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Zukunft als Erlösung – Martin Luther und das Weltende

Eine adventistische Deutung

von Hans Heinz (Autor:in)
Monographie 161 Seiten
Reihe: Adventistica , Band 12

Zusammenfassung

«Komm, lieber Jüngster Tag!» Mit seiner tiefen Sehnsucht nach Erlösung der ganzen Schöpfung durch den wiederkehrenden Christus am Ende der Zeit nahm Martin Luther eine authentisch biblische Grundhaltung ein. Sie nur «historisch»-zeitbedingt deuten zu wollen, wird der endzeitlichen Orientierung des Reformators nicht gerecht. Gerade in der noch heute fortwirkenden Geschichtsmächtigkeit und Aktualität des prophetischen Wortes zeigt sich die Relevanz seines eschatologischen Denkens. In diesem Sinne war Luther ein überzeugter «Adventist». Seine freudige Erwartung einer neuen Welt, wie sie in diesem Band auf Grundlage biblischer Aussagen beschrieben wird, ist bis heute für den Christen Motivation, Hoffnung und Trost.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vor des Papstes und der Türken Mord fleht Gott um Hilfe an: Der zeitliche Rahmen
  • Der Sommer, der nie enden wird: Das zukünftige Reich
  • Komm, lieber Jüngster Tag! Die Naherwartung der Parusie
  • Wiederbelebung der christlichen Adventhoffnung: Anknüpfung bei den ersten Christen
  • Das prophetische Wort – ein Licht in der Dunkelheit: Wegweisung im Glauben und im Hoffen
  • Gott ist schrecklich für die Könige der Erde: Geschichte als Gericht
  • Ich habe den Augustinus nicht gelesen, sondern verschlungen: Das Millennium
  • Der Teufel führt allerlei Schwärmer herein: Endzeitstimmung und Endzeitberechnungen
  • Bis Christus kommt und weckt uns wieder auf mit Fröhlichsein: Tod und Auferstehungshoffnung
  • Der Sieg wird uns von Gott geschenkt: Gegen Teufel, Papsttum und Islam
  • Der Antichrist verachtet und verändert die Gebote Gottes: Rom im Visier
  • Der höchste Feind Christi: Die humanistische Versuchung
  • Ich lobe die Astronomie und die Mathematik: Verwerfung der Astrologie und Magie
  • Offenbarung, Vernunft und Kritik: Glaube statt Zweifel
  • Zukunft als Erlösung: Der eschatologische Ausblick
  • Die verlorene und wieder gefundene Hoffnung: Endzeitglaube im Wandel der Zeit
  • Ein ewiges Evangelium für die ganze Welt: Adventglaube als bleibende reformatorische Aufgabe
  • Mit Luther durch die Endzeit: Hoffnung auf Vollendung
  • Ausgewählte Literatur
  • Reihenübersicht

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Vor des Papstes und der Türken Mord fleht Gott um Hilfe an: Der zeitliche Rahmen

Das Jahr 1531 war für die Anhänger der Reformation ein Jahr der großen Sorge. Sowohl die Zukunft des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als auch der Fortgang der Reformation standen auf des Messers Schneide. Eine gewaltige Krise, die sich mit dem Angriff der Türken auf Mitteleuropa und der kaiserlichen Abweisung des evangelischen Bekenntnisses auf dem Reichstag von Augsburg anbahnte, bedrohte das Reich und die junge Saat des reformatorischen Glaubens.

Es war gerade nur etwas mehr als ein Jahr her, dass Sultan Soliman der Prächtige – aus Ungarn vorstoßend – mit 250.000 Mann und 20.000 Kamelen vor den Festungswällen Wiens erschienen war. Die kleine Besatzung von 17.000 Mann unter dem Oberbefehl von Niklas Salm schien verloren zu sein. Nur der Wetterumschwung und ein vergeblicher Sturm auf die Stadt zwangen die Osmanen, den Angriff abzubrechen. Aber sie hatten sich nur ein wenig nach Osten zurückgezogen und konnten jederzeit wiederkommen.

