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Sprachkontakt - Sprachmischung - Sprachwahl - Sprachwechsel

Eine sprachsoziologische Untersuchung der weißrussisch-russisch gemischten Rede „Trasjanka“ in Weißrussland

von Gerd Hentschel (Autor:in) Bernhard Kittel (Autor:in) Diana Lindner (Autor:in) Mark Brüggemann (Autor:in) Jan Patrick Zeller (Autor:in)
Monographie 338 Seiten

Zusammenfassung

Die Studie untersucht den Zusammenhang von Sprachverwendung, sozialer Positionierung und kollektiver Identitätsbildung in Weißrussland hinsichtlich des Weißrussischen, Russischen und der weißrussisch-russisch gemischten Rede (Trasjanka). Die soziodemographische und ökonomische Struktur der drei »Kodes« wird mittels Umfrage und Interviews bei drei Generationen erfasst. Die Konstellation ist grundlegend diglossisch: Russisch herrscht im öffentlichen Raum, die Trasjanka viel stärker als bisher angenommen im privaten Bereich (besonders bei der älteren Generation). Weißrussisch ist völlig marginalisiert. Für die spezifisch weißrussisch-kollektive Identität, die durchaus festzustellen ist, spielt keiner der Kodes eine nennenswerte Rolle, bestenfalls das Weißrussische auf symbolisch-musealer Ebene.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Anmerkung zur Transliteration
  • Einleitung
  • 1 Analyseperspektive auf Sprachwahl und Sprachwandel
  • 1.1 Sprachverhalten im gesellschaftlichen Kontext
  • 1.2 Die soziolinguistische Perspektive auf sprachliches Handeln und soziale Einflussfaktoren
  • 1.3 Sprachwahl im sozialen Kontext
  • 2 Sprachliche Strukturierung und sprachliches Handeln
  • 2.1 Sprachgesellschaften, Sprach- und Sprechgemeinschaften
  • 2.2 Sprachpolitik und sprachliche Anpassungsleistungen
  • 2.3 Zielsetzungen sprachlicher Handlungen
  • 3 Wertzuschreibungen als Grundlage sprachlichen Handelns
  • 3.1 Der ökonomische Wert der Sprache
  • 3.2 Der symbolische Wert der Sprache
  • 3.3 Sprachliche Wertzuschreibungen und individuelle Identitätskonstruktion
  • 3.4 Sprachwandel als kollektive Handlung
  • 3.5 Die soziale Situation von Sprachentscheidungen und ihre Folgewirkungen
  • 4 Historisch-politische Entwicklung, Sprache und Sprachenpolitik in Weißrussland
  • 4.1 Entwicklung der weißrussischen Nation und politische Geschichte Weißrusslands
  • 4.2 Die Konstruktion einer weißrussischen Identität
  • 4.3 Die Entwicklung der Sprachenpolitik und sprachlichen Situation
  • 5 Die weißrussisch-russisch gemischte Rede
  • 5.1 Historische Entwicklung und sozioökonomischer Kontext
  • 5.2 Untersuchungsleitende Hypothesen
  • 6 Design, Operationalisierung und Datenerhebung
  • 6.1 Design
  • 6.2 Quantitative Analyse: Sozioökonomie der Sprachnutzung
  • 6.3 Qualitative Analyse: Spracheinstellungen und Identität
  • 6.4 Struktur der Stichprobe
  • 7 Sozialstrukturelle Bestimmungsfaktoren der Sprachverwendung
  • 7.1 Verbreitung der gemischten Rede
  • 7.2 Sprachliche Sozialisation
  • 7.3 Soziale Einflussfaktoren der Sprachverwendung
  • 7.4 Kontextspezifischer Sprachgebrauch
  • 7.5 Fazit
  • 8 Sprachverhalten, Wertzuschreibungen und Identitätszuordnungen
  • 8.1 Ökonomische Wertzuschreibung und Sprachverhalten
  • 8.2 Symbolische Wertzuschreibung und Sprachverwendung
  • Sprachverhalten und kulturelle Identität
  • Sprachverhalten und kulturelle Überzeugungen
  • 8.3 Sprachverhalten und Spracheinstellungen
  • 8.4 Fazit
  • 9 Spracheinstellungen und Sprachidentität
  • 9.1 Sprachverhalten und Spracheinstellungen
  • 9.2 Die Identität der WRGR-Sprecher
  • Die „Reflektierten Identifizierer“
  • Die „Konzeptlosen Patrioten“
  • Die „Teilidentifizierer“
  • 9.3 Fazit
  • 10 Resümee und Schlussfolgerungen
  • Anlage 1  Fragebogen in russischer Sprache
  • Anlage 2  Deutsche Übersetzung des russischen Fragebogens
  • Literatur

