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Wissenschaftliches Schreiben interkulturell: Kontrastive Perspektiven

von Lesław Cirko (Band-Herausgeber:in) Karin Pittner (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 298 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Wissenschaftliche Texte sind durch unterschiedliche Bildungstraditionen und Schreibkulturen geprägt, die sich unter anderem in verschiedenen Schreibkonventionen und Formulierungsroutinen ausdrücken. Die Beiträge in diesem Band zeigen anhand detaillierter empirischer Analysen von Texten, die Wissenschaftler und Studierende verfasst haben, Merkmale und Unterschiede verschiedener Wissenschaftssprachen auf. Sie machen auf die Hürden und Schwierigkeiten aufmerksam, denen Studierende beim Verfassen von Arbeiten in der Fremdsprache Deutsch begegnen, woraus sich didaktische Implikationen ergeben. Berücksichtigt werden bislang teilweise weniger beachtete Herkunftssprachen wie das Polnische, Russische, Italienische und Chinesische.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung: Wissenschaftliches Schreiben interkulturell – betrachtet aus einer Erwerbsperspektive
  • Nationalsprachen als Wissenschaftssprachen –: Zur Entwicklung wissenschaftssprachlicher Schreibkulturen
  • Personreferenz in linguistischen Abschlussarbeiten polnischer Germanistikstudierender im Vergleich mit dem deutschen linguistischen Usus
  • Genrespezifische Dissonanzen abbauen – aber wie?
  • Wissenschaftliches Schreiben im russisch-deutschen Sprachtransfer: Kompetenzen, Metakommunikation, Konventionen und Traditionen
  • Zur syntaktischen Kondensierung in Arbeiten deutscher und polnischer Germanistikstudierender
  • Textuell basierte Wissensvermittlung und (vor-)wissenschaftliches Schreiben an italienischen Hochschulen
  • Der muttersprachliche Fingerabdruck in der Gedankenentwicklung beim Verfassen (vor-)wissenschaftlicher Arbeiten im Studium des Deutschen als Fremdsprache
  • Metatexte in deutschen und polnischen wissenschaftlichen Artikeln von Linguisten
  • Wann sagt ein Wissenschaftler ich? Wann meidet ein Wissenschaftler ich?: Über stilistische Tendenzen in Texten junger Wissenschaftler
  • Hedging in wissenschaftlichen Artikeln polnischer und deutscher Studierender
  • Zum Artikelgebrauch in wissenschaftlichen Texten polnischer Germanistikstudierender. Eine korpusgestützte Fallstudie
  • Schreibstrategien chinesischer Germanistikstudierender in Seminararbeiten der Germanistischen Linguistik
  • Gliederung studentischer Texte im deutsch-polnischen Sprachvergleich
  • Adressen der Beiträger/innen

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Lesław Cirko/Karin Pittner

Einleitung: Wissenschaftliches Schreiben interkulturell – betrachtet aus einer Erwerbsperspektive

Der im Zuge der Umsetzung des Bologna-Prozesses entstehende einheitliche gesamteuropäische Hochschulraum eröffnet den Studierenden, Lehrenden und Wissenschaftlern den Zugang zu neuen Bildungsmärkten. Dies stellt sie vor die Herausforderung, ihre wissenschaftlichen Arbeiten in einer Fremdsprache unter neuen, oft unbekannten kulturspezifischen Rahmenbedingungen zu verfassen. Diese Kompetenz setzt nicht nur eine elaborierte Fähigkeit fremdsprachlichen Agierens voraus, sondern erfordert die Beachtung spezifischer Muster und Konventionen der jeweiligen Sprachgemeinschaft, die aus der Tradition ihrer Bildungsinstitutionen resultieren. Die Unkenntnis dieser Routinen in der Wissenschaftssprache, die anders als die Muttersprache ist, kann zu Missverständnissen oder auch zur Ablehnung einer wissenschaftlichen Arbeit führen. Im Fall eines Philologen ist die Beherrschung dieser Formulierungsroutinen ein Teil der Erkenntnis seines Forschungsobjekts und der Sprachbeherrschung. Eine Gleichschaltung durch die Pidginisierung des Englischen ist kein guter Ausweg. Für Germanisten, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, würde sie den Zwang bedeuten, über die Zweitsprache in der Dritt- oder sogar Viertsprache zu schreiben, um Nuancen und Feinheiten der Zweitsprache darzustellen. Auslandsgermanisten sehen keine Veranlassung, über ihr Untersuchungsobjekt Deutsch mit Muttersprachlern des Deutschen auf Englisch zu diskutieren (vgl. Cirko 2013: 77).