Ebenso war es gerade nur einige Monate her, dass Kaiser Karl V. nach neunjähriger Abwesenheit mit „viel Bischöff und groß Pfaffen“ wieder im Reich erschienen war, um die Protestanten zum alten Glauben zurückzuzwingen. Nach Siegen über Frankreich, der Unterwerfung des Kirchenstaates in Italien und dem kurzfristigen Rückzug der Türken ergriff der Kaiser die Initiative, um die religiöse Frage in Deutschland ein für allemal im Sinne des katholischen Glaubens zu lösen. Der päpstliche Legat Campeggi hatte dem Kaiser den ‚Wunschzettel‘ Roms ans Herz gelegt. Die Protestanten sollten zuerst mit Versprechungen und Drohungen geködert werden, und wenn dies nicht fruchten sollte, wollte man sie mit ‚Feuer und Schwert‘ niederwerfen.1

So gestattete der Kaiser zwar, dass die von Philipp Melanchthon, dem Mitstreiter Martin Luthers, in irenischer Sprache und mit versöhnlicher Absicht verfasste Confessio Augustana auf dem Reichstag zu Augsburg in deutscher Sprache vorgetragen werden durfte, forderte aber die evangelischen Fürsten auf, die von katholischen Theologen geschriebene Widerlegung, die sogenannte Confutatio, anzunehmen und sich damit dem katholischen Glauben zu unterwerfen. Er, der Kaiser, könne kein Schisma im Reiche dulden. ← 11 | 12 →

Mit sorgendem ‚Prophetenblick‘ sah Luther das kommende Blutbad voraus: Vor des Papstes und der Türken Mord fleht Gott um Hilfe an!2 Aber er war gewiss, die Wahrheit werde nicht untergehen, ganz gleich, was mit den evangelisch Gesinnten auch geschehen sollte. Wenn wir stürzen, stürzt auch Christus mit uns, der Herrscher der Welt. Und mag’s geschehen – lieber will ich mit Christus fallen, als mit dem Kaiser stehen.3 Sollte Karl V. einen Krieg beginnen, dann handle er nicht nur gegen Gott und göttliches Recht, sondern auch gegen kaiserliche Pflichten und Eide, dann dürfe ihm auch niemand folgen, des Teufels Reich zu bauen.

Tatsächlich glich der Beschluss des Reichstages in seiner Schroffheit, alle Veränderungen im kirchlichen Bereich rückgängig zu machen und sich dem alten Glauben zu unterwerfen, einer Kriegserklärung des Kaisers und der katholischen Fürsten an die Vertreter der Reformation. Luther glaubte zwar nach wie vor an die Gutmütigkeit des Kaisers, des unschuldigen Lämmleins, das zwischen den Teufeln sitzt,4 und erkannte hinter dem Reichsabschied von Augsburg klar das Drängen des Papstes Clemens VII., des florenzisch Fruchtlins, und der katholischen Theologen Eck, Faber und Cochläus, der ewigen Nein-Sager. Weiteren Verhandlungen gab er keine Chance. Da die protestantische Partei auf dem Reichstag genug gegeben und getan hatte, müsse man um des Evangeliums willen bereit sein, zu dulden und zu leiden: Wird ein Krieg daraus, so werde er daraus.5

Dem Kaiser, der eingesetzten Obrigkeit, mit Waffengewalt zu widerstehen, wäre allerdings gegen das Evangelium. Im Falle eines Krieges müsse jeder als Person für sich selbst stehen und seinen Glauben erhalten. Damit wandte sich Luther auch gegen Pläne der eigenen Gefolgschaft, dem Kaiser kriegerisch Widerstand zu leisten. „Nie trat wohl“, so schrieb der Historiker Leopold von Ranke, „die reine Gewissenhaftigkeit rücksichtsloser, großartiger hervor. Man sieht den Feind gerüstet herannahen, man vernimmt sein Drohen, man täuscht sich nicht über seine Absichten, man ist überzeugt, dass er das Äußerste versuchen werde. Auch hätte man Gelegenheit, einen Bund gegen ihn zu errichten, der Europa erschüttern, an dessen Spitze man dem zur Weltherrschaft Aufstrebenden mächtig gegenübertreten, das Glück herausfordern könnte; allein man will das nicht, man verschmäht es, und zwar nicht etwa aus Furcht, aus Zweifel an der eigenen ← 12 | 13 → Tüchtigkeit – das sind Rücksichten, welche diese Seelen nicht kennen –, sondern ganz allein aus Religion.“6

Solche Pläne einer Europa umspannenden Allianz gegen das Haus Österreich wurden vor allem vom Landgrafen Philipp von Hessen verfolgt. Er hatte schon 1526 einen Verteidigungsbund mit Kursachsen geschlossen und war noch während des Reichstages einem Schutzbündnis für die evangelische Sache mit Zwinglis Gefolgsleuten in Zürich und Bern beigetreten. Mit Nachdruck arbeitete der Weitsichtigste unter den protestantischen Fürsten an einem großen Bündnis aller reformatorischen Kräfte – von der Schweiz bis nach Dänemark – gegen die Vorherrschaft der katholischen Habsburger.