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Anmerkung zur Transliteration

Ein besonderes Problem stellt in einer Studie, die sich auf einen offiziell zweisprachigen Staat bezieht, die Wiedergabe von Orts- und Personennamen dar. So ist in Bezug auf Weißrussland grundsätzlich zu entscheiden, ob eine wissenschaftliche Transliteration aus dem Weißrussischen oder aus dem Russischen erfolgen soll. Beide Alternativen erzeugen in vielen Fällen den Eindruck einer gewissen „Künstlichkeit“, nämlich dann, wenn der jeweilige Name im breiten Diskurs in einer der beiden Sprachen deutlich geläufiger ist als in der anderen. Man denke hier etwa an die weißrussische, auf Russisch schreibende Literaturnobelpreisträgerin von 2015, die der breiten Öffentlichkeit – auch in Weißrussland – eher unter dem russischsprachigen Namen Svetlana Aleksievič als unter der weißrussischen Variante Svjatlana Aleksievič bekannt ist. Umgekehrt gibt es heutige und historische Akteure, die vor allem im Diskurs der Weißrussischsprachigen von Bedeutung sind, etwa der weißrussische Aufständische von 1863/64, Kastus’ Kalinoŭski (russisch: Konstantin Kalinovskij) oder, im heutigen Weißrussland, Aleh Trusaŭ (russisch: Oleg Trusov), Vorsitzender der Gesellschaft der weißrussischen Sprache (und im Übrigen russischstämmig). Aufgrund dieser Gemengelage ist die Wahl der Transliteration, gleichgültig, ob sie zugunsten des Weißrussischen oder des Russischen ausfällt, politisch-symbolisch markiert.

Für die vorliegende Publikation wurde eine Entscheidung zugunsten der Transliteration aus dem Weißrussischen getroffen, womit lediglich insofern eine politische Stellungnahme einhergeht, als den Autoren die sozial und politisch de facto schwächere der beiden Staatssprachen Weißrusslands, das Weißrussische, erhaltenswert erscheint, ohne dass dies mit einer Ablehnung der Rolle des Russischen in Weißrussland verbunden wäre. Aus dem Weißrussischen transliteriert werden mithin außer den Ortsnamen im heutigen Weißrussland sämtliche Namen historischer und gegenwärtiger Akteure des Landes, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft. Ausnahmen bilden Persönlichkeiten wie Adam Mickiewicz oder Tadeusz Kościuszko, die zwar ebenfalls aus den heutigen weißrussischen Gebieten stammen, aber weithin als zentrale Figuren der polnischen Geschichte wahrgenommen werden. Auch Namen wie die der ethnisch litauischen Fürsten des Großfürstentums Litauen werden nicht aus dem Weißrussischen transliteriert, sondern in ihrer litauischen Variante wiedergegeben (Mindaugas statt Mindoŭh).

Orts- und Personennamen aus dem Gebiet des heutigen Russland werden aus dem Russischen, Orts- und Personennamen aus der heutigen Ukraine aus dem ←11 | 12→Ukrainischen transliteriert. Im Fall der ukrainischen Hauptstadt wird auf ukrainisch „Kyjiv“ zugunsten der im „Westen“ geläufigeren Variante „Kiev“ verzichtet (auch in Bezug auf den historischen Staat „Kiever Rus’“); Gleiches gilt für die Herrscher der Kiever Rus’ („Vladimir“ statt „Volodymyr“). Für Städte wie Moskau oder Warschau wird der im Deutschen übliche Ortsname verwendet.

