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Kognitive Aspekte der Phraseologie

Konstituierung der Bedeutung von Phraseologismen aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik

von Anna Sulikowska (Autor)
Monographie 576 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Ãœber das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführung
  • 1. Phraseologie und Phraseologismen
  • 1.1 Geschichte und Forschungsstand der Phraseologie in Deutschland
  • 1.2 Phraseologismen und Idiome
  • 1.2.1 Primäre Merkmale der Phraseologismen
  • 1.2.1.1 Polylexikalität
  • 1.2.1.2 Festigkeit
  • 1.2.1.3 Idiomatizität
  • 1.2.2 Sekundäre Merkmale der Phraseologismen
  • 1.3 Klassifikationen der Phraseologismen
  • 1.4 Zusammenfassung und Ausblick
  • 2. Kognitive Linguistik: Entwicklung, Grundvoraussetzungen, Ansätze
  • 2.1 Grundprämissen des holistischen Ansatzes
  • 2.1.1 Erfahrungsrealismus als philosophische Grundlage holistischer Ansätze
  • 2.1.2 Embodied Cognition
  • 2.1.3 Kategorisierung und Konzepte
  • 2.1.4 Grammatik und Lexikon
  • 2.1.5 Weltwissen und Sprachwissen
  • 2.1.5.1 Frames von Fillmore
  • 2.1.5.2 ICMs von Lakoff
  • 2.1.5.3 Domänen und Profilierungen von Langacker
  • 2.1.6 Interaktionismus und die Rolle des Sprachgebrauchs
  • 2.1.7 Zusammenfassung und Ausblick
  • 2.2 Analoge Repräsentationsformate und anschauliches Denken in der Kognitiven Linguistik
  • 2.2.1 Repräsentationsformate
  • 2.2.2 Repräsentationstheorien
  • 2.2.2.1 Unitäre Repräsentationstheorie
  • 2.2.2.2 Duale Repräsentationstheorie
  • 2.2.2.3 Multimodale Repräsentationstheorie: Grounded Cognition
  • 2.2.3 Mentale Bilder und Basisbegriffe in der Prototypensemantik von Rosch
  • 2.2.4 Vorstellungsschemata von Johnson
  • 2.2.5 Verbildlichung bei Langacker
  • 2.2.6 Zusammenfassung und Ausblick
  • 2.3 Metapher und Metonymie als kognitive Prozesse
  • 2.3.1 Metapher und Metonymie in der traditionellen Auffassung
  • 2.3.2 Grundzüge der konzeptuellen Metapherntheorie von Lakoff/Johnson
  • 2.3.3 Kritik der konzeptuellen Metapherntheorie
  • 2.3.4 Moderne Auffassung der Metapher und der Metonymie – Update
  • 2.3.4.1 Property attribution model von Glucksberg
  • 2.3.4.2 Klassifikationen der Metaphern
  • 2.3.4.2.1 Konzeptuelle und epistemische Metaphern
  • 2.3.4.2.2 Innovative und konventionalisierte Metaphern
  • 2.3.4.2.3 Propositionale und bildbasierte Metaphern
  • 2.3.4.2.4 Die Einteilung nach dem Generalitätsgrad
  • 2.3.4.2.5 Strukturbezogene Klassifikation der konzeptuellen Metaphern
  • 2.3.4.3 Metonymie
  • 2.3.4.4 Zur Abgrenzung von Metapher und Metonymie
  • 2.3.4.4.1 Metapher und Metonymie vor dem Hintergrund des Domänenbegriffes
  • 2.3.4.4.2 Metaphtonymie
  • 2.3.5 Die literale, non-literale und figurative Sprache
  • 2.3.6 Zusammenfassung und Ausblick
  • 3. Semantische Besonderheiten der Idiome aus kognitiver Perspektive
  • 3.1 Literale und phraseologisierte Lesart von Idiomen
  • 3.1.1 Semiotische Perspektive
  • 3.1.2 Psycholinguistisch-kognitive Perspektive
  • 3.1.3 Zwischenbilanz
  • 3.2 Idiomatizität
  • 3.2.1 Idiomatizität aus struktureller, pragmatischer und konstruktionsgrammatischer Perspektive
  • 3.2.2 Idiomatizität in der Phraseologie – Versuche der Parametrisierung
  • 3.2.3 Zwischenbilanz
  • 3.3 Motiviertheit der Idiome
  • 3.3.1 Motivation, Motivierbarkeit und Motiviertheit
  • 3.3.2 Typen der Motiviertheit
  • 3.3.2.1 Motivertheitstypologie von Munske
  • 3.3.2.2 Motiviertheitstypologie von Dobrovol’skij/Piirainen
  • 3.3.2.3 Motiviertheitstypologie von Burger
  • 3.3.3 Zwischenbilanz
  • 3.4 Bildlichkeit und Bildhaftigkeit der Idiome
  • 3.4.1 Materielles, mentales und sprachliches Bild
  • 3.4.2 Bildlichkeit und Bildhaftigkeit
  • 3.4.3 Das mentale und das idiomatische Bild
  • 3.4.4 Mentale Bilder und die Konstituierung idiomatischer Bedeutung – Hypothesen
  • 3.4.4.1 Mentale Bilder und konzeptuelle Metaphern: die kognitiv-konzeptuelle Hypothese von Gibbs/O’Brien
  • 3.4.4.2 Mentale Bilder und literale Lesart: property-attribute modell von Glucksberg u.a.
  • 3.4.4.3 Die Theorie des bildlichen Lexikons von Dobrovol’skij/Piirainen
  • 3.4.5 Zwischenbilanz
  • 3.5 Zusammenfassung
  • 4. Mechanismen der Bedeutungskonstituierung von Idiomen
  • 4.1 Daten und Methoden
  • 4.1.1 Untersuchungsmaterial
  • 4.1.2 Methoden der Untersuchung
  • 4.1.2.1 Methoden der Eruierung von konzeptuellen Metaphern
  • 4.1.2.2 Methoden der semantisch-kognitiven Untersuchung am Korpusmaterial
  • 4.1.2.2.1 Die Auswahl der zu beschreibenden Idiome
  • 4.1.2.2.2 Methoden der semantischen Analyse von Idiomen
  • 4.1.2.2.2.1 Erstellung der Belegsammlung
  • 4.1.2.2.2.2 Ermittlung der Verwendungsprofile und Verwendungsmuster
  • 4.1.2.2.3 Methoden der kognitiven Analyse von Idiomen
  • 4.2 Analyse und Interpretation
  • 4.2.1 Konzeptuelle Metaphern als Strukturierungsprinzip des semantischen Feldes der Schwierigkeit/der schwierigen Lage
  • 4.2.1.1 leben ist ein weg, schwierigkeiten sind verhinderungen der (vorwärts-)bewegung
  • 4.2.1.1.1   schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg
  • 4.2.1.1.2   schwierigkeiten sind eine last
  • 4.2.1.1.3   schwierige lage ist einschränkung der bewegungsfreiheit
  • 4.2.1.2 schwierigkeit ist ungeniessbares essen
  • 4.2.1.3 schwierige lage ist fehlende luft/luftentzug
  • 4.2.1.4 schwierige lage ist hitze
  • 4.2.1.5 schwierige lage ist schlechtes wetter
  • 4.2.1.6 schwierige lage ist ein verlorenes spiel
  • 4.2.2 Mechanismen der Bedeutungskonstituierung von Idiomen
  • 4.2.2.1 Die Weg-Metaphorik im Deutschen: schwierigkeiten sind verhinderungen der vorwärtsbewegung
  • 4.2.2.1.1   schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg
  • 4.2.2.1.1.1   schwierige lage ist unsicherer boden
  • 4.2.2.1.1.2 Schwierigkeiten sind hindernisse, die einen zu fall bringen
  • 4.2.2.1.2 schwierigkeiten sind eine last
  • 4.2.2.1.2.1   Klotz am Bein
  • 4.2.2.1.2.2   am Hals haben
  • 4.2.2.1.2.3   Resümee mit Schwerpunkt: Ontologische Metaphern, Embodiment und Bedeutung von Phraseologismen
  • 4.2.2.1.3 Schwierige lage ist räumliche beschränktheit
  • 4.2.2.1.3.1 in die Enge treiben
  • 4.2.2.1.3.2 jmdn. an die Wand drücken
  • 4.2.2.1.3.3 Resümee mit Schwerpunkt: Interlinguale Äquivalenz, Arbitralität und Motiviertheit von Phraseologismen aus kognitiver Perspektive
  • 4.2.2.2 schwierigkeiten sind ungeniessbares esssen
  • 4.2.2.2.1   ein hartes Brot
  • 4.2.2.2.2 eine harte Nuss
  • 4.2.2.2.3   in den sauren Apfel beißen
  • 4.2.2.2.4 ein dicker Brocken
  • 4.2.2.2.5   Resümee mit Schwerpunkt: Mentales Bild und die Konstituierung der phraseologisierten Bedeutung
  • 5. Resümierende Schlussbemerkungen
  • Anhang
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • Literatur
  • Index