Dem Gewalt und Krieg widerstrebenden Luther wurde von den Juristen abgerungen, die Territorialfürsten im Reich als eigene Obrigkeiten zu verstehen, die aufgrund ihrer Autorität ermächtigt seien, politischen Widerstand zu leisten. Vor allem dann, wenn der Kaiser den versprochenen Frieden brechen sollte. Einen Religionskrieg zur Verteidigung des Evangeliums mit Waffengewalt aber lehnte Luther sowohl gegen den Kaiser als auch gegen die Türken ab. So richtete er 1526 in der Schrift Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können an alle Teilnehmer eines ungerechten Krieges – und ein solcher wäre der religiöse Waffenkampf – die eindringliche Mahnung: Wenn du gewiss weißt, dass er [der Kriegsherr] Unrecht hat, so sollst du Gott mehr fürchten und gehorchen als Menschen (Apg 5,29) und sollst nicht Krieg führen und dienen, denn du kannst dabei kein gutes Gewissen vor Gott haben.7 Überdies wäre für den Reformator ein solches Bündnis, wie es der Landgraf anstrebte, nur auf Basis einer theologischen Einigung vorstellbar gewesen. Damit schied die Schweizer Reformation aus, denn seit dem Marburger Religionsgespräch von 1529 gingen Luther und Zwingli wegen des unterschiedlichen Abendmahlsverständnisses endgültig getrennte Wege.

Dieser verhängnisvolle Lehrpluralismus spielte der katholischen Seite in die Hände. Schon 1521 hatte der päpstliche Nuntius Aleander den Anhängern der Reformation angedroht: „Wir wollen dafür sorgen, dass ihr euch untereinander mordet, bis ihr im eigenen Blut untergeht.“8 So besaß die Defensivallianz, als sie jetzt im Februar 1531 – vor Ablauf der von Karl V. für die protestantische Seite eingeräumten Umkehrfrist (April 1531) – in Schmalkalden zustande kam, bedenkliche Defizite. Statt eines großen europäischen Bundes zur Verteidigung ← 13 | 14 → der reformatorischen Errungenschaften konnte nur ein deutsches Lokalbündnis zwischen Kursachsen, Hessen, Braunschweig, Lüneburg und Mansfeld geschmiedet werden. Einige norddeutsche Städte wie Lübeck, Magdeburg und Bremen sowie mehrere süddeutsche, voran Straßburg, Memmingen, Lindau und Konstanz, schlossen sich ebenfalls an. Obwohl diese südlichen Städte von der Lehre Zwinglis geprägt waren und daher in Augsburg ein eigenes Bekenntnis eingereicht hatten, die sogenannte Tetrapolitana, reihten sie sich dennoch aufgrund der Vermittlungsbestrebungen von Martin Bucer, dem Straßburger Reformator, in die lutherische Front ein. Nur die wieder virulente Türkengefahr, die „Quelle der Angst“ (Martin Brecht) in jener Zeit, hinderte Karl V. an der sofortigen Exekution des Reichstagsbeschlusses und verschaffte dem Schmalkaldischen Bündnis eine Atempause.

Luther aber setzte ohnehin seine Hoffnung weder auf die Politik der Fürsten noch auf die Macht der Waffen. Christus allein sei in der Bedrohung durch Kaiser und Türken der einzig wirkliche Helfer: Ich denke oft an den Jammer Deutschlands und gerate in Schweiß darüber. Aber es will sich nicht helfen lassen. Denn den Türken schlägt niemand als der Mann, der Christus heißt, und das Vaterunser und der Glaube. Der Kaiser, Ferdinand, die Fürsten, wer es auch sei, sie werden nichts ausrichten.9 Mit Scharfblick durchschaute er die Absichten des Papstes, des Kaisers und seines Bruders Ferdinand. Weder in der Türkenfrage noch bei den vermuteten kaiserlichen Plänen gab er sich einer Illusion hin, denn die Kirche wird durch die Wahrheit und durch Christus regiert, die Welt durch Heuchelei und trügerische Menschen.10

