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Was bedeutet es, Person zu sein?

von Theodor Rütter (Autor:in)
Monographie 996 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Einleitung
  • Teil A Ausgangsbetrachtung
  • 1 Person: Von der Lautgestalt zum Kern ihres Sinngehalts
  • 2 Person: Der Begriff, ein Stück menschlichen Werks aus besonderem Grund
  • 3 Person: Ein Schlüsselbegriff der Ethik
  • Teil B Begriffsgeschichte
  • Aus der Frühgeschichte der persona
  • 4 Die persona im römischen Staat der Kaiserzeit
  • 5 Die Begriffe persona und prosopon in der Ethik der jüngeren Stoa
  • 6 Aus der griechischen Vorgeschichte der persona christlichen Sinngehalts
  • Die persona im frühchristlichen Diskurs
  • 7 Spaemann: Das Christentum hat die Person entdeckt
  • 8 Tertullian: Die persona wird christlich getauft
  • 9 Die persona im Streit der Theologen nach Tertullian und vor Boethius
  • Die persona im mittelalterlichen Diskurs
  • 10 Boëthius: Die grundlegende definitio personae
  • 11 Abaelard und Gilbert: Der leise Auftritt der menschlichen Person im zwölften Jahrhundert
  • 12 Richard von St. Viktor: Die persona per se solum existens
  • 13 Thomas von Aquin: Die Erhabenheit und innere Würde der Person
  • 14 Alexander von Hales – Bonaventura – Johannes Duns Scotus: Die menschliche Person als sittliches und einsames Wesen
  • 15 Die persona im politischen Sprachgebrauch des Mittelalters
  • Die persona im Übergang zur Neuzeit
  • 16 Luther: Person, die volkstümliche Wortgestalt mit zweifachem Sinngehalt
  • 17 Serveto: Sein Ende – der Anfang der neuen Geschichte des Begriffs der Person
  • 18 Descartes und Spinoza fangen mit der persona nichts an
  • 19 Suarez und Pufendorf: Personsein als moralischer Status des Menschen
  • 20 Hobbes: Der Pfiff der frühen Aufklärung, die säkularisierte Person
  • Die Person im neuzeitlichen Diskurs
  • 21 Hobbes: Der Pfiff der frühen Aufklärung, die säkularisierte Person
  • 22 Locke: Identität der Person
  • 23 Leibniz: Drei Dimensionen der Identität der Person
  • 24 Hume: Die eingebildete und die gefühlte Identität der Person
  • 25 Kant: Würdigung der Person aus praktischer Vernunft
  • 26 Fichte: Die Person als Werkzeug der Idee
  • 27 Hegel: Niedrigkeit und Hoheit der Person
  • 28 Schopenhauer: Die verschwindende Person
  • 29 Durkheim: Das Heilige der Person ist die Gesellschaft in ihr
  • 30 Husserl: Die Person – der Geist seines Leibes
  • 31 Scheler: Die Person – das Zentrum geistiger Akte im Menschen
  • 32 Teilhard de Chardin: Evolution – Involution – Personalisation
  • 33 Klages: Person und Persönlichkeit
  • 34 Lersch: Der Aufbau der Person
  • 35 Frankl: Zehn Thesen über die Person
  • 36 Guardini: Die Hoheit der lebendigen Person
  • 37 Päpstliches Lehramt: Dignitas Personae
  • Die Person in der analytischen und neueren praktischen Philosophie
  • 38 Strawson: Der Begriff der Person ist nicht reduzierbar
  • 39 Frankfurt: Freier Wille als Kriterium des Personseins
  • 40 Parfit: Die Selbigkeit der Person durch die Zeit ist ethisch irrelevant
  • 41 Dennett: Bedingungen für das Personsein
  • 42 Singer: Noch-nicht-Personen. Wirkliche Personen. Nicht-mehr-Personen
  • 43 Quante: Von der personalen Identität im Sprung zur menschlichen Persistenz
  • 44 Metzinger: Die Ego-Maschine
  • 45 Nagel: Die unersetzliche Perspektive der ersten Person
  • Auf dem Weg zum Begriff der personalen Existenz
  • 46 Mounier: L’éxistence personnelle
  • 47 Kierkegaard: Der Einzelne hat zu wagen, ganz selbst zu werden
  • 48 Heidegger: Das Seiende, dem es in seinem Sein um dieses sein Sein selbst geht
  • 49 Jaspers: Existenz in der Grenzsituation
  • 50 Berdjajew: Die Person, das Bild und Gleichnis Gottes im Menschen
  • 51 Ricœur: Selbstheit und Selbigkeit der Person und die Andersheit in der Selbstheit
  • Teil C Charakteristik der Personalität
  • 52 Die Person und ihre Persönlichkeit
  • 53 Personale Identität
  • 54 Personale Existenz
  • Ausblick
  • Literatur

Vorwort

Während eines langen Berufslebens an Hochschulen unterschiedlicher Art entstand ein besonderes Interesse und daraus eine ideengeschichtliche Forschungsreise. Sie wurde von Station zu Station spannender und dauert nun lange nach der Emeritierung immer noch an.

Das Berufsleben galt der Bildungsarbeit, ihrer Praxis und ihrer Theorie. Diese Praxis – die enge Zusammenarbeit mit Studierenden im natur- und technikwissenschaftlichen, im sozial- und geisteswissenschaftlichen, im philosophischen und erziehungswissenschaftlichen Hauptfach – hatte nicht bloß der fachlichen Ausbildung zu dienen, sondern vielmehr der Bildung in einem Sinn, den die ihr geltende Theorie vorgibt, nämlich die Anschauung dessen, was als das Verbindende aller Fächer und Arten der Ausbildung erscheint: die Herausbildung der Persönlichkeit der mit einander arbeitenden Personen.

Das besondere Interesse entstand aus der in Praxis und Theorie immer klarer als notwendig sich herausstellenden Unterscheidung und damit Beziehung zwischen Person und Persönlichkeit. Diese Beziehung wurde in die grundlegende Kurzformel gebracht: Die Person bildet ihre Persönlichkeit heraus. Diese Formel führt zur Grundlegung einer existentiell ausgerichteten Bildungsarbeit1 und spannt sich zwischen Philosophie und Psychologie aus. Denn hier wird Person als ein Grundbegriff der Philosophie (und insbesondere der praktischen Philosophie) verstanden, hingegen Persönlichkeit als ein Grundbegriff der Psychologie (insbesondere der Entwicklungspsychologie einschließlich der Psychiatrie).

Das hier vorgelegte Buch gilt nun nicht den psychologischen und psychiatrischen Theorien zur Persönlichkeit, ihrer Herausbildung oder Entwicklung, ihrer Förderungen und Störungen, sondern allein der grundlegenden existentiellen Frage, was es bedeutet, Person zu sein. Was es nicht nur theoretisch, für die Anschauung unserer je selbst bedeutet, Person zu sein. Sondern was es praktisch, nämlich für unser Handeln, für unseren Umgang mit einander und daher für unseren Umgang mit uns je selbst bedeutet, Person zu sein, und jetzt so betont: Person zu sein. Von dieser existentiellen Frage war die Forschungsreise geleitet.

Die Reise durch die Ideengeschichte begann (nach Vorstudien zu einem eigenen, heuristischen Konzept des Personseins) bei der Lautgestalt persona ←11 | 12→und ihrem Sinngehalt in der altrömischen Kaiserzeit und führte von Quelle zu Quelle, von Original zu Original der maßgebenden Texte, von Station zu Station durch die zweitausend Jahre lange und von Beginn an wechselhafte Geschichte der Lautgestalt und dann des Begriffs und dann der Philosophie der Person schließlich zum Konzept der Personalen Existenz. Darin sind zwei lange von einander getrennte Traditionen vereint, einerseits die Philosophie der menschlichen Person und andererseits die Philosophie der menschlichen Existenz.

Das aus den ideengeschichtlichen Studien in diesem Buch herausgearbeitete Konzept der Person, des Personseins, der Personalen Existenz ist in ein besonderes Problem hineingestellt, das hier nur angedeutet werden kann, in ein neuestes Problem der conditio humana. Meinte man damit früher die spezifisch menschliche Natur, so muss heute festgestellt werden: Die ganze lebende Natur unseres Planeten ist in makabrer Weise zur menschlichen Natur geworden. Von der menschlichen Spezies mehr und mehr beherrscht und bevölkert, ausgebeutet und zugemüllt, verwüstet und vergiftet. In diesem globalen sozialen Problem der Menschheit heute steckt ein personales und in diesem Sinn existentielles Problem je des einzelnen Menschen, und darum geht es hier.

