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Die «spanische Reformation»

Sonderwege reformatorischen Gedankenguts in Spanien und Hispanoamerika

von Marina Ortrud M. Hertrampf (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 350 Seiten

Zusammenfassung

Der Sammelband beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen der Reformation sowie die Verbreitung des Protestantismus in Spanien und Hispanoamerika vom 16. Jahrhundert bis heute aus (kirchen-)geschichtlicher, literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Lange wurde die These vertreten, es habe in Spanien keine Reformation gegeben. Inquisition und Gegenreformation hätten den Protestantismus im Keim erstickt. Reformatorisches Gedankengut verbreitete sich tatsächlich weder flächendeckend noch führte es zu konfessioneller Spaltung oder kirchlicher Institutionalisierung protestantischer Gruppen. Und doch übten reformatorische Gedanken Einfluss auf die Kulturen und Literaturen Spaniens und Hispanoamerikas aus. Die Beiträger des Bandes widmen sich diesem, in der Forschung bislang weitgehend vernachlässigten Themenkomplex.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführende Überlegungen zu den Sonderwegen reformatorischen Gedankengutes in Spanien und Hispanoamerika (Marina Ortrud M. Hertrampf)
  • Spanien und die Reformation – eine Spurensuche (Wolfgang Otto)
  • Luther und das Spanienbild (Dietrich Briesemeister)
  • Martín Lutero y Fray Luis de Granada. Reforma y Contrarreforma en Alemania y España o la lucha por el Libro (Manfred Tietz)
  • Zwischen invasion érasmienne und inquisitorischer Überprüfung. Die Rezeption des Erasmus von Rotterdam im Spanien der 1520er und 1530er Jahre (Christoph Galle)
  • Der verpasste Dialog. Spanische Bischöfe und deutsche Protestanten auf dem Konzil von Trient (Hubert Pöppel)
  • Spaniens Antwort auf den Protestantismus im 16. Jahrhundert (Mariano Delgado)
  • Ein spanischer Protestant gibt Philipp II. Ratschläge: Die Suplicación zu den Dos informaciones muy útiles (1559) (Christopher Laferl)
  • Inquisition and Repression of Protestantism in Spain (Werner Thomas)
  • Antoniterorden, Antoniusfeuer und Antoniusschwein in Spanien. Ein mittelalterlicher Heiliger und seine Spitäler überdauern die Reformationszeit (Wolfram Aichinger)
  • „Imagenes de antichristo“. Reformatorische Bildpolitik ohne Bilder? (Dorothea Kraus)
  • Venatio illusionis. Spuren erasmischer Jagdkritik in der Literatur des Siglo de Oro (Teresa Hiergeist)
  • „Lutero me engrendró: soy la Herejía.“ – Die Theatralisierung antiprotestantischer Propaganda in auto de fe und auto sacramental (Marina Ortrud M. Hertrampf)
  • La Reforma Española: La Influencia Protestante en México y Latinoamérica (Octavio Javier Esqueda)
  • Inquisition und Protestantismus im frühneuzeitlichen Spanisch-Amerika: Der Fall Adán Edon (Joël Graf)
  • Die Freiheit eines Christenmenschen. Luteranismo und Inquisition in Valladolid – 450 Jahre später. Zur reformatorischen Bedeutung von Miguel Delibes’ historischem Roman El hereje (1998) (Klaus-Peter Walter)
  • Zu den Autoren
  • Reihenübersicht

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Marina Ortrud M. Hertrampf

Einführende Überlegungen zu den Sonderwegen reformatorischen Gedankengutes in Spanien und Hispanoamerika

1. Ein Plädoyer für die Erforschung einer verkannten Strömung in den Kulturen und Literaturen Spaniens und Hispanoamerikas

