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Variation durch Sprachkontakt

Lautliche Dubletten im Luxemburgischen

von François Conrad (Autor:in)
Dissertation VIII, 398 Seiten

Zusammenfassung

Das Luxemburgische ist stark durch Sprachkontakt mit dem Deutschen und Französischen geprägt. Der Band untersucht den Niederschlag dieses Kontakts auf der lautlichen Ebene. Im Fokus stehen «lautliche Dubletten» – luxemburgische Wörter mit einer germanischen und einer romanischen Aussprachevariante. Die quantitativ-soziolinguistische Untersuchung analysiert erstmalig, welche Gruppen von SprecherInnen diese Dubletten germanisch oder romanisch artikulieren. Die Ergebnisse zeigen einen Sprachwandel auf, bei dem sich die Präferenz für romanische Aussprachen zugunsten der germanischen verändert. Die Arbeit verdeutlicht anschaulich die Dynamik einer Sprache im Spannungsfeld zweier großer Kulturnationen und innerhalb einer komplexen mehrsprachigen Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 2 Theoretische Kontextualisierung
  • 2.1 Das Lautsystem des Luxemburgischen
  • 2.2 Grundzüge der Variationslinguistik
  • 2.3 Sprachkontakt und seine Erforschung
  • 2.3.1 Sprachkontaktforschung
  • 2.3.2 Die Erforschung des lautlichen Bereichs im Sprachkontakt
  • 2.4 Das Luxemburgische im Sprach(en)kontakt
  • 2.4.1 Die Soziolinguistik der luxemburgischen Gesellschaft
  • 2.4.1.1 Einleitung: Luxemburg und Luxemburgisch
  • 2.4.1.2 Historische Entwicklung der Mehrsprachigkeit
  • 2.4.1.3 Beschreibung und Einordnung der Mehrsprachigkeit in Luxemburg
  • 2.4.2 Die Erforschung des Luxemburgischen
  • 2.4.2.1 Historischer Überblick
  • 2.4.2.2 Die Erforschung des Luxemburgischen im Sprachkontakt
  • 2.5 Sprachkontaktinduzierte lautliche Dubletten im Luxemburgischen
  • 3 Methodologie
  • 3.1 Forschungsdesign
  • 3.1.1 Das Sample I: Die Testpersonen
  • 3.1.2 Die soziodemographischen Faktoren
  • 3.1.2.1 Alter
  • 3.1.2.2 Geschlecht
  • 3.1.2.3 Region
  • 3.1.2.4 Schulbildung
  • 3.1.2.5 Zusätzliche Kriterien
  • 3.1.3 Das Sample II: Die untersuchten Testwörter
  • 3.1.4 Die Sprachaufnahmen
  • 3.1.4.1 Der Ablauf der Sprachaufnahmen
  • 3.1.4.2 Die drei Teile des Sprachexperiments
  • 3.1.5 Die Auswertung der Sprachproduktionsdaten
  • 3.1.5.1 Die Kodierung und Operationalisierung der Sprachproduktionsdaten
  • 3.1.5.2 Die statistische Auswertung der Sprachproduktionsdaten
  • 3.1.6 Der Fragebogen
  • 4 Ergebnisse
  • 4.1 Die Auswertung des Fragebogens: Die Sprachbiographie der Testpersonen
  • 4.1.1 Gebrauch des Deutschen und des Französischen
  • 4.1.1.1 Ergebnisse
  • 4.1.1.2 Operationalisierung
  • 4.1.2 Kompetenz im Deutschen und im Französischen
  • 4.1.2.1 Ergebnisse
  • 4.1.2.2 Operationalisierung
  • 4.1.3 Passiver Einfluss des Deutschen und des Französischen
  • 4.1.3.1 Ergebnisse
  • 4.1.3.2 Operationalisierung
  • 4.1.4 Präferenz für das Deutsche oder für das Französische
  • 4.1.4.1 Ergebnisse
  • 4.1.4.2 Operationalisierung
  • 4.1.5 Lesesprache
  • 4.1.5.1 Ergebnisse
  • 4.1.5.2 Operationalisierung
  • 4.1.6 Zusammenfassung
  • 4.2 Der Einfluss der soziodemographischen, sprachbiographischen und kontextuellen Faktoren auf die Variantenwahl
  • 4.2.1 Wörtersample und Testpersonen
  • 4.2.2 Multivariate Analyse
  • 4.2.3 Die Variation erklärenden Faktoren
  • 4.2.3.1 Alter
  • 4.2.3.2 Gegenüberstellung von Alter und Geschlecht
  • 4.2.3.3 Kompetenz
  • 4.2.3.4 Übersetzungssprache
  • 4.2.4 Weitere Tendenzen
  • 4.2.4.1 Stil
  • 4.2.4.2 Reihenfolge
  • 4.2.4.3 Wiederholung