In der Reformverweigerung Roms, der unnachgiebigen Haltung der Juden und im drohenden Angriff der Türken sah er die letzten Wehen vor der Wiederkunft Christi: Ich weiß keinen Rat mehr, als dass es so geht, wie mir’s davon träumte: dass der Jüngste Tag kam. Denn dass des Papstes Kirche oder der römische Hof reformiert würde, das ist ein unmöglich Ding; ebensowenig lässt sich der Türke und die Juden strafen und reformieren; ebenso gibt es auch keine Besserung im Römischen Reich, man kann ihm nicht helfen … Darum weiß ich keinen anderen Rat und Hilfe, als dass der Jüngste Tag komme; man kann nimmer helfen, es ist ganz hoffnungslos. Unser Herrgott lässt vielleicht auch darum jetzt sein Evangelium ausgehen, weil er seine Christen vorher einsammeln will.11 ← 14 | 15 →

Des Reformators einziger Rat an die Christenheit, den er im Angesicht der Ereignisse seiner Zeit und aus dem Studium der Heiligen Schrift gewonnen hatte, lautete daher: Wer ein treues Glied des Herrn Christus sein will, welcher in dieser Welt arm und verachtet ist, der bitte mit Ernst, dass die Zeit seines Gerichts und seiner Heimsuchung samt seinem Reich bald komme und uns erlöse.12

Je älter und abgeklärter Luther wurde, desto mehr verflüchtigte sich bei ihm die Illusion aller Weltverbesserer, dass es mit einem festen und nachhaltigen menschlichen Einsatz doch gelingen müsste, die Probleme der Welt in den Griff zu bekommen und die Menschheit durch Menschen zu retten: Die Welt, so predigte er aus Erfahrung und Schriftkenntnis, ist des Teufels Kind … ihr ist nicht zu helfen noch zu raten.13 Hilf, lieber Herr Gott, dass der selige Tag deiner heiligen Zukunft bald komme.14

Von dieser Überzeugung durchdrungen, hielt Luther am Ende jenes bedrückenden Jahres 1531 wieder einmal eine Predigt über die christliche Adventhoffnung, wie sie im Lukasevangelium, Kapitel 21, aufleuchtet. Diese Hoffnung beseelte ihn und war ihm in den Kämpfen und Nöten seiner Tage zum Trost und zur Freude geworden. Mit seinem biblischen Realismus – die von Gott getrennte Welt sei unfähig, sich selbst zu retten, Rettung komme nur durch den wiederkehrenden Christus – hat der Reformator die „urchristliche Haltung gegenüber dem Jüngsten Tag lebendig erneuert“ (Paul Althaus).15 Er hat damit deutlich gemacht, dass authentisches Christentum nicht nur an der Vergangenheit hängen kann und auch nicht ganz in der Gegenwart aufgehen darf, sondern auf die Zukunft hin ausgerichtet sein muss. Der Reformator hat nicht nur mit der Rückkehr zur paulinischen Heilslehre von der Rechtfertigung des Sünders, allein durch den Glauben, den Menschen den Frieden der Erlösung in unerlöster Welt vermittelt, sondern ihnen auch die Freude über die zukünftige Erlösung der ganzen Welt fest ins Herz gesenkt. Luther ist überzeugt, dass nach dieser Zeit … nichts zu hoffen noch zu erwarten ist, denn der Welt Ende und der Toten Auferstehung.16 So steht der Reformator in heftiger Auseinandersetzung mit Welt und Kirche als Erneuerer der urchristlichen Endzeiterwartung vor uns. Seine Zeit erschien ihm als „Intermezzo zwischen der Offenbarung des Antichrist und dem Ende der Welt.“17


1 Zitiert nach Leopold von Ranke: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Wien o. J., 569.

2 Zitiert nach Heinz Schilling: Martin Luther, 2. Aufl. München 2013, 544.

Details

Seiten
161
ISBN (PDF)
9783631734759
ISBN (ePUB)
9783631734766
ISBN (MOBI)
9783631734773
ISBN (Hardcover)
9783631734742
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (August)
Schlagworte
Reformation Katholische Reform Ökumene
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 161 S.

Biographische Angaben

Hans Heinz (Autor:in)

Hans (Johann) Heinz bildete 40 Jahre lang als Hochschullehrer und Seminarleiter Pastoren aus und zählt innerhalb der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten zu den besten Kennern der Theologie Martin Luthers und der Reformation. Er verfasste zahlreiche Beiträge zu reformationsgeschichtlichen Themen, besonders aus freikirchlich-adventistischer Sicht.

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