Einen schnellen Erwerb von richtigen gattungskonformen Formulierungsroutinen im Bereich der wissenschaftlichen Texte bei Deutsch schreibenden, nicht muttersprachlichen Novizen und Experten herauszubilden und zu festigen, wird zum dringenden Desiderat. Nachweislich werden die Schreibenden trotz einer fortschreitenden Internationalisierung der Wissenschaften durch unterschiedliche Traditionen und Konventionen in den einzelnen Realisierungen wissenschaftlicher Texte geprägt. Beim Erwerb einer Fremdsprache werden eigenkulturelle Konventionen und Diskursmuster beim Verfassen von Texten übernommen. Dieser Transfer stößt bei Muttersprachlern der Zielsprache fast immer auf Ablehnung, da die eigenen Normen der Textgestaltung als verletzt empfunden werden (vgl. z. B. Clyne 1993: 4, Skudlik 1990: 153).

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Die Sprache der Wissenschaft kann als lexikalisch-stilistische Variante der jeweiligen ethnischen Sprache aufgefasst werden, die einer relativ geschlossenen Fachgemeinschaft zur Verständigung in ihrem beruflichen Leben dient. Sie wird ständig auf die Aufgabe hin modifiziert und optimiert, fachspezifische Inhalte zum Ausdruck zu bringen. Sie ist ein Verständigungsmedium, in dem die Forschungserkenntnisse durch ihre Versprachlichung intersubjektiv gemacht werden. Das Wesen der Wissenschaftssprache macht eine hochfrequente Nutzung von bestimmten, gruppenspezifisch bevorzugten Sprachgebrauchsregistern einer ethnischen Sprache aus. Weder Morphosyntax noch Artikulation/Schreibung weichen qualitativ von denen der jeweiligen Sprache ab. Unter quantitativem Aspekt zeichnet sich die Wissenschaftssprache dadurch aus, dass bestimmte syntaktische Strukturen bevorzugt und gleichzeitige andere vermieden werden, was pragmasemantisch und konventionell-stilistisch bedingt ist. Für einen Ausländer ist sie nichts als noch ein zu meisterndes Stück Fremdsprache (vgl. Cirko 2013: 72f.).

Untersuchungen zur kulturellen Gebundenheit wissenschaftlicher Texte beginnen in den 1960er Jahren. Kaplan (1966) zufolge existieren außer dem durch die „Linearität“ geprägten anglo-amerikanischen Diskursmuster noch weitere vier, nämlich das semitische, orientalische, romanische und russische. Texte osteuropäischer Wissenschaftler weisen nach Kaplan eine stark ausgeprägte Digressivität und eine schwache Gliederungsstruktur auf. Diese pauschale, trotz oft fehlender Evidenz von vielen Wissenschaftlern unkritisch wiederholte Meinung prägte über Jahrzehnte hinweg die westliche Forschung. Die Forschergruppe um Michael Clyne verglich Texte von deutschen, englischen, amerikanischen und australischen Wissenschaftlern aus der Disziplin Linguistik und Soziologie (s. Clyne 1981, 1984 1987, 1991a und b). Clyne bezeichnet den englischen Diskurs ebenso wie Kaplan (1966) als „linear“ und betrachtet „den deutschen Diskurs als eine Variante des romanischen und russisch-slawischen Diskurses, die sich durch Wiederholungen und Exkurse und Exkurse zu Exkursen auszeichne“ (Oldenburg 1992: 32). In der bisherigen Forschung zur Wissenschaftssprache gelten die deutschen und in größerem Maße die pauschal als osteuropäisch (ohne Unterschiede etwa zwischen polnischer, russischer, bulgarischer oder tschechischer Formulierungskultur zu beachten) abgestempelten wissenschaftlichen Texte als leserunfreundlich und geben dem Leser – im Sinne von Clynes Unterscheidung zwischen kulturell determinierter reader-responsibility und writer-responsibility – die Verantwortung für die Textrezeption. Die Mängel solcher Enthüllungen liegen auf der Hand: Ohne objektive Kriterien und mit teilweise politisch gefärbten Pauschalisierungen reflektieren viele Texte Clynes und seiner Nachahmer, die sich dem o. g. ←8 | 9→„angelsächsischen“ Argumentationsduktus fügen, allenfalls Impressionen ohne die erforderliche wissenschaftliche Stringenz. Eine Abkehr von einer Betrachtung aus einer rein angelsächsischen Perspektive zeigt, dass es auch jenseits der angloamerikanischen Weltauffassung linguistisch interessante Welten gibt. Die formalen und inhaltlichen Unterschiede zwischen einem deutschen und etwa einem polnischen wissenschaftlichen Text sind keineswegs so groß, wie das üblicherweise angenommen wird. Selbstverständlich lässt sich aus der Sicht eines erfahrenen deutschen Wissenschaftlers ein Relief von „Zuviels“ und „Zuwenigs“ erkennen, das Texten von Nicht-Muttersprachlern das Merkmal einer gewissen Fremdartigkeit in Bezug auf den Kanon wissenschaftlicher Formulierungsroutinen im Deutschen verleihen kann. Sie berechtigen aber nicht zur Annahme pauschaler, vorwissenschaftlicher Kategorien wie etwa „Leserfreundlichkeit“ u. ä.