Die conditio humana – sagen wir jetzt, die Gesamtheit der Bedingungen menschlichen Lebens auf diesem Planeten – ist durch immer höhere wissenschaftliche und technische Leistungen von Menschen zu immer größerem Teil immer schneller verändert und schließlich ganz und gar umgewälzt worden, in der neuesten Technikrevolution, zu deren Kennzeichnung ein Wort genügt. Digitalisierung. Das ist eine ganz neue Bedingung menschlichen Lebens. Geist aus der Flasche des Zauberlehrlings im futuristischen Alchimistenlabor.

Er macht sich daran, den neuen Menschen zu schaffen, welchen Julien Offray de La Mettrie 1748 im alten Menschen schon sah: L’homme machine. Aus der Flasche der Geist mit dem Namen KI, künstliche, lernfähige, immer schneller zunehmende Intelligenz, Ratio der Rechenmaschine, jetzt schon dem Menschen überlegen im Spiel, in der Arbeit.

Roboter heißt Arbeiter und ist heute die Arbeitsmaschine und morgen die kleine Maschine im Menschenhirn und übermorgen vielleicht vollends Menschmaschine. Manche Philosophen heute reden vom Menschen schon als Ego-Maschine, und sie erwägen, ab welchem Demenzgrad einem menschlichen Wesen aberkannt und ab welchem Intelligenzgrad einem Roboter zuerkannt werden könne, eine Person zu sein.

Was diese Andeutungen unter nur einem Aspekt der neuesten Technikrevolution sagen sollen: Sie wälzt unser bei aller Unterschiedlichkeit doch gemeinsames Selbstverständnis von Grund auf um und reißt darin lebende Wurzeln herkömmlicher Ethik heraus. Immer subtilere Technik greift immer schneller ←12 | 13→und tiefer und tiefer in das Verhältnis von immer mehr Menschen zu einander und zu sich je selbst ein, ohne ihnen notwendige und hinreichende geistige Mittel zum gemeinsamen und letztlich doch je ganz persönlichen Widerstand gegen diesen Eingriff in ihr Innerstes geben zu können. Dieses Innerste – die personale Existenz jedes menschlichen Wesens, seine Personalität und die in ihr angelegte Sozialität, seine Selbstachtung und die in ihr angelegte Achtung jedes anderen – wird in dem hier vorgelegten Buch zur Geltung gebracht. Gegen einen Zeitgeist, der sich in einer Zeit ohne Geist zur Ratio verengt, die in der menschlichen Rechenmaschine sich zu verwirklichen trachtet.

Nicht solche Ratio, sondern raison du cœur ist die Quelle, aus welcher der Fluss der Gedanken entspringt, die unserer Sorge um einander und um uns je selbst gelten. Solche Gedanken bedürfen solcher Begriffe, mit denen wir einander und uns je selbst zu begreifen versuchen. Person ist ein solcher Begriff, aber kein Zugriff und kein Eingriff, sondern eine Art von Hilfsgriff unseres Denkens, das seiner Herkunft aus der raison du cœur stets eingedenk sein sollte. Die hier vorgelegte Untersuchung ist eine Herzensangelegenheit. Das Buch wendet sich an den kritischen Verstand der Lesenden, an ihre ratio, geleitet von ihrer raison du cœur.

Das Buch ist systematisch aufgebaut, jedoch so, dass die Lektüre an jeder Stelle begonnen werden kann. Gerade weil es um uns je selbst mit einander geht, in der Gemeinschaft der Personen, wird durchweg nicht in der persönlichen Ich-Form, sondern von „unserer Betrachtung“ die Rede sein. Sie ist freilich nicht als Überredung angelegt, sondern als Einladung zur Begegnung in der Entgegnung, zur Weiterführung des Diskurses, der uns je selbst betrifft, im Umgang mit einander, von Person zu Person.

Mit lauter guten Erinnerungen danke ich herzlich den Personen im Peter Lang Verlag, die dafür gesorgt haben, dass aus dem Manuskript ein Buch wurde. Herrn Dr. Benjamin Kloss, dem Leitenden Lektor, danke ich dafür, dass er meine Anfrage so freundlich wie ermutigend aufgenommen, sich auf das Projekt eingelassen, sich um Gutachten bemüht und schließlich den Druck des umfänglichen Werks veranlasst hat. Frau Jana Habermann danke ich dafür, dass sie mich auf der langen Strecke vom Manuskript zum ersten Korrekturexemplar geduldig begleitet hat. Frau Sandra Bennua danke ich dafür, dass sie mir auf der entscheidenden Strecke des Wegs aus vielen Schritten zum Druckexemplar mit Rat und Tat so wirksam wie wohltuend geholfen hat.

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1 Theodor Rütter: Bildungsarbeit. Eine Betrachtung aus dem Anspruch personaler Existenz. Berlin 2008

Einleitung

Die hier vorgelegte Betrachtung gilt einer Frage, die uns je selbst im Umgang mit einander betrifft, nämlich was es bedeutet, Person zu sein. Diese existentielle Frage fordert zur Suche nach einer Antwort heraus, die nicht nur theoretisch bündig, sondern praktisch verbindlich ist. Die Suche, von Grund auf heuristisch, ist im Vorgehen hermeneutisch und in der Zielsetzung pragmatisch. Diesen drei Eigenschaften entsprechen die Hauptteile A und B und C der Betrachtung.

Teil A, die Ausgangsbetrachtung, gilt der Grundlegung im Sinne der Heuristik (nach dem altgriechischen Wort εὑρίσκειν, heurískein für entdecken): Aus einem untergründigen, anfangs noch sich selbst verdeckten Wissen hat sich die existentielle Frage herausgearbeitet, in der schon eine gewisse Intuition wirkt, was es bedeutet, Person zu sein. Aus dieser Intuition wird die existentielle Frage in eine Formel gebracht, die als Schlüssel zur Entdeckung, als Werkzeug zur nach und nach weiteren Aufdeckung dessen dienen soll, was es bedeutet, Person zu sein, und was es letztlich bedeutet, Person zu sein.

Teil B, eine Begriffsgeschichte, gilt der genannten Aufdeckung im Sinne der Hermeneutik (nach dem altgriechischen Wort ἑρμηνεύειν, hermēneúein für auslegen): Aus der zweitausend Jahre langen Geschichte abendländischer und dann weiterer, westlicher Philosophie werden Schriften vom Beginn der römischen Kaiserzeit bis heute übersetzt und ausgelegt, in denen der Wortgestalt, die als Lehnwort aus dem Lateinischen in unserer Sprache heute Person lautet, nach und nach reicherer und zuletzt wieder ärmerer Sinngehalt eingegeben worden ist. In diesem hermeneutischen Unternehmen wird immer wieder die (im Teil A) heuristisch angelegte Formel als Schlüssel verwendet. Und zwar zu möglichst immer besserem Verstehen, was es bedeutet, Person zu sein, und was es letztlich bedeutet, Person zu sein. Da immer besseres Verstehen nie vollendet sein wird, bleibt immer zu fragen, was es bedeutet, Person zu sein.

Teil C, zur Charakteristik der Personalität, gilt der kritischen Zusammenfassung der vielen unterschiedlichen Funde (aus dem Teil B) in einen Befund im Sinne der Pragmatik (nach dem altgriechischen Wort πραγματιστικός, pragmatistikós für handlungsbezogen): Als Vorschlag zur weiteren, letztlich ethischen Verhandlung unseres Bildes von uns je selbst mit einander– das heißt, als Beitrag zu höherer Klarheit der Rede von der Person und ihrer Persönlichkeit, von der Personalen Identität (als Identität der Person im Unterschied zur Identität der Persönlichkeit) und zuletzt und zuhöchst von der Personalen Existenz (als auf sich selbst bestehendes, doch nicht in sich selbst ruhendes Personsein) – werden ←15 | 16→diese Begriffe, mit denen wir uns je selbst und einander zu begreifen versuchen, so präzise wie möglich gegeneinander abgesetzt und dann so prägnant wie nötig zueinander ins Verhältnis gesetzt.

