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Die Grenze des Sozialismus in Deutschland

Alltag im Niemandsland

von Klaus Schroeder (Band-Herausgeber) Jochen Staadt (Band-Herausgeber)
Sammelband 542 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort der Herausgeber
  • Blutige Grenze 1945 bis 1949. Von den Schwierigkeiten, über diese Zeit zu berichten (Gerhard Schätzlein)
  • Leben im Sperrgebiet – Fallbeispiel Nordhausen (Joachim Heise)
  • Repressionen gegen „Republikflüchtlinge“ und Ausreiseantragsteller im Bezirk Magdeburg (Kerstin Eschwege)
  • Verletzt an der DDR-Grenze. Der Umgang mit verletzten Flüchtlingen an der innerdeutschen Grenze (Angela Schmole)
  • Der Umgang mit verletzten Flüchtlingen nach ihrer Haftentlassung (Ralph Kaschka)
  • Diplomatie und Menschenrechte. Das DDR-Grenzregime vor der UNO und die Arbeit der deutsch-deutschen Grenzkommission (Enrico Seewald)
  • Der Eiserne Vorhang. Fluchten von DDR-Bürgern über die „verlängerte Mauer“ (Stefan Appelius)
  • Die DDR-Staatsgrenze West und ihre Bewacher. Schießbefehl, Minen, Überwachung, Abversetzungen, Widerstand, Fahnenfluchten (Jochen Staadt)
  • Siegerjustiz? Die Prozesse gegen Verantwortungsträger des DDR-Grenzregimes und die Täter im Grenzdienst (Klaus Schroeder)
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Autorinnen und Autoren
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Dem DDR-Grenzregime an der innerdeutschen Landgrenze fielen zwischen 1949 und 1989 mindestens 327 Menschen zum Opfer. Unbewaffnete Flüchtlinge wurden von Grenzsoldaten erschossen, von Minen und Selbstschussanlagen zerfetzt oder ertranken bei Fluchtversuchen. Auch Grenzsoldaten kamen ums Leben. Werden die bei Fluchtversuchen über die Ostsee Ertrunkenen, die an der Berliner Mauer erschossenen und die an der sogenannten „verlängerten Mauer“ an den Grenzen der Ostblockstaaten ums Leben gekommenen DDR-Flüchtlinge miteinbezogen, sind vermutlich 1 000 DDR-Bürger am Eisernen Vorhang ums Leben gekommen.

Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin untersuchte von August 2012 bis Dezember 2016 die Schicksale von Männern, Frauen und Kindern, die zwischen der Staatsgründung im Jahr 1949 und dem Fall der Mauer 1989 an der innerdeutschen Grenze zwischen der Lübecker Bucht und der damaligen DDR-Grenze zur Tschechoslowakei ihr Leben verloren. Dieses Forschungs- und Dokumentationsprojekt finanzierten die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Bundesländer Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Als Ergebnis der Recherchen erschien 2017 bereits das biografische Handbuch „Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949–1989“. Die Beiträge in diesem Begleitband des biografischen Handbuchs befassen sich mit historischen, regional- und alltagsgeschichtlichen Begleitumständen des DDR-Grenzregimes, mit seiner juristischen Aufarbeitung und in einer exemplarischen Darstellung mit den Zuständen an der Demarkationslinie der sowjetischen Besatzungszone von 1945 bis zur Gründung beider deutschen Staaten im Jahr 1949.

Im Rahmen des Forschungsprojekts über die Opfer des DDR-Grenzregimes führte die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt das Teilprojekt „Repression gegen Flüchtlinge und Ausreiseantragsteller im Bezirk Magdeburg von Oktober 1949 bis Oktober 1989“ eigenständig aus. Ziel des Teilprojekts war die möglichst vollständige statistische Erfassung aller Personen, die wegen des Vorwurfs versuchter Republikflucht, der „Mitwisserschaft“ oder wegen der von ihnen gestellten Ausreiseanträge im DDR-Bezirk Magdeburg politischer Verfolgung ausgesetzt waren. Die Ergebnisse dieser exemplarischen Untersuchung liegen mit dem Beitrag von Kerstin Eschwege in diesem Band vor. Die Wissenschaftlerin wertete die Beschuldigtenkartei der Magdeburger Bezirksverwaltung des Staatssicherheitsdienstes mit insgesamt 5 411 dort erfassten Personen aus sowie ← 7 | 8 → kriminalpolizeiliche Ermittlungsakten und Statistiken der Volkspolizei, deren Bezirksverwaltung in einer Kerblochkartei „Grenze“ ihrerseits Daten von 5 480 Personen wegen Flucht- oder Ausreiseabsichten registriert hatte. Die Untersuchung von Kerstin Eschwege belegt auch die Art und Weise der intensiven Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und Deutscher Volkspolizei (DVP) sowie weiteren mit der Grenzsicherung befassten Institutionen und Personen.

Im ersten Beitrag dieses Bandes beschreibt Gerhard Schätzlein die Zustände an der Demarkationslinie nach Kriegsende. Die Zonengrenze kostete bereits vor Gründung der beiden deutschen Staaten zahlreiche Menschenleben. Da das biografische Handbuch über die Opfer des DDR-Grenzregimes nur die Zeit von Gründung der DDR bis zum Mauerfall abdeckt, baten die Herausgeber den Regionalhistoriker und Experten Gerhard Schätzlein um eine Darstellung der Grenzgeschichte von 1945 bis 1949 in seiner Heimatregion zwischen Harz und tschechoslowakischer Grenze. Die Ergebnisse seiner Recherche stehen exemplarisch für die oft tödlichen Folgen des von der Sowjetunion errichteten Grenzregimes in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Um den Alltag im Sperrgebiet Nordhausen geht es in einem von Joachim Heise verfassten weiteren regionalgeschichtlichen Beitrag.

Zum Umgang mit den durch Minen und Schüsse an der innerdeutschen Grenze verletzten Flüchtlingen liegen bislang keine tiefergehenden Untersuchungen vor. Mit zwei hier abgedruckten Texten versuchen wir, dieses Forschungsfeld ansatzweise zu ergründen. Angela Schmole untersucht in ihrem Beitrag den inhumanen Umgang mit verletzten Opfern des DDR-Grenzsperrsystems. Ralph Kaschka ist der Frage nachgegangen, welcher Repression verletzte Flüchtlinge nach ihrer Genesung und Haftentlassung ausgesetzt waren. Er führte seine Untersuchung im Auftrag des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen (BStU) durch. Ralph Kaschka ist insbesondere zu danken, da ihm nach einem langwierigen Vergabeverfahren der Behörde für die Fertigstellung seines Beitrages – entgegen der ursprünglichen Zusage vom Januar 2016 – nur drei Monate blieben.

Die vom Bundesbeauftragten Roland Jahn versprochene Unterstützung des Forschungsprojektes über die Opfer des DDR-Grenzregimes entpuppte sich im Fall von Angela Schmole als eine systematische Behinderung. Der zuständige Abteilungsleiter für den Bereich Forschung des Bundesbeauftragten untersagte der Autorin die Nutzung des BStU-internen Recherchesystems, so dass sie ihre Untersuchung – obwohl sie Mitarbeiterin der Forschungsabteilung der Stasi-Unterlagenbehörde ist – nebenberuflich beantragen und außerhalb ihrer Arbeitszeit bewerkstelligen musste. Die mehrmals versprochene Unterstützung dieses ← 8 | 9 → wissenschaftlichen Begleitbandes seitens des Bundesbeauftragten reduzierte sich letztlich auf die um Monate verspätete Vergabe eines kurzfristigen Werkvertrages für Ralph Kaschka.

Außenminister Hans-Dietrich Genscher thematisierte 1976 vor der 31. Vollversammlung der Vereinten Nationen die von der DDR zu verantwortenden Menschenrechtsverletzungen an der innerdeutschen Grenze. Auch die im Januar 1973 eingerichtete deutsch-deutsche Grenzkommission befasste sich auf Betreiben der westdeutschen Seite und gegen den Willen der DDR-Delegation bis 1989 mit schweren Zwischenfällen an der innerdeutschen Grenze. Enrico Seewald hat die Überlieferung des Auswärtigen Amtes und der Grenzkommissionsdelegationen beider Seiten ausgewertet und fasst diese in seinem Beitrag zusammen.

Die von Enrico Seewald behandelte UNO-Konvention über „Verbote oder Beschränkungen der Anwendung von Minen, heimtückischen Fallen und anderen Vorrichtungen“ zog, wie Jochen Staadt in seinem Beitrag belegt, die Entscheidung der SED-Führung nach sich, Minen an der innerdeutschen Grenze abzubauen. Der dazu gefasste Beschluss erfolgte bereits vor dem Beginn der Verhandlungen über den Milliardenkredit von 1983. Die SED-Führung hatte allerdings nichts dagegen, dass sich Franz Josef Strauß mit dem Lorbeer schmückte, er habe durch sein Verhandlungsgeschick den Abbau der Splitterminen herbeigeführt.

Erstaunlich hoch ist die Zahl der vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit unter verschiedenen Vorwänden vom Grenzdienst zurückversetzten Soldaten und Offiziere. Angehörige der Grenztruppen wurden oft aus geringfügigen Gründen von grenzsichernden Einheiten abgezogen und in rückwärtige Einheiten versetzt. Gründe für das Misstrauen des MfS, die zu „legendierten Abversetzungen“ führten, konnten vage Spitzelhinweise zu möglichen Fahnenfluchtabsichten sein, Ausreiseanträge von Verwandten oder Freundinnen oder auch nur positive Äußerungen von Grenzsoldaten über westliche Fahrzeuge oder Konsumartikel. In Jochen Staadts Beitrag geht es um solche Vorgänge, aber auch um Widerstandshandlungen bis hin zur Ablehnung des Schusswaffengebrauchs durch junge Grenzsoldaten und die Durchsetzung der DDR-Grenztruppen mit Aufpassern und Informanten des Staatssicherheitsdienstes.

Viele zur Flucht entschlossene DDR-Bürger hielten die Grenzen der „sozialistischen Bruderstaaten“ für leichter überwindbar als die innerdeutsche Grenze. Das war ein tragischer Irrtum. Stefan Appelius behandelt in seinem Beitrag gelungene und gescheiterte Fluchten über die „verlängerte Mauer“ und beschreibt die Maßnahmen der verbündeten sozialistischen Sicherheitsorgane zur Bespitzelung und Verfolgung von Fluchtverdächtigen sowie exemplarische Schicksale von DDR-Flüchtlingen, die an den Grenzen anderer Ostblockstaaten ums Leben kamen. ← 9 | 10 →

Die strafrechtliche Ahndung der Verbrechen, die von der SED-Führung angeordnet und in zahllosen Verwaltungsverordnungen, Weisungen, Befehlen und Gesetzen menschenrechtswidrige Realität wurden, führte auf Seiten der Systemträger des SED-Regimes zu dem Vorwurf, eine westdeutsche „Siegerjustiz“ rechne mit dem untergegangenen Sozialismus und seinen Repräsentanten ab. Klaus Schroeder legt eine Analyse der Gerichtsverfahren vor, in denen Unrechtshandlungen von Grenzsoldaten und ihren Befehlsgebern verhandelt wurden. Dabei zeigt sich, dass die überwiegend milden Urteile gegen die Verantwortlichen und Ausführenden von schwersten Menschenrechtsverletzungen bis hin zu den Tötungen an der innerdeutschen Grenze in keiner angemessenen Relation zu dem Unrecht stehen, das der SED-Staat Hundertausenden seiner Bürger zugefügt hat.

Klaus Schroeder

Jochen Staadt

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Gerhard Schätzlein

Blutige Grenze 1945 bis 1949

Von den Schwierigkeiten, über diese Zeit zu berichten

Die Voraussetzungen

Mitte 2013 nahm der Forschungsverbund SED-Staat erstmals Kontakt mit mir auf. Es ging um meine Unterlagen zu Vorfällen an der Grenze. Nachdem der Forschungsverbund sich mit Todesfällen an der Grenze seit Gründung der DDR befasste, zeigte ich mein Interesse, in die finstere Zeit vor der DDR-Gründung mehr Licht zu bringen. Im November 2013 erhielt ich dazu einen Rechercheauftrag des Forschungsverbunds.

Nachdem ich bereits bei meinem Buch über den Reichsarbeitsdienst in der Rhön viel Unterstützung der Gemeinden und viele Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhalten hatte, schrieb ich nun voller Enthusiasmus alle 120 Gemeinden und Städte entlang der damaligen Zonengrenze an, wobei ich mir als Nordgrenze den Harz und als Süd- bzw. Ostgrenze die Grenze zur Tschechoslowakei vorgegeben hatte. Ich machte meinen Ansprechpartnern in den Kommunen deutlich, dass dies nach mehr als 60 Jahren die wahrscheinlich letzte Möglichkeit ist, noch Zeitzeugen zu befragen und Hinweise zu erhalten. Gleichzeitig bat ich um Bekanntgabe im Gemeinde- oder Amtsblatt und schrieb auch alle Tageszeitungen entlang der ehemaligen Grenze an.

Das Ergebnis war, gemessen an der Zahl der Rückmeldungen, „durchwachsen“. Ein großer Teil der Standesbeamten hatte sich die Mühe gemacht, die Unterlagen von 1945 bis 1949 nach Todesfällen zu durchsuchen. Die meisten meldeten jedoch kein Ergebnis. Das lag unter anderem daran, dass in sehr vielen Fällen anhand der Sterbekunde nicht nachvollzogen werden kann, ob der Todesfall in Zusammenhang mit Zwischenfällen an der Grenze steht. So wurde mir aus Bad Königshofen kein Todesfall gemeldet. Als ich jedoch konkret nach der am 10. Juni 1946 an der Grenze erschossenen Elisabeth Schubert fragte, erhielt ich umgehend die Sterbeurkunde. Meine Recherche gestaltete sich auch schwierig, weil die Standesbeamten für eine große Anzahl von kleinen eingemeindeten Orten zuständig sind. Hinzu kommt eine größere Zahl von Gemeinden im Rahmen einer Verwaltungsgemeinschaft. Nicht selten wurde ich deshalb darauf verwiesen, selbst vor Ort zu recherchieren. Für einen einzelnen Forscher ist das jedoch kaum durchführbar. Allerdings gaben sehr viele Ansprechpartner weiterführende Adressen und Hinweise. ← 11 | 12 →

Als zu kompliziert und aufwändig für einen Einzelkämpfer stellte sich bisher auch die Recherche in den zuständigen Archiven heraus. Einige, wie Würzburg, hatten überhaupt keine Unterlagen, andere verwiesen auf Einzel- bzw. Zufallsfunde. Einzig im Staatsarchiv Coburg fanden sich in Akten der Polizeidirektion Coburg bzw. in den Akten der Staatsanwaltschaft Hinweise auf mehr als 50 Vorfälle aus der Zeit bis 1949. Die Akten im Staatsarchiv Weimar sind noch nicht ausgewertet.

In der Presse wurden Todesfälle und Gewalttaten mehrfach thematisiert, teilweise bereits in einer Zeit, als es noch Zeitzeugen oder deren Hinterbliebene gab. Auch hier wäre es nötig, die Zeitungen der damaligen Zeit intensiv zu durchforsten.

Martina Hunka, die für die Tageszeitung Freies Wort in Sonneberg arbeitet, durchsuchte im Stadtarchiv die verfilmten Ausgaben der Zeitung Das Volk und wurde fündig. Sie stieß auf eine Todesanzeige mit folgendem Wortlaut: „Unser lieber, herzensguter Sohn und Bruder Heinz Hetzelt, geb. 28.9.1926 wurde in der Blüte des Lebens von uns gerissen. Sonneberg, den 3. Juni 1949. In unermesslichem Schmerz: Reinhold Hetzelt und Frau, Horst Hetzelt und Anverwandte.“ Sie wusste, wonach sie suchte – doch aus der Todesanzeige geht nicht hervor, dass Heinz Hetzelt von Russen erschossen worden war. Besonders in der Sowjetischen Besatzungszone hatten die Hinterbliebenen viel zu große Angst, solche Dinge öffentlich anzusprechen, wahrscheinlich hätten auch die Zeitungen eine solche Anzeige gar nicht erst angenommen.

Auch persönliche Rückmeldungen erhielt ich in größerer Zahl. Viele erzählten mir ihre Leidensgeschichte oder berichteten vom Leid oder dem Tod von Anverwandten. Viele dieser Geschichten hatte ich bereits seit 1990 gesammelt. Das Material, das ich in all den Jahren zusammengetragen habe, soll in einem eigenen Buch veröffentlicht werden. Doch auch aus vielen Erzählungen, die ich mir anhören durfte, zeigen, welche Schwierigkeiten diese erlebte Geschichte mit sich bringt. Es ist ja nicht nur so, dass das Alter und der Lauf der Zeit die Erinnerung trüben kann. Zusätzlich hat sich kaum jemand, der nicht amtlich damit befasst war, oder der Unterlagen aus der eigenen Familie über all die Jahre und Jahrzehnte aufgehoben hat, das genaue Datum notiert oder den Namen gemerkt, wenn es nicht ein naher Verwandter war.

Informationen über die Vorkommnisse aus dieser Zeit erhoffe ich mir auch vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Aus den bisherigen Unterlagen weiß ich, dass nicht nur Angehörige über den Suchdienst nach ihren spurlos verschwundenen Verwandten suchten, sondern dass auch die Polizei und andere Behörden bis zu sieben Suchdienste und zusätzlich die Presse einschalteten, um die Identität unbekannter Toter aufzuklären. Die Suchdienste damals waren das ← 12 | 13 → DRK in München und Leipzig, die Zentralstelle für Vug. W Angeh. Berlin1, der Caritas-Verband Bamberg, der Suchdienst der Zonenzentrale Arolsen2 und das Hilfswerk der evangelischen Kirchen in Berlin.

Aus dem bisher Gesagten wird vielleicht klar, dass es nicht die Sache von wenigen Monaten sein kann, ein Buch über diese Zeit zu verfassen. Es kann hier nur ein Überblick über diese fürchterliche, weithin unerforschte Zeit gegeben werden.

Der verlorene Krieg und die direkten Folgen

Man kann sich heute keine Vorstellung machen, welcher Menschenstrom zwischen 1945 und 1949 in beide Richtungen die Grenze überquerte.

Etwa zwölf bis vierzehn Millionen Flüchtlinge kamen in diesen Jahren nach Restdeutschland auf der Suche nach Verwandten, Angehörigen, einer Bleibe. Dazu waren vom Balkan „etwa 9 Millionen zu erwarten.“3

Etwa vier Millionen Menschen waren durch den Bombenkrieg heimat- und obdachlos geworden und suchten nun den Weg zurück und ihre Angehörigen.

Elf Millionen Wehrmachtsangehörige waren in Gefangenschaft geraten und suchten nun ihre Heimat, ihre Angehörigen, ein neues Zuhause.

Zur Zwangsarbeit unter dem NS-Regime waren zwischen sieben und elf Millionen Menschen fast überall im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten eingesetzt. Sie sowie befreite Kriegsgefangene und Vertriebene anderer Nationen dieser „Displaced Persons“ (DPs) wurden vorerst in DP-Lagern untergebracht.

All diese Menschen wollten heim, suchten eine neue Heimat, waren auf der Suche nach Angehörigen, nach Resten ihrer bisherigen Existenz, ihres Besitzes.

Ein großer Teil dieser Menschen war gezwungen, die Grenze ein- oder mehrmals zu überschreiten. Diese Millionen trafen seit Juli 1945 auf eine Grenze, die sich mitten durch Deutschland schlängelte, das Herz Deutschlands zerschnitt.

Im Westen dieser Grenze regierten und agierten die Siegermächte USA und Großbritannien, sie wurden teilweise unterstützt von norwegischen und holländischen Kontingenten. Im Osten, in der SBZ hatten die Russen, die Soldaten der Sowjetunion das Sagen. ← 13 | 14 →

In Bayern und Hessen kontrollierten die US-Streitkräfte die Grenze.

Über Verordnungen oder Direktiven, welche das Verhalten der Besatzungsmächte bei der Kontrolle der Demarkationslinie regelten, ist kaum etwas Konkretes bekannt. Mehrmals berufen sich Autoren auf das Gesetz Nr. 161 der Militärregierung zur Grenzkontrolle, für dessen Durchführung ab dem 15. März 1947 die Bayerische Grenzpolizei hauptverantwortlich wurde. Doch weder in der Erst-4 noch in der abgeänderten Fassung5 ist das Gesetz auf die Demarkationslinie zwischen Westzone und SBZ anwendbar, da als Grenzen in beiden Fassungen jeweils die (Außen-)Grenzen des Deutschen Reiches von 1947 definiert werden. Trotz dieser Irritation scheint das Gesetz Nr. 161 die Grundlage für das Verhalten zumindest der US-Militärregierung gewesen zu sein. Ob auch die Sowjettruppen sich nach diesem Gesetz richteten, entzieht sich meiner Kenntnis.

Danach war grundsätzlich „jeder Verkehr von Personen, Waren und Vermögen irgendwelcher Art nach Deutschland und aus Deutschland verboten“. Einzige Ausnahme: „Angehörige der Alliierten Streitkräfte oder Personen, welche eine besondere Erlaubnis seitens der Militärregierung erhalten haben“.

Dieses grundsätzliche Verbot eines Grenzübertritts ohne ausdrückliche Erlaubnis war nach meiner Meinung die Grundlage auch für die Maßnahmen der Sowjetgrenztruppen entlang der Demarkationslinie.

Gründe für rigides Durchgreifen konnten die Grenzorgane beiderseits in der Verordnung Nr. 1 finden, die sofort nach der Kapitulation Deutschlands erlassen worden sein muss6. Die Verordnung bezieht sich auf die Alliierten Streitkräfte.

Danach werden folgende „Verbrechen“ mit dem Tode bestraft:

1. Spionage;

2. Verbindung mit feindlichen Streitkräften;

3. Übermittlung von Nachrichten, welche die Sicherheit der Alliierten Streitkräfte bedrohen;

4. Bewaffneter Angriff oder bewaffneter Widerstand gegen die Alliierten Streitkräfte;

5. Tötung eines Angehörigen der Alliierten Streitkräfte oder Angriff auf einen solchen; ← 14 | 15 →

6. Auftreten als Angehöriger der Alliierten oder unbefugtes Tragen von deren Uniformen;

7. Ungesetzlicher Besitz;

8. Ungesetzlicher Gebrauch von Feuerwaffen, Munition, Sprengstoff usw.;

9. Hilfe zum Entkommen einer von den Alliierten verhafteten Person oder deren Verbergung;

10. Sabotage irgendwelchen Kriegsmaterials der Alliierten.

Demnach war es für die Grenzüberwachungsorgane nicht allzu schwer, Gründe zu finden, die es ihnen erlaubten, zur Waffe zu greifen.

Die Amerikaner an der Grenze

Nach ihrem Rückzug an die Grenze Bayerns zu Thüringen im Juli 1945 kontrollierte die 3. US-Army die Ostgrenzen Unter- und Oberfrankens mit Teilen der 1., 9. und 102. Infanteriedivision sowie der 4. Panzerdivision.7 Der hessische Grenzabschnitt, für den die 7. US-Army zuständig war, wurde durch die 3. Infanteriedivision wahrgenommen. Mit diesen Kräften bauten die Amerikaner anfangs eine effektive Grenzkontrolle auf: Die Fuß- und motorisierten Streifen wurden anfangs durch berittene Züge in Stärke von 30 Soldaten unterstützt. Zudem standen spezielle Grenzkontrollteams der Gegen-Abwehr-Corps (CIC) den diensttuenden Wachtruppen hilfreich zur Seite, besonders zur Vernehmung verdächtiger Personen und illegaler Grenzgänger.8 In dieser Zeit werden einmal „die Amerikaner als die schärfer Kontrollierenden angesehen, dann wieder die Russen“.9

Für die Amerikaner stellte sich sehr schnell heraus, „daß die ‚Grenzkontrollen aus der Tiefe‘ effektiver waren. Daher wurde ab 10. Mai 1946 eine 10-Meilen-Zone festgelegt, in der die Constabulary ihre Streife mit je 1 M8-Aufklärungspanzer sowie 3 Jeeps und 13 Soldaten Besatzung durchführte.“10 Der Grund war jedoch weniger die Effektivität, als die massive Reduzierung durch Rückführung von Kampftruppen und deren Abzug in den pazifischen Raum. Ende 1945 waren 80 Prozent der vormaligen Kampftruppen abgezogen. „Diese massive Rückführung führte […] zu einem teilweise chaotischen Durcheinander von Zuständigkeiten und Befehlsstrukturen. Die Grenztruppe der USA entpuppte sich schließlich als „eine kleine, unorganisierte, undisziplinierte, untrainierte Ansammlung von ← 15 | 16 → Individuen, vollkommen ungeeignet für eine vorausschauende strategische Unterstützung der amerikanischen Außenpolitik“, zitiert Hans-Jürgen Schmidt den Militärhistoriker Norman O. Frederiksen11.

Die amerikanische Grenzüberwachung aus Sicht eines bayerischen Grenzpolizisten

„Geschick und Behutsamkeit waren die notwendigsten Tugenden für den Neuaufbau der Grenzpolizei in jenen Tagen, stand doch jede Kompetenzzubilligung oder gar -erweiterung in dem oftmals sehr subjektiv gehandhabten Ermessen der örtlichen Repräsentanten der Besatzungsmacht. Da war dem einen die Zahl der festgehaltenen illegalen Grenzgänger zu hoch, dem anderen zu niedrig; da vermochten clevere Geschäftsleute, sprich Schwarzhändler, der im Besatzungsdienst stehenden Justitia die Binde so fest um die Augen zu ziehen, daß sie durchaus den Stand ihrer Waagschalen nicht mehr zu beobachten vermochte; da überkam nach dem ersten Versuch zu sicherheitlicher Kooperation den im Wettschießen zwischen Besatzern und Grenzpolizisten unterlegenen US-Sergeanten ein bedrängendes Gefühl, mit eben dieser Kooperation zu weit gegangen zu sein, und er ließ die erst vor kurzem an die Grenzer ausgegebenen Karabiner wieder einziehen“, schreibt Gustav Häring in seiner kleinen Geschichte der bayerischen Grenzpolizei.12 Ganz folgerichtig hieß es dabei im „Titel 9“ Nr. 9–415 Ziffer 4 der Vorschriften der Militärregierung: „Es ist wichtig, daß die Bayerische Grenzpolizei in diplomatischer Weise die Befugnisse ausübt, da die künftige Ausdehnung der Zuständigkeiten der deutschen Polizei weitgehend davon abhängt, wie diese Befugnisse ausgeübt werden.“

Die Russen kommen

„Hinter den Soldaten der 8. Gardearmee hatte ein mehrere Tausend Kilometer langer Kampfweg von Stalingrad über die Ukraine nach Deutschland gelegen. Spuren und Bilder grausamster deutscher Verbrechen hatten sich in die Köpfe der Rotarmisten eingebrannt. Sie kamen als zornige Sieger, die nicht gut auf die besiegten Deutschen zu sprechen waren. Jetzt besetzten sie Thüringen und die Grenzen zu Bayern und Hessen.“, schreibt der Oberstleutnant Horst Liebig in seiner Autobiographie13. ← 16 | 17 →

Die Ausstellung des Erfurter Stadtmuseums „Thüringen vor 70 Jahren: Die Russen kommen“, 2005 schlussfolgerte: „Die Thüringer und zahlreiche Kriegsflüchtlinge sahen nach dem Abzug der Amerikaner mit Furcht den Sowjetsoldaten entgegen. Die Sieger wurden zur Projektionsfläche der Ängste der Besiegten vor Vergeltung. Berichte über sowjetische Untaten verdrängten das Nachdenken über die eigene Verantwortung […] Gerüchte grassierten, alle deutschen Frauen würden zu Sklavinnen der Sieger gemacht.“

„Tatsächlich kam es zu Exzessen wie Erschießungen und Vergewaltigungen. Allerdings ließen sich dafür keine Befehle nachweisen“, schrieb die Thüringer Allgemeine.14

Gerhard Reisenweber, der Chronist des Grenzregiments Herbert Warnke, der selbst den Einmarsch und die Anwesenheit der Russen miterlebte, beschreibt das Verhältnis der Rotarmisten zu den Einwohnern als „korrekt, verständnisvoll und hilfsbereit“. Schließlich sein abschließendes Urteil: „Obwohl ihre Heimat geschändet war, obwohl sie abertausendfaches Leid erlebt hatten, bewahrten sie ihr menschliches Antlitz. Sie wussten zu unterscheiden zwischen den deutschen Faschisten und den ehrlichen, aufrechten Deutschen, zwischen Feinden und Antifaschisten, Patrioten.“15 Auch andere beschrieben die Russen als manchmal skurril, aber meist nicht allzu gefährlich, manchmal auch freundlich und hilfsbereit.

Mit dem SMAD-Befehl Nr. 5 vom 9. Juli 1945 wurde in Thüringen der Kommandeur der 8. Gardearmee Generaloberst Wassilij Tschuikow mit der Verwaltung der Provinz und der Wahrnehmung der Kontrolle der örtlichen Selbstverwaltung beauftragt.16 Allerdings finden sich nirgendwo Unterlagen, dass die Sowjetische Militäradministration in Deutschland in das Grenzregime eingegriffen hätte.17 Es scheint, dass Tschuikow als Kommandeur der 8. Gardearmee die alleinige Befehlsgewalt über die an der Grenze stehenden Truppen gehabt hätte. Es sieht nach den vorhandenen Unterlagen so aus, als habe es zwar möglicherweise Richtlinien, jedoch keine verbindlichen Befehle gegeben, wie mit illegalen Grenzgängern zu verfahren sei. ← 17 | 18 →

Die Lage an der Grenze aus Sicht der Kriminalaußenstelle Coburg

In einem Schreiben der Kriminalaußenstelle Coburg an die Landpolizei Bayern, Chefdienststelle Ansbach, vom 16.12.1949 wird die Situation an der Grenze eindringlich und klar beschrieben, auch wenn vielleicht die Rolle der US-amerikanischen Grenztruppen zu nachsichtig gesehen wird. In dem Schreiben ging es um unbekannte Tote an der Zonengrenze. Den Auftrag dazu hatte die Chefdienststelle I der Kriminalpolizei am 13.12.1949 fernmündlich erteilt.

„Die nach dem Potsdamer Abkommen erfolgte Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen wurden ab 5.7.45 Wirklichkeit. Die amerikanischen Streitkräfte, die bis Sachsen vorgedrungen waren, zogen sich auf Grund der Potsdamer Vereinbarungen bis an die Landesgrenze Hessen zurück. Das Land Thüringen gehörte ab 6.7.45 zur russischen Besatzungszone und wurde mit diesem Zeitpunkt die Landesgrenze zwischen Thüringen und Bayern für jeden Verkehr gesperrt. Es wurden Schlagbäume errichtet, beiderseits der Zonengrenze Grenzwachen errichtet und die absolute Schließung der Zonengrenze zwischen der russischen und der amerikanischen Besatzungszone führte nicht nur eine starke Beschränkung des wirtschaftlichen Lebens, sondern auch eine Trennung zwischen Deutschen herbei, die vorher verwandtschaftlich oder freundschaftlich miteinander verbunden waren.

Während nun die amerikanische Besatzungsmacht ihre Interessen in loyaler Weise wahrnahm, führte die russische Besatzungsmacht ihre Interessen streng und rücksichtslos durch. Die nach dem Krieg zeitgebundene Rückkehr Deutscher zu ihren Familien hat zahllose illegale Grenzüberschreitungen mit sich gebracht und wurden Personen, die die Zonengrenze überschritten, von den russischen Grenzwachen rücksichtslos beschossen, so dass an der Zonengrenze auch innerhalb Bayerns mehrere Tote zu verzeichnen sind.

Die auf diese Weise von den russischen Grenzwachen Erschossenen wurden meistens beraubt, soweit es sich um weibliche Grenzgänger handelte, auch vor ihrer Erschießung vergewaltigt. Teilweise wurden die Erschossenen von den russischen Grenzwachen an der Zonengrenze verscharrt, ein Teil blieb im Freien liegen. Soweit möglich, haben die Bürgermeister der Gemeinden an der Zonengrenze die Leichen, oft unter größter Lebensgefahr geborgen und ← 18 | 19 → entweder an Ort und Stelle oder im nächsten Friedhof beerdigen lassen. Infolge Fehlens jeglicher Personalausweise konnte die Identität der Toten vor der Beerdigung meistens nicht festgestellt werden.“18

Mit der folgenden Aufstellung soll das Verhalten der sowjetischen Soldaten in dieser Zeit nicht verallgemeinert werden. Es gibt ungeheuer viele Beispiele, nicht nur von korrektem Verhalten, sondern auch von menschlichem Verständnis und Entgegenkommen sowjetischer Militärpersonen. So öffnete der Ortskommandant von Gerthausen alle paar Tage die Grenze für Leute von auswärts, die darauf warteten, irgendwie in den Westen zu kommen: Evakuierte, Flüchtlinge, Soldaten, deren Familie jetzt im Westen war. Manchmal war es eine ganze Karawane von Leuten mit Handwagen und allem, womit sie ihre Habe mitschleppten.19

Trotz allem soll auch die dunkle Seite der russischen Grenzüberwachung weder unter den Tisch gekehrt noch klein geredet werden. Es springt ja ins Auge, dass die Mehrzahl der durch Russen begangenen Untaten im Raum Coburg auf bayerischem Gebiet dokumentiert ist, obwohl diese Seite der Grenze außerhalb ihrer Zuständigkeit lag. Dies liegt sicher daran, dass die Russen die Waldungen im nördlichen Landkreis als ihr Überwachungsgebiet ansahen und dass die Amerikaner zu schwach, zu ängstlich oder zu uninteressiert waren, diesen Zustand zu ändern. Dafür waren die Bürgermeister, die von den Amerikanern eingesetzte Polizei und bald auch die Kriminalpolizei pflichtbewusst genug, all diese Vorfälle zu dokumentieren und immer wieder um die Identifizierung der unbekannten Toten bemüht zu sein.

Wenn aber die Dokumentation gerade hier im Ausnahmefall Coburger Raum so viele Grenzopfer aufzeigt, kann man kaum behaupten, dass nur hier und nur auf bayerischem Gebiet solche Gewaltverbrechen vorkamen. Der Verdacht, dass überall entlang der Grenze der SBZ Untaten in ähnlicher Anzahl durch russische Soldaten geschahen, lässt sich nicht von der Hand weisen. Dass nur selten solche Vorkommnisse von den Standesämtern dokumentiert wurden, mag auch daran liegen, dass sich kaum jemand ins Grenzgebiet wagte, ja auch ein Eintrag ins Sterberegister als zu großes Risiko angesehen wurde. Ein Sachverhalt, den ich bei meinen Recherchen erlebte, zeigt noch eine andere Seite des großen Vergessens, das über diese Zeit gebreitet ist. Ein siebzehnjähriges Mädchen aus einem Grenzort im Westen wurde im Jahr 1945 zusammen mit einigen Männern von russischen Grenzposten verhaftet und von diesen getrennt gefangen gehalten. Als die Männer schließlich nach mehreren Tagen zurückkamen, war die Siebzehnjährige schon wieder zu Hause. Der ← 19 | 20 → Mann, der mir in diesem Jahr davon erzählte, wusste nichts über das Geschick des Mädchens. Es hatte nie darüber gesprochen. Auch die junge Frau von damals lebt noch. Heute ist sie 89 Jahre alt und wohnt in einem Altersheim. Sie erzählte mir, sie sei am gleichen Tag spätabends weggeschickt worden und bei einer alten Frau untergekommen. Anderntags habe sie ein Bekannter bis an die Grenze begleitet und so sei sie heil zurückgekommen. Was sie mir nicht erzählt und ihr ganzes Leben lang verschwiegen hatte, hörte ich danach von einer Verwandten. Sie war den ganzen Tag über brutal vergewaltigt worden. Das Blut lief ihr die Beine hinab, als sie aus der Russenunterkunft geworfen wurde. Die Frau kam aus dem Westen und kehrte dorthin zurück. Trotzdem brachte sie es nicht fertig, über das Geschehene zu reden. Wie vielen mag es ähnlich ergangen sein, wie vielen erst, die im russischen Herrschaftsbereich lebten. Einen kleinen Einblick dazu gibt die Geschichte der Familie Truckenbrodt, die weiter unten noch geschildert wird.

Sehr oft wird völlig widersprüchliches Verhalten russischer Posten bei der Kontrolle der Grenzgänger berichtet. Manche der Überprüften ließen sie durch, manche wiesen sie zurück. Oft wurde auch an den offiziellen Übergängen mitgebrachter Besitz der Grenzgänger konfisziert, andere kamen ungeschoren durch, „wenn man wirklich einem Russen über den Weg lief, brachte der einen für eine Flasche Schnaps sogar an die Grenze“.20 Noch schlimmer: Nach dem Mord an Martin Hartebrodt am 4. Februar 1946 gab sein Begleiter Martin Just zu Protokoll: „Gegen 14 Uhr begaben wir uns an den Ortsausgang von Ebersdorf, um zu sehen, wo die russischen Posten stehen. Zu dieser Zeit bemerkten wir auch zwei Frauen, die aus Richtung Ebersdorf querfeldein auf die vom Ortsrand etwa 300 m entfernt stehenden russischen Posten zugingen, ohne dass diesen Frauen etwas passierte. Durch diesen Umstand ermutigt, legte Hartebrodt sein Gepäck ab und bat mich beim letzten Haus am Ortsrand zu warten und auf sein Gepäck aufzupassen. Er wollte nun ebenfalls zu den russischen Posten hinüber, um sie zu fragen, ob er die Grenze passieren darf. Als er jedoch etwa 150 m vom Ortsausgang entfernt auf einem Feldweg auf die russischen Posten zugelaufen war, erfolgten von drüben mehrere Gewehrschüsse. Hartebrodt drehte sich in diesem Augenblick um und versuchte zurückzulaufen, brach jedoch zusammen und blieb liegen.“

Letzteres ist nur eine von sehr vielen auch von polizeilich protokollierten Aussagen über völlig willkürliches Verhalten der russischen Grenzposten. Oft genug erfahren wir, dass Sowjetsoldaten in bayerische oder hessische Orte kommen, dort im besten Fall Milch oder Lebensmittel erbitten, aber auch rauben und plündern. ← 20 | 21 → Im schlimmsten Fall werden auf Westgebiet Menschen angeschossen oder erschossen, wie am 11. Oktober 1945 Hans Kölling und Hans Adam am Friedhof von Meilschnitz durch zwei russische Soldaten. Meilschnitz liegt in Bayern, der Tatort ist einen Kilometer von der Grenze entfernt.

Eine Frage darf ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden. Waren wirklich immer Russen die Gewalttäter, oder wurden ihnen viele Verbrechen nur untergeschoben? Meine Einschätzung dazu:

In den ersten Jahren nach dem Krieg waren alle Waffen in West und Ost konfisziert. Auf ungesetzlichen Besitz oder Gebrauch von Feuerwaffen, Munition, Sprengstoff usw. stand die Todesstrafe. Kaum jemand wagte, Schusswaffen zu verstecken oder gar im Grenzgebiet mitzuführen. Deshalb werden wohl zu Recht Tötungen mit Schusswaffen den Russen zugeschrieben.

Bei Tötungen mit Maschinenpistolen ist anzunehmen, dass sie von Soldaten ausgeführt wurden, die sich im Grenzdienst befanden.

In einigen Fällen geschahen Tötungen möglicherweise mit einer Pistole. Oder aber die Tatwaffe konnte nicht eindeutig ermittelt werden. Pistole trugen normalerweise nur höhere Dienstgrade, es ist nicht ausgeschlossen, dass auch Offiziere auf Sonderstreife gingen. Nicht vollkommen auszuschließen sind in solchen Fällen auch zivile Einzeltäter, Verbrecher oder DPs als Täter, auch wenn letztere erst in späteren Jahren an der Grenze in Erscheinung traten.

Russen gingen, wie sich mehrmals zeigt, auch einzeln Streife. Insofern lässt sich nicht ausschließen, dass ein einzelner Russe außerhalb des Dienstes auf Raub und Mädchenjagd ging.

Wurden Grenzgänger erschlagen, kann man eher davon ausgehen, dass Russen die Tat nicht begingen, so am 25. April 1946, als im Gemeindebezirk Roth vorm Wald. im Kreis Hildburghausen zwei unbekannte weibliche Leichen im Wald gefunden wurden. Die Frauen waren erwürgt und erschlagen worden. Beim Raubmord am 21./22. April 1947 wurde der Täter, der seinen Freund beim Grenzgang erschlug, gefasst. Es war Walter Hagen aus Bad Köstritz. Auch eine zwanzigjährige junge Frau wurde nicht von Russen, sondern von Creuzburger Jugendlichen am 4. Juni 1947 erschlagen und erstochen. Ein Mann, dessen Leiche am 7.9.1954 bei Blankenstein erschlagen aufgefunden wurde, scheint ebenfalls kein Opfer von Rotarmisten geworden zu sein.

Auch der schlimmste Massenmörder, Pleil, der seine Untaten sehr oft als Schlepper über die grüne Grenze ausführte, verwendete keine Schusswaffen. Seine Untaten und die seiner Kumpane werden in einem eigenen Abschnitt behandelt. ← 21 | 22 → Die einzige Personengruppe, die an Schusswaffen kam, und diese auch benutzte, waren DPs, Displaced Persons, die als Zwangsarbeiter in den Fabriken, wie als Knechte und Mägde die Deutschen im Kriegseinsatz ersetzten, dazu kamen die Überlebenden von Konzentrationslagern und Juden, die im sowjetischen Machtbereich verfolgt wurden und hier Schutz suchten. Sie alle wurden in Lagern untergebracht, bis sie zurückgeführt werden konnten oder eine neue Heimat fanden.

Über eine solche Gruppe von bandenartig organisierten DPs heißt es in einer Pressemeldung: „Bei den abgeurteilten Straftaten handelt es sich um eine Reihe von organisierten Überfällen, die in der Zeit vom 16. August bis 20. September 1945 von mehreren, zu einer Bande zusammengeschlossenen Polen ausgeführt wurden. Die Täter hatten sich Pistolen, Maschinenpistolen und Maschinengewehre zu verschaffen gewußt und beunruhigten durch Überfälle und Plünderungen mehrere Dörfer im Landkreis Coburg. Auch vor Gewalttaten gegen Leib und Leben schreckten sie nicht zurück.“21

Erst 1948 hören wir erstmals davon, das ehemalige DPs die Grenze als neues Betätigungsfeld gefunden haben. Möglicherweise erschossen sie die zwei russischen Soldaten am 6. März 1948 bei Vacha. Seitdem bis zum Jahr 1949 hören wir immer wieder von Raub, Vergewaltigung und Mord durch Männer nichtdeutscher Sprache oder fremdartigen Aussehens. Am 25. April wird ein Pole aus Duderstadt eines Verbrechens verdächtigt. Auch diese Tätergruppe wird in einem eigenen Abschnitt behandelt.

Am 27. März 1948 ereignet sich der einzige Fall, in dem ein Deutscher mit der Schusswaffe tötet. Ein Sechzehnjähriger erschießt bei Saalfeld einen SBZ-Grenzpolizisten. Allerdings hat er die Waffe nicht beim Grenzübertritt benutzt.

1948 beginnen die regelmäßigen Meldungen der Grenzpolizei, seit Staatsgründung der DDR-Grenzpolizei und dann der Grenztruppen der DDR. Die Russen werden allmählich aus der direkten Grenzüberwachung herausgenommen, ohne dass die Meldungen über russische Übergriffe sofort gänzlich aufhören.

Die Nachkriegszeit

Wegen der einsetzenden Massenflucht aus der SBZ in die amerikanische Zone stimmte der Alliierte Kontrollrat auf sowjetisches Verlangen am 30. Juni 1946 der ← 22 | 23 → Sperrung der Demarkationslinie für den freien Reiseverkehr zu. Die Sowjetunion nützte dies aus, um ihren Herrschaftsbereich auf Dauer mit Stacheldraht und Wachen abzusichern. In den Jahren 1945 bis 1947 standen sich an der Zonengrenze die Kampftruppen der Amerikaner und der Russen gegenüber; Grenzzwischenfälle waren an der Tagesordnung. Die russischen Soldaten machten gegenüber Grenzgängern und auch anderen Personen, die sie für solche hielten, sehr rasch von der Schusswaffe Gebrauch. Auch die Beamten der Bayerischen Grenzpolizei standen bei ihren Streifengängen fortwährend unter Lebensgefahr. In 23 bekanntgewordenen Fällen des Hofer Bereiches beschossen russische Soldaten echte oder vermeintliche Grenzgänger. Dabei töteten sie 15 und verletzten vier Personen. Volkspolizisten der DDR machten in zehn Fällen gegenüber Grenzgängern von der Schusswaffe Gebrauch und töteten dabei zwei Personen. Tschechische Soldaten gaben im Bereich Rehau in sieben Fällen Schüsse auf Grenzgänger ab, wobei vier Tote und drei Verletzte zu beklagen waren. Am 8. November 1951 wurde ein Beamter der GPS Sigmundsgrün während eines Streifenganges, etwa 80 Meter diesseits der Landesgrenze, von tschechoslowakischen Soldaten beschossen und dabei am linken Unterarm getroffen.

Verschleppt wurden von sowjetischen Soldaten 20 und von Volkspolizisten sieben Personen. In fünf Fällen fand man im Zonengrenzgebiet eingescharrte Leichen. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich auch hier um erschossene Grenzgänger.22 Bei Oberweid soll ein Russe in der ersten Zeit einen Überwechsler niedergeschossen und sich dessen noch gerühmt haben: „Mann kaputt!“ In Wiesenfeld wurde erzählt, ein Russe habe nur deshalb einen Mann erschossen, weil er eine Tarnjacke der deutschen Wehrmacht getragen habe.23

Klaus Hartwig Stoll berichtet auch von einer jungen Frau, die in den Westen wollte, unterhalb des Fischerhofes aber von den Russen aufgegriffen, vergewaltigt und anschließend umgebracht worden sein soll. Am nächsten Tag sollten der Bürgermeister und der Pfarrer die Tote identifizieren, sie war jedoch völlig unbekannt. In Borsch wurde sie beerdigt. Erst später stellte sich heraus, dass sie eine Zwillingsschwester im Westen hatte, der sie nachfolgen wollte.24 Von einem wahrhaft tragischen Schicksal wusste man in Reinhards: Ein amerikanischer Soldat hatte sich während der Besatzungszeit in Thüringen in ein Mädchen aus Spahl verliebt. Es muss schon eine starke Liebe gewesen sein. Denn nachdem die Amerikaner Thüringen geräumt hatten, wollte er die Verbindung nicht abreißen ← 23 | 24 → lassen. Er schlich sich mehrmals heimlich über die Grenze bei Mittelaschenbach zu seiner Freundin. Das ging eine Zeitlang gut. Eines Tages aber stellte ihn eine russische Streife, und da er sich nicht festnehmen lassen wollte, wurde geschossen. Er wurde tödlich getroffen. Die Russen übergaben den Leichnam, in ein rotes Tuch gewickelt, den amerikanischen Posten an der Grenze.25

26.4.1945

Am 26. April 1945 wurde Heinrich Friedrich Fischer aus Leimbach bei Bad Salzungen in der Umgebung von Vacha erschossen. Die Russen waren noch nicht einmarschiert. Wahrscheinlich war er ein Opfer des Einmarschs der Amerikaner geworden.26

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Der unbekannte Tote aus dem Birkenwäldchen von Öslau, vom 15.5.1945

(Quelle: Polizei Dir. Coburg 22 015)

15.5.1945 Unbekannte Leiche bei Öslau27

Am 15.5.45 wurde in einem Birkenwäldchen bei Öslau eine unbekannte männliche Leiche mit Schädelzertrümmerung und Kopfschussverletzung aufgefunden. Der Tod dieser Person wurde durch diese Verletzungen herbeigeführt. Lichtbild und Personenbeschreibung sind vorhanden.

Am 19.6.51 wurde die Auffindung der Leiche unter Beigabe eines Lichtbildes dem DRK in München und Leipzig, der Zentralstelle für Vug. W Angeh. (Vermisste und gefallene Wehrmachtsangehörige) Berlin, dem Caritas-Verband Bamberg, dem Suchdienst der Zonenzentrale Arolsen und dem Hilfswerk der ev. Kirchen in Berlin mitgeteilt. Die Leiche konnte trotzdem nicht identifiziert werden. ← 24 | 25 →

24.7.1945 Kurt Wernicke bei Vacha erschossen

Auf der Grundlage einer handschriftlichen Zusammenstellung Hans Gallers aus dem Standesamt Vacha erarbeitete Renate Hermes, die Leiterin des Museums „Wendelstein“ in Vacha, eine Liste der Todesopfer an der Grenze Vachas: Kurt Wernicke aus Vackel bei Neuruppin wurde am 24. Juli 1945 an der Vachaer Grenze erschossen.28

17.8.1945 Hermann Schnabel aus Burggrub beim Grenzübertritt erschossen

Herr Klemens Möhrle vom Standesamt Stockheim, Kreis Kronach, schickte mir folgenden Eintrag ins Sterberegister des Standesamts Burggrub: „Am 17.8.1945, 18:30 Uhr wurde der Fabrikarbeiter Hermann Schnabel ev., wohnhaft Burggrub Hs. Nr. 76 geb. am 24.9.1901 verheiratet mit Erna, geb. Heinz beim Grenzübertritt von einem russischen Posten erschossen.“ Edgar und Materna Carl aus Ludwigstadt schickten mir dazu folgenden Bericht:

Ein schrecklicher Tag

„Burggrub bei Kronach liegt nur etwa 300 Meter von der damaligen Zonengrenze entfernt zwischen Kronach und Sonneberg/Thüringen. Als nach 1945 die Arbeit in den Betrieben wieder begann, fuhren mein Vater Franz Carl und Hermann Schnabel mit dem Fahrrad zu ihrer Arbeitsstelle in Köppelsdorf, einem Ortsteil von Sonneberg. Am Schlagbaum mit dem Kontrollhäuschen mussten sie wie an jedem Tag ihre Passierscheine vorzeigen. Auf dem Rückweg nahmen sie einen Fuhrweg, der am Waldrand zwischen Neuhaus-Schierschnitz und Burggrub verlief. Warum, das weiß niemand mehr. Sie hatten nichts zu verbergen. An der Grenze wurden sie von einem russischen Soldaten kontrolliert. Es war alles in Ordnung. Mein Vater und Hermann liefen mit ihren Rädern etwa 30 bis 40 Meter weiter. Plötzlich schoss der Russe ohne Vorwarnung auf sie. Mein Vater warf sein Rad hin, kroch durch die Hecke daneben und rannte im Lärm der Schüsse durch das letzte Waldstück und die freie Flur nach Hause. Ich vergesse nicht den Schrecken, als mein Vater ankam und am zerrissenen Hemd bemerkte, dass ein Schuss ihn gestreift hatte. Die Haut war an der Brust in der Herzgegend aufgerissen.“29 Hermann Schnabel wurde am Tatort auf bayerischem Gebiet tot aufgefunden. ← 25 | 26 →

Das Tatmotiv bleibt im Dunkeln. Die verschwundenen Fahrräder weisen auf eine Spur. Das schreckliche Ereignis ist in Burggrub auch heute nicht vergessen. Bei der alljährlichen Grenzwanderung der evangelischen Gemeinden Burggrub und Neuhaus-Schierschnitz in Thüringen wird auch an der Stelle Halt gemacht, wo das Schreckliche geschah. Ein einfaches Kreuz erinnert an den Einzigen, der Hass und Bosheit durch seine Liebe überwunden hat. Durch seinen Tod hat er den Weg zum ewigen Frieden frei gemacht.

13.8.1945 Franz Leihr von amerikanischen Soldaten erschossen

Nachdem die Amerikaner nach dem 1. Juli 1945 Thüringen geräumt hatten, kam für längere Zeit eine amerikanische Wachabteilung nach Wüstensachsen. Sie kontrollierte die neue Grenze auch auf der Hochrhön. Am 13. August kam ein Jeep der Amerikaner nach Wüstensachsen. Sie suchten den Bürgermeister. Im Jeep führten sie die Leiche eines Mannes mit. Sie hatten ihn erschossen, als er die Grenze überqueren wollte. Nun sollte er hier beerdigt werden. Im Tornister fand sich sein Militärpass. Er war Mitglied der Waffen-SS und hieß Franz Leihr. Wahrscheinlich wollte er sich nicht festnehmen lassen, weil er bei der SS war. Der Tote wurde in Wüstensachsen bestattet.30

21.8.1945 Verhaftung, Enteignung und Tod von Adolf Eisenträger und Fritz Altstadt aus Lauchröden

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Die Familie Eisenträger 1944: von links: Hans, Adolf, Johanna, Martha und Alfred

(Quelle: Privat).

Adolf Eisenträger, geboren am 23. September 1903, war Parteimitglied der NSDAP und Bürgermeister von 1935 bis 1945. Wahrscheinlich war eine eher unbedeutende Geschichte der Auslöser für die Katastrophe, in die nicht nur Adolf Eisenträger verwickelt wurde, sondern auch seine ganze Familie.

Eines Sonntagmorgens im Jahr 1944 kam die vierzehnjährige Enkeltochter des Nachbarn Friedrich Altstadt vorbei ← 26 | 27 → und sagte: „Komm schnell mal rüber, unser Russe ist wild geworden. Der geht mit der Mistgabel auf meine Mutter los“. Der Bürgermeister rannte hinüber, da stand der russische Landarbeiter mit der Gabel in der Hand, schimpfte auf die Frau ein und wollte sich nicht beruhigen. Viele Nachbarn standen auf der Straße oder schauten hinter den Fenstern zum Hof hinüber. Eisenträger ging auf den Zwangsarbeiter zu, der Russe ließ sich widerstandslos die Gabel abnehmen und erhielt vom Bürgermeister eine saftige Ohrfeige. Zu den Nachbarn sagte er: „Gebt dem Burschen endlich einmal ein ordentliches Stück Brot!“ Das war alles, der Bürgermeister meldete nichts weiter, für den jungen Mann hatte der Ausraster auch keine weiteren Folgen.31

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Unten: Lauchröden vor 1945. In dieser Straße wohnte Familie Eisenträger

(Quelle: Privat)

Als im Sommer 1945 die Russen in Lauchröden einrückten, muss jemand aus dem Dorf diesen Vorfall von 1944 angezeigt haben als „Misshandlung eines russischen Zwangsarbeiters“. Am 21. August 1945 wurden Adolf Eisenträger und Fritz Altstadt von Russen verhaftet und nach Eisenach gebracht, die Familie Eisenträger wurde abends um 20 Uhr vom Hof vertrieben. Die Großeltern, die Mutter mit den zwölf, neun und fünf Jahre alten Kindern konnte nur mitnehmen, was auf einen Pferdewagen passte. Der Enteignungsbescheid erfolgte erst am 17. Juli 1947, unterschrieben von Thüringens Innenminister Werner Eggerath. Einzige Begründung: „Sie waren aktiver Nationalsozialist.“ Friedrich Altstadt kam schon nach wenigen Wochen der Haft in Eisenach ums Leben. Mitgefangene erzählten, dass er sich nicht rasieren lassen wollte. Deshalb sei er totgeschlagen worden. Mutter Martha Eisenträger brachte immer wieder Wäsche und Essen ins Amtsgericht nach Eisenach. Ihren Mann sah sie dabei nie. Allerdings wurde ihr die Schmutzwäsche ihres Mannes überreicht. In den Ärmelstulpen versteckt fand sie kleine Nachrichten ihres Mannes und wusste, dass er noch am Leben war. Ganz aufgelöst kam sie ← 27 | 28 → jedes Mal heim. Dann erfuhr sie, dass ihr Mann nach Buchenwald gekommen war. Sie fuhr zum Etterberg, ihren Mann durfte sie nicht sehen. Es kam aber auch kein Lebenszeichen mehr von ihm. Dann informierte sie ein Bekannter, er habe in Buchenwald eine Sterbeliste gesehen mit dem Eintrag: „15.6.46 Adolf Eisenträger verstorben.“

24.8.1945 Oskar Scheurich aus Fürth am Berg erschossen

Die Demarkationslinie, wie die spätere Zonengrenze und heutige Landesgrenze nach ihrer Errichtung im Juli 1945 genannt wurde, forderte auch im Neustadter Bereich blutige Opfer. Oskar Scheurich aus dem Stadtteil Fürth am Berg, war am 24. August 1945 in den Breitenloher Wald gegangen, wo er Pilze suchen wollte. Der Breitenloher Wald lag auf sowjetisch besetztem Gebiet in der Gemarkung Mogger östlich des Weges, der nach Liebau führte, mehr als drei Kilometer von Fürth entfernt, aber noch heute den Leuten aus Mogger als guter Pilzplatz bekannt. Der Wald liegt unmittelbar an der Grenze zu den „Wustungen“. Eine russische Streife entdeckte den Mann. Auf Anruf: „Stoj!“ und nochmal „Stoj!!“ reagierte er nicht, sondern lief unbeirrt weiter durch den Wald, den Kopf fest auf die Erde gesenkt. Dann krachte eine kurze Salve. Oskar Scheurich brach zusammen. Einer der Russen lief nach Mogger, wo er den Bürgermeister informierte, mehr mit Zeichen und Gebärden. Moggerer Männer trugen den Leichnam in die Mupperger Friedhofshalle. Erst jetzt erfuhren die Russen, warum der Mann überhaupt nicht auf ihre Anrufe reagiert hatte: Er war so schwerhörig, dass er ← 28 | 29 → sie gar nicht gehört hatte. An seiner Beerdigung in Mupperg durften nur fünf Personen teilnehmen.32

25.8.1945: Karl Beck aus Philippsthal von Russischem Posten erschossen

„Ich konnte ihn doch nicht einfach so liegen lassen“

Polizeiwachtmeister Karl Beck aus Philippsthal war einer der ersten Toten an der innerdeutschen Grenze – Sohn Gustav holte den Vater heim.

Von Ulrike Bischoff

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Am 25. August 1945 an der Grenze erschossen Wachtmeister Karl Beck aus Philippsthal.

(Quelle: Privat)

„Junge, ich hab geträumt, der Vater ist heimgekommen“, sagte Paula Beck am Dienstag nach Ostern 1948 zu ihrem 19-jährigen Sohn Gustav. Ein Junge und ein Mädchen hätten ihn gebracht. Die Mutter hatte Recht. Seit sein Vater Karl im August 1945 an der hessisch-thüringischen Grenze von einem russischen Grenzposten erschossen worden war, hatte Gustav Beck alles daran gesetzt, den Vater „heimzuholen“.

„Es war eine innere Stimme, die mir keine Ruhe ließ. Ich konnte ihn doch nicht einfach so liegen lassen“, erzählt Gustav Beck (73) aus Philippsthal über die knapp drei Jahre nach dem Krieg, als er versuchte, seinem toten Vater eine würdige letzte Ruhestätte zu geben.

Am 25. August 1945, einem Samstag, hat der damals 17-Jährige seinen Vater zum letzten Mal gesehen. Der Krieg war vorbei, die Amerikaner hatten sich im Juni aus Thüringen zurückgezogen, die Russen waren nachgerückt. Im Kreis Hersfeld wurde eine Kreispolizei ← 29 | 30 → aufgestellt, Karl Beck wurde Kreispolizeiwachtmeister in Philippsthal. Ein Sozialdemokrat, der ein Jahr zuvor einen Sohn im Krieg verloren hatte, einer, der mit den Russen wenig im Sinn hatte, wie Sohn Gustav erzählt.

An jenem Samstag sollte Karl Beck zwischen Thalhausen (West) und Schwenge (Ost) nach dem Rechten sehen; von dort waren Felddiebstähle gemeldet worden. Was auf dieser Streife geschah, reimte sich die Familie später aus verschiedenen Schilderungen zusammen. Demnach hatte Wachtmeister Beck bei der „Wolfsbucht“ seinen Schulfreund Heinrich Krug aus Oberzella getroffen, der seine Kuh hütete. Die- beiden unterhielten sich, Beck wollte offenbar wissen, wie die Grenze genau verläuft und wo er sich befinde. Als er Richtung Philippsthal weitergehen wollte, wurde er von einem russischen Posten angerufen. „Stoi!“, er sollte stehen bleiben.33

Letzte Worte: Grüße an Frau und Sohn

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Karl Beck mit Frau Paula

(Quelle: Privat)

Was dann passierte, gab Krug Monate später, im Februar 1946, dem Bürgermeister von Oberzella zu Protokoll: „Der Posten forderte Beck auf, da derselbe sich schon in amerikanischer Zone befand, in die russische überzutreten, was von Beck verweigert wurde. Der Posten drohte, ohne durchgeladen zu haben, mit dem Gewehr, aber Beck leistete keine Folge, sondern behauptete, in der amerikanischen Zone hätte ihm der Russe, weil er als Polizei tätig wäre, nichts zu sagen. Nach nochmaliger Drohung des Posten sagte Beck, dann schieß mich doch tot, wonach der Posten das Gewehr lud und Beck niederschoß. Der Einschuß war in der rechten Brustseite ziemlich Mitte Körper. Die letzten Worte von Beck waren, dass Krug seine Frau und Sohn grüßen sollte.“ Krug sollte den Sohn nur einmal treffen, im Beisein des russischen und des amerikanischen Kommandanten. Dabei erzählte er, wo er Karl Beck begraben habe und dass es vor dem Schuss wohl eine Auseinandersetzung gegeben habe. ← 30 | 31 → Gustav Beck glaubt es. „Mein Vater hat nicht kampflos aufgegeben“, er habe stur sein können.

Im Sommer 1945 wusste die Familie von den näheren Umständen noch nichts. Gustav und seine Mutter, die noch keine Rente bekam, waren nach dem Tod des Familienoberhaupts auf sich gestellt. Der Siebzehnjährige brach seine Bergmannslehre in Vacha ab, verdingte sich bei den Amerikanern. Und wollte den Vater heimholen. Er nutzte die Möglichkeiten, fuhr mit Amerikanern zum russischen Posten bei Thalhausen, verhandelte mit Händen und Füßen – und bekam die Genehmigung, den Leichnam zu bergen. Die Familie beantragte eine Grabstelle in Philippsthal, vereinbarte mit dem Pfarrer einen Beerdigungstermin, organisierte Helfer. Am 20. September fuhren sie los, begannen an der von den Russen bezeichneten Stelle zu graben. Dann, erzählt Gustav Beck, sei eine russische Streife gekommen, „mit vorgehaltenen Waffen“. Die Philippsthaler mussten gehen, mit leerem Sarg. Zuhause schickten sie die Trauergäste wieder heim, die Kränze wurden dürr.

Erste Zweifel beim zweiten Versuch

Gustav Beck gab nicht auf. Diesmal konnte ein Exilrusse helfen. Er war Verbindungsoffizier der amerikanischen Militärregierung in Bad Hersfeld und verhandelte mit Vertretern in Berlin-Karlshorst. Am 29. September fuhr man wieder zum Grab, begleitet von amerikanischen und russischen Militärs, jeder auf seiner Seite der Grenze. Gustav Beck sollte auf Rat des Pfarrers abseits stehen, während der Totengräber und ein Cousin von Karl Beck den stark aufgedunsenen, halb verwesten Leichnam ausgruben. Beck kann sich erinnern, schon damals Zweifel gehabt zu haben. Der Tote hatte eine Steppjacke an und Stiefel, die der ← 31 | 32 → Siebzehnjährige nicht kannte. Trotzdem sargte man den Leichnam ein, wollte daran glauben, er sei der Richtige. Am Tag darauf war Beerdigung auf dem Friedhof in Philippsthal. Sehr feierlich, der Landrat war da und der Bürgermeister, „und alle haben versprochen, sie würden uns helfen“. Dass es nicht so war, habe ihm später viel von seinem Glauben genommen, sagt der 73-Jährige.

Februar 1946: Ein zweites Grab

Im Februar 1946 forderte der Bürgermeister von Oberzella die Gemeinde Philippsthal schriftlich auf, eine Leiche aus dem Grenzgebiet zu entfernen, es bestehe die Gefahr der Verbreitung von Leichengift. Gustav Beck hörte davon und „war total geschockt“. Weil seine Vermutung offenbar doch richtig w ar. Bauern hatten schon länger getuschelt, seine Mutter aber hatte an den Richtigen im Grab geglaubt.

Jetzt erfuhr die Familie vom Zeugen Heinrich Krug, der seinen Schulfreund am Waldrand begraben hatte. Gustav traf ihn beim nächsten Termin im Grenzgebiet. Wieder fuhren die Militärs, jeder auf seiner Seite, zur Grabstelle. Die jetzige, von Krug benannte, war etwa 200 Meter von der ersten entfernt, und diesmal gab es keinen, der Gustav vor dem Anblick des stark verwesten, von Tieren angenagten Körpers bewahrt hätte. In diesem Zustand konnte der Leichnam nicht geborgen werden. Gustav kam nicht zur Ruhe, wollte seinen Vater dort nicht liegen lassen. Er ging immer wieder über den Siechenberg zum Waldrand, häufte Erde auf das Grab.

Mit Spaten und Tasche zum Waldrand

An Ostern 1948 holte er seinen Vater nach Hause. Auf einen Spaziergang mit seiner Verlobten Lore aus Vacha nahm Gustav einen Klappspaten und eine lederne Reisetasche mit. Am Grab begann er, die Knochen freizulegen. „Es war furchtbar“, sagt Lore Beck, die damals die Geschichte des Vaters kannte, aber nicht wusste, was ihr Verlobter geplant hatte. „Gustav grub die Schuhe aus, den Kopf, auf dem noch die Kordel der Mütze zu sehen war, die Rippen. Bei der Länge der Bein- und Armknochen hatte er sich verschätzt, sie passten nicht in die Tasche. Auf einer Schutthalde fanden die jungen Leute einen Blecheimer, steckten die Knochen hinein, hängten Tasche und Eimer an einen Ast, schulterten ihn und machten sich auf den Heimweg. Lore ging vorne. Als seine Mutter am nächsten Morgen ihren Traum vom heimgekehrten Vater erzählte, sagte Gustav nur, ‚ja, hier ist er‘.“ Eimer und Tasche hatte er im Schuppen vor dem Haus abgestellt.

Im Kaliwerk Hattorf besorgte Gustav einen Munitionskarton, in dem er die Knochen verpackte. Mit dem Motorrad fuhr er die Schachtel zum Friedhof, ← 32 | 33 → Totengräber Ferdinand Weber half dem jungen Mann, den Karton über dem unbekannten Toten zu vergraben. Darauf bat Gustav Pfarrer Wessel, am Sonntag von der Kanzel zu verkünden, Karl Beck liege in seinem richtigen Grab. Seine Mutter Paula sollte endlich Frieden finden, die Gerüchte im Ort verstummen. Bis heute ist nicht bekannt, wer der unbekannte Tote ist. Vielleicht ein Heimkehrer, der, wie viele in dieser Zeit, in der Deckung des Waldes über die grüne Grenze wollte. Eine offizielle Untersuchung gab es nicht.

Gustav Beck hat die Geschichte nie verwunden. „So etwas vergisst man nicht, das kann man nicht.“ Er lebte immer direkt an und mit der Grenze. An Silvester 1948 heiratete Gustav seine Lore in Vacha. Grenzposten waren Hochzeitsgäste, ihre Gewehre standen in der Küche in der Ecke. Bis Lore 1951 offiziell nach Philippsthal ausreiste, lebte das Paar in verschiedenen Zonen. Er warf Apfelsinen über die Werra, damit sie „etwas hatte, fürs Kind“. Dann blieben sie im Westen, blickten auf die Grenze. Gustav Beck hat alles dokumentiert und fotografiert, die Grenzstationen, die Zäune, die Minengürtel, den Bau der Mauer. Er ließ Luftballons mit Flugblättern steigen, war auf der anderen Seite bekannt. In der Nacht des 11. November 1989, als die Mauer an der Vachaer Brücke fiel, waren Lore und Gustav Beck dabei, wenig später standen sie erstmals wieder vor Lore Becks Elternhaus. Heinrich Krug aus Oberzella, der vielleicht noch mehr über das Geschehen im Sommer 1945 hätte erzählen können, lebte längst nicht mehr.

2.9.1945: Der Tod des Karl Röder aus Wüstensachsen

Frau Notburga Klüber, Wüstensachsen, Heidelsteinstr. 6, erzählt am 17. Juli 2014 vom Tod ihres Vaters, Karl Röder aus Wüstensachsen, Hintergasse Haus Nr. 127, geboren am 22. April 1908.34 Karl Röder (37) hütete am 2. September 1945 in der Nähe der Ulsterquelle an der Hochrhön sein Vieh, wie stets nach seiner glücklichen Heimkehr aus dem Krieg. Bewohner von Wüstensachsen hörten an diesem Nachmittag Schüsse vom Heidelstein her. Aber Karl Röder war nicht zu finden. Erst Tage später erfuhr die Familie, dass er einige Tage später im Lazarett in Schweinfurt gestorben war. Amerikanische Grenztruppen hatten Karl Röder mit fünf Bauchschüssen verletzt. Sie hatten ihn erst nach Fladungen transportiert, wo er nicht aufgenommen wurde, ebensowenig in Mellrichstadt und Neustadt.

Der Tatort war zunächst unbekannt. Der Wirt vom Hillenberg auf der bayerischen Seite der Hohen Rhön fand Karl Röders Papiere längere Zeit später auf ← 33 | 34 → bayerischem Gebiet, als er Nüsse sammeln wollte. Wie Röder dort hinkam, war nicht zu klären. In der Schulchronik von Wüstensachsen steht: „Mit der Besetzung Thüringens von russischen Truppen wurde Wüstensachsen Grenzort. Es kam für längere Zeit eine amerikanische Wachabteilung in den Ort. Auf der hohen Rhön wurde der Bauer Karl Röder beim Viehhüten wahrscheinlich infolge eines Missverständnisses von einer Grenzpatrouille erschossen (am 2.9.1945).“ Notburga Klüber hat eine andere Erklärung für diese unerklärliche Tragödie; allerdings beruht sie nur auf der Erzählung eines Mannes aus Wüstensachsen, er habe gesehen, wie sich Karl Röder oben auf der Hochrhön mit einem amerikanischen Soldaten unterhielt. Wer sich unterhält, der muss einander auch verstehen. Und wer versteht schon Wüstemer Platt? Einer, der auch aus der Gegend stammt! Notburgas Geschichte beginnt mit der Vertreibung der Juden aus Wüstensachsen in der Hitlerzeit. Die Familie Buchsbaum war 1938 zunächst nach Würzburg weggezogen. Dem Vater Buchsbaum gelang mit den beiden Söhnen die Auswanderung in die USA. Die Mutter kam in ein Konzentrationslager, wo sie ermordet wurde. Einer der Söhne war, so hat Notburgas Tochter im Internet festgestellt, bei der US-Army. Dieser, so Notburga, muss der amerikanische Soldat gewesen sein, der mit ihrem Vater gesprochen hat!

Warum dieser Alfred Buchsbaum auf Notburgas Vater geschossen hat? Da reichen ihr nicht die Vermutungen, dass der Mann vielleicht einen unbändigen Hass auf die Wüstensachsener hatte, weil sie die Synagoge abbrachen, seine Familie verjagten und seine Mutter in den Tod trieben. Das ist auch ihr zu weit hergeholt, nachdem Alfred immer wieder nach Bad Kissingen zur Kur kam, immer wieder die Rhön aufsuchte und vor etlichen Jahren sogar bei ihr, der Ortschronistin zu Besuch war. Bei Notburga muss ein triftigerer Grund her: Der Grund war womöglich die Erschießung eines SS-Mannes namens Franz Leihr am 13. August 1945, auch in der Nähe der Grenze. Die Amerikaner hatten die Leiche nach Wüstensachsen geschafft, um sie dort beerdigen zu lassen.

Hatte Karl Röder über diese Erschießung mit dem US-Soldaten diskutiert, ihm Vorhaltungen gemacht und war dann als unbequemer Mitwisser beseitigt worden? Eine tragische Geschichte, die nie mehr Aufklärung finden kann. Notburga Klüber sinniert noch heute darüber. Auch nach 70 Jahren findet sie keine Ruhe.

28.8.1945 Helene Wolf in der Staatswaldung Mupperg bei Ebersdorf ermordet

Der 17-jährige Betriebsschlosser Max Seyfarth von der Bergmühle, Gemeinde Ebersdorf fand am 31.8.1945 gegen 15.30 Uhr in der Staatswaldung Mupperg eine ← 34 | 35 → weibliche Leiche. Er verständigte den Bürgermeister von Ebersdorf, dieser den Gendarmerieposten von Neustadt bei Coburg. Bürgermeister Resch und Gendarmeriemeister Reisch begaben sich zum Tatort. Er fertigte den Bericht. „Die Leiche lag auf bayerischem Gebiet etwa 300 m westlich der Bergmühle und ungefähr 200 m vom Weg entfernt, der von der Bergmühle südlich um den Mupperg nach Neustadt bei Coburg führt und an dem entlang die Grenzsteine Thüringen Bayern stehen. Die Tote lag auf dem Rücken, der Oberkörper war leicht mit Heidekraut bedeckt. Das Gesicht war schwarz durch die fortgeschrittene Verwesung und mit Maden bedeckt.35

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Das Gasthaus Bergmühle heute

(Foto: Privat)

Bekleidet war die Leiche mit einem weiß-blau karierten Dirndlkleid. Die Bluse war blaukariert. Rock und Unterrock waren leicht hochgeschoben, die langen hellbraunen Strümpfe waren ordnungsgemäß am Strapsgürtel befestigt. Hemd, Schlüpfer, Strümpfe und Schuhe waren in Ordnung. Nichts deutete auf den ersten Blick auf eine Vergewaltigung hin.

Am rechten Ringfinger trug die Frau einen Ehering ohne Gravierung. Die Todesursache konnte zunächst nicht festgestellt werden. Da die Dunkelheit einbrach, ließen wir die Leiche einstweilen an Ort und Stelle liegen. Dem russischen ← 35 | 36 → Grenzposten, der uns auf Ersuchen die Besichtigung der Leiche gestattete und uns begleitete, machte ich verständlich, dass wir die Leiche am nächsten Tag, 1.9.45, bergen. Der Posten und auch der russische Kommandant von Heubisch, der herbeigerufen worden war, waren damit einverstanden.

Nach telefonischer Verständigung des Staatsanwalts in Coburg wurde die Leiche zwischen 11 und 12 Uhr weggeschafft und in die Leichenhalle des Friedhofs in Neustadt b. Coburg gebracht. Zur Bergung musste die Grenzsperre an der Bergmühle passiert werden, was die russischen Grenzposten ohne weiteres gestatteten.

In der Leichenhalle wurde die Leiche von Dr. Anschütz von Neustadt untersucht. Er stellte Tod durch Erschießen fest. Der Einschuss befand sich über der rechten Brust, der Ausschusskanal etwas tiefer am Rücken. Die Tote war etwa 23–25 Jahre alt, 1,55 m groß, untersetzt, hatte dunkelblondes halblanges Kopfhaar und gepflegte Hände und Füße. Fingerabdrücke wurden genommen, Ehering und Schuhe der Toten sichergestellt. Die Beerdigung fand am 3.9.45 nach Bewilligung durch den Staatsanwalt statt.

Bei den Erhebungen über die Person der Toten teilte der Sägewerksbesitzer Edmund Schmidt von der Bergmühle, Gemeinde Heubisch (Thür.) mit, dass von den russischen Posten vor seinem Haus am Dienstag, 28.8.1945 mittags drei Frauen mit Fahrrädern und Gepäck von Ebersdorf her durch die Grenzsperre gelassen wurden. Sie hatten von ihm zu trinken gebeten und erzählt, dass sie von Haselbach, Kreis Sonneberg seien. Die Tote sei dabei gewesen, er könne sich gut an das Dirndlkleid erinnern.“

Etwa zur gleichen Zeit meldete sich beim Sachbearbeiter Frau Else Welsch aus Eberdorf bei Neustadt. Sie teilte folgendes mit: „Am Dienstag, 28.8.1945 gegen 14 Uhr ist eine schwarz gekleidete Frau durch Ebersdorf gekommen. Sie war sehr erschöpft und setzte sich auf die Bank vor unserem Haus. Sie fragte mich erst, wo sie sei und erzählte dann die folgende Geschichte: ‚Ich bin von Haselbach in Thüringen und heiße Selma Karl. Heute vormittags wollte ich mit zwei weiteren Frauen mit dem Rad nach Sonneberg fahren, eine davon war Leni Wolf, die Tochter meines Bruders. Dabei verfehlten wir den Weg und kamen statt nach Sonneberg, nach Neustadt bei Coburg. Wir waren also, ohne es zu wollen, über die Grenze gefahren und niemand hat uns angehalten. Wir wollten aber nach Sonneberg und fuhren in diese Richtung bis zur Grenzsperre an der „gebrannten Brücke“ vor Hönbach. Die amerikanischen Posten ließen uns durch, doch die russischen Posten wiesen uns zurück. Darauf fuhren wir Richtung Ebersdorf und versuchten bei der Bergmühle über die Grenze zu kommen. Die dortigen russischen Posten hoben auch den Schlagbaum und ließen uns durch. Wir wurden nach Heubisch zum russischen Kommandanten geführt. Nach kurzer Verhandlung ← 36 | 37 → führte uns der Posten wieder zurück zur Grenzsperre bei der Bergmühle. Dort sagte er uns, der Kommandant habe befohlen, uns zu erschießen. Trotz unserer Einwendungen, dass wir Kinder zuhause haben und unseres Jammerns trieb uns der Russe, ein kleiner Mann, in den angrenzenden Wald hinein. Nach einigen hundert Metern jagte er meine Freundin und mich mit unseren Fahrrädern den steilen Berg hinauf, jede in eine andere Richtung. Meine Nichte Leni behielt der Russe bei sich. Ich habe mein Rad den Berg hinaufgeschoben und bin jetzt hier gelandet. Wo meine Begleiterinnen sind, weiß ich nicht.‘“

Frau Welsch berichtete weiter: „Als sich Frau Karl etwas erholt hatte ging sie von Ebersdorf aus über die Wiese in Richtung Oberlind und erreichte ohne weitere Probleme das Thüringer Gebiet. Einige Zeit später sah ich, dass eine zweite Frau mit Fahrrad die Grenze nach Oberlind überquerte und von Frau Karl laut begrüßt wurde. Von der dritten Frau habe ich nichts gesehen. Ich nehme an, dass die Tote diese dritte Person ist.“

Später meldete sich Erich Stegner aus Ebersdorf, Hs. Nr. 21 b und berichtete: „Am Mittwoch, 29.8.1945 habe ich beim Pilzsammeln im Mupperg und zwar auf der Südseite am Hang des Berges unweit der Grenze ein Damenfahrrad gefunden, das auf dem Boden lag. Hinten in den Sattelfedern steckten: Ein Ausweis mit Lichtbild für Helene Wolf von Haselbach, geboren am 10.12.1921 und eine Fahrradregistrierkarte, lautend auf den gleichen Namen. Ich nahm das Fahrrad mit den Ausweisen mit nach Hause, weil ich dachte, dass es der Besitzerin von einem Russen abgenommen wurde. Am Donnerstag habe ich dort wieder Pilze gesucht, weil es dort sehr viele gibt und weil sich wegen der nahen Grenze nicht viele hintrauen. Dabei habe ich nicht weit von der Stelle, wo das Fahrrad lag, eine wollene weinrote Damenstrickjacke mit 7 gleichfarbigen Knöpfen und grauem Verputz auf der Brust und um den Hals gefunden. Ich nahm die Jacke ebenfalls mit heim. Als ich heute von der weiblichen Leiche hörte, kam mir der Gedanke, dass sie die Besitzerin der Sachen war und ich meldete die Funde bei der Gendarmerie.“

Nach all diesen Meldungen dürfte feststehen, dass die Tote Helene Wolf aus Haselbach ist. Anhand des Lichtbildes im Ausweis konnte man die Identität nicht mehr feststellen, da das Gesicht durch die Verwesung bereits zu sehr entstellt war. Die Frau wurde zweifellos von einem sowjetischen Soldaten erschossen. Es wird vermutet, dass es sich bei ihm um den kleinen Soldaten vom Grenzposten an der Bergmühle handelt, der gebrochen deutsch spricht und über den in Ebersdorf wegen seines radikalen Verhaltens allgemein nicht gut geredet wird. Unterschrieben ist der Bericht vom Meister der Gendarmerie Reich oder Reisch. Handschriftlich ist der ← 37 | 38 → Einstellungsbeschluss des Staatsanwalts Höhn vom 10. September 1945 angefügt, da Helene Wolf aus Haselbach von einem russischen Grenzposten erschossen wurde.

Die 23-jährige Helene Wolf geb. Krauß aus Haselbach kam beim Überschreiten der willkürlich gezogenen Grenze am Nachmittag des 28. August 1945 ums Leben. Ihre Leiche, die Schussverletzungen aufwies, wurde am 31. August 1945 im Staatsforst Muppberg, in der Nähe des heutigen Stadtteils Ebersdorf gefunden.36

6.9.1945 Marie Dressel bei Weißenbrunn erschossen37

Am 4.3.1946 wurde innerhalb des Gemeindebezirks Weißenbrunn v. W. am Feldweg zwischen Weißenbrunn und Emstadt eine weibliche unbekannte Leiche aufgefunden. Die Auffindung der Leiche wurde erst gelegentlich anderweitiger Ermittlungen in Weißenbrunn dem Sachbearbeiter bekannt. Die Leiche konnte bereits am 4.3.46 durch den Bürgermeister von Weißenbrunn identifiziert werden. Es handelte sich um Marie Dressel, ledige Eisenbahnschaffnerin, geb. am 27.1.1925 zu Biberschlag, Landkreis Hildburghausen, zuletzt wohnhaft daselbst. Ihre Leiche war unmittelbar neben einem Feldweg an der Zonengrenze verscharrt. Sie wies mehrere Schussverletzungen auf. Am 6.9.1945 hat sich Marie Dressel beim Einwohnermeldeamt Coburg nach Biberschlag abgemeldet. Unmittelbar nach diesem Zeitpunkt dürfte sie beim Versuch, die Zonengrenze zu überschreiten, von russischen Grenzposten erschossen worden sein. Die Leiche von Frau Dressel wurde von deren Angehörigen am 6.3.46 nach Biberschlag überführt und auf dem dortigen Friedhof beerdigt.

9.9.1945 Fünf Leichen an der Grenze bei Weißenbrunn?

Oberwachtmeister Josef Tendera von der Landjäger-Station Oeslau schrieb folgende Meldung nach Coburg an Landrat und Militärregierung: „Otto Taubmann, Bürgermeister von Weißenbrunn, zeigte an, dass ein Mann namens Werner Georgi ihm mitgeteilt habe, dass auf dem Grenzhügel, wo die Schneise als Grenze geschlagen wurde, 5 Tote, ehemalige deutsche Soldaten liegen. Er sei dort von russischen Posten ausgeplündert worden und habe sie auf dem Boden liegen gesehen. Der Polizist begab sich mit Taubmann, dem zweiten Bürgermeister Franz Fleischmann und dem Gemeindediener zum Ereignisort, blieb aber dann zurück, weil er Angst hatte, von den Russen als Uniformträger festgenommen zu werden. Die drei Weißenbrunner gingen zum Posten und verhandelten fast eine halbe Stunde mit ihm. Als Taubmann vom Leichenfund ← 38 | 39 → erzählte, wollte der Posten sofort wissen, wer das erzählt habe. Taubmann gab an, er habe es im Dorf gehört. Als die drei zum mutmaßlichen Tatort wollten, wurden sie vom Posten daran gehindert. „Wenn du raufgehen, dann du auch kaputt!“, habe er gesagt. Von den Dorfbewohnern, so fährt der Bericht des Polizisten fort, würde behauptet, dass sich unter den Toten auch eine Frau befinde. Fast jede Nacht würden Schüsse gehört. Auch seien russische Soldaten oft im – bayerischen – Dorf. Tendera selbst sah am 9.9.45 zwei russische Soldaten in Weißenbrunn auf der Straße. Er bittet um weitere Veranlassung, weil wegen der Toten große Beunruhigung herrsche.“38

10.9.1945 Justus Lauers Leiche bei Meilschnitz aufgefunden

Die Landjägerei-Station Neustadt b. Coburg schrieb am 12.9.1945 an den Bezirksstaatsanwalt in Coburg, Bürgermeister Albin Steiner von Meilschnitz habe angerufen und mitgeteilt, dass etwa 500 m nördlich von Meilschnitz in der Waldung Birkenberg eine männliche Leiche gefunden worden sei. Ein entlassener deutscher Soldat aus Schwaben habe bei seinem Grenzübertritt den schon stark verwesten Toten gesehen. Bei der Besichtigung gemeinsam mit Bürgermeister Steiner und zwei Amerikanern nach Verständigung der in der Nähe befindlichen sowjetischen Grenzposten stellte der Landjäger fest: „Der Tote lag auf der Höhe des Birkenberges im Wald an einer nur mit Büschen und Heidekraut bewachsenen übersichtlichen Stelle. Ungefähr 200 m westlich an der Biegung des Verbindungsweges zwischen Meilschnitz und Effelder befindet sich der russische Grenzsperr-Schlagbaum, den man vom Fundort der Leiche aus sehen kann. Der Wald gehört dem Bauern Gustav Eichhorn aus Meilschnitz. Die ganze Waldgegend auf bayerischem Gebiet wird von russischen Soldaten beherrscht und überwacht. Die Leiche lag ausgestreckt auf dem Rücken. Das Gesicht war nicht mehr erkenntlich, schwarz und von zahlreichen Madenwürmern bedeckt und durchsetzt. Der Tote war schon stark in Verwesung übergegangen. Der Mann war 1,82 m groß, blondes, graumeliertes Haar und große Hände. Bekleidet war die Leiche mit einem grauen Zivilanzug, gelblichem, rot und schwarz kariertem Hemd, dunkelblauer Patschmütze, die unter dem Kopf lag. Neben der Leiche lag ein Schlüssel, eine gerade Tabakspfeife, in der Jackentasche in einem Blechetui eine schwarze Hornbrille. Die nach außen gestülpte Hosentasche zeigte, dass die Leiche durchsucht wurde. Dr. Anschütz von Neustadt stellte bei der Leiche Tod durch Erschießen fest. Es waren einige Schussverletzungen zu erkennen, 2 vorne am Hals, eine hinten hoch am Rücken. Zweifellos wurde der Mann beim unberechtigten[!] Grenzübertritt von russischen Posten, vermutlich durch eine ← 39 | 40 → Maschinenpistole erschossen und seiner Habseligkeiten nebst Ausweispapieren beraubt.“

Nachdem von den Meilschnitzern wegen des starken Verwesungsgeruchs niemand an die Leiche heranging, musste sie zunächst noch an Ort und Stelle gelassen werden. Erst am 11.9.1945 wurde der Tote geborgen, in einem behelfsmäßigen Sarg auf den Friedhof nach Meilschnitz geschafft und um 13 Uhr nach fernmündlicher Bewilligung durch den Staatsanwalt beerdigt. Vorher waren Fingerabdrücke genommen, eine Kleiderkarte erstellt und die Habseligkeiten sichergestellt worden. Die Erhebungen über die Person waren vorerst ergebnislos. Die Meldung hatte Stations-Kommissär Reich erstattet. Handschriftlicher Eintrag des Staatsanwalts Höhn vom 21.9.1945, worin der Vorgang eingestellt wird und die Landjägerei angewiesen wird, die Meldung an die Militärregierung, den CIC etc. zu schicken.39

6.11.1945 Der Tote hat einen Namen

Am 5.11.1945 kam Fräulein Ella Lauer aus Bremen zur Landjägerstation Neustadt bei Coburg. Sie machte folgende Aussage: „Mein Vater Justus Lauer geb. am 23.3.1889 in Neustadt bei Coburg, wohnhaft in Bremen, Neuenkantsweg 21, fuhr Anfang September von Bremen weg, um meine Mutter und meine Großmutter, welche noch in Sonneberg evakuiert waren, nach Bremen zurückzuholen. Es vergingen mehrere Wochen, und mein Vater kehrte mit Mutter und Großmutter nicht zurück. Ich wurde unruhig und machte mich auf den Weg, um zu sehen, wo sie geblieben sind. Mein Vater hatte noch vor seiner Abreise gesagt, dass er bei Neustadt, wo er ja geboren ist, über die Grenze gehen will. Ich selbst hatte Glück, kam bei Kassel gut über die Grenze und konnte meine Mutter und Großmutter noch in Sonneberg antreffen. Mein Vater war dort nicht angekommen, auch fehlte jede Spur von ihm. Ich bemühte mich sofort nach Neustadt. Vielleicht hielt sich Vater ja dort auf. Aber auch hier fehlte jede Spur von ihm. Als ich hörte, dass bei Meilschnitz Grenzgänger erschossen wurden, kam ich zur hiesigen Landjägerei, um mehr darüber zu erfahren. Nach der Beschreibung von Leuten, die den Toten bei Meilschnitz gesehen hatten, kann es sich um meinen Vater handeln.“

An der damals erstellten Kleiderkarte erkannte Frl. Lauer sofort die Kleider ihres Vaters wieder. Auch die Brille, Tabakspfeife und der Hausschlüssel bestätigten, dass sie vom Vater stammen. Frau Lauer kam nach einigen Tagen von Sonneberg nach Neustadt. Auch sie erkannte an den Sachen, dass der Tote ihr Mann ist. Die Nachlasssachen wurden Frau Lauer ausgehändigt. Die Aussage wurde von Landjäger Oberwachtmeister Witzmann aufgenommen. ← 40 | 41 →

„Das gleiche Schicksal wie Helene Wolf erlitt der gebürtige Neustadter Justus Lauer, den man am 9. September 1945 im Birkenberg beim heutigen Stadtteil Meilschnitz mit tödlichen Schussverletzungen am Hals entdeckte. Lauer, dessen Tod bereits Ende August eingetreten war, hatte zuletzt in Bremen gewohnt,“40 schreibt Ulrich Göpfert.

9.10.1945 Vier deutsche Soldaten bei Ummerstadt von Russen erschossen

Eberhard Eichhorn, Vorsitzender des Historischen Vereins Ummerstadt, teilte mir das Folgende mit:

„Auf dem Friedhof von Ummerstadt ist ein Gräberfeld mit Soldaten des Zweiten Weltkriegs zu finden. In den Gräber liegen zumeist Soldaten, die im Reservelazarett Bad Colberg ihren Verletzungen erlegen sind. Dazu kommen noch Gräber von gefallenen Soldaten, die beim Einmarsch der Amerikaner gefallen sind.

In vier dieser Gräber aber liegen Soldaten, die am 9. Oktober 1945, also lange nach Ende des Krieges gestorben sind. Es wird erzählt, dass diese Soldaten aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurden und bei Ummerstadt die Demarkationslinie überschritten hätten. Als sie in der Ummerstadter Flur Halt machten (wahrscheinlich um sich zu orientieren), wurden sie von einem russischen Soldaten hinterrücks ermordet. Sie wurden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beerdigt. Dabei soll auch ein russischer Offizier mit einem Dolmetscher anwesend gewesen sein, um zu hören, was der Pfarrer predigt.“41

Die Namen der Soldaten sind:

Raimund Theisen geb. 15.06.1929 in Chemnitz
Oskar Appelt geb. 22.09.1910 in Hermsdorf
Johann Gall geb. 1904 in Kirchanschöring
Ernst Leschka geb. 17.12.1923 in Morchenstern

Die in der Anlage befindlichen Unterlagen stammen aus dem Kreisarchiv Hildburghausen. Bezeichnend ist, dass auf diesen Unterlagen die Todesursache nicht erwähnt wird. Dort ist lediglich zu lesen: „im Waldgebiet Ummerstadt aufgefunden“.42 ← 41 | 42 →

13.9.1945:

Anton Habicht aus Sonthofen wird bei Vacha erschossen.43

14.9.1945: Wilhelm Kronewitz bei Vogelsang erschossen

Wilhelm Kronewitz aus Bad Münder wird bei Vogelsang, Gemeinde Bremke am 14. September 1945 von russischen Posten erschossen, als er versucht, die Demarkationslinie zu überschreiten. Geboren wurde Kronewitz am 17. Januar 1907 in Biesenbrow, einem Ortsteil von Angermünde in der Uckermark. Der Landrat in Göttingen hatte die Eintragung in das Sterberegister veranlasst. Der Verstorbene war mit Margarete Charlotte Hielscher verheiratet.44

15.9.1945 Willy Wirthwein bei Meilschnitz erschossen

An diesem Tag nachmittags rief der Bürgermeister aus Meilschnitz in der Landjägerei-Station Neustadt bei Coburg an und teilte mit, dass in der Gemeindewaldung Meilschnitz eine männliche Leiche aufgefunden wurde. Er habe in Begleitung amerikanischer Soldaten, die in Meilschnitz stationiert sind, gegen 16.30 Uhr die Leiche vom Fundort in die Leichenhalle schaffen lassen. Die Schuhe des Toten fehlen, die Ausweispapiere hätten die Amerikaner mitgenommen um sie ihrem Kommandanten in Neustadt vorzulegen.

Am 16. September besichtigten Dr. Anschütz von Neustadt und der Sachbearbeiter Stationskommissär Reich die Leiche. Dr. Anschütz stellte als Todesursache Erschießen fest. Der Tote hatte mehrere Schussverletzungen und zwar je zwei an der linken und rechten Brustseite unter den Armen und einen durch die rechte Hand. Beim Wenden der Leiche floss das Blut fast kleinfingerdick aus der rechten Brustseite. Auf der nackten Brust wurde nach Öffnung der Kleidung eine abgeprallte Pistolenkugel mit Stahlmantel gefunden.

Bekleidet war die Leiche mit einem schwarzen Gummimantel, graubraunem Zivilanzug mit Kniehose, graubrauner Strickjacke, grünlichem Oberhemd, einer feldgrauen Soldatenmütze mit Schirm. Sonstige Gegenstände wie Fingerring, Uhr, Geldbeutel usw. waren nicht (mehr) vorhanden. Der Mann war 1,75 m groß und hatte dunkelblondes dünnes Haar. ← 42 | 43 →

Bei Nachforschungen des Polizisten sagte ihm der Kaufmann Paul Nowakowski von Berlin, der seit dem 6. Juni 1945 als entlassener Soldat beim Bauern Langbein in Meilschnitz Haus Nr. 5 arbeitet, folgendes:

„Ich kann etwas russisch sprechen und bin daher während meines Aufenthaltes in Meilschnitz mit den russischen Grenzposten bekannt geworden. Am 15.9.45 kamen zwei russische Grenzposten zum Haus Nr. 5, von denen mir der eine folgendes mitteilte:

,Heute vormittags um 8 Uhr überschritt im nahen Wald vom russisch besetzten Gebiet kommend ein Mann die Grenze. Ich habe ihn gestellt. Er blieb stehen und bot mir Schnaps an. Als ich mich bückte und sein Gepäck durchsuchte, fiel der Mann über mich her und entriss mir meine Maschinenpistole. Wir kamen ins Handgemenge, wobei der Mann einige Schüsse abfeuerte, die in die Erde und in die Luft gingen. Es gelang mir, meine Maschinenpistole wieder zu bekommen, worauf der Mann in die Büsche flüchtete und sich zu verstecken suchte. Ich habe dabei auf ihn geschossen. Er wurde getroffen, brach zusammen und ist tot. Am Schluß äußerte der Soldat noch: Wer einen Russen angreift, den sollen die Hunde fressen‘. Die beiden russischen Soldaten ersuchten mich, einmal mitzugehen und den Erschossenen anzusehen. Ich und die Landwirtstochter Herta Langbein gingen mit an die Stelle, an der der Tote lag. Diese befand sich etwa 100 bis 150 m nördlich vom östlichen Ortsausgang von Meilschnitz im Gebüsch. Die Leiche lag mit dem Bauch und Gesicht auf dem Boden. Neben dem Toten lagen seine Ausweispapiere, darunter ein Postsparbuch. Die beiden Russen wunderten sich: Vorher hätten die Papiere nicht so herumgelegen. Auch die Schuhe fehlten. Währenddessen kamen zwei amerikanische Soldaten vorbei. Diese nahmen die Ausweispapiere mit. Auf Veranlassung der Amerikaner ließ der Bürgermeister die Leiche in die Leichenhalle des Meilschnitzer Friedhofs bringen.“45

Der Leichenfundort war noch 600 bis 800 Meter von der Grenze entfernt. Die sowjetischen Truppen überwachten und beherrschten hier das ganze Waldgelände auf bayerischem Gebiet. Nach den Ausweispapieren, die am 17. September dem Stationskommissär Reich übergeben worden waren, handelt es sich bei dem Toten um den Sonneberger Lederhändler Willy Wirthwein, geboren am 4. Dezember 1907 in Obermaßfeld bei Meiningen, wohnhaft in Sonneberg, Köppelsdorfer Str. 26, verheiratet, zwei Kinder. Dabei waren noch Führerschein, Postsparbuch und ein Entlassungsschein vom 18. Juni 1945. Die Leiche sollte am 18. September 1945 auf dem Friedhof in Meilschnitz beerdigt werden. Doch am 17. September ← 43 | 44 → wurde sie von Angehörigen mit einem Fuhrwerk nach Sonneberg geschafft. Die russischen Besatzungstruppen waren damit einverstanden.

28.9.1945 Karl Jost bei Vacha erschossen

Karl Jost aus Lausenthal in der Pfalz wurde beim Versuch des Grenzübertritts am 28.9.1945 bei Vacha erschossen.46

9.10.1945

An der Straße Klettenberg-Tettenborn wurden zwei Männer von russischen Grenzposten erschossen: der Prokurist Otto L. aus Nordhausen, geb. 1915, und der Kraftfahrer Hugo H. aus Nordhausen, geb. 1905, tot aufgefunden und auf Anordnung der russischen Besatzung am 10. Oktober 1945 beerdigt.47

11.10.1945 Hans Kölling und Hans Adam am Friedhof von Meilschnitz erschossen

Der Stationskommissär von Neustadt bei Coburg, Reihl, bekam am 11.10.1945 einen Anruf aus Meilschnitz. Landwirt Edgar Müller teilte mit, dass vor kurzer Zeit zwei russische Grenzsoldaten direkt vor dem Friedhof von Meilschnitz zwei deutsche Männer erschossen hätten. Der Kommissär eilte sofort dorthin. Ein amerikanischer Soldat bewachte die Toten, die 6 und 30 m vom Friedhof entfernt lagen und mit Decken zugedeckt waren.

Aufgeregte Meilschnitzer standen in einiger Entfernung. Sie hatte das Geschehen mit ansehen müssen. Erich Scheler aus Hs. Nr. 11 erzählte: „Heute nachmittag ging ich etwas spazieren, um mein verletztes Bein etwas zu üben. Gegen 13.45 Uhr befand ich mich auf dem Weg am östlichen Ortsausgang, der über Bettelhecken nach Sonneberg führt. Da sah ich zwei Männer, die auf der steinernen Brückenbrüstung saßen, während ein Mann und zwei Frauen etwas abseits am Bachrand hinter Büschen standen. Plötzlich kamen von Norden her zwei russische Soldaten, die über die Wiese auf die Brücke zugingen. Die zwei Männer auf der Brücke ergriffen die Flucht und rannten in südlicher Richtung davon. Die Russen rannten ihnen nach, überquerten den Weg und gaben nach einigen Rufen mehrere Schüsse aus ihren Maschinenpistolen auf die Flüchtigen ab. Beide Männer wurden getroffen und brachen zusammen. Einige Meilschnitzer, die auf ← 44 | 45 → dem Feld nebenan gearbeitet hatten, begannen zu schreien. Die Kugeln hatten sie knapp verfehlt. Doch die beiden Russen liefen in nördliche Richtung davon, ohne sich weiter um die Verletzten oder die schreienden Leute zu kümmern.“

Loni Bosecker gab an, sie sei nachmittags mit dem Fahrrad an die russische Grenzsperre zwischen Meilschnitz und Bettelhecken gefahren, um sich über die Möglichkeit eines Grenzübertritts zu erkundigen. Auf dem Rückweg sah sie, wie zwei russische Soldaten aus dem nahen Wald herauskamen und über die Wiese auf die Brücke zuliefen. „Zwei Männer in Zivil, die sich an der Brücke aufhielten, ergriffen die Flucht. Die Russen sprangen ihnen nach und gaben auf kurze Entfernung mehrere Schüsse auf sie ab. Zu meinem Schrecken sah ich, wie sie getroffen zusammenbrachen. Alle Leute, sie waren gerade bei der Rübenernte, begannen zu schreien, heulen und schimpfen, worauf sich die Russen wieder in den Wald zurückzogen.“

Dem amerikanischen Posten in Meilschnitz wurde der Vorgang sofort gemeldet und auch der amerikanische Kommandant in Neustadt verständigt. Den Ermordeten wurden die Ausweispapiere abgenommen, ein GI musste die Leichen bewachen. Die beiden Russen wurden daraufhin von Amerikanern in zwei Jeeps nach Coburg gebracht, einer von ihnen kam am gleichen Abend zurück. Nun durften die Leichen in die Leichenhalle gebracht werden. Am 13.10. nahm Dr. Anschütz die Leichenschau vor. Er stellte Tod durch Erschießen fest. Der ältere Mann hatte einen Brustschuss, der jüngere einen Kopfschuss. Beide waren sofort tot.

Am 11.10.45 wurden am östlichen Ortsausgang Nähe des Friedhofs von Meilschnitz mit Brust- und Kopfschüssen folgende Personen als Leichen aufgefunden:

Anzeige an die Staatsanwaltschaft erfolgte am 13.10.45. Staatsanwalt Höhn gab die schriftliche Beerdigungserlaubnis und Mitteilung ans Standesamt Meilschnitz. Das Verfahren wurde eingestellt. Die Leichen wurden am 14.10.45 auf dem Friedhof in Meilschnitz beigesetzt.48 ← 45 | 46 →

,Das Geheimnis um Leben und Tod des Hans Kölling

Von Martina Hunka

Die Schwärzdorfer glaubten fast 60 Jahre, er habe seine junge Frau verlassen und sei mit den Amerikanern abgehauen. Wenn der Name Hans Kölling fällt, dann erinnern sich alte Schwärzdorfer auf Thüringer Seite an einen Spion im Krieg, „der seine junge Frau sitzen ließ und mit den Amerikanern abgehauen ist“. Für die Meilschnitzer auf bayerischer Seite ist es die Inschrift auf einer Grabplatte auf dem Friedhof. „Einer, den die Russen erschossen haben“, sagen die Alten. Die Puzzleteile der Geschichte fügen sich erst heute, fast 60 Jahre später, zusammen. Eine Geschichte um Liebe, Wagnis und Tod.

Schwärzdorf – der Ort liegt am Südhang des Konreuths. Ober dem Berg liegt im Osten Stockheim, im Süden Neuhaus-Schierschnitz. Die meisten Familien wohnen hier seit Generationen: Bauern, die sich auf den kärgeren Böden plagten und Fabrikarbeiter, die in den Porzellan- und Spielzeugfirmen ihren Lebensunterhalt verdienten. Hier kann man die Lebensgeschichte des Nachbarn erzählen, weil man schon dessen Großvater kannte.

Bei Hans Liebermann, 69, haben sich bestimmte Kindheitserlebnisse tief eingeprägt. Zum Beispiel die vom geheimnisvollen Hans Kölling, der den Kindern fürs Schuheputzen Geld bezahlte und nach dem Krieg Englischunterricht gab. Wenn die amerikanischen Bomber über den Berg in Richtung der deutschen Großstädte flogen, dann sah man ein geheimnisvolles Licht im Wald. „Die Leute hatten den Kölling in Verdacht, dass er irgendwelche Zeichen gibt, aber gesagt hat natürlich keiner was.“

Woher dieser Kölling kam und was er von Beruf war, das weiß selbst Lisbeth Buhl nicht zu sagen. Kölling war im Hause ihres Vaters, Emil Stegner, einquartiert. Der war damals Bürgermeister von Schwärzdorf. „Das muss etwa 1943 gewesen sein. Er war über 30 Jahre alt und kam mit den Westevakuierten oder mit verwundeten Soldaten von der Front, ich weiß es nicht genau. Was er von Beruf war, das erfuhr man nicht. Er hat fast nichts von sich erzählt. Aber er war ein netter Mensch und hatte immer Geld. Kurz nach dem Krieg, ich war damals 20, da besorgte er mir immer mal was, zum Beispiel Strümpfe. Manchmal bekam man ihn Wochen nicht zu Gesicht und dann hieß es, er kommt nicht mehr“, erinnert sich Lisbeth. „Dein Vater hielt ihn für undurchsichtig“, ergänzt Lisbeths Mann Bernhard Buhl. „Man erzählte, als die Amerikaner Mitte April 1945 einmarschierten, da sei ein Militärjeep von der Kreisstraße abgebogen und schnurstracks zum Haus gefahren, in dem Kölling wohnte“, weiß Helmut Liebermann zu berichten. Wenig später war Kölling verschwunden, hatte seine junge Frau zurück gelassen. „Der ist mit den Amerikanern weg“, dachten sich die meisten Schwärzdorfer und hörten nie wieder etwas ← 46 | 47 → von Hans Kölling. Köllings Frau, das war die Hildegard Heublein, die Schulzen Hildegard, Jahrgang 1922. Sie lebt nicht mehr. Ihr Patenkind, Karola Bauer, kann sich jedoch noch gut an die Erzählungen ihrer Tante Hildegard erinnern. „Von ihrem Hans ist ihr nur ein kleines Foto geblieben. Nach dem hat sie dann ein Bild malen lassen. Das hing immer in ihrem Wohnzimmer, auch nachdem sie wieder geheiratet hatte. Der Kölling war ihre große Liebe“, weiß Karola Bauer.

Dass die Geschichte ans Licht kommt, ist ihr ein wenig Genugtuung. „Meine Tante stand doch immer da als die, die der Mann sitzen ließ“, erzählt sie. Für Frauen war dies seinerzeit ein Makel, der lange anhing. „Die Geschichte von dem Kölling, das war für uns Kinder wie ein Märchen“, erinnert sich Karola Bauer. Sie hat den Nachlass geerbt und weiß seitdem: Es war kein Märchen. Die Geschichte in ihren Einzelheiten konnte ihre Patentante jedoch nur im engsten Familienkreis erzählen:

Hans Kölling, geboren am 27. August 1909, war als junger Mann mit seiner Schwester nach Amerika ausgewandert. Als er seinen Vater in Wuppertal besuchte, überraschte ihn der Zweite Weltkrieg. Weil er noch einen deutschen Pass besaß, musste er an die Front. Nach einer Kriegsverletzung landete er in Schwärzdorf, wo er schnell an der jungen Hildegard Gefallen fand, einer schönen und auch klugen Frau. Dass da etwas war, das nicht auf Zustimmung von Hildegards Vater stieß, geht aus seinen Briefen hervor. Von Differenzen mit dem Vater ist die Rede. „Mein liebes Frauchen, ich werde nicht einen Augenblick mehr unser Glück aus den Augen lassen“, heißt es da. Und im März 1945 schrieb er: „Unser Glück wird uns ungestört blühen, etwas weit weg von Schwärzdorf“.

Weit weg wollten Hans und Hildegard: nach Amerika. Doch nachdem die Amerikaner das Gebiet Anfang Juli 1945 geräumt und die Sowjetsoldaten ihren Platz als Besatzer eingenommen hatten, war dies nicht mehr so einfach. Um die erforderlichen Papiere zu besorgen, musste sich Hans Kölling im Oktober 1945 auf den Weg über die Grenze der Besatzungszonen machen – und er kam nicht mehr zurück. Einige Zeit später erhielt seine Frau einen Brief. Ein Mann, der ebenfalls nach drüben gegangen war, teilte Hildegard mit, dass ihr Mann am 11. Oktober bei Meilschnitz erschossen worden ist. Hildegard blieb nur das kleine Foto. An seinem Grab konnte sie nie trauern, der Eiserne Vorhang trennte Welten zwischen Schwärzdorf und Meilschnitz. Ein Jahr vor der Grenzöffnung ist sie gestorben‘.49

Warum versuchte Hans Kölling gerade in Meilschnitz, mehr als zehn Kilometer von seinem Wohnort entfernt, über die Grenze zu kommen? Dies nach so vielen Jahren zu klären, fällt schwer. Die Generation der Meilschnitzer, die sich an die Zeit erinnern kann, zählt nur noch wenige Mitglieder. Hermann Speerschneider ← 47 | 48 → gehört dazu, und der alte Meilschnitzer kann das Rätsel lösen. Der 84-Jährige kann sich noch genau an die Wirren der Nachkriegszeit erinnern, in denen Soldaten und Zivilisten versuchten, von Ost nach West und umgekehrt zu ihren Familien zu gelangen. Speerschneider wohnt im letzten Haus von Meilschnitz in Richtung Effelder. Im Herbst 1945 war dort Niemandsland. Auf dem Isaak standen die Russen, unten im Dorf die Amerikaner. Oft klopften Leute nachts an seine Tür und baten um ein Obdach für die Nacht. „Einmal eine junge Frau mit einem Kind, beide ganz nass, die wollte ins Rheinland und ein Mann aus dem Allgäu, der wollte in Richtung Osten.“

Mit den Russen hat Hermann Speerschneider verschiedene Erfahrungen gemacht. Einer hat ihn fast erschossen, ein anderer sich mit ihm angefreundet: „Das war ein russischer Postenführer. Der hieß Alex und konnte gut deutsch. Der schickte seine Leute so, dass die Leute durchkamen, was sich natürlich herumsprach. Eines Tages war der Alex verschwunden, wahrscheinlich, weil man ihm dahinter gekommen ist. Und da fing die Schießerei an“, sagt Hermann Speerschneider. Seine Frau Ella kann sich erinnern, dass man am Haus Särge vorbei trug. „Da oben liegt wieder einer“, hieß es dann. Hermann Speerschneider ist überzeugt, dass dieser Wald Gräber birgt. „Ein großes Übel war das damals.“ Auch seine eigene Familie blieb nicht verschont. Sein Cousin wurde beim Grenzübertritt angeschossen und starb an seinen Verletzungen.

In der Nähe des Meilschnitzer Friedhofes, der am Ortseingang aus Richtung Sonneberg liegt, fanden die Meilschnitzer am 11. Oktober zwei Leichen: Hans Kölling aus Schwärzdorf und Hans Adam aus Neustadt. Ihre Gräber befanden sich lange Zeit auf dem Meilschnitzer Friedhof. Vor einigen Jahren wurden sie eingeebnet. Zur Erinnerung an „sechs Tote des Zweiten Weltkrieges, die bei Meilschnitz durch Kriegseinwirkung ihr Leben verloren haben“, ließen die Meilschnitzer eine Gedenkplatte zu Füßen des am Kriegerdenkmals auf dem Friedhof anfertigen. Es waren neben Hans Kölling: Johannes Erich Anton Girnth (5.5.1904–3.5.1944), Paul Otto Noack (22.1.1899–1.12.1942), Hans Adam (3.3.1900–11.10.1945), Justus Max Lauer (23.3.1889–9.9.1945) und Martin Dorka (22.9.1918–3.12.1944).

Dass die Schwärzdorfer so viele Jahre nach Kriegsende vom gewaltsamen Tod des Hans Kölling erfuhren, ist dem jüngst verstorbenen Journalisten Heinz Kiesewetter zu verdanken. Der ehemalige Redakteur der Neuen Presse hat sich nach seiner Pensionierung der Zeitgeschichte verschrieben und Kölling in einem Artikel über die Toten an der innerdeutschen Grenze erwähnt. ← 48 | 49 →

22.10.1945 Emil Schmidt aus Schönstadt erschossen am 22.10.1945

Am 22.10.45 wurde zwischen Schönstadt Lkr. Coburg und Döhlau Lkr. Hildburghausen die Leiche des Landwirtssohnes Emil Schmidt, geb. 11.1.1926 in Schönstadt, wohnhaft daselbst, Haus Nr. 20 durch Ortseinwohner aus Döhlau auf Befehl des russischen Grenzkommandanten vergraben. Schmidt war beim Versuch die Grenze zu überschreiten, von russischen Grenzposten am gleichen Tag erschossen worden. Nach Verhandlungen des Bürgermeisters aus Schönstadt wurde die Leiche des Schmidt wieder ausgegraben und in Schönstadt beigesetzt. Holger Ritz schickte mir dazu ein Schreiben des Vaters von Emil Schmidt von 1946.

Er fügte noch folgende Erläuterung hinzu: „Der erschossene Emil Schmidt war der leibliche Sohn von Alwin aus einer früheren Beziehung ohne Trauschein (für damalige Verhältnisse auf dem Land sehr gewagt). Geboren wurde Emil Werner Schmidt am 11.11.1926, hat Kaufmann gelernt und wurde am 22.10.1945 erschossen. Flora Schmidt. geborene Hess (geb. 6.9.1892) war eine Schwester meines Großvaters. die Patin meiner Mutter, stammte aus Unterwohlsbach und lebte ca. 1965 für 3–6 Monate bei uns im Haus. Sie ehelichte Alwin Schmidt offenbar erst nach dessen gescheiterter Beziehung zu Emils Mutter und behandelte Emil wie ihr eigenes Kind (nach Mitteilung aus meinem großväterlichen Verwandtenkreis). Die Ehe selbst blieb aber kinderlos. Nach dem Aufenthalt bei uns in Cortendorf lebte Flora noch ein paar Monate bei ihrem Bruder Max im elterlichen Anwesen in Unterwohlsbach. Danach lebte Sie im Altersheim auf Schloss Rosenau, wo sie am 15.2.1968 verstarb. Alwin Schmidt wurde am 14.1.1889 in Weißenbrunn vorm Wald geboren, erwarb eine kleine Landwirtschaft (4,5 ha) mit einer kleinen Gastwirtschaft im Nachbarort Schönstedt und war eigentlich von Beruf Baumeister. Er war wohl recht streitbar und verstarb im Vorzimmer der Anwaltskanzlei Forkel in Coburg an einem Herzinfarkt am 6.6.1963. Die Pfarramtssekretärin in Weißenbrunn vorm Wald, bei der ich Lebensdaten der Familie Schmidt einholte, schickte mich anschließend gleich noch zu einer Nachbarin des Pfarrhauses, die mit Emil Schmidt die Volksschule besucht hatte. Frau Helga Fleischmann konnte sich noch gut an Emil und seine Familie erinnern und konnte sogar noch die Örtlichkeit, wo er erschossen wurde, beschreiben.“50 ← 49 | 50 →

Schönstädt, den 25. November 1946

Abs. Alwin Schmidt, Gastwirt, Schönstädt/Coburg

An Frau Elsa König, Nürnberg-Eibach

Sehr geehrte Frau König, ich freue mich, daß Sie mir einmal schreiben und ich Ihre Adresse bekam. Der Krieg hat viel Unheil angerichtet, auch wir sind durch unseren Emil heimgesucht worden, er liegt schon über ein Jahr unter der Erde.

Mein Sohn Emil hat sich von seiner Gefangenschaft nach Westfalen entlassen und kam am 15. Juni 1945 in Schönstädt gut an, ließ sich nicht abhalten und brachte manchmal aus Gefälligkeit Leute über die russische Zone. Wenn ich etwas dagegen sagte, erwiderte er: „Die Leute wollen doch auch nach Hause.“ Am 22. Oktober 1945 kam abends eine junge Frau und bat Emil, er soll sie doch über die russische Zone bringen, was er ihr zusagte. Unterwegs schlossen sich andere Leute an. Um ¾ 8 Uhr ging er von zu Hause weg und um 8 Uhr krachten schon zehn bis 12 Gewehrschüsse. Emil war geradewegs auf Russen getroffen. Emil wollte sich nicht gefangen nehmen lassen, da schoß ein 19-jähriger Posten auf drei Meter Entfernung auf Emil. Ein Schuß traf ihn ins Herz, er war sofort tot. Vier Männer aus Döhlau mussten ihn im Wald, ca. 30 m vom Russischen Doppelposten entfernt begraben.

Ich war fünfmal beim russischen Kommandanten, um Emil herauszubekommen. Am 28. Oktober erhielt ich die Erlaubnis, ihn auszugraben und wegzuschaffen. Am 31. Oktober ist Emil im Weißenbrunner Friedhof beerdigt worden. Die Weißenbrunner Musikkapelle und die Schönstädter Freiwillige Feuerwehr haben Emil zur letzten Ruhe getragen. Ein schwereres Schicksal hätte uns nicht treffen können. Mir ist heute noch, als wäre es erst diese Woche gewesen, auch meine Frau kann sich nicht zufriedengeben.

Mein Emil hat immer seinen eigenen Kopf gehabt und was er wollte, das hat er durchgesetzt. Nach seinem Vater hat Emil wenig gefragt, das war die Erziehung der Hitlerjugend. Durch seinen dreifachen Armbruch und die Operation wurde Emil in den häuslichen Arbeiten sehr geschont und verwöhnt. Dies war der Lohn aus der Hitlerjugend. Wenn Sie Verbindung mit Emils Mutter haben, so können sie es ihr mitteilen.

Auch ich war 11 Monate eingezogen und war in Litauen, Weiden, Nürnberg, Feucht und Gsteinach und kam am 20. Mai 1945 aus der Gefangenschaft nach Hause. Wenn es mir einmal möglich ist, so werde ich mal nach Nürnberg kommen und bei Ihnen einkehren. Herzliche Grüße, auch an Ihre Mutter und Schwester.

Edwin Schmidt ← 50 | 51 →

17.10.1945 Auf dem Weg in die Heimat getötet

„Nachdem der Krieg nun schon fast sechs Monate vorbei war, wollten wir, meine Mutter (44 Jahre), meine Stiefschwester (22 Jahre) und ich (11 Jahre), die wir aus dem Rheinland ins Mansfelder Land evakuiert worden waren, endlich wieder zurück in unsere Heimat. Am 17. Oktober 1945 machten wir uns mit unserem Gepäck, das wir auf einem kleinen Handwagen und auf dem Fahrrad meiner Schwester mit uns führten, auf den Weg. Dieser führte uns per Bahn zunächst nach Ellrich, wo wir am späten Abend ankamen. In einem Gasthof fanden wir Unterkunft für die Nacht. Am anderen Tag, den 18. Oktober 1945, traf sich um die Mittagszeit eine Gruppe von 30 bis 40 Leuten, die, wie wir, zum Bahnhof Walkenried wollte. Gemeinsam marschierten wir auf der Straße von Ellrich in Richtung Walkenried, als wir von zwei sowjetischen Posten noch vor der Demarkationslinie aufgehalten und in barschem Ton zur Umkehr aufgefordert wurden. Die Gruppe machte sofort kehrt und schlug den Weg wieder nach Ellrich ein. Den Schluss der Gruppe bildeten wir drei mit unserem Handwägelchen und Fahrrad. Plötzlich fiel ein Schuss und meine Mutter, an deren Hand ich ging, brach zusammen. Der Schuss hatte sie von hinten getroffen und war an der Brust wieder ausgetreten. Sie war auf der Stelle tot. Meine Schwester und ich waren wie gelähmt. Die anderen beeilten sich wegzukommen. Meine Schwester und ich versuchten unsere Mutter auf unser Handwägelchen zu legen, um mit ihr nach Ellrich zurückzukehren. Die beiden sowjetischen Posten hinderten uns mit aufgepflanztem Bajonett daran, das zu tun, und jagten uns hinter den anderen her. Unsere tote Mutter mussten wir zurücklassen. Um sie holen zu können, gingen wir zur russischen Kommandantur in Ellrich und baten um Hilfe. Dort erklärte man uns, dass unsere Mutter nicht erschossen, sondern an einem Herzinfarkt verstorben sei. Zwischenzeitlich war ein sowjetisches Kommando mit Schaufeln, das uns auf einem Lkw entgegen gekommen war, zum Tatort gefahren und hatte unsere Mutter, wie wir später erfahren haben, dort im Straßengraben verscharrt. Während ich vorerst sehr nette Aufnahme bei dem Ortspolizisten Werner Wiegand fand, kam meine Schwester wieder im Gasthof unter. Tage später holten britische Militär-Lkws die sich auf der sowjetischen Seite stauenden und in ihre Heimat zurückwollenden Evakuierten, darunter auch uns beide, ab und brachten uns in ein Lager, wo wir, wie in solchen Fällen üblich, entlaust wurden. Vom Bahnhof Walkenried haben wir dann die beschwerliche Reise nach Hause angetreten. Erst am 31. Mai 1946, also sieben Monate nach ihrem Tod, ist die Leiche meiner Mutter in der Nähe der Stelle, wo ← 51 | 52 → sie erschossen wurde, verscharrt aufgefunden worden. Sie wurde ausgegraben, eingesargt und auf dem Friedhof von Ellrich beigesetzt.“51

27.10.1945 Franz Prambas beim Grenzübertritt bei Rottenbach erschossen

Am 27.10.1945 wurde 800 m nördlich von Rottenbach, 150 m von der Demarkationslinie unter Fichtenbüschen eine männliche unbekannte Leiche aufgefunden. Die Leiche hat bei ihrer Auffindung zwei Genick-Stirnschüsse aufgewiesen. Da sich der Tatort unmittelbar an der Zonengrenze befindet, dürfte der Mann beim versuchten Grenzübertritt von russischen Grenzposten erschossen worden sein. Die Nachprüfung vom 16.12.1949 ergab noch folgendes: Sachbearbeiter war der Polizeireservist Göpfert, der wegen der unsicheren Verhältnisse die Leiche erst im Bahrhaus der Gemeinde Rottenbach besichtigte, wohin Bürgermeister Dotterbach sie zusammen mit einigen Einwohnern gebracht hatte.

Durch die seitens der Kriminal-Außenstelle der LP Coburg erneut aufgenommenen Ermittlungen wurde diese unbekannte Leiche am 5.1.50 identifiziert. Es handelt sich um: Prambas Franz, geb. am 31.8.14 in Eichberg/Österreich, zuletzt wohnhaft in Derenburg/Harz, Ackerstr. 35. bei den Schwiegereltern Heinrich Becker. Die Leiche des Prambas ist im Friedhof Rottenbach beigesetzt.52 Prambas wollte Ende September 1945 mit einem Kameraden aus Ilmenau die Zonengrenze bei Rottenbach von der amerikanischen in die russische Zone überschreiten. Während nun der Kamerad, der namentlich nicht festgestellt werden konnte, die Überschreitung der Grenze vorerst für unsicher hielt und in Rottenbach abwartete, versuchte Prambas allein die Zonengrenze zu überschreiten. Beide tauschten sich vorher noch die Anschriften ihrer Angehörigen aus. Nachdem der Kamerad später die Zonengrenze überschritten hatte und in Ilmenau angekommen war, setzte er sich mit dem Schwiegervater Becker in Verbindung, der die Rückkehr Prambas nicht bestätigte. Daraufhin schrieb der Kamerad von Ilmenau an Bürgermeister Dotterweich von Rottenbach mit der Bitte um Auskunft und fügte die Beschreibung der Person und Kleidung des Prambas bei. Der Leichenbeschauer Gertloff aus Neukirchen Lkr. Coburg hatte bei der Beschauung der Leiche die Personenbeschreibung und Kleidung des unbekannten Toten in seinem Notizbuch festgehalten. Somit konnte einwandfrei festgestellt werden, dass es sich bei diesem männlichen Toten um Prambas gehandelt hat. Die aufgefundene Leiche wurde von Leichenbeschauer ← 52 | 53 → Gertloff folgendermaßen beschrieben: „ca. 32 Jahre alt, 1,70 m groß, volle schwarze Haare, längliches Gesicht, gepflegte Hände, Furunkel unter der linken Achselhöhle, am linken Oberschenkel mehrere frühere Verwundungen, die noch nicht vollends verheilt waren, linkes Schienbein verheilte Wunde. Mitte des Brustkorbs verheilte große Narbe. Bekleidung: Schwarzes Jackett und schwarze lange Hose, weißes Trikothemd, grüner Filzhut, Schuhe und Strümpfe fehlen.“

Diese Beschreibungen deckten sich mit denen des Kameraden aus Ilmenau. Somit war dieser unbekannte Tote bereits Mitte 1946 identifiziert. Aber weder der Brief des Kameraden, noch die Beschreibung des Leichenbeschauer Gertloff wurden der Polizei bekannt. Prambas wurde im Friedhof zu Rottenbach als unbekannter Toter beigesetzt. Nach dem Leichenbeschauprotokoll wies die Leiche zwei Genickschüsse auf. Die Einschüsse waren im Genick oberhalb des Nackens, die Ausschüsse an der Schädeldecke oberhalb der Stirn. Der Tod muss deshalb sofort eingetreten sein. Nach den Aussagen der Zeugen Dotterweich, Gertloff und Fischer ist Prambas von russischen Grenzposten erschossen worden. Seine Leiche wurde beraubt.53

27.10.1945 Wilhelm Plückhan aus Nordhausen/Harz bei Ebersdorf beraubt und erschossen

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Am 27.10.1945 gegen 14 Uhr meldete der Tüncher Andreas Köhn aus Neustadt bei Coburg, Ebersdorfer Str. 7 bei der Landjägerstation im Ort, dass die 74-jährige Frau Maria Telepschack aus Neustadt beim Holzsuchen eine Leiche gefunden hat. Darauf begab sich Landjägeranwärter Biastoch mit Köhn zum Tatort. Dort ließ er Köhn am Tatort um seinen Chef Witzmann zu holen, mit dem er gegen 15 Uhr eintraf. ← 53 | 54 →

Die Leiche lag am Nordhang des Muppbergs im Staatswald, etwa 600 m südlich der Straße Neustadt-Ebersdorf oberhalb der drei Buchen in einer Mulde am Waldweg, ungefähr 1 ½ km westlich der russischen Zonengrenze entfernt. Über der Leiche lag Tannen- und Kieferreisig, das dieselbe nur notdürftig bedeckte. Der Tote lag ausgestreckt auf dem Bauch. Die Oberkleider waren ausgezogen. Am Hals unter dem linken Ohr hatte der Tote eine Wunde, die auf einen Stich oder Schuss hindeutete. Die fehlenden Bekleidungsstücke waren auch in der Umgebung nicht zu finden, ebenso wenig Ausweise und sonstige Habe.

Witzmann holte den Amtsanwalt Janson vom Amtsgericht Neustadt zum Tatort, da der Richter nicht erreicht werden konnte. Beide machten noch folgende Feststellungen:

Am 27.10.1945 wurde am Mupperg bei Ebersdorf bei Neustadt/Coburg der Kinogeschäftsinhaber Wilhelm Plückhan, geb. am 15.12.1897 in Berlin, zuletzt wohnhaft in Nordhausen/Harz Ludwigstr. 4 beim versuchten Grenzübertritt durch ← 54 | 55 → russische Grenzposten erschossen. Die Leiche war beraubt. Plückhan wurde am 29.10.1945 auf dem Friedhof in Neustadt/Coburg beigesetzt.54

10.11.1945 Edmund Kümmerling zwischen Herbstadt und Milz erschossen

Der Herbstädter Edmund Kümmerling, geb. am 24.09.1886, Kriegsbeschädigter aus dem Ersten Weltkrieg, betrieb einen Handel mit Geflügel, Obst und Blumen. Sein Gebiet erstreckte sich hauptsächlich auf das benachbarte Thüringer Grabfeld. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg musste er seinen Handel fortsetzen, denn als Schwerkriegsbeschädigter war er nicht in der Lage, durch das Ausüben eines Handwerks seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. An eine Rente war damals überhaupt nicht zu denken. Am 10. November 1945 beabsichtigte Kümmerling Zahlungsrückstände bei Thüringer Kunden einzutreiben. Er kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Nach dem Überschreiten der Grenze zwischen Herbstadt und Milz wurde er von Soldaten der Roten Armee erschossen. Nach der in Milz ausgestellten Sterbeurkunde wurde Edmund Kümmerling um 06.30 Uhr in der Milzer Flurabteilung Röder tot aufgefunden. Er erhielt auf dem dortigen Friedhof seine letzte Ruhestätte. Der Milzer Bürgermeister Mangold versicherte der Witwe, dass sich seine Familie um das Grab kümmern werde, bis wieder „andere Verhältnisse“ einträten.55

11.11.1945

Der 61-jährige Revierförster der Stadt Ellrich wird gegen 18.00 Uhr am Braunsteinhaus erschossen.56

16.11.1945

Ein 34-jähriger Kinobesitzer aus Aschersleben wird beim versuchten Grenzübertritt in der Gemarkung Mauderode erschossen.57 ← 55 | 56 →

26.11.1945. Wilhelm Wehner von russischen Soldaten erschossen

Links: Passfoto Wilhelm Wehners; rechts: Die Inschrift an der Linde in Großensee erinnert an den Tod von Wilhelm Wehner.

(Quelle: Gerhard Schätzlein)

Über einen weiteren Todesfall gibt eine Gedenktafel an einer alten Linde in Großensee Auskunft. Auf einer weißen Tafel an einer uralten Linde steht in schwarzer Schrift: „Hier erschossen von russischen Soldaten Wilhelm Wehner 26.11.1945“. Auf einem kleinen Rasenfeld neben der Linde ist vor einer Informationstafel im Hintergrund in der Mitte eine Hoheitssäule der ehemaligen DDR aufgestellt. Bürgermeister Dieter Platzdasch aus Berka schickte mir dazu noch ein Foto Wilhelm Wehners. Der Bürgermeister von Großensee weiß noch von einem weiteren Todesfall: „Einen weiterer Todesfall eines Flüchtlings, der von Kleinensee nach Hönebach zu Fuß gebracht wurde, kenne ich nur als Erzählung.“58

1.12.1945: Otto Novack bei Meilschnitz erstochen aufgefunden

Am 1.12.1945 gegen 11.45 Uhr teilte Bürgermeister Steiner von Weilschnitz der Landjägereistation telefonisch mit, dass im Wald von Meilschnitz ein Toter liegt. Der Landjägeranwärter Biastoch ging sofort mit zwei amerikanischen Soldaten vom Posten Meilschnitz, Bürgermeister Steiner und Edmund Schmidt aus Meilschnitz zum Fundort der Leiche. Schmidt hatte sie beim Holzmachen entdeckt. Sie lag im Moosberg etwa 250 m von der Grenze entfernt am Berghang in einer etwa ← 56 | 57 → 1 m tiefen trockenen Wasserrinne. Die Leiche lag frei mit dem Kopf nach unten ohne sichtbare Verletzungen. Das Gesicht war stark verblutet, über dem linken Auge eine kleine Schwellung, unter dem Kopf eine starke Blutlache. Kampfspuren gab es nicht.

Bekleidet war der Tote mit einer Fliegerbluse, Drillichjacke, grüner Unterjacke, hellgrünem Hemd, graugrüner Uniformhose. Neben ihm lag eine Wehrmachtsmütze. Der amerikanische Posten wollte nicht mit zur Leiche, weil das russisches Gebiet sei. Nachdem Amtsanwalt Janson vom Amtsgericht Neustadt die Leiche zum Abtransport freigegeben hatte, wurde sie vom Bürgermeister und zwei weiteren Meilschnitzern mit einem Fuhrwerk geborgen. Der amerikanische Posten wollte nicht mit zur Leiche, weil das russisches Gebiet sei. Er begleitete aber den Polizisten zum russischen Schlagbaum wo dieser die Erlaubnis zum Abtransport der Leiche erhalten wollte. Landjäger Biastoch wies zwei erschienene Sowjetoffiziere darauf hin, dass der Mann nicht an der Demarkationslinie erschossen wurde, sondern am Fundort, weil nur hier Blutspuren seien, auch, dass dieser bereits die vierte männliche Leiche bei Meilschnitz sei. Daraufhin wurde Biastoch von den Offizieren nach Kolbenrot [?] gefahren, wo anscheinend die beteiligten russischen Posten vernommen wurden. Nach nochmaliger Tatortbesichtigung wurde Biastoch nach Meilschnitz zurückgebracht. Der Offizier versprach ihm, dass der Vorfall genau untersucht würde.

Inzwischen war die Leiche zur Leichenhalle von Meilschnitz gebracht worden, wo auch Stationsleiter Witzmann mit Dr. Karcher eingetroffen war. Als der russische Kommandant mit Biastoch zurückkehrte, notierte er sich die Einzelheiten über die Auffindung der Leiche. Der Arzt stellte fest, dass der Tod am 26. oder 27. Oktober eingetreten sein muss. Die Schwellung über dem linken Auge stellte sich als Stichwunde heraus. Weitere Wunden waren nicht zu finden.

Bei dem Toten handelte es sich um den Maschinenschlosser Otto Novack, geb. am 22.1.1899 in Schmiedeberg. Er wurde aus dem Gefangenenlager Montabaur nach Bennewitz in Sachsen entlassen. Am 29.8. war er in Nürnberg und hat sich dann wie aus den Vermerken über empfangene Lebensmittel hervorgeht, in Pegnitz, Fürth, Gutzenberg, Feucht und Ansbach aufgehalten, vom 17. bis 20.11.1945 war er in Coburg. Wahrscheinlich hat er versucht, bei Meilschnitz über die Grenze zu kommen. Gepäck oder Wertgegenstände wurden bei dem Toten nicht gefunden, doch fanden sich im Strumpf noch 70 RM Papiergeld, das der Räuber nicht entdeckt hatte. Nach Freigabe wurde Novak auf dem Friedhof in Meilschnitz beigesetzt.

Für einen Mord durch russische Grenzposten erscheint die Art der Ermordung von Novack eher untypisch. Möglich, dass einer, der mit ihm über die Grenze ← 57 | 58 → wollte, den Raubmord verübt hat. Wenn man den Mord an Wilhelm Plückhan vergleicht, können beide Morde aber auch mit einer wenig durchschlagkräftigen Pistole verübt worden sein, bei der keine Ausschusslöcher entstanden und das würde auch zu den Russen passen, die ihn mitnahmen. Dass sie nicht wie sonst Maschinenpistolen verwendeten, weist vielleicht darauf hin, dass diese den Mord als Freizeitsport verübten. Dazu passt auch, dass der russische Kommandant an einer Aufklärung interessiert war.59

6.12.1945 Student wird bei Ellrich von sowjetischen Soldaten erschossen

Am 6. Dezember 1945 wurde ein 24-jähriger Student aus Ellrich am Burgberg tot aufgefunden; der genaue Todestag ist nicht bekannt; nach Angaben eines Ellricher Bürgers soll der junge Mann sich der Festnahme durch sowjetische Soldaten widersetzt haben und wurde von diesen nach heftigem Wortwechsel gegen 21.00 Uhr in der Nähe seines Elternhauses (später „Haus Süd“) erschossen und an gleicher Stelle verscharrt. Er soll erst später exhumiert und auf dem Friedhof von Ellrich beigesetzt worden sein.60

7.12.1945 Unbekannter Mann von russ. Grenzposten bei Meilschnitz erschossen (Der Name „Rudi Flöder“ mit Bleistift gestrichen)

Die angenommenen Personalien hatten möglicherweise nicht gestimmt, doch war der Mann beim versuchten Grenzübertritt am 7.12.1945 etwa 300 m vom Nordausgang von Meilschnitz von russischen Grenzposten erschossen worden. Die Leiche wurde nach dem Erschießen durch russische Grenzposten ins Gebiet der Ostzone verschleppt und dort wahrscheinlich vergraben.61

1945/46 Einbeiniger Mann bei Hönbach von Russen erschossen

Heinz Meier berichtet am Telefon, er habe folgendes erlebt: Als an der Grenze noch keine deutschen Soldaten, sondern noch Russen waren, machte er „Hasengras“ (Futter für die Hasen) auf Neustadter Flur, nahe an der Röden, auf Hönbach zu. Auf der sowjetzonalen Seite hatten die Russen das Haus Schaller besetzt (das später abgerissen wurde). Aus Richtung Bettelhecken kam ein einbeiniger Mann, auf die damals typischen Krücken (unter dem Arm) gestützt. Die Russen riefen ihn an: „Stoj, stoj!“ Der Mann reagierte nicht. Die Russen schossen mit dem Maschinengewehr auf den ← 58 | 59 → Mann, der wohl sofort tot war. In Wildenheid gab es damals einen Schmied, der packte den Mann auf den Wagen und fuhr ihn weg. Der Zeuge gibt an, der Mann habe Schaller geheißen und aus Mönchröden gestammt. (Ob der Name richtig ist oder Verwechslung wegen des „Schaller-Hauses“ konnte nicht geklärt werden.)62

1945/46 Karl Bärnreuter und Tochter bei Hönbach an der Bahnlinie erschossen

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Der Friedhof von Hönbach 1959/60 um die Jahreswende

(Foto: Kühn, Bayreuth)

Horst Pechtolt, damals zwölf Jahre alt, berichtet: Zu der Zeit, als die Grenze noch von Russen bewacht wurde, bekam meine Familie, die direkt an der Sonneberger Straße nahe der Grenze wohnte, Besuch von Verwandten. Es handelte sich um Karl Bärnreuter, den Cousin seines Vaters (Hans Pechtold), und dessen Tochter, die etwa zwölf bis 14 Jahre alt war. Familie Bärnreuter wohnte in Sonneberg, Karl Bärnreuter hatte eine Autowerkstatt bzw. Lackiererei. Sie kamen auf „Hamstertour“ mit Rucksack und Köfferchen zunächst nach Neustadt, dann weiter nach Coburg und am nächsten Tag wieder gegen Abend nach Neustadt. Die Nacht war mondhell. Es war mindestens 21 Uhr abends. Hans Pechtold warnte: „Karl, geh nicht, die sehen dich!“ Auf der Sonneberger Seite hatten die sowjetischen Soldaten im „Grünen Baum“ und am Friedhof ihre Standorte. Wir vier Pechtoldskinder und meine Eltern standen noch vorm Haus, nachdem sich die Verwandten verabschiedet hatten. Es gab damals zwei noch einigermaßen offene Stellen, wo man die Grenze überqueren konnte: an der Bahnschiene oder an der Röden entlang. Die Bärnreuters wollten an der Bahn entlang „robben“. Vater Pechtold ging durchs Schottenholz mit bis zum Bahngleis. Die Familie stand noch vor dem Haus, als sie die „Stoj, stoj!“-Rufe hörten, dann drei Salven Gewehrschüsse. Sie vermuteten sofort: „Jetzt ist es ← 59 | 60 → passiert.“ Jedoch hörten sie dann tage- oder wochenlang nichts mehr. Dann kam ein Verwandter aus Oberweißbach abends zu ihnen, der von Frau Bärnreuter geschickt worden war, um sich zu erkundigen, wo ihr Mann stecke. Hans Pechtold äußerte seine Vermutungen, der Verwandte ging zurück.

Nun wusste man immer noch nichts Gewisses, aber die Schwester der Besitzer des Fischerhauses, das direkt an der Gebrannten Brücke stand (das heißt, der nächste Nachbar zu den Pechtolds), lebte in Hönbach (später zog sie nach Neustadt, Name Canzler). Sie war selbst noch jung und hatte Kontakt zu jungen Russen, die im Grünen Baum logierten. Sie wohnte einige Häuser hinter dem Grünen Baum. Diese Schwester ließ sich das Datum des Verschwindens sagen. Damals war ein Russe zu ihr gekommen und hatte sich Schaufel und Spaten geben lassen. Als sie nun das Datum wusste, ging sie zu dem Russen und fragte ihn: „Was hast du mit Schaufel und Spaten gemacht?“ Der Russe erzählte von „kleiner Frau und großem Mann“. Die Frau ließ sich dann die Stelle zeigen. Dort fand man in geringer Tiefe verscharrt dann die Vermissten.63

27.12.45 Weibliche Leiche bei Rottenbach aufgefunden

Am 27.12.1945 wurde am Verbindungsweg Rottenbach-Eisfeld ca. 800 m nördlich Rottenbach eine unbekannte weibliche Leiche aufgefunden. Die Leiche war bereits skelettiert, jedoch noch bekleidet. Beim Auffinden war sie mit Kieferreisig verdeckt, der Schädel der Leiche wies Schussverletzungen mit Schädeldeckenzertrümmerung auf. Der Auffindungsort liegt unmittelbar an der Zonengrenze. An dieser Stelle befanden sich auch zu dieser Zeit die Posten der russischen Grenzwachen. Es wird deshalb angenommen, dass die Frauensperson durch russische Grenzposten erschossen worden ist. Trotz öffentlicher Aufrufe und Meldung an sieben Suchdienststellen war eine Identifizierung der Leiche nicht möglich. Die Leiche wurde am Auffindungsort beerdigt.64

22/023 Die Nachprüfung vom 16.12.1949 ergab noch folgendes: Nach dem Gebiss zu urteilen muss es sich um eine jüngere Frau gehandelt haben. Die Leiche war leicht verscharrt und gering mit Erde und Reisig bedeckt, Knochen der Leiche waren bereits von Tieren verzehrt, das Gehirn ausgefressen. Die Kleidung war total vermodert und ergab keine Anhaltspunkte. Vermutlich trug die Frau eine Wehrmachtshose. Sie muss mehrere Monate hier gelegen haben. Das informierte ← 60 | 61 → Zentralamt konnte nach Aktenüberprüfung keine Übereinstimmung mit der vermissten Ehefrau Elfriede Jähnig, geb. am 18.7.20 in Berlin Spandau feststellen.65

Bürgermeister Dotterweich aus Rottenbach war Ende Dezember 1945 durch illegale Grenzgänger über die Leiche an der Grenze informiert worden. Zusammen mit Hauptwachtmeister Schmidt vom LP-Posten Oberlauter und Leichenbeschauer Gertloff hatte er sich zum Tatort begeben. Sie beschrieben die Tote wie folgt: „ca. 30 Jahre alt 1,70 m groß, schlank, dunkelblondes Haar, das über Ohren und Nacken eingerollt war, längliche Kopfform, volles weißes Gebiss ohne künstliche Zähne. Nach den Kleiderresten war sie bekleidet mit dunkelblauem Jackett, langem grauem Militärmantel in unabgeänderter Form, Korsett, weißem Hemd und kniehohen schwarzen ledernen Schnürstiefeln, die nach Größe und Form Frauenstiefel waren. Neben der Leiche stand eine schwarze Einkaufstasche, leer. Schmuck, Wertsachen, Personalpapiere wurden nicht vorgefunden. Das linke Bein war bereits am Knie abgetrennt und lag neben der Leiche“.

Zusammenfassend konnte festgestellt werden, dass die unbekannte Frau wahrscheinlich die Zonengrenze überschreiten wollte und bei dieser Gelegenheit von russischen Grenzposten erschossen wurde. Nach den Aussagen der Zeugen und anderer Ortseinwohner war die Zonengrenze zu jener Zeit so dicht mit Grenzposten besetzt, dass die meisten illegalen Grenzgänger mit Erschießen rechnen mussten, zumal die Grenzposten zu jener Zeit ohne Ankündigung von der Schusswaffe Gebrauch machten. Nachdem bei der Leiche keinerlei Wertsachen gefunden wurden, erscheint eine Beraubung der Leiche wahrscheinlich. Infolge des stark zersetzten Zustandes der Leiche und der damaligen Zeitverhältnisse hat der Leichenbeschauer Gertloff aus Neukirchen die Beerdigung am Auffindungsort durchführen lassen, was ihm eine Rüge der Staatsanwaltschaft eintrug. Das Grab befindet sich noch am Auffindungsort. Es ist mit einem einfachen Sandstein gekennzeichnet, der von der Kirchengemeinde Rottenbach gesetzt wurde.

Christa Larbig und Gefährtin bei Rottenbach vergewaltigt und ermordet

Zwischen November 1945 und Anfang 1946 wurden durch Angehörige sowjetischer Grenztruppen bei Rottenbach zwei Frauen vergewaltigt und ermordet. Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Ermordung konnte die Kripo Coburg eine der Frauen identifizieren: Christa Larbig aus Eisenach. Das zweite Mädchen, mit ← 61 | 62 → dem Christa Larbig Ende 1945 in Katzbach in russischem Gewahrsam war, konnte nicht mehr identifiziert werden.66

Das Jahr 1946

Werner Heinkel berichtet aus Adelhausen

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Erinnerungen Werner Heinkels

(unveröffentlicht)

Werner Heinkel aus Adelhausen, Kreis Hildburghausen, erzählt in seinen unveröffentlichten Erinnerungen:67 „Ich war erst einige Tage daheim, als es an ein mit Brettern noch zugenageltes Fenster klopfte. Durch das Glasviereck in den Brettern hatte ich schon gesehen, dass draußen ein mir unbekannter Mann stand. Er stellte sich als Basenau vom Gut in Massenhausen vor. Er fragte mich, wie es gewesen wäre, ich war aber vorsichtig und erzählte nicht viel, weil ich nicht so recht wußte.

Aber das wurde anders, als er mir dann erzählte, er hätte meinen Eltern schon viel geholfen mit Dachziegeln und wir sollten sagen, wenn wir noch welche brauchten. Wir unterhielten uns noch, über die Gefahr einer Festnahme, weil er Gutsbesitzer war. Er sagte, er hätte eigentlich keine Angst, alle seine Arbeitsleute aus dem Osten hätten immer am Tisch mit seiner Familie zusammen gegessen. Er machte einen ehrlichen Eindruck und ich glaubte ihm. Umso entsetzter war ich, dass der Mann schon Wochen oder Monate später abgeholt wurde und nie wiederkam. Seine Leiche soll wohl mit anderen im Wald bei Häselrieth gefunden worden sein.“ ← 62 | 63 →

Aus Roßfeld wurde im September 1946 Simon Prediger am Eishäuser Weg erschossen. Aus Steinfeld am 19. Oktober 1946 Rosa Grasmuck im Flurteil „Kleine Seite“. „Es war am wohl am 5. November, als ein Gerücht durch die Dörfer ging: Am Holzberg vor Streufdorf hätten Streufdorfer Einwohner drei tote Frauen gefunden, geschändet und erschossen. Am nächsten oder war es der übernächste Tag traf ich mich mit meinem Kriegskameraden Günter Thauer und Armin Westhäuser auf dem Saal von Holland. Es waren Mädels aus Streufdorf da, einige tanzten nach dem, was jemand auf dem Klavier spielte, der erste blaue Polizist, gerade ein paar Tage hier stationiert, kam dazu und wir unterhielten uns kurz. Günter Thauer sagte zu dem Polizisten: ‚Wie kann man denn sowas anziehen, wir sind froh, dass wir das loshaben.‘ Als Günter das sagte, kam gerade der russische Kommandeur, ein Leutnant oder Unterleutnant, zum Saal herein mit noch einem Soldaten. Beide holten sich ein Glas Bier und standen nicht weit von uns. Der Polizist in der blauen Uniform hatte auf die Bemerkung von Günter anders reagiert, als wir erwartet hatten, er sagte: ‚Es muss doch wieder Ordnung bei uns hineinkommen‘, und fing mit den drei Frauen an, die man erst gefunden hatte. Kaum waren die zwei Russen in unserer Nähe, da drehte sich der Polizist um, ging die paar Schritte zu dem Offizier hin und sagte laut: ‚Deine Soldaten haben drei Frauen ermordet.‘ Der Russe bekam einen roten Kopf und sagte: ‚Njet!‘ Alle im Saal waren erschrocken und ruhig geworden, ich ging von hinten auf den Polizisten zu und packte ihn am Koppel. Er drehte sich herum, ich sagte zu ihm: ‚Du bist verrückt, bist du lebensmüde!‘, hatte aber sein Koppel wieder losgelassen. An seinen Augen sah ich, dass er meine Worte gar nicht erfasste. Er drehte sich wieder dem Russen zu und wiederholte den Satz: ‚Deine Soldaten haben drei Frauen ermordet!‘. Der Offizier wurde im Augenblick ganz grau im Gesicht und sagte: ‚Das waren Germanski-Partisani in Russki-Uniform!‘ ← 63 | 64 → Nun langte mirs, ich drehte mich zu Günter und Armin um und sagte: ‚Ich kann das nicht mehr mit ansehen, ich fahr heim‘, ging hinunter, schloß mein Fahrrad auf und fuhr heim. Da ich von dem Zeitpunkt lange nicht nach Streufdorf kam und sich mein Leben veränderte, versuchte ich dieses Geschehen zu verdrängen.

Auch hatte ich Günter einmal getroffen, er sagte mir auf meine Frage, dass der Polizist seitdem verschwunden sei. Aber dem war doch nicht so. Im Sommer 1946 war es, ich wurde bald 26, war immer noch ohne feste Bindung und wie es halt so ist, mal guckt man hier, mal dort. Die Russen, die hier stationiert waren, wussten, dass ich aus russischer Gefangenschaft entlassen war. Deshalb hatte ich eigentlich auch wenig Angstgefühle ihnen gegenüber. Aber an dem Abend war ich doch erschrocken. Es war dämmerig, als ich von Steinfeld kommend zu Fuß heimging. Da wo jetzt die leere Kaserne steht, kam mir der Kommandant, ein Oberleutnant in dunkelblauer Uniformjacke entgegen, in Rodach gingen die Sirenen zur Sperrstunde. Schon von weitem roch ich den Schnaps, den er intus hatte. Er ging direkt auf mich zu schrie: ‚Du Faschist!‘ Gleichzeitig setzte er mir die Pistole auf die Brust und drückte im selben Augenblick ab. Ich schrie, ‚Nix Faschist, ich in Sowjetlager‘. Er zog aber den Lauf der Pistole noch einmal zurück, aber da sah ich beim Drehen seiner Hand, dass die Pistole ohne Magazin war, erschrak aber trotzdem wieder, als er mir den Lauf an die Schläfe setzt, auch wieder abdrückte und zu schimpfen begann. Nun schimpfte ich auch und schrie ‚Ich morgen früh zur Kreiskommandantur!‘ Da drehte er sich um und ging laut schimpfend weiter. Ich hatte meine Entlassungspapiere herausgesucht, aber da winkte er ab, ich ging heim. Solche Momente gab’s viele an dieser Grenze, ich schreibe das nur auf, damit es nicht vergessen wird, um zu zeigen, dass wir Grenzbewohner es nicht leicht hatten.

Eines Abends, es war etwa Anfang Juni 1946, war ich im Garten. Da höre ich zwei MP gleichzeitig mehrere Salven abschießen, es war in Richtung Weidachgrund-Brückles. Kunigunde Richter trug gerade mit Eimer Wasser zur Russenunterkunft hoch. Als sie das Schießen hörte, sagte sie zu dem Postenführer: ‚Deine Soldaten machen wieder Menschenjagd‘. Er antwortete: ‚Wirr schießen nurr Wildschweine, nurrr Wildschweine‘! Zu dem Zeitpunkt dachten wir uns noch nichts dabei, geschossen wurde ja fast täglich. Nur Tage später rief mir Kuni, so wurde sie gerufen, zu: ‚Haste es schon gehört‘? Und sie fragte erst, ob wir an der Leite noch nichts bemerkt hätten, wir hatten ein Feldstück dort. Ich sagte: ‚Nein, warum‘? Und nun erzählte sie, daß ein Ehepaar aus dem Nachbarort, das Grünfutter holte, zugesehen hätte, wie zwei Russen zwei junge Frauen erschossen hätten und sie in den Wald geschleift hätten. Sie sagte mir auch den Namen der Eheleute. Ich sagte zu Kuni: ‚Hoffentlich schweigen sie.‘ Sie haben geschwiegen, sind beide verstorben. Die Frau hat bis ins hohe Alter in der LPG gearbeitet. Es war wohl ← 64 | 65 → im letzten Arbeitsjahr, ich war einen kurzen Augenblick allein mit ihr, da fragte ich sie, wann denn das damals gewesen wäre. Sie war erschrocken und sah mich nur schweigend an. Ich sagte: ‚Es ist wegen später‘. Eigentlich hatte ich gar nicht mehr dran gedacht, aber etwa vier bis fünf Wochen später ging ich mit Mutter ins Rübenhacken zu dem Feldstück am Brückles. Es war schwülwarm und schon am Waldeingang sagte Mutter: ‚Was riecht denn hier so‘? Und da roch ich’s auch, es war süßlicher Leichengeruch. Es stimmte also, was mir Kuni gesagt hatte. Seit dieser Zeit, genau ab 1946 bis 1970 und von 1990 bis jetzt habe ich nichts gefunden, keine Senkstelle. Wir konnten damals 1946 nur bei Wind dort arbeiten, es stank fürchterlich. Außer mir haben noch zwei gesucht, auch sie wußten davon.“

18.1.1946

Am 18. Januar 1946 wird eine 32-jährige Frau polnischer Herkunft auf der Straße von Ellrich nach Gudersleben von russischen Soldaten erschossen.68

23.1.1946: Herbert H. beim versuchten Grenzübertritt bei Walkenried erschossen

Am 8.2.1946 wurde Herbert H. an der Grenze bei Walkenried tot aufgefunden. Das Kreispolizeiamt Ellrich, vom Landespolizeiposten Walkenried zu den Umständen des Todes befragt, führte aus: „Auf Ihr Schreiben vom 23.1 1946 — hier eingegangen am 7.2.1946 — wird Folgendes berichtet: Es besteht hier kein Zweifel, dass Herbert H. beim unbefugten Grenzübergang von einer russischen Grenzstreife angeschossen worden ist. Bei der Leichenbesichtigung wurde festgestellt, dass Spuren eines vorhergehenden Kampfes, Würgemerkmale, Druckstellen, Kratzwunden, Strangulationen usw. an der Leiche nicht vorgefunden wurden. Leichenstarre war eingetreten, aber noch nicht vollendet. Der Körper war völlig erkaltet. Die Kehrseite der Leiche zeigte die üblichen Lagerflecken der Haut, welche durch das Ansammeln des Blutes natürlich hervorgerufen werden. Im Rücken, und zwar auf der linken Seite, etwa 10 cm von der Wirbelsäule entfernt, zwischen der 6. u. 7. Rippe, befand sich ein Einpfennigstück großer Einschuß. Der Ausschuß, etwa ein Zehnpfennig großes Loch, befand sich in der Magengegend. Der Ausschuß liegt etwa 10 cm tiefer als der Einschuß. Der Blutverlust war nur gering, es konnte dieses am Zustand der Wäsche festgestellt werden. Es handelt sich einwandfrei um einen Weitschuß. Irgendwelche Personalpapiere fanden sich nicht bei der Leiche. Bei der Leiche befand sich ein Handkoffer mit ← 65 | 66 → Damen- u. Bettwäsche sowie zwei Geldbörsen mit 33,37 RM Inhalt. Der Handkoffer stand etwa 8–10 Meter von der Leiche entfernt an einem Pfosten gelehnt. In dem Koffer befanden sich noch 13 Briefe, die höchstwahrscheinlich hier zur Post gegeben werden sollten.

H. wird sich, nachdem er angeschossen worden war, bis zur Feldscheune geschleppt haben. Dort hat er seinen Koffer abgestellt und sich ein Lager gesucht, wo er sich niedergelegt hat. Der Tod ist infolge der Schussverletzung und innerer Verblutung eingetreten. Ein Verbrechen kommt nach den getroffenen Feststellungen nicht in Frage und sind hierfür auch keine Anhaltspunkte vorhanden. Was nun den Begleiter des H., den Kurt V., betrifft, so muß berichtet werden, dass nicht anzunehmen ist, dass dieser irgendwie mit dem Ableben des H. in Verbindung zu bringen ist. V. hat bestimmt die Grenze mit einer Waffe nicht überschritten. Beide werden beim Grenzgang, nachdem sie von der russischen Streife überrascht und beschossen wurden, sich getrennt haben. Die Nachforschungen zur Ermittlung des Aufenthaltes des V. sind sofort aufgenommen worden. Ich bitte auch dortseits Nachforschungen nach V. anzustellen, damit der Tatbestand einwandfrei geklärt werden kann. Im Erfolgsfalle bitte ich umgehend nach hier zu berichten.“69

18.2.1946 Stanislaus M. fürchtet um sein Leben

Der Fleischer Stanislaus M., geb. am 8.5.1919 in T., Kreis R. wohnhaft in Walkenried, Juliushütte, erstattet folgende Anzeige:

„Am Freitagmorgen, den 15.2.46, ging ich gegen 5.30 Uhr von der Juliushütte fort, um an der Bahn entlang nach Walkenried zum Bahnhof zu gehen. In meiner Begleitung befanden sich eine Frau Z., Frau H. und Willi H. von der Juliushütte. Als wir aus dem Tunnel herauskamen, tauchten plötzlich Rudolf Hr. mit seinem Bruder und einem Polen, der sich wochenlang bei Hr. unangemeldet aufhält, vor uns auf. Sie gaben an, dass sie auf jemand warteten, von dem sie angeblich am Abend zuvor überfallen sein sollten. Als wir dann weitergingen, kamen sie jedoch hinter uns her und gingen ebenfalls zum Bahnhof. Wie ich beobachtet habe, sind sie bis Bad Sachsa gefahren und dort ausgestiegen.

Wie ich jetzt durch eine Frau G. erfahren habe, hätten diese betreffenden Personen geäußert, dass sie mich totgeschlagen hätten, wenn ich alleine gewesen wäre am fraglichen Morgen. Dieser Rudolf Hr. war im damaligen KZ-Lager als Wachmann von der SS, während ich in diesem Lager als Häftling gesessen habe.“70 ← 66 | 67 →

Ostern 1946 Sowjetsoldat durch US-Streife getötet

Ostern 1946 kam es zu einer Schießerei zwischen zwei Truppenteilen der ehemals „befreundeten Sieger“, bei der ein Sowjetsoldat getötet wurde. Sowjetische Soldaten hatten einer US-Streife mit Waffengewalt einen Jeep entwendet. Beiderseits der Demarkationslinie standen sich stundenlang gepanzerte Kräfte gefechtsbereit gegenüber.73 74

Die Sperrung der Demarkationslinie (DL) zwischen der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und den westlichen Zonen Deutschlands trat am 30. Juni 1946 durch die Kontrollratsdirektiven 43 und 49 in Kraft. Die Verordnung war auf Verlangen der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) vom Kontrollrat erlassen worden. Seit Oktober 1945 waren allein in die britische Zone Deutschlands 1,6 Millionen Deutsche aus den sowjetisch besetzten Gebieten abgewandert.74

26.5.1946 Drei Personen werden in der Mackenröder Flur tot aufgefunden

Am 26. Mai 1946 wurden an verschiedenen Orten der Mackenröder Flur drei Personen tot aufgefunden: am Mittelberg eine ca. 20-jährige Frau und ein ca. 25-jähriger Mann sowie im Steinbruch ein ca. 60-jähriger Mann.75 ← 67 | 68 →

11.9.1945 Getötet, 25.1.1946 gefunden: Zwei tote Männer bei Weißenbrunn v. W.

Am 25.1.1946 wurde in der Flurabteilung Steinauberg, Gemeinde Weißenbrunn v. W. unmittelbar an der Zonengrenze ein Grab mit zwei unbekannten männlichen Leichen aufgefunden. Die Leichen waren ausgeplündert. Sie dürften bereits seit dem 11.9.1945 im Grab gelegen haben und waren bei ihrer Auffindung skelettiert.

Beschreibung der Leichen

Die Nachprüfung vom 16.12.1949 ergab noch folgendes: Sachbearbeiter war damals der Kommissar Heringer vom LP-Posten Öslau. Das Grab wurde vom Totengräber Pohl und vom Gemeindediener Altenfelder, beide aus Weißenbrunn geöffnet. Die Leichen waren bekleidet mit Wehrmachtsfeldbluse, Keilhose, Schnallengamaschen und Schnürschuhen. Bei der Bergung der Leichen wurde ein goldener Fingerring mit grün-rotem Halbedelstein gefunden. Am Tag vor der Öffnung des Grabes hatte Bürgermeister Taubmann aus Weißenbrunn neben dem Grab einen italienischen Wäschebeutel gefunden, in den ein Stück weißes Leinen mit der Aufschrift „Lt. Senpf“ eingenäht war. Bereits zu jener Zeit wurde festgestellt und in der Anzeige festgehalten, dass in der Nähe der Zonengrenze noch auf amerikanischem Gebiet die Leichen von vier bis fünf Personen, darunter einer Frau gesehen worden sind und dass man bei Feststellung dieses Vorgangs dem Bürgermeister von Weißenbrunn den Zutritt vonseiten der russischen Grenzwachen verwehrte. Es wurden vielmehr russische Grenzposten, auch auf amerikanisch besetztem Gebiet beobachtet, die in Begleitung von Zivilisten mit kannenartigen Gefäßen und Spaten ausgerüstet wahrscheinlich die Beerdigung von erschossenen Grenzgängern durchführen ließen.76

Die neuerlichen Feststellungen der Kripo-Außenstelle Coburg ergaben folgendes: Anfang September 45 hatte der Schreiner Willy Günther aus Weißenbrunn dem Bürgermeister Taubmann mitgeteilt, dass er von illegalen Grenzgängern in Erfahrung gebracht habe, dass sich an der Zonengrenze, noch auf amerikanischem Besatzungsgebiet vier bis fünf Leichen, darunter eine Frau befinden. Daraufhin ging Taubmann mit dem 2. Bürgermeister Fleischmann, Totengräber Popp, Gemeindediener Altenfelder und Oberwachtmeister d. R. Tendera zu der ← 68 | 69 → bezeichneten Stelle am Steinauberg im Gemeindebezirk Weißenbrunn. Etwa 50 m vor der Zonengrenze wurden sie von einem russischen Grenzposten mit den Worten „Stoi! Hinsetzen!“ angerufen. Dieser Aufforderung leisteten sie vorerst keine Folge. Der Grenzposten wiederholte seine Aufforderung und brachte sein Gewehr in Anschlag, so dass sich die Männer genötigt sahen, der Aufforderung Folge zu leisten. Der Grenzposten verständigte nun mittels Taschentuch die naheliegende Grenzwache und es kam noch ein weiterer Grenzposten hinzu. Einer dieser Grenzposten ging nun auf die Männer zu und fragte: „Wo Ihr hinwollt?“ Bürgermeister Taubmann erklärte, dass hier fünf deutsche Kameraden erschossen liegen und er diese beerdigen will. Hierauf fragte der Posten: „Wer dies gesagt?“ und verlangte vom Bürgermeister Auskunft. Nachdem Taubmann erklärte, dies von einem unbekannten Grenzgänger erfahren zu haben, sagte der Grenzposten: „Du hin, Du kaputt!“ Bei diesem Ausdruck nahm der Grenzposten wieder drohende Haltung mit seinem Gewehr ein. Taubmann musste sich mit seinen Begleitern zurückziehen, ohne die Leichen gesehen zu haben. Als sie sich auf dem Rückweg befanden, sahen sie, wie ein russischer Grenzposten, der einen Zivilisten, ausgerüstet mit Kanne und Spaten, bei sich hatte, längs der Grenzlinie lief. Die Zivilperson konnte nicht erkannt werden. Die Weißenbrunner nehmen an, dass der Zivilist, wahrscheinlich ein Festgenommener, die erfahrungsgemäß solche Arbeiten verrichten mussten, die Leichen beerdigen sollte. In der Kanne vermuteten sie Chlor, der über die Leichen gestreut werden sollte.77

Auf Grund des Verhaltens der Grenzposten war den Weißenbrunnern klar, dass die Russen einen Einblick zum Tatort auf jeden Fall verhindern würden. Die russischen Grenzposten waren zu jener Zeit auf das Gebiet der amerikanischen Besatzungszone vorgeschoben und gingen auch in die angrenzenden fränkischen Ortschaften. Erst Anfang Januar 1946 zogen sie sich auf die Demarkationslinie zurück, sodass der Tatort besucht und zwei männliche Leichen ausgegraben werden konnten, wie bereits beschrieben. Nach Mitteilung des Zentralamtes vom 7.3.50 und 8.8.50 handelte es sich bei der unter b) aufgeführten Leiche um Arno Walter, geb. am 26.3.1902 zu Molschleben, Landkreis Gotha, wohnhaft ebendort Hs. Nr. 144. Der zweite wurde nicht identifiziert. Begraben wurden die beiden Toten auf dem Friedhof in Weißenbrunn.78 ← 69 | 70 →

Suche nach den unbekannten Soldaten Nr. 9

Am 10.12.1949 schickte der Posten Oeslau der Landpolizei eine Anfrage an die VP-Station Schalkau mit der Bitte, den Bürgermeister von Almerswind und die Einwohner zu den am 11.9.1945 dort gefundenen erschossenen deutschen Soldaten zu befragen. Um diese beiden ging es auch in einem Schreiben der LP Oeslau an die Bezirksinspektion Coburg vom 25.6.51.

Januar 1946 Marie Dressel bei Weißenbrunn, Kreis Coburg, ermordet

Gelegentlich der Ermittlungen zu dem Leichenfund von zwei ehemaligen deutschen Soldaten vom 25.1.1946 wurde festgestellt, dass der Bürgermeister Schubert von Emstadt, Kreis Hildburghausen im Januar 1946 dem Bürgermeister Taubmann von Weißenbrun v. W. mitgeteilt hat, dass auf dem Grenzweg zwischen Emstadt und Weißenbrunn im Bereich der amerikanischen Besatzungszone eine weibliche Leiche leicht verscharrt liegt. Taubmann verständigte hierauf den Arzt Dr. med. Stadel von Öslau, den Gemeindediener Altenfelder und den Totengräber Popp aus Weißenbrunn. Eine Polizeidienststelle wurde nicht verständigt.

Die Männer fanden am Steinauberg, Gemarkung Weißenbrunn, auf dem Flurweg am Steinauberg eine weibliche unbekannte Leiche leicht verscharrt vor. Die Leiche lag mit dem Rücken nach oben, das Gesicht war zusammengedrückt. Dr. Stadel stellte den Tod durch Erschießen fest. Vorher war die Frau vergewaltigt worden. Beschreibung der Leiche nach Angabe der einvernommenen Zeugen: Ca. 1,50 m groß, hellblondes Haar, Bubikopf. Bekleidung: Dunkelblaue Eisenbahnerhose für Frauen, Strickjacke mit schwarzem Rücken und schwarzen Ärmeln, Vorderteil bunt gestreift, schwarzer Mantel mit schwarzem Pelzaufsatz auf dem Rücken und auf den Taschen. Als Gepäck befand sich ein Wehrmachtsrucksack bei der Leiche. Der Bürgermeister von Emstadt hat am 19.2.1946 Bürgermeister Taubmann weiterhin verständigt, dass eine Marie Dressel, geb. am 27.1.1925, von ihrer Schwester Irmgard Schmidt aus Merbelsrod gesucht wird. Er hatte eine Personenbeschreibung Frau Dressels und die Beschreibung ihrer Bekleidung hinzugefügt. Dies stimmte mit der Personenbeschreibung bei der Auffindung der Leiche überein und so konnte die unbekannte Tote als Marie Dressel identifiziert werden. Marie Dressel wurde dann in Weißenbrunn eingesargt und verblieb dort im Bahrhaus. Am 5.3.1946 holte der Vater seine tote Tochter mit einem Fuhrwerk ab und brachte sie zu sich nach Haus. Der Sterbefall wurde in Weißenbrunn weder standesamtlich noch ihm Kirchenbuch eingetragen.79 ← 70 | 71 →

28.1.1946 Sonja Schingnitz aus Breitungen bei Ahlstadt erschossen

Am 28.1.1946 wurde im Forstrevier Kohlengrund, Gemeindebezirk Ahlstadt, die Leiche der Sonja Schingnitz geb. Rießmann, geb. am 26.4.1923 in Breitungen, wohnhaft in Breitungen, Hindenburgstr. 28 aufgefunden. Die Leiche lag 30 m von der Zonengrenzlinie entfernt. Der Kopf der Leiche wies zwei Pistolennahschüsse vom linken zur Schädeldecke auf. Neben der Leiche lagen zwei russische Patronenhülsen Kal. 7,65. Dies lässt darauf schließen, dass die Schingnitz durch russische Grenzposten erschossen worden ist. Die Leiche wurde auf dem Friedhof in Ahlstadt beigesetzt.80

4.2.1946 Zwei weibliche Leichen bei Rottenbach aufgefunden

Am 4.2.1946 wurden 2 km nördlich von Rottenbach am sogenannten Pfaffenteich zwei unbekannte weibliche Leichen aufgefunden. Beide Leichen wiesen Kopfschüsse auf.

Die erste war 23 Jahre alt, 1,55 m groß, hatte dunkelblonde, wellige Haare, blaue Augen, vollständige Zähne. Ein spitzes Kinn, gepflegte Hände.

Die zweite war 35 Jahre alt, 1,65 m groß, beleibt, dunkelblonde wellige Haare, gepflegte Hände, zwei Operationsnarben am Unterleib.

Trotz Presseveröffentlichung im Coburger Tageblatt am 7.12.49 und Information der sieben Suchdienststellen konnten die Frauen nicht identifiziert werden. Sie wurden auf dem Friedhof in Rottenbach beigesetzt.81

Am 6.2.46 hat der Landpolizeiposten Oberlauter Kreis Coburg Anzeige an die Staatsanwaltschaft Coburg erstattet, dass in der Gemarkung Rottenbach am Pfaffenteich, in der Nähe der Zonengrenze, noch auf amerikanischem Besatzungsgebiet am 4.2.46 zwei unbekannte weibliche Leichen aufgefunden worden sind. Sachbearbeiter war Hauptwachtmeister und derzeitiger Postenführer Schmidt von Oberlauter.

Nach dem Inhalt der Anzeige wurde am 5.2.46 gegen 11 Uhr der Auffindungsort durch Hauptwachtmeister Schmidt, Bürgermeister Dotterweich und Leichenbeschauer Gertloff gemeinschaftlich besichtigt. Im dichten Unterholz, mit Reisig notdürftig bedeckt, befanden sich die Leichen von zwei unbekannten weiblichen Personen von ca. 23 und 35 Jahren. Diese müssten schätzungsweise vier Monate ← 71 | 72 → dort gelegen haben und wahrscheinlich beim Grenzübertritt erschossen worden sein. Fingerabdrücke konnten nicht mehr gemacht werden, da die Leichen schon stark in Verwesung übergegangen waren. Beide Leichen wiesen Kopfschüsse auf. Die Frauen wurden vermutlich vor der Erschießung vergewaltigt. Eine weitere Beschreibung der Leichen und der Bekleidung enthält die Anzeige nicht.

Am Fundort der Leichen lagen umher:

Eine große aus Bast geflochtene Handtasche, rot durchwebt, Ein Rucksack, dessen Inhalt durchwühlt war,
ein weißgelbes Frottierhandtuch ein graues Dreieckstuch
ein silbernes Taschenmesser, Griff gezeichnet mit K. B. u. H. ein Knäuel weiße Wolle,
eine orangefarbene Galalith-Butterdose mit Schraubdeckel ein Nähzeug mit einem Stern schwarzen Zwirns und eine angefangene Handarbeit.

In der Anzeige ist weiter vermerkt, dass die Leichen deshalb nicht früher aufgefunden werden konnten, weil dieses Gebiet infolge der Grenznähe von der ortsansässigen Bevölkerung lange Zeit nicht betreten werden konnte. Neben der Anzeige an die Staatsanwaltschaft Coburg wurde durch den Landpolizeiposten Oberlauter auch Bericht an die Militärregierung Coburg abgegeben. Die Staatsanwaltschaft Coburg stellte am 7.2.46 das Verfahren wegen Unzuständigkeit ein. Die neuerlichen Feststellungen durch die Kriminaldienststelle ergab folgendes:82

Bei den Akten der Staatsanwaltschaft befanden sich noch die KP.-Vordrucke mit Kleiderkarten. Diese wurden den Akten entnommen, nach dem Stande der Ermittlungen ergänzt und dem Zentralamt zugeleitet. Nach Zeugenaussagen liegt folgender Sachverhalt vor: Der Maurer Alfred Fischer, wohnhaft in Rottenbach, hat mit seinem Bruder Werner Fischer am 6.2.46 das Gebiet längs der Zonengrenze auf amerikanischem Besatzungsgebiet durchstreift. Dabei fand er in der Gemarkung Rottenbach in der Nähe des Pfaffenteichs mit Fichtenreisig leicht verdeckt zwei weibliche Leichen. Zu dieser Zeit lag Schnee, doch konnte man im Schnee keinerlei Spuren, auch keine Blutspuren feststellen. Die Fischerbrüder bedeckten die Leichen wieder mit Fichtenreisig und machten bei Bürgermeister Dotterweich von Rottenbach Meldung. Bei der erneuten Befragung machte Leichenbeschauer Gertloff noch folgende Angaben:

„Ich kann die Leichen noch wie folgt beschreiben: Die eine Frau war ca. 35 Jahre alt, hatte dunkelblonde Haare, Bubikopf, volles rundes Gesicht, zarte, ← 72 | 73 → gepflegte Hände, kräftigen untersetzten Körperbau mit besonders starken Oberschenkeln. Die Leiche wiese einen Schuss am Kopf auf, Einschuß an der linken Halsseite, Ausschuß an der rechten Schläfe. Der Ausschuss war deutlich als solcher durch Splitterung erkenntlich. Ich habe die Leiche vollkommen entkleidet. Geschlechtsteil und Oberschenkel waren stark verblutet. Eine Monatsbinde fand ich nicht vor. Nach meinem Befund wurde diese Frau vor ihrer Ermordung wahrscheinlich von mehreren Mannspersonen vergewaltigt. Bekleidung: Dunkelblauer Mantel mit Applikation, schwarzes Jackett, schweres Kleid, handgestrickte weiße Unterwäsche, braune halbseidene Strümpfe, beige Strumpfbänder mit schwarzen Streifen, braune Halbschuhe. Am Ringfinger der Leiche befand sich ein Ehering, eingraviert: H. L. 20.11.41. Außerdem lag in der Nähe ein Tafelmesser mit Silbergriff und der Gravierung: K.B. u. H.

Die zweite Frau war ca. 23 Jahre alt, ca. 1.55 m groß. Sie trug ihr kastanienbraunes Haar als Bubikopf. Sie hatte ein jugendlich frisches Gesicht, blaugraue Augen, längliche Gesichtsform, schlanke Figur, vollständige weiße Zähne und gut gepflegte Hände. Die Frau trug einen dunkelblauen Mantel, eine blaue Trainingshose, zwei Pullover, davon einen hellbraun- blaugestreift, den andern fleischrot-braun, beigefarbene Unterwäsche, weiße Wollstrümpfe und braune Halbschuhe. Diese Leiche hatte ebenfalls einen Kopfschuss mit Einschuss am linken Ohr und Ausschuß zwischen Schädel und Stirn rechts. Auch diese Leiche habe ich vollkommen ausgezogen. An deren Geschlechtsteil und Oberschenkeln stellte ich ebenfalls starke Blutspuren fest. Eine Monatsbinde fand ich nicht vor. Ich bin der Überzeugung, dass auch diese Frau durch mehrere Männer vergewaltigt worden ist.“

Als Täter kommen nach den übereinstimmenden Angaben der einvernommenen Zeugen nur russische Grenzposten in Frage. Nach dem Stand der Ermittlungen wurden die Frauen nicht am Auffindungsort der Leichen erschossen, da es sich um Sumpfgelände handelt. Die Identität der Leichen konnte noch nicht mit einer Vermisstenmeldung in Zusammenhang gebracht werden. Auch für diese Personen wurden gemäß Ersuchen des Zentralamtes entsprechende Presseveröffentlichungen veranlasst.

4.2.1946 Martin Hartebrodt wird von russischem Grenzposten erschossen

Die Landjägerei-Station Neustadt bei Coburg meldet am 4.2.1946 an den Landjägerei-Bezirk Coburg: „Am 4.2.1946 gegen 14.30 Uhr teilte die Gastwirtsfrau Welsch aus Ebersdorf bei Neustadt der hiesigen Landjägerei-Station mit, dass am Nordausgang von Ebersdorf ein Mann durch russische Posten erschossen wurde. Ich meldete dies sofort an Leutnant Berry der amerikanischen Besatzungstruppe in Neustadt und fuhr wenige Minuten danach in dessen Begleitung zum Tatort, ← 73 | 74 → wobei ich folgendes feststellte: Etwa 150 m vom Nordausgang der Ortschaft Ebersdorf auf einem Feldweg innerhalb der Amerikanischen Zone lag der bereits Tote. Während Leutnant Berry mit den etwa 200 m entfernten russischen Posten verhandelte, untersuchte ich den Erschossenen und nahm seine Papiere und Wertsachen zu mir. Der Erschossene lag auf dem Rücken, seine beiden Hände und sein Krückstock lagen unter dem Rücken, das Gesicht war nach oben gerichtet und die Füße lang ausgestreckt. Bekleidet war er mit einem langen (SA)-Mantel, darunter blaugrau gefärbte Uniformjacke und braune Unterjacke, dunkle lange Hose, helle Strümpfe, Schnürschuhe. Die blaugrau gefärbte Feldmütze lag etwa 30 cm neben dem Erschossenen. Dieser hatte etwa vier Querfinger breit hinter dem rechten Ohr eine kalibergroße Einschusswunde, ein Ausschussloch war nicht zu finden. Neben dem Kopf war eine mit Regenwasser vermengte kleine Blutlache. Nach den Umständen zu schließen muss der Tod sofort eingetreten sein.“

Nachdem der Tatbestand klar lag, erfolgte nach sofortiger Benachrichtigung des Amtsgerichtsrats in Neustadt und des Staatsanwalts in Coburg die Freigabe der Leiche, worauf die Überführung der Leiche in das Leichenhaus zu Ebersdorf angeordnet wurde. Der inzwischen herbeigerufene Arzt Dr. med. Karcher von Neustadt stellte die Todesursache durch Erschießen, Steckschuss im Kopf mit wahrscheinlicher Gehirnbeteiligung, fest. Aufgrund der vorgefundenen Papiere handelte es sich bei dem Erschossenen um den 45 Jahre alten verheirateten kriegsbeschädigten Kaufmann Hartebrodt aus Lauban in Schlesien, zuletzt wohnhaft in Kulmbach, Güterbahnhofstr. 2.

Nach den Aussagen der Ebersdorfer Bevölkerung war er von einem Kameraden begleitet, der sich inzwischen auch bei der Polizei in Neustadt gemeldet hatte. Derselbe musste dem amerikanischen Kommando in Neustadt vorgeführt werden, von wo aus er nach Coburg gebracht wurde. Es handelt sich hierbei um den Koch Gerd Just, geb. 8.7.1924 aus Königsberg in Ostpreußen, zuletzt wohnhaft bei seiner Schwester Inge Müller in Kulmbach, Kulmbachgasse 20. Dieser sagte bei seiner Vernehmung folgendes aus: „Ich wurde am 20.10.45 aus russischer Gefangenschaft entlassen und wohne seit dieser Zeit bei meiner Schwester Inge Müller. Ich kenne den Kaufmann Martin Hartebrodt, welcher ein aus amerikanischer Gefangenschaft entlassener Soldat war, seit etwa drei Wochen aus Kulmbach. Er erhielt in letzter Zeit schlechte Nachrichten von seiner Frau aus Sachsen. Er hatte nun vor, seine Frau in Sachsen aufzusuchen und ihr Geld und Esswaren mitzubringen. Er war durch eine Schusswunde am Unterschenkel gehbehindert und musste sich beim Gehen eines Krückstocks bedienen. Nachdem ich nun am 4.2.46 nach Neustadt b. Coburg fahren wollte, um für meinen Neffen Spielsachen zu besorgen, bat er mich, ihm doch behilflich zu sein und ihn bis Ebersdorf bei Neustadt zu begleiten. Er wollte dort versuchen über die Grenze zu gelangen. Wir ← 74 | 75 → fuhren deshalb am Morgen des 4.2.46 früh von Kulmbach weg nach Neustadt. Von dort aus begaben wir uns nach Ebersdorf an die Gastwirtschaft. Gegen 14 Uhr begaben wir uns an den Ortsausgang von Ebersdorf, um zu sehen, wo die russischen Posten stehen. Zu dieser Zeit bemerkten wir auch zwei Frauen, die aus Richtung Ebersdorf querfeldein auf die vom Ortsrand etwa 300 m entfernt stehenden russischen Posten zugingen, ohne dass diesen Frauen etwas passierte. Durch diesen Umstand ermutigt, legte Hartebrodt sein Gepäck ab und bat mich, beim letzten Haus am Ortsrand zu warten und auf sein Gepäck aufzupassen. Er wollte nun ebenfalls zu den russischen Posten hinüber, um sie zu fragen, ob er die Grenze passieren darf. Als er jedoch etwa 150 m vom Ortsausgang entfernt auf einem Feldweg auf die russischen Posten zugelaufen war, erfolgten von drüben mehrere Gewehrschüsse. Hartebrodt drehte sich in diesem Augenblick um und versuchte zurückzulaufen, brach jedoch zusammen und blieb liegen. Ich entfernte mich daraufhin mit dem Gepäck von dieser Stelle und begab mich nach Neustadt zur Polizei, der ich den Vorfall meldete. Ich selbst wollte nicht über die Grenze, sondern am 5.2.46 wieder nach Kulmbach zu meiner Schwester zurückkehren.“ Anschließend wird noch der Inhalt seines Gepäcks aufgezählt. Die Beerdigung findet voraussichtlich am Donnerstag, 7.2.46 in Ebersdorf statt.

Durch diesen neuerlichen Vorfall im unmittelbaren Bereich des grenznahen Ortes Ebersdorf ist dessen Bevölkerung aufs äußerste erregt. Sie wagt sich fast nicht mehr auf ihre Grundstücke, um die Felder zu bestellen, da sie sich durch die in letzter Zeit vermehrt aufgetretenen Schießereien und Vorfälle gefährdet fühlen und sehr beängstigt sind. Außerdem gehen die russischen Posten dort in Ebersdorf ein und aus und fragen nach Schnaps und Lebensmittels in den Häusern. Der Bürgermeister von Ebersdorf hat dringend gebeten, für eine Abhilfe dieser dauernden unsicheren Zustände zu sorgen.83

„Am 4.2.46 wurde am Nordausgang von Ebersdorf der Kaufmann Martin Hartebrodt, geb. am 14.4.1900 in Unwürde/Sachsen, zuletzt wohnhaft in Kulmbach/Oberfranken, Güterbahnhofstr. 2, beim Versuch, die Zonengrenze zu überschreiten, durch Kopfschuss von einem russischen Grenzposten ca. 150 m vor der Zonengrenze erschossen. Die Leiche wurde im Beisein der Verwandten des Hartebrodt am 7.2.46 auf dem Friedhof in Ebersdorf bei Neustadt beigesetzt. Als der Kaufmann Martin Hartebrodt aus Kulmbach am 4. Februar 1946 nördlich von Ebersdorf die Grenze überschreiten wollte, wurde er mit einem Kopfschuss niedergestreckt.“ (Göpfert) ← 75 | 76 →

18.3.1946 Walter Greiner-Pachter bei Meilschnitz erschossen

Am 18.3.1946 wurde in der Privatwaldung Rempel, etwa 500 m nördlich Meischnitz eine unbekannte männliche Leiche aufgefunden. Die Leiche war vollständig mit Erde bedeckt und von Raubwild wieder freigelegt worden. Der Fundort der Leiche liegt unmittelbar an der Zonengrenzlinie. Es wird angenommen, dass diese Leiche von russischen Grenzposten erschossen, beraubt und verscharrt worden ist. […] Am 4.5.46 wurde diese Leiche an Hand der Kleiderkarte und Personenbeschreibung durch den LP.-Posten Neustadt b. Coburg identifiziert. Es handelt sich um Walter Greiner-Pachter, Student, ledig, geb. am 16.11.1924 in Lauscha/Thüringen, zuletzt wohnhaft in Lauscha, Bahnhofstr. 82, bei den Eltern. Er hat nach Angabe seiner Eltern im Oktober 1945 die Zonengrenze bei Meilschnitz überschreiten wollen und war seit dieser Zeit vermisst.84

Heinz Blümlein hatte 1952 bis 1962 in Lauscha als Pfarrer gewirkt. Dann war er 30 Jahre Pfarrer in Heldburg. Er stammt aus dem Hildburghäuser Land und war 1945 Schüler in der Aufbauschule Hildburghausen. Dort war der etwas ältere Walter Greiner-Pachter, ca. 1923 geboren, einer seiner Mitschüler. Als er 1952 als Vikar nach Lauscha kam, lernte er eine Familie namens Greiner-Pachter kennen. Er erinnerte sich wieder an seinen ehemaligen Mitschüler Walter und erkundigte sich bei der Familie nach ihm. „Ja, das war mein Bruder“, sagte ihm der Mann, „er ist aber leider schon tot!“ Dann erzählte Herr Greiner-Pachter, dass sein Bruder 1945 nach der Schulzeit im Westen studieren wollte. Dazu hatte er vor, bei Sonneberg über die grüne Grenze zu gehen. Dabei sei er von den Russen erschossen worden. Er sei in einem bayerischen Grenzort beerdigt worden. Der Bruder hatte eine Radiobau-Firma, geriet damit in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Seine Frau beging daraufhin Selbstmord und nahm ihre zwei Kinder mit in den Tod. Herr Blümlein weiß aus seiner Heldburger Zeit von einem Ehepaar, das noch vor dem Grenzausbau mit einem Pferdegespann über die Grenze in den Westen flüchtete.85

„Ebenfalls durch Schüsse kam der Lauschaer Student Walter Greiner-Pachter ums Leben, dessen Leiche man am 18. März 1946 in einer Privatwaldung nördlich von Meilschnitz fand. Der Tod dürfte jedoch bereits am 10. oder 11. Oktober 1945 eingetreten sein.“ (Göpfert) ← 76 | 77 →

26.3.1946 Unbekannte männliche Leiche bei Lauenstein, vielleicht Kottmann

Am 26.3.1946 wurde im Flurbezirk Haide der Gemeinde Lauenstein 30 m links vom Fußweg Lauenstein-Probstzella eine männliche unbekannte Leiche gefunden. Sie war in ein Grab ca. 40 cm tief gebettet und bei der Bergung bereits skelettiert. Der Fundort liegt unmittelbar an der Zonengrenze. Die Leiche wurde auf dem Friedhof in Lauenstein beigesetzt. Vermutlich wurde auch dieser Mann beim Versuch, die Zonengrenze zu überschreiten, von Grenzposten erschossen, beraubt und verscharrt.

Bei der Neuaufnahme der Untersuchung und der darauf erfolgten Meldung an die Chefdienststelle Ober- und Mittelfranken der Landpolizei in Ansbach am 16.12.49 wurde noch folgendes nachgetragen und ermittelt: Sachbearbeiter war bei der Erstuntersuchung der LP-Anwärter Blüml.

Demnach hatte der Landwirt Adolf Heinz von Lauenstein die Leiche im Dickicht leicht verscharrt aufgefunden. Ein Arm stand bis zum Ellenbogen aus der Erde heraus. Blüml musste die Leiche ausgraben. Sie war bereits stark verwest, das Gesicht völlig unkenntlich. Papiere wurden nicht gefunden.

Der Mann war etwa 1,80 cm groß, hatte vollständiges Gebiss, schwarze Haare. Der Rock fehlte. Er war noch bekleidet mit grünlicher Wehrmachtsdrillichhose, schwarzen Socken, schwarzen guten Schuhen, grünlichem Hemd und Unterhose. Ein schwarzer Hut lag dabei. Die Leiche war mit einer grauen Wehrmachtsdecke umwickelt. Ende September oder Anfang Oktober soll in diesem Waldgebiet ein Mann jämmerlich geschrien haben. Nachher soll ein Schuss gefallen sein. Dann sei Stille eingetreten. Es wird deshalb angenommen, dass der unbekannte männliche Tote wahrscheinlich in dem erwähnten Waldstück beim Versuch, die Zonengrenze zu überschreiten, von russischen Grenzposten erschossen und beraubt worden ist. Der Tote konnte bis dahin nicht identifiziert werden. Er wurde am 27.3.1946 auf dem Friedhof in Lauenstein beigesetzt. Das Verfahren bei ← 77 | 78 → der Staatsanwaltschaft Coburg wurde am 5.4.46 eingestellt. Am 19.11.51 schrieb Frau Hanna Kottmann aus Sonneberg, dass es sich bei der Leiche um ihren Ehemann handeln könnte.86

9.4.1946: US-Soldat erschießt Hilde Wehner

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Hilde Wehner geb. am 10.10.1928 +09.04.1946

(Quelle: Privat)

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Friedrich Göpfert mit Hilde Wehners Foto

(Quelle: Privat)

Großensee. „Mitteilung über Sterbefall“ steht auf dem kleinen grünen Vordruck. Der Name ist mit der Schreibmaschine eingetragen: Lisbeth Anna Hilde Wehner, geboren 10. Oktober 1928, gestorben 9. April 1946. Ausgestellt wurde das Formular zwei Tage später und abgestempelt in Bad Hersfeld. Die Todesursache ist auf dem Zettel nicht vermerkt.87

Noch lange nach dem Ereignis sorgte der Tod von Hilde Wehner in ihrem Heimatdorf Großensee für Aufregung. Politisch und menschlich. Denn die 17-Jährige wurde an der Grenze Großensee-Wildeck von einem Amerikaner erschossen.

Sie soll das erste Todesopfer an der innerdeutschen Grenze gewesen sein. Erkundigt sich jemand in dem 270-Seelen-Dorf nach dem Ereignis im April 1946, trifft er auf auskunftswillige Freundinnen, wird an Verwandte und Bekannte verwiesen. Viele Alteingesessene haben Hilde selber gekannt, die anderen wissen um die Ereignisse des 9. April vom Hörensagen.

Mit Mutter zum Holz sammeln

An diesem Dienstag ist Hilde Wehner mit ihrer Mutter Margarete am frühen Nachmittag in Richtung Raßdorf gegangen. Während Großensee zur sowjetischen ← 78 | 79 → Zone gehörte, saßen in dem nur knapp einen Kilometer entfernten Nachbarort die Amerikaner. Die Grenze verlief nur wenige hundert Meter hinter dem kleinen Dorf in einem Waldstück. Dorthin wollten die beiden Frauen mit ihrem Handwagen und Holz sammeln.

Wenige Meter vor der Demarkationslinie passierte das Unglück: „Hinter einem Grenzstein hat ein Amerikaner gelegen und die Hilde angeschossen, so hat es mir Ihre Mutter erzählt“, erinnert sich Margarete Wehners Schwägerin Elise Göpfert. „Die Mutter und der Amerikaner haben die verletzte Hilde dann noch in den Handwagen gepackt, nach Raßdorf gebracht und mit einem Jeep ins Hersfelder Krankenhaus gefahren. Dort ist sie noch operiert worden und dann ist der Arzt rausgekommen und hat gesagt: ‚Frau Wehner, eben ist Ihre Tochter eingeschlafen.‘“

Der Todesfall hat damals für große Aufregung in dem kleinen Dorf gesorgt. Es wurde viel darüber geredet. Die einzigen Zeugen, Hilde Wehners Eltern, sind inzwischen gestorben. Heute eine eindeutige Version des Vorfalls zu bekommen, ist unmöglich, dazu ist er durch zu viele Münder gegangen. Mal wollten Mutter und Tochter über die Grenze nach Raßdorf zum Kartoffelholen, mal starb Hilde Wehner im Krankenhaus, dann wieder auf dem Weg dorthin. „Sie hatte einen Bauchschuß“, erinnert sich die Freundin Sophie Taubert. „Falsch“, korrigiert die Tante, „sie wurde von hinten erschossen. Ich habe damals die Kleidung gesehen, der Einschuß war hinten.“

Doch egal ob das Gedächtnis dem einen oder anderen einen Streich spielt, wenn Freundinnen und Verwandte zusammensitzen und sich der Begebenheiten mit Hilde erinnern, dann versagt schon mal die Stimme und Tränen steigen hoch. Viele sichtbare Zeugnisse sind von der 17-Jährigen nicht geblieben. Die Schulfreundin Elisabeth Lange kramt noch ein Konfirmationsbild hervor. Offensichtlich ist es das einzige noch existierende Foto.

Scheu und freundlich

Auch Hildes Onkel, Friedrich Göpfert, besitzt nur dieses Portrait, vergrößert und coloriert: Scheu und freundlich blickt die junge Frau im schwarzen Festkleid mit weißen Spitzenkragen in die Kamera. Auch das Grab ist inzwischen geräumt, aber der Stein findet sich in der Scheune von Martha Stein. Die alte Dame hat zuletzt die Grabstätte gepflegt. „Den Stein heb; ich erst einmal auf“, habe sie sich nach der Auflösung Mitte der 80er Jahre gedacht. ← 79 | 80 →

Kaum noch Spuren

Verwischt sind auch die Spuren am Unglücksort. Die Natur hat sich den Grenzpatrouillenweg inzwischen zurückerobert. Der hohe, engmaschige Stahlzaun, hinter dem das Wäldchen liegt, hat erst wenige Schlupflöcher. Wo 1946 noch freies Feld war, wachsen heute dichtes Gestrüpp, Fichten und Tannen. Auch nach langem Suchen kann der Großenseer Werner Schaub den hohen Grenzstein, von dem aus der Amerikaner geschossen hat, nicht mehr finden. „Als Kinder kannten wir den Stein ganz genau, aber der muß inzwischen wohl weg sein“, vermutet der 66-Jährige.

April 1946

Der aus Vacha stammende Kurt Heidecke wird an der Grenze in der Gemarkung Vacha erschossen.88

25.4.1946 Zwei unbekannte weibliche Leichen bei Roth v. W.

Am 25.4.1946 wurden im Gemeindebezirk Roth v. W. Kreis Hildburghausen im Wald zwei unbekannte weibliche Leichen gefunden. Die Frauen waren erwürgt und erschlagen worden. Sie waren bereits in Verwesung übergegangen. Sie wurden in Roth eingesargt und in verschlossenen Särgen nach Weißenbrunn v. W. (Westzone) gebracht. Die beiden Leichen wurden am 9.5.46 auf dem dortigen Friedhof beigesetzt, weil Roth zum Kirchsprengel Weißenbrunn gehörte. Eine Beschreibung der Frauen konnte nicht mehr gefertigt werden. So war eine Identifizierung nicht möglich.89

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Grenzstelle Falkenstein zwischen Ludwigstadt und Lauenstein (google earth)

Frühjahr 1946 Vergewaltigungen bei Probstzella

In den Stollen des Schieferberges, drei Kilometer vom Falkenstein bei Probstzella entfernt, ← 80 | 81 → vergewaltigen im Frühjahr 1946 sowjetische Soldaten mehrmals aufgegriffene Grenzgängerinnen.90

9.5.1946 Herbert Günther bei Falkenstein erschossen

Am 9. Mai 1946 wird in unmittelbarer Nähe des Falkensteins der sechzehnjährige Herbert Günther aus Crimmitschau beim Versuch, die Grenze nach Bayern zu überschreiten, erschossen. Man beerdigt den Toten im nahegelegenen Lichtentanne und stellt ein Holzkreuz für ihn auf. Der Pfarrer liest den Psalm 104, Vers 9a: „Du hast eine Grenze gesetzt, darüber kommen sie nicht …“91

12.5.1946

Wilhelm Straßner, ein Invalidenrentner aus Lauenhain, Kreis Kronach, wird bei einem Spaziergang in Nähe der Zonengrenze erschossen.92

13.5.1946 Johannes Girnth bei Meilschnitz von russischem Grenzposten erschossen

Am 26.6.46 gegen 14.15 Uhr wurde der LP-Posten Neustadt bei Coburg von dem Grenzpolizeiposten Meilschnitz verständigt, dass der Grenzjäger Johannes Kroll bei einem Dienstgang zirka 500 m nördlich von Meilschnitz in einem Waldstück eine männliche Leiche gefunden hat. Der Polizeibeamte Götterer begab sich sofort zum Fundort, wo in der Zwischenzeit ein Offizier der Militärregierung und zwei Grenzpolizeibeamte erschienen waren, und stellte dort fest, dass es sich um eine männliche Leiche handle, die schon fast vollkommen in Verwesung übergegangen war. Der Oberstaatsanwalt von Coburg, telefonisch verständigt, gab die Leiche zur Beerdigung frei. Der Tote, etwa 35 bis 40 Jahre alt, war nur ganz leicht mit Kiefernreisig zugedeckt. Außer einer Ausgabe der Neuen Presse Coburg vom 11.5.1946, die sich in der linken äußeren Manteltasche steckte, hatte er keine Ausweispapiere oder sonstige Gegenstände bei sich, auf Grund derer man die Identität der Person hätte feststellen können. Die Leiche wies am Hinterkopf eine ungefähr 10 cm lange und 1 ½ cm breite Verletzung auf, die den sofortigen Tod herbeigeführt haben dürfte. Von den Kleiderresten ← 81 | 82 → wurde eine Kleiderkarte erstellt. Nachdem der Arzt Dr. Karcher aus Neustadt die Leiche zur Feststellung der Todesursache besichtigt hatte, wurde der noch unbekannte Tote am 28.6.46 auf dem Gemeindefriedhof in Meilschnitz beerdigt. Aufgrund der angestellten Ermittlungen, Aussagen verschiedener Einwohner von Meilschnitz und Wildenheid kam ich zu der Annahme, dass es sich bei dem Toten um den seit dem 13.5.46 vermissten Girnth aus Mitterlind handeln könnte, der mit einem Herrn Dötterl bei Meilschnitz versucht hatte, die Zonengrenze zu überschreiten. Girnths Gattin, Frau Katharina, und Herr Dötterl, die telefonisch hergebeten wurden, erkannten am 1.7.46 anhand der Kleiderreste Johannes Girnth wieder.93

Egon Dötterl, Architekt, geb. am 2.5.1914 in Untersal, Kreis Kelheim, wohnhaft in Mitterlind 1294 schildert den Vorgang so: „Am 13.5.1946 entschloss ich mich, zusammen mit Hans Girnth in das russisch besetzte Gebiet zu kommen, um dort persönliche Angelegenheiten zu regeln. Herr Girnth wollte seinen im Sterben liegenden Vater in Dresden besuchen und ich hatte die Absicht, in Berlin meine Angehörigen zu besuchen. Im Zug nach Coburg begegnete uns ein Herr, welcher uns erzählte, dass man die Grenze bei Meilschnitz ohne Schwierigkeiten passieren könne. Wir ließen darauf von dem eigentlichen Plan, die Grenze bei Bebra zu überschreiten, ab und gingen nach Meilschnitz, um uns dort nach der Möglichkeit eines leichteren Übertritts zu erkundigen. Am Abend des 13.5.1946 kamen wir in Neustadt bei Coburg gegen 21.30 Uhr an und machten uns sofort auf den Weg nach Meilschnitz. Dort wurden wir von einem Herrn Eichhorn besser orientiert. Er zeigte uns einen Weg, der direkt zur russischen Zonengrenze führte. Nachdem er mit uns einen Teil des von ihm beschriebenen Wegs beschritten hatte, machte er kehrt und zeigte uns noch den zur Grenze führenden Weg. Nach ca. 500 m stießen wir auf eine Waldspitze, die noch auf amerikanischem Gebiet liegt und machten dort kurze Rast. Dabei tauchte plötzlich aus dem Dunkel ein russischer Grenzposten auf, welcher uns mit schussfertiger Maschinenpistole aufforderte, mit ihm zu kommen. Wir folgten seinem Befehl und er führte uns ca. 1 km längs des Waldsaums in Richtung Meilschnitz. Nach einiger Zeit trafen wir auf einen zweiten russischen Grenzsoldaten, der im Begriff war, zwei Frauen zu vergewaltigen. Die eine der beiden bat mich, falls ich nach Sonneberg kommen sollte, dort in der Kreissparkasse ihre Eltern zu verständigen, dass sie von den Russen festgehalten würde. Mit ← 82 | 83 → vorgehaltener Pistole mussten wir unsere Rucksäcke öffnen und den Inhalt vorzeigen. Darauf wurden wir von den beiden visitiert und bekamen alles abgenommen, was wir in den Taschen hatten, auch Ausweise und Geld. Danach berieten die beiden Russen, was sie mit uns machen sollten. Ich verstand, dass wir erschossen werden sollten. Herr Girnth erhob bei der Wegnahme seiner Utensilien Einspruch, worauf ihm ein Russe mit der geballten Faust ins Gesicht schlug. Nach der erfolgten Abnahme der Sachen führte uns derselbe Russe, der uns hergebracht hatte 100 m zur Waldspitze zurück. Dort bedeutete er uns unsere inzwischen wieder eingepackten Rucksäcke zu entleeren. Wer fertig war, sollte sich an den Baum stellen. Herr Girnth, der noch dabei war, seine Sachen ordentlich aufzuschichten, wurde von dem Russen mit der Maschinenpistole bedrängt, sich zu beeilen. Er befand sich noch in gebückter Haltung. Da krachte plötzlich ein Schuss und ich sah den Feuerstrahl der Maschinenpistole in Richtung auf Girnth, der noch am Boden kniete. Im selben Moment sprang ich auf und benutzte den Augenblick um die Flucht zu ergreifen. Eine Salve von Schüssen jagte der Russe noch hinter mir her, ohne mich jedoch zu treffen. Ich ging von Meilschnitz nach Wildenheid. Dort lieh ich mir von einem Herrn Suffa einige Mark, da ich von den Russen vollkommen ausgeplündert war und nichts mehr besaß. Durch das Erlebnis, das einen derart tragischen Ausgang nahm, war ich in solch schlechter seelischer und körperlicher Verfassung, dass ich nicht daran dachte, die Polizei von dem Geschehen zu verständigen.“

Am 13.5.1946 wurde am Nordausgang von Meilschnitz der Schauspieler Johannes Erich Anton Girnth, geb. am 5.4.1904 in Dresden, wohnhaft in Mitterlind Hs. Nr. 16, Post Unterlind/Oberpfalz, beim Versuch die Zonengrenze zu überschreiten von einem russischen Grenzposten mittels Maschinenpistole erschossen. Die Leiche wurde am 28.6.46 auf dem Friedhof in Meilschnitz beigesetzt. Auch dem Schauspieler Johannes Girnth aus Mitterlind (Oberpfalz) wurde der Grenzübertritt zum Verhängnis. Mit einem Schuss in den Hinterkopf wurde er am 13. Mai 1946 am Nordausgang von Meilschnitz tot aufgefunden. (Göpfert)

24.5.1946 Walter Volbert aus Sünna von Russen erschossen

Frau Hermes weiß, dass der Mann im Krankenwagen lag und dort vor der Molkerei in Vacha von Russen erschossen wurde.95 ← 83 | 84 →

24.5.1946 Helmut von Neuhoff aus Erlangen bei Vacha erschossen96

10.6.1946 Elisabeth Schubert bei Breitensee erschossen

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Trauerdruck für Elisabeth Schubert. Abbildung gegenüber: Eintrag im Sterberegister Bad Königshofen, mitgeteilt von Herrn Kippenhahn

Am 10. Juni 1946 wurde die 34-jährige Elisabeth Schubert an der Zonengrenze bei Breitensee von zwei Russen erschossen.97 Sie stammte aus der nordböhmischen Stadt Teplitz-Schönau. Die knapp 30 000 Einwohner große Stadt war ein bedeutender Industrie- und Handelsplatz mit Textil-, Metall-, Porzellan-, Glas-, Nahrungsmittel- und chemischer Industrie. Über ¾ der Einwohner waren Deutsche. Für sie kam das Aus nach dem Ende des verlorenen Krieges. Ende Mai 1945 wurde mit der „Evakuierung“ der Reichsdeutschen begonnen und Anfang Juni mit der „Abschiebung“ der alteingesessenen deutschen Bevölkerung. Teplitz wurde zu einem wichtigen Zentrum für die Annahme und weitere Verteilung der Transporte in Richtung Zinnwald (Sachsen). Die Quellen belegen, dass bis Mitte August aus diesem Gebiet an die 30 000 Deutsche „ausgesiedelt“ wurden.98

Die Familie Schubert hatte dort eine Fabrik besessen. Nach der Vertreibung hatte sich Frau Schubert in Bad Reichenhall niedergelassen und wieder ein Geschäft eröffnet. Ob ihr Mann oder andere Familienmitglieder dabei waren, war ← 84 | 85 → bisher nicht bekannt, auch nicht, ob die Schuberts Teile ihres Besitzes aus Teplitz-Schönau retten konnten, oder ob sie im Westen Deutschlands einen Zweigbetrieb hatten. Am 24.5.2016 schickte mir Herr Katzenberger vom Standesamt Bad Königshofen die Sterbeurkunde Elisabeth Schuberts. Ihr Mann, Alfred Schubert war zur Beerdigung nach Königshofen gekommen, um den Tod beim Standesamt anzuzeigen. Seinen Beruf gab er als Textiltechniker an. Jedenfalls befand sich Frau Schubert auf einer Geschäftsreise, die sie auch in die Ostzone geführt hatte. Auf der Rückreise nach Bayern benutzte sie die „grüne Grenze“. Dabei wurde sie von zwei russischen Soldaten erschossen. In der Sterbeurkunde steht als Todesursache „Bauchschuss. Blutverlust, Herzschwäche“. Die näheren Umstände sind nicht mehr zu ermitteln. Als Wohnort der Schuberts war die Gemeinde Anger, eine selbständige Gemeinde bei Bad Reichenhall eingetragen. Von dort kam bisher noch keine Rückmeldung über die Familie oder auch über Nachkommen.

26.5.1946 Flakhelferin Hilde Müller in der Lehmgrube bei Kleintettau ermordet

Nach der Meldung vom 26.5.1946, dass eine weibliche Leiche im Wald bei Kleintettau aufgefunden wurde, begab sich Hauptwachtmeister Weig von der Kriminalaußenstelle Coburg mit dem LP-Anwärter Bernhard Weiss nach Tettau, wo sie gegen 23 Uhr eintrafen, zu spät für eine Ortsbesichtigung. Da der LP-Posten Tettau wegen Abordnung der Beamten nicht besetzt war, hatte LP Oberwachtmeister Löffler von Teuschnitz die ersten Ermittlungen durchgeführt. Dieser traf Bürgermeister Russ in Kleintettau, der mit ihm zum Tatort ging, welcher 500 m nordöstlich von Kleintettau in der Waldabteilung Lehmengrube liegt, am Abkürzungsweg nach Kehlbach. Am Tatort wurde die Tote durch Ortseinwohner bewacht. Der von Löffler angeforderte Dr. Roensch von Tettau kam gegen 17.45 Uhr. Er fuhr mit den Polizisten und dem Bürgermeister zum Tatort. Dort lag die völlig bekleidete Tote auf dem Bauch, Gesicht nach unten. Unter der Leiche eine Blutspur, die Kleidung war blutdurchtränkt. Ihre Kleidung, hellgrauer Sommermantel, hellblaue Bluse, schiefergrauer Luftwaffenrock, rotkariertes Kopftuch als Turban gebunden, war nicht in Unordnung gebracht. Löffler konnte keine Kampfspuren erkennen. Im Genick war eine Einschussstelle, auf der rechten Stirnseite eine Ausschussstelle. Der Tod musste nach dem Urteil von Dr. Roensch vor sechs bis sieben Stunden eingetreten sein. Die Leiche wurde in das Friedhofshäuschen in Kleintettau verbracht, weil noch mehr Regen zu erwarten war. Dort wurde vom Arzt im Beisein der Gerichtskommission vom Amtsgericht Kronach formell die Leichenschau durchgeführt.99 ← 85 | 86 →

Der Schuss ins Genick hatte das verlängerte Rückenmark zerstört, das Klein- und Großhirn durchschlagen und beim Austritt das Stirnbein zersplittert. Vermutliche Mordwaffe war ein kleinkalibriges Gewehr. Zeichen von Gewaltanwendung oder Vergewaltigung waren am Körper nicht zu entdecken. Verbrennungsanzeichen an den Haaren oder Schmauchspuren an der Haut der Einschussstelle sind nicht sichtbar. Solche wurden allerdings am Kopftuch gefunden und gesichert. Am Tatort keinerlei Kampfspuren. 2,50 m neben der Blutlache wurde die Patronenhülse einer Pistolenkugel vom Kaliber 9 mm gefunden. Der Geschossboden ist mit „P 405, sechszackiger Stern – 1–37“ beschriftet. Die Kugel stammt vermutlich aus deutscher Produktion. Gepäck der Ermordeten wurde nicht gefunden, Schmuck war auch nicht vorhanden. Deshalb wird Raubmord angenommen. Die Untersucher konnten nicht klären, ob ein Liebesverhältnis bestand oder ob es einen verschmähten Liebhaber gab.

Am 27.5.1946 wurde im Lauf des Vormittags in den umliegenden Ortschaften nach einer abgängigen Frauensperson gefahndet. Gleichzeitig wurden die Einwohner von Kleintettau und alle sonstig Interessierten aufgefordert, die Leiche anzusehen. Da meldete sich einer, der das Mädchen vor 14 Tagen in Alexanderhütte auf einer Tanzveranstaltung gesehen hatte. Inzwischen verdichtete sich das Gerücht, dass die Ermordete von Steinbach am Wald stammt. Inzwischen hatte Landjäger Weiss vom LP-Posten Kleintettau die Fingerabdrücke genommen, um sie für die Kleiderkarte zur Fahndung bereit zu haben. Dabei entdeckte er, dass die Tote auf der Brust unter der Kleidung einen Briefumschlag stecken hatte, der an Peter Weiss aus Steinbach a. W. adressiert war. Somit stand fest, dass die Tote dorthin Verbindung hatte. Hauptwachtmeister Weig ließ alle Leute von dort nach Kleintettau kommen, die die Tote gekannt haben könnten. Georgine Schiller von Steinbach identifizierte sie als Hilde Müller aus Berlin, die seit Oktober 1945 bei ihren Angehörigen, den Landwirtseheleuten Hans und Käthe Höps in Steinbach beschäftigt war. Auch wurden Lichtbilder der Verlebten beigebracht. Nach dem Dienstbuch – Flakwaffenhelferinnenbuch – handelt es sich um Hildegard Müller, geb. am 7.5.1921 in Sprottau (vielleicht Stadtteil von Nürnberg). Als nächste Verwandte hatte sie im Dienstbuch, eine Freundin in Berlin-Steglitz angegeben, nähere Angehörige hatte sie nicht mehr oder sie wollte mit ihnen keine Verbindung mehr haben. Der Brief an Peter Weiss, den Frau Müller bei sich hatte, wurde nach Angabe der Familie Weiss von einem Ernst Renk, in Lehesten – Schiefermühle geschrieben. Das könnte darauf hinweisen, dass Hildegard Müller dort war und von dort in den Westen ging. Der blutgetränkte Brief stammt nämlich vom 25.5.1946, dem Tag vor ihrem Tod. Es wird versucht mit der Gemeinde Lehesten in Thüringen in Kontakt zu treten.

Frau Müller hatte nach Zeugenangabe aus Kleintettau 6 000–7 000 RM bei sich. Auch deshalb wird nach einem Mann mit Rucksack gefahndet, den zwei ← 86 | 87 → Zeugen sahen, wie er die Hofstraße in der Nähe des Tatorts überquerte. Weitere Aufklärung erhoffte sich die Kripo von der Befragung von Bekannten in Berlin, bei denen Hildegard Müller anscheinend Gepäck, Wäsche und Bekleidung deponiert hatte.

Am 2.6. wurde die Patronenhülse an das Landeserkennungsamt Bayern in München geschickt. Kommissar Weiß fasst hier seine bisherigen Erkenntnisse und Vermutungen zusammen:

Da es nicht ausgeschlossen ist, dass der Täter wiederholt auftritt, oder sonstwie ein Verbrecher mit einer Schusswaffe festgenommen wird, wird die Patronenhülse mit der Bitte um eine gutachterliche Stellungnahme übersandt.“

16.6.1946 Helga Mitzenheim bei Grattstadt vergewaltigt, erschossen und beraubt

In einem Schreiben an alle zuständigen Behörden teilt der Kommissär der Landpolizei bei der Bezirksinspektion mit, dass etwa 600 m westlich Grattstadt im Forst „Düssloh“ eine weibliche Leiche gefunden wurde. Bürgermeister Max Hess von Grattstadt hatte das gemeldet. Der Landwirt Hugo Leipold aus Grattstadt Nr. 15 hatte am Sonntag, dem 16.6. in seinem Wald nach Schäden geschaut, die der Sturm vom Donnerstag angerichtet hatte und war durch den Verwesungsgeruch auf die Leiche gestoßen. Wegen der Grenznähe fuhr ein Kommando der amerikanischen Truppe mit den Wachtmeistern Schilling, Ebner und Sobotta an den Tatort.100 ← 87 | 88 →

Die Leiche lag rücklings ausgestreckt mit weit gespreizten Beinen auf einem größeren Grasfleck in einer Laubwald-Jungschonung Das Waldstück liegt etwa 800 m nordwestlich Grattstadt, etwa 400 m nördlich der Straße Grattstadt-Hetschbach ungefähr 900 m von der Grenze entfernt auf amerikanischem Gebiet. Das Gras dort war niedergetrampelt, vielleicht auch durch die Finder und herbeigeeilten Ortsbewohner. Der hinzugezogene Arzt Dr. Markert, Rodach stellte Tötung durch Kopfschuss vom linken Unterkiefer zur rechten Scheitelgegend fest. Kopf, Hände und der Unterkörper waren teilweise in Verwesung übergegangen. Der Befund lässt darauf schließen, dass die Getötete bei einem versuchten Grenzübergang einer russischen Streife in die Hände gefallen ist und nach vermutlicher Vergewaltigung sofort erschossen wurde, um anschließend beraubt zu werden. Die zerrissenen, nur noch zum Teil erhaltenen Kleidungsstücke-waren über den Unterleib hochgeschoben. Der Täter muss folglich sofort oder noch beim Geschlechtsakt den tödlichen Schuss abgefeuert haben. Sämtliches Eigentum war geraubt, lediglich am rechten Ringfinger trug die Getötete einen glatten Goldring mit den Initialen H.M.

Nach diesen Feststellungen im Beisein von Bürgermeister Heß tauchte die Vermutung auf, es könne sich um die bereits vermisste Helga Mitzenheim aus Veilsdorf handeln. Bei nochmaliger intensiver Nachforschung in der Umgebung wurde etwa 800 m vom Tatort entfernt in Richtung auf den Hochstand der Russen ein Brandherd entdeckt, an dem sich verbrannte Reste eines Handköfferchens, eine graue Wolldecke sowie der Handgriff einer Damenhandtasche und ein Fotorest fanden. Der Grenzjäger Hans Gärtner, der die junge Frau damals kontrollierte, erkannte die Stücke einwandfrei als Besitz der Mitzenheim. Nach Abmähen und mehrmaligem Durchharken des Grases am Tatort wurde eine allerdings zertretene Geschosshülse gefunden.

Die Leiche wurde nach Freigabe durch den Staatsanwalt auf besonderes Bitten der Mutter, Frau Martha Mitzenheim, durch amerikanische Vermittlung am 17.6.46 um 16 Uhr ohne Zwischenfälle nach Veilsdorf überführt. Die Mutter hatte den Ring, wie auch die Kleider- und sonstigen Überreste als Eigentum ihrer Tochter wiedererkannt. Die Mutter erzählte auch, Josef Seidennath aus Veilsdorf habe in einem Lokal die Äußerung eines Russen gehört, der geprahlt hatte: „Ein Veilsdorfer Mädchen kommt nicht mehr zurück. Ich habe sie erschossen!“ Während der Suchaktion fassten die amerikanischen Soldaten einen Russen in Zivil auf amerikanischem Gebiet und brachten ihn nach Coburg, vermutlich zum CIC. Die russische Abteilung, die sich zur Tatzeit in Veilsdorf befand, soll nach Angaben von Frau Mitzenheim nach Bürden/Thüringen in eine Waldunterkunft verlegt worden sein.101 ← 88 | 89 →

„Am 16.6.1946 wurde im Forstbezirk Dürrloh der Gemeinde Grattstadt Helga Mitzenheim, geb. 22.5.29 in Veilsdorf, Thüringen, wohnhaft dort Hs. Nr. 74a, bei ihren Eltern, tot aufgefunden. Sie hatte einen Kopfschuss vom linken Unterkiefer zur rechten Seite der Schädeldecke. Kurz vorher war sie am gleichen Tag von einem westdeutschen Grenzpolizeibeamten kontrolliert worden. Frau Mitzenheim war vergewaltigt, erschossen und beraubt worden. Ihre Kleider und sonstigen Habseligkeiten wurden unweit des Auffindungsortes verbrannt vorgefunden. Ohne Zweifel war der Täter ein russischer Grenzposten.

Die Leiche wurde am 17.6.46 nach Veilsdorf überführt und dort beerdigt“.102

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Seit dem 3. Juli 1946 errichteten sowjetische Einheiten unmittelbar an der Grenze Blockhäuser. US-Constabulary-Einheiten stellen auf westdeutschem Gebiet Wellblechbaracken auf. ← 89 | 90 →

7.7.1946 Amerikaner erschießen russischen Soldaten bei Unterzech

Am 7. Juli 1946, gegen 17.00 Uhr, überschritten zwei bewaffnete russische Soldaten bei Unterzech, Gemeinde Nentschau, Landkreis Rehau, die Zonengrenze und suchten die Gastwirtschaft Höre auf. Sie tranken dort mitgebrachten Schnaps, verfolgten dann in angetrunkenem Zustand eine 38-jährige Frau in das nahegelegene Gehöft ihres Bruders und verletzten sie dort durch Stiche mit ihren Seitengewehren am Rücken und an der Hand. Die von der Bayerischen Grenzpolizei alarmierten amerikanischen Soldaten nahmen die Russen fest und erschossen einen der beiden, als dieser bei der Festnahme Widerstand leistete.103

17.7.1946 Willi Dörre bei Rottenbach tot aufgefunden

Am 17.7.46 wurde innerhalb des Gemeindebezirks Rottenbach 200 m nördlich des Pfaffenteichs an der Zonengrenze zwischen Heid und Görsdorf eine männliche unbekannte Leiche aufgefunden.104 Sie war nur notdürftig mit Reisig bedeckt. Der Fundort der Leiche liegt unmittelbar an der Zonengrenze.

Die Leiche war bei der Auffindung bereits vollkommen skelettiert. Sie wurde am Auffindungsort beerdigt. Sachbearbeiter war damals der Hauptwachtmeister der LP Schmidt vom LP-Posten Unterlauter. Die Sache wurde durch die Kriminalaußenstelle der LP Coburg nachbearbeitet. Anzeige wurde am 20.8.50 an die Staatsanwaltschaft Coburg vorgelegt. Gefunden hatte den Mann Frl. Kückenthal aus Coburg beim Heidelbeerpflücken. Sie verständigte Bürgermeister Dotterweich von Rottenbach, der die Tatbestandsaufnahme veranlasste. Dabei waren der Bürgermeister, Hauptwachtmeister Schmidt, der Totengräber Fischer, der Leichenbeschauer Gertloff, die Pfarrersgattin Frau Grieninger und ein Kommando der amerikanischen Ortsbesatzung. Der Mann war ca. 20 Jahre alt ca. 1,60 m groß, hatte starkes dunkelblondes Haar und kräftigen Knochenbau.

Die neuerlichen Ermittlungen erbrachten den Beweis, dass der Mann, vermutlich heimkehrender Kriegsgefangener, durch einen Schuss vom Unterkiefer zur Schädeldecke erschossen wurde. Die Leiche war bei der Auffindung ausgeraubt. Zum Zwecke der Identifizierung wurden sieben Suchdienststellen, Presse und Rundfunk eingeschaltet. Nach Mitteilung des Zentralamtes vom 8.1.52 handelt es sich bei dieser Leiche um den verheirateten Maurer und ehemaligen Feldwebel der Flakartillerie Willi Dörre, geb. am 27.9.1910 zu Großenbeeren, Kreis Teltow, ← 90 | 91 → zuletzt wohnhaft in der Lutherstadt Wittenberg. Die Leiche wurde am Fundort beerdigt.105

18.8.1946: US-Soldat stirbt bei Kontrollfahrt

Auf der Straße von Sondheim/Gr. nach Mellrichstadt kommt am 18. August 1946 im „Bauholz“ ein amerikanischer Panzer von der Straße ab. Er bricht dabei einen Telefonmast ab, der einen Soldaten der Panzerbesatzung so schwer verletzt, dass er an der Unfallstelle verstirbt. Ein Gedenkstein an der Unfallstelle erinnert an den Vorfall.106

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Gedenkstein für Troy E. Brookshire aus Texas, der bei einer Kontrollfahrt verunglückte.

(Quelle: Gerhard Schätzlein)

Mitte August 1946: Otto Truckenbrodts Unfall in Herbartswind

Ingrid Resch, aus Bockstadt-Herbartswind, erzählte mir die Geschichte ihres Onkels Oskar Truckenbrodt. Mitte 1946 war bei Herbartswind eine russische Einheit stationiert. Bald kam eine Gruppe von Russen zum Bauern Otto Truckenbrodt. Auch ein Dolmetscher war dabei. Der „Kommandant“ brauchte ein eigenes Zimmer. Im Obergeschoss über dem Stall wurde ihm ein Zimmer freigeräumt.

Bald war der erst etwa 20-jährige Russe ein, wenn auch vorsichtig beäugtes, Mitglied der Familie Truckenbrodt. Diese bestand aus dem Vater Otto, der Mutter und einer Großmutter, drei Söhnen und der 1938 geborenen Tochter Elli. Eines Abends war Spinnstube im Hause Truckenbrodt. Die Mädchen des Dorfes hatten sich eingefunden, es wurde gesungen, gelacht und auch etwas getanzt. Da kam auch der Kommandant dazu. Er hätte gern auch mitgetanzt, doch die Mädchen wichen zurück. Der Russe war ihnen nicht geheuer. Da wurde der Kommandant ← 91 | 92 → selbst aktiv. Er tanzte selbst Tänze seiner Heimat, sang dazu. Die Mädchen staunten nur, doch mehr geschah nicht an diesem Abend.

Im August war Nichte Elli zu Besuch bei Truckenbrodts, der Kommandant sah sie und war anscheinend wild auf sie, er wollte unbedingt das Mädchen haben. Elli übernachtete bei der Großmutter im Zimmer. In der Nacht wachte Otto Truckenbrodt auf vom Schreien und Treppengetrappel. Er öffnete die Schlafzimmertüre, da sah er, wie der Kommandant mit aller Gewalt versuchte, zu Elli ins Zimmer zu kommen. Doch die Großmutter wehrte sich mit aller Kraft dagegen. Der Kommandant jagte sie die Treppe hinab, doch sie stieg wieder hinauf. Vater versuchte, dazwischen zu gehen, doch er wurde von dem angetrunkenen Kommandanten in sein Zimmer gesperrt. Otto versuchte aus dem Fenster zu steigen, obwohl das Schlafzimmer im ersten Stock lag. Als er sich fallen ließ, prallte er auf die Steinplatte vor dem Haus. Mit einem gebrochenen Bein schleppte er sich zum ehemaligen Bürgermeister, seinem Nachbarn, der ihn versteckte. Der Kommandant war zwar nüchtern geworden, aber er ließ jetzt nach Otto suchen. Überall standen russische Posten, und so konnte er nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Als sich die Lage beruhigt hatte und Truckenbrodt dann doch zu Dr. Ackermann nach Eisfeld gebracht werden konnte, war das Bein schwarz und musste abgenommen werden. Ein Glück, dass Truckenbrodts einen Lehrling bekamen und dass 1946 die Sudetendeutschen kamen, die für den Vater die Arbeit übernahmen, die er nicht mehr leisten konnte. Bis er eine Prothese bekam, dauerte es noch lange Zeit.

Ingrid Resch weiß, dass man in Roth einige Frauenleichen gefunden hat, auch in Herbartswind.107

16.9.1946

Am 24.9.1946 wurde am Lohberg bei Vacha die Leiche einer unbekannten Frau gefunden. Sie war am 16.9. durch Schüsse getötet worden.108

9.10.1946

Der Werkzeugschlosser Rudolf H. aus Ilbershausen (Ldk. Lauterbach), geb. 1904, wird beim Überqueren der Demarkationslinie auf Mackenröder Gebiet erschossen.109 ← 92 | 93 →

19.10.1946

Am 19.10.1946 wurden im Gemeindebezirk Roßfeld in der Nähe der Altmühle zwei Frauen von russischen Grenzposten erschossen. Die Leichen wurden von russischen Grenzposten ins Gebiet der Ostzone geschleppt. Personalien und Beschreibung dieser Leichen konnten bisher nicht ermittelt werden. Es handelt sich zweifellos um illegale Grenzgänger.110 111

Die Kontrollratsdirektive 43 vom 29. Oktober 1946 erleichtert den amtlich bisher fast gesperrten Verkehr zwischen der SBZ einerseits und den westlichen Besatzungszonen andererseits. Sie führt den „lnterzonenpaß“ ein und läßt als Gründe für den „Zonengrenzübertritt“ auch geschäftliche und familiäre Dringlichkeit zu.111

5.11.1946

Das Sterbebuch der Gemeinde Walkenried enthält eine Reihe von Todesfällen im Bereich der innerdeutschen Grenze, die jedoch nicht eindeutig mit russischen Grenzstreifen in Zusammenhang zu bringen sind. Manch einer von tausenden Grenzgängern wurde beim Überqueren der Grenze überfallen, ausgeraubt und sogar getötet. Am 5. November 1946 wurde unweit der Zonengrenze nach Ellrich die Leiche eines erdrosselten Mannes gefunden. Erst am 7. Mai 1947 wurde die Leiche als die eines zwanzigjährigen Studenten aus Leipzig identifiziert.112

16.11.1946 Tod und Verletzung bei nächtlichem Überfall in Tettenborn

„Tettenborn war nach etwa vierwöchiger Besatzung durch die Rote Armee zusammen mit Bad Sachsa im Zuge eines Gebietsaustausches Ende Juli 1945 der britischen Zone zugeordnet worden. Die neue Demarkationslinie verlief nun nur wenige hundert Meter hinter dem Anwesen des Landwirtes Friedrich K. an der Straße nach Mackenrode. Diese Straße war in Höhe des Wasserbehälters, der den sowjetischen Soldaten als Unterstand diente, durch einen Schlagbaum gesperrt. Einige Einwohner Tettenborns hatten mit Hilfe von Alkohol-, Lebensmittel- und sonstigen Geschenken zu den sowjetischen Bewachern der Grenze ein freundliches Verhältnis aufbauen können. Die Sowjets nahmen es dann mit den Kontrollen nicht so genau, sodass zahlreiche Menschen und natürlich auch Waren ← 93 | 94 → des täglichen Bedarfes auf direktem Wege in die andere Besatzungszone gelangen konnten. Ernsthafte Übergriffe der sowjetischen Soldaten auf das Tettenborner Gebiet gab es bis zum 16. November 1946 nicht.

Am Abend dieses kalten Tages bereiteten sich die Bewohner des Hauses K., zu denen neben der Landwirtsfamilie noch zwei weitere Familien gehörten, auf die Nacht vor, als gegen 21 Uhr an die Tür geklopft wurde. Beim Öffnen der Tür drangen zwei bewaffnete sowjetische Soldaten in das Haus ein, trieben die Bewohner und auch die aus dem Schlaf gerissenen Kinder in das unbeheizte Wohnzimmer, wo sie von einem der Soldaten, der mit einer MP bewaffnet war, bewacht wurden. Ein Anderer war mit dem Hausmädchen nach oben gegangen, durchwühlte sämtliche Zimmer und warf – offensichtlich aus Enttäuschung, nicht das Richtige gefunden zu haben – die Schrankkästen die Treppe hinunter in den Flur. Als das Hausmädchen von oben um Hilfe schrie und der unten verbliebene Soldat dadurch abgelenkt wurde, konnte er von dem Landwirt K. und dem Schneider B. entwaffnet und aus dem Haus getrieben werden. Ebenso erging es dann dem zweiten, der dem Schneider B. aber noch eine Stichverletzung an der Hand zufügen konnte.

Die verschreckten Bewohner wollten die zuständige Polizei von dem Vorfall informieren, wozu sie das Telefon der Gastwirtschaft B. benutzen mussten. Dort war an diesem Abend Tanz für die Dorfjugend, an dem auch der zwanzigjährige Jungbauer Karl K. teilnahm. Nachdem nun der Überfall bekannt geworden war, strömte die gesamte Dorfjugend zu dem Anwesen der K. Wenige Minuten später wurde das Haus mit MPs beschossen. Der Altbauer Friedrich K., dessen eine Schulter schon durch eine Kriegsverletzung in Mitleidenschaft gezogen war, wurde durch einen Schuss an der anderen Schulter erheblich verletzt. Die Dorfjugend und die Bewohner flohen durch das Fenster eines rückwärtigen Zimmers. Der Jungbauer und ehemalige Soldat Karl K. erwiderte mit der erbeuteten russischen MP das Feuer, um den Flüchtenden Rückendeckung zu geben. Er wurde von den eindringenden sowjetischen Soldaten mehrfach in Brust und Bauch getroffen und in der Küche, wohin er sich zurückgezogen hatte, durch einen Kopfschuss getötet.

Der Polizeibericht vermeldet, dass nach 20 Minuten, nachdem der Gastwirt B. die Polizei informiert hatte, diese mit einem englischen Kommando am Tatort eintraf. Nach Augenzeugenberichten soll es dann noch zu Schießereien mit den sich zurückziehenden sowjetischen Soldaten gekommen sein. Unklar ist nach wie vor das Motiv für den gezielten Überfall auf das Anwesen der Familie K. Sehr wahrscheinlich ist das Haus verwechselt worden. Gerüchten zufolge wollten die sowjetischen Grenzer ihren Anteil an einem mit einem Tettenborner Landwirt ← 94 | 95 → gemeinsam erlegten Wildschwein eintreiben, um den sie offensichtlich betrogen worden waren.“113

22.11.1946

Anna Herwig stammte aus Hillartshausen, dem kleinsten Ortsteil der Gemeinde Friedewald, der im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, in Hessen liegt. Am 22.11.1946 wurde sie beim versuchten Grenzübertritt in der Gemarkung Vacha erschossen.114

28.11.1946: Die Deutsche Grenzpolizei wird in der SBZ aufgestellt. Sie ist der „Deutschen Volkspolizei“ eingegliedert und untersteht dem Innenministerium des jeweiligen Landes. Die Angehörigen tragen dunkelblaue Uniformen. Daneben versehen auch russische Soldaten Grenzdienst. Unmittelbar an der Demarkationslinie werden in der SBZ erste Schneisen zur Sichtverbesserung geschlagen.

11.12.1946

Im Sterbebuch der Gemeinde Walkenried findet sich der Eintrag, dass am 9. Dezember 1946 in einer Feldscheune der Domäne Wiedigshof die 45-jährige Oberpostsekretärin M. N. aus Erfurt aufgefunden wurde. Sie war durch einen Schuss getötet worden.115

11.12.1946

Ebenfalls am 11. Dezember 1946 wurde nahe der Zonengrenze in der Flur Walkenried der 21-jährige Drucker G. Z. aus dem Raum Glauchau tot aufgefunden. Todesursache: Mord durch Schädelzertrümmerung! Am gleichen Tag wurde ebenfalls mit eingeschlagenem Schädel die Leiche der 25-jährigen Näherin C. S. aus Mühlhausen in der Nähe der Zonengrenze aufgefunden. Es ist nicht vermerkt, ob der Mord an gleicher Stelle stattfand. Beerdigt wurden beide Opfer in Walkenried.116 ← 95 | 96 →

16.12.1946

Eine 69-jährige Frau aus Gera wurde unweit der Ellricher Straße von Walkenried in der Feldmark tot aufgefunden. Todesursache: Erfrieren und Herzschlag.117

28.12.1946 Gutspächter Leo Foellmer bei Siemerode von russischem Soldaten erschossen

Siemerode/Günterode. Foellmer, Leo, Gutspächter, verh. zwei Kinder, sieben und elf Jahre, geb. am 12.11.1902, wohnhaft in Siemerode, Hauptstr. 7, wurde am 28.12.1946 von einem russischen Soldaten erschossen. Foellmer hatte Landwirtschaft studiert und wurde während des Zweiten Weltkrieges zur Betreuung großer landwirtschaftlicher Gebiete in der Ukraine eingesetzt. Er hatte ein sehr gutes Verhältnis zu den Bürgern der Ukraine und hatte neben großem Entgegenkommen und Hilfestellungen für die Gläubigen Hostien backen lassen. In Dankbarkeit hat man in der Kirche oft für ihn gebetet. Nach seiner Heimkehr im Jahr 1945 hat er bis zum Tod im Dezember 1946 das Rittergut in Siemerode (400 Morgen Land) geleitet. Am 28. Dezember 1946 fuhr er stehend auf dem Pferdewagen, ca. 500 m von der Grenze, in den Wald. Sowjetische Soldaten, die schon angetrunken waren, und in seiner Gaststätte bei seiner Frau vergeblich Wodka verlangt hatten, fuhren mit ihrem Fahrzeug Richtung Günterode und knallten ihn hinterrücks nieder. Mit einem Dolch nahmen sie ihm das Herzblut und schleppten ihn ca. 300 m entfernt in einen Kanal. Durch die Blutspur im Schnee fand man ihn, das Pferd war hinter der Grenze im Wald angebunden. Seine Frau, die Mutter von zwei kleinen Kindern, konnte den bösen Tod nicht verkraften und starb einige Jahre nach ihm im Alter von 47 Jahren. Eine Tante musste sich um die Kinder kostenlos kümmern. Das war eine sehr schwere Zeit.118

1946/47 Zwei Tote bei Henneberg

In den Jahren 1946 oder 1947 wurden zwei Menschen im Bereich von Henneberg von Russen erschossen. Der eine war der „Schneiders Rudolf“ aus Henneberg, so sein Rufname, ein Schneider, der sehr schwerhörig war. Als dieser einmal in die Flur nahe Henneberg lief, wurde er von einem russischen Posten zum Halten aufgefordert. Da Rudolf nichts hörte, hielt er auch nicht an. Ob ein Warnschuss abgefeuert wurde, ist nicht mehr erinnerlich, jedenfalls wurde der Mann darauf erschossen. Die zweite Person war eine junge Frau, dem Vernehmen nach eine ← 96 | 97 → Lehrerin, die bei Henneberg über die Grenze gehen wollte. Sie lag eines Morgens tot in einem Kartoffelacker.119

Das Jahr 1947

15.1.1947

Die Ortschronik von Pützlingen enthält die Angabe, dass am 15. Januar 1947 der Schwiegersohn des Kantors von Pützlingen120 beim Versuch, die Grenze zu überschreiten, zwischen Limlingerode und Schiedungen von Volkspolizisten erschossen wurde. Der Grenzgänger wollte sein Kind, bei seinen Eltern in der britischen Zone abholen und mit nach Hause nehmen.121

24.1.1947

In der Gemarkung Walkenried, in der Nähe des Kahlen Kopfes wurde die Leiche einer jungen Frau aufgefunden. Sie war erwürgt worden. Am 26. April 1947 konnte sie als die 26-jährige E. W. aus Bad Gandersheim identifiziert werden.122

1.2.1947

Im Walkenrieder Holz fand man die Leiche des ermordeten 76-jährigen Werkmeisters K. aus Moritzburg bei Dresden.123

13.3.1947

Im Bereich des Kahlen Kopfes der Gemarkung Walkenried fand man einen ermordeten Mann.124

23.3.1947 Männliche Leiche bei Ludwigstadt gefunden

Am 23.3.1947 wurde im Gemeindebezirk Ludwigstadt, im Loquitzbach, Nähe der Fischbachmühle eine männliche unbekannte Leiche aufgefunden. Nach dem Gutachten des Gerichtlich-medizinischen Instituts Erlangen ist der Tod dieses ← 97 | 98 → Mannes durch Ertrinken eingetreten. Anzeige wurde durch die Kriminal-Außenstelle der Landpolizei Coburg unter Tagebuch Nr. 1679/47 der Staatsanwaltschaft Coburg in Vorlage gebracht. Die Leiche ist auf dem Friedhof in Ludwigstadt beigesetzt worden. Die Identifizierung konnte bisher noch nicht erfolgen.125

25.3.1947

Ernst Hartmann aus Unterbreizbach wird bei Vacha erschossen.126

19.4.1947 Männliche und weibliche Leiche bei Ahlstadt aufgefunden

Am 19.4.1947 wurden in der Waldabteilung Ziegelhüttenweg von Ahlstadt 30 m von der Zonengrenze entfernt Skelettteile einer unbekannten männlichen und einer unbekannten weiblichen Leiche aufgefunden. Diese Leichenteile wurden vermutlich aus Gräbern von Wild ausgegraben. Irgendwelche Sachen, die zur Identifizierung verwendet werden könnten, konnten nicht beigebracht werden. Da der Fundort unmittelbar an der Zonengrenze liegt, können dort Nachgrabungen im Interesse der Vermeidung von Grenzzwischenfällen nicht vorgenommen werden.127

24.4.1947

Im Tunnel zwischen Ellrich und Walkenried wurde die Leiche eines Kindes gefunden.128

30.5.1947

Im Sterbebuch von Tettenborn wird vermerkt, dass der 14-jährige Schüler Heinz R. durch einen Brustschuss zu Tode gekommen ist.129

22.4.1947 Hans-Joachim Köcher als Grenzgänger vom Freund erschlagen

Ein grauenvoller Raubmord spielte sich in der Nacht vom 21. zum 22. April 1947 an der Grenze bei Ebersdorf/Neustadt ab, als der mehrfach vorbestrafte einundzwanzigjährige Walter Hagen aus Bad Köstritz seinen Freund Hans-Joachim Köcher erschlug. ← 98 | 99 →

Hagen, der im Zweiten Weltkrieg der Division „Feldherrnhalle“ angehört hatte und nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft aus Furcht vor Verschleppung nicht mehr in seinen ostzonalen Heimatort zurückgekehrt war, trieb sich seit 1945 in der französischen und der amerikanischen Zone herum und verdiente zuletzt sein Brot als Grenzgänger und Schmuggler von und nach der russischen Zone. Diese schwarzen Geschäfte machten ihn, wie er bei seiner Vernehmung aussagte, geizig, habgierig und kaltblütig.

Bei dieser Einstellung war es auch gar nicht verwunderlich, dass ihm bald die gepflegte Kleidung seines schwerhörigen, ebenfalls aus Bad Köstritz stammenden zwanzigjährigen Freundes Hans-Joachim Köcher in die Augen stach. Sein Wunsch, in den Besitz dieser Kleidung zu gelangen, und die Wut über den Freund, der ihn bei der Kriminalpolizei wegen Diebstahls angezeigt hatte (wohl mehr von den gemeinsamen Herbergsleuten gedrängt als aus eigenem Willen), führten zu dem Vorsatz, Köcher aus den Weg zu räumen. Hagens Misstrauen gegenüber seinem Freund soll noch verstärkt worden sein, als er von dessen Entschluss erfuhr, wieder in die russische Zone zurückzukehren. Hagen nahm an, Köcher könnte ihn dort anschwärzen.

Nachdem er in jener Nacht sein Opfer nahe der Grenze zum Schlafen in den Wald gelockt hatte, tötete Hagen – er hatte die Tat wohl überlegt, das Erwürgen des Freundes erschien ihm zu entsetzlich – den Schlafenden mit drei Knüppelschlägen auf den Kopf, wobei er die rechte Schädelseite zertrümmerte. Er besaß sogar die Kaltblütigkeit, dem regungslos Daliegenden den Puls zu fühlen, um dessen Tod festzustellen. Anschließend beraubte er den Toten, schleppte die Leiche beiseite und verscharrte sie im Laub. Vierundzwanzig Stunden später befand sich Hagen in Haft.

Die während der Verhandlung vor der Strafkammer des Landesgerichts Coburg am 5. Januar 1948 zur Schau getragene Ruhe, aus der er nur einmal hochfuhr, als ein Zeuge seinen Vater ebenfalls als arbeitsscheu bezeichnete, verließ den jungen Mörder auch bei der Verkündung des Todesurteils nicht.130

4.6.1947 Gräßlicher Raubmord an einer Grenzgängerin

„Das Gemeinschaftliche Schwurgericht Eisenach–Gotha hatte Donnerstag über ein Jugendvergehen zu urteilen, wie es die Jugend-Kriminalistik selten zu verzeichnen hat. Die Verhandlung zeigte teilweise in erschreckender Weise die furchtbaren Auswirkungen der Folgen nazistischer Erziehung, des mörderischen Hitlerkrieges und des Zusammenbruchs. Die jugendlichen Norbert Heß und Horst Witzmann ← 99 | 100 → aus Creuzburg bummelten am 4. Juni des Jahres, statt ihre Arbeitsstätten in Eisenach aufzusuchen, in der Stadt umher. Sie hielten sich am Vormittag auch am Hauptbahnhof auf, wo sie ein 20 jähriges Mädel aus Berlin kennen lernten, das illegal über die Grenze nach dem Westen wollte. Des schwarzen Grenzverkehrs und der -Verhältnisse unkundig, vertraute sie sich arglos der Führung der beiden Jugendlichen an und stellte ihnen eine höhere Summe als Entgelt in Aussicht. Die Angeklagten hatten es aber mehr auf die Wertsachen abgesehen, die sie im Gepäck des Mädels vermuteten, besonders auf die kostbaren Uhren. So reifte in ihnen bereits in Eisenach der Entschluß, das Mädel ‚umzulegen‘ und sich ihrer Sachen zu bemächtigen.

Die beiden Verbrecher hatten ihre Tageseinteilung präzis auf die scheußliche Tat abgestimmt. Wie in Eisenach vereinbart, trafen sie sich mit ihrem Opfer gegen Abend in Grenzberg am Bahnhof; mit allen Mordwerkzeugen versehen und alle Vorsichtsmaßnahmen genau beachtend, gingen sie ans Werk. Das letzte Stück des Weges, den sie nunmehr mit dem jungen Mädel gemeinsam gingen, führte über den Entenberg nach Willershausen. In einer einsamen Waldschneise gab der ortskundige Witzmann, der mit dem Gepäck voraus ging (ihm folgte das ahnungslose Mädel) dem nachfolgenden Heß verabredungsgemäß ein Zeichen, worauf Heß von hinten mit einem Ochsenziemer kräftig auf den Kopf des Mädels schlug. Das flehentliche Bitten des Opfers machte keinen Eindruck auf die beiden Verbrecher. Sie schlugen es abwechselnd mit dem Ochsenziemer nieder und Heß zerschnitt ihm mit einem Dolch die Kehle und Halsschlagader. Es hat sich nicht erwiesen, wer den linken Puls noch durchschnitt, denn die Täler beschuldigten sich gegenseitig. Sie raubten Gepäck und die Tote aus. Die Leiche zerrten sie ins Dickicht und deckten sie mit Reisig zu. Kurze Zeit darauf begaben sich Heß und Witzmann mit einem dritten Kumpan, dem aus dem Strafgefängnis vorgeführten jugendlichen Bachmann aus Creuzburg, in die amerikanische Zone. Sie schlugen sich hier auf unredliche Weise durch: trieben sich vagabundierend umher und stehen gleichsam unter dem Verdacht, in der amerikanischen Zone schwere Verbrechen geplant zu haben, für deren Ausführung sich jedoch keine günstige Gelegenheit ergab. Auf diesen abenteuerlichen Fahrten erfuhr Bachmann von dem Mord an dem jungen Mädel und bei Rückkehr erstattete er Anzeige bei der Eisenacher Kriminalpolizei.

Die beiden Angeklagten zeigten weder bei dem Lokaltermin beim Anblick der kümmerlichen Leichenreste noch in der Verhandlung vor dem Schwurgericht das geringste Zeichen von Reue und innerer Regung. In Ausführung der Tat waren beide gleich aktiv –unglaublich kaltblütig, roh und brutal. Arbeitsscheu, in ← 100 | 101 → keinem Lehr- und Arbeitsverhältnis aushaltend, bildeten sie den Schrecken von Creuzburg. Witzmann ist mutterlos und vorbestraft, Heß wuchs ohne Vater auf.

Beide waren im Jungvolk; hier lernte man bekanntlich schon den Gebrauch des Dolches, dann in der Hitler-Jugend. Wehrertüchtigungslager –Krieg – Panzerfäuste; längst war die Achtung vor dem Menschenleben erstorben. Das soll die Tat nicht entschuldigen. Die Folge offenbart aber deutlich die akute moralische Verwahrlosung der Jugend. Die medizinische Beurteilung besagt, was gleichzeitig die Verhandlung ergab, dass die jugendlichen Verbrecher mit vollem Bewußtsein, mit präziser Überlegung die scheußliche Tat begangen haben. Der Oberstaatsanwalt hatte für Heß lebenslänglich Zuchthaus und für Witzmann die Todesstrafe beantragt; das Gericht erkannte wegen Raubmordes bei Witzmann auf lebenslängliches Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit, bei ihm fand die Ausnahmebestimmung Anwendung unter Berücksichtigung seines persönlichen Werdeganges. Bei Heß erkannte das Gericht auf 10 Jahre Gefängnis. Dieser fiel noch unter das Jugendgerichtsgesetz, das nur die Höchststrafe von 10 Jahren Gefängnis zuläßt, was gleichzeitig die mildeste Strafe bedeutet.

Ein merkwürdiges Strafverhältnis, das den starken Unwillen der Öffentlichkeit hervorrief, wie es sich aber leider aus der Strafgesetzgebung ergibt: beide Täter haben bei dem furchtbaren Verbrechen gleich aktiv gehandelt; weil der eine bei Begehung der Tat noch nicht 17 Jahre alt war, fiel er unter das Jugendgerichtsgesetz und der andere, der diese Altersgrenze um einige Tage überschritten hatte, fiel unter das Strafgesetz für Erwachsene. Beide Angeklagte, die im Großen und Ganzen geständig waren, nahmen die Strafe an.

Der dritte aufgeklärte Fall, in dem Grenzgänger innerhalb eines Jahres Opfer verbrecherischer Elemente wurden. Diese furchtbare Bluttat muß eine eindringliche Warnung davor sein, sich leichtgläubig und gedankenlos sogenannten ‚Grenzführern‘ anzuvertrauen. a. e.“131

12.6.1947 Michael Wibiral stürzt beim versuchten Grenzübertritt über die Autobahnbrücke bei Göritz nachts tödlich ab

Der 48-jährige Bauer Michael Wibiral, gebürtig aus Rumänien, der sich zuletzt im Neusiedlerlager (Flüchtlingslager) Döbeln aufgehalten hatte, stürzte am 12. Juni 1947 bei Göritz von der Autobahnbrücke. Die Sterbeurkunde vermerkt als Todesursache: Der Verstorbene passierte die Autobahn bei Dunkelheit und bemerkte die gesprengte Autobahnbrücke nicht, stürzte 20 m ab, zog sich Arm-, Bein- und ← 101 | 102 → Rippenbrüche sowie einen Schädelbruch zu welche zum sofortigen Tode führten. Der Tod wurde von der Dienststelle Schleiz des Landeskriminalamts Gera untersucht.132

22.6.1947

Der 28-jährige Maurer B. aus Holzminden wird in der Gemarkung Walkenried am „Kahlen Kopf“ durch Kopfschuss getötet133.

15.9.1947

Hans Göllner aus Unterfranken kommt beim Überschreiten der Zonengrenze auf Heubisch zu Tode.134

15.9.1947 Emmy Jacob aus Weißenbrunn v. W. wird an der Grenze getötet

Am 15. September 1947 wird der Tod der Landwirtsfrau Emmy Jacob aus Weißenbrunn v. W. bekannt.135

16.9.1947 Verschleppung einer erschossenen Frau bei Roßfeld

Ein anderer Fall der Verschleppung einer erschossenen Frau in die Sowjetzone ist aus Roßfeld unter dem 16. September 1947 bekannt geworden.136

18.10.1947 Kurt Schuster und Paul Fiedler stürzen beim versuchten Grenzübertritt über die Autobahnbrücke bei Sparnberg nachts tödlich ab

Der Mechaniker Kurt Schuster, wohnhaft in Schöneck, und der Bandagist Paul Fiedler aus Klingenthal, beide aus dem Vogtland, wurden am 22.10.1947 nach Mitteilung der Kriminalpolizei in Schleiz tot unter der teilgesprengten Autobahnbrücke bei Sparnberg aufgefunden. Sie waren in der Nacht beim Versuch, die Grenze über die Brücke zu überschreiten, beim gesprengten Bogen abgestürzt. ← 102 | 103 → Der hinzugerufene Arzt Dr. Schmalz stellte den Tod fest und änderte den Todestag auf den 18.10.1947.137

illustration

Die teilgesprengte Autobahnbrücke bei Sparnberg

(Quelle: Gerhard Schätzlein)

19.11.1947

Lothar Koch aus Sünna wird bei Vacha an der Grenze erschossen.138

Das Jahr 1948

29.1.1948 Hans Böttcher wird bei Vacha an der Grenze erschossen

Hans Böttcher aus Aue in Sachsen wird am 29.1.1948 bei Vacha beim Versuch, die Grenze zu überschreiten auf dem Gebiet der SBZ in der Gemarkung Vacha erschossen.139

6.3.1948 Zwei sowjetische Soldaten bei Vacha erschossen

Am 6.3.1948 gegen 11 Uhr meldeten zwei Zivilisten, dass sie vor einer Stunde zwischen Vacha und Unterbreizbach in der Flur Sturz bzw. Larau nahe der Grenze zwei russische Soldaten erschossen aufgefunden hätten.140 Eine Stunde vorher ← 103 | 104 → hatten sie eine heftige Schießerei gehört. Weitere Ermittlungen waren nicht möglich, da das Gebiet sofort durch russische Soldaten abgesperrt wurde.141

22.3.48 Zwei Frauen im Harz bei Ilsenburg beraubt, verletzt und getötet

In der Nacht vom 21. auf 22.3.1948 wurden bei Beckenzthal142 in Richtung Brecken-Ilsenburg/Harz zwei Frauen durch einen Mann niedergeschlagen. Die Frauen wurden ihrer Kleidung beraubt und hatten nur noch wenig am Leib. Eine Frau ist tot und eine schwer verletzt.143

27.3.1948 SBZ-Grenzpolizist Joachim Berg in Unterwellenborn von 16-Jährigem erschossen

Am Bahnhof Unterwellenborn wurde am 27.03.1948 gegen 11 Uhr der Oberwachtmeister der Thüringer Grenzpolizei Joachim Berg von Unterwellenborn (Kreispolizei-Direktion Saalfeld) in Ausübung seines Dienstes erschossen. Täter war der 16-jährige Jugendliche Karl-Heinz Kornpropst aus Roeblitz. (Röglitz?) Im Laufe der Untersuchung wurden zwei weitere Jugendliche festgenommen, die zwar mit der Tat selbst nichts zu tun hatten, jedoch im Besitz von Waffen waren. Nach Zeitungsmeldungen hatten sich die Jugendlichen zu Banden an der Grenze zusammengerottet.144

20.4.1948: Grenzpolizist begeht in Saalfeld mit Freundin Selbstmord

Am 20.4.1948 beging der in Saalfeld wohnhafte Wachtmeister der SBZ-Grenzpolizei, der 28-jährige Paul Henneberg in Saalfeld zusammen mit seiner Geliebten Selbstmord durch Gasvergiftung. Grund dafür war vielleicht die Versetzung zum Kommando Wenigentaft, Kommandantur Frauensee ganz im Westen Thüringens.145 ← 104 | 105 →

5.5.1948

Am 5.5.1948 gegen 20.30 Uhr beging der auf dem Kommando Heinersdorf diensttuende Schutzmann Erich Fischer, 20, wohnhaft in Leipzig Selbstmord mit der Dienstwaffe.146

7.5.1948 Günter Hilbig von SBZ-Grenzpolizei bei Günterode erschossen

Eine Streife vom Kommando Günterode, Abteilung Teistungen, traf am 7.5.1948 um 3 Uhr einen Grenzgänger in einem Graben sitzend an, der beim Anblick der Polizisten die Flucht in Richtung Wald ergriff. Wachtmeister Gossel forderte den Flüchtigen viermal zum Stehenbleiben auf. Der lief weiter, worauf der Wachtmeister einen Warnschuss abgab. Da drehte der Flüchtige sich um und rief: „Ich bleibe nicht stehen, Ihr Schufte!“ und setzte die Flucht fort. Nun gab Wachtmeister Gossel auf den Fliehenden einen Schuss ab. Der Mann fiel zu Boden und rief nochmals „Ihr Schufte!“ Als die Grenzpolizisten ihn erreichten, war er tot, verblutet. Gossel lief zum Kommando und benachrichtigte Kommandantur, Abteilung, Truppenkommandeur und die zuständige Kriminalpolizei. Der Mann hieß Günter Hilbig, war 19 Jahre alt und wohnte in Saalfeld. Die Angehörigen wurden verständigt.147

7.7.1948 Otto Fischer von SBZ-Grenzpolizei bei Heinersdorf erschossen

Am 7.7.1948 waren die Schutzleute vom Kommando Sägewerk Heinersdorf, Erich Buchheim, geb. am 26.8.08., wohnhaft in Molkau bei Leipzig, und Heinz Piekenhahn, geb. am 21.11.1921, wohnhaft in Leipzig, auf Streifengang längs der Bahnlinie Rappelsburg – Heinersdorf. Da bemerkte Buchheim am Ufer der Tettau im Bereich des Sägewerks-Lagerplatzes in etwa 30 m Entfernung einen unbekannten Zivilisten. Auf seinen Anruf hin entfernte sich der Mann in Richtung Heinersdorf. B. nahm sofort die Verfolgung auf und entdeckte dabei, dass der am gleichen Tag von den Grenzpolizisten angelegte Notsteg durch das Hochwasser zur Hälfte weggerissen war. Da ein Übergang hier nicht möglich war, überquerte er den Fluss über die 100 m oberhalb liegende Straßenbrücke. Unterhalb des Sägewerks gelang es ihm, den Unbekannten einzuholen, der im Begriff war, durch das Wasser watend das jenseitige Ufer zu gewinnen. Buchheim rief den Unbekannten wieder an und leuchtete ihn mit seiner Taschenlampe an. Als dieser wieder nicht reagierte, gab er einen Warnschuss ab. Der Unbekannte drehte sich nach dem ← 105 | 106 → Schützen um, blieb aber nicht stehen, sondern stieg am Ufer hoch um die Flucht fortzusetzen. Darauf rief B. nochmals, er solle stehen bleiben oder er würde scharf schießen und leuchtete den Flüchtigen nochmals an. Nachdem immer noch keine Reaktion erfolgte, schoss B. aus ca. 30 bis 40 m auf den Unbekannten, der jenseits des Ufers in Richtung Zonengrenze lief. Der Mann fiel zu Boden. B. stellte seinen Tod fest, begab sich zum Kommando zurück und meldete den Vorfall, der nach Herstellung der Telefonverbindung mit Berlin sofort der Kommandantur gemeldet wurde. Schutzmann Pekenhagen bestätigte dabei die Angaben des B. Die Kommandantur verständigte sofort die Mordkommission, die Kripo Sonneberg, Abteilung Stab Köppelsdorf, die Stadtpolizei Sonneberg, sowie die russische Grenzkommandantur. Gegen 2 Uhr traf die Mordkommission am Tatort ein. Die Personalermittlungen ergaben, dass es sich bei dem Toten um den Schneidmüller Otto Fischer, geb. am 13.1.00, wohnhaft in Heinersdorf, Bahnhofstraße handelte. Nach vorläufigen Ermittlungen war anzunehmen, dass Fischer versuchte, aus dem Sägewerk Heinersdorf Holzstämme ins Wasser zu rollen und begünstigt durch das Hochwasser in die Amerikanische Zone schwimmen zu lassen und somit zu stehlen. Der Tote hielt noch einen Flößerhaken in der Hand. Es musste angenommen werden, dass sich Fischer durch Flucht in die amerikanische Zone der Verhaftung entziehen wollte. Der Schutzmann Buchheim hat, wie die angestellten Ermittlungen und Vernehmungen ergaben, mit voller Überlegung und vollem Recht gemäß der Dienstanweisung und Schusswaffengebrauchs-Vorschrift für die Grenzpolizei vom 23.8.47 von Marschall Solokowski § 20 derselben von der Schusswaffe Gebrauch gemacht.148

3.6.1948 unbekannter Mann bei Schwärzdorf von Russen erschossen149

23.8.1948 Unbekannter bei Fürth am Berg durch Bauchschuss tödlich verletzt

Am Abend des 23. August 1948 kam es im heutigen Stadtteil Fürth am Berg unmittelbar an der Grenze zu einem Zwischenfall, bei dem ein Mann aus Erlangen durch einen Bauchschuss so schwer verletzt wurde, dass er noch in derselben Nacht im Landkrankenhaus Coburg verstarb. Der Fremde, der sich vermutlich unter falschem Namen in der Gastwirtschaft Bätz eingemietet hatte, begab sich gegen 21 Uhr an die Zonengrenze. Was er dort wollte, konnte nie ermittelt werden. Es ist aber anzunehmen, dass er in eine Falle gelockt worden war und die Flucht ← 106 | 107 → ergriff, als er seine Lage erkannte. Dabei wurde der Mann vom Postenführer der thüringischen Grenzpolizisten verfolgt und angeschossen.

Mit letzter Kraft schleppte er sich in die etwa 100 Meter von der Grenze entfernt liegende Gastwirtschaft Bätz. Aber selbst dort war er nicht sicher, denn einer der thüringischen Grenzwächter kam sogar bis in die Gaststube und versuchte den Schwerverletzten festzunehmen. Auf seine Hilferufe eilten bayerische Grenzpolizisten hinzu, worauf sich der Verfolger zurückzog. Die bayerischen Grenzpolizeibeamten, die nun ihrerseits die Verfolgung aufnahmen, wurden an der Demarkationslinie von den drei thüringischen Grenzern mit vorgehaltenen Pistolen bedroht. Dabei forderten die thüringischen Grenzpolizisten die sofortige Auslieferung des Angeschossenen, da er angeblich von der Polizei beider Zonen wegen eines Sprengstoffanschlages gesucht wurde.

Gegen 22.30 Uhr kam der Schwerverletzte ins Landkrankenhaus Coburg. Doch während sich die bayerischen Grenzjäger bemühten, die Personalien des Angeschossenen aus dem Fremdenbuch der Gastwirtschaft festzustellen, drangen plötzlich die thüringischen Grenzpolizisten mit vorgehaltenen Pistolen und dem Ruf „Hände hoch“ in die Gaststube ein. Bei dem anschließenden Handgemenge gab ein thüringischer Grenzpolizist einen Schuss auf einen bayerischen Grenzjäger ab, der jedoch sein Ziel verfehlte. Als danach die thüringischen Grenzpolizisten die Flucht ergriffen, konnte einer von ihnen festgenommen und der amerikanischen Militärpolizei übergeben werden.150

5.10.1948

Der Konditor Hans K. aus Thierbach, geb. 1921 in Meineweh/Weißenfels, wird in der Feldmark Branderode am Junkernholzweg beim Grenzübergang erschossen aufgefunden.151

9.10. – 10.10.1948 Fünffacher Mord in Northeim?

Die Abteilung Grenzpolizei und Bereitschaften Thüringen, Hauptabteilungsleiter Rentzsch, meldet am 3. 11.1948 an die Hauptabteilung GP, Herrn Präsidenten Dr. h.c. Fischer: Der wegen illegalen Grenzübertritts von West nach Ost am 24.10.48 festgenommene Erich Fasse, geb. am 23.8.27 in Vogelbeck Krs. Nordheim (engl. Zone), wohnhaft daselbst, Dorfstr. 54, machte bei seiner Vernehmung ← 107 | 108 → folgende Aussagen: „Ich bin als Wagenwäscher bei der Reichsbahn in Nordheim (engl. Zone) beschäftigt. In dieser Eigenschaft wurde ich in den frühen Morgenstunden vom 9.10. – 10.10.48 Zeuge eines mir unvergesslichen Vorfalls.

Auf den Rangiergeleisen stand ein mit Lebensmitteln beladener Güterzug, welcher der in der Westzone stationierten US-Army zugeführt werden sollte. Fünf junge Deutsche entfernten in einem unbewachten Augenblick die Plombe eines Wagens und entwendeten einige Säcke Mehl. Als sie im Begriff waren, das Diebesgut auf einem Feld, welches unweit der Bahnlinie lag, zu verstecken, wurden sie von einem deutschen Polizisten gestellt. Der Polizist übergab obengenannte Personen einem Sergeanten der amerikanischen Militär-Polizei, welcher zur Bewachung des Zuges abgestellt war. Dieser Sergeant befahl dem deutschen Polizisten, nachdem die Täter eine Stunde mit erhobenen Händen am Tatort gestanden hatten, die sofortige Erschießung der fünf Jungen Deutschen vorzunehmen. Der deutsche Polizist widersetzte sich dieser Anordnung, erklärte diesen Befehl als ungesetzlich und entfernte sich vom Tatort. Daraufhin griff der amerikanische Sergeant selbst zur Maschinenpistole und erschoss eigenhändig diese fünf jungen Deutschen (Standrecht). Einer der Männer, welcher nicht tödlich getroffen war, verstarb im Krankenhaus zu Nordheim.“152

Oben angeführte Aussagen des Erich Fasse wurden am 24.10.1948 im Beisein eines Angehörigen der russ. Abwehrstelle Worbis protokolliert. Die Urschrift mit der rechtsgültigen Unterschrift des Fasse befindet sich in den Händen der russ. Truppen-Kdtr. Worbis.

Der in dieser Abschrift genannte Ort „Nordheim“ ist offensichtlich „Northeim“ in dessen Nähe sich auch der Ort „Vogelbeck“ findet. Ich versuchte diese Meldung zu überprüfen. Wenn sie stimmte, mussten ja die Todesfälle im Standesamt dokumentiert sein. Bei meiner Anfrage beim Standesamt Northeim erhielt ich folgendes Ergebnis:

„Guten Morgen Herr Schätzlein, ich habe mir das Jahr 1948 vorgenommen. Ich habe vorsichtshalber das ganze Jahr und die Monate Januar, Februar, März im Jahr 1949 durchgesehen. In diesem Zeitraum sind keine Personen am gleichen Tag verstorben. Lediglich am 17.09.1948 sind drei Männer verstorben. Kommt aber wohl vom Alter nicht hin: 50, 61 und 40 Jahre alt. Todesursachen sind hier leider nicht verzeichnet. Auch keine genau definierten Sterbeorte. An den von Ihnen genannten Tagen (09.10. und 10.10.) sind ‚nur‘ 2 Frauen verstorben. Mit freundlichen Grüßen Sylvia Binnewies, Standesamt Northeim“. ← 108 | 109 →

Insofern muss die Meldung der Grenzpolizei der sowjetisch besetzten Zone und Fasses Aussage mit Vorbehalten betrachtet werden. Allerdings gibt es mehrfach Hinweise, dass Erschießungen durch die jeweilige Besatzungsmacht nicht dokumentiert wurden.

10.11.1948 SBZ-Wachtmeister Sager wird bei Lindenau erschossen

Der Polizei-Wachtmeister Sager vom Kommando Lindenau wurde am 10.11.48 gegen 15.40 Uhr von unbekannten Personen erschossen, als er seinen Streifengang durchführte. In einem Fernschreiben an die sowjetische Militäradministration, Verwaltung für Inneres, Herrn Obergeneralmajor Gorochow in Berlin-Karlshorst, wurde die Landespolizeibehörde Thüringen deutlicher: Am 10.11.1948 um 15.45 Uhr wurde der Wachtmeister Paul Sager der Grenzpolizeibereitschaft Hildburghausen, Grenzkommandantur Heldburg, Grenzkommando Lindenau, 150 m diesseits der Demarkationslinie durch einen Schuss aus der amerikanischen Zone heraus, schwer verwundet. Der Tod trat durch Verblutung ein. S. war Pendelposten an der Grenze. Sein Begleiter, der Polizeianwärter Gerhard Nitsch, beobachtete den Vorgang und versuchte die erste Hilfe zu leisten, die jedoch erfolglos war. Personen wurden auf amerikanischem Gebiet nicht beobachtet, es wurde nur der Ausschuss gehört. Erst später stellte sich heraus, dass ein Kollege den Mann beim „Krieg spielen“ erschossen hatte. Der Fall wird in einem eigenen Abschnitt ausführlich dargestellt.153

4.12.1948

Paul Weese aus Vacha wird beim versuchten Grenzübertritt bei Vacha erschossen.154

Das Jahr 1949

11.1.49 Adolf Wieczorek wird von Sowjetsoldaten bei Seibis erschossen

Am 11.1.1949 gegen 7:10 Uhr wurde der Bürger Wieczorek Adolf geb. am 5.12.1910, wohnhaft und polizeilich gemeldet in Kauschen Krs. Calau, Wolkenbergstr. Nr. 11, während des illegalen Überschreitens der Zonengrenze von West nach Ost an der Dorschenmühle bei Seibis von einem Posten der sowj. Besatzungsmacht durch Abgabe von mehreren Schüssen tödlich verletzt. Die Streife ← 109 | 110 → des Kommandos Seibis – Pol. Anw. Zebedies und Lerche vernahmen die Schüsse und begaben sich sofort zum Tatort, wo ein Angehöriger der sowjetischen Besatzungsmacht bei dem am Boden liegenden Opfer gefunden wurde. Polizeianwärter Zebedies benachrichtigte sofort das in Seibis liegende sowjetische Grenzkommando sowie den Leiter des Grenzpolizeikommandos in Seibis. Vom Kommando Seibis wurde Dr. Zellfelder aus Blankenstein verständigt. Dr. Zellfelder traf um 7:48 Uhr am Tatort ein und stellte bei W. den Tod durch Lungenschuss und innere Verblutung fest. Die Grenzkommandantur Wurzbach verständigte den Kreispolizeiposten in Lobenstein, der die Aufhebung der Leiche vornahm. Nach Freigabe der Leiche wurde dieselbe nach Harra überführt und am 12.1.1949 auf dem dortigen Friedhof beigesetzt.155

22.1.1949 Zimmermeister Christian Müller bei Weißenborn erschossen

Am 22. Januar 1949 kurz nach 20 Uhr klopft es laut an die Tür der Polizeistation von Weißenborn. Zur Tür herein kam der junge Helmut Müller aus Weißenborn. Er schleppte seinen Vater mit sich, ließ ihn in der Station zu Boden sinken. Christian Müller war totenbleich, ohnmächtig. Beide waren blutüberströmt von einer Wunde des Vaters am Bauch. Helmut hatte sie mit seinem Hemd notdürftig verbunden. Der Stationsleiter versuchte sofort die Polizeiinspektion in Göttingen zu erreichen, den Arzt in Gleichen und das Rote Kreuz. Dann verständigte er Bürgermeister Mohnheim. Der kam auch gleich, aber Hilfe von außen ließ auf sich warten. Sie kam zu spät. Christian Müller war um 20:30 Uhr verstorben, wie der Arzt feststellen musste. Was war geschehen? Der 45-jährige Zimmermeister Christian Müller hatte sich in Begleitung seines Sohnes nach Holz umgesehen, das er für seinen Betrieb gekauft hatte. Die beiden hatten ein Fuhrwerk dabei. In der Nähe der Demarkationslinie wollten sie wenden, bevor sie ans Aufladen gingen. Dazu benutzten sie den Wendeplatz, den auch die britischen Grenzorgane gebrauchten, die die Grenze überwachten.

Da fiel von der Grenze ein Schuss, ein einziger Schuss. Christian rief „Fahr weg, ich bin getroffen.“ Helmut gab den Pferden die Peitsche und hielt erst an, als sie außer Schussweite waren. Da sah er das Unheil. Ein Schuss hatte seinen Vater am Bauch getroffen. Helmut verband den Vater notdürftig, bettete ihn aus den Wagen und gab den Pferden die Peitsche bis zur Polizeistation. Bei der anschließenden Vernehmung beteuerte Helmut immer wieder, dass weder sein Vater noch er die Demarkationslinie überschritten hätten. Sie hätten den Schützen auch ← 110 | 111 → nicht gesehen. Der habe sie auch vorher nicht angerufen oder einen Warnschuss abgegeben.156

23.4.1949: Eine 3-Mann-Streife der Grenzpolizeistation Rodach wurde nördlich Lempertshausen von Sowjets beschossen und verschleppt

Ein Beamter wurde hierbei schwer verletzt und kehrte erst am 3. Juni 1949 aus Hildburghausen zurück.157

27./28.4.1949

Der 21-jährige Lokomotivheizer D. B. aus Berlin-Mariendorf stürzt im Gipsbruch der Firma Rode in der Gemarkung Walkenried tödlich ab.158

3.6.1949 Heinz Hetzelt aus Sonneberg erschossen

„Vor 25 Jahren öffnete sich der eiserne Vorhang. Für etliche Menschen der Region ist die Grenze mit tragischen Ereignissen verbunden. Diese Geschichte erzählt von einem Todesfall aus dem Jahr 1949, als die Grenze noch Zonengrenze war.

Von Martina Hunka

Willi Starost hat nie darüber geredet. Er hat das, was am 3. Juni 1949 geschehen ist, tief in eine Schublade seines Gedächtnisses versenkt. Jahrzehnte blieb sie verschlossen. Doch jetzt öffnete sie sich wieder, und der 83-Jährige denkt immer öfter daran. Und er will es sich endlich von der Seele reden, was ihm als 18-Jährigen widerfahren ist.

Man schrieb das Jahr 1949. Willi Starost, der aus Dingelstädt im Landkreis Eichsfeld stammt, hatte sich mit 18 Jahren zur Grenzpolizei gemeldet. ‚Aus der Not nach dem Krieg heraus. Weil wir Kohldampf hatten und der Werbeoffizier versprach, dort sei die Verpflegung gesichert‘, beschreibt Willi den Beweggrund. So kam er nach Schwärzdorf, das heute zur Gemeinde Föritz gehört, damals aber noch eine selbstständige Gemeinde war. Das Dorf liegt am Fuße des Konreuths. Auf dem Kamm verläuft die Grenze zwischen Thüringen und Bayern, seit Sommer 1945 die Demarkationslinie zwischen der sowjetischen und amerikanischen Besatzungszone, die in jenem Jahr 1949 zur Staatsgrenze werden sollte. Auf der anderen Seite des Bergzuges liegt das bayerische Neukenroth, dass im Dialekt ‚Neugrua‘ heißt. Zusammen mit elf jungen Männern war Willi Starost bei der ← 111 | 112 → Steiners Ida in der Wiesenstraße einquartiert. Deren Haus war beschlagnahmt. Sie hatte ausziehen müssen.

Willi erinnert sich: ‚Es war mein dritter Tag als Grenzer, der 3. Juni 1949, und es war sehr heiß. Es wurde mir nachmittags befohlen, ich solle dem Kommandanten seine Tabakdose und seine Pfeife bringen. Er sei im Flurstück zwischen Schwärzdorf und Gessendorf. Ich lief die Rosengasse rauf dorthin und erschrak fürchterlich:

Da lag einer. Mit dem Gesicht im Gras, den Kopf in Richtung Schwärzdorf. Tot. In der Lederjacke ein Loch, auf der Höhe, wo das Herz ist. Ich reimte mir zusammen, dass den die Russen erschossen haben, die da oben einen Wachposten hatten. Der Kommandant befahl mir, dort zu bleiben, bis einer kommt. Da saß ich. Ich hatte noch nicht einmal eine Decke, den Toten zuzudecken. Den Mann anzuschauen, traute ich mich nicht. Stunden vergingen. Keine Menschenseele kam. Weder die Russen, noch jemand von der Grenzpolizei, noch ein Dorfbewohner. Es wurde dunkel und mir wurde mulmig. Um halb elf schließlich kamen zwei russische Offiziere mit Taschenlampen. Die schoben dem Toten sein Hemd hoch, sahen sich die Schusswunde an, sprachen irgendwas und verschwanden. Es war schon nach Mitternacht, als unsere endlich mit einer Bahre kamen. Wir sollten den Mann in unser Quartier tragen und ihn in den Waschraum im Keller stellen. Doch das wollten wir nicht. Schließlich einigte man sich, dass wir ihn auf den Friedhof bringen. Da stand eine alte Holzhütte. Wir gingen über die Märzgasse hinunter ins Dorf, denn die Rosengasse war damals ein holpriger Feldweg. Die wurde erst später zum Kolonnenweg ausgebaut.

Unerfahren wie wir waren, hatten wir ihn nicht festgebunden und die Arme des Mannes fielen immer wieder runter. Mein Kollege konnte das nicht mit ansehen und wechselte dann nach vorne an den Tragegriff. Wir atmeten auf, als wir endlich auf dem Friedhof waren‘, so erinnert sich Willi Starost an die Nacht vom 3. zum 4. Juni. ‚Ich habe das nie erzählt, dass da einer ermordet worden ist. Ich glaube auch nicht, dass das einer weiß in Schwärzdorf, denn es lief ja alles in der Nacht ab‘, sagt Willi Starost. Doch da irrt er sich. Es sprach niemand darüber, denn solche Reden waren in 40 Jahren DDR ungesund. Später war die Sache fast vergessen, und von den Zeitzeugen lebten viele nicht mehr. Doch Helmut Liebermann, Jahrgang 1935, erinnert sich. Seine Eltern Karl und Selma bewirtschafteten ein kleines Feld in der Nähe des Friedhofs. ‚Die Friedhofskapelle war damals nur eine Bretterhütte, die mit Schiefern verkleidet war, von denen allerdings viele fehlten. So konnte man an diesem heißen Junitag ahnen, dass da eine Leiche drin lag, und im Ort war keiner gestorben. Und hinter vorgehaltener Hand erfuhr man auch, es sei ein Sonneberger, der über die Grenze wollte. Der Seida-Arthur hatte an dem ← 112 | 113 → Tag dort oben Ziegen gehütet und den Vorfall beobachtet. Der Russe habe, Stoi, Stoi‘ gerufen und gleich geschossen. Der Arthur ist dann schnell davon, denn es war nicht gut, so etwas gesehen zu haben‘, berichtet Helmut Liebermann aus seiner Erinnerung. Arthur Liebermann ist schon viele Jahre tot. Seine Söhne wissen nicht, dass ihr Vater das beobachtet hat. Wahrscheinlich hielt er es für besser zu schweigen. Doch eines weiß Arthurs Sohn Helmut: ‚Meiner Mutter Emmi hat er dann verboten, fort zum Hamstern über die Grenze zu gehen.‘

Willi Starost wurde an diesem Tag im Frühsommer 1949 schlagartig klar, was denn ein Dienst an der Grenze bedeuten kann. ‚Warum hat mich mein Vater nicht gewarnt, wie ernst es bei den Russen zur Sache geht, der war doch selber im Krieg?‘, fragt sich Willi heute. Er und seine Grenzer-Kameraden pflegten ein eher freundschaftliches Verhältnis zu den Schwärzdorfern, halfen in jenem Sommer den Bauern beim Heumachen. Wer sich allerdings beim Grenzgang erwischen ließ, der wurde zu Kommandantur nach Oberlind an den Lindner Hügel gebracht. ‚Da musstest du mit dem Zug von Föritz nach Köppelsdorf fahren und von dort nach Lind laufen‘, erinnert sich Willi. ‚Und deshalb, wenn es irgend ging, da ließ man lieber die Leute laufen. Zum Beispiel die Kinder von der Wehd, die hatten immer Hunger. Die kamen wie ein ganzer Bienenschwarm mit dem Zug, stiegen in Föritz aus, versteckten sich und liefen dann in Richtung Wald.

Einmal haben wir sie festgenommen. Ich sollte sie nach Oberlind bringen. Nein, dachte ich, du läufst doch nicht mit Kindern durch das Dorf. Da habe ich sie bei der ersten Gelegenheit weglaufen lassen und meinem Vorgesetzten gesagt, sie seien mir entwischt‘, erzählt Starost. Im September wurde er nach Meiningen versetzt, wo er die restliche Zeit des dreijährigen Dienstes bei der kasernierten Volkspolizei, ableistete.

Dass Willis Erinnerungen an Schwärzdorf nicht nur durch das Erlebnis mit dem Erschossenen geprägt sind, liegt an seiner Brunhilde. Die lernte er nämlich in Schwärzdorf kennen, an der Milchrampe. Und der Kirmeskuchen von ihrer Oma Klara schmeckte auch. So war die Sache dann besiegelt und Willi heiratete nach Schwärzdorf. Heute hat er zwei erwachsene Kinder, Enkel und schon ein Urenkelchen. Wer der Tote von 1949 war, das wissen die Schwärzdorfer nicht. Willi Starost erinnert sich, dass man sagte, der sei mit seinem Bruder in Schwärzdorf gewesen und irgendwie ist ihm, man habe den jungen Mann mit der Druckerei Hetzer in Verbindung gebracht. Doch bestimmt kann er es nicht sagen.

Wie allgemein bekannt ist, starb der Sohn aus der Druckerei Hetzer, Gustav Hetzer, eines gewaltsamen Todes. Ein Besatzungssoldat erschoss ihn. Allerdings ← 113 | 114 → im Jahre 1947 in Sonneberg, als er einer von dem Soldaten bedrängten Frau beistehen wollte. Wer also war der Mann? Es blieb für Willi Starost im Dunkeln.“159

„In der Blüte des Lebens von uns gerissen

Wer war der Mann, den ein russischer Besatzer am 3. Juni 1949 an der Zonengrenze bei Schwärzdorf erschoss? Freies Wort ging auf Spurensuche.

Von Martina Hunka

Sonneberg – Die Schwärzdorfer wissen bis heute nicht, wer der Mann war, dessen Leben ein russischer Besatzer am 3. Juni zwischen Schwärzdorf und Gessendorf mit einer Kugel beendete. Der Schwärzdorfer Willi Starost hat die Geschichte erzählt. Er war damals als 18-Jähriger bei der Grenzpolizei und hat das Geschehen erlebt. (Freies Wort berichtete am Dienstag). In der Redaktion meldete sich am Dienstag Annemarie Bub, geborene Behlert. Sie hat der Zeitungsbericht tief berührt: ‚Meine Mutter war dabei. Der junge Mann wurde neben ihr erschossen, das hat sie mir erzählt‘, berichtete die Sonnebergerin. Ihre Mutter, Barbara Behlert, geborene Wich, Jahrgang 1914, stammte aus Neukenroth. Sie nutzte jede Gelegenheit, ihre Familie in der anderen Besatzungszone zu treffen. Die kleine Annemarie verbrachte ihre Ferien 1947/48 bei der Oma in Neukenroth. Heute weiß Annemarie noch genau, dass sie der Vater mit dem Motorrad nach Neuhaus-Schierschnitz zum Gasthof am Bernhard brachte, wo sie Verwandten abholten. Rückwärts sammelte man sich beim Fillweber in Neukenroth und ein Grenzführer aus Schwärzdorf brachte die Gruppe über den Wald nach Schwärzdorf. ‚Bei den Leuten habe ich nachts nach dem Grenzübertritt sogar im Ehebett geschlafen, aber wie sie hießen, weiß ich nicht. Später besuchte uns immer eine Schwärzdorferin namens Vera‘, erinnert sich Annemarie Bub. Und sie erinnert sich an die Geschichte, welche ihr die Mutter später erzählte: ‚Sie waren an dem Tag im Juni 1949 eine ganze Gruppe von Leuten, die über die Grenze gingen, mit einem Schwärzdorfer als Grenzführer. Meine Mutter erzählte, plötzlich sei ein Schuss gefallen und der Mann neben ihr sei zusammengebrochen. Meine Mutter sagte, sie habe nicht gewusst, woher der Schuss kam und sie sei davongerannt in panischer Angst. Wer er war, das konnte sie nicht sagen. Doch wenn ich die Geschichte aus Schwärzdorf lese, dann meine ich, es handelt sich um denselben Vorfall‘, so Annemarie Bub.

Wer war nun der Erschossene? Freies Wort ging auf Spurensuche. Wenn es ein Mann aus dem Raum Sonneberg war, dann findet sich vielleicht eine Todesanzeige in der Tageszeitung? ← 114 | 115 →

Damals erschien Das Volk, welches die Sonneberger Zeitung abgelöst hatte. Im Stadtarchiv Sonneberg liegen die Ausgaben auf Film vor. Archivarin Heike Büttner ist gerne behilflich und schon bald gibt es einen Treffer: ‚Unser lieber, herzensguter Sohn und Bruder Heinz Hetzelt, geb. 28.9.1926, wurde in der Blüte des Lebens von uns gerissen. Sonneberg, den 3. Juni 1949. In unermesslichem Schmerz: Reinhold Hetzelt und Frau, Horst Hetzelt und Anverwandte. Die Beerdigung findet am Dienstag, dem 7. Juni um 14 Uhr statt‘. Die Zeitung trägt das Datum vom 4. Juni. Wie eine Todesanzeige daneben vermuten lässt, handelte es sich damals um eine Zeitung, die nachmittags oder abends erschien, denn in der benachbarten Todesanzeige ist die Rede von einem ‚heute früh, 8.15 Uhr‘ Verstorbenen. Erhärten könnte die Todesanzeige für Heinz Hetzelt auch die Aussage von Willi Starost und Annemarie Bub, dass andere Leute beim Grenzgang in Schwärzdorf dabei waren, die entkommen konnten und den Eltern sofort die Todesnachricht überbrachten.

Wie die Archivarin aus dem Sonneberger Adressbuch von 1949 herausliest, wohnte die Familie in der Coburger Allee 33. Es ist das Haus neben dem alten Annastift. Hier allerdings wohnt niemand mehr von den Nachfahren. Doch einige Häuser weiter kann sich Theodor Müller erinnern: ‚Hetzelt? Ja, den Reinhold kannte ich noch. Der war Klempner beim Salzmann. Da gab es zwei Söhne, der jüngere hieß Horst, der ältere Heinz, und der ist umgekommen‘. Und Theo Müller hat auch eine Idee, wer mehr wissen könnte. Peter Leuthäuser, den viele Sonneberger noch als langjährigen Lehrer an der Lohau-Schule kennen. ‚Ja, sicher‘, bestätigt Peter Leuthäuser, ‚die Geschichte kenne ich. Ich bin nämlich mit dem Horst Hetzelt in die Klasse gegangen. Es war der Sommer, in dem wir Abiturprüfungen hatten. Es war heiß. Den Horst hat die Sache fürchterlich mitgenommen, und wir fürchteten, er werde die Prüfungen nicht durchstehen. Wie ich mich erinnere, wollten der Heinz im Westen Heringe besorgen. Erschossen wegen ein paar Heringen. Das war einfach tragisch‘, erinnert sich der 84-Jährige.

Und er weiß noch mehr. ‚In Sonneberg war das Stadtgespräch, natürlich bei aller Vorsicht, die damals nötig war. Der Heinz war ein begnadeter Fußballer bei der SG Sonneberg.‘ Dies bestätigt auch Ernst Sell aus Sonneberg, der in dieser Mannschaft spielte. ‚Der Heinz ging mit mir in eine Klasse. Wir waren Schulfreunde. Das war ein guter Mensch, ein Fußballer durch und durch, schon in der Schulmannschaft. Das war eine sehr traurige Sache.‘ Hetzelt fehlte seiner Mannschaft.

Am 31. Juli 1949 gab es zwischen Sonneberg und Neustadt ein ‚Grenzlandtreffen für Einheit und gerechten Frieden‘, bei dem die Fußballmannschaften von Sonneberg und Neustadt gegeneinander spielten. Peter Leuthäuser erinnert sich: ‚Es wälzten sich Menschenströme zu einem provisorisch auf der ← 115 | 116 → bayrisch-thüringischen Grenze hergerichteten Spielfeld, auf dem die Sonneberger und Neustadter ein Freundschaftsspiel austrugen. Es sollen 25 000 Menschen gewesen sein, die natürlich nicht alle wegen des Fußballs zum Grenzlandtreffen kamen.

Bezeichnenderweise trugen die beiden Mannschaften beim Einmarsch Plakate mit der Aufschrift ‚Wir wollen die Einheit Deutschlands!‘ (Sonneberg). Die Neustadter antworteten: ‚Und wir auch!‘ Heinz Hetzelt konnte nicht mehr dabei sein. Er gehörte in der Region Sonneberg zu den ersten Opfern des Kalten Krieges an der innerdeutschen Grenze.“160

24.6.1949 Werner Hofmann aus Gößnitz bei Bleckenrode erschossen

Am 24.06.1949 um 19.30 Uhr versuchte ein als Lieferwagen umgebauter PKW Opel P 4 mit zwei männlichen Insassen, illegal von Ost nach West im Kommandobereich Berlingerode II bei Bleckenrode, Kreis Worbis die Zonengrenze zu passieren. In der Nähe der Zonengrenze befanden sich die Wachtmeister Hentrich und Rogowski auf Streife. Sie bemerkten das Fahrzeug und gaben Stoppzeichen, die durch die Insassen auf jeden Fall bemerkt werden mussten. Dessen ungeachtet erhöhte der Fahrer die Geschwindigkeit und bog in einen Seitenweg ein. Ein durch H. abgegebener Warnschuss wurde nicht beachtet. Da nun die letzte Möglichkeit zur Festnahme erschöpft war, gaben beide Polizisten je einen Zielschuss ab, wonach das Fahrzeug in kurzer Zeit zum Halten gebracht werden konnte. Bei der Ankunft am Fahrzeug stellten die Polizisten fest, dass der Fahrer des Wagens durch einen Kopfschuss und einen Brustschuss getötet worden war. Nach Feststellung der Personalien handelt es sich, um den zonenflüchtigen Kaufmann Werner Hofmann, 31, wohnhaft in Gößnitz. Hofmann war am 24.06.1949 durch die Kripo Mühlhausen wegen Zonenflucht in Fahndung gestellt worden. Der Schusswaffengebrauch der beiden Polizisten war somit berechtigt. Bei der zweiten Person handelte es sich um den Bürger Philipp Kasper, wohnhaft in Berlingerode, Kreis Worbis, der Hofmann beim illegalen Übertritt der Grenze behilflich sein wollte. Kasper wurde sofort festgenommen und dem Kommando Berlingerode zugeführt. Nach Eintreffen der Kripo Heiligenstadt und Mühlhausen wurde von dieser der Vorfall zur weiteren Bearbeitung aufgenommen und der PKW mit der Leiche des Hofmann nach Worbis überführt. Weiterhin wurde die Freigabe der Leiche beim Amtsgericht Worbis erwirkt und dem Krankenhaus Worbis übergeben. Kasper befindet sich zurzeit in Haft bei der Kripo Heiligenstadt. Wie weiter ermittelt wurde, hielt sich das Fahrzeug seit dem 24.06.1949 um 12 Uhr ← 116 | 117 → in der Nähe des Grenzdorfes auf. Zu der Begleitung des Hofmann gehört noch eine männliche Person aus Altenburg, die sich nach dem VP-Oberwachtmeister Karl Hussmann vom Kommando Berlingerode erkundigte. Die Personalien des Mannes konnten nicht festgestellt werden. Die Vernehmung des Hussmann zu der Person aus Altenburg verlief negativ. Im Wagen des Hofmann wurden zwei Koffer, drei Aktentaschen und ein Karton mit mehreren Anzügen, Herrenunterwäsche, Schuhen usw. vorgefunden. Die Gegenstände wurden sichergestellt.161

Wachtmeister Ewald Klein erschossen von seinem Kameraden am 3.7.1949

Am 3.07.1949 gegen 20.35 Uhr wurde die auf Streife an der Straßenkreuzung Rückerswind – Korberoth, Kreis Sonneberg der Wachtmeister Ewald Klein, 19, von seinem Streifenkameraden Johann Müller, 18 Jahre alt, beide Angehörige des Kommandos Rückerswind, Kommandantur Effelder, Bereitschaft Köppelsdorf, erschossen. Nach Aussagen des Müller gab Klein den Anlass, indem er sein Gewehr auf Müller anlegte und losdrückte. Es löste sich jedoch kein Schuss. Müller tat dasselbe. Hier jedoch löste sich ein Schuss, der den Klein unterhalb des Mundes traf. Bei Eintreffen des Arztes, des Kommandeurs Bartl und des Stabsleiters Pfannstiel war der Tod bei Klein schon eingetreten. Die Kriminalpolizei Sonneberg und die Sonderkommission Rudolstadt sind am Tatort eingetroffen und führen die weiteren Ermittlungen. Der sowjetische Truppenkommandeur wurde verständigt. Müller wurde festgenommen und befindet sich bei der Kommandantur Effelder.162

26.7.1949 Brigitte Frauendorf bei Kirchgandern erschossen

Bericht der Grenzpolizei: „Am 26.07.1949 wurde um 02.10 Uhr von dem VP-Wachtmeister Weilepp vom Kommando Kirchgandern, Kommandantur Arenshausen, ca. 500 m vor der Demarkationslinie die elf-jährige Brigitte Frauendorf aus Leipzig, beim versuchten illegalen Grenzübertritt von Ost nach West im Kommandobereich Kirchgandern, Kreis Heiligenstadt angeschossen. F. befand sich in Begleitung ihrer Eltern, dem Stiefvater Karl Berg, 40, und ihrer Mutter Gertrude Berg, 42, wohnhaft in Leipzig. Diese drei Personen befanden sich auf dem Weg von Leipzig nach Frankfurt am Main und wollten im Kommandobereich die Demarkationslinie illegal überschreiten. Sie trafen in Kirchgandern ← 117 | 118 → mit noch etwa sieben illegalen Grenzgängern zusammen und wurden von einen Grenzführer bis an die Zonengrenze geführt. Dabei wurden sie durch die Streife, Wachtmeister Paul Weilepp, 22 und Walter Rauh, 35 gestellt. Dieses ereignete sich am 26.07.1949 gegen 02.10 Uhr. Durch die Streife wurde ihnen zugerufen ‚Halt, Grenzpolizei!‘ Daraufhin versuchten alle illegalen Grenzgänger sich durch die Flucht der Festnahme zu entziehen, auch die Familie Berg. Die beiden Polizisten verfolgten die Grenzgänger und versuchten nochmals durch Halterufe und Signalpfiffe die Grenzgänger zum Stehen bleiben zu veranlassen. Jedoch alle Bemühungen waren ergebnislos. Da nun die letzte Möglichkeit zur Ergreifung der Grenzgänger erschöpft war, zumal es in dieser Nacht sehr dunkel war und die Grenzgänger sich in ein Kornfeld geflüchtet hatten, gab der Weilepp einen Warnschuss in die Luft ab, der von niemanden beachtet wurde. Ein abgegebener Zielschuss durch Weilepp in Richtung wo er die Grenzverletzer vermutete, verletzte die Frauendorf. Daraufhin begaben sich Weilepp und Rauh in das Kornfeld. Dabei vernahm Weilepp eine Frauenstimme, die sagt: ‚Komm Brigitte, steh auf.‘ Worauf die angesprochene erwiderte: ‚Ich kann nicht, ich bin getroffen‘. Weilepp und Rauh begaben sich zu der Unfallstelle und sahen dort ein ca. 10–12 Jahre altes Mädchen am Boden liegen. Daneben stand eine Frau und äußerte, dass ihr Kind tot wäre. Hierauf kam der Vater des Mädchens hinzu. Da Weilepp sich überzeugen wollte, wo das Kind verletzt war, fühlte er den Körper ab und stellte fest, dass in der Nähe des Oberschenkels Blut vorhanden war. Vermutlich hatte das Kind einen Bauchschuss erhalten. Das Kind wurde dann zum Kommando gefahren und ist unterwegs an seinen Verletzungen verstorben. Wie aus den Vernehmungen der Eltern hervorgeht, ist zu ersehen, dass ein Verschulden von Seiten des Weilepp nicht vorliegt, sondern die beiden Polizisten in der rechtmäßigen Ausübung ihres Dienstes gehandelt haben. Somit ist auch der Gebrauch der Schusswaffe gerechtfertigt. Die Leiche des Kindes wurde in das Spritzenhaus der Gemeinde Kirchgandern überführt. Gegen 4 Uhr wurde die Mordkommission Mühlhausen in Kenntnis gesetzt, die um 5 Uhr bei GP-Kommando Kirchgandern eintraf. Hier waren anwesend der KPA-Leiter, VP-Oberrat Barth, der KKPA-Leiter VP-Oberkommissar Hög, ein russischer Offizier, alle aus Heiligenstadt, sowie der Leiter der GP-Kommandantur Arenshausen, Polizeirat Halbauer. Der hinzugezogene Arzt Dr. Kaspari aus Hohengandern, stellte den Tod des Mädchens fest. Die weitere Bearbeitung des Vorfalls übernahm die Mordkommission und nach ausreichender Klärung wurde der Vorfall an den Oberstaatsanwalt in Nordhausen abgegeben“.163 ← 118 | 119 →

31.10.1949: Gerhard Domeyer bei Ellrich von deutschem Grenzpolizisten erschossen

Am 31. Oktober 1949 verstarb der 20-jährige Ellricher Bürger Gerhard Domeyer auf der Flucht stadteinwärts durch einen diagonalen Brustdurchschuss aus der Waffe eines deutschen Grenzpolizisten.164

10.12.1949 Emil Rakau beim Ausbruchsversuch aus der sowjetischen Dienststelle Bichhagen erschossen

Am 10.12.1949 gegen 17.40 Uhr wurde durch einen sowjetischen Posten vom Kommando Bischhagen, Kreis Worbis, sowjetische Dienststelle Arenshausen, der illegale Grenzgänger Emil Rakau, 44, wohnhaft in Weißenborn bei Göttingen, beim Ausbruch durch ein Fenster von einem Sowjetischen Posten erschossen. Rakau hatte gewaltsam den Fensterrahmen beim Ausbruch herausgerissen und anschließend den sowjetischen Wachposten vor dem Gebäude angegriffen. Der sowjetische Kommandant von Arenshausen verständigte gegen 1 Uhr den Kommandanturleiter von Arenshausen, VP-Rat Hallbeuern, beide begaben sich sofort zum Tatort. Die Spezialkommission Mühlhausen wurde gegen 20 Uhr verständigt. Der Polizeiarzt Kasparie wurde hinzugezogen. Die Absperrung wurde von den sowjetischen Posten übernommen.165

„Unbekannte Leichen an der Zonengrenze“

Gelegentlich anderweitiger Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft Coburg anfangs November 1949 wurden in der Aktenablage der Staatsanwaltschaft Vorgänge über die Auffindung unbekannter Leichen an der Zonengrenze vorgefunden.

Die Chefdienststelle I Krim. (Oberkommissar der LP, Paul) wurde am 4.11.49 davon in Kenntnis gesetzt, dass im Gemeindebezirk Rottenbach Lkr. Coburg 3 und im Gemeindebezirk Lauenstein, Lkr. Kronach 1, unbekannte Leichen in den Jahren 1945/46 aufgefunden wurden, zu denen diese Vorgänge gehörten. Bei den Vorgängen befanden sich noch die KP.-Vordrucke zur Identifizierung der unbekannten Toten, teilweise fehlten solche und musste nach den damaligen Zeitverhältnissen angenommen werden, dass solche überhaupt nicht erstellt und ← 119 | 120 → infolge Unanbringlichkeit auch nicht eingereicht waren. Oberkommissar Paul gab die Anweisung, dass KP-Vordrucke nachträglich erstellt und der zuständigen Stelle zugeleitet werden.

Nach Durchführung der erforderlichen Ermittlung wurden die KP.-Vordrucke erstellt und dem Zentralamt für Kriminalidentifizierung und Polizeistatistik in München in Vorlage gebracht. Das Zentralamt hat bezüglich Identifizierung der unbekannten Leichen mehrfach Rückfragen bei der Kriminalaußenstelle gehalten. Nachdem sämtliche Fundorte der unbekannten Leichen in unmittelbarer Nähe der Zonengrenze liegen, wurden sie vorerst nicht aufgesucht. Bürgermeister Taubmann aus Weißenbrunn hat erklärt, dass jede Annäherung an die Zonengrenzlinie auch heute noch (Dez. 1949) mit der Gefahr verbunden sei, von russischen Grenzposten beschossen oder von ihnen festgenommen zu werden.

Im Einvernehmen mit den bayerischen Grenzposten wurde festgestellt, dass längs der Zonengrenze auf amerikanischem Besatzungsgebiet keine weiteren Wahrnehmungen über das Vorhandensein von Leichen oder Gräbern gemacht worden sind. Allerdings dürften im Bereich der russischen Besatzungszone am Steinauberg noch unzählige unbekannte Leichen verscharrt sein, wie Bürgermeister Taubmann aus Weißenbrunn erklärte. Der Sachbearbeiter Hülß resümierte: Da es nicht feststeht, ob es sich bei den aufgefundenen unbekannten Toten um Bewohner der amerikanischen oder der russischen Besatzungszone handelt, erscheinen Ermittlungen und Nachrichtenaustausch bei der russischen Besatzungszone erforderlich.166

5.1.1951 Erneute Suchanfrage

Am 5.1.1950 schickte die Kriminalaußenstelle der Landpolizei Coburg erneut eine Suchanfrage an die Suchdienste. Vom Suchdienst des DRK in München kam das Schreiben urschriftlich zurück mit dem Hinweis, dass die Kartei keine Nachforschungen aufgrund von Personenbeschreibungen ermögliche und dass ein Deutsches Rotes Kreuz in der sowjetischen Besatzungszone nicht mehr existiert, Anfragen also nur an die VP des jeweiligen Ortes gerichtet werden können.167 ← 120 | 121 →

Verschiedene Zeitungen im Westen veröffentlichten die Anfrage:

Wer waren die Toten an der Grenze? Suchaufruf im Coburger Tageblatt vom 7.12.1949

(Quelle: Polizei Dir. Coburg 22_018 2)

24.5.1950 Unbekannter Grenzgänger tot bei Siemerode im Bach aufgefunden

Eine Streife des Grenzkommandos Siemerode, Kreis Worbis fand in dem Bach Beber zwischen Siemerode und Günterode eine unbekannte männliche Leiche, 1,70 cm groß, Glatze, grauer Anzug, Halbschuhe. Es wurde angenommen, dass es sich um einen Grenzverletzer handelt. Die Kriminalpolizei und die Abteilung K der Grenzpolizei wurden verständigt.168

September 1950: Das Rätsel des erschossenen Mädchens

Heinrich Birkel, 79, wohnhaft in 97633 Sulzfeld, hat mir folgendes mitgeteilt:

„Ich stamme aus Sulzfeld. Weil ich nach der Schulzeit keine Lehrstelle erhielt, schickte mich mein Vater zu seinem Bruder, der Schäfer in Einzelberg, Gemeinde Meeder, war. Der vermittelte mich zum einem Schäfer Gewalt nach Roßfeld, Stadt ← 121 | 122 → Rodach. Dort hütete ich 1949 und 1950 dessen Schafe. Der Schäfer hatte 100 eigene Schafe und musste dafür die Schafe der Gemeinde und der Bauern kostenlos mit hüten. (In der Invaliden-Versicherungs-Bescheinigung steht als Arbeitgeber Louis Schneider, Schäferei, aber das war der Vorstand von der Schäfereigenossenschaft.)

1950 waren die Felder schon abgeerntet und einige schon neu eingesät. Die Zwetschgen waren noch nicht ganz reif. Nach meiner Invaliden-Versicherungs-Bescheinigung muss es kurz vor dem 24.8.1950 an einem Freitag gewesen sein, da hütete ich die Schafherde in der Gemarkung Roßfeld, nördlich vom Eichelberg direkt an der Demarkationslinie. Nur ein Wassergraben trennte die Flur Roßfeld von der Flur Eishausen. Dort waren nasse Wiesen und kleine Felder, die eigentlich Besitzern aus Eishausen gehörten. Die Flur hieß Bischofsau, heute ist es das Naturschutzgebiet Bischofsau. Mit den Vopos, die als Doppelstreife regelmäßig vorbeikamen, hatte ich guten Kontakt. Einer von diesen war auch Schäfer von Beruf und stammte aus Masserberg. Ich hatte immer Tabak einstecken und wenn sie vorbeikamen, rauchten wir oft eine Pfeife miteinander. Eines Tages gegen Mittag, ich weidete gerade meine Schafe in dem kleinen Wiesenstück Bischofsgrund, das vielleicht früher ein kleiner Fußballplatz gewesen war. Von meinem Platz konnte ich über die Grenze weit zum Heidhügel hinüberblicken. Da kam ein etwa 15-jähriges Mädchen von oben über die Grenze Es hüpfte über das Feld hinunter, ein Weg war nicht da, bei jedem Hopser stieg eine kleine Staubwolke auf. Ich lief einige Schritte zur Grenze, das Mädchen kam auf mich zu. Es erzählte, dass es aus Eishausen wäre. Das hübsche Mädchen war blond, hatte einen ungewaschenen Hals, trug eine ehemals weiße Bluse und ein viel zu kurzes Jäckchen darüber. Es hatte einen Fahrradschlauch dabei. Es erzählte, es wolle in Rodach Bratheringe für ihre Mutter einkaufen, die läge im Sterben und habe sich dies noch gewünscht. Als ich über den Schlauch lachte, den das Mädchen dabeihatte, sagte es, damit wolle es die Heringe bezahlen, im Westen würden ja die Fahrradschläuche gesucht. Ich gab dem Mädchen trotzdem eine Mark und 80 Pfennig mit, damit es nicht vergebens heimgehen muss.

Nach längerer Zeit kam meine Hübsche strahlend zurück. Sie hatte die Heringe bekommen und den Schlauch auch noch losgebracht. Sie zeigte mir die Heringsdose. Wir plauderten dann noch miteinander. Ich sagte meiner Freundin, wann die Vopos normalerweise vorbeikommen. Dann stand sie auf. ‚Ich muss jetzt heim, sonst stirbt mir die Mutter noch!‘ ‚Hast Du’s noch weit?‘ ‚Nein, wenn da oben am Birnbaum den Hügel hinunterrolle, lande ich direkt bei unserem Hof,‘ antwortete sie. Sie gab mir einen kleinen Kuss auf die linke Backe, dann lief sie los. Oben am Birnbaum angekommen drehte sie sich um und winkte zurück. Da krachte ein Schuss und das Mädchen verschwand aus meinem Gesichtsfeld. Ich zuckte zusammen. Was war geschehen? Was hatte der Schuss zu bedeuten? ← 122 | 123 →

Als am nächsten Tag die Grenzpolizeistreife vorbeikam, es waren meine Bekannten, fragte ich: ‚Warum habt ihr gestern auf ein Mädchen geschossen?‘ ‚Wir waren das nicht!‘ antworteten diese und als dann ungewöhnlicher Weise noch eine zweite Streife vorbeikam, sagten diese: ‚Bei der ganzen Abteilung hat beim Rapport kein Schuss gefehlt!‘

Jetzt fiel mir auf, dass der Schuss anders geklungen hatte, nicht so wie ein Karabiner 98 K, den die Volkspolizei benutzte. Vielleicht klangen die langen Gewehre der Russen so. Da sich an der Grenze noch vier weitere Vorfälle ereignet hatten, hatte ich ‚die Schnauze voll‘. Ich kündigte am 24.8.1950.

Der Vorfall ließ mir bis heute keine Ruhe. Immer wieder ließ ich jede Sekunde des Vorfalls vor meinem inneren Auge ablaufen. Immer wieder überlegte ich, was sich da abgespielt haben könnte. Nach der Wende fuhr ich bald als möglich nach Eishausen Ich fand unten am Hügel den Hof des Mädchens, der allerdings nur eine Ruine war. Mir wurde bestätigt, dass das Mädchen damals erschossen wurde. Mehr erfuhr ich nicht, auch weil mich meine Frau zum Weiterfahren drängte. Später erzählte mir ein anderer Schäfer, dass sein Vater, der seine Schafe in der Nachbarflur gehütet hatte, den Mord gekannt habe. Der Mörder sei ein ‚Mongole‘ gewesen. Dieser habe wahrscheinlich auch einen Bauern zwischen Adelhausen und Roßfeld erschossen.“

Das alles geht Heinrich Birkel heute noch nach. Die Geschichte mit dem Mädchen hat er bisher mit sich herumgetragen und jetzt erstmals öffentlich gemacht.

26.2.1951 Männliche Leiche bei Falkenstein gefunden

Der Landpolizeiposten Ludwigstadt meldete am 3.3.51 an die Bezirksinspektion der LP Kronach, dass am Montag, 26.2.51 gegenüber der Gärtnerei Falkenstein auf thür. Gebiet (Ostzone), eine männliche Leiche gefunden wurde. „An der bezeichneten Stelle, die etwa 40 bis 50 Meter von der Zonengrenze entfernt liegt, waren Waldarbeiter mit Bäumefällen beschäftigt. Die Waldarbeiter haben die Leiche, die etwa 30 cm unter der Erde gelegen haben soll, gefunden. Soviel in Erfahrung gebracht werden konnte, trug der Tote eine ehemalige Wehrmachtsuniform. Ob er identifiziert werden konnte, ist nicht bekannt.

Nach einer soeben erfolgten Rücksprache mit Herrn Inspektor Gebhard von der Grenzpolizeistelle Ludwigstadt, wurde ein Beamter der Grenzpolizei am Falkenstein durch die Volkspolizei davon unterrichtet, dass die VP heute, 3.3., an der Stelle, da der Tote gefunden wurde, mit einem größeren Polizeikommando Grabungen vornehmen wird, da vermutet wird, dass an diesem Ort oder in unmittelbarer Nähe desselben, noch mehrere Tote liegen. Diese Information sei durch die Volkspolizei deswegen gegeben worden, um keine Unruhe unter der Bevölkerung ← 123 | 124 → auszulösen, wenn ein größeres Volkspolizeikommando mit Fahrzeugen erscheint und dort Grabungen vornimmt. Die beabsichtigten Grabungen haben jedoch heute nicht stattgefunden. Vermutlich wird günstigeres Wetter abgewartet. Sobald die beabsichtigten Grabungen stattfinden, wird die Bezirksinspektion telefonisch verständigt.“169


1 Wahrscheinlich heißt die Abkürzung: Zentralstelle für Vermisste und getötete Wehrmachtsangehörige Berlin, die Vorgängerin der Deutschen Dienststelle (WASt) Berlin.

2 Heute der Internationale Suchdienst (IST), ein Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung in Bad Arolsen.

3 John, Jürgen: Quellen zur Geschichte Thüringens 1945–1952, 1. Halbband, Erfurt 1996, S. 145.

4 Schmidt, Hans-Jürgen: An der Grenze der Freiheit. Coburg 1999, S. 58.

5 http://wakenews.net/SHAEF_Militaergesetze.pdf.

6 http://wakenews.net/SHAEF_Militaergesetze.pdf; Schmidt, Hans-Jürgen: Grenze, S. 58. Es scheint, dass diese Verordnung bereits erlassen wurde, als sich die Alliierten noch im Krieg mit Japan befanden. Die Verordnung wird nur ausschnittweise zitiert.

7 Dieser Abschnitt stützt sich vornehmlich auf: Schmidt, Hans-Jürgen: Grenze. Coburg 1999.

8 Ebd., S. 57.

9 Stoll, Klaus Hartwig: Das war die Grenze. Fulda 1997, S. 11.

10 Schmidt, Hans-Jürgen: Grenze, S. 60.

11 Schmidt, Hans-Jürgen: Grenze, S. 37, Zitat aus dem Englischen übersetzt.

12 Häring, Gustav: Kleine Geschichte der Bayerischen Grenzpolizei, S. 12.

13 Horst Liebig, Ein Leben in Reih und Glied, Berlin, 2006, S. 42.

14 „Thüringer Allgemeine“ vom 30.5.2016.

15 Reisenweber, Gerhard: In vorderster Reihe für die Sache der Arbeiterklasse, Geschichte des Grenzregiments „Herbert Warnke“, 1945/46 bis 1981/82. ORT S. 8 und 9.

16 Vgl. Koslow, Wladimir P./Möller, Horst/Mironienko, Sergei W. et. al. (Hrsg.): SMAD-Handbuch. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland 1945–1949. Google Books, S. 59.

17 Weder beziehen sich die Befehle des SMAD auf die Grenze, noch sind im Handbuch des SMAD Gliederungen aufgeführt, die sich mit Grenzfragen befassen. Vgl. SMAD-Handbuch.

18 StA Coburg, Polizei Dir. Coburg 22/019.

19 Erzählung von Gerhard Hodermann, Filke, 1992.

20 Stoll, Klaus Hartwig: Das war die Grenze. Erlebte Geschichte an der Zonengrenze im Fuldaer, Geisaer und Hünfelder Land von 1945 bis zur Grenzöffnung. Fulda 1997, S. 10.

21 Bis auf die DPs, die in einem eigenen Abschnitt behandelt werden, sind alle anderen Vorkommnisse anhand des Datums in diesem Abschnitt zu finden.

22 Häring Gustav in 30 Jahre Bayerische Grenzpolizei, Hilden 1976, S. 147

23 Stoll, Klaus Hartwig: Das war die Grenze, S. 11.

24 Ebd., S. 13.

25 Ebd.

26 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 36/45.

27 StA Coburg E 427, Aufstellung über unbekannte Tote an der Zonengrenze 1.

28 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 71/45.

29 Klemens Möhrle vom Standesamt Stockheim, Edgar und Materna Carl, Ludwigstadt.

30 Schulchronik Wüstensachsen, S. 90 f.

31 Informationen und Unterlagen von Frau Johanna Bach, Unhausen.

32 Göpfert, Ulrich: Die ehemals unmenschliche Grenze quer durch Deutschland. Zwischenfälle und Aufsehen erregende Ereignisse vor über 60 Jahren in unserem Raum. (Internet); Mitteilung von Gerlinde und Walter Friedrich, Mupperg, Mitteilung von Heimatpflegerin Isolde Kalter.

33 Gespräch mit Gustav Beck am 13.3.2014. Ulrike Bischof am Sonnabend, 29. September 2001 im „Thüringen-Magazin“.

34 Neben der Erzählung von Notburga Klüber findet sich die Geschichte der beiden Toten in der ungedruckten Schulchronik von Wüstensachsen auf S. 90.

35 StA Coburg StAnw 10; 54 3, Mitteilung von Heimatpflegerin Isolde Kalter.

36 Göpfert, Ulrich: Unmenschliche Grenze.

37 StA Coburg, Polizei-Dir Coburg 22/005.

38 StA Coburg, StAnw 12.

39 StA Coburg, StAnw 13, Mitteilung von Heimatpflegerin Isolde Kalter.

40 Göpfert, Ulrich: Unmenschliche Grenze.

41 Mitteilung von Eberhard Eichhorn, Vorsitzender des Historischen Vereins Ummerstadt am 21.3.2014.

42 Die Kopien der „Amtlichen Mitteilung über einen Sterbefall an das Standesamt Ummerstadt“ stellte mir Eberhard Eichhorn aus dem Kreisarchiv zur Verfügung.

43 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 82/45.

44 Die Urkunden und Unterlagen wurden mir freundlicherweise von Frau Völlmer und Frau Juppin von der Gemeinde Gleichen zur Verfügung gestellt.

45 StA Coburg, St Anw 14; Erwähnung Ulrich Göpfert, Mitteilung von Heimatpflegerin Isolde Kalter.

46 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 87/45.

47 Gundlach, Horst, Die Deutsch-deutsche Grenze, 1945 bis 1990, ORT UND DATUM, S. 24 aus Standesamt Liebenrode.

48 StA Coburg, Polizei-Dir Coburg 22/001; StA Coburg StAnw 19; Erwähnung Ulrich Göpfert.

49 Hunka, Martina in Freies Wort Sonneberg vom 17.4.2004.

50 Information von Holger u. Bettina Ritz. Am Gries 96484 Meeder. Döhlau, Lkr. Hildburghausen kann ich nicht finden. Die Orte gegenüber von Schönstädt gehören zum Landkreis Sonneberg.

51 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 25 f, Erlebnisbericht von der Tochter des Opfers, Frau Gertrud Hogen, Freialdenhoven.

52 StA Coburg, Polizei-Dir Coburg 22/002

53 StA Coburg, Polizei-Dir Coburg 22/004; StA Coburg StAnw 20.

54 StA Coburg, StAnw 22; Polizei-Dir. Coburg; Erwähnung Ulrich Göpfert.

55 Albert, Reinhold, Chronik von Herbstadt, Herbstadt 2001 S. 306 f.

56 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 23 aus Sterbebuch der Stadt Ellrich.

57 Ebd.

58 Ebd.

59 StA Coburg StAnw 21; Polizei-Dir. Coburg 22; Erwähnung bei Ulrich Göpfert.

60 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 23 aus Sterbebuch der Stadt Ellrich.

61 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/003

62 Telefonischer Bericht von Horst Pechtold, Neustadt bei Coburg, (an Heimatpflegerin Isolde Kalter, Neustadt b. Coburg.

63 Telefonischer Bericht von Horst Pechtold, Sonneberger Str., Jg. 1934an Isolde Kalter.

64 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/003.

65 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/021,22, 23.

66 Coburger Tageblatt vom 20.11.1997 (Sammlung Zingel)

67 Heinkel, Werner: So war es, unveröffentlicht, S. 91 ff.

68 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 23 aus Sterbebuch der Stadt Ellrich.

69 Ebd., S. 34 f.

70 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 35.

71 Stoll, Klaus Hartwig: Das war die Grenze, S. 16.

72 Grepo.

73 Schmidt, Hans-Jürgen: An der Grenze der Freiheit. Coburg 1999, S. 68.

74 GrInfN71, Grepo.

75 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 23 aus Standesamt Mackenrode.

76 Polizei Dir. Coburg 22/09.

77 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/023.

78 Ebd.

79 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/005_13 ff.

80 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/004_10.

81 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/004_11; Coburger Tageblatt vom 7.12.49, Nr. 30, S. 5.

82 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/027 ff (5.).

83 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/005_13; St Anw. 27. Erwähnung bei Göpfert.

84 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/005_14.

85 Heinz Blümlein, Bonhoeffer Str. 50, 99427 Weimar, Tel 03643 415192

86 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/006_15

87 Presseartikel von Elke Wieking von 1991, mitgeteilt von Bgm. Dieter Platzdasch, VG Berka.

88 Renate Hermes aus Dietrich Lemke, Vachaer Heimatbuch, S. 352.

89 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/006_16

90 Grafe, Roman: Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945 bis 1990, München, 2008, S. 17.

91 Grafe Roman: Die Grenze durch Deutschland, S. 17.

92 Eichhorn, Walter: Blätter zur Geschichte des Coburger Landes, Coburg, 1975, S. 49, vgl. Heinz Kiesewetter, „Freies Wort“ vom 3.2.04.

93 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/006_17; StAnw. Coburg 31.

94 Mitterlind ist ein Ortsteil von Mehlmeisel im Landkreis Bayreuth im Fichtelgebirge.

95 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 33/46.

96 Ebd.

97 Information von Thomas Kippenhahn, Standesamt Bad Königshofen, Herr Katzenberger.

98 Wanderausstellung: Die wilde Vertreibung der Deutschen aus Nordböhmen.

99 StA Coburg StAnw. 30.

100 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/006_18; St Anw. 29.

101 Den Bericht verfasste der Postenchef des Landpolizei-Postens Rodach.

102 Gerhard Schätzlein, Bärbel Rösch, Reinhold Albert, Grenzerfahrungen Bayern-Thüringen 1945 bis 1971, Hildburghausen 1999, S. 35.

103 Schmidt, Hans-Jürgen: An der Grenze der Freiheit. Coburg 1999, S. 69.

104 In der Neuaufnahme der Untersuchung vom 19.12.1949 wurde der Auffindungstag vom 17.6.46 in 17.7.1946 geändert.

105 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/007_19.

106 Zöller, Sondheim/Gr.

107 Mitteilung von Ingrid Resch aus Bockstadt-Herbartswind.

108 Renate Hermes aus Standesamt Vacha Reg. Nr. 80/46.

109 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 23 aus Standesamt Mackenrode.

110 StA Coburg Polizei-Dir Coburg 22/007_20.

111 GrInfN71

112 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 24, Sterbebuch Walkenried.

113 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, 1945 bis 1990, S. 38 f nach einem Erlebnisbericht von Regina Starke, der Schwester des Erschossenen, Tettenborn.

114 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 100/46.

115 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 24, Sterbebuch Walkenried.

116 Ebd.

117 Ebd.

118 VG Leinetal <poststelle@vg-leinetal.thueringen.de> A. Bitter.

119 Information von Reinhard Kindermann, Henneberg.

120 Pützlingen ist ein Ortsteil der Gemeinde Werther im Landkreis Nordhausen in Thüringen in Deutschland.

121 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 24, Ortschronik Pützlingen.

122 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 25, Sterbebuch Walkenried.

123 Ebd.

124 Ebd.

125 Polizei Dir. Coburg 22/007_021.

126 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 32/47.

127 Polizei Dir. Coburg 22/007_008.

128 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 25, Sterbebuch Walkenried.

129 Ebd., S. 25, Sterbebuch Tettenborn.

130 Göpfert Ulrich: Mitteilung von Eduard Zingel.

131 Thüringer Volk vom 28.10.1947 Verfasser-Kürzel: a e.

132 Freundliche Mitteilung des Standesamts Bad Lobenstein, Frau Linke, aus Sparnberg.

133 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 25, Sterbebuch Walkenried.

134 Göpfert, Ulrich: sowie Zingel, Eduard: Blätter zur Geschichte des Coburger Landes. ORT 1975, S. 49, vgl. Kiesewetter, Heinz in: Freies Wort vom 3.2.04.

135 Blätter zur Geschichte des Coburger Landes, S. 49, vgl. Freies Wort vom 3.2.04.

136 Ebd.

137 Freundliche Mitteilung des Standesamts Bad Lobenstein, Frau Linke, aus Sparnberg.

138 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 93/47.

139 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 13/48.

140 PT 7689.

141 OSL a. D. Hans Boorutta berichtet, in seinem Buch Grenzer auf Seite 144, dass sein Vorgesetzter, Kommissar Kauschmann, am 06.03.1948 an der Untersuchung teilnahm. Bezeichnend, dass er seine eigene Dienststelle, den Stab des Abschnittes 3 Bad Salzungen der Gruppe I Mühlhausen, als Kommandantur bezeichnet. Offensichtlich wurde die Bezeichnung der sowjetischen Kreis- und Stadtkommandanturen für die eigene Dienststelle übernommen.

142 Der Ort konnte nicht gefunden werden.

143 PT 7689.

144 PT 7689.

145 PT 7689.

146 PT 7689.

147 PT 7689.

148 PT 7689, S. 323 f.

149 NP Coburg vom 11.6.2014 – Hinweis Eduard Zingel.

150 Göpfert, Ulrich: Mitteilung von Eduard Zingel, und Heimatpflegerin Isolde Kalter.

151 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 24 aus Standesamt Liebenrode.

152 PT 7689, S. 335.

153 PT 7913, S. 48.

154 Renate Hermes aus Standesamt Vacha, Reg. Nr. 72/48.

155 PT 7664, S. 311

156 VG Leinetal <poststelle@vg-leinetal.thueringen.de> A. Bitter.

157 Schmidt, Hans-Jürgen: An der Grenze der Freiheit. Coburg 1999, S. 70.

158 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 25.

159 Hunka, Martina im Freien Wort vom 3.6.2014, 4.6.2014.

160 Hunka, Martina im „Freien Wort“ vom 3.6.2014, 4.6.2014.

161 PT 7664, S. 255.

162 Ebd.

163 PT 7664, S. 250.

164 Gundlach, Horst: Die Deutsch-deutsche Grenze, S. 23 aus Sterbebuch der Stadt Ellrich.

165 PT TM 7664. Vgl. hierzu Klaus Schroeder / Jochen Staadt: Die Todesopfer des DDR Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989. Frankfurt am Main 2017, S. 35.

166 Polizei-Dir Coburg 22/029-034.

167 StA Coburg 33/011, 012.

168 PT TM 7695.

169 Polizei Dir Coburg 22 020.

Details

Seiten
542
ISBN (PDF)
9783631742372
ISBN (ePUB)
9783631742389
ISBN (MOBI)
9783631742396
ISBN (Buch)
9783631742365
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
Deutsch-deutsche Grenzkommission DDR-Staatsgrenze West Siegerjustiz Zonengrenze 1945-1949 Sperrgebiet Repression
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018., 542 S., 40 s/w Abb., 11 Tab., 3 Graf.

Biographische Angaben

Klaus Schroeder (Band-Herausgeber) Jochen Staadt (Band-Herausgeber)

Klaus Schroeder lehrt als Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Seit 1992 leitet er den Forschungsverbund SED-Staat. Jochen Staadt ist Projektleiter im Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin und seit 1992 dessen Mitarbeiter.

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Titel: Die Grenze des Sozialismus in Deutschland