Unter dem Einfluss der Untersuchungen zur Kulturgebundenheit von wissenschaftlichen Texten erfuhr die Fachtextlinguistik einen kommunikativ-pragmatischen Wandel. Seit Beginn der Forschung zu Fachsprachen, der mit der Ausarbeitung der fachsprachlichen Lexika im 17. Jh. zu verorten ist, dominierte die terminologisch-lexikalische Richtung. Mit dem Paradigmenwechsel in der Sprachwissenschaft von einer strukturalistischen Betrachtungsweise hin zu einer kommunikativ-funktional orientierten Textpragmatik rückte seit der Mitte der sechziger Jahre der „Fachtext-in-Funktion-und-Kultur“ ins Zentrum des Forschungsinteresses (Kalverkämper 1992: 73).

Eine bedeutende Rolle an diesem Wandel wird dem fremdsprachlich-didaktischen Aspekt zugestanden, demzufolge nicht die Verstöße gegen die Paradigmatik und Syntagmatik das Kernproblem des fachbezogenen Fremdsprachenunterrichts sind, sondern die situative und kontextuelle Unangemessenheit der Äußerungen. Didaktische Ziele verfolgen einige kontrastive Untersuchungen der Fachtexte wie z. B. die Arbeiten von Matthias Hutz (1997) oder von Eva C. Trumpp (1998), die auf einem Korpus von deutschen, englischen und französischen wissenschaftlichen Aufsätzen beruht. Mit Seminararbeiten ausländischer Studierender beschäftigt sich Stezano Cotelo (2008) unter dem Aspekt der Verarbeitung von Sekundärliteratur. Seither sind eine Reihe von Arbeiten erschienen, die sich mit Wissenschaftssprachen und wissenschaftlichem Schreiben unter einer Erwerbsperspektive beschäftigt haben. Weitere Arbeiten zu einer Wissenschaftskomparatistik, die auch bislang weniger beachtete Sprachenpaare behandeln, sind weiterhin ein Desiderat.

Wie groß das Interesse und der Bedarf an Anleitungen zu wissenschaftlichem Schreiben ist, wird daran deutlich, dass allein zwischen 2000 und 2016 im deutschsprachigen Raum über 600 Ratgeber zum wissenschaftlichen ←9 | 10→Schreiben erschienen sind, was durch die Bibliografie von Cirko et al. (2017) belegt wird.1