Dieses ABC der ganzen Betrachtung, ihr Vorgang von A durch B zu C, kann auch wie folgt beschrieben werden: Der in der Mitte stehende, umfangreichste Teil B lässt in weitgehend chronologischer Folge besonders einflussreiche Stimmen zu Gehör kommen, die der Person, dieser heute von uns alltäglich zumeist ohne tiefere Gedanken ausgesprochenen Lautgestalt, nach und nach ihren philosophischen, nicht nur theoretischen, sondern auch praktischen, ethischen Sinngehalt gaben. Dieses in seiner Vielfalt ungeformte geschichtliche Material wird von den Teilen A und C nicht nur irgendwie eingerahmt, sondern in Form gebracht. Diese Form, bildlich gesprochen, hat den Teil A als Boden und den Teil C als Wandung und ist nach oben hin offen.

Teil A Ausgangsbetrachtung

Die Ausgangsbetrachtung besteht aus drei Kapiteln. In ihnen wird für die ganze weitere Betrachtung die Schlüsselformel erarbeitet. Ihre grundlegende, einfache Fassung im ersten Kapitel. Ihre zweite, zweifache Fassung im zweiten Kapitel. Ihre dritte, dreifache Fassung im dritten Kapitel. Die Formel dient als Schlüssel zum Erschließen des Sinngehaltes, welcher der Person, dieser Laut- und Wortgestalt, von den verschiedenen Autoren im Laufe der Geschichte dieses Begriffs in der zunächst theologisch lange beherrschten und dann freien abendländischen und dann weiteren westlichen Philosophie bis heute entnommen und eingegeben, also zuerkannt worden ist. Der Schlüssel hat einen Bart, einen alten Bart, dessen Kontur und Schliff – nämlich die dreifache Fassung der Formel – aber möglichst in jedes alte und sogar auch neue Schloss passen soll, das beim ersten Blick den Zugang zu je dem einzelnen, besonderen, eigensinnigen, fremden Text versperrt.

Die intuitiv mehr erahnte als ausformulierte Rohfassung des Schlüssels ist – so weit die Erinnerung es wieder einholen kann – entstanden aus einem ursprünglich seiner selbst noch kaum bewussten Interesse, aus einer zunehmend ihrer selbst bewussten Empörung, aus einem langsam sich herausklärenden Innesein des eigenen Seins, aus einem immer dichteren Gemisch des Erlebens und des Erlesens dessen, was es bedeuten mag, nicht nur beliebiges Individuum, nicht nur sozialisiertes Subjekt oder gar Objekt einer äußeren Gesellschaft zu sein, sondern je einzigartige und letztlich unmittelbar Person in einer inneren, verbindlichen Gemeinschaft von Personen. Aus dem dann folgenden, immer wieder erneut aufgenommenen und von Mal zu Mal gründlicheren Studium der in immer engere Auswahl genommenen Literatur zur Person klärte sich nach und nach die Schlüsselformel heraus.

Sie ist eine Nachhabe in Gestalt und Funktion einer Vorgabe. Keine Hypothese, die auf Falsifizierung oder Bewährung hin der logischen und empirischen Prüfung bedarf. Sondern ein phänomenologisch begründeter und nachprüfbarer und doch immer in Frage stehender Entwurf zur nochmals gründlichen, textkritischen und selbstkritischen Auslegung der schließlich ausgewählten Schriften ←17 | 18→zur Person. Dieses Studium bewegt sich in einem offenen hermeneutischen Kreisel. Darin trifft der Entwurf auf den Gegenwurf des jeweils betrachteten Autors, auf dessen Auslegung des Begriffs der Person. Aus diesem theoretischen Treffen soll idealiter jedesmal das Verstehen sich tiefen und weiten, was es bedeutet, Person zu sein und was es letztlich bedeutet, Person zu sein. Ob dieser sich immer mehr weitende Kreisel ins Trudeln gerät, mögen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, aus Ihrem Selbstverständnis sachkritisch und selbstkritisch prüfen.

Dieser Teil A mit seinen drei Kapiteln ist mit dem Teil C und seinen drei Kapiteln zum Rahmen für den längsten Teil B der ganzen Betrachtung verbunden. Auch diese Verbindung ist ein offener hermeneutischer Kreisel. Denn die im letzten Teil C wieder aufgenommene Schlüsselformel aus dem ersten Teil A kann daraufhin überprüft werden, ob und wie weit sie sich im Teil B bewährt hat. Dabei mag sich zeigen, dass der Schlüssel mit seinem alten Bart das Schloss nicht nur der älteren lateinischen, sondern auch der jüngeren deutschen und angelsächsischen und französischen Schriften zur Person zwar öffnet, jedoch den in der langen Geschichte dieses Begriffs angesammelten, wieder vergessenen und wieder gewonnenen Sinngehalt dieser Wortgestalt nur andeuten kann. Das aber bedeutet: Wie A und C der hermeneutische Rahmen für B sind, so ist B der hermeneutische Rahmen für AC.

1 Person

Von der Lautgestalt zum Kern ihres Sinngehalts

Person. Indem wir diese kleine, feste Schriftgestalt lesen, hören wir sie als Lautgestalt. Indem wir sie hören, entnehmen und geben wir ihr einen mehr oder weniger klaren Sinngehalt. Bezeichnen wir nun eine Lautgestalt mit Sinngehalt als Begriff. Lesen und hören wir Person, so machen wir uns davon einen Begriff – mit dem wir uns je selbst bezeichnen und zu begreifen versuchen – „uns je selbst“, also je persönlich.

Unsere Betrachtung gilt zunächst (1) der Person als bloßer Lautgestalt, ihrer Herkunft und ihrer Ankunft in heute lebenden Sprachen und ihrer absehbaren Zukunft, sodann (2) dem schlichten Sinngehalt dieser Lautgestalt in unserer alltäglichen Sprache, schließlich entscheidend (3) dem Kern des Sinngehalts unseres Begriffs der Person.

1

Woher kommt die Lautgestalt (und dann Schriftgestalt), die in unserer Sprache Person heißt? Die Antwort ist einfach und frei von Zweifeln. Person kommt von persona her, aus dem Lateinischen. Aber woher kommt persona? Drei unterschiedliche Antworten sind besonders geläufig. Erstens, „persona kommt von personare her“, aus dem Lateinischen. Zweitens, „persona kommt von φersu her“, aus dem Etruskischen. Drittens, „persona kommt von prosopon (προσωπον) her“, aus dem Griechischen. Alle drei Antworten aber sind mit Zweifeln behaftet.

1.1

Die erste Antwort lautet, „persona kommt von personare her, und personare bedeutet durchtönen“. Diese Herleitung wurde schon in der römischen Antike ausgesprochen, so von dem Grammatiker Gavius Bassus2 im ersten Jahrhundert vor Christus. Für lange Zeit galt diese Herleitung der persona von personare. Sie findet sich bei Theologen des christlichen Mittelalters wie zum Beispiel bei Boethius3 und bei Remigius von Auxerre und bei Bonaventura. So schreibt ←19 | 20→Remigius, „persona dicitur eo quod per se sonat“, das heißt „die persona heißt so, weil sie durch sich tönt“. Und Bonaventura übernimmt die zu seiner Zeit immer noch übliche Deutung der persona als „per se sonans“, das heißt, „durch sich hindurch tönend“, und er versteht diese Wendung als Selbsttätigkeit der persona.4

Für manche Leute gilt diese Herleitung noch heute. Denn personare, so sagen sie, heißt hindurchtönen, hindurchklingen, hindurchschallen. Durch was hindurch? Durch die persona hindurch. Und persona, so wissen sie wohl, heißt ursprünglich die Maske vor dem Gesicht der Darsteller mythischer, heroischer, göttlicher Gestalten und ihrer Taten und Schicksale in antiken Dramen. Demnach hätten die alten Römer die Maske der Darsteller im Drama deshalb persona genannt, weil durch sie die mythische, heroische, göttliche Stimme personata, also hindurchgetönt sei. Doch diese Deutung ist mit drei Zweifeln behaftet:

Erstens, heißt personare wirklich hindurchtönen? Zwar heißt per- (unter anderem) durch und hindurch, und sonare heißt intransitiv: (er)tönen, (er)klingen, (er)schallen und rauschen und brausen und prasseln und krachen und klirren und dröhnen. Aber personare heißt intransitiv widerhallen und laut erschallen, seine Stimme erschallen lassen, sich (auf einem Instrument) hören lassen und transitiv (einen Raum) mit Tönen erfüllen und (jemandem) ins Ohr raunen und (etwas) laut rufen oder ausschreien und laut (von etwas) reden und schließlich (etwas oder jemanden) besingen und also, genau genommen: eben nicht hindurchtönen.