Zu und über die Reformation in Deutschland und Europa ist im Zuge der sogenannten Lutherdekade der Evangelischen Kirche Deutschlands (2008 bis 2017) viel geschrieben worden.1 Insbesondere in den Bereichen der Religions- und Geschichtswissenschaften sind zahlreiche neue Forschungsansätze verfolgt worden.2 Spanien bleibt dabei allerdings (ebenso wie Hispanoamerika) ein weitgehend blinder Fleck.3 In das von Irene Dingel und Volker Leppin herausgegebene Reformatorenlexikon (2014) haben es jedoch immerhin die beiden spanischen Exil- ,Reformatoren‘ Casiodoro de Reina, Lutheraner und Übersetzer der bis heute einflussreichsten spanischen Bibelübersetzung, und Juan de Valdés,4 dessen ,Valdesianismus‘ zwischen Reformkatholizismus, Erasmismus und evangelisch-reformatorischen Ideen anzusiedeln ist, geschafft. Auch im Bereich der hispanistischen Kultur- und Literaturwissenschaften haben sich bislang immer noch vergleichsweise wenige Studien mit der Frage auseinandergesetzt, welche Bedeutung und welche nachhaltigen Folgen die Reformation in Spanien und Hispanoamerika in ← 7 | 8 → kulturell-künstlerischer und literarischer Hinsicht hatte und im Sinne der longue durée – man denke etwa an Miguel Delibes’ erfolgreichen historischen Roman El hereje (1998) – auch noch gegenwärtig hat.5

Herausragend ist in diesem Zusammenhang die im Juni 2017 erschienene Studie España y la Reforma Protestante (1517–2017) von Frances Luttikhuizen, die in einer tour de force von vorreformatorischer Zeit über die sogenannte Zweite Reformation im 19. Jahrhundert bis hin in die unmittelbare Gegenwart versucht, sämtliche Vertreter und Bewegungen reformorientierter und reformatorisch-protestantischer Erneuerung in Spanien kondensiert zu erfassen und konzise darzustellen. Drei weitere bereits etwas ältere Studien sind hier als wegweisend zu nennen: Zunächst die Diplomarbeit Der Protestantismus in Spanien – ein interdisziplinär-kulturwissenschaftlicher Beitrag (2011) von Heide Sophie Schwarz, die ähnlich wie Luttikhuizen mit der weitverbreiteten These aufräumen will, es hätte in Spanien nie eine Reformation gegeben und der Protestantismus hätte daher keinen Fuß fassen können, und zeichnet die durchaus nicht geradlinigen Einflusslinien reformatorisch-protestantischer Gedanken in Spanien von der Reformationszeit bis in die Gegenwart nach. Ihr Fokus liegt dabei auf der Darstellung der Zweiten Reformation und den gegenwärtigen Vereinigungen von Protestanten in Spanien wie in der Federación de Entidades Religiosas Evangélicas de España (FEREDE) und den Deutschen Evangelischen Auslandsgemeinden. Eine zeitlich ähnliche Schwerpunktsetzung verfolgt Patrocinio Ríos Sanchez in seiner Dissertation Lutero y los protestantes en la literatura española desde 1868 (1992). Im Gegensatz zu den beiden genannten kulturhistorisch- bzw. kulturwissenschaftlich ausgerichteten Studien legt Ríos Sanchez sein Forschungsinteresse auf die literarische Analyse von Texten, für die lutherische bzw. protestantischer Gedanken eine wichtige Rolle spielen. Ebenso legt Stefan Osieja in seiner Dissertation Das literarische Bild des verfolgten Glaubensgenossen bei den protestantischen Schriftstellern der Romania zur Zeit der Reformation (2002) den Fokus auf die literarische Analyse: konkret untersucht er in den Schriften der protestantischen Autoren Francisco de Enzinas, Juan Pérez de Pineda und Raimundo González de ← 8 | 9 → Montes die Bearbeitungsformen des Motivs des von der Inquisition verfolgten Protestanten.

