Lade Inhalt...

Wahlkampf ist Wortkampf

Präsidentschaftswahlkampagnen aus sprachwissenschaftlicher Sicht

von Sandra Issel-Dombert (Band-Herausgeber:in) Aline Wieders-Lohéac (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 304 Seiten

Zusammenfassung

Wahlkampf ist Wortkampf: In Reden, auf Plakaten, in Werbespots, Talkshows und Interviews, online oder auf der Straße – überall versuchen die Parteien und Kandidaten in Präsidentschaftswahlkämpfen mittels der persuasiven Kraft des Wortes Wählerstimmen und damit politische Macht zu erhalten. Der Band widmet sich Wahlkämpfen als Wortkämpfen aus Sicht zweier Forschungsbereiche, die aktuell einen dynamischen Aufschwung erleben: Diskursanalyse und Politolinguistik. Er vereint Beiträge, die das Besondere moderner Präsidentschaftswahlkämpfe ausleuchten und so Einblick geben in Wahlkampfkommunikation des 21. Jahrhunderts allgemein, mit solchen, die das Grundsätzliche moderner Wahlkämpfe und ihrer Diskurse analysieren und so zur Erklärung des Spezifischen von Präsidentschaftswahlkämpfen beitragen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Wahlkampf ist Wortkampf – einleitende Bemerkungen zum Verhältnis von Politik, Macht und Sprache in modernen Präsidentschaftswahlkämpfen
  • Sprache und Politik. Zu Theorie und Methode der linguistischen Analyse politischer Diskurse (Franz Lebsanft)
  • Slogans französischer Präsidentschaftskandidaten in diachroner und vergleichender Perspektive (Sybille Große / Verena Weiland)
  • « Sarkozy sort aussi son livre torche-cul présidentiel ! » Entwürfe alternativer, digitaler Öffentlichkeiten im Kontext des französischen Präsidentschaftswahlkampfs 2017 (Nadine Rentel)
  • “I will wake up every single day fighting for you”: Facework in der politischen Kommunikation am Beispiel des US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs 2012 (Patricia Yazigi)
  • Metasprachliches Handeln im TV-Duell (Paula Bouzas / Uta Helfrich)
  • Wahlkampf in Italien: Der (Ex-)Cavaliere zwischen Medien und Politik (Sabine Heinemann)
  • Twitter im Wahlkampf von Marine Le Pen: Politolinguistische Analyse eines populistischen Diskurses (Judith Visser)
  • „Non à Bruxelles, oui à la France“ Diskursanalytische Untersuchung des Europabildes des Front National (Thea Göhring)
  • Linker Populismus an der Grenze zum Rechtspopulismus: Die Kampagne Jean-Luc Mélenchons (Sandra Issel-Dombert / Aline Wieders-Lohéac)
  • Sensomotorische Konzepte – Simulationsstrategien im französischen Wahlkampf (Liane Stroebel)
  • Extralokation als Mittel persuasiver Argumentation im Wahlkampf – ein funktions- und diskursgrammatischer Ansatz (Annamária Fábián)
  • Freund und Feind in einer Person – Diskursanalyse deutscher Pressetexte zu medialen Blickwinkeln auf Präsident Baschar al-Assad (Jan Oliver Rüdiger)

← 6 | 7 →

Wahlkampf ist Wortkampf – einleitende Bemerkungen zum Verhältnis von Politik, Macht und Sprache in modernen Präsidentschaftswahlkämpfen

Kaum je tritt die Verbindung von Sprache und Politik so deutlich zutage wie in Zeiten des Wahlkampfes. Kaum je wird die Abhängigkeit der Politik, ihrer Akteure, Legitimation und Handlungspotenz, von Sprache offenbarer als in jenem periodisch wiederkehrenden kommunikativen Ausnahmezustand, in dem Demokratien stets aufs Neue über die Distribution ihrer kollektiven Macht verhandeln. Kaum je nimmt jener gesellschaftliche Raum, in dem politische Sprache und politisches Handeln Identität werden, so klare Konturen an wie im der Demokratie inhärenten Ritual des Werbens um Aufmerksamkeit, Zustimmung und Vertrauen, des Erzeugens von Mobilisierung und Polarisierung, der Persuasion und Begründung, der Retrospektion und Prospektion.