Zweitens, falls wir dennoch gelten lassen wollten, dass persona und personare eng miteinander verbunden sind, nämlich vom Ursprung der persona als Maske und vom Schauspieler im antiken Drama her, der ein mythisches, heroisches, göttliches Wesen darstellt und also an dessen Stelle seine Stimme erschallen lässt – was ja, von der persona abgesehen, durch die er hindurchspricht, personare heißt – so bleibt doch ein Zweifel, der an einer späteren Folgerung haftet. Die nämlich lautet, persona sei der Name nicht mehr für ein Ding wie Maske, sondern für ein lebendes Wesen, in dem und aus dem die göttliche Stimme spricht, und so sei Person von Herkunft der sozusagen natürliche Name für das einzelne menschliche Wesen, in dem und aus dem Gott spricht, oder noch viel mehr, Gott selbst sei Person. Der Zweifel gilt nicht etwa der Vereinbarung an sich, Gott und den Menschen als Person zu bezeichnen, sondern nur ihrer Herleitung aus personare.

Drittens, vom zweifelhaften Hindurchtönen jetzt ganz abgesehen, stellt sich die Frage: Kommt persona rein lautlich überhaupt von personare her? Altphilologen ←20 | 21→antworten: Nein! Sie sagen, der Laut o habe in beiden Wörtern unterschiedliche Quantität. Denn im Wort personare wird der Laut o kurz und im Wort persona wird der Laut o lang gesprochen. Damit gilt die beliebte Herleitung der persona aus dem Verb personare etymologisch als gescheitert.

1.2

Die zweite Antwort lautet, „persona kommt von φersu her“. In der etruskischen Sprache hat φersu für Maske oder Schauspieler oder für beides gestanden – wie man annimmt, aber nicht sicher weiß. So wird die Herleitung des Wortes persona aus φersu für unsicher, aber immerhin für wahrscheinlich oder jedenfalls für möglich gehalten. ,,Von den vielfältigen Versuchen der modernen Forschung, Licht in die Herkunft des Wortes zu bringen, verdient lediglich der Hinweis auf das etruskische Wort ,φersu, das ‚Maske, Schauspielerzu bedeuten scheint, Beachtung.5 So schreibt Fuhrmann. Aber ist der lautliche Unterschied zwischen den beiden italischen Wörtern, also zwischen dem etruskischen Wort φersu und dem lateinischen Wort persona, etwa geringer als der lautliche Unterschied zwischen den beiden lateinischen Wörtern personare und persona? So bleibt auch an dieser zweiten Antwort ein Zweifel haften.

1.3

Die dritte Antwort lautet, „persona kommt von προσωπον, prosopon her. Aber kommt persona daher? Manches spricht dafür. Das altgriechische προσωπον (von ωψ, ops), also prosopon, bedeutet Gesicht, auch von Tieren, und bei Menschen dann Angesicht, Antlitz, ferner auch Miene, Gesichtszüge, Blick und Anblick und Auge, dann auch Aussehen und äußere Gestalt sowie Oberfläche und Vorderseite als Vorderansicht auch unbelebter Dinge, auch Fassade – und schließlich auch Maske und Larve und Rolle des Schauspielers! Damit sind wir bei der persona, was ursprünglich Maske bedeutet, und später auch Rolle und sogar Verkleidung des Schauspielers und des Menschen, der eine falsche Maske trägt, in der er sich verstellt. Beachten wir jetzt noch, dass prosopon später sogar für Person steht und dass lateinische Grammatiker das Wort prosopon von griechischen Grammatikern übernommen und mit dem Wort persona übersetzt ←21 | 22→haben, so wird, entgegen dem Zitat oben, die Richtigkeit dieser dritten Antwort noch wahrscheinlicher.

Doch Fuhrmann bezweifelt das. Er schreibt: „Da die Schauspielermaske wohl ebenso wie das übrige Bühnenwesen von den Griechen zu den Römern gelangte, ist wiederholt vermutet worden, den italischen Bildungen ‚φersu-persona‘ liege das griechische προσωπον (‚Gesicht, Maske‘, spätestens seit der Kaiserzeit auch ‚Person‘) zugrunde, eine wegen der lautlichen Unterschiede unsichere Annahme.6 Aber ist der lautliche Unterschied zwischen φersu und persona etwa geringer als der Unterschied zwischen προσωπον und persona?

Wie dem auch sei, auch die dritte Antwort bleibt mit einem Zweifel behaftet. Anders als Fuhrmann führt Forschner das lateinische Wort persona umstandslos auf das griechische Wort προσωπον zurück: „Das griechische Äquivalent für persona war προσωπον. Das Wort begegnet zuerst bei Homer, bezeichnet dort das Gesicht, das Antlitz des Menschen, und ist von da ab in dieser Grundbedeutung (bis in die neutestamentlichen Schriften hinein) kontinuierlich belegt. Der Grieche verwendete προσωπον üblicherweise nur für das menschliche Antlitz, gelegentlich auch für das Antlitz der Götter, nicht aber für die Gesichter von Tieren.7

In diesem letzten Satzteil liegt uns also ein Widerspruch zwischen Fuhrmann und Forschner vor. Dieser Autor bezieht sich auf eine theologische und vielleicht nicht mehr aktuelle Quelle8 und fährt nun wiederum mit Bezug auf eine in diesem Punkt vielleicht veraltete Quelle9 fort: „Zur ersten Bedeutung“ von prosopongesellt sich mit den Anfängen des kunstmäßig entwickelten Dramas eine zweite, wonach es das künstliche Gesicht bezeichnet, das der Mensch durch Aufsetzen einer Maske sich selber verleiht.“ Auch in der direkt folgenden Ausführung stützt Forschner sich auf einen länger zurückliegenden Artikel aus dem theologischen, religionswissenschaftlichen Bereich10: „In der Vorstellungswelt des Theaters bezeichnet προσωπον demnach zunächst die Maske, dann auch (nach Aristoteles, ←22 | 23→in der Zeit des Hellenismus) im übertragenen Sinn die Rolle, den Charakter, den ein Schauspieler in einem Stück in Wort und Tat in Szene setzt.

Den unmittelbar folgenden Satz hebt Forschner hervor: „Von hier aus, also über den Begriff des (menschlichen) Charakters (im Theater) entwickelt sich die Bedeutung von prosopon als sprechender und handelnder Person.“ Die umstandslose Rückführung von persona auf prosopon durch Forschner nach älteren und heute nicht mehr in allen Punkten aktuellen Quellen wird hier zugunsten der vorsichtigeren Betrachtung bei Fuhrmann infrage gestellt.

1.4

Es gibt noch eine vierte zweifelhafte Herleitung. Sie mag etymologisch klingen, ist jedoch nur ein Wortspiel, ein Spiel mit dem Wort persona; sie lautet: „per se una“ und wurde offenbar gerne in der Nähe zur Wendung „per se sonans“ gebraucht. So zum Beispiel bei Godescalc von Orbais im neunten Jahrhundert. Er sagt, „persona est per se una“. In unserer Quelle dazu heißt es: προσωπον.In der Trinitätslehre“ – also in der mittelalterlichen Lehre von der göttlichen Dreieinigkeit, von den drei personae des einen Gottes – „wurde diese Herleitung des Wortes ‚Person‘ zunächst bekämpft“.