Bereits 1929 hatte der bedeutende Kulturmittler zwischen Spanien und Deutschland Karl Vossler in seinem berühmten Aufsatz „Die Bedeutung der spanischen Kultur für Europa“ konstatiert: „Die gegenwärtig so beliebte und vielumstrittene Behauptung, daß Spanien keine Renaissance und selbstverständlich auch keine Reformation gehabt habe, beruht auf einer rohen, oberflächlichen Betrachtung“ (Vossler 1965: 173). Doch warum wird die Existenz der ,Spanischen Reformation‘6 bzw. der Reformation in Spanien bis heute noch immer immer wieder in Abrede gestellt und der Einfluss reformatorischer Bewegungen auf Spaniens und Hispanoamerikas Kultur und Literatur in der Forschung viel zu oft missachtet? Mit Blick auf Spanien und in weiten Teilen auch Hispanoamerika scheint es aus gegenwärtiger Perspektive außer Frage, der Katholizismus war immer und ist weiterhin die prägende Machtstruktur und dies trotz weitgehender Säkularisierung des Lebensalltags in einer globalisierten Welt: Ob in politisch- wirtschaftlicher Hinsicht etwa durch die Einflusskraft von Opus Dei oder in mitunter auch touristischer Hinsicht durch die alljährlich prunkvoll begangene Semana Santa, der Katholizismus ist nach wie vor sehr präsent. Im Gegensatz dazu stellt der Protestantismus in Spanien mit rund 1% Anhängern lediglich eine Minderheitenreligion dar und auch trotz zunehmender Zahlen von Protestanten in Hispanoamerika liegt der Prozentsatz mit rund 19% vergleichsweise gering.7 Auch die traditionell-konservative Lesart eines Marcelino Menéndez y Pelayo, der argumentiert, die Reformation sei in Spanien aufgrund der bereits früher initiierten innerkirchlichen Reformen von Kardinal Francisco Jiménez de Cisneros nicht mehr notwendig gewesen, und der den Sieg Spaniens und damit zugleich des Katholizismus über alle Heterodoxien in seinem Monumentalwerk Historia de los heterodoxos españoles rühmt, ist sicher mitverantwortlich für die Perpetuierung der landläufigen These, dass die Reformation bzw. reformatorische Überzeugungen die Pyrenäen kaum überwunden hätten und alle reformatorisch-protestantischen Nonkonformisten sofort von der Inquisition ausgelöscht worden seien, so dass sich ihre Gedanken nicht nachhaltig in Spanien verbreiten und weiterentwickeln konnten.8 Auch wenn es unbestritten ist, dass es weder im ← 9 | 10 → spanischen Mutterland noch in den hispanoamerikanischen Kolonien zu einer protestantischen Reformation im Sinne einer institutionellen Systemumwälzung gekommen ist, und dass das Supremat der katholischen Kirche letztlich bis heute fortlebt, ist die pauschalisierte Verknappung à la Menéndez y Pelayo zu kurz gegriffen und daher auch verfälschend.9

In der Tat verläuft die ,spanische Reformation‘ allerdings vollkommen anders als im restlichen Europa, doch genau diese ,Andersartigkeit‘ gilt es genauer und explizit auch aus kultur- und literaturwissenschaftlicher Perspektive in den Blick zu nehmen. Die Frage der grundsätzlichen, im Speziellen aber kulturellen und literarischen Bedeutung der Reformation in und für Spanien und Hispanoamerika muss daher – insbesondere hinsichtlich kultureller (Alltags-)Phänomene und künstlerisch-literarischer (nicht nur dezidiert religiöser) Produktionen – neu perspektiviert werden. Dieses Plädoyer erscheint als Spiegelbild der innerhalb der Hispanistik lange Jahre geführten Diskussion um die Existenz einer spanischen Aufklärung. Während es heute als geklärt gilt, dass die spanische Aufklärung mit ihrer gemäßigten Form der via media nur ,anders‘ verläuft als in anderen europäischen Ländern,10 ist diese ,Andersartigkeit‘ mit Blick auf Reformation ← 10 | 11 → und Protestantismus noch weiter zu erforschen. Bereits zwei Jahrhunderte vor der Aufklärung hatten die spanischen Reformgeister hinsichtlich der Frage der Gedanken der Reformation die via media gewählt: Anstatt einer drastisch artikulierten und kämpferisch verfochtenen Gegnerschaft zum Bestehenden und einem kompletten Bruch mit dem Papsttum und der Institution Kirche in ihrer in Spanien gelebten Form, zeigten sich Fürsprecher wie Anhänger reformorientierter und reformatorisch-protestantischer Gedanken gemäßigt. Dies ist sicher auch, aber nicht allein, der ab den 1540er Jahren immer massiver durchgeführten Inquisition geschuldet.