In den letzten Jahren haben sich einige international angelegte Forschungsprojekte mit Wissenschaftssprache und Hochschulkommunikation unter sprachvergleichenden Aspekten beschäftigt. Zu nennen ist hier das EuroWiss-Projekt,2 das an deutschen und italienischen Hochschulen durchgeführt wurde und das wissenschaftliche Schreiben im Kontext der unterschiedlichen Lehr-Lern-Diskurse untersuchte. Im Gewiss-Projekt wurde die gesprochene Hochschulkommunikation in Englisch, Deutsch und Polnisch verglichen (s. Fandrych et al. 2009).3 Das Interdiskurs-Projekt, welches als Verbundprojekt zwischen den Universitäten in Bochum, Breslau und Zielona Gora durchgeführt wurde, untersuchte den Erwerbsverlauf wissenschaftlichen Schreibens bei deutschen und polnischen Studierenden der Germanistik, wobei zum Vergleich auch die Texte von etablierten Wissenschaftlern herangezogen wurden.4

Der vorliegende Band enthält Beiträge zu einem gleichnamigen Symposium, das im April 2017 an der Ruhr-Universität Bochum im Rahmen des Interdiskurs-Projekts stattgefunden hat. Auf dem Symposium konnte die Thematik des Projekts erweitert werden, indem neben dem Polnischen auch andere Herkunftssprachen von Studierenden einbezogen wurden. Die Beiträge von Heller und Hornung behandeln den Erwerb durch italienische Studierende, Gansel geht auf russische Studierende ein und Szurawitzki zeigt die Schwierigkeiten chinesischer Studierender beim Verfassen von Seminararbeiten auf Deutsch auf, ←10 | 11→die jeweils durch die unterschiedlichen (Schreib-)Kulturen bedingt sind. Damit werden in diesem Band kontrastive Untersuchungen des wissenschaftlichen Schreibens zu verschiedenen Sprachenpaaren zusammengeführt.

Gemeinsam ist allen Beiträgen eine empirische Herangehensweise, die sich auf eigene Lehrerfahrungen sowie auf teilweise eigens für die Beiträge zusammengestellte Korpora stützt. Damit sind sie geeignet, das Bild der Wissenschaftssprache Deutsch unter dem Einfluss verschiedener Herkunftssprachen zu erweitern und sich daraus ergebende didaktische Implikationen aufzuzeigen.

Das Gros der Beiträge ist dem Sprachenpaar Polnisch-Deutsch gewidmet. Die Beiträge der polnischen Autoren umfassen ein breites Spektrum von Aspekten des wissenschaftlichen Schreibens, auf die meist kontrastiv eingegangen wird. Im Wesentlichen lassen sich hier drei thematische Dominanten feststellen.

Cirko und Zuchewicz diagnostizieren Misserfolge von Studierenden der Germanistik bei ihren ersten Versuchen, Texte mit wissenschaftlichen Ansprüchen zu verfassen, wobei Cirko den hemmenden Einfluss der universitären Tradition sowie diverse bürokratisch-administrative Faktoren betont, während Zuchewicz auf die unzureichende schulische Vorbildung und deren Folgen verweist.

Zahlreiche thematische Überschneidungsbereiche weisen die Beiträge von Olszewska, Nyenhuis und Berdychowska auf. Olszewska und Nyenhuis behandeln Metatexte(me) in Aufsätzen angehender deutscher und polnischer Wissenschaftler; ausgewählte Aspekte der Autorenpräsenz untersuchen Olszewska und Berdychowska.

Gołębiowski und Schönherr befassen sich mit spezifischen grammatischen Problemen deutschschreibender polnischer Germanisten. Gołębiowski beleuchtet ausgewählte syntaktische Erscheinungen, welche die potentiellen Gefahrenquellen für nicht-native Schreiber des Deutschen darstellen; Schönherr geht auf den Artikelgebrauch ein und analysiert besondere Schwierigkeiten von Deutschschreibenden mit polnischem Hintergrund im Bereich der nominalen Determination. Beide Artikel enden mit didaktischen Postulaten, deren Verwirklichung die Skala der umrissenen Probleme wesentlich vermindern soll.

Der Beitrag von Rolek vergleicht den Gebrauch von den sog. „Heckenausdrücken“ in deutschen und polnischen studentischen Diplomarbeiten. Eine gewisse Affinität mit den Ergebnissen von Nyenhuis ist sichtbar.

Bevor wir nun im Folgenden einen kurzen Überblick über die Thematik der einzelnen Beiträge geben, sei an dieser Stelle angemerkt, dass wir den Autorinnen und Autoren freie Hand gelassen haben, wie sie sich zum Gebrauch einer geschlechtergerechten Sprache stellen. Daher spiegeln die Beiträge die ganze Bandbreite der möglichen Ausdrucksweisen wider, von der Verwendung des generischen Maskulinums bis hin zu einem konsequenten Gendern.