Aber „für die Christologie“ – also für die Lehre von den zwei naturae in der einen persona, von den zwei Naturen in der einen Person Jesu Christi – „schien sie dagegen brauchbarer zu sein, da sich damit die Einheit der Person Christi besonders herausstellen ließ“. Zum Beispiel bei Abaelard, er „bezeichnete die Person Christi als ‚quasi per se una‘. Diese Art der Etymologie setzt sich schließlich bei den meisten Autoren durch.“ Zum Beispiel bei Alanus ab Insulis und Simon von Tournai, „die der Meinung waren, ‚per se una‘ bezeichne sowohl die Einheit als auch die personale Unterschiedenheit“ wohl in der göttlichen Trinität. Die Wendung, sagen wir hier, „persona quasi per se una“, diente aber „meistens nur als Beiwerk der Argumentation.11 Mit dem „Beiwerk“ klingt ja der wortspielerische Charakter solcher Wendung an.

Kurz, alle vier Herleitungen der Lautgestalt persona sind mit so gewichtigen Zweifeln behaftet, dass wir uns von der Suche nach dem Ursprung dieses Ursprungswort für die heute sogenannte Person abwenden.

←23 | 24→

1.5

Mag die Herkunft der persona noch so strittig sein. Nicht strittig ist die frühe Ankunft der persona in dem Wort, das Person in unserer Sprache lautet. In den heute lebenden Sprachen, die vom Lateinischen herkommen oder davon mitgeprägt sind, treffen wir die persona in manchen Variationen ihrer Lautgestalt und der entsprechenden Schriftgestalt an.

Das Wort, welches Person in unserer neuhochdeutschen (und persōne in der mittelhochdeutschen) Sprache lautet, tritt als nur leicht variierte Schriftgestalt der schon stärker variierten Lautgestalt in den lebenden romanischen und romanisch mitgeprägten Sprachen auf: italienisch persona, sardisch pessone, spanisch persona, baskisch pertsona, katalanisch persona, galizisch persoa, portugiesisch pessoa, französisch personne, rumänisch persoană, niederländisch und afrikaans persoon, englisch person, walisisch person, maltesisch person, dänisch person, schwedisch person, norwegisch person, auch albanisch person und sogar in der lettischen Sprache persona. Das alles ist im Esperanto künstlich in das maskulin klingende Wort persono eingebracht, das sich gegenüber dem heute weltweit englisch gesprochenen person nicht hat durchsetzen können.

1.6

Die heute absehbare Zukunft scheint für das Wort, das Person in unserer Sprache lautet, in vielen Nationen, über die Vereinten Nationen hinaus, gesichert und in diesem positiven Sinn offen zu sein. Person, diese Lautgestalt – ob im dominierenden Englisch als person, ob in den einzelnen Landessprachen mit leicht unterschiedlichem Klang – ist in allen wesentlichen Verlautbarungen aus dem internationalen Diskurs um die Menschenrechte zu hören, geradezu als Schlüsselwort, auch wenn sein Sinngehalt noch längst nicht hinlänglich bestimmt oder gar weltweit verbindlich vereinbart worden ist.12

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Die neuere Geschichte der Menschenrechte – hervorgegangen aus den Kämpfen für die Rechte der Sklaven gegenüber ihren Besitzern, für die Rechte der Arbeiter gegenüber den Herren in der kapitalistischen Industrie, für die Rechte der Frauen gegenüber den uralten Vorrechten der Männer, für die Rechte der so genannten Geisteskranken gegenüber ihren Wärtern, für die Rechte der Kinder gegenüber den Älteren – setzt sich heute, längst noch bevor sie zu einem Ende, nämlich zur Befreiung der Menschen von Menschen gekommen ist – in dem Kampf für die Rechte der Tiere gegenüber den Menschen fort. Seit einigen Jahrzehnten erheben sich im Diskurs um die Tierrechte nach und nach zunehmend Stimmen von Ethikern und Ethologen, den Tieren hoch entwickelter Gattungen zuzuerkennen, dass sie Persönlichkeit haben und also letztlich als Personen mit entsprechenden Rechten zu achten sind.13

2

Von der Person als bloßer Lautgestalt nun zu deren Sinngehalt in unserer alltäglichen Sprache. Was haben wir als Erstes im Sinn, wenn wir das Wort Person hören, ohne uns besonders betroffen zu fühlen und ohne lange nachzusinnen? Wohl dieses: „Mensch“, und näherhin „einzelner Mensch“. So fasst denn auch, wie zu erwarten, der Bericht aus einer empirischen Studie14 deren Befunde zusammen: „In der Alltagssprache hat ‚Person‘ … den Sinn, in unterschiedlichem Präzisionsgrad einen Menschen zu bezeichnen, sofern er dieser konkrete Einzelne ist.“ Dem Bericht lassen sich drei wesentliche Befunde entnehmen, drei Varianten zunehmender Präzision des alltäglichen Sinngehalts der Wortgestalt Person. Dazu nur einige Beispiele und Anmerkungen.

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2.1

Die erste Variante, mit geringster Präzision, lautet zum Beispiel: „Wir geben die Zahl der Gäste unserer letzten Geburtstagsparty mit ‚35 Personen‘ an“. Gäste gleich einzelne Menschen gleich Personen gleich abzählbare Einheiten, in der Mehrzahl. Hier ist Person ein mit einer Zahl verbundenes Wort, bloß ein Zahlwort. Dem Bericht sei jetzt ein Beispiel hinzugefügt, das uns aus Hotels und Hochhäusern vertraut ist, als Schild im Aufzug: „Traglast maximal 8 Personen!“. Das könnte auch lauten, „höchstens 8 menschliche Körper“ oder „höchstens 8 Stück à höchstens 80 kg durchschnittlich“. Fahrgäste gleich Menschen gleich Personen gleich abzählbare und physikalisch wägbare Frachtstücke, aufwärts und abwärts zu bewegendes Stückgut, mehr Stück als Gut, wieder in der Mehrzahl. In diesen Beispielen, genauer betrachtet, steht Person für „Einzelmensch“ – und doch für weniger als „Mensch“. Denn läsen wir „8 Menschen“ auf dem Schild im Aufzug, dann klänge uns „Menschen“ als zu hoch und „8“ als zu platt und die Verbindung von Zahl und Mensch als irgendwie peinlich.

2.2

Die zweite Variante (hier anders als im Bericht nicht in zweite und dritte Variante unterteilt), mit etwas größerer Präzision, lautet zum Beispiel, „eine in unserer Stadt wohlbekannte Person“, oder in einem anderen Beispiel, „eine ganz unmögliche Person“. Das Wort Personwird hier genau dann verwendet, wenn man den Namen eines Menschen vermeiden will.“ In dieser Variante sind „viel häufiger negative als positive Prädikate zu finden“, und zwar „von dem Interesse geprägt, Distanz zu einem Menschen herzustellen“. Setzen wir hinzu: Wie wertgeladen die Prädikation in der zweiten Variante der Verwendung des Wortes Person jeweils auch sein mag, negativ oder positiv oder ambivalent, in jedem Fall genügt das Wort Person seiner „alltagssprachlichen Funktion“, dann nämlich, „wenn ‚Person‘ soviel besagt wie ‚ein einzelner Mensch‘ – allerdings nicht irgendein einzelner Mensch, sondern immer dieser eine Mensch da.

2.3

Die dritte Variante, mit noch etwas größerer, wenn auch immer noch mangelhafter Präzision, findet sich in diesem Beispiel: „Er nimmt alles gleich persönlich. Er kann einfach nicht unterscheiden zwischen seiner Person und der Sache.“ In diesem Fall „laufen die Fäden der bisherigen Fälle zusammen“, wie die Autoren es sehen. Wir sehen zunächst, um wieder mit den Autoren zu sprechen, dass Person hier im höheren Grad der Präzision auf diesen einzelnen Menschen hindeutet. In dieser ←26 | 27→Variante führen die jeweils Sprechenden „den Unterschied zwischen einer Person und einer Sache an, um in einer konfliktbeladenen Situation neuen Spielraum zu gewinnen. Jetzt soll wieder Distanz erzeugt werden, hier nun zwischen dem durch einen Konflikt Betroffenen und der Sache, um die es in diesem Konflikt geht.Person steht hier für entscheidend mehr als für Sache. „Worin allerdings der Unterschied zwischen einer ‚Person‘ und einer ‚Sache‘ genau bestehen soll, darüber machen wir uns in den alltagssprachlichen Konfliktsituationen keinerlei Gedanken. Wir setzen voraus, dass alle Beteiligten diesen Unterschied intuitiv erfassen.15

3

Machen wir uns jetzt aber darüber Gedanken! Welche Intuition bringt uns dazu, zwischen Person und Sache zu unterscheiden? Aus welcher Intuition unterscheiden wir uns je selbst von jeglicher Sache? Welche Intuition bringt uns darauf, uns je selbst und einander als Person zu bezeichnen und höher als eine noch so wichtige Sache zu achten? Aus welcher Intuition halten wir es für ungenügend, wenn wir „Person“ sagen und damit nur „Einzelmensch“ meinen? Kurz, welche Intuition wirkt in dem Begriff, mit welchem wir uns je selbst und einander zu begreifen versuchen, nämlich als Person?