←14 | 15→

Einführung

Anstelle der theoretischen Erwägungen wird einleitend am Beispiel eines meisterhaften, aber keinesfalls vereinzelten Gebrauchs die besondere semantische Potenz der Phraseologismen diskutiert:

Männer würden ihren Frauen viel mehr zu den Füßen liegen, würden diese ihnen nicht so oft auf die Zehen treten. Frauen verbrennen sich gerne die Zunge an der Suppe, die sie sich mit den falschen Männern eingebrockt haben. (Ruth W. Lingenfelser)

Aus traditionell-sprachwissenschaftlicher Perspektive sind es zwei zusammengesetzte Sätze, die vier Phraseologismen im engeren Sinne (= Idiome) enthalten. Diese Idiome – definiert als feste Mehrwortverbindungen, deren Bedeutung sich nicht aus Bedeutungen der einzelnen Konstituenten ableiten lässt – werden als arbiträre Sprachzeichen betrachtet. Als solche lassen sie sich ohne größere Schwierigkeiten mit Paraphrasen umschreiben, so wie es z.B. im duden Universalwörterbuch der Fall ist:

jmdm. zu Füßen liegen (gehoben: jmdn. über die Maßen verehren)

jmdm. auf die Zehen treten (1. umgangssprachlich: jmdm. zu nahe treten; jmdn. beleidigen. 2. jmdn. unter Druck setzen, zur Eile antreiben)

sich die Zunge verbrennen (seltener; Mund 1a) sich <Dativ> den Mund verbrennen (umgangssprachlich: sich durch unbedachtes Reden schaden)

jmdm., sich eine schöne Suppe einbrocken (umgangssprachlich: jmdn., sich in eine unangenehme Lage bringen) (DUW online, Zugriff am 29.12.2017)

Das Erste, was auffällt, ist die Tatsache, dass die Bedeutungsparaphrasen selbst viele Phraseologismen (= feste Wortverbindungen) enthalten (über die Maßen, jmdm. zu nahe treten, jmdn. unter Druck setzen, zur Eile antreiben). Versucht man das Zitat mit möglich wenigen Idiomen anhand der angeführten Bedeutungsumschreibungen wiederzugeben, dann könnte man folgende Paraphrase vorschlagen:

Männer würden ihre Frauen mehr verehren, würden diese sie nicht so oft beleidigen (belästigen? bedrängen?). Frauen schaden sich gerne (durch unbedachtes Reden?), indem sie sich mit falschen Männern in eine unangenehme Lage bringen.

Dieser Text hätte den Status eines Aphorismus wahrscheinlich nie erreicht. Das Bildhafte, Raffinierte, Sprachspielerische ist verloren gegangen. Unter lexikalisierten Spracheinheiten kommt Idiomen nämlich eine besondere Stellung zu: Einerseits fest, alltäglich, lexikalisiert, entfalten sie doch (unter bestimmten ←15 | 16→kontextuellen Bedingungen) ein besonderes Inferenz- und Emotionspotenzial; sie eröffnen Auslegungsspielräume, rufen individuelle Assoziationen wach, evozieren mentale Bilder, heben bestimmte Bedeutungsaspekte hervor und lassen andere in den Hintergrund treten.

So geht die Bedeutung des Idioms jmdm. zu den Füßen liegen in der einfachen Paraphrase ‚verehren‘ nicht auf, viele konnotative Werte schwinden in der Bedeutungsumschreibung dahin. Der sprachliche Ausdruck (der phonologische oder graphematische Pol einer sprachlichen Einheit) funktioniert nämlich als ein kognitiver Stimulus, der den Rezipienten zur Konstruktion einer aktuellen Bedeutung, einer Konzeptualisierung veranlasst. Dabei ist die konnotative Potenz des Idioms um Vielfaches reicher als die eines Einwortlexems: Das mentale Bild des einer Frau zu Füßen liegenden Mannes ruft unwillkürlich Inferenzen wach, die beim Lexem ‚verehren‘ nur infolge einer vertieften linguistischen Reflexion zustande kommen könnten. Dementsprechend weiß der Rezipient, dass die Frau wie eine Göttin behandelt wird, dass sie angebetet, vergöttert, verhimmelt, angeschwärmt ist. Aus der Lage des Mannes, der unten ist, aufblicken muss, kann des Weiteren geschlussfolgert werden, wer das Sagen in der Beziehung hat: In ähnlicher Stellung, zu Füßen kniend, huldigte man doch früher einem Herrscher. Da diese Position ebenfalls als Unterwerfungsposition gilt, wird ersichtlich, in welchem affektiven Zustand (einer hoffnungslosen Verliebtheit) sich der Verehrende befindet. Das mentale Bild vermittelt eine emotionale Dramatik, die der Paraphrase nicht eigen ist.