Sprache bedingt Politik und Politik bedient sich der Sprache – Wahlkampf ist das Konzentrat dieses Zusammenhangs, den die Politikwissenschaft mit dem Schlagwort „Legitimation durch Kommunikation“ fasst. Dahinter verbergen sich die unerlässlichen kommunikativen Bedingungen der repräsentativen Demokratie: die Pflicht zur Begründung und zur Akquisition von Zustimmung. Beides ermöglicht durch Sprache, beides umgesetzt in Sprache. Wo Macht durch Begründung und Zustimmung errungen werden muss, wird Sprache zum Medium und Gegenstand des „Machtkampfes“ und der Kampf um die Wahl zum Kampf um das Wort: um seine Rezeptionschancen in alten und neuen Öffentlichkeiten, um Deutung und Bedeutung, um Popularisierung und Persuasion.

In Reden, auf Plakaten, in Werbespots, Talkshows und Interviews, online oder auf der Straße – überall versuchen die Parteien und Kandidaten mittels der persuasiven Kraft des Wortes Wählerstimmen und damit politische Macht zu erhalten. Dort, wo das Amt an der Spitze des Staates zum Ziel der wahlkämpferischen Begierde wird, erhält dabei das Wort der potenziellen Präsidenten besondere Wirkungsmacht. Die Kandidaten in Präsidentschaftswahlkämpfen befinden sich wie Fixsterne im Zentrum des Wahl- und Wortkampfes. Um sie herum kreisen all ← 7 | 8 → jene gesellschaftlichen Diskurse, von denen und in denen diese Wahl entschieden wird. So wird der Blick auf die Diskurse, die die Präsidentschaftskandidaten durch die Wahlkämpfe begleiten, zum Blick auch auf das Gravitationszentrum gesellschaftlicher, sprachlicher und kultureller Veränderungen und demokratischer Machtverschiebungen.

Für die Kandidaten und ihre Kampagne ist der Kampf um die Diskurshoheit dabei zentral, der Kampf also um die Besetzung positiv deontisch aufgeladener Begriffe und ihre Verbindung mit der eigenen Person: Wer Begriffe wie Freiheit, Wohlstand oder Souveränität für sich reklamieren kann, hat gute Chancen, als Person mit diesen Werten identifiziert und in ein Amt gewählt zu werden. Und wem es gelingt, deontisch negativ aufgeladene Begriffe zu vermeiden oder sie sogar dem politischen Gegner zu attribuieren, der erhöht diese Chancen noch einmal. Der Kampf der Kandidaten um die Diskurse und die Hoheit über sie wird so zum Spiegel der politischen Kultur: von Werten und Wertungen, von politischen Einstellungen und politischer Ordnung – und zugleich ihrer Veränderlichkeit.

Denn wo Wahlen zu Parlamenten zumeist weitgehende Kompromisse in der Kampagnenführung erfordern, wo hunderte Abgeordnete und hunderttausende Parteimitglieder über das Programm und seine sprachliche Umsetzung wachen, wo parteipolitische Tradition und eine über Jahrzehnte gewachsene politische Kultur schnelle Veränderungen von Wahlkampfführung und Wahlkampfsprache erschweren, da sind Präsidentschaftskandidaten in ihrer Kampagnenführung wesentlich freier. Der Zuschnitt auf den Kandidaten, seine Freiheit über Programm und Wortwahl zu bestimmen, die Kampagne nach seinen und den perzipierten Interessen der Wähler zu gestalten und – wenn nötig – umzugestalten, eröffnen den Kampagnen weitgehende Gestaltungsspielräume und machen sie so zu „early adoptern“ moderner Wahlkampflogik.

Als George H. W. Bush einst im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf verlangte „read my lips“, forderte er also nicht nur Vertrauen in sein (später gebrochenes) Versprechen, die Steuern nicht zu erhöhen. Er formulierte, wenn auch wohl unbeabsichtigt und in seiner intellektuellen Brillanz unbemerkt, zudem eine aus Wähler- wie aus Wissenschaftssicht schiere Notwendigkeit moderner demokratischer Präsidentschaftswahlkämpfe: Das geschriebene oder gesprochene Wort – wenngleich nicht nur das der Kandidaten, sondern auch ihrer Unterstützer und Wähler sowie ← 8 | 9 → derer, die über sie berichten, urteilen und entscheiden – zum Gegenstand der Aufmerksamkeit, Wahlüberlegungen und Analysen zu machen. Denn „das“ Wort verrät im Wahlkampf weit mehr als politische Vorhaben für die Zukunft. Es zeichnet Bilder vom Zustand und der Entwicklung von Gesellschaften, es verdichtet ganze Legislaturperioden und Jahrzehnte, die kommen, zu einzelnen Reden oder sogar Slogans.

Wahlkampf ist Wortkampf – und damit ist der Kampf um die Macht nicht zuletzt ein Kampf um Diskurse und in Diskursen. Es ist dieser Zusammenhang von Politik, Macht und Sprache, von Wahl und Wort, den die von Brexit, Trump und (rechtem) Populismus erschütterte und nach Erklärung suchende res publica gerade wiederentdeckt und zu dessen Aufklärung sie sich weltweit mit wachsender Aufmerksamkeit und Hoffnung auch der Sprachwissenschaft zuwendet. Es ist dieser Zusammenhang, zu dessen Analyse die Sprachwissenschaft in erheblichem Maße beitragen kann.

Der vorliegende Sammelband soll ebendies tun, wenn er unter dem Titel „Wahlkampf ist Wortkampf“ die vielfältigen Facetten moderner Präsidentschaftswahlkämpfe ausleuchtet. Der Band ordnet sich damit in zwei Forschungsbereiche ein, die aktuell – und vermutlich nicht losgelöst vom gesellschaftlichen Bedürfnis nach Erklärungen für die aktuellen Umwälzungen politischer und sozialer Gewissheiten – in vielen Disziplinen einen dynamischen Aufschwung erleben: die Diskursanalyse und die Politolinguistik.

Während die Diskursanalyse – seit Jahrzehnten zum Inventar sprachwissenschaftlicher Forschung gehörend – dabei auf einem breiten theoretischen, methodischen und empirischen Fundament steht, entwickelt sich die Politolinguistik in Deutschland erst in den vergangenen Jahren zu einem eigenen Forschungszweig, der gleichwohl von einem lebendigen, interdisziplinären Austausch, methodischer Vielfalt und einer regen Forschungstätigkeit getragen wird. So lässt sich ihr bereits jetzt, wenige Jahre nachdem sie sich in der Germanistik erstmals als eigener Forschungszweig herauskristallisierte, umfängliche Literatur aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zuordnen, oft auch verbunden mit einer diskursanalytischen Perspektive. Auch in der Romanistik, in Frankreich schon seit längerem, wird der Forschungszweig immer bedeutungsvoller. Der vorliegende Band soll den aktuellen Forschungsstand nun um die Untersuchung der sprachlichen Strategien moderner ← 9 | 10 → Präsidentschaftswahlkämpfe bereichern, die sich bisher nicht umfänglich in der politolinguistischen Literatur findet.

Die Idee zu diesem Band und zu der Tagung, die ihm im Oktober 2016 am Romanischen Seminar der Universität Kassel vorausging und deren Beiträge er versammelt, entstand im Hinblick auf die französische Präsidentschaftswahl 2017. Weil das Gestaltannehmen dieser Idee aber unter dem Eindruck des Brexit-Diskurses und seiner realen politischen Folgen geschah und begleitet wurde vom medialen Spektakel des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 2016 und weil der Blick auf den Rest der demokratischen Welt die Universalität der Herausforderungen, die die neuen Wortkämpfe an die Gesellschaft stellen, so sichtbar zutage treten ließ, wurde das Konzept bald ausgeweitet. Und so wurde aus einem Projekt, dessen Fokus ursprünglich auf Frankreich bzw. dem romanischen Kulturkreis liegen sollte, fast zwangsläufig ein interdiszi­plinäres. Eine Entscheidung, die den Herausgeberinnen seither stets und unmittelbar sehr glücklich erschien: Rund ein Monat nach der Tagung, wurde Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.

In dieser Zeit also, in der in Frankreich nicht Marine Le Pen Präsidentin wurde, die seine Notwendigkeit aber dennoch jeden Tag in Zeitungen, Nachrichten und Tweets von selbst begründet, erscheint dieser Band. Er vereint Beiträge, die ganz unterschiedliche Facetten moderner Präsidentschaftswahlkämpfe ausleuchten und so zur Analyse auch des Grundsätzlichen der neuen Wortkämpfe beitragen, mit solchen Beiträgen, die das Grundsätzliche moderner Wahlkämpfe und ihrer Diskurse betrachten und so zur Erklärung des Spezifischen von Präsidentschaftswahlkämpfen beitragen.

Den Rahmen um das Thema „Wahlkampf ist Wortkampf“ zeichnet der Beitrag von Franz Lebsanft (Bonn). Sich in die Tradition von Coserius Sprachtheorie einordnend analysiert der Autor das Verhältnis von Sprache und Politik im Wahlkampf und verfolgt die langen historischen Linien moderner Wahlkampfkommunikation wie ihrer Erforschung von den großen weltanschaulichen Auseinandersetzungen in der BRD der 1970er Jahre bis ins Frankreich dieser Präsidentschaftswahl, wenn er die sprachlichen Strategien des Front National und seiner Kandidatin Marine Le Pen analysiert und expliziert. Der Autor verbindet seine Analyse mit einer umfassenden kritischen Methodendiskussion und Anregungen für ← 10 | 11 → die künftige methodische Ausrichtung der Diskursanalyse, in der er eine stärkere Rolle der hermeneutisch-pragmatischen Herangehensweise anregt. Der Beitrag verknüpft damit Geschichte, Gegenwart und Zukunft moderner Wahlkämpfe und ihrer Erforschung und legt dabei einen Fokus auch auf das personale Element, wie es für Präsidentschaftswahlkämpfe typisch ist. Damit steckt der Beitrag den historischen, theoretischen und methodischen Rahmen dieses Sammelbandes ab, dessen drei Themenblöcken er deshalb vorangestellt ist.

Geographisch überspannen die Beiträge in diesem Band den weiten Raum, der sich von Spanien über Frankreich, Italien und Deutschland bis nach Syrien und die USA erstreckt. Dabei zeigen sich – bei allen Unterschieden dieser Länder – jene Thematiken, die Wahl- und Wortkampf aus politolinguistischer Sicht heute prägen. Sie wurden im Buch zu drei Themenblöcken geordnet:

Der erste Block stellt die Frage nach dem Spannungsfeld zwischen analoger und digitaler Welt, in dem sich alle modernen demokratischen Wahlkämpfe und jegliche politische Kommunikation am Beginn des 21. Jahrhunderts abspielen. Im ersten Beitrag wenden sich Sybille Große und Verena Weiland (Göttingen) dabei dem wohl klassischsten der analogen Wahlkampfmedien zu, an dessen Bedeutung – gemessen an Sichtbarkeit und dem Potenzial zum Durchbrechen jeglicher Filterblasen – auch im Zeitalter von Facebook und Twitter wohl kein digitales Wahlkampfmedium heranreicht: dem Wahlplakat. Die Autorinnen analysieren Wahlplakate aus Deutschland und Frankreich von den 1950er Jahren bis heute komparativ und diachron. In der Analyse der Slogans dieser Wahlkämpfe betrachten sie grammatisch-syntaktische und semantische Aspekte ebenso wie Referenzen auf Gesellschaft und Kultur sowie die Metaphorik und beziehen zusätzlich zu den sprachlichen auch visuelle Elemente der Plakate in die Analyse ein.

Ganz der digitalen Welt und der anderen, der Wähler-, Seite der politischen Kommunikation zugewandt, analysiert Nadine Rentel (Zwickau) Blogeinträge eines politischen Diskussionsforums zu Sarkozys Präsidentschaftskampagne 2017. Mit den sprachlichen und multimodalen Strategien in Diskussionsforen untersucht sie damit einen Raum der Protestkultur, der sich der Kontrolle der Kandidaten und ihrer Strategen entzieht und der Elemente klassischer interpersonaler Kommunikation in den digitalen Raum überträgt. Sie gibt damit einen Einblick darin, ob und ← 11 | 12 → wie die Persuasionsabsichten der politischen Akteure in Wahlkämpfen dort ihren Niederschlag finden, wo ihr eigentliches Wirkungsziel liegt: bei den Wählern.

Patricia Yazigi (Hildesheim) vergleicht in ihrem Beitrag die Tweets der Kandidaten Barack Obama und Mitt Romney während des Präsidentschaftswahlkampfes 2012. Sie untersucht die Kurzmitteilungen im Hinblick auf Face und Facework, geht also der Frage nach, welches Face die beiden Kandidaten von sich selbst vermitteln und wie sie jenes ihres politischen Gegners bedrohen. Da die negative Darstellung des Gegenübers im Rahmen des negative campaigning in den USA eine in ihrer Bedeutung herausragende Tradition aufweist, untersucht die Autorin damit eine kulturelle und sprachliche Partikularität, die Präsidentschaftswahlkampf in den Vereinigten Staaten ausmacht, die aber nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre und auch den Ergebnissen des sich anschließenden Beitrages womöglich ebenso eine Vorausdeutung auf die Zukunft westlicher Wahlkämpfe im Spannungsfeld zwischen analoger und digitaler Welt generell darstellt.

Paula Bouzas und Uta Helfrich (Göttingen) sehen sich im Rahmen des spanischen Wahlkampfes das entscheidende TV-Duell 2015 zwischen Mariano Rajoy und Pedro Sánchez an. Sie analysieren damit den Diskurs in einem Medium, das für sich genommen das Spannungsfeld analog und digital repräsentiert und eine Brücke zwischen beiden schlägt. Die Autorinnen analysieren metalinguistische Elemente in der Debatte und widmen sich der Frage, auf welche Weise sie der Inszenierung beider Kandidaten dienen. Aus ihrer jeweiligen Position heraus agieren die Kandidaten – so zeigt sich – unterschiedlich. Rajoy versucht dabei insbesondere – geradezu in amerikanischer Manier des negative campaigning – sein Gegenüber zu beschädigen.

Nachdem der erste thematische Block damit den analogen und digitalen Foren moderner Wortkämpfe gewidmet war, wendet sich der zweite Teil einem Aspekt zu, der in der Öffentlichkeit und auch in der Literatur als Kennzeichen der Wahlkämpfe und Bedrohung der rationalen Wahlentscheidung zugleich gilt: dem Populismus und – damit verbunden – dem Extremismus. Die Wahlerfolge populistischer und extremistischer Parteien, Bewegungen und Kandidaten sind in den vergangenen Jahren Legion geworden. Der zweite Teil dieses Buches geht deshalb der Frage nach den sprachlichen Strategien, den Abgrenzungen und Eingrenzungen ← 12 | 13 → von Populismus und Extremismus nach. Sabine Heinemann (Graz) richtet in ihrem Beitrag den Blick auf Italiens wohl berühmtesten Ministerpräsidenten, Silvio Berlusconi. Wie kein anderer hat er ganz bewusst seinen Sprachgebrauch an den seiner Anhänger, der einfachen, normalen Leute, angepasst, sich so als einer von ihnen geriert und in Italien durch populistische Auftritte Wählerstimmen gesammelt. Berlusconi war – wenn man so will – der Ahne all jener Populisten, die nun in ganz Europa und der westlichen Welt auf seinen Spuren wandern. Sabine Heinemann beleuchtet diesen frühen Populisten und gibt so wichtige Einblicke in die Gegenwart moderner personenzentrierter westlicher Wahlkämpfe.

Judith Visser (Bochum) beschäftigt sich mit der rechtspopulistischen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, die den Wandel ihrer Partei von einer rechtsextremistischen zu einer rechtspopulistischen betrieb und so ganz besonders für das Spannungsfeld zwischen Populismus und Extremismus steht. Ausgangspunkt des Beitrags ist die These der von Twitter geleisteten condensation sémantique sprachlich komplexer Inhalte, die dieses Medium insbesondere als Kanal populistischer Kommunikation begünstige. Die Autorin geht dieser These anhand von 636 Tweets nach, die Marine Le Pen über einen Zeitraum von vier Monaten in der Präsidentschaftswahlkampagne 2017 tweetete. Ihr Ergebnis erinnert an die volksnahe Sprache des modernen europäischen Urpopulisten Berlusconi, wie ihn Sabine Heinemann in ihrem Beitrag zeichnet: Le Pen verwendet kurze, prägnante Sätze, deren argumentative Entfaltung viel Interpretationsspielraum zulässt. Neu ist im Zeitalter des digitalen Wahlkampfes die Möglichkeit, dank Hashtags, einzelne Aussagen schnell ideologisch einzuordnen und aufzuladen.

Thea Göhring (Bonn) erweitert in ihrem Beitrag den Blickwinkel auf die Sprache des Front National, indem sie dessen Sprachgebrauch anhand von Fernsehauftritten und Parteiprogramm, vor allem in Bezug auf die Europapolitik, untersucht. Sie wendet sich damit einem Thema zu, das in Zeiten des Brexits zum Thema europäischer populistischer Bewegungen schlechthin geworden zu sein scheint und das auch im französischen Präsidentschaftswahlkampf eine herausgehobene und die Kandidaten differenzierende Rolle spielte. Für die Franzosen war der zweite Wahlgang der Präsidentschaftswahlen auch eine Entscheidung für oder gegen Europa, eine Gemeinsamkeit, die sie nicht nur mit den Wählerinnen und Wählern in Österreich und den Niederlanden teilen, was in ganz Europa ← 13 | 14 → immer wieder den Blick auf die sprachlichen Strategien der Rechtspopulisten in ihrer Europapolitik lenkt.

Biographische Angaben

Sandra Issel-Dombert (Band-Herausgeber:in) Aline Wieders-Lohéac (Band-Herausgeber:in)

Sandra Issel-Dombert ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Kassel. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Phraseologie, Textlinguistik, Politolinguistik und Diskursanalyse. Aline Wieders-Lohéac ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Kassel. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Politolinguistik und Diskursanalyse.

Zurück

Titel: Wahlkampf ist Wortkampf