Unsere ganze Betrachtung der Geschichte dieses Begriffs – von der persona im Theaterspiel der römischen Kaiserzeit bis zur Person in der Philosophie heute – wird Kapitel auf Kapitel zeigen, wie sein Sinngehalt sich schon früh umwendet und sich dann in dieser entscheidenden Umwendung nach und nach entfaltet. Wir werden in diesem geschichtlich sich entfaltenden und am Ende reichen Sinngehalt der schlichten Lautgestalt Person immer wieder auf einen Kern stoßen, auf einen Sinnkern offenbar aus einer gemeinsamen Intuition vieler einzelner Menschen vieler Gesellschaften ursprünglich abendländischer und heute weiter westlicher Kultur.

Wie jede systematische Auslegung einer Geschichte, so ist auch der Weg unserer Betrachtung in ihrem ganzen Teil B die Methode nach dem hermeneutischen Kreisel: Der Weg zur Entdeckung des Kerns im Sinn von Person beginnt mit einem schon mitgebrachten, aber noch unklaren Vorverständnis, setzt sich in dessen Prüfung und Klärung fort und endet im geglückten Fall mit einem herausgeklärten Verständnis. Dieser Weg folgt der oben genannten, uns allen hier unterstellten Intuition. Aus dieser Intuition wird hier nun – zum Zwecke der Klarheit – das Ende des Wegs zur Entdeckung des Kerns im Sinngehalt der Lautgestalt Person an den Anfang dieses Wegs gestellt und den Lesenden des Weiteren zur Prüfung vorgelegt.

←27 | 28→

Mit anderen Worten: Hier wird zum Sinngehalt der Lautgestalt Person eine Formel vorgelegt, die möglichst präzise und prägnant sein soll. Präzise ist die Formel in dem Maße, wie genau sie den Kern des Sinngehalts von Person trifft. Prägnant ist die Formel in dem Maße, wie sie mit der Fülle des Sinngehalts von Person trächtig ist. Diese Formel ersetzt „Einzelmensch“ durch „menschliches Subjekt“ und dieses durch „Subjekt“ und lautet wie folgt:

Das Subjekt, vermöge seiner Hinsicht auf sich selbst, heißt Person.

Diese grundlegende Formel, die einfachste Gestalt der Schlüsselformel unserer ganzen Betrachtung, wird nun erläutert. Zunächst wird nur vom Subjekt die Rede sein, noch nicht von der Person.

3.1

In der Formel steht das Wort vermöge. Damit ist ein inneres Vermögen gemeint, nämlich die innerste Möglichkeit des Subjekts, auf sich selbst hinzusehen, und zwar unabhängig davon, ob diese Möglichkeit zur Wirklichkeit geworden ist, ob also das Subjekt wirklich auf sich selbst hinsieht. Wir schließen logisch von der wirklichen auf die mögliche Hinsicht eines Subjekts auf sich selbst – und von dieser auf die mögliche Hinsicht jedes Subjekts auf sich selbst – und aus ethischem Grundsatz anerkennen wir jedes menschliche Wesen als Subjekt mit dem Vermögen zur Hinsicht auf sich selbst, das heißt, als Person.

Was ist dieses Vermögen? Es ist die potentia zum actus, zum schöpferischen Akt, welcher der Ur-Akt des Subjekts ist: Es ur-teilt sich selbst in sich selbst. Es spannt sich in sich selbst zwischen zwei Pole aus, an denen und zwischen denen es selbst ist, einerseits Subjekt und andererseits Subjekt. Nicht etwa einerseits Subjekt und andererseits Objekt. Nur weil das Subjekt sich selbst in sich selbst ur-teilt, kann es in sich selbst von sich selbst her auf sich selbst hinsehen, von dem einen Pol aus, der das eine ganze Subjekt ist, zu dem anderen Pol hin, der eben dieses eine ganze Subjekt ist.

Die Ur-Teilung des Subjekts ist sein Ur-Akt, und zwar nicht ein-für-allemal, sondern immer wieder einmal, und jedes Mal einmalig. Diese Ur-Teilung, diesen Ur-Akt können wir auch als Ur-Sprung bezeichnen. Immer wieder ur-springt das Subjekt aus der Einheit seiner selbst in die Zweiheit seiner selbst: Es selbst sieht auf sich selbst hin, in sich selbst. Das Vermögen dazu ist also das Ur-Vermögen, welches wir jedem Subjekt zuerkennen.

3.2

Vom Urvermögen her nun wieder zum Ur-Akt. Das Subjekt, indem es auf sich selbst hinsieht, verhält sich zu sich selbst und befindet sich damit im Verhältnis ←28 | 29→zu sich selbst. Das ist ein gespanntes Verhältnis. Die Spannung scheint schwach zu sein, wenn das Subjekt mit selbstgefälligem Blick auf sich hinsieht und sich selbst zustimmend sich selbst mitteilt, also sich selbst einträchtig mit sich selbst teilt und in dieser einvernehmlichen Weise an sich selbst Anteil nimmt. Die Spannung scheint nicht mehr so schwach zu sein, wenn das Subjekt mit besorgtem Blick wachsam und achtsam auf sich hinsieht und zusieht, dass es sich gut bewahre. Die Spannung scheint gar nicht mehr schwach zu sein, wenn das Subjekt, aus vielen Gründen kritisch gegen sich selbst, mit prüfendem Blick auf sich selbst hinsieht, um zu einem Urteil über sich selbst zu gelangen. Aber läuft nicht jegliche Hinsicht des Subjekts auf sich selbst – ob mit selbstgefälligem oder besorgtem oder prüfenden Blick – letztlich auf ein Urteil des Subjekts über sich selbst hinaus? Das Selbstverhältnis ist so oder so ein gespanntes Verhältnis.

Die Rede von der Spannung zwischen dem einen und dem anderen Pol sollte zunächst bloß formal hervorheben, dass das Subjekt sich selbst ur-teilt, sich von sich selbst her auf sich selbst hin ausspannt, wenn es auf sich selbst hinsieht. Dieses Verhältnis des Subjekts zu sich selbst ist keine leere Form, keine hohle Gestalt, vielmehr voller Selbstwertgehalt.

Denn mit jedem Blick auf sich selbst verhält sich das Subjekt – offenbar aus einem ursprünglichen, zumindest untergründigen Wissen um seinen dennoch ungewissen Wert in sich selbst und mehr oder minder bewusst – wertend, werturteilend, urteilend über sich selbst zu sich selbst. Nur weil es fähig ist, sich selbst zu ur-teilen, also sich in sich selbst von sich selbst zu sondern, abzusetzen, zu scheiden, zu unterscheiden, kann das Subjekt sich selbst be-urteilen und sogar ver-urteilen. Das ist im Grunde, vom Ursprung her, das eine Vermögen. Selbsturteilung läuft auf Selbstbeurteilung und dadurch auf Selbsturteil hinaus. Das ist nicht die Einzige, aber eine hier besonders herausgestellte Linie oder Spanne und damit Spannung im Verhältnis des Subjekts zu sich selbst.