Ein anderes, für Phraseologismen im authentischen Gebrauch typisches Phänomen – die Vagheit der Bedeutung – liegt im Idiom jmdm. auf die Zehen treten vor. Die beiden lexikographisch erfassten Teilbedeutungen (1. jmdm. zu nahe treten; jmdn. beleidigen. 2. jmdn. unter Druck setzen, zur Eile antreiben) schöpfen potenzielle Auslegungsmöglichkeiten keinesfalls aus. Die literale Lesart des Idioms nimmt Bezug auf eine wohl von allen Menschen geteilte körperliche Erfahrung: Jeder weiß, wie empfindlich und innerviert die Zehen sind, wie schmerzhaft und unangenehm das Treten auf einen Fuß ist. Aktiviert wird auch das Wissen, dass diese Handlung einen unmittelbaren körperlichen Kontakt voraussetzt, der als eine Verletzung der Privatsphäre, Eindringen in interne, intime Angelegenheiten empfunden werden kann. Diese Wissensinhalte werden in die komplexe psychologische Domäne der männlich-weiblichen Beziehungen projiziert und eröffnen den Spielraum für die Interpretationen, die im vorliegenden Fall folgendermaßen aussehen können:

Die interindividuelle Variabilität der potenziellen Auslegungsmöglichkeiten ist darauf zurückzuführen, dass das Idiom hier in gewissem Maße wie eine innovative Ad-hoc-Metapher funktioniert: Das sprachliche Zeichen bildet den Impuls, der beim Sprachproduzenten und dem Sprachrezipienten die geteilten Wissens- und Erfahrungsinhalte evoziert. Zwar ist der Interpretationsraum durch die lexikalisierte Bedeutung teilweise abgegrenzt, aber zugleich groß genug, um eine Vielzahl der Auslegungen zuzulassen. Viele Idiome sind durch derartige semantische Unschärfe und Dehnbarkeit gekennzeichnet.

Der zweite Satz: Frauen verbrennen sich gerne die Zunge an der Suppe, die sie sich mit den falschen Männern eingebrockt haben veranschaulicht textbildende Potenzen, kontextuelle Abwandlungen und semantischen Mehrwert der Idiome. Das Idiom sich die Zunge verbrennen wird modifiziert (okkasionell abgewandelt) und um das Nomen Suppe erweitert, das zugleich eine integrale Konstituente des Idioms sich/jmdm. die Suppe einbrocken ausmacht. Durch die Extension der ersten Wortverbindung wird die Verschränkung der beiden Idiome erzielt und um die ‚Suppe‘ herum ein leicht visualisierbares Szenario ausgebaut. Die angestrebte und erreichte Bildhaftigkeit und stilistische Auffälligkeit des Satzes ziehen die Notwendigkeit eines innovativen und kreativen Umgangs mit Idiomen nach sich und setzen einen größeren kognitiven Aufwand seitens des Sprachrezipienten voraus: So ist die lexikographisch erfasste Paraphrase des Idioms sich die Zunge verbrennen ‚sich durch unbedachtes Reden schaden‘ an dieser Stelle nur eingeschränkt einsetzbar. Möglicherweise wird konzeptuell an ein in seinem Konstituentenbestand ähnliches Idiom sich die Finger verbrennen ‚[durch Unvorsichtigkeit] bei etwas Schaden erleiden‘ (DUW online, Zugriff am 16.03.2018) angeknüpft, die Autorin hat sich für das Zungen-Idiom der Kohärenz des ausgebauten Szenarios halber entschieden. Aus demselben Grund wird unter zahlreichen Idiomen der schwierigen Lage das Idiom sich die Suppe einbrocken gewählt. Die Fokussierung der Sprachproduzentin auf die ‚Suppe‘ ist dennoch nicht zufällig und lässt sich möglicherweise nicht ausschließlich auf die ästhetisch-semantische Funktion der Sprache reduzieren: Die Suppe als warme, gekochte Mahlzeit wird mit häuslichem Herd, dem weiblich-mütterlichen Element, dem Alltag assoziiert. Sie lässt einen zusätzlichen, nuancierenden, emotiven Wert in der Konzeptualisierung der männlich-weiblichen Beziehungen mitschwingen (Nähe suchende Frauen, bindungsunwillige bzw. -unfähige Männer, Einzug des Alltags in die Beziehung), der in der „idiomfreien“ Paraphrasierung ‚Frauen lassen sich gerne auf Beziehungen mit falschen Männern ein, wodurch sie sich selber schaden‘ verloren geht.

←17 | 18→Die besprochenen Idiome führen semantische Potenzen vieler Phraseologismen im engeren Sinne, ihre vielfältigen Assoziierungs- und Modifizierungsmöglichkeiten vor Augen. Idiome sind in ihrer Struktur fest und flexibel zugleich, holistisch und doch auch in Bezug auf einzelne Komponenten analysierbar. Sie sind bildhaft, d.h. sie evozieren mentale Bilder, woraus ihre erhöhte Expressivität sowie Inklination zum sprachspielerischen Gebrauch resultiert. Ihre Bedeutungen sind zwar konventionalisiert, oft werden sie aber idiosynkratisch gebraucht und modifiziert: erweitert, reduziert oder in ihrem Konstituentenbestand verändert. Als Sprachzeichen mit einer phraseologisierten Bedeutung sind sie arbiträr, dennoch gleichzeitig für viele Muttersprachler post festum motiviert: Wären die Sprachrezipienten ausschließlich an die lexikalisierten Bedeutungen gebunden, wären die Hinzuinterpretationen – so wie es im Falle von jmdm. auf die Zehen treten oder sich die Zunge verbrennen ist, nicht möglich. Die vielen Idiomen eigene Unschärfe, semantische Dehnbarkeit und Vagheit, ihre konnotative und kreative Potenz lassen schlussfolgern, dass die jeweiligen Ko- und Kontexte nicht die Bedeutungen, sondern Bedeutungspotenziale aktivieren.