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Konrad Ehlich zeichnet in seinem Beitrag über Nationalsprachen als Wissenschaftssprachen – Zur Entwicklung wissenschaftssprachlicher Schreibkulturen ein umfassendes Panorama der Entwicklung der Wissenschaftssprachen im europäischen Raum, womit er den Rahmen für die anderen Beiträge in diesem Band absteckt. Er betont die grundsätzliche Bedeutung der Sprache für die Wissenschaft in Europa, in der auch die Mündlichkeit eine wichtige Rolle spielt. Es wird aufgezeigt, dass die griechisch-lateinischen Wurzeln und ihr Fortwirken in der scholastischen Tradition im Mittelalter trotz der späteren Entwicklung der einzelnen Nationalsprachen und ihrer Etablierung als Wissenschaftssprachen noch immer gegenwärtig und in ihrer Wichtigkeit nicht zu unterschätzen sind. Die verschiedenen Wissenschaftssprachen betrachtet Ehlich als Varietäten einer allgemeinen Sprache der Wissenschaften und Künste und arbeitet die Determinanten ihrer Entwicklung heraus. In den romanischen Sprachen, illustriert am Beispiel des Italienischen, wirken rhetorische Traditionen fort, während im angelsächsischen Sprachraum der empirische Ansatz und sein Ausgangspunkt in einfachen Beobachtungen zur Ausbildung einer knappen, präzisen Wissenschaftssprache geführt haben. Für das Deutsche, das sich relativ spät als Wissenschaftssprache etabliert hat, waren Luther, Philosophen wie Leibniz und Kant, aber auch Naturforscher wie Alexander von Humboldt und Goethe prägend. Ehlich plädiert für Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft und zeigt neuere Entwicklungen auf, die diese Mehrsprachigkeit der Wissenschaft bedrohen, wie die Dominanz von technikbasierten Regeln, den zunehmenden Einfluss von Bildelementen, welche die Rolle der Sprache als Erkenntnisinstrument relativieren, sowie die Dominanz des Englischen, die die Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft zugunsten eines Monolingualismus zurückzudrängen droht.

Zofia Berdychowska analysiert in ihrer Studie zur Personenreferenz in linguistischen Abschlussarbeiten polnischer Germanistikstudierender im Vergleich mit dem deutschen linguistischen Usus u. a. die Quellen der Unsicherheit bei der Personenreferenz in den studentischen Texten. Aufschlussreich sind die Überlegungen der Autorin zur Spannung zwischen dem fragwürdigen Ich-Verbot und den sich bei der Lektüre wissenschaftlicher Texte angeeigneten Mustern einerseits und dem studentischen Bedürfnis einer spontanen Meinungsäußerung andererseits. Die Sache wird spannend, wenn die deutschschreibenden Polen auf Alternativen zurückgreifen, die im Deutschen weniger üblich sind, oder (was als nahezu typisches Merkmal von Texten polnischer Germanisten gilt) eintönige man-Texte produzieren. Eine Vielzahl von überzeugenden Belegen bestätigt, dass das Problem viel größer ist, als man es hätte annehmen können.

Lesław Cirko analysiert in seinem erfahrungsgestützten Text Genrespezifische Dissonanzen abbauen – aber wie? den unterschiedlichen Stellenwert des Fachs ←12 | 13→Akademisches Schreiben in der deutschen und der polnischen Hochschulausbildung für Germanisten. Der Autor schildert die Wege, das Basiswissen in diesem Bereich zu erwerben und unterstreicht die sich aus jahrelangen Versäumnissen ergebenden negativen Konsequenzen für deutschschreibende Polen. Der Autor betont die Spannung zwischen einerseits einem dringenden Desiderat, das von einem Teil der polnischen Professoren und jüngeren Hochschullehrern immer lauter formuliert wird, das Fach Akademisches Schreiben als Pflichtfach in der germanistischen Ausbildung in Polen einzuführen, andererseits einer konservativen Haltung vieler Hochschulkollegen, die an traditionellen und zuweilen obsolet wirkenden Paradigmen der philologischen Ausbildung festhalten und aus dieser Sicht das postulierte Fach als unnötig und schlicht zeitraubend ablehnen. Cirko äußert sich kritisch zu den Bologna-Bestimmungen, die er für einen fatalen Zuwachs an der universitären Bürokratie, Inflexibilität der ETCS-Systeme und folglich für die Unmöglichkeit verantwortlich macht, Unterrichtspläne einzelner Hochschulen im Interesse der Studierenden frei zu gestalten.