2. Anmerkungen zu den Begriffen ,Reformation‘, ,Luthertum‘ und ,Protestantismus‘

Die reformatorischen bzw. protestantischen Bewegungen in Spanien tragen mit der Wahl der via media ihre ganz eigenen Züge und können freilich keinesfalls simplifizierend als Übernahme und Nachfolge von Luther, Calvin oder Zwingli betrachtet werden. Maßgeblich für die spanische Ausprägung der Reformation sind vielmehr das spanische Erbe einer auf Innerlichkeit und Frömmigkeit basierenden mystischen Tradition, der von Italien kommende Humanismus sowie die Lehre des Erasmus von Rotterdam. Um dieser ganz besonderen Situation in Spanien gerecht zu werden, wird hier ein weites Begriffsverständnis angelegt, bei dem unter dem in Anführungszeichen gesetzten Begriff der ,spanischen Reformation‘ zum einen sämtliche Bewegungen berücksichtigt werden, die die christliche Glaubenspraxis reformieren wollen – und sei es, wie bereits angedeutet, ohne einen wirklichen Bruch mit der Kirche erzielen zu wollen: Dies erscheint insofern sinnvoll, als wir in Spanien neben den aus Deutschland respektive Frankreich und der Schweiz ins Land kommenden lutherischen bzw. calvinistischen Reformationsgedanken mit dem alumbradismo einerseits und mystischen Gruppierungen andererseits Strömungen begegnen, die sich um 1512 bereits vor der Verbreitung von Luthers Schriften (ab 1517) entwickeln. Zudem spielen die Schriften von Erasmus von Rotterdam als Wegbereiter des Protestantismus und Luthertums bis zur geistigen Wende ab Mitte des 16. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle – auch am spanischen Hofe. Zum anderen deuten die Anführungszeichen an, dass die ← 11 | 12 → reformatorischen und protestantischen Bewegungen in Spanien selbst spätestens ab Mitte des 16. Jahrhunderts komplett in den Untergrund gedrängt werden11 und die Reformgeister vielfach nur von ihrer Herkunft und kulturellen Verwurzelung her spanisch sind: So werden hier auch sämtliche Aktivitäten spanischer ,Exil-Reformatoren‘ wie etwa Casiodoro de Reina miteinbezogen, die – aufgrund von inquisitorischer Repression und Verfolgung – im Ausland tätig waren, von dort aus aber – freilich im Verborgenen – auch wieder nach Spanien hineinwirkten.

Dass das Begriffsverständnis sämtlicher Termini wie ,protestante‘, ,evangélico‘, ,luterano‘ und ,reformado‘ meist sehr unscharf ist und im heutigen Spanien sämtliche evangelisch-protestantische und evangelistische Strömungen unter dem Begriff ,protestantismo‘ subsumiert werden, geht aus der undifferenziert hyperonymischen Etikettierung sämtlicher nicht orthodoxer Formen als ,protestantes‘ oder gar ,luteranos‘ im 16. Jahrhundert zurück. Die Inquisition scherte nämlich sämtliche nicht orthodoxen Gedanken und Bewegungen über einen Kamm, dies belegt etwa ein Aviso de Corte von 1621, wo von der beata María de la Concepción die Rede ist, die als als „hereje, arriana, nestoriana, luterana, calvinista, mahometana y elvidiana [beschuldigt wird, die; M.O.H.], negando la inmortalidad del alma, el purgatorio, infierno y cielo, potestad del Papa, imágenes y Sacramento, y últimamente ateísta“ (Gómez Vozmediano 2015: 302). Vielfach wurden religiöse ,Unregelmäßigkeiten‘ pauschalisierend als ,lutherisch‘ bezeichnet:

En la percepción de ,protestante‘ que se tenía en la monarquía se entremezclaban erasmistas, luteranos, alumbrados, iluministas, etc. […] De hecho, muchas de las víctimas inquisitoriales eran acusadas sin que el Tribunal del Santo Oficio supiera adscribirlos a una ideología religiosa concreta, sin lugar a dudas debido a la confusión ambiental. Para los inquisidores, erasmismo, iluminismo y luteranismo provenían de una misma rama. (Pérez Abellán 2007: 103)

Luther, als Inbegriff protestantischer Lehren, wird tatsächlich bis ins 19. Jahrhundert als Passepartout-Begriff verwendet, so bemerkt George Borrow in seinem Buch The Bible in Spain: „It will be as well here to observe, that of all the names connected with the Reformation, that of Luther is the only one known in Spain; and let me add, that no controversial writings but his are likely to be esteemed as possessing the slightest weight or authority […]“ (Borrow 1843: 283). Allein das Lesen der Bibel wird so quasi automatisch als Zeichen der Anhängerschaft Luthers interpretiert. ← 12 | 13 →

Im Gegensatz zu den conversos oder moriscos, die vor allem aufgrund heimlich fortgeführter religiöser Praktiken und Riten ,enttarnt‘ werden konnten, fielen reformatorisch beeinflusste Personen vor allem durch ihre Redeweise und Ansichten in Glaubensfragen auf:

In Spanien selbst gab es de facto allerdings nur wenige tatsächlich lutherische Spanier, die wie Francisco de San Román, der nach einer Handelsreise nach Antwerpen zum Luthertum konvertiert war und deshalb 1542 zum Tode verurteilt worden war. Der Großteil derer, die wie Casiodoro de Reina, Francisco de Encinas oder Miguel Servet mit Luthers Lehre sympathisierten, waren der Inquisition bereits früh ins protestantische Ausland entflohen (vgl. z.B. Pérez 2005: 63–64). Die meisten, die als ,luteranos‘ verurteilt wurden, waren entweder protestantische Ausländer12 oder Spanier, die Erasmus und/oder dem alumbradismo nahe standen und protestantische Überzeugungen teilten bzw. weiterentwickelten.

3. Zum Aufbau des Bandes

Die in der Folge vereinten Beiträge beleuchten die vielfältigen Auswirkungen der Reformation sowie die Verbreitung des Protestantismus in Spanien und Hispanoamerika vom 16. Jahrhundert bis heute. Der interdisziplinären Anlage des Bandes entsprechend werden dabei diverse Fokussierungen aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln der (Kirchen-)Geschichte und Theologie sowie der hispanistischen Literatur- und Kulturwissenschaft vorgenommen. Die Bedeutung der Inquisition als ,Kampfinstrument‘ der spanischen und hispanoamerikanischen Kirche kann dabei als roter Faden betrachtet werden, der alle Beiträge eint.

Wie der Titel des ersten Beitrages – „Spanien und die Reformation – eine Spurensuche“ – von WOLFGANG OTTO ankündigt, begibt sich der Autor auf der ← 13 | 14 → Grundlage einer umfassenden religions- und kirchengeschichtlichen Kontextualisierung auf eine breit angelegte Spurensuche und liefert ein ganzes Panorama unterschiedlichster Spiegelungen und Einflüsse reformatorischen Gedankengutes auf theologische wie literarische Texte – von Juan de Valdés über Vittoria Colonna, Teresa von Ávila und Luis von León bis hin zu Cervantes –, aber auch auf künstlerische Werke wie etwa Titians „Gloria“ oder Michelangelos „Letztes Abendmahl“.

In seinem Beitrag „Luther und das Spanienbild“ dreht DIETRICH BRIESEMEISTER zunächst die übliche Perspektive der Frage nach dem spanischen Bild Luthers um und untersucht das heterostereotype Spanienbild Luthers, um darauf aufbauend die gänzlich unterschiedliche Situation Spaniens und der daraus resultierenden Andersartigkeit des Bedürfnisses nach Reform(ation) zu skizzieren. Wie auch Otto spannt Briesemeister dabei einen virtuos gestalteten Bogen auf und geht ebenso auf historische wie theologische und literarische Texte ein, die die Glaubenskämpfe des 16. Jahrhunderts spiegeln und verarbeiten.