Dabei muss hervorgehoben werden, dass Phraseologismen eine äußerst heterogene Gruppe der sprachlichen Einheiten bilden. Die Probleme mit ihrer Beschreibung sind einerseits auf die terminologische Vielfalt einer sich etablierenden sprachwissenschaftlichen Disziplin zurückzuführen – die germanistische Phraseologie hat sich als wissenschaftliche Disziplin erst in den 70er Jahren des 20. Jh. herausgebildet. Andererseits gehört es zur Natur der Phraseologismen, dass sie sich aufgrund der Phraseologizitätskriterien (Polylexikalität, Stabilität, Idiomatizität, Lexikalisierung, Motiviertheit, Bildhaftigkeit) intuitiv klar erfassen lassen, keines der genannten Kriterien ist aber – für sich genommen – ausreichend trennscharf, um die Grenze zwischen dem Phraseologischen und dem Nicht-Phraseologischen eindeutig ziehen zu können. Die Phraseologismen sind mehr oder weniger stabil, mehr oder weniger idiomatisch, mehr oder weniger bildhaft und motiviert, selbst die Polylexikalität gilt in manchen Fällen als umstritten (vgl. die Meinungsunterschiede bezüglich des Status von metaphorischen Komposita wie Strohwitwe oder sog. strukturellen Phraseologismen wie weder … noch, sowohl … als auch im Deutschen, Burger 2010: 15, Ehegötz 1990: 3, Fleischer 1982: 72, Stöckl 2004: 156). Insgesamt gilt es zu betonen, dass die Phraseologie einen sprachwissenschaftlichen Bereich darstellt, in dem man grundsätzlich mit skalaren und nicht mit absoluten Größen operiert. Ein kurzer Forschungsüberblick über die Phraseologie im weiteren und im engeren Sinne (= Idiomatik) und somit eine einleitende Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes erfolgen im ersten Kapitel.

Kapitel 2 reflektiert den linguistisch-theoretischen Rahmen der vorliegenden Arbeit. Zahlreiche semantische Aspekte der Phraseologismen im engeren Sinne: ihre Bildhaftigkeit, Motiviertheit, ihr konnotativer Mehrwert lassen sich im Rahmen reduktionistischer1 Sprachtheorien nicht erklären. Theoretische Ansätze, ←18 | 19→die die Sprache als ein von anderen kognitiven Fähigkeiten abgegrenztes Modul beschreiben, sind nicht imstande, die Motiviertheit der Idiome zu erfassen. Die idiomatische Bildhaftigkeit setzt Herangehensweisen voraus, die die psycholinguistische Relevanz der modalitätsspezifischen mentalen Repräsentationen des gesammelten Wissens anerkennen und Erklärungsansätze dafür liefern. Die kreativ-emotiven Potenzen und Interpretationsbreite der idiomatischen Einheiten sind mit den traditionellen semantischen Merkmalstheorien nicht erläuterbar, sie entziehen sich den strengen Formalisierungen. Einen geeigneten Rahmen für die Erklärung der semantischen Besonderheiten der Idiome im Gebrauch bildet der holistische Ansatz der Kognitiven Linguistik. Generell liegt der Kognitiven Linguistik ein ganzheitliches Bild des Menschen zugrunde, in dem keine trennscharfen Abgrenzungen zwischen Körper und Geist, Sprache und anderen kognitiven Fähigkeiten, Perzeption, Kognition und Emotion vorausgesetzt werden. Sprachliche Zeichen beziehen sich nicht auf außersprachliche Entitäten (Gegenstände, Phänomene und Personen), sondern auf mentale Konstrukte von diesen Entitäten, anders gesagt, sie beziehen sich nicht auf die wirkliche, sondern auf die projizierte Welt. Jede Erfahrung konstituiert somit das konzeptuelle System eines Menschen, darunter sein sprachliches Weltbild (Bartmiński/Tokarski 1986, Bartmiński 1990). Dementsprechend fasst die Kognitive Linguistik Bedeutungen als dynamische, gebrauchsbasierte Konstrukte des menschlichen Geistes auf. So verstandene Bedeutungen weisen weder strikte Grenzen noch exakt zugewiesene stabile Werte auf. Im Gegenteil: Es wird angenommen, dass bei der Konstituierung der Bedeutungen auf die Gesamtheit des aufgesammelten Wissens und die ganze Erfahrung Bezug genommen wird. Das zweite Kapitel untergliedert sich in drei größere Themenbereiche: Zuerst wird auf die Grundprämissen des holistischen Ansatzes mit besonderer Hervorhebung der Bedeutungsauffassung aus der kognitiven Perspektive eingegangen. Demnächst werden die Theorien dargelegt, die Einsicht in die Frage der mentalen Repräsentationen geben. Abschließend werden Metonymien und Metaphern thematisiert – kognitive Mechanismen, denen sowohl in der Kognitiven Linguistik als auch in der Phraseologie ein besonderer Stellenwert zugewiesen wird.

Im dritten Kapitel werden semantisch relevante Aspekte von Idiomen aus kognitiver Perspektive diskutiert. Im Zentrum des Interesses steht dabei die Doppelbödigkeit der semantischen Struktur von Phraseologismen im engeren Sinne, d.h. die Tatsache, dass viele Idiome aus einer literalen und einer phraseologisierten Lesart bestehen. Im Spannungsfeld zwischen den beiden Lesarten konstituieren sich ihre Bedeutungen. Ebenfalls die zentralen und in der traditionellen Phraseologie als problematisch betrachteten Merkmale der Phraseologismen wie Idiomatizität, Motiviertheit/Motivierbarkeit und Bildlichkeit/Bildhaftigkeit können erst vor dem Hintergrund der beiden Lesarten und den zwischen ihnen festzustellenden Beziehungen beschrieben werden.

Angesichts der Annahmen zur Dynamik, Emergenz der Bedeutungskonstituierungsprozesse und der fundamentalen Rolle des Sprachgebrauchs bei der Konstituierung von konzeptähnlichen Strukturen ist der Rückgriff auf authentische ←19 | 20→Sprachbelege unumgänglich. Die Bedeutung einer sprachlichen Einheit wird als eine Spur der vorausgehenden kognitiven Erfahrungen betrachtet. Die aktuellen Bedeutungen bilden somit den Ausgangspunkt zur Untersuchung der Semantik der sprachlichen Einheiten, was in der Praxis in der Zuwendung zu korpusbasierten Analysen innerhalb der kognitiv ausgerichteten Forschung ersichtlich wird. Aus diesem Grunde wird der theoretische Teil der vorliegenden Arbeit im Rahmen eines Exkurses mit einer kurzen Darstellung der Korpuslinguistik abgerundet, in der eine Übersicht über die Desiderata und Errungenschaften des neuen linguistischen Forschungszweiges gegeben wird.