  • 4.2.5 Zusammenfassung: Die Bedeutung der soziodemographischen, sprachbiographischen und kontextuellen Faktoren
  • 4.3 Die Analyse der linguistischen Variablen
  • 4.3.1 Variable s/z
  • 4.3.1.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.1.2 Verteilung der Varianten
  • Exkurs: [s] > [ts]
  • 4.3.1.3 Zusammenfassung
  • 4.3.2 Variable (t)sjəʊn
  • 4.3.2.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.2.2 Verteilung der Varianten
  • 4.3.3 Variable ʑ/g
  • 4.3.3.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.3.2 Verteilung der Varianten
  • 4.3.4 Variable k/ɕ
  • 4.3.4.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.4.2 Verteilung der Varianten
  • 4.3.5 Variable st/ɕt (und Variable sp/ɕp)
  • 4.3.5.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.5.2 Verteilung der Varianten, Variable st/ɕt
  • 4.3.5.3 Verteilung der Varianten, Variable sp/ɕp (Spektakel)
  • 4.3.6 Variable ɲ/gn
  • 4.3.6.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.6.2 Verteilung der Varianten
  • 4.3.7 Variable s/ts
  • 4.3.7.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.7.2 Verteilung der Varianten
  • 4.3.8 Variable gz/ks (Exil)
  • 4.3.8.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.8.2 Verteilung der Varianten
  • 4.3.9 Variable z/ts (Ozonschicht)
  • 4.3.9.1 Beschreibung der Variable
  • 4.3.9.2 Verteilung der Varianten
  • 4.3.10 Zusammenfassung: Die Aussprache der linguistischen Variablen
  • 4.4 Die Einschätzung der eigenen Aussprache
  • 4.4.1 Methodologie
  • 4.4.2 Ergebnisse I: Die soziodemographischen Gruppen
  • 4.4.2.1 (Nicht) übereinstimmende Einschätzung der eigenen Aussprache
  • 4.4.2.2 Begründungen für die Nicht-Verwendung bestimmter Varianten
  • 4.4.2.3 (Nicht-) Zutreffen der Begründungen
  • 4.4.3 Ergebnisse II: Testwörter und linguistische Variablen
  • 4.4.3.1 Gegenüberstellung der Einschätzungsdaten mit den Sprachproduktionsdaten
  • 4.4.3.2 (Nicht) übereinstimmende Einschätzung der eigenen Aussprache
  • 4.4.3.3 Begründungen für die Nicht-Verwendung bestimmter Varianten
  • 4.4.3.4 (Nicht-) Zutreffen der Begründungen
  • 4.4.4 Die Reihenfolge der gehörten Varianten
  • 4.4.5 Die Einschätzung der eigenen Aussprache: Schlussfolgerungen
  • 4.5 Weitere Ergebnisse
  • 4.5.1 Sprachkontaktinduzierte vokalische Variation
  • 4.5.2 Die Verteilung der fehlenden Werte
  • 4.5.3 Die Testwörter mit zwei Variablen: (Phonologische) Kookkurenz
  • 4.5.4 Morpho(no)logische Aspekte
  • 5 Schlussfolgerungen: Sprachkontaktinduzierte Variation im luxemburgischen Konsonantismus
  • 6 Bibliographie
  • 6.1 Literatur
  • 6.2 Wörterbücher
  • 6.3 Zitierte Internetquellen
  • 6.3.1 Sprachatlanten
  • 6.3.2 Weitere Quellen
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • Anhang
  • A. Die Testpersonen im Detail
  • B. Die Testsätze mit den Testwörtern
  • C. Einverständniserklärung (Übersetzung)
  • D. Die Sprachbiographie der Testpersonen
  • D.I Der Fragebogen I: Sprachgebrauch und Sprachbiographie
  • D.II Der Fragebogen II: Lesegewohnheiten
  • D.III Die sprachbiographischen Faktoren: Details der Auswertung
  • D.III.i Gebrauch
  • D.III.ii Kompetenz
  • D.III.iii Passiver Einfluss
  • D.III.iv Präferenz
  • D.III.v Lesesprache
  • E. Die linguistischen Variablen
  • E.I Gesamtwörtersample
  • E.II Variable s/z
  • E.III Variable (t)sjəʊn
  • E.IV Variable ʑ/g
  • E.V Variable k/ɕ
  • E.VI Variable st/ʃt
  • E.VII Variable ɲ/gn
  • E.VIII Variable s/ts
  • E.IX Variable gz/ks
  • E.X Variable sp/ɕp
  • E.XI Variable z/ts
  • Reihenübersicht