Nachdem die ersten beiden Beiträge weitläufige Überblicksdarstellungen liefern, legt MANFRED TIETZ in „Martín Lutero y Fray Luis de Granada. Reforma y Contrarreforma en Alemania y España o la lucha por el Libro“ einen sehr viel engeren Fokus an, indem er die Bedeutung der medialen Reformation des Buchwesens durch Gutenberg für religiöse Reformbewegungen in Deutschland und Spanien in den Blick nimmt. Kulturvergleichend untersucht Tietz die wachsende Bedeutung (und Verbreitung) theologischer Bücher (in der jeweiligen Volkssprache) und die daraus entstehenden Konflikte mit der Kirche, in die Martin Luther einerseits und Luis de Granada andererseits geraten. Ohne die Absicht zu verfolgen, die Schriften von Luis de Granada in unmittelbar inhaltlichen Zusammenhang mit Luther zu bringen, lotet Tietz die Bedeutung der massenhaften Verbreitung von Luthers Schriften für die Herausbildung der inner- und gegenreformatorischen Schriften von Luis de Granada aus, und stellt so einen bis dato noch nicht beachteten Wirkungszusammenhang her.

In Auseinandersetzung mit Michel Bataillons Monumentalwerk Érasme et l’Espagne (1937) geht CHRISTOPH GALLE in seinem Beitrag „Zwischen invasion érasmienne und inquisitorischer Überprüfung. Die Rezeption des Erasmus von Rotterdam im Spanien der 1520er und 1530er Jahre“ der höchst ambivalenten Erasmus-Rezeption in Spanien nach. Sein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, wie sich die spanische Erasmus-Rezeption im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts unter dem Einfluss der reformatorischen Bedrohung aus Deutschland verändert und von der Inquisition zunehmend unter den Verdacht reformatorischer Häresie gerät. ← 14 | 15 →

HUBERT PÖPPEL geht in seinem Beitrag „Der verpasste Dialog. Spanische Bischöfe und deutsche Protestanten auf dem Konzil von Trient“ der Frage nach, warum der letzte Aussöhnungsversuch zwischen Katholiken und Protestanten auf dem Konzil von Trient von Grund auf zum Scheitern verurteilt war. Auf der Basis eingehender Untersuchungen der Korrespondenz spanischer und deutscher Teilnehmer des Konzils von Trient kann Pöppel zeigen, dass es zwischen den spanischen und deutschen Vertretern letztlich weder einen Versuch des Aufeinanderzugehens noch wirkliche Ansätze eines Dialoges auf Augenhöhe zwischen dem katholischen und protestantischen Lager gab.

In seinem Beitrag „Spaniens Antwort auf den Protestantismus im 16. Jahrhundert“ geht MARIANO DELGADO von der These aus, dass die reformatorischen Gedanken selbst eines Luther ohne das Zerwürfnis des katholischen und protestantischen Lagers bei den Religionsgesprächen sowie schließlich auf dem Konzil von Trient selbst in Spanien anderes aufgenommen worden wären. Ohne die politische Dimension, hätten sich protestantische Ideen mit der grundsätzlichen Reformorientierung der spanischen Kirche bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts verbinden können. In einer panoramaartigen Darstellung zeigt Delgado, wie die vergiftete Stimmung jedoch zu Verurteilung und inquisitorischer Verfolgung aller reformorientierter und reformatorischen Bewegungen führte.