Das Ziel des vierten Kapitels, das den empirischen Teil der vorliegenden Arbeit darstellt, liegt in der Veranschaulichung der Bedeutungskonstituierungsprozesse in ihrer Vielfalt und Komplexität. Einer semantisch-kognitiven Analyse werden Phraseologismen unterzogen, die sich onomasiologisch einem ausgebauten Erfahrungs- und Diskursbereich Schwierigkeit/schwierige Lage zuordnen lassen. Auf eine kurze Darstellung der methodologischen Herangehensweise folgt eine eingehende semantisch-kognitive Analyse des zu besprechenden semantischen Feldes. Idiome als konventionalisierte, d.h. weitgehend von den Sprachgemeinschaften akzeptierte und gebrauchte Einheiten der figurativen Sprache sind zur Erforschung der Reichweite der konzeptuellen Metapherntheorie (Conceptual Theory of Metaphor von Lakoff/Johnson 1980) von Natur aus par excellence geeignet: Aus der anhand lexikographischer Werke zusammengestellten Phraseologismensammlung lassen sich problemlos konzeptuelle Metaphern eruieren, die dem zu besprechenden semantischen Feld eine Struktur auferlegen. Es bleibt dennoch zu betonen, dass die Theorie der konzeptuellen Metaphern nicht auf die Beschreibung der den einzelnen sprachlichen Ausdrücken zugrunde liegenden metaphorischen Übertragungen, sondern vor allem auf die Entdeckung eines Systems von vernetzten Metaphern und die Beschreibung der dahinter liegenden konzeptuellen Strukturen ausgerichtet ist. Die konzeptuellen Metaphern sind in vielen Konzeptualisierungen richtungsweisend, keinesfalls aber ausreichend, um die Vielschichtigkeit der semantischen Struktur von Idiomen und ihre semantischen Potenzen aufzufassen. Der umfangreichste Analyseteil ist demzufolge auf detaillierte semantisch-kognitive Fallstudien ausgerichtet. Es wird an Korpusbelegen untersucht, wie sich im Spannungsfeld zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart unter dem Einfluss der epistemischen und konzeptuellen Metaphern, Metonymien, Metaphtonymien, mentalen Bildern und grundlegenden kognitiven Mechanismen von einem sehr hohen Generalitätsgrad wie Vorstellungsschemata (image schemas) die Bedeutungen von Idiomen konstituieren.

In resümierenden Schlussbemerkungen werden die wichtigsten Ergebnisse des Buches zusammengefasst.

Die Arbeit lässt sich in mehrere Subdisziplinen der Phraseologie einordnen. Primär ist es die kognitive Phraseologie: Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Modellierung von kognitiven Bedeutungskonstituierungsprozessen. Den theoretischen Ausgangspunkt bildet die enzyklopädische Bedeutungsauffassung, ausgehobene Rolle spielen die Metaphern und Metonymien, die die phraseologische ←20 | 21→Motiviertheit und Bildlichkeit weitgehend bedingen. Da dabei näher auf phraseologische Merkmale: Idiomatizität, Motiviertheit und Bildlichkeit/Bildhaftigkeit eingegangen wird, dürfte das Buch ebenfalls einen Beitrag zur allgemeinen Phraseologie leisten, in dessen Zentrum sich u.a. die Fragen nach der Abgrenzung des Phraseologischen von dem Nicht-Phraseologischen und den Indizien der Phraseologizität befinden. Durch die gebrauchsgestützte Ermittlung der Bedeutungen und Unterbedeutungen (Verwendungsprofile und Verwendungsmuster) einzelner idiomatischer Einheiten anhand eines gegenwärtigen Korpus trägt die vorliegende Arbeit zu der Phraseographie und der phraseologischen Metalexikographie bei. Die vorgeschlagene Herangehensweise zur Beschreibung der Bedeutungskonstituierungsprozesse dürfte des Weiteren erfolgreich in kontrastiven und kontrastiv-translatorischen Studien eingesetzt werden.

1„Reduktionistisch ist eine Sprachtheorie dann, wenn ihre methodischen Prämissen zu einer unzureichenden Erfassung verstehensrelevanter Bedeutungsaspekte führen oder deren Erfassung sogar verhindern“ (Ziem 2008: 3), vgl. auch Kardela (2006).

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1. Phraseologie und Phraseologismen

Phraseologismen, als (mehr oder weniger) feste Wortverbindungen verstanden, bilden eine inhomogene Gruppe der sprachlichen Einheiten, deren Beschreibung im Rahmen einer Theorie und unter dem Einsatz eines einheitlichen methodologischen Verfahrens Probleme bereitet. Die Schwierigkeiten sind einerseits auf die terminologische Vielfalt einer jungen sprachwissenschaftlichen Disziplin2 zurückzuführen, andererseits gehört es zum Wesen der Phraseologie, dass ihre zentralen Bereiche sich relativ leicht und ohne Kontroversen erfassen lassen, wohingegen die Randgebiete umstritten sind. Während also die Mehrwortverbindungen wie sich in die Höhle des Löwen begeben, ins Gras beißen, ein heißes Pflaster aufgrund ihrer Polylexikalität, Festigkeit, Idiomatizität, Motiviertheit und Bildhaftigkeit eindeutig als Phraseologismen eingestuft werden, ist der Status der sprachlichen Einheiten: Blaustrumpf, hierzulande/hier zu Lande, blondes Haar, etw. in Erwägung ziehen, gleichschenkliges Dreieck, Wenn ich fragen darf, oder Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Ihren Arzt oder Apotheker als phraseologische Einheiten eher kontrovers.

Im folgenden Kapitel wird der Versuch vorgenommen, einen kurzen Überblick über die Geschichte und den Forschungsstand der germanistischen Phraseologie zu geben, sowie die für die weiteren Erörterungen zentralen Termini: ‚Phraseologie‘, ‚Phraseologimus‘ und ‚Idiom‘ zu definieren.

1.1 Geschichte und Forschungsstand der Phraseologie in Deutschland

Phraseologie als ein Zweig der Linguistik stellt eine relativ junge Forschungsdisziplin dar, die allerdings auf eine Jahrhunderte lange vorwissenschaftliche Phase zurückblicken kann. Demnach teilt Kühn (2007: 620) die Geschichte der germanistischen Phraseologie in drei Etappen ein, die er als (vorwissenschaftliche) Vorphase3 ←23 | 24→(bis zur Veröffentlichung von Černyševa 1970), die Anfangsphase (1970–1982) und die gegenwärtige Konsolidierungsphase bezeichnet.

In der ersten historischen Periode, deren Anfänge auf das 16. Jh. zurückgreifen und bis zu den 70er Jahren des 20. Jh. dauern, befassen sich vor allem die Lexikographen mit den sog. sprichwörtlichen Redensarten und Sprichwörtern. Beispiele für die deutschen Phraseologismen sind in dem sog. Großen Fries, dem Dictionarium Latinogermanicum von Johannes Frisius (1556) und im Lexicon trilingue von Schelling/Emmel (1586) zu finden (Müller/Kunkel-Razum 2007: 940). Im Jahr 1529 verzeichnet Johann Agricola sog. ‚metaphoricae phrases‘ in der ersten deutschen Sprichwörtersammlung, 1607 taucht der Begriff ‚Phraseologie‘ im Titel einer Synonymensammlung von Johann Rudolph Sattler Teutsche Orthographey und Phraseologey auf (Pilz 1978: 781). Bis ins 19. Jh. befindet sich allerdings die Parömiologie im Zentrum des Interesses. Dabei dient die Sprichwörterforschung und -lexikographie in der ersten Reihe den kulturell-erzieherischen Zielen: Die Sprichwörtersammlungen werden nämlich „für gebildete Leser, die sich freuen Deutsche zu sein und die unsre prächtige Sprache lieb haben“ (Schrader 1894: X), zur „Pflege vaterländischer Sprachkenntnis in der Volksschule“ (Wunderlich 1886) angelegt, die linguistischen Versuche, Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten auseinanderzuhalten, werden nicht vorgenommen (z.B. Eiselein 1840) oder nicht konsequent durchgeführt (vgl. Kühn 2007: 620). Ein wichtiger Schritt für die Entwicklung der Parömiologie erfolgt erst in den 80er Jahren des 19. Jh. mit der Veröffentlichung des Deutschen Sprichwörter-Lexikons von Karl Friedrich Wilhelm Wander (1867–1880).