Christina Gansel reflektiert in ihrer Studie Wissenschaftliches Schreiben im russisch-deutschen Sprachtransfer: Kompetenzen, Metakommunikation, Konventionen und Traditionen die Kulturspezifik von Textsorten, wobei auf einen systemtheoretisch fundierten Kulturbegriff rekurriert wird. Sie zeigt, dass die Textsorten im Spannungsfeld einer Wissenschaft liegen, die als universal gelten kann, dass sie andererseits jedoch in ihren spezifischen Ausprägungen kultur- und sprachgebunden sein können. Anhand von Textbeispielen werden die verschiedenen Entwicklungsstadien des wissenschaftlichen Schreibens bei deutschen und russischen Studierenden aufgezeigt. Dabei wird das Modell von Feilke (1988, 1996) und Feilke/Steinhoff (2003) zur Entwicklung von wissenschaftlicher Textkompetenz zugrunde gelegt. Die verschiedenen „Schreibalter“ werden durch Beispiele aus Hausarbeiten belegt und anhand einer Schreibaufgabe verdeutlicht, bei der deutsche und russische Studierende einen Begriff definieren sollten. Auch die Besonderheiten der Metakommunikation werden aufgezeigt, wobei Unterschiede zwischen russischen und deutschen Studierenden auf die unterschiedliche wissenschaftliche Sozialisation zurückgeführt werden können.

Adam Gołębiowski unternimmt in seiner Untersuchung Zur syntaktischen Kondensierung in geisteswissenschaftlichen Texten. Eine konfrontative Analyse von Arbeiten deutscher und polnischer Germanistikstudierender den Versuch, ein für wissenschaftliche Texte typisches Phänomen der syntaktischen Kompression (Kondensierung im Sinne von Beneš) im deutsch-polnischen Vergleich darzustellen. Im Fokus steht die Frage, nach welchen syntaktischen Kondensierungsstrategien Prädikation und Attribution in studentischen Diplomarbeiten realisiert werden. Das Korpus umfasst Auszüge aus je 20 deutschen und ←13 | 14→polnischen studentischen Arbeiten; als Bezugsgröße gelten zahlreiche, nach demselben methodischen Prinzip gewonnene Auszüge aus 10 Expertentexten, deren Autoren deutsche Philologen (Muttersprachler) sind. Der Vergleich zeigt, wie sehr deutschschreibende Polen, sollten sie in Bereich der im deutschen Sprachraum anerkannten Konventionen für den wissenschaftlichen Text bleiben, aufpassen müssen, um nicht die in der polnischen Sprache typischen Kondensierungsstrategien zu verwenden. Diese würden in deutschen Texten sofort sichtbar sein und als stilistisch unangemessen, ja unbeholfen auffallen. Die Studierenden müssen dafür sensibilisiert werden.

Dorothee Heller zeigt in ihrem Beitrag mit dem Titel Textuell basierte Wissensvermittlung und (vor-)wissenschaftliches Schreiben an italienischen Hochschulen am Beispiel von Handlungen des Einschätzens Unterschiede in der Hochschulkommunikation in Deutschland und Italien auf. Da die Lehrformen in Italien durch Dozentenvorträge geprägt sind, spielen Bewertungen und Einschätzungen der Lehrenden in der Wissensvermittlung eine wichtige Rolle. Dass Studierende in der Formulierung eigener Einschätzungen und Bewertungen nicht geübt sind, wird anhand von Seminararbeiten gezeigt, die italienische Studierende bei einem Erasmus-Aufenthalt in Deutschland verfasst haben.