Einleitung

Sprache bedeutet für den Einzelnen in erster Linie Kommunikation. Sie vermittelt Beziehungen und ist die Grundvoraussetzung für die Vergemeinschaftung der Menschen. Berücksichtigt man jedoch die Zahl der Sprachen auf der Welt, die im Atlas of the World´s Languages auf 6.000 geschätzt wird (Asher & Moseley 2007), so wird auch das Potenzial von Sprache deutlich, als Unterscheidungsmerkmal zu wirken, das viele andere Ordnungskonzepte außer Kraft setzt. Im Durchschnitt kommen je nach Schätzung auf jeden Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen 31 bis 36 Sprachen. Die rund 1.000 lebendigen Sprachen allein in Afrika und Südamerika, von denen Schätzungen ausgehen, lösen diese Kontinente in viele kleine Gruppen auf, deren Zugehörigkeitskriterien in keiner Weise mit politischen Grenzen kongruent sind (vgl. Sasse 2001). Europa ist im Vergleich dazu mit etwa 150 Sprachen, darunter Amts-, Regional- und Minderheitensprachen, noch relativ übersichtlich (Sprachrat 2010). Aber dennoch, auch in den slavischen Sprachen, zu denen das Weißrussische gehört, gibt es Fragen, welche Varietäten als Sprache zu zählen sind und welche nicht (vgl. Hentschel 2003). Eine klare Unterscheidbarkeit von nah verwandten Sprachen (wie z.B. Weißrussisch und Russisch) ist dabei eng mit der Ausbreitung und Durchsetzung überregionaler Schriftsprachen verbunden (vgl. Bechert & Wildgen 1991:12).

Für die soziologische Forschung ergeben sich aus der sprachlichen Strukturierung eines Landes nicht nur neue Fragen nach den Mechanismen gesellschaftlicher Positionierung, sondern auch nach der Ausbildung kollektiver Identitäten. Hier liegt ein Konfliktpotenzial vor, und zwar hinsichtlich unterschiedlicher Ebenen der Identitätsbildung (regional, ethnisch, national u.a.), aber auch hinsichtlich unterschiedlicher konkurrierender nationaler Konzepte. Sprache ist in diesem Kontext ein wichtiges Machtinstrument. Die Etablierung einer allgemein verbindlichen Hoch- oder Standardsprache innerhalb eines Staates (ggf. in einzelnen seiner Teile) ist oft eine politisch brisante Entwicklung, da die Beherrschung und Verwendung der Standardsprache Voraussetzung für gesellschaftliche Positionierungen ist. Daraus ergeben sich sensible Fragen der Ein- und Ausgrenzung, sozialer Ungleichheitsdimensionen und gesellschaftlicher Spaltungen. Insbesondere in „mehrsprachigen Ländern“1 können weitere ←13 | 14→Forschungsfragen zum Zusammenhang zwischen sozialem Kontext, sprachlichen Wertzuschreibungen und Gruppenzugehörigkeiten untersucht werden. Einen besonderen Fall stellen dabei Sprachen- und Identitätskonflikte zwischen Sprechern eng verwandter Sprachen dar, und zwar dann, wenn für die jeweiligen Sprachträger ein gewisser Grad an ethnischer Verwandtschaft bzw. Nähe anzunehmen ist. An Sprache und Sprachen in einer Gesellschaft lassen sich Mechanismen sozialer Integration sowie die Blockade solcher Mechanismen erforschen.

Die gegenwärtige soziologische Forschung bezieht sich jedoch nur insofern auf Sprache, als diese Mittel zur Kommunikation ist. Mit diesem eingeschränkten Zugang werden soziale Fragen lediglich indirekt bearbeitet. In der deutschen Soziologie gab es lediglich eine kurze Phase, in der eine explizit sprachsoziologische Forschung betrieben wurde und der direkte Zusammenhang zwischen Sprachverwendung und deren sozialen Folgen im Mittelpunkt stand. Der Ertrag dieser Forschungsrichtung blieb bescheiden, nicht zuletzt, weil Fragen nach den Ungleichheitsdimensionen von Sprache offen blieben.

Die vorliegende Studie versteht sich als Versuch, das sprachsoziologische Forschungsparadigma wieder aufzugreifen und einen Zugang zu finden, mit dem der Zusammenhang zwischen Sprachverwendung, sozialer Positionierung und kollektiver Identitätsbildung erfasst werden kann. Mit diesem Zugang will sie exemplarisch die Spezifika der Sprachenproblematik in einem auch offiziell mehrsprachigen Land veranschaulichen, dessen zwei Staatssprachen aufgrund ihrer engen genetischen Verwandtschaft und strukturellen Ähnlichkeit eine spezifische Prädisposition zur Sprachmischung aufweisen.