Die Konstituierung der Phraseologie als ein sprachwissenschaftlicher Bereich vollzieht sich in Deutschland am Anfang der 70er Jahre des 20. Jh.4 Ein wichtiger Forschungsimpuls geht dabei von der sog. Auslandsgermanistik aus. Eine sowjetische Forscherin, Irina Černyševa, macht in ihrer Monographie Frazeologija sovremennogo nemeckogo jazyka (1970) auf eine Lücke in der Erforschung von festen Mehrwortverbindungen im Deutschen aufmerksam und schlägt in Anlehnung an die bereits anerkannten Definitionen der slawischen Phraseologie die Termini, Ziele und Desiderate der neuen Disziplin vor (Fleischer 1982: 24, Kühn 2007: 621). Einen wichtigen Beitrag leistet des Weiteren die ein Jahr später veröffentlichte Doktorarbeit von Ulla Fix Versuch einer objektivierten Klassifizierung und Definition des Wortgruppenlexems (1971) sowie die im Jahre 1973 erschienene erste Einführung in die deutsche Phraseologie von Harald Burger Idiomatik des Deutschen. Der Forschungsschwerpunkt liegt in der Anfangsphase der Entwicklung der deutschen Phraseologie auf der Definition und Klassifikation der Phraseologismen (vgl. z.B. Burger 1973, Rothkegel 1973, Häusermann 1977, Jaksche/Sialm/Burger 1981). Die Versuche der klaren Abgrenzung des sich etablierenden sprachwissenschaftlichen ←24 | 25→Forschungsbereiches, der Herausbildung einer konsistenten Terminologie und Aufstellung von exakten Klassifikationen haben dennoch zu einem fachbegrifflichen, die Kommunikation erschwerenden Chaos geführt (Kühn 2007: 621). Neben dem Begriff ‚Phraseologismus‘ funktionieren beispielshalber ebenfalls die Termini: ‚idiomatische Phrase‘, ‚idiomatische Lexemkette‘, ‚Floskel‘, ‚Frasmus‘, ‚Fügung‘, ‚Phraseolexem‘, ‚Redensart‘, ‚Redewendung‘, ‚Stereotyp‘, ‚Sprachformel‘, ‚Schematismus‘, ‚Wortverbindung‘, ‚Wortgruppenlexem‘, ‚Verbindung‘, ‚Wortfügung‘, ‚Wortgefüge‘, ‚Wendung‘5.

Der Umbruch und die Überführung in die Konsolidierungsphase erfolgen mit der Veröffentlichung von zwei Monographien: der Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache von Wolfgang Fleischer (1982) sowie des Handbuches der Phraseologie von Burger/Buhofer/Sialm (1982), deren Autoren terminologische Vereinheitlichung anstreben. Dementsprechend wird in diesen Arbeiten eine flexible Definition des Begriffes ‚Phraseologismus‘ angenommen, der als Oberbegriff für eine uneinheitliche Klasse fester Wortverbindungen gilt. Die Heterogenität und Vielfalt der sprachlichen Phänomene, die man als Phraseologismen bezeichnet sowie die Undurchführbarkeit von eindeutigen Klassifizierungen und Kategorisierungen der Phraseologismen werden dabei als Merkmale der Phraseologie akzeptiert. Es konstituiert sich in terminologischen Fragen ein Zentrum-Peripherie-Modell: Phraseologismen werden als eine radiale Kategorie mit fließenden Übergängen dargestellt, deren Kernbereich sich relativ gut erfassen lässt, für die Grenzbereiche dennoch unterschiedliche Auffassungen zu akzeptieren sind (Fleischer 1982: 34).

Diese liberale Auffassung der Phraseologismen ist ebenfalls für die gegenwärtige Forschung gültig. Zwar besteht immer noch die Notwendigkeit, das Verständnis des Begriffes ‚Phraseologie‘ und ihrer Grenzen für die Bedürfnisse der jeweiligen Fragestellung zu definieren und dieser Notwendigkeit wird auch in neueren Monographien nachgegangen (vgl. z.B. Folkersma 2010, Guławska-Gawkowska 2013, Hümmer 2009, Komenda-Earle 2015, Ptashnyk 2009, Szczęk 2010a), zugleich ist aber ein weitgehender Konsens in der Auffassung der zentralen Bereiche der Phraseologie herausgearbeitet worden. So wird der Terminus ‚Phraseologismus‘6 als ein Hyperonym einer ganzen Klasse von heterogenen festen Wortverbindungen angesehen, die durch die Polylexikalität (Mehrwortcharakter) und Festigkeit ←25 | 26→gekennzeichnet sind. Das Spektrum der als Phraseologismen im weiteren Sinne angesehenen Spracheinheiten reicht folglich von Funktionsverbgefügen (in Erwägung ziehen), phraseologischen Termini (das rechteckige Dreieck), Kollokationen (blondes Haar), onymischen Phraseologismen (das Rote Kreuz), über Routineformeln (Guten Tag!), Sprichwörter (Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm), geflügelte Worte (Verweile doch! Du bist so schön!) bis zu formelhaften Texten (vgl. dazu Dausendschön-Gay/Gülich/Krafft 2007). Die Phraseologismen im engeren Sinne weisen zusätzlich das Merkmal der Idiomatizität auf (vgl. Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b: 2, Burger 2010: 11–12, Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 11, Palm 1995: 2–3).

