fähigkeit zum Kunstgenuss absprach, gleichzeitig aber anmahnte, dass „schon das erste Bilderbuch des zweijährigen Kindes den Anforderungen des gebildeten Geschmacks genügen muß“ (Wolgast 1894, 8), bestimmt bis in ← 24 | 25 → die Gegenwart den allgemeinen Diskurs zur Angemessenheit literarischer Gestaltungskonzepte für Kinder.

II.1.2   Der bundesrepublikanische Diskurs

Die folgende Zusammenstellung führt zunächst die umfassendsten Aufarbeitungen der Geschichte des Bilderbuchs auf und im Anschluss daran die wichtigsten einschlägigen, teilweise nicht streng wissenschaftlichen Schriften in der weitgehend chronologischen Abfolge ihres Erscheinungszeitpunktes. Dabei tritt als Schwerpunkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung die illustrationsgeschichtliche Forschung hervor, die das Bilderbuch auf fachhistorischem Gebiet bereits relativ weit erschlossen hat.

Die erste bedeutende und umfassende Chronik der „Geschichte und Entwicklung des Bilderbuchs in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart“ veröffentlichten Klaus Doderer und Helmut Müller 1973 mit dem Sammelband Das Bilderbuch. Darin geht es um das „Kinderbilderbuch“, „die Gruppe von reich illustrierten Büchern, die speziell für Kinder gemacht oder aber in Kinderstuben benutzt worden ist“ (ebd., V). Trotz der von Doderer eingeräumten „Lücken“, die diese Schau auf ein Textkorpus von „ca. 1600 Bänden“ vom Mittelalter bis in die Gegenwart aufweist (ebd., VI)6, liegt damit eine umfassende Dokumentation einzelner Entwicklungslinien des Bilderbuches vor, darunter die für das 19. Jahrhundert postulierte Unterscheidung zwischen poetischem und bürgerlichem Bilderbuch. Deren Entwicklungen verliefen zeitlich etwa parallel und sind noch heute nachzuspüren. Neben dem realistischen „Genre-Bilderbuch“ der „Selbstbestätigung des bürgerlichen Lebensideals“ als die „klar dominierende Richtung“ (Doderer 1973a, 101) konzentrierte sich das „poetische Bilderbuch spätromantischer Intention“ vor allem auf drei Themenbereiche: die „illustrierte Darstellung des lyrischen Potentials an Volksliedern, Kinderreimen und erzählenden Gedichten“, die „Wiedergabe der Märchen“ und die „Darstellung von großen alten epischen Stoffen […] und Fabeln“ (ebd.). Im Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur (Doderer 1975) wurden kurz darauf die Ausführungen ← 25 | 26 → zum Bilderbuch um z. T. ausführliche Artikel über Bilderbuchautoren und -illustratoren und wichtige Werke ergänzt.

Details

Seiten
389
Jahr
2016
ISBN (PDF)
9783653060195
ISBN (ePUB)
9783653949612
ISBN (MOBI)
9783653949605
ISBN (Hardcover)
9783631665756
Open Access
CC-BY
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Oktober)
Schlagworte
Bilderbuchforschung Thanatopsychologie Geschwistertod Bilderbuchtheorie Kindertod
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 389 S., 75 s/w Abb.

Biographische Angaben

Margarete Hopp (Autor:in)

Margarete Hopp ist gelernte Bankkauffrau. Sie studierte Deutsch und kath. Theologie an der Universität Duisburg-Essen und promovierte 2015 an der Universität Bielefeld. Dort war sie 2014-2016 auch als Dozentin in der universitären Lehrerausbildung tätig; derzeit lehrt sie am Institut für Germanistik/Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik der Universität Duisburg-Essen. Ihre Lehr-, Forschungs- und Publikationsschwerpunkte liegen im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik.

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Titel: Sterben, Tod und Trauer im Bilderbuch seit 1945