Für die empirische Überprüfung des zu entwickelnden theoretischen Zugangs bieten die Nachfolgestaaten der Sowjetunion geeignete Konstellationen. Durch die klare politische und gesellschaftliche Dominanz des Russischen in der Sowjetunion (spätestens ab den 1930er Jahren)2 hat die gesellschaftliche Zweisprachigkeit eine enorme Ausweitung erfahren. So war ganz abgesehen davon, dass es ←14 | 15→außerhalb der „russischsprachigen“ Kerngebiete zahlreiche Schulen mit Russisch als Unterrichtssprache gab, Russisch de facto die obligatorische Zweitsprache in anderen Schulen (Comrie 1999). Weißrussland ist hier ein besonders interessanter Fall. Es ist aktuell wie viele andere ehemalige Sowjetrepubliken ein Land mit zwei Staats- bzw. Amtssprachen: Russisch und Weißrussisch. Anders als in vielen anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion (nicht zuletzt anders als in der Ukraine) hat die Ethnosprache Weißrussisch abgesehen von der Zeit von der Gewinnung der staatlichen Selbständigkeit bis zur ersten Präsidentschaft A. Lukašėnkas keine Förderung – im Sinne einer „positiven Diskriminierung“ – als Kommunikationsmittel im öffentlichen Raum und in staatlichen Institutionen erhalten. De iure ist das Weißrussische dem Russischen gleichgestellt, in der Praxis allerdings ist eine extreme Asymmetrie zwischen beiden Sprachen festzustellen. So ist Russisch zweifellos das Hauptkommunikationsmittel im öffentlichen Raum, Weißrussisch wird jedoch z.B. für Straßenbeschilderungen und planmäßige Ansagen der Minsker U-Bahn benutzt (außerplanmäßige Ansagen dagegen, die nicht vorab aufgezeichnet wurden, erfolgen auf Russisch). Auch in der Medienlandschaft hat das Russische ein starkes Übergewicht. In den staatlichen Rundfunk- und Fernsehsendern ist die Präsenz der weißrussischen Sprache äußerst begrenzt. Im privaten Bereich dominiert das russischsprachige Angebot noch stärker, ganz abgesehen davon, dass es ein reiches Spektrum von elektronischen Medien aus Russland (über Satelliten, Internet etc.) gibt. Weißrussischsprachige Auslandssender wie TV Belsat, euroradio.fm und Radyë Racyja (Polen) oder Radyë Svaboda (Tschechien) erreichen vor allem ein „oppositionsaffines“ Publikum. Ähnlich ist die Dominanz des Russischen bei den Zeitungen und Zeitschriften. Die Auflagen von Büchern in weißrussischer Sprache sind deutlich kleiner als die Auflagen vergleichbarer russischsprachiger Bücher, die in Weißrussland erscheinen, was zum Teil, aber nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass russischsprachige Bücher auch für den Markt außerhalb von Weißrussland produziert werden. Anschaulich wird dies in den großen Buchhandlungen im Zentrum von Minsk, wo die Regale mit weißrussischsprachigen Büchern in der Regel nur einen kleinen Teil der Verkaufsfläche einnehmen.