Die für die Anfangsphase charakteristischen theoretischen Diskussionen zu terminologischen und klassifikatorischen Kontroversen werden zurzeit durch stärker anwendungsorientierte, z.T. empirisch untermauerte Herangehensweisen ersetzt. Die Phraseologie ist als eine von Natur aus heterogene Disziplin mit unscharfen Rändern und zahlreichen Überschneidungen mit anderen sprachwissenschaftlichen Bereichen aufgefasst. Daraus ergeben sich interdisziplinäre Zugänge7 zur Phraseologie. Viel Aufmerksamkeit wird beispielshalber der Phraseopragmatik (vgl. z.B. Coulmas 1981, Elspaß 2007, Hyvärinen 2011, Stein 2001, Übersicht in Filatkina 2007), der Phraseographie (vgl. u.a. Bergenholtz 2005, 2006, Bergenholtz/Tarp 2005, Burger 1992, 2009, Dobrovol’skij 2002b, 2009, Ettinger 1989, 2004, Filipienko 2009, Guławska-Gawkowska 2013, Hahn 2006, Hallsteinsdóttir 2006a, 2006b, 2007, 2009, Hartmann 2002, Hessky 1992c, Jesenšek 2008, 2009, Kątny 2011, Komorowska 2011, Lipczuk/Lisiecka-Czop/Misiek 2011, Mellado-Blanco 2009a, 2009b, Müller/Kunkel-Razum 2007, Nerlicki 2011, Pilz 1987, Steffens 1989, Szczęk 2010b, Worbs 1994, 1997), der Phraseodidaktik (vgl. z.B. Baur/Chlosta 1996, Chrissou 2018, Czarnecka 2010, Ettinger 2007, 2009, 2011, Hallsteinsdóttir 2001, Hallsteinsdóttir/Šajánková/Quasthoff 2006; Hessky 1992a, 1997, Jesenšek 2006, Kühn 1992, Schatte 1993, 1995, 2008a, 2008b, Schmale 2009, Zenderowska-Korpus 2017), der Fachphraseologie (u.a. Duhme 1991, Gläser 2007, Gréciano 2007) sowie stilistischen (z.B. Fleischer/Michel/Starke 1993, Sabban 2007b, 2014, Sandig 2007), arealen (z.B. Burger 2002b, Ernst 2011, Piirainen 2001, 2007, Zürrer 2007), kontrastiven und kontrastiv-translatorischen (z.B. Chrissou 2000, Dobrovol’skij 1997b, 1999, Eismann 1989, Földes 1996, Koller 2007, Komenda-Earle/Staffeldt 2009, Korhonen 2007, Łabno-Falęcka 1995, Piirainen 2004), interkulturellen (z.B. Dobrovol’skij/Piirainen 1997, Dobrovol’skij 2006, Sabban 2007a, Stypa 2009, Szczęk 2013), kognitiven (z.B. Dobrovol’skij 1995a, 1995b, Dobrovol’skij/Piirainen 2009, Feyaerts 1999, Folkersma 2010, Hartmann 1999, Mellado-Blanco 2014, Pohl/Kaczmarek 2014, Roos 2001, Staffeldt/Ziem 2008, Vega-Moreno 2001), psycholinguistischen (z.B. Dobrovol’skij 1997a, Häcki-Buhofer 1989, 1993, 1996, 2004, 2007a, 2007b, Hallsteinsdóttir ←26 | 27→ 2001, Levorato 1993, Wray 2007) Aspekten gewidmet. Einen wichtigen Platz nehmen innerhalb der Phraseologie die Sprichwörterforschung (Parömiologie) (vgl. u.a. Mieder 1992, 1995, 2007, Steyer 2012) sowie historische Aspekte der Phraseologie (z.B. Komenda-Earle 2015) ein. Zahlreiche Beiträge sind der sog. Autorenphraseologie – der Erforschung des Einsatzes und der Funktion von Phraseologismen in literarischen Werken (Palm 1989, Eismann 2007, Baranov/Dobrovol’skij 2007) und dem Gebrauch der Phraseologismen im Diskurs sowie in unterschiedlichen Text- und Gesprächssorten gewidmet (z.B. zur Phraseologie der Jugendsprache vgl. Ehrhardt 2007, zur Phraseologie der Fernsehnachrichten vgl. Burger 1999, zur Phraseologie des Wetters vgl. Burger 2006, zu Phraseologismen in politischen Reden vgl. Elspaß 2007, zu Phraseologismen in Pressetexten vgl. Pociask 2007).

Neue, vielversprechende Perspektiven der Erforschung der Phraseologismen eröffnet die sich in den letzten Jahrzehnten intensiv entwickelnde Korpuslinguistik. Die Stellung der Korpuslinguistik in der Sprachwissenschaft ist umstritten: Manche weisen ihr den Status einer neuen linguistischen Disziplin zu, andere sehen darin eher einen methodologischen Ansatz. Auf jeden Fall stellen Korpora Zugang zu riesengroßen Sammlungen natürlichsprachlicher Daten, durch deren Analyse Einsichten in die Struktur, Funktionen und Gesetzmäßigkeiten der Sprache gewährleistet werden können. Damit stellt der Einsatz der Korpora eine Wende in der Methodologie sprachwissenschaftlicher Forschung dar: Die bisherige, von künstlich konstruierten Sätzen ausgehende „Lehnstuhl-Linguistik“ (Fillmore 1992: 35) wird immer häufiger durch den datenorientierten, empirischen Ansatz ersetzt. Dies eröffnet neue Perspektiven, lässt grundlegende Fragestellungen traditioneller Sprachwissenschaft aufgreifen und führt zu ihrer Revidierung.

Die korpuslinguistisch ausgerichteten Projekte, Untersuchungen und Beiträge gewähren neue Einblicke in das Wesen der phraseologischen Frequenz, Stabilität, Modifizierbarkeit, Variabilität sowie Semantik und distributionellen Lexikongrammatik (vgl. z.B. Bubenhofer/Ptashnyk 2010, Dräger/Juska-Bacher 2010, Ettinger 2009, Hein 2012, Parina 2014, Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010, Stathi 2006, Taborek 2011). Damit leisten sie einen wesentlichen Beitrag zu der Erforschung der Idiome und Phraseologismen. Zu bahnbrechenden Erkenntnissen der von den authentischen Sprachdaten ausgehenden Forschung gehört aber vor allem die Neueinschätzung des Vorgeprägten, Formelhaften, Routinierten, Idiomatischen in der Sprache. Insbesondere induktive, korpusgesteuerte Verfahren, die unvoreingenommen an das Korpus herangehen und rein automatisch nach sich wiederholenden Sprachgebrauchsmustern8 suchen wie die korpusgesteuerten Analysen der Kookkurrenz (das statistisch überproportional häufige gemeinsame Auftreten von sprachlichen Einheiten in den Korpora) führen zu wegbreitenden Ergebnissen, die in der extremen Form in der Behauptung zum Ausdruck kommen, dass „die irrige Idee von der völlig freien Kombinierbarkeit von Lexemen ad acta gelegt ←27 | 28→werden“ kann (Schmale 2017: 44). Ob derart radikale Stellungnahmen berechtigt sind, ist zweifelhaft, es liegt dennoch empirische Evidenz dafür vor, dass die Sprache in einem erheblichen Maße aus formelhaften, reproduzierbaren Fügungen, aus usuellen Wortverbindungen (Terminus von Steyer 2013) besteht, die als „Halbfertigprodukte der Sprache“ (Hausmann 1984: 398) aufzufassen sind. Somit verweist Feilke (1996: 366) darauf, dass die Sprache als Mittel der Kommunikation nicht nur auch, sondern wesentlich idiomatisch ist. Dies führt zur Neudefinierung zentraler Begriffe der Phraseologie: der Festigkeit und Idiomatizität.9