CHRISTOPHER LAFERL beschäftigt sich in seinem Beitrag „Ein spanischer Protestant gibt Philipp II. Ratschläge: Die Suplicación zu den Dos informaciones muy útiles (1559)“ mit einer Schrift des spanischen Exil-Protestanten Juan Pérez de Pineda, die als Vorwort zu der spanischen Übersetzung zweier Texte des deutschen Protestanten Johannes Sleidanus erschien. Sowohl bei Sleidanus als auch bei Pérez de Pineda, so zeigt Laferl, geht es um eine Abrechnung mit der Vorgehensweise der vom spanischen König unterstützten Institution des Heiligen Offiziums. Dabei lehnt sich Pérez de Pineda, der seine Suplicación a la Majestad del Rey bereits vor der Publikation als offenen Brief an Philipp II. gerichtet hatte, mit seinem Appell an den König, er müsse als gerechter und gottesfürchtiger Herrscher alle Christen, insbesondere aber die, die nach evangelischem Glauben leben, vor der Inquisition schützen, weit aus dem Fenster.

Die Bedeutung der Inquisition in Bezug auf den Protestantismus steht auch im Mittelpunkt von WERNER THOMAS’ Grundlagenbeitrag „Inquisition and Repression of Protestantism in Spain“. Anhand von statistischen Auswertungen historischer Dokumente kann Thomas das von der „Schwarzen Legende“ geprägte Schauerbild der inquisitorischen Maßnahmen gegen den Protestantismus dahingehend relativierend modifizieren, dass die Periode intensiver Verfolgung ← 15 | 16 → sehr kurz war, und dass die Verfolgung mitunter auch dazu beigetragen hat, dass Protestanten Wege fanden, selbst in Spanien toleriert zu werden.

Im Mittelpunkt des Beitrages „Antoniterorden, Antoniusfeuer und Antoniusschwein in Spanien. Ein mittelalterlicher Heiliger und seine Spitäler überdauern die Reformationszeit“ von WOLFRAM AICHINGER steht mit der Darstellung der Lebens- und Glaubenspraktiken des Antoniterordens und deren (Neu-)Bewertung vor dem Hintergrund reformatorischer und gegenreformatorischer Bewegungen ein Seitenaspekt des Themenfeldes, der jedoch die ,Schlupflöcher‘ nicht ultraorthodoxer Glaubensgemeinschaften aufzeigt. So illustriert Aichinger, wie die mittelalterlich geprägten, religiösen Praktiken des Ordens trotz inquisitorischer Maßnahmen gegen Aberglaube und mystische Rituale das 16. und 17. Jahrhundert überdauern konnten und dieser erst unter dem Vorzeichen der Aufklärung per königlichem Dekret aufgehoben wurde.

DOROTHEA KRAUS’ Beitrag „,Imagenes de antichristo‘. Reformatorische Bildpolitik ohne Bilder?“ untersucht anhand der Historia de Statu Belgico et religione Hispanica die Nicht-Bild-Politik des Reformationsanhängers Francisco de Enzinas. Mit Hilfe des ,Affektbild‘-Begriffs von Gilles Deleuze zeigt Kraus, dass sowohl Parallelen zwischen der räumlichen und substantiellen Loslösung der didaktischen Wirkmechanismen von Bildern, als auch der Intervall-Besetzung durch Affektkonstruktion vorliegen. Nach Enzinas’ Bildpolitik soll das Bild durchaus indoktrinieren, unter Rekurs auf Luther soll dies jedoch unter Ausschluss seiner Objekthaftigkeit erfolgen, d.h. Affekte sollen nicht zum Selbstzweck evoziert werden, sondern zur Emphase des geistigen Inhaltes.

Spürt Christoph Galle der spanischen Erasmus-Rezeption ganz allgemein nach, so analysiert TERESA HIERGEIST in ihrer Untersuchung „Venatio illusionis. Spuren erasmischer Jagdkritik in der Literatur des Siglo de Oro“, inwiefern sich erasmianische Gedanken – hier konkret seine Kritik an der Jagd – trotz der inquisitorischen Verfolgung zu Zeiten der Gegenreformation in literarische Texte von Agustín de Rojas Villandrando und Miguel de Cervantes einschreiben und somit fortwirken.

Auch der Beitrag „,Lutero me engrendró: soy la Herejía.‘ – Die Theatralisierung antiprotestantischer Propaganda in auto de fe und auto sacramental“ (MARINA ORTRUD M. HERTRAMPF) beschäftigt sich damit, wie Reformation und Protestantismus oder vielmehr die (inquisitorischen) Reaktionen darauf Eingang in kulturelle und literarische Praktiken der Siglos de Oro fanden. Im Zentrum der Untersuchung, die sich mit den Formen und Strukturen theatraler Inszenierung von antiprotestantischer Polemik und Propaganda in auto de fe und auto sacramental (Timoneda, Lope de Vega, Calderón de la Barca) beschäftigt, steht die ← 16 | 17 → Frage nach den Veränderungen der Funktions- und Wirkungsabsichten der inszenierten antiprotestantischen Propaganda vom 16. zum 17. Jahrhundert.

Mit den beiden folgenden Beiträgen wird der Blick auf Hispanoamerika gerichtet. OCTAVIO JAVIER ESQUEDA zeigt in „La Reforma Española: La Influencia Protestante en México y Latinoamérica“, dass der Protestantismus trotz seines Schattendaseins maßgeblichen Einfluss auf die Kulturen Spaniens und Hispanoamerikas ausübte. Nicht zuletzt durch die Verbreitung der landessprachlichen Bibel konnten protestantische Bewegungen gerade in Hispanoamerika Fuß fassen. Die Zweite Reformation, so zeigt Esqueda, fiel in den hispanoamerikanischen Ländern letztlich sehr viel nachhaltiger aus als in Spanien: Auch gegenwärtig noch gewinnt der Protestantismus, allen voran evangelikale Strömungen, an Bedeutung.

In seinem Beitrag „Inquisition und Protestantismus im frühneuzeitlichen Spanisch-Amerika: Der Fall Adán Edon“ beleuchtet JOËL GRAF ein bislang noch sehr wenig bearbeitetes Forschungsfeld: die antiprotestantische Inquisition in Neuspanien. Ausgehend von einer historischen Überblicksdarstellung der Einrichtung des Santo Oficio in den Indias, skizziert Graf die inquisitorischen Maßnahmen gegen (in der Regel ,ausländische‘) Protestanten in der Neuen Welt anhand eines Fallbeispiels. Sehr anschaulich wird das Schicksal des Engländers Adán Edon beschrieben, der als unerwünschter Eindring in das neuspanische Paradies, in der karibischen Hafenstadt Cartagena de Indias seinen Tod auf dem Scheiterhaufen fand.

Der abschließende Beitrag von KLAUS-PETER WALTER öffnet mit seiner Analyse von Miguel Delibes’ El hereje schließlich noch den Blick in die Gegenwart. Sein Beitrag „Die Freiheit eines Christenmenschen. Luteranismo und Inquisition in Valladolid – 450 Jahre später. Zur reformatorischen Bedeutung von Miguel Delibes’ historischem Roman El hereje (1998)“ liefert nicht nur eine historische Kontextualisierung der histoire sowie eine ausführliche interpretatorische Analyse des Romans, sondern zeigt zudem auf, inwiefern Delibes Luthersche Gedanken in die Konzeption der Fiktion einarbeitet.

Bibliographie

Borrow, Georges (1843): The Bible in Spain: or, the journeys, adventures, and imprisonments of an Englishman, London, John Murray.

Cadalso, José (1996): Cartas marruecas, Madrid, Castalia.

Crews, Daniel A. (2008): Twilight of Renaissance: The Life of Juan de Valdés, Toronto, University of Toronto Press.

Biographische Angaben

Marina Ortrud M. Hertrampf (Band-Herausgeber:in)

Marina Ortrud M. Hertrampf ist Privatdozentin für spanische und französische Literatur- und Kulturwissenschaft. Sie promovierte über das Verhältnis von Photographie und Narration im französischen Gegenwartsroman. Es folgte die Habilitation über unterschiedliche Raumdimensionen des «auto sacramental». Ihre Forschungsschwerpunkte sind Intermedialität, «Graphic Novel», Literaturen und Kulturen von Roma, Literatur(en) des 1. Weltkriegs, literarische Raumdarstellungen und religiöse Literatur.

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Titel: Die «spanische Reformation»