Auch in historischer Perspektive war das Weißrussische stets in einer schwachen Position. Zwar basierte die einschlägige Schriftsprache im Großfürstentum Litauen im Spätmittelalter ganz wesentlich auf weißrussischen Varietäten. Aber diese erste „weißrussische Schriftsprache“ („Altweißrussisch“) wurde im 17. Jh., nach der polnisch-litauischen Realunion (1569), vom Polnischen verdrängt. Polnisch spielte bis ins 19. Jh. eine starke Rolle als Schrift- und Kultursprache in Weißrussland, selbst als Weißrussland bereits gänzlich Teil des russischen Zarenreiches war. Nach dem sog. Zweiten Polnischen Aufstand 1862/63, an ←15 | 16→dem auch Weißrussen beteiligt waren, wurde – begleitet von einer allgemeinen repressiven Politik zuungunsten anderer Sprachen – das Russische dominant, um es bis heute zu bleiben. Nur zwei Ausnahmen sind zu konstatieren. Die erste betrifft die 1920er Jahre, als die junge Sowjetunion im Rahmen der (auf Russisch) sog. „Korenizacija“ (wr. „karanizacjyja“, dt. „Verwurzelung“) eine breite Förderung anderer Sprachen betrieb. Anknüpfungspunkt für diese Sprachenpolitik waren bereits zuvor begonnene Versuche autochthoner Intellektueller, die Verwendung des Weißrussischen zu propagieren und dieses hierzu als Schriftsprache mit einer ersten Kodifizierung zu etablieren. (Nach der Februarrevolution von 1905 hatte die Regierung des Zaren die Sprachenpolitik gelockert.) Dieses Phänomen wird im Lande die „Erste Wiedergeburt“ des Weißrussischen genannt, in Reminiszenz an die in der frühen Neuzeit untergegangene „altweißrussische“ Schriftsprache im Großfürstentum Litauen. Die zweite Ausnahme, entsprechend „Zweite Wiedergeburt“, ist in den oben bereits erwähnten Jahren von der Gewinnung der Unabhängigkeit (1991) bis zur Wahl A. Lukašėnkas zum Präsidenten (1994) zu sehen. Die Emanzipationsbestrebungen für den weißrussischen Ethnolekt im öffentlichen Leben, vor allem im Schulwesen, einzudämmen, war ein Wahlversprechen Lukašėnkas gewesen, so dass dieser Wechsel der Sprachenpolitik nicht ohne Unterstützung weiter Teile der Gesellschaft erfolgte.3

Bei der letzten Volkszählung von 2009 gaben entsprechend nur 23,4 % der Bevölkerung an, Weißrussisch täglich zu benutzen. Dabei ist prinzipiell zu berücksichtigen, dass diese Gruppe sich in mindestens zwei Sprechergruppen teilt. Zum einen ist dies die kleine Zahl der Sprecher des Standardweißrussischen, als die vor allem Teile der künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Intelligenz in den Städten (in erster Linie Minsk) angesehen werden. Zum anderen umfasst diese Zahl viele Sprecher weißrussischer Dialekte, die vor allem auf dem Land noch verbreitet sind, wie weit auch immer sie bereits vom Russischen beeinflusst sein mögen. Demgegenüber gaben im Zensus von 2009 70,2 % der Befragten an, im Alltag hauptsächlich das Russische zu verwenden. Russisch ist die wichtigere Sprache für die soziale Positionierung. Ohne Russischkenntnisse ist i.d.R. keine berufliche Integration und keine Kommunikation im öffentlichen Leben in Weißrussland möglich.

Im Gegensatz zu den Angaben zur Sprache des Alltags steht der deutlich höhere Anteil (60,8 %) von Weißrussen, der Weißrussisch in derselben Volkszählung als Muttersprache bezeichnete. Allein diese Diskrepanz zwischen üblicherweise ←16 | 17→gesprochener Sprache und Muttersprache ist brisant. Das Bekenntnis zur Muttersprache ist hier als ein weitestgehend symbolischer Akt der Identifikation zu verstehen, auch wenn im Zensus 2009 die Frage nach der Muttersprache von der Erläuterung begleitet wurde, dass die in der Kindheit zuerst erworbene Sprache gemeint sei (BLS 2012). Die Identifikation mit der „Sprache des Herzens“ ist typisch für Länder, in denen der faktische Status einer Standardsprache, also ihre Bedeutung im Alltag der Menschen, deutlich niedriger ist als ihr formeller Status. Die im Vergleich zur Frage nach der „Alltagssprache“ deutlich höhere Zahl der Nennungen des Weißrussischen als Muttersprache zeugt von dessen hoher Identifikationskraft. Die Muttersprache ist elementarer Bestandteil der nationalen Identität und bleibt als Identitätsmerkmal auch dann erhalten, wenn sie nicht mehr gesprochen wird.