Antonie Hornung geht in ihrer Studie betitelt Der muttersprachliche Fingerabdruck in der Gedankenentwicklung beim Verfassen (vor-)wissenschaftlicher Arbeiten im Studium des Deutschen als Fremdsprache von einem Humboldtschen Sprachverständnis aus, demzufolge die sprachlichen Strukturen unser Denken prägen und unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Denkstrukturen bedingen können. Die Unterschiede zwischen Italienisch und Deutsch werden exemplarisch anhand der Gegenüberstellung einer Schlusspassage aus einem italienischen philosophischen Essay mit einer engen und einer freieren Übersetzung ins Deutsche illustriert. An mehreren Beispielen aus Arbeiten von italienischen Studierenden zeigt die Autorin, welche Probleme sich durch eine Übersetzung italienischer Satzstrukturen ins Deutsche ergeben können und wie sich muttersprachliche Strukturen und Schreibtraditionen sich in auf Deutsch verfassten Arbeiten italienischer Studierender auswirken.

Agnieszka Nyenhuis untersucht in ihrem Beitrag über Metatexte in deutschen und polnischen Artikeln von Linguisten qualitative und quantitative Aspekte des Gebrauchs von Formulierungsroutinen und unkonventionellen Formulierungen (diese entsprechen etwa den „Heckenausdrücken“ bei Rolek in diesem Band), die sie unter Metatexten zusammenfasst. Die Analyse von je 25 germanistischen und polonistischen Expertentexten lässt erkennen, dass erhebliche Unterschiede beim Verfassen wissenschaftlicher Texte bestehen. So machen deutsche Autoren viel häufiger von den Metatexten Gebrauch. Daneben gibt es auch qualitative ←14 | 15→Unterschiede, die bei der Didaktik des Fachs Akademisches Schreiben Beachtung finden sollten.

Danuta Olszewska befasst sich in ihrer Studie betitelt Wann sagt ein Wissenschaftler ich? Wann meidet ein Wissenschaftler ich? Über stilistische Tendenzen in Texten junger Wissenschaftler mit einem alten, vieldiskutierten und dennoch immer noch nicht zufriedenstellend gelösten Problem, wie sich der Autor eines wissenschaftlichen Textes dessen Inhalt gegenüber positionieren soll. Nach einer kompakten Charakteristik der Wissenschaftssprache, insbesondere der „Alltäglichen Wissenschaftssprache“ im Sinne Konrad Ehlichs, geht die Autorin auf die Fragen der Organisation wissenschaftlicher Texte ein. Aufgelistet und kurz besprochen werden Metatexteme und deren kohärenzsichernde und vor allem stilistische Funktionen. Vor diesem Hintergrund wird die zentrale Frage erörtert, wie angehende deutsche und polnische Linguisten mit der Ich-Perspektive umgehen. Als tragbar erweist sich die Unterscheidung zweier Kategorien, der stilistischen Homogenität und der stilistischen Heterogenität, dank denen eine Feininterpretation der aus mehreren deutschen und polnischen linguistischen Dissertationen exzerpierten Metatexteme möglich ist.

Bogusława Rolek analysiert in ihrer Untersuchung von Hedging in wissenschaftlichen Artikeln polnischer und deutscher Studenten den Gebrauch von „Heckenausdrücken“ in deutschen und polnischen studentischen Texten. Nach einer Einführung in das Wesen und die Funktionen der zu besprechenden Erscheinung und nach einem Überblick über die hier bestehenden Typologien überprüft die Autorin, wie deutsche und polnische Studierende die präsentierten Ausdrücke gebrauchen, wo die Ähnlichkeiten überwiegen und wo größere Unterschiede im Gebrauch bestehen. Die empirische Basis bilden insgesamt 20 wissenschaftliche Artikel (10 deutsche, 10 polnische), die von Studierenden verfasst wurden. Untersucht werden Textpassagen, die sich den Kategorien Zielsetzung, Einräumung, Festlegung theoretischer Ausgangspositionen und Schlussfolgerung zuordnen lassen. Zum Schluss plädiert die Autorin für die Fortsetzung der Analysen, die zur besseren Erkenntnis von Heckenausdrücken und ihrer Rolle in wissenschaftlichen Texten beitragen.