Das Subjekt richtet in jeder seiner Hinsichten auf sich selbst letztlich den wertsuchenden, wertenden, prüfenden Blick auf sich selbst, und letztlich richtet es über sich selbst. Es eröffnet mit dem prüfenden Blick auf sich selbst das auf ein Selbsturteil zielende Zwiegespräch in sich selbst, das ein strenges inneres Verhör, eine innere gerichtliche Verhandlung und sogar ein hochnotpeinlicher Prozess sein kann. Das Subjekt ur-teilt sich in diesem inneren, mehr oder minder peinlichen Prozess immer wieder, indem es sich selbst unterschiedliche Rollen zuteilt und sich darin unterschiedliche Rede mit unterschiedlichen Argumenten und Dokumenten erteilt. Es verhandelt mit sich selbst als Ankläger und Angeklagter, als Zeuge und als Schöffe, als Beobachter und als Beisitzer, als Protokollant und so weiter – und letztlich als Richter seiner selbst. Es verhandelt in jeder dieser Rollen um sich selbst.

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 30→

Gegenstand dieser inneren Selbstverhandlung ist die Ansicht des Subjektes von sich selbst. Denn in seiner Hinsicht auf sich selbst, in diesem schöpferischen Urakt immer wieder, schöpft es Bilder seiner selbst, und aus ihnen bildet es die Ansicht seiner selbst. Schon in diesem Sinn ist die Selbsteinbildung die Meinung des Subjekts über sich selbst. Die Ansicht des Subjektes von sich selbst hat zwei Seiten. Auf der einen Seite die Meinung des Subjektes, was oder wie es selbst wirklich sei (und daher eventuell sein könne). Auf der anderen Seite die Meinung des Subjektes, was oder wie es selbst sein solle (und daher eventuell sein wolle). In seiner Selbstverhandlung vertritt es diese zwei Seiten zugleich.

Es verhandelt die eine gegen die andere Seite, auf einen Ausgleich hin, und wenn es den nicht erreicht, dann wenigstens auf einen gütlichen Vergleich hin. Der wäre dann das entsprechend milde Urteil des Subjekts über sich selbst. Erreicht das Subjekt auch das nicht, so zieht es andere Saiten auf und spielt sich ein strengeres Lied vor, eventuell einen Mahn- oder Drohgesang, in dem das selbst gesetzte Soll den Ton angibt. Ob in dieser oder in einer anderen Weise, in jedem Fall zielt die Verhandlung des Subjektes mit sich selbst um sich selbst auf sein Urteil über sich selbst hin, auch wenn das nicht immer erreicht wird, und falls erreicht, dem Subjekt selbst oft nicht bewusst wird.

In unserer Betrachtung wird jedem menschlichen Subjekt aus ethischem Grundsatz das Vermögen zur Selbst-Ur-Teilung und damit zur Selbstverhandlung und damit zum in sich mehr oder weniger streng ausgespannten Selbstverhältnis unterstellt.

3.3

Bisher wurde gesagt: Das Subjekt in seiner Hinsicht auf sich selbst befindet sich in einem gespannten Verhältnis zu sich selbst. Jetzt ist zu sagen: Das Subjekt befindet sich in einem dreifach gespannten Verhältnis zu sich selbst. Erstens spannt es sich zwischen die zwei Pole seiner selbst aus, wie oben skizziert. Zweitens spannt es sich zwischen zwei einander entgegengesetzte Seiten der Ansicht seiner selbst aus, wie soeben skizziert. Drittens, wie jetzt anzufügen notwendig ist, befindet sich das Subjekt in der Spannung zwischen der erstgenannten und der zweitgenannten Spanne.

Denn seine (erstgenannte) Hinspannung von dem einen zu dem anderen Pol seiner selbst ist klar zu unterscheiden von seiner (in dieser Hinspannung geschehenden, jedoch anderen) Anspannung zwischen den zwei Seiten seiner Selbstansicht, und aus diesem Unterschied geht die drittgenannte Spannung hervor. Und alle drei Arten der Spannung in dem einen Verhältnis des Subjekts zu sich selbst gehen aus dessen schöpferischen Ur-Akt hervor, aus seiner Ur-Teilung.

←30 |
 31→

So weit nur zur Komplexität des Selbstverhältnisses des Subjekts bereits in seiner Hinsicht auf sich selbst. Hier kommt es jetzt auf die in der Mitte stehende, auf die zweitgenannte Spannung an. Nennen wir sie die moralische Spannung im Verhältnis des Subjekts zu sich selbst. Denn die Spannung zwischen den zwei Seiten der Ansicht des Subjekts über sich selbst ist moralischer, sittlicher Art, weil ja hier die Meinung des Subjekts, wie es selbst wirklich sei, auf seine ganz andere Ansicht stößt, wie es selbst sein solle. Mit diesem Soll kommt die Moral ins Spiel, die Sittlichkeit.

Aber spielt das Morale nicht auf das Soziale an, auf die Gesellschaft des Subjekts, auf sein Verhältnis nicht zu sich selbst, sondern zu anderen Subjekten? Die Antwort muss nicht von weit hergeholt werden, sie liegt ganz nahe. Sie liegt im Subjekt selbst: Das Morale ist das Soziale – und dieses ist nicht erst das Verhältnis des Subjekts zu anderen Subjekten, sondern schon das Verhältnis des Subjekts zu sich selbst, also in sich selbst.

Denn das Subjekt schon in seiner Hinsicht auf sich selbst – und dann ersichtlich in seinem Zwiegespräch, in seiner Verhandlung mit sich selbst – befindet sich in einer Gesellschaft, nämlich in der innersten Gesellschaft, in der Gesellschaft mit sich selbst. Schon im ersten geistigen, schöpferischen Urakt des Subjekts, in seiner ersten Selbst-Ur-Teilung, entsteht diese innerste Gesellschaft, also das Verhältnis des Subjekts zu sich selbst, diese Zwei in Einem ausgespannt. Diese im Subjekt selbst liegende soziale Urgestalt ist ohne Moralgehalt gar nicht denkbar.

Das Subjekt befindet sich im sittlichen Verhältnis zu sich selbst, in der Gesellschaft mit sich selbst, herausgefordert vom Soll in sich selbst. Diese Urgesellschaft im Subjekt ist seine moralische Gemeinschaft mit sich selbst, in der es sich sein Urteil spricht. Aber kommt das Soll nicht doch primär aus der äußeren Gesellschaft in die innere, in diese innerste moralische Gemeinschaft, in das Subjekt hinein? Die Antwort ist in einem gesonderten Kapitel zu entfalten, in welchem es um das seinerseits gespannte Verhältnis zwischen Gewissen und Über-Ich geht.16

Das Subjekt in seiner Hinsicht auf sich selbst befindet sich, so wurde soeben ausgeführt, in einem dreifach gespannten Verhältnis zu sich selbst. Aber damit ist die sittliche Hochspannung im Verhältnis des Subjekts zu sich selbst noch nicht hinreichend gewürdigt.

←31 | 32→

4.1

Jetzt muss das hervorgehoben werden, was in unserer Betrachtung bisher allenfalls unausdrücklich mitbedacht wurde und was Jede und Jeder von uns aus der eigenen Hinsicht auf sich selbst zumindest untergründig schon wusste. Bisher wurde herausgestellt: Das Subjekt in seiner Hinsicht auf sich selbst verhält sich zu sich selbst. Jetzt ist anzufügen notwendig: Das Subjekt verhält sich zu diesem seinen Verhalten zu sich selbst. Kurz, das Subjekt befindet sich im Verhältnis zu seinem Verhältnis zu sich selbst. Jetzt genauer: Das Subjekt in seiner Hinsicht auf sich selbst befindet sich nicht nur, sondern es sieht sich in seiner Hinsicht auf sich selbst. Denn es sieht auf seine Hinsicht auf sich selbst hin. Es sieht auf diese seine Hinsicht auf seine Hinsicht auf sich selbst hin – und so weiter und weiter in logisch oder potentiell endloser Selbstreflexion.

Das Selbstverhältnis des Subjekts ist also nicht nur dessen einfaches Verhältnis zu sich selbst, vielmehr das vielfache Verhältnis des Subjekts zum eigenen Verhältnis zu sich selbst. Dieses Selbstverhältnis ist hoch gespannt. Geht es dem Subjekt in ihm doch letztlich nicht um die Ansicht seiner selbst, sondern vielmehr gänzlich um sich selbst.