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1 Einleitung

Das Luxemburgische wurde 1984 zur Nationalsprache des Großherzogtums Luxemburg erhoben. Als westlicher Ausläufer der kontinentalen Germania grenzt sie im Süden und Westen – Luxemburg teilt eine Landesgrenze mit Frankreich und dem wallonischen Teil Belgiens – direkt an die Romania an, während sie im Osten an den deutschen Sprachraum stößt. Diese über Jahrhunderte bestehende Stellung im Kontaktgebiet zweier großer Sprach- und Kulturräume schlägt sich unter anderem in der komplexen offiziellen Dreisprachigkeit des Landes (Luxemburgisch, Deutsch, Französisch) nieder. Auch im Luxemburgischen selbst finden sich auf vielen sprachlichen Ebenen starke Einflüsse der beiden Kontaktsprachen Deutsch und Französisch. Dies äußert sich etwa in einer Vielzahl sprachlicher Dubletten – Elemente, die eine Entsprechung im Deutschen und eine im Französischen aufzeigen –, wie folgende Beispiele belegen:

Bereich der Lexik: „Fremdwortdubletten“ (FRÖHLICH/HOFFMANN 1996: 1170)

Televisioun/Fernseh (fr. télévision, dt. Fernsehen)

Bläisteft/Crayon (fr. Crayon, dt. Bleistift) [sic!]

Morphologischer Bereich (Flexion): Dubletten beim Genus der Substantive (GILLES 2012, CONRAD/FLORES FLORES 2013):

den/d’Universum (m./s.; fr. l’univers, m., dt. das Universum, s.)

den/d’Email (m./w.; fr. l’email, m., dt. die Email, w.)

Bereich der Phonetik/Phonologie: lautliche Dubletten, etwa

[s/z]ymbol (fr. [s]ymbole, dt. [z]ymbol)

Organisa[(t)sjəʊn] (fr. organisa[sj̃], dt. Organisa[tsjo:n])

Trotz der interessanten Sprach(en)situation, in der Variation und Sprachkontakt direkt miteinander in Beziehung gesetzt werden können, hat sich die Forschung erst wenig empirisch mit den linguistischen Niederschlägen der Mehrsprachigkeit auf die luxemburgische Sprache sowie mit den dabei aktiven Wirkungsmechanismen und Variationsmustern auseinander gesetzt. Die folgende Arbeit versucht einen Teil dieser Lücke zu schließen und das Forschungsfeld im lautlichen Bereich näher zu ergründen. Hierbei steht die konsonantische Variation im Vordergrund: Untersucht werden die oben erwähnten ‚lautlichen Dubletten‘ – Laute oder Lautkombinationen, die im Luxemburgischen jeweils eine Entsprechung im Deutschen und eine im ← 7 | 8 → Französischen haben (im Folgenden als germanische bzw. romanische Varianten bezeichnet) und im Luxemburgischen variieren (können).

Solche Dubletten, die neben dem Konsonantismus auch im Vokalismus auftreten können, hat bereits SOUTHWORTH (1954: 4–5) in der Mitte der 50er Jahre festgestellt. Er schreibt:

Die Verwendung der einen oder der anderen Aussprache ist mit SOUTHWORTH nicht willkürlich. Die Auswirkungen des Sprachkontakts in Luxemburg sind vielmehr eine dynamische Größe, die sich mit der Zeit verändert, abhängig vom jeweiligen soziokulturellen Kontext ist und sich individuell unterschiedlich ausprägt.

Zentrales Forschungsvorhaben vorliegender Arbeit ist die Beschreibung und Erklärung der Verteilung der germanischen und romanischen Varianten dieser Dubletten auf individueller Ebene und in Bezug auf bestimmte SprecherInnengruppen. Es wurden in einem mehrteiligen Sprachexperiment (Übersetzen, Vorlesen, Selbsteinschätzungstest) von 48 Testpersonen Varianten solcher Dubletten aus folgenden zehn Variablen erhoben:

Variable Beispielwort romanische/
germanische Variante
gz/ks <Exil> E[gz/ks]il  
k/ɕ <technologesch> te[k/ɕ]nologesch
ɲ/gn <ignoréieren> i[ɲ/gn]oréieren
s/z <Persoun> Per[s/z]oun
s/ts <Capacitéiten> Capa[s/ts]itéiten
st/ɕt <Struktur> [st/ɕt]ruktur
sp/ɕp <Spektakel> [sp/ɕp]ektakel
(t)sjəʊn <Organisatioun> Organisa[(t)sjəʊn]
z/ts <Ozonschicht> O[z/ts]onschicht
ʑ/g <genetesch> [ʑ/g]enetesch

Über einen Fragebogen wurden daneben sprachbiographische Daten der Personen gesammelt. Die Verteilung der sprachkontaktinduzierten Varianten in diesem soziodemographischen (Alter, Geschlecht, Schulbildung und Herkunft), ← 8 | 9 → sprachbiographischen (Gebrauch, Kompetenzen, Präferenzen und Einflüsse der und durch die beiden Nachbarsprachen) und kontextuellen (Einbettung der Varianten im Sprachexperiment) Raum gibt ausführlich Aufschluss darüber, wie sich der mehrfache Sprachkontakt in Luxemburg auf der lautlichen Ebene im heutigen Luxemburgischen niederschlägt und verhält.

Die Untersuchung hat dabei einen stark empirischen Schwerpunkt, bei dem Datenerhebung, -analyse und -interpretation im Vordergrund stehen. Sie versteht sich als Grundlagenforschung zur jungen luxemburgischen Sprache, dessen Ergebnisse jedoch auch für das allgemeine Verständnis der Dynamik in einer komplexen Sprachkontaktsituation wertvolle Erkenntnisse versprechen.

Die Arbeit gliedert sich dabei wie folgt:

Theoretische Kontextualisierung: Nach Überblicksdarstellungen des luxemburgischen Lautsystems (Abschnitt 2.1) und der Variationslinguistik (Abschnitt 2.2) widmet sich Abschnitt 2.3 der Sprachkontaktforschung im Allgemeinen sowie im lautlichen Bereich. Abschnitt 2.4 beschäftigt sich mit dem Luxemburgischen im Sprach(en)kontakt: Für die Kontextualisierung der Ergebnisse werden zunächst die sprachliche Situation im Großherzogtum Luxemburg historisch eingebettet und ihre aktuellen Entwicklungen und Tendenzen dargelegt (Abschnitt 2.4.1). Anschließend wird die bisherige Erforschung des Luxemburgischen, insbesondere bezogen auf Fragen des Sprachkontakts, vorgestellt (Abschnitt 2.4.2). Der folgende Abschnitt (Abschnitt 2.5) definiert anhand der vorhergehenden Ausführungen und Beschreibungen detailliert den zentralen Untersuchungsgegenstand der Arbeit – die sprachkontaktinduzierte ‚lautliche Dublette‘ – und schließt damit das theoretische Kapitel ab.

Methodologie: Das dritte Kapitel stellt das Forschungsdesign des Sprachexperiments vor, durch das die Sprach(produktions)daten erhoben wurden. Der Aufbau des Experiments und des Fragebogens werden ausführlich besprochen und die Auswahlverfahren der Testpersonen – mit einem Schwerpunkt auf den soziodemographischen Faktoren Alter, Geschlecht, Region und Schulbildung – und der Testwörter sowie die angewandten Verfahren bei der Datenanalyse werden offengelegt.

Ergebnisse: Das vierte Kapitel stellt mit der Darstellung der Ergebnisse das Kernstück der Untersuchung dar. Nach der Einteilung der Testpersonen in verschiedene sprachbiographische Gruppen anhand der Antworten aus dem Fragebogen (Abschnitt 4.1) wird die Verteilung der Aussprachevarianten mit diesen Gruppen sowie mit den soziodemographischen und an den Kontext des Experiments gebundenen Faktoren in Verbindung gesetzt (Abschnitt 4.2). Anschließend werden die einzelnen linguistischen Variablen und die jeweiligen Testwörter in ihrem ← 9 | 10 → sprachlichen Verhalten eingehend analysiert und besprochen (Abschnitt 4.3). Dieses Verhalten wird in einigen Überblicksdarstellungen zusammengefasst (Abschnitt 4.3.10), bevor mit den Ergebnissen eines Selbsteinschätzungstests, bei dem die Testpersonen ihre eigene Aussprache einschätzen sowie nicht verwendete Aussprachen evaluieren mussten, die Analyse eines Teils der lautlichen Varianten auf einer metasprachlichen Analyse erfolgt (Abschnitt 4.4). In Abschnitt 4.5 schließlich werden mit einer Besprechung vokalischer Varianten, der Verteilung der fehlenden Werte, phonologischer Kookkurenzen sowie morphonologischer Einflüsse auf die Variantenwahl zusätzliche Ergebnisse angesprochen.