Monika Schönherr untersucht in ihrem Beitrag Zum Artikelgebrauch in wissenschaftlichen Texten polnischer Germanistikstudierender eine grammatische Erscheinung, die als Achillesferse aller deutschschreibenden nicht-nativen Sprecher des Deutschen, insbesondere von solchen mit slawischem Hintergrund, gilt, welche im wissenschaftlichen, zum Nominalstil tendierenden Text zu Verständnisproblemen führen kann. Der Artikel, wie die Autorin sagt, „die übliche Kodierungsform der Kategorie der nominalen Determination“, ist an sich eine faszinierende Erscheinung, deren (korrekter) Gebrauch ←15 | 16→ein nahezu unüberwindbares Hindernis für den Sprecher einer artikellosen Sprache bildet. Nicht ohne Einfluss bleibt, dass der Artikelgebrauch nach der Ansicht der Autorin „ein fremdsprachendidaktisches Stiefkind“ sei. Die Folgen davon sind in wissenschaftlichen Texten polnischer Germanisten sichtbar. Was in der spontanen umgangssprachlichen Kommunikation noch akzeptabel erscheint, ist in der Wissenschaftssprache besonders sinngefährdend. Die Autorin stellt eine kleine Typologie von Fehlern im Artikelgebrauch in studentischen Texten auf, die anhand zahlreicher Beispiele analysiert werden. Daraus ergeben sich einige didaktisch praxisbezogene und allgemeinere Postulate.

Michael Szurawitzki geht in seiner Studie zu Schreibstrategien chinesischer Germanistikstudierender in Seminararbeiten der Germanistischen Linguistik auf die spezifischen Schwierigkeiten ein, die Studierende der Germanistik in China beim Verfassen schriftlicher Hausarbeiten haben. Diese reichen von Schwierigkeiten bei der Anwendung eines einheitlichen Zitiersystems, der Auflistung deutscher und chinesischer Literatur in einem gemeinsamen Literaturverzeichnis bis hin zu den verschiedenen Formen der Einbindung von Sekundärliteratur. Einen besonderen Problembereich stellt der Bereich der Intertextualität dar. Die Schwierigkeiten beim Zitieren und Diskutieren verschiedener Positionen werden u. a. auch darauf zurückgeführt, dass die Studierenden den chinesischen Wissenschaftsstil übernehmen, was anhand von vom Verfasser betreuten Seminararbeiten an der Tongji-Universität in Shanghai demonstriert wird. Es wird argumentiert, dass die Auseinandersetzung mit Hypothesen und die Reflexion eigener Ergebnisse durch das kulturell geprägte völlig andere Verhältnis zu Autoritäten stark beeinflusst werden.

Tadeusz Zuchewicz geht in seiner Untersuchung zur Gliederung studentischer Texte im deutsch-polnischen Vergleich von der Beobachtung aus, dass „die normativen Standards in wissenschaftlichen Texten anders“ sind „als in Textsorten des alltäglichen Gebrauchs“ und erörtert aus dieser Perspektive mehrere Problemquellen im wissenschaftlichen Text. Als empirische Basis für den Vergleich dienen 20 Masterarbeiten von deutschen und polnischen Studierenden. Ausgegangen wird von einer Analyse der weitgehend unzureichenden Vorbereitung von Studienanwärterinnen und -anwärtern, wissenschaftliche Texte zu verfassen. Der Autor geht auf diverse Unzulänglichkeiten in verglichenen Masterarbeiten ein, belegt sie mit Beispielen, analysiert sie und formuliert praktische Postulate, deren Erfüllung den Schreibprozess bei überwiegend polnischen Germanisten verbessern kann. In dieser Hinsicht bildet der praktisch orientierte Text von Tadeusz Zuchewicz eine Klammer mit dem eher allgemeintheoretisch angelegten Text Lesław Cirkos.

Biographische Angaben

Lesław Cirko (Band-Herausgeber:in) Karin Pittner (Band-Herausgeber:in)

Lesław Cirko leitet den Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Linguistik am Germanistischen Institut der Universität Wrocław. Seine Spezialgebiete sind die Morphologie und Syntax des Deutschen sowie die kontrastive Grammatik. Karin Pittner hat den Lehrstuhl für Germanistische Linguistik an der Ruhr-Universität Bochum inne. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die deutsche Grammatik unter funktionalen und sprachvergleichenden Aspekten.

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Titel: Wissenschaftliches Schreiben interkulturell: Kontrastive Perspektiven