Die empirischen Daten finden theoretische Fundierung: In der Kognitiven Linguistik, der daraus entspringenden Konstruktionsgrammatik sowie dem Forschungsstrang zu der sog. ‚formelhaften Sprache‘ (Stein 1995) wird davon ausgegangen, dass eine natürliche Sprache aus Form-Bedeutungspaaren (Konstruktionen) besteht. Die Sprache ist also weitgehend vorgeprägt und verfestigt, während die (mehr oder weniger) festen Wortverbindungen nicht die Krönung der Sprachbeherrschung, sondern ihre Grundlage bilden. Dies hat natürlich Folgen für die sich per definitionem mit festen Wortverbindungen befassende Phraseologie. Ob sich der Gegenstandsbereich der Phraseologie unter dem Einfluss von neuen theoretischen Ansätzen und Forschungsmethoden weiter ausweitet oder – wie Stumpf (2015) postuliert – sich gegen die Konstruktionsgrammatik und formelhafte Sprache abgrenzt, lässt sich im Moment schwer vorhersagen. Möglicherweise steht die Phraseologie vor einer Wende, die entweder zu einer enormen Ausweitung ihres Gegenstandsbereiches und Umformulierung der Grundbegriffe, oder zur Etablierung von einer neuen, sich in dem Forschungsgegenstand mit der Phraseologie verzahnenden linguistischen Disziplin führen wird. Welcher Weg eingeschlagen wird, ist im Moment nicht voraussehbar, fest steht, dass vor dem Hintergrund gegenwärtig vorherrschender theoretischer Ansätze (Kognitive Linguistik, Konstruktionsgrammatik, Untersuchungen zur formelhaften Sprache) und innovativer Forschungsmethoden (Korpuslinguistik) neue Zugänge und Abgrenzungen erwünscht und notwendig sind (vgl. u.a. Berdychowska/Schatte 2017, Feilke 2007, Schmale 2017, Stumpf 2015).

1.2 Phraseologismen und Idiome

Trotz der terminologischen Schwierigkeiten der Anfangsphase herrscht in der gegenwärtigen Phraseologie eine weitgehende Einstimmigkeit in der Auffassung der Phraseologismen unter der Berücksichtigung von drei zentralen Bestimmungsmerkmalen: der Polylexikalität, der Festigkeit (Stabilität) und der (eventuellen) Idiomatizität (Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b, Burger 2002a, 2010, Donalies 1994, Fleischer 1982, 1997, Palm 1995, Ptashnyk 2009, Wotjak 1992). Diese Kriterien dienen vorerst der Abgrenzung der Phraseologismen gegenüber anderen sprachlichen Einheiten, wobei polylexikale und feste Wortverbindungen als ←28 | 29→Phraseologismen im weiteren Sinne, polylexikale, feste und idiomatische Wortverbindungen als Phraseologismen im engeren Sinne (Idiome) bezeichnet werden. Zahlreiche Forscher führen auch weitere Phraseologizitätsmerkmale wie Lexikalisierung, Reproduzierbarkeit, unikale Komponenten, Motiviertheit, Bildlichkeit, Bildhaftigkeit, semantischer Mehrwert, Sprachüblichkeit heran, die sich entweder mit den primären Phraseologizitätskriterien decken oder verschiedene Facetten der Komplexität der Phraseologismen in den Fokus des Interesses rücken, ohne dennoch für alle als Phraseologismen bezeichneten Sprachphänomene repräsentativ zu sein. Diese Merkmale werden als sekundäre Phraseologizitätsaspekte im Kap. 1.2.2 dargestellt.

1.2.1 Primäre Merkmale der Phraseologismen

Unter primären Phraseologizitätskriterien werden im Folgenden diejenigen Kriterien verstanden, die in der Meinung der meisten Forscher als entscheidende und notwendige Merkmale den Bereich des Phraseologischen von anderen Bereichen abheben: die Polylexikalität und Festigkeit (Stabilität) sowie die für Idiomatik obligatorische Prämisse der Idiomatizität.

1.2.1.1 Polylexikalität

Das Merkmal der Polylexikalität (Mehrgliedrigkeit) bezieht sich auf den Mehrwortcharakter der Phraseologismen: Ein Phraseologismus besteht aus mindestens zwei Wörtern. Auch wenn dieses Phraseologizitätskriterium auf den ersten Blick wegen seines formal-strukturellen Charakters als unproblematisch erscheint, bereitet es bei näherer Betrachtung wesentliche Schwierigkeiten: Zum einen ist man in der Sprachwissenschaft immer noch weit von dem Konsens in der Definition des Terminus ‚Wort‘ entfernt (vgl. dazu Miodunka 1989: 69, Reichmann 1976: 4). Zum anderen liegen umstrittene Grenzfälle vor, die phraseologiespezifisch sind. Die Kontroversen beziehen sich dabei sowohl auf die obere als auch die untere Grenze des phraseologischen Bereiches.

So herrscht beispielshalber keine Einigkeit in Bezug auf die Stellung der sog. Ein-Wort-Phraseologismen, d.h. (teil-)idiomatischer Wortbildungskonstruktionen wie Strohwitwe, Achillesferse, Augiasstall in der Phraseologie. Der Terminus wurde von Duhme (1991, 1995) eingeführt, von zahlreichen Forschern wird er aber zurückgewiesen (Fleischer 1997: 248, Burger 2001: 38, Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b: 9). Im Deutschen, als einer aus sprachtypologischer Sicht die Tendenz zum synthetischen Sprachbau aufweisenden Sprache (Ehegötz 1990: 500, Munske 2015 [1993]10: 91), müssten derartige Komposita aus dem phraseologischen Bereich ausgeklammert werden; in anderen, analytischen Sprachen (engl. ←29 | 30→Achilles heel, poln. pięta Achillesa) funktionieren sie dagegen als Phraseologismen. Topczewska (2017: 29) führt weitere Beispiele für idiomatische Komposita an, deren Ausklammerung aus dem phraseologischen Bereich kontrovers ist: So werden die Wortverbindungen ein Mann von der Welt, hart wie Stein als Phraseologismen angesehen, während Komposita Weltmann und steinhart das Kriterium der Polylexikalität nicht erfüllen.

Details

Seiten
576
ISBN (PDF)
9783631773482
ISBN (ePUB)
9783631773499
ISBN (MOBI)
9783631773505
ISBN (Buch)
9783631771891
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
Phraseologismen/Idiome Metapher/Metonymie Figurative Sprache Korpuslinguistik Phraseographie
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 571 S., 103 s/w Abb., 45 Tab.

Biographische Angaben

Anna Sulikowska (Autor)

Anna Sulikowska studierte Germanistik an der Universität Szczecin und promovierte an der Universität Gdańsk mit der Arbeit Gedächtnisstützende Lernstrategien im gesteuerten Fremdsprachenerwerb. Seit 2007 ist sie als didaktisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik an der Universität Szczecin tätig.

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Titel: Kognitive Aspekte der Phraseologie