Neben dem Weißrussischen in seiner kodifizierten Standardvariante, diversen weißrussischen Dialekten und dem Russischen als Hauptverkehrssprache existiert in Weißrussland ein weiteres sprachliches Phänomen, das für die Analyse sozialer Integrationsprozesse relevant ist: die sogenannte Trasjanka. Sie ist eine Mischung aus weißrussischen und russischen Elementen und Strukturen. Aus traditionell-sprachwissenschaftlicher Sicht in Weißrussland selbst wird sie i.d.R. nicht als „Sprache“ bzw. systemhafte Varietät angesehen, sondern als reines Phänomen der Rede. Um die negative Konnotation des Begriffs „Trasjanka“ zu vermeiden, wird im Folgenden die neutrale Bezeichnung „weißrussisch-russisch gemischte Rede“ (WRGR) verwendet, außer in Fällen, in denen aus anderen Publikationen zitiert wird.

Weißrussische Sprachwissenschaftler, die einen traditionellen strukturalistischen Standpunkt vertreten, sprechen der WRGR in der Regel jegliche Systematizität ab. Das heißt, sie sehen sie als „chaotisches“, spontanes Mischen der beiden sog. Gebersprachen an. Demgegenüber attestieren westliche Forscher wie die beteiligten Linguisten an unserem Projekt (z.B. Hentschel 2013; 2014a; 2017) sowie der amerikanische Weißrussist Woolhiser (2014) der WRGR einen gewissen Grad von Konventionalisierung der Mischung und sprechen von Koinéisierung. Diese Ansätze, die moderneren Paradigmen der Soziolinguistik (wie dem „variationist paradigm“ in der Folge William Labovs) folgen, betonen somit eine Überlagerung von konventionalisiertem und spontanem Mischen, d.h. von systematisierten und reinen Redephänomenen (vgl. dazu Trudgill 1986: 95; Auer 1999).4 Wichtig im Zusammenhang mit den obigen Feststellungen zur Alltagssprache ist Folgendes: Hentschel & Kittel (2011b) kommen zum Schluss, dass ←17 | 18→die WRGR für eine siebenstellige Zahl von Weißrussen als primäre Varietät der Alltagskommunikation anzusehen ist. Angesichts dieser hohen Zahl stellt sich die Frage, wie sich die Sprecher der gemischten Rede im Zensus verhalten haben, in dem die WRGR bzw. deren pejorative begriffliche Entsprechung „Trasjanka“ (natürlich) nicht als Antwortoption vorgesehen war. Die meisten der Respondenten, die auch an der vorliegenden Untersuchung beteiligt waren, halten die WRGR für eine Varietät des Weißrussischen oder für eine selbstständige Sprache, ein kleinerer Teil hält sie für eine Varietät des Russischen.5

In zeitlicher Hinsicht ist die WRGR seit den 1960er Jahren in Weißrussland weit verbreitet, hat sich aber schon zu Beginn des 20. Jhs. aus dem Sprachkontakt der weißrussisch sprechenden Landbevölkerung und der russisch sprechenden Stadtbevölkerung entwickelt. Ihre breite Etablierung in der weißrussischen Bevölkerung wird als Resultat der Industrialisierung und Urbanisierung Weißrusslands gesehen (vgl. Zaprudski 2007). Sie gilt deshalb bisher vorwiegend als städtisches Phänomen. Praktiziert wird sie gegenwärtig zweifellos vor allem in informellen Situationen. Hierdurch kommt ihr eine spezifische, Gemeinschaft stiftende Bedeutung zu, ähnlich einer lokalen Mundart, die nur in familiärer vertrauter Umgebung gesprochen wird. Damit könnte die WRGR ein wichtiger Teil der sozialen Identität ihrer Sprecher sein. Gleichzeitig kann mit ihrer Verwendung auch eine Abgrenzung gegenüber der ganz überwiegend russischsprachigen Öffentlichkeit im Land verbunden sein bzw. ein Rückzug ins Private demonstriert werden. Auch eine Abgrenzung gegenüber jenen (sehr wenigen) Mitbürgern ist als Möglichkeit zu erwägen, die in der Öffentlichkeit üblicherweise die weißrussische Standardsprache verwenden, was vielfach als regimekritisches, oppositionelles Symbol verstanden wird. Durch gemischtes Sprechen entzieht man sich dem sprachenpolitischen Konflikt (vgl. Brüggemann 2014). Aus dieser Perspektive stellt die WRGR für Weißrussland ein Problem dar, weil sie für beide Standardsprachen, besonders für die weißrussische, als Bedrohung wahrgenommen wird. Entsprechend negativ wird sie von führenden weißrussischen Sprachwissenschaftlern qualifiziert, wie Zaprudski (2014) darlegt: Nina Mečkovskaja bezeichnet die Trasjanka als „Sackgasse hybriden Sprechens“. H. Cychun stellt fest, „eine Kultivierung der Trasjanka ist eine Art Paralyse der sprachlichen Aktivität des Individuums“. L. Sjameška sieht in der Trasjanka die ←18 | 19→„Zerstörung beider Sprachsysteme“. S. Plotnikaŭ sagt, „Trasjanka-Rede ist unattraktiv und sogar unschön im Klang“. A. Michnevič meint, „Trasjanka ist ein schädliches Ergebnis schlechter Beherrschung der eigenen, heimatlichen Sprache und auch anderer Sprachen“. Und S. Prochorova versteigt sich zur Meinung, „Trasjanka ist ein ungeheuerliches Sprachengemisch, nicht nur ein Indikator für das niedrige Kulturniveau des Landes, sondern ein Formierungssystem kulturloser Personen mit Wirrwarr in Kopf und Seele“.

Das vorliegende Buch stellt die sprachsoziologischen Ergebnisse des von der VW-Stiftung geförderten Forschungsprojektes zur WRGR vor. Ein vollständiges Publikationsverzeichnis, das auch die zahlreichen sprachwissenschaftlichen Studien des Projekts umfasst, findet man unter <http://www.uni-oldenburg.de/slavistik/forschung/sprachwissenschaft/schwerpunkt-mischvarietaeten/publikationen-wrgr/>. Das Forschungsvorhaben war interdisziplinär angelegt und umfasste sprachwissenschaftliche wie soziologische Fragestellungen. Forschungsleitend waren insbesondere drei Fragen: 1. Wie verbreitet sind die in Weißrussland gesprochenen Sprachen oder Kodes, also das Weißrussische, das Russische und die WRGR? 2. Können soziale Einflussfaktoren die Verwendung der Kodes erklären? 3. Welche individuellen Wertzuschreibungen liegen der Verwendung der Kodes zugrunde?

Allen drei Fragen wird explizit mit einem besonderen Fokus auf der WRGR nachgegangen. Während die erste Frage einem rein deskriptiven Interesse folgt, dienen Frage zwei und drei der Erarbeitung analytischer Erklärungen. Diese setzen an dem bereits erwähnten Umstand an, dass in Kreisen weißrussischsprachiger Eliten die WRGR neben dem Russischen als zusätzliche Bedrohung der weißrussischen Sprache und Kultur gilt. Wie die angeführten Zitate andeuten, verbindet sich diese Stigmatisierung mit dem Vorwurf der fehlenden Bildung und einer allgemeinen Kulturlosigkeit, wenn nicht des Verrats an der Heimat. Wir argumentieren, dass solche Urteile nicht zuletzt auf einem mangelnden Verständnis der sozialen Funktion fußen, welche die WRGR für ihre Sprecher erfüllt. Ebenso wenig berücksichtigen Stigmatisierungen dieser Art die Motivation, die zum Sprechen und zum Erhalt der WRGR als privates Kommunikationsmittel in Weißrussland führt.

Aufgabe der Studie ist es, herauszufinden, welche Funktion das Russische, die WRGR und das Weißrussische in bestimmten Situationen erfüllen. Diese drei prinzipiell wählbaren sprachlichen Kodes (zur Wählbarkeit der WRGR im Diskurs vgl. Hentschel & Zeller 2012) werden im Folgenden zur terminologischen Vereinfachung als „Sprachen“ bezeichnet, auch wenn die WRGR gegenwärtig keine Sprache im Sinne einer Standard- oder Literatursprache ist. Für die Entwicklung einer theoretischen Perspektive auf das Sprachverhalten werden ←19 | 20→mehrere Ansätze miteinander verknüpft. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Sprache ein soziales Element ist, das diverse Funktionen hat. Im Sprachverhalten kommt immer auch die gesellschaftlich-kulturelle Prägung der Sprecher zum Ausdruck. In der Sprache manifestiert sich der kollektiv geteilte Werthorizont einer Sprachgemeinschaft;6 handelt es sich um eine „nationale“ Sprachgemeinschaft, so verbindet sich mit dem Sprachverhalten zugleich eine bestimmte Perspektive auf die Kultur des jeweiligen Landes. Aus Sicht eines Sprechers schafft Sprache Zugehörigkeiten und Distanzen im Verhältnis zu anderen Sprechern, je nachdem, ob diese aus Sicht des Urteilenden die „eigene“, eine „fremde“ oder eine zwar nicht „fremde“, aber negativ bewertete Sprache verwenden. Eine besondere Rolle spielen solche Abgrenzungen bekanntermaßen auf nationaler Ebene: In Staaten, die sich als Nationalstaaten begreifen, wird die „nationale“ Standardsprache als Symbol betrachtet, das die Gemeinschaft nach innen eint und nach außen abgrenzt. Terminologisch ist hierbei zu beachten, dass der deutsche Begriff „Nationalsprache“ meist auf diese nationale Standardvarietät abhebt, während z.B. im Russischen die wörtliche Übersetzung „nacional’nyj jazyk“ eindeutig ein Sammelbegriff ist, der nicht nur die Standardsprache, sondern auch Dialekte, Soziolekte etc. umfasst. Da die WRGR zwischen dem Weißrussischen und dem Russischen steht, entzieht sie sich natürlich einer solchen Zuordnung, was Teil ihrer Problematik ist.

Sprache ist aber auch innergesellschaftlich ein Mittel zur Schaffung von Gruppenzugehörigkeiten, die sich regional über Dialekte, ansonsten auch etwa über schicht- oder altersspezifische Sprachstile begründen lassen. Diese Mechanismen sind in mehrsprachigen Gesellschaften wie der weißrussischen umso konfliktreicher. Denn die Einflussfaktoren auf das Sprachverhalten sind hier vielfältiger als in sprachlich homogeneren Gesellschaften und bedürfen daher komplexerer Erklärungsansätze.

Wir nähern uns der Erklärung des Sprachverhaltens aus einer spezifisch soziologischen Perspektive und nutzen dafür das Modell der soziologischen Erklärung. Dadurch können makro-, meso- und mikrosoziale Einflüsse auf das Sprachverhalten analytisch getrennt voneinander betrachtet werden. Aus der makrosoziologischen Perspektive ist das Sprachverhalten der Bürger eines Landes im Wesentlichen von den sprachpolitischen Rahmenbedingungen ←20 | 21→beeinflusst. Pierre Bourdieu liefert zu dieser Fragestellung entscheidende Impulse für unseren Erklärungsansatz (Bourdieu 1990). Wir gehen jedoch über Bourdieus Ansatz hinaus und fügen eine handlungstheoretische Erklärungsebene ein. Ziel dieser Perspektive ist es, die Motive der Sprecher stärker in den Blick zu bekommen, da diese in Bourdieus Ansatz aufgrund seines Habitus-Konzepts zu stark auf gesellschaftliche Anpassung ausgerichtet sind.

Details

Seiten
338
ISBN (PDF)
9783631772195
ISBN (ePUB)
9783631772201
ISBN (MOBI)
9783631772218
ISBN (Hardcover)
9783631746622
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Sprachwahl und Sprachwandel sprachliches Handeln Sprache und Sprachenpolitik Weisrussland Identitätszuordnungen Spracheinstellungen und Sprachidentität
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 337 S., 22 s/w Abb., 50 Tab.

Biographische Angaben

Gerd Hentschel (Autor:in) Bernhard Kittel (Autor:in) Diana Lindner (Autor:in) Mark Brüggemann (Autor:in) Jan Patrick Zeller (Autor:in)

Bernhard Kittel ist Professor für Wirtschaftssoziologie an der Universität Wien. Diana Lindner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Jena. Mark Brüggemann ist Lehrbeauftragter am Institut für Slavistik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Jan Patrick Zeller ist Juniorprofessor für Slavistische Linguistik an der Universität Hamburg. Gerd Hentschel ist Professor für Slavistische Linguistik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

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