Schlussfolgerungen: Im letzten Kapitel (Kapitel 5) werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst und diskutiert. Ausführlich werden die herausgearbeiteten Einflussfaktoren auf die Variantenwahl besprochen und in den soziokulturellen und – historischen Kontext Luxemburgs eingebettet. Die an der Variantenwahl beteiligten Motive und linguistischen Prozesse werden dabei in ein allgemeines, über das Luxemburgische hinausgehende Modell sprachkontaktinduzierter lautlicher Dubletten integriert. Ein Ausblick auf die mögliche zukünftige Entwicklung sowie Hinweise auf weiterführende Forschungsmöglichkeiten und -desiderata schließen die Arbeit ab.

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2 Theoretische Kontextualisierung

2.1 Das Lautsystem des Luxemburgischen

Folgende Ausführungen basieren auf der Beschreibung von GILLES/TROUVAIN (2013). Abweichungen davon werden im Fließtext kommentiert.1 Die Phoneme werden in den Tabellen dargestellt, während allophonische Varianten im Fließtext besprochen werden.

Tabelle 1 führt zunächst die Konsonanten des Luxemburgischen auf.

Tabelle 1: Die Konsonanten des Luxemburgischen. Stimmlose Laute stehen auf der linken Seite, die stimmhaften Entsprechungen auf der rechten Seite

illustration

Das Luxemburgische und das Deutsche teilen den größten Teil des Konsonantismus. Eine Ausnahme stellen etwa die prä-palatalen Laute /ɕ/ und /ʑ/ (héich [həiɕ] ‚hoch‘, héijen [ˈhəiʑən] ‚hoher‘) dar. Diese sind das Ergebnis des Zusammenfalls zwischen den palatalen Frikativen [ç] und [ʝ] (als Allophone zu /χ/ und /ʁ/) und den post-alveolaren Frikativen /ʃ/ und /ʒ/. Da der Zusammenfall bereits fast abgeschlossen ist (GILLES 1999: 236–242, CONRAD 2012, GILLES/TROUVAIN 2013: 68–69) und sich sowohl die palatalen wie die post-alveolaren Laute nur noch bei einem geringen Teil der in vorliegender Arbeit untersuchten (vor allem älteren) Testpersonen finden ließen, werden die prä-palatalen Laute entgegen GILLES/TROUVAIN (2013) als Phoneme geführt, während die post-alveolaren Frikative als Allophone gelten. ← 11 | 12 →

Wie im Standarddeutschen besteht im Luxemburgischen eine ich/ach-Allophonie: Nach hinteren Vokalen tritt der uvulare Frikativ [χ/ʁ], in den anderen Kontexten der prä-palatale Frikativ [ɕ/ʑ] auf.

Der uvulare Vibrant /R/, der vor allem von älteren Personen artikuliert wird, kennt die häufige frikativische Variante [ʁ]. Zwischen Kurzvokal und stimmlosem Konsonanten erscheint /R/ als [χ] (pa[χ]ken ‚parken‘). Am Wortende wird /R/ entweder konsonantisch ausgesprochen (vor allem bei älteren Sprecher-Innen) oder vokalisiert [ɐ]: Bir [bi:R/ɐ} ‚Birne‘.

Der Approximant /j/ am Wortanlaut kann bei bestimmten Wörtern mit dem prä-palatalen Frikativ variieren ([j/ʑ]anuar, NEWTON 1993). Der labial-velare Approximant [w] tritt nur nach [ɕ] ([ˈɕwɑmən] schwammen ‚schwimmen‘), [ts] ([tswe:] zwee ‚zwei‘) und [k] ([kwɑtɕ] Qwatsch) auf und wird mit GILLES/TROUVAIN (2013: 69) daher als Allophon zu /v/ geführt.

Schließlich werden stimmhafte Konsonanten am Silbenende entstimmt (‚Auslautverhärtung‘). Der glottale Plosiv [ʔ] ist kein Phonem des Luxemburgischen und tritt nur gelegentlich am Wortanfang vor stark betonten, vokalisch anlautenden Silben auf.

Biographische Angaben

François Conrad (Autor:in)

François Conrad studierte in Bamberg und Prag und wurde in Luxemburg promoviert. Er ist als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind Phonetik/Phonologie, Sprachvariation, Soziolinguistik, Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit.

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Titel: Variation durch Sprachkontakt