Es schaut auf seine Ansichten seiner selbst und befragt sie und damit sich selbst. Es stellt seine Selbstansichten auf deren zwei Seiten in Frage, einerseits seine jeweilige Meinung, was oder wie es selbst wirklich sei, und andererseits seine jeweilige Meinung, was oder wie es eigentlich sein solle. Es gibt sich eine jeweilige Antwort und schaut diese an und stellt sie in Frage, auf die es sich wiederum eine Antwort gibt, die es selbst kritisch sieht und in Frage stellt, und so weiter ohne endgültige Antwort. Das Subjekt, dieses Wesen, das auf sich selbst hinzusehen vermag, bleibt sich selbst fraglich und daher fragwürdig.

4.2

Aber auch wenn es zu keiner am Ende gültigen Antwort gelangt, die alle seine Ansichten seiner selbst umfasst, so ist doch von seiner ersten bis zu seiner letzten Antwort auf sich selbst Eines gültig: Das Subjekt beantwortet sich, und das bedeutet, es verantwortet sich, und zwar zunächst für sich selbst vor sich selbst, und das auch schon, wenn es zu dieser seiner Sicht auf sich selbst noch nicht vollends erwacht ist. In diesem grundlegenden Sinn ist das Selbstverhältnis des Subjekts seine Selbstverantwortung: ein innerer Gerichtsprozess, nicht Rechtsprozess, sondern Moralprozess mit einer immer höher sich aufladenden Spannung, in der das Subjekt sich fortgesetzt prüfend und also wertend und also urteilend sich seiner selbst vergewissert.

←32 |
 33→

Unsere Betrachtung – eine kleine Phänomenologie des Subjekts, die sich jeder noch so nahe liegenden psychologischen und psychiatrischen, auch jeder soziologischen oder gar metaphysischen Sichtweise enthalten hat – ist nach ihrer eigenen Logik, nämlich der möglichst klaren Hinsicht des hier schreibenden Subjekts auf sich selbst – unumgänglich in die ethische Sicht eingemündet und dem Ziel nahe: einer ersten und doch schon grundlegenden Herausklärung des Begriffs, mit dem wir uns je selbst zu begreifen und einander zu würdigen versuchen: als Person, von Person zu Person.

Bisher war immer vom Subjekt, von seiner Ur-Teilung in sich selbst und bis zum Überdruss von seiner Hinsicht auf sich selbst, von diesem seinem Urverhältnis zu sich selbst die Rede, nicht von der Person. Dennoch war sie von Beginn an im Spiel. Dort wurde zuletzt herausgestellt: Das Verhältnis des Subjekts zu sich selbst ist seine Verantwortung für sich selbst.

4.3

Mit einem Satz springen wir jetzt von der bisher formalistischen in die gewohnte und in diesem Fall doch wohlbedachte Sprache: Wir sprechen durchweg nicht von unserer subjektiven, sondern von unserer persönlichen Verantwortung. Mit dieser kleinen Versetzung des Akzents vom Subjekt zur Person gelangt dieses Kapitel zu seinem Ende, das der Anfang der ganzen weiteren Betrachtung ist. Alles, was oben zum Urvermögen und Urakt des Subjekts bedacht worden ist, meint eben dieses Subjekt – jedes menschliche Wesen – als Person.

Jetzt soll noch einmal betont werden, was in der grundlegenden Formel oben schon steht: Das Subjekt, vermöge seiner Hinsicht auf sich selbst, heißt Person. Also schon allein das Urvermögen jedes Subjekts, auf sich selbst hinzusehen – nicht erst sein wirklicher Urakt, nicht erst die je aktuelle Hinsicht auf sich selbst und nicht erst sein klares Erwachtsein zu sich selbst – ist für uns Grund genug, es als Person zu bezeichnen und zu würdigen.

Oben wurde die grundlegende Formel unter den Anspruch gestellt, möglichst präzise und prägnant zu sein, und es wurde festgelegt: Präzise ist die Formel in dem Maße, wie genau sie den Kern des Sinngehalts von Person trifft. Prägnant ist die Formel in dem Maße, wie sie mit der Fülle des Sinngehalts von Person trächtig ist. Mit dem Urvermögen der Person, auf sich selbst hinzusehen, ist der Kern des Sinngehalts der Lautgestalt Person nun so getroffen, dass unsere Formel so präzise wie möglich und notwendig ist. Und in dem Maße, wie dieser Sinnkern trächtig ist mit Sinnfülle, ist unsere Formel prägnant. Aus der Sinnfülle ist Einiges oben benannt worden. Dazu gehört, dass die Person in ihrer Hinsicht auf sich selbst kritisch ist und sich in ihrer Selbstkritik an einem inneren Kriterium ←33 | 34→misst, das nicht nur privater, sondern genuin sozialer Natur ist, also nicht von außen in die Person eingepflanzt ist, sondern ihre natürliche Ursprünglichkeit ist, wie wir noch sehen werden.

Zum Schluss dieses Kapitels nochmals die Schlüsselformel in ihrer einfachen Fassung:

Person

heißt das menschliche Subjekt

vermöge

seiner Hinsicht auf sich selbst.

←34 |
 35→

2 Nach Manfred Fuhrmann in J. Ritter / K. Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 7, Darmstadt 1989, Artikel „Person“, Sp. 269–283, hier Sp. 269

3 Näheres im Kapitel: Boethius – Die grundlegende definitio personae.

4 Vgl. Brigitte Th. Kible in J. Ritter / K. Gründer a. a. O., Sp. 283

5 Fuhrmann a. a. O., Sp. 269; er nennt zwei Belege, nämlich G. Q. Giglioni: L’arte etrusca. Mailand 1925, XXX. 23; Taf. 109–111 und M. Pallottino: Etruscan painting. Lausanne o. J., S. 37 ff.

6 A. a. O., Sp. 269

7 Maximilian Forschner: Der Begriff der Person in der Stoa. In D. Sturma (Hg.): Person. Paderborn 2001, S. 37–57; hier S. 41

8 G. Friedrich (Hg.): Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 10 Bände, Stuttgart 1933–1979

9 Rudolf Hirzel: Die Person. Begriff und Namen derselben im Altertum. Sonderband der Königlichen Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Philosophische, philologische und historische Klasse. Jahrgang 1914, 10. Abhandlung. München 1914

10 Maurice Nedoncelle: Prosopon et persona dans l’Antiquité Classique. In: Revue des Sciences Religieuses. Band 22, 1948, S. 277–299

Zusammenfassung

Person zu sein: Was bedeutet das für die Ethik der Zukunft und für unsere Moral heute im Umgang mit uns selbst und im mit einander?
Diese Frage wirft sich aus einem aktuellen Problem auf
− Aus der Digitalisierung aller Lebensbereiche und damit zunehmender Depersonalisierung;
− Aus modernen Technologien und damit verbundenen Ideologien, die immer tiefer in unseren Umgang mit einander und mit uns je selbst eindringen;
− Aus philosophischen Konzepten, die an Hirnforschung und Künstlicher Intelligenz orientiert das Personsein manchen menschlichen Wesen aberkennen und manchen Rechenmaschinen zuerkennen.
Das Buch entfaltet die Antwort auf die in seinem Titel aufgeworfene Frage historisch und systematisch: aus praktischer Vernunft, die sich an den Verstand wendet, das heißt, aus der raison du cœur.

Details

Seiten
996
ISBN (PDF)
9783631768488
ISBN (ePUB)
9783631768495
ISBN (MOBI)
9783631768501
ISBN (Hardcover)
9783631768471
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
Person Personalität Die Person und ihre Persönlichkeit Personale Identität Personale Existenz
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 996 S., 4 s/w Abb.

Biographische Angaben

Theodor Rütter (Autor:in)

Theodor Rütter, ordentlicher Professor der Pädagogik (im Ruhestand), hat auf der Grundlage seiner handwerklichen Ausbildung, seiner naturwissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen, philosophischen Studien und seiner langen Lehrtätigkeit an Hochschulen unterschiedlicher Art die Philosophie der Person mit der Psychologie der Persönlichkeit verbunden und im Konzept der Existentiellen Bildungsarbeit zum theoretischen Ausdruck gebracht: in den von ihm erstellten „Stuttgarter Schriften zur Bildungsphilosophie", in der von ihm gegründeten Fachzeitschrift „Existenz und Logos" und in der Monographie „Bildungsarbeit – eine Betrachtung aus dem Anspruch personaler Existenz".

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Titel: Was bedeutet